Die Messiaserwartung und der Psalter

Bevor wir uns nun einem zweiten Gipfel der messianischen Erwartung zuwenden, möchte ich nun einen kurzen Blick auf messianische Texte in den Psalmen werfen. Die Messiaserwartung Israels spiegelt sich natürlich auch in den Gebeten des Gottesvolkes wieder.

1. Von den Königspsalmen zu den messianischen Liedern

Diese Gebete mit messianischem Hintergrund konnten an eine Psalmen-Gattung anknüpfen, die in vorexilischer Zeit ihre eigentliche Bedeutung hatte. Dies waren die sogenannten "Königspsalmen".

Diese "Königspsalmen" waren vermutlich in der Regel Lieder, die bei der Inthronisation, also der Einsetzung eines neuen Königs, gesungen wurden.

Im Lichte der Natan-Weissagung und der prophetischen Messiastexte gewannen diese Inthronisationslieder aber bald einen neuen Bedeutungshorizont. Letztlich wurde das Sprechen vom neu inthronisierten König auf den zukünftig neu inthronisiert werdenden Heilsbringer-König gedeutet. Das heißt die alten Königspsalmen gewannen so mit der Zeit eine messianische Aura.

Und dies ganz besonders in nachexilischer Zeit. Nachdem es nun keinen König mehr gab ließ man die alten Königspsalmen nicht einfach fallen. Man betete und sang sie nun im Blick auf die kommende messianische Rettergestalt. Nur so ist zu erklären, dass in der ganzen königlosen Nachexilszeit diese Lieder weiter in Gebrauch waren.

Ja, man dichtete nun sogar neue Königslieder unter diesem neuen Aspekt.

Die neuen und die alten, zum Teil sicher nachexilisch überarbeiteten Psalmen verstand man nun gleichsam als eine vorausfeiernde Vergegenwärtigung des "kommenden David" (Ps 2 und 110) bzw. des "neuen Salomo" (Ps 45 und 72).

2. Psalm 2

Ein wichtiges Beispiel ist Ps 2. Hier wird der ["maschiach"], der Messias, ausdrücklich genannt (Ps 2,2):

"Die Könige der Erde erheben sich, es haben sich verschworen die Großen wider Jahwe und seinen Gesalbten." (Ps 2,2)

Nach Ps 2 wird der Messias sogar ausdrücklich Sohn Gottes genannt. Wir haben hier die wichtige Stelle, die dann neutestamentlich auf Jesus Anwendung findet:

"Den Beschluss Jahwes will ich künden: Er sprach zu mir: "Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt."" (Ps 2,7)

An dieser Stelle ist das ganz im orientalischen Sinn als Adoption zu verstehen. Gott nimmt den königlichen Heilbringer als "Adoptivsohn" an und macht ihn dadurch zum König auf Zion. Und nicht nur das. Der Messias wird als adoptierter Sohn des eigentlichen König Jahwes auch zum Eigner und Herrscher über die Völkerwelt:

"Verlange von mir, und ich will zum Erbe dir geben die Völker, zu deinem Eigentum die Enden der Erde." (Ps 2,8).

Hier wird die Messiaserwartung also bereits ins Universale geweitet.

3. Psalm 110

Ein weiteres Beispiel ist Ps 110.

a. Der Priesterkönig der Endzeit

Von der Form her ist er ein klassischer "Inthronisations-Psalm". Aber auch er ist in seiner heutigen Gestalt deutlich nachexilisch. Er blickt also - wie schon Ps 2 - nicht mehr auf einen historischen König. Auch er hat bereits den endzeitlichen Gesalbten im Blick.

Die Einsetzung dieses Messias-Königs wird nun geschildert:

"Es sprach Jahwe zu meinem Herrn: "Setze dich mir zur Rechten! Und ich lege deine Feinde dir als Schemel zu Füßen!" Dein machtvolles Zepter wird ausstrecken Jahwe von Zion, herrsche inmitten deiner Feinde! Dein ist die Königswürde seit dem Tage deiner Geburt auf den heiligen Bergen, vom Mutterschoße an, seit deiner Jugend Morgenröte." (Ps 110,1-3)

Der Kernsatz von Ps 110 ist Vers 4. Hier heißt es:

"Geschworen hat Jahwe, und es reuet ihn nicht: "Du bist Priester auf ewig nach des Melchisedek Weise." (Ps 110,4)

Hier greift der Psalm auf Gen 14 zurück. Nach Gen 14 war Abraham ja dem Priesterkönig von Salem, dem Melchisedek, begegnet. Er wird Priester des höchsten Gottes (Gen 14,18) genannt. Abraham, der Vater des erwählten Gottesvolkes, bezahlt ihm nach Gen 14,20 den Zehnt.

