Predigten aus der Praxis
Ansprachen für Sonn- und Festtage
Predigt am Karfreitag
"Truth social" nennt der amerikanische Präsident seinen Nachrichtenkanal. Einen größeren Widerspruch kann es eigentlich gar nicht geben. Mit Wahrheit haben solche sozialen Netzwerke ja schon lange nichts mehr zu tun. Da scheinen Wissenschaft und Fakten überhaupt nicht mehr zu zählen.
Neben den Fakten gibt es mittlerweile ja auch noch alternative Fakten. Und wer kann schon sagen, dass etwas richtig und wahr sein soll, wenn die gefühlte Wahrheit eine andere ist.
Wer kennt sich da noch aus? Wie soll man sie erkennen die Wahrheit? Und gibt es so etwas überhaupt noch?
Liebe Schwestern und Brüder,
"Was ist Wahrheit?"
Vielleicht ist das eine der modernsten Fragen des Evangeliums überhaupt. Und möglicherweise verstehen wir den Pontius Pilatus heute deshalb auch weit besser als das früher der Fall gewesen ist.
Was die Wahrheit anging, hatte der ja durchaus ähnliche Erfahrungen machen können wie wir. Jeder halbwegs gebildete Römer kannte sich schließlich aus, im griechisch-römischen Denken mit seiner Philosophie und seinen Gelehrten. Wie musste es auf so jemanden gewirkt haben, in der Fremde mit den unterschiedlichsten Kulturen, Religionen und den abstrusesten Weltanschauungen konfrontiert zu werden. Gerade das hebräisch-jüdische Denken hatte mit römischen Vorstellungen ja kaum etwas gemein - von der gewohnten Logik ganz zu schweigen.
Pilatus hatte vermutlich schon längst aufgegeben, hier noch irgendwie den Durchblick behalten zu wollen. Seine berühmte Frage, "Was ist Wahrheit?", ist deshalb eigentlich auch nicht wirklich eine Frage.
Pilatus will doch gar keine Antwort. Letztlich beendet er mit dieser Frage ja das Gespräch. Er will keine weiteren Informationen. Ihn interessiert schließlich nicht, von welcher Wahrheit dieser Jesus da faselt. Er fragt auf eine Art und Weise, die eigentlich keine Antwort mehr erwartet, sondern vielmehr so nach dem Motto: Was soll das schon sein, Wahrheit!
Deshalb gibt es für ihn auch keinen Grund mehr, sich mit diesem Jesus weiter zu unterhalten. 'Noch so ein Spinner, der glaubt, irgendeine Wahrheit für sich gepachtet zu haben.'
Was Pilatus nicht verstanden hatte, was er vermutlich gar nicht verstehen konnte, das war, dass dieser Jesus gar nicht von irgendeiner Wahrheit sprach. Jesus handelte jetzt gar nicht davon, was jetzt Wahrheit sei und was nicht. Pilatus war Römer. Er war geschult durch griechisch-römisches Denken. Er fragte immer zuerst nach dem "Was?". So wie wir - beheimatet im abendländisch-humanistischen Denken - bis heute danach fragen, was denn wahr sei und was nicht.
Das kam dem Hebräer zur Zeit Jesu nicht in den Sinn. Jesus sprach nicht über irgendwelche abstrakte Wahrheiten. Wenn er sagt, dass er gekommen sei, um Zeugnis abzulegen für die Wahrheit, dann spricht er von etwas ganz anderem. Er ist Zeuge für die Wahrheit.
Für die Hebräer, für die Menschen der Bibel ging es nicht in erster Linie darum, Fakten zu überprüfen, den Dingen auf den Grund zu gehen und mit wissenschaftlicher Genauigkeit nach Wahrheiten zu suchen.
Für die Bibel war nicht entscheidend, was jemand berichtete. Entscheidend war, wer berichtet. Wenn ich den Zeugen kannte, wenn ich wusste, dass der mich nicht übers Ohr hauen würde, dann konnte ich darauf bauen, dass sein Zeugnis auch wahr ist. Ich konnte ihm vertrauen, dass er wahr spricht. Entscheidend war nicht was gesagt wurde, entscheidend war, wer es sagte!
Auf der Plattform eines durchgeknallten amerikanischen Präsidenten hätten Menschen der Bibel deshalb erst gar nicht nach Wahrheit gesucht. Ein solcher Zeuge hätte sich schon längst als unglaubwürdig erwiesen.
Ein glaubwürdiger Bote in Israel aber war anders. Der verkündete keine abstrakten Fakten oder wesenlose Nachrichten. Ein Bote in Israel bringt die Botschaft seines Herrn. Er legt Zeugnis ab für seinen Herrn.
Genau das tut dieser Jesus von Nazareth. Er berichtet nicht, was die Wahrheit sei. Er spricht davon. wer die Wahrheit ist! Er verkündet die Wahrheit, die Gott selbst ist.
Gott ist die Wahrheit. Und das ist die Botschaft Jesu. Wahrheit ist für Jesus nämlich keine Sache, Wahrheit ist für die Bibel eine Person. Und man kann diese Wahrheit deshalb auch gar nicht finden, wenn man sie wie eine Sache sucht. Jesus macht uns klar, dass Wahrheit immer nur im Dialog zu begreifen ist, in der Auseinandersetzung mit diesem Gott.
Die Frage lautet nicht: Was ist richtig? Die Frage lautet: Was hältst Du, mein Gott, für diesen Augenblick und in dieser Situation für wahr und richtig.
Damit wird aber auch deutlich, dass man solch eine Wahrheit nicht besitzen kann. Ich kann sie immer nur suchen.
Ich kann mir helfen lassen. Ich kann mir bei der Suche helfen lassen, von Menschen, die auch suchen. Wir können gemeinsam nach dieser Wahrheit fragen, die Gott für uns ist - aber immer im Bewusstsein, dass es sie täglich neu zu entdecken gilt.
Dafür legt Jesus Zeugnis ab: Gott ist die Wahrheit und ihn gilt es täglich neu zu entdecken.
Deshalb sollten wir uns auch durchaus hüten, vor denen, die vorgeben, die Wahrheit nicht nur schon gefunden sondern gar für sich gepachtet zu haben. Meist sind das Scharlatane. Vor ihnen gilt es sich zu hüten.
Auf seine Stimme aber, auf Jesu Stimme, auf sie können wir bauen. Diesem Zeugen können wir vertrauen.
Amen.


(gehalten am 3. April 2026 in der Kirche Hl. Kreuz, Ettenheim-Münchweier)