Predigten aus der Praxis
Ansprachen für Sonn- und Festtage
6. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr A - Zum 40jährigen Weihejubiläum
Schwestern und Brüder! Heiligt in eurem Herzen Christus, den Herrn! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; antwortet aber bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen, damit jene, die euren rechtschaffenen Lebenswandel in Christus in schlechten Ruf bringen, wegen ihrer Verleumdungen beschämt werden. Denn es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse. Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde. (1 Petr 3,15–18)
Was ist real existierender Sozialismus?
Liebe Schwestern und Brüder,
Diese Frage begegnete mir am 3. November 1989. Das war bei meinem ersten und einzigen Besuch in der Deutschen Demokratischen Republik. Die Mannheimer Hochschulgemeinde hatte eine Partnerschaft mit Jugendlichen der Probsteigemeinde Dessau und als neuer Studentenpfarrer kam ich auf diesem Weg zum ersten und einzigen Mal in die DDR.
Ich habe an diesem Abend eine der Freitagsdemonstrationen in Dessau erlebt. Und am Sonntag war ich eingeladen, den Gottesdienst mit der Gemeinde zu feiern. Jugendliche hatten sich angeboten das kleine Spiel, das sie bereits im Kindergottesdienst vorgeführt hatten, auch noch einmal im Hauptgottesdienst aufzuführen. Sie haben es getan, weil mir offenbar anzumerken war, dass ich beim Gedanken, in diesem Gottesdienst die Predigt zu halten, mir beinahe in die Hosen gemacht habe. In dieser aufgeladenen politischen Gemengelage eine Predigt zu halten, ich habe mich das damals nicht getraut.
Dabei wäre es eine Steilvorlage gewesen, bei dem Evangelium vom allzu kleinen Zachäus, der auf einen Baum klettern musste, um Jesus zu sehen.
Ich habe mich nicht getraut. Damals wusste ich noch nicht, wie man in totalitären Zusammenhängen reden muss, um Dinge zu sagen, ohne sie wirklich ausgesprochen zu haben. Ich habe das erst später gelernt.
Als wir nun am ersten Abend mit den Jugendlichen zusammensaßen, war das eine ganz eigenartige Atmosphäre. Ich erschrak über die Witze, die man über sich selbst machte. Und einer von ihnen hat sich ganz tief in meine Erinnerung eingegraben:
Was ist real existierender Sozialismus? Antwort: Vierzig Jahre dem roten Stern hinterherlaufen, um dann plötzlich zu entdecken, dass es nur die Rücklichter vom Müllauto waren.
Liebe Schwestern und Brüder,
was alles an Täuschung kann man in vierzig Jahren erleben? Ich muss sagen, auch ich kann da einiges dazulegen.
Die erste große Täuschung war das Denken in Schwarz und Weiß, in dem ich groß geworden bin. Wie war das? Die im Osten, das waren allein die Bösen, wir im Westen aber, wir waren nur die Guten. Wie ernüchternd war es zu entdecken, was in unserer Gesellschaft alles im Argen lag, dass wir nicht nur im Sommerurlaub am Gardasee neu braun geworden sind, sondern dass eine alte Bräune in unserem Land nie wirklich verblasst ist.
Es war schmerzhaft zu erfahren, dass wir nicht selbstlos anderen zu Seite gestanden sind und mit unserer Entwicklungshilfe zielgenau den Ärmsten unter die Arme gegriffen haben.
Da stand ich nun und musste begreifen, dass wir unseren Wohlstand vor allem auf Kosten all der Menschen lebten und leben, die als sogenannte dritte Welt nur billige Rohstofflieferanten waren. Mir ging es gut. Und das einzig und allein, weil ich im "richtigen" Deutschland und vor allem im reichen Europa geboren worden war.
In meiner Beschäftigung mit der Französischen Revolution hatte ich gelernt, wohin das führen kann, wenn Menschen allein aufgrund ihrer Geburt alles haben, andere aber, nur weil sie schon mit ihrer Geburt die A-Karte gezogen hatten, nichts, aber auch gar nichts vom Leben abbekamen. Und ich hatte auch gelernt, wie eine ganze Gesellschaftsschicht sich gar nicht mehr vorstellen konnte, in welchem Elend andere hausen mussten.
2015 und 16 durchschoss mich der Gedanke, wie froh wir doch sein müssen, dass all die sogenannten Flüchtlinge, uns noch darum bitten, etwas vom Kuchen abzubekommen. Was wenn sie wirklich aufstehen und sich holen würden, was ihnen nicht weniger zusteht als uns?
War das keine Täuschung, wenn ich Jahrzehnte lang etwas von westlichen Werten erzählt bekommen habe, nur um dann entdecken zu müssen, dass wir unsere Werte und Prinzipien, nur deshalb so hoch hängen, damit man noch bequem darunter hindurch gehen kann.
Wo bleiben denn diese Werte wenn es um wirkliche soziale Gerechtigkeit in unserem Land geht, um den Ausgleich zwischen Arm und Reich? Wie passt das damit zusammen, wenn Arbeitslose und Ausländer in den Sonntagsreden verantwortlicher Politiker dafür herhalten müssen, um von den eigentlichen Verursachern abzulenken?
