Predigten aus der Praxis
Ansprachen für Sonn- und Festtage
Ostersonntag (1 Kor 5,6b-8)
Brüder! Ihr wisst, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid. Ihr seid ja schon ungesäuertes Brot; denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden. Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit. (1 Kor 5,6b-8)
Es ist faszinierend, was so ein kleines bisschen Sauerteig fertig bringt. Eine winzige Menge reicht aus, um den kompletten Teig zu durchsäuern.
Nicht umsonst gab und gibt es in den jüdischen Gemeinden minutiöse Vorschriften, um ja auch alle Reste alten Sauerteigs zu entfernen, damit das ungesäuerte Brot für das Paschafest auch wirklich gebacken werden kann. Würde man auch nur einen kleinen Rest übersehen, er würde ausreichen, um die ganze Arbeit zunichte zu machen.
Liebe Schwestern und Brüder,
neues Brot sollte gebacken werden. Brot, das unbelastet vom alten Sauerteig war.
Dieses Bild verwendet Paulus nicht von ungefähr für den Glauben in der Nachfolge des Auferstandenen. Wer diesem Jesus von Nazareth folgen möchte, muss hinter sich lassen, Neues wagen, alte Zöpfe abschneiden. Und er muss es so gründlich tun, wie man im jüdischen Haushalt vor dem Paschafest den Sauerteig entfernt hat. Wer den alten Sauerteig mit sich schleppt, kann sich nämlich nicht wirklich auf Neues einlassen.
Paulus hat das ganz konkret erlebt. Er hatte erlebt, wie alte Vorstellungen, sich so tief eingegraben hatten, dass man drauf und dran war jeden Neuaufbruch zunichte zu machen. Die Zwölf in Jerusalem waren absolut davon überzeugt, dass Gott das Heil nur dem auserwählten Volk zugedacht hatte. Um diesem Jesus von Nazareth folgen zu können, wäre es unabdingbar notwendig, zuerst Jude zu werden. Dass Gott das Heil aller Menschen möchte und zwar unabhängig von der Beschneidung, diese Vorstellung war für Viele so neu, dass sie nicht bereit waren, diesen Schritt zu gehen.
Der Teig des Christentums wäre nicht aufgegangen, wenn sich Paulus gegen die Zwölf in Jerusalem nicht durchgesetzt hätte. Die Geschichte des Christentums hätte an dieser Stelle schon beinahe ihr Ende gefunden. Es war einzig das beherzte Eingreifen des Paulus, der die Vorstellung, dass das Heil nur einem einzigen Volk gebühren würde, über Bord warf und den sogenannten Heiden die Tore geöffnet hat. Er hatte begriffen, dass Gottes Heilswillen nicht auf ein einziges Volk begrenzt werden kann. Paulus hatte begriffen: Die Vorstellung, es käme nur auf ein einziges Volk an, ist mit dem auferstandenen Christus nicht kompatibel.
"Allein ein Volk", oder "unser Volk zuerst", nicht erst zu sagen sondern allein schon so zu denken ist mit Jesus Christus nicht zu machen. Jedweder völkische Gedanke widerspricht dem Universalismus des Auferstandenen. Der ist wie faulig gewordener Sauerteig, der alles fad und ungenießbar macht.
Schafft den alten Sauerteig weg, ruft uns Paulus zu. Denn was Paulus damals erlebte, gilt ja zu allen Zeiten. Bilder und Formulierungen, die sich ganz tief eingegraben haben, verhindern nicht selten, dass man notwendige, neue Wege wirklich beschreitet.
Das was Paulus damals zu seiner Zeit erlebte, erlebten die Konzilsväter beim Zweiten Vatikanischen Konzil etwa gar nicht so viel anders. Als das Konzil beispielsweise darüber nachzudenken begann, dass Gott möglicherweise auch für Menschen, die nicht zur römisch-katholischen Kirche gehörten, am Ende doch noch Heil bereithalten würde, erschütterten diese Aussagen manche in den Grundfesten ihrer Überzeugung.
Es war für viele Menschen wie ein Abfall vom Glauben, fast wie damals für die Apostel, als Paulus betonte, man müsse nicht erst Jude werden, um getauft werden zu können. Für gute Katholiken galt doch Jahrhunderte lang als ausgemacht, dass die Evangelischen alle gleich in die Hölle kämen.
Wie heilsam war es, als man endlich anfing neue Wege zu beschreiten. Und wie unvorstellbar ist es für viele von uns heute, dass man so engstirnig und verblendet überhaupt sein konnte.
Wo sind wir heute engstirnig und verblendet? Wo sind wir gefangen in überkommenen Vorstellungen, die dem wirklichen Willen Gottes letztlich voll entgegenstehen? Welcher Sauerteig vergiftet heute auch unser Denken?
Vielleicht sind es alte und überholte Überzeugen im Blick auf Lebensentwürfe, sexuelle Orientierungen oder gesellschaftliche Vielfalt.
Und haben wir den Heilswillen Gottes wirklich schon in seiner Gänze internalisiert?
Gut, dass Evangelische und Orthodoxe jetzt auch noch einen Platz im Himmel haben mögen - geschenkt. Aber Christ muss man doch sein, oder? Immer wieder erlebe ich, wie man laut aufschreit, wenn man wagt, die Frage zu stellen, ob dieser Gott nicht doch auch all den anderen Menschen sein Heil schenkt.
Aber glauben wir tatsächlich, dass der Gott und Vater aller Menschen, sich mit der Erlösung der Christenheit zufrieden gäbe? Ist es denn tatsächlich so, dass das Heil auf eine einzige Religion zu begrenzen ist? Was heißt es wirklich, wenn der Herr sagt: "Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen?"
Vielleicht gibt es noch viel mehr alten Sauerteig, als man gemeinhin denkt; Sauerteig, der es verhindert, dass das neue Brot, das ungesäuerte Brot, tatsächlich gebacken werden kann.
Seit jeher ist Ostern, das Paschafest, das Fest dieser ungesäuerten Brote. Es ist das Fest eines neuen Anfangs, eines Aufbruchs. Alles will neu werden.
Um dieses Fest wirklich feiern zu können, tut es auch heute Not, den alten Sauerteig gründlich zu entfernen.
Und am besten tut man das, bevor er richtig eingetrocknet ist. Es wird nicht leichter, wenn man einfach nur zuwartet.
Am besten tut man es gleich.


(gehalten am 5. April 2026 in den Kirchen St. Maria, Ettenheimweiler,
und St. Bartholomäus, Ettenheim)