Diese geheimnisvolle Gestalt, die Priesteramt und Königsamt in sich verbindet, wird von Ps 110 nun also als Vorausbild des Messias bezeichnet. Und damit wird zugleich gesagt, dass die in Israel seit langer Zeit streng getrennten Ämter des Königs und des Priesters in der Gestalt dieses endzeitlichen Messias wieder in einer Person vereinigt werden. Der Messias erhält hier direkt den Priestertitel. Er ist also der Priesterkönig der Endzeit.

b. Das kriegerische Kolorit von Ps 110

Was gerade bei Ps 110 auffällt - und das möchte ich nicht verschweigen -, das ist das stark kriegerische Kolorit des Psalmes. Viele Christen stören sich an den grausigen Aussagen, die sich etwa in Ps 110,6 finden:

"Unter den Heiden hält er Gerichtstag. Tote liegen zuhauf, weithin auf Erden zerschlägt er die Häupter." (Ps 110,6)

Hier muss man aber ganz einfach zur Kenntnis nehmen, dass diese kriegerischen Aussagen eine spezifische Eigenart der apokalyptischen Literatur sind. Gerade die Apokalyptik neigte ja dazu, den Sieg über alle gottfeindlichen Mächte in grellen Farben auszumalen. Solche Bilder sind aber nur der Rahmen für die eigentliche Aussage-Intention des Textes. Durch diese sperrige Schale darf man sich daher den Blick auf den eigentlichen Kern nicht verstellen lassen.

Und dieser eigentliche Kern ist die Aussage, dass Jahwe am Ende der Zeiten einen Priesterkönig einsetzen wird, einen Messias, der von Anfang an und für immer in die göttliche Lebens- und Heilssphäre hineingestellt ist.

Und dieses Heil, in das der Messias hineingenommen wird, das soll er nun auch unter den Menschen wirken. Auf der Erde soll der Messias diese Lebens- und Heilssphäre Gottes vergegenwärtigen.

4. Psalm 45

Auch Ps 45, ein Psalm der das Hochzeitsfest zwischen einem König und einer Frau besingt, hat messianischen Charakter. Es liegt auf der Hand, dass vorab in nachexilischer Zeit die Frau, die in der zweiten Hälfte des Psalmes im Mittelpunkt steht, als Repräsentantin Israels gedeutet wurde. In ihr wird Israel nun dem messianischen König angetraut.

Auf dem Hintergrund der alten Vorstellung von der Gottesehe zwischen Jahwe und Israel nimmt der messianische Heilskönig hier also eine Stellvertreter Rolle Gottes ein. Er traut sich, stellvertretend für Jahwe, das Volk an. Der Messias wird in Ps 45 also gleichsam in der Stellvertretung Jahwes als Gemahl des endzeitlichen Gottesvolkes vorgestellt.

5. Psalm 72

Und noch ein weiteres Beispiel möchte ich nennen, nämlich Ps 72.

Dieses Lied basiert vermutlich auf einem "Gebet der Gemeinde für den König"; einem Text, der wahrscheinlich noch aus vorexilischer Zeit stammte.

Dieses alte Gebet wurde nun aber anscheinend auf dem Hintergrund der nachexilischen messianischen Erwartung neu interpretiert und umgestaltet. Dies war notwendig geworden, wollte man diesen alten Text jetzt, nachdem es keinen König mehr gab, nicht einfach auf die Seite legen. Ein Gebet für den König machte ja nur Sinn, als es tatsächlich noch einen König gab. In der Zeit nach dem Exil, fast ein halbes Jahrtausend lang, betete man Ps 72 deshalb im Blick auf den kommenden König, den Messias.

Der Psalm beginnt nun mit den Worten:

"O Gott, gib dein Gericht dem König, dem Königssohn übergib deine Rechte. Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit, nach gleichem Recht deine Armen." (Ps 72,1-2)

Schon aus diesen wenigen Zeilen wird deutlich, dass Ps 72 - anders als etwa Ps 110 - die kriegerische Perspektive der Apokalyptik fast ganz ausblendet. Hier steht viel stärker das altorientalische Königsideal im Vordergrund, das in Ps 72 breit entfaltet wird.

Nach diesem Ideal ist die Königsmacht die Garantin dafür, dass den Armen, Schwachen, Witwen und Waisen - also allen, die im Leben zu kurz gekommen sind, - ein authentisches "Menschsein" ermöglicht wird.

So sagt Ps 72,12-14:

"Erlösen wird er den Armen, der zu ihm aufschreit, den Verlassenen, dessen sich keiner erbarmet. Der Geringen und Schwachen nimmt er sich an, er rettet das Leben der Armen. Von Gewalt und Unrecht macht er sie frei, ihr Blut ist kostbar in seinen Augen." (Ps 72,12-14)

Ps 72 ist also eng verwandt mit den einschlägigen Prophetentexten, ganz besonders Jes 9 und Jes 11. "Friede" und "Recht" sind die eschatologischen Heilsgüter, die der Messias bringen wird. Nach Ps 72,3. 6 und 16 wirken sich dieser Friede und die Gerechtigkeit sogar in der Natur aus.

"Tragen mögen Berge und Hügel, Frieden dem Volke." (Ps 72,3)

Auch werden diese Heilsgüter eine universale Weite gewinnen. Denn die messianische Herrschaft, die auf das Heilsein der Menschen ausgerichtet ist, waltet...

"... von Meer zu Meer, vom großen Strom [= Eufrat] bis an die Enden der Erde." (Ps 72,8; vgl.: Sach 9,10)

Besonders hier werden die eschatologischen Züge des Psalmes deutlich.

Keine Frage, dass für die Christen diese Gestalt des alle Welt mit dem göttlichen Frieden und der göttlichen Gerechtigkeit durchdringenden Königs als Vorausschau auf den endzeitlich wiederkommenden Christus gedeutet wurde und wird.

Anmerkung

1) Vgl.: Alfons Deissler, Die Grundbotschaft des Alten Testaments (Freiburg 1972) 148-149.

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Letzte Änderung: 15. März 2011