Wo man das auch noch als Politik in christlicher Tradition verbrämt, dort wird dieser Jesus von Nazareth tagtäglich neu ans Kreuz geschlagen.
Er hat anderes gewollt.
Auch anderes, als ich in vier Jahrzehnten in seiner Kirche erlebt habe.
Ich habe damals in dieser Kirche begonnen, weil ich davon ausging, dass das, was man dort predigte auch wirklich gelebt würde. Erlebt habe ich wenig Menschlichkeit, dafür aber viel Lieblosigkeit. Manchen Verantwortlichen ging es vor allem um die Optik, was nichts anderes bedeutet, als den schönen Schein. Opfer dieses Scheins musste und durfte ich über Jahre hinweg begleiten.
Spätestens jetzt sind wir an dem Punkt, wo von Euch und Ihnen der Aufschrei kommen müsste, was bleibt dann noch von der Hoffnung die einen Christen erfüllt?
Oh, es bleibt sehr viel! Sie ist vermutlich sogar noch größer geworden, umfassender, universaler.
Ich habe sehr früh gelernt, Fragen zu stellen, und mir keine Fragen zu verbieten.
Ein Kollege von mir hat einmal gesagt: Frage mich nicht weiter, lass mir meinen Glauben! Ich habe nicht aufgehört zu fragen und in Frage zu stellen.
Und dabei ist mir klar geworden, dass neben allem Fragwürdigen die Botschaft dieses Jesus von Nazareth genau das ist, was bleibt.
Seine Botschaft, dass es um den Menschen geht, den ganz konkreten Nächsten, denjenigen, der mir begegnet, diejenige, die mir gerade gegenübersteht. Die Einsicht, dass ich Gottes Willen folge, wenn ich mich frage, was für diesen Menschen jetzt gut und richtig ist - ganz unabhängig davon, ob irgendein Sabbatgebot oder eine kirchliche Richtlinie was anderes sagen.
Die Botschaft, dass es niemanden braucht, der zwischen Gott und dem Menschen vermittelt, weil jeder und jede ihren ganz direkten und persönlichen Zugang zu diesem Gott haben, ganz gleich, wie er oder sie ihn nennt, wo er oder sie lebt, und ob er oder sie einer Religion angehört und welche das auch sein mag.
Es ist die Gewissheit, dass dieser Gott nur Menschen kennt und das er nicht unterscheidet in Schwarz oder Weiß und auch nicht in Mann oder Frau oder alles darüber hinaus.
Ob die real existierende Institution das irgendwann einmal auch so sehen könnte - wenn Sie mich fragen - so ganz ehrlich, im Sinne der heutigen Lesung, dann gehört das wohl nicht mehr zu der Hoffnung, die mich wirklich erfüllt.
Um zu meinen Aufenthalt in der DDR zurückzukommen: Wie hatte Michael Gorbatschow im Oktober 1998 gesagt? Wörtlich übersetzt meinte er: Ich glaube, Gefahren lauern nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.
Aber genau darum geht es. Es geht nicht um Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Es geht darum, auf das Leben zu reagieren, ein gutes, ein erfülltes Leben zu ermöglichen, weil dieser Gott das Leben in Fülle möchte.
In diesen Monaten wird wieder viel darüber gesprochen, dass Kirche sich auf ihr Kerngeschäft besinnen müsse. Wer diesen Jesus von Nazareth ernst nimmt, der weiß, dass dieses Kerngeschäft sich nicht in Erstkommunionvorbereitung, feierlichen Gottesdiensten und Hallelujagesängen erschöpft. Das Kerngeschäft derer, die zu diesem Christus gehören, findet nicht in Kirchengebäuden statt.
Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war krank, obdachlos, fremd und ihr seid mir beigestanden.
Dem Gott, der sich laut Auskunft der Bibel selbst verfasst hat als ein Gott für Welt und Mensch, dem Vater, den Jesus von Nazareth verkündet hat, indem er immer wieder aufs Neue Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat, diesem Gott wird man nicht gerecht, wenn man den Menschen übersieht. Dort wird dieser Gott in den Mittelpunkt gestellt, wo der Mensch - der glückliche Mensch genauso wie der Mensch mit all seinen Nöten - wo der Mensch wirklich im Mittelpunkt steht.
Und das ist die Hoffnung, die mich wirklich erfüllt. Seit dem Schöpfungsbericht versucht uns dieser Gott klar zu machen, dass wir nicht für einen wie auch immer gearteten Gottesdienst, dass wir vielmehr für den Welt- und Erdendienst bestimmt sind. Und nach Jesus von Nazareth ist endgültig geklärt, dass wir diesem Gott zuerst im Mitmenschen begegnen, dass wir ihm wirklich nur mittelbar dienen können. Wir dienen Gott, indem wir ihm in den Menschen dienen. Gott steht dort im Mittelpunkt, wo wir den Menschen in den Mittelpunkt stellen.
Das ist die Hoffnung, die mich erfüllt, dass wir das wenigstens begriffen haben, dass es möglichst viele wirklich begreifen mögen.
Amen.

(gehalten am 10. Mai 2026 in der Cosmas und Damian Kirche, Untergrombach)