Die Bibel

Entstehung, Gedankenwelt, Theologie ...


Weiter-ButtonZurück-Button Jesaja ⋅1⋅

Etwas später als Hosea tritt Jesaja auf.

Das Buch, das seinen Namen trägt, ist das umfangreichste der Prophetenbücher und steht vermutlich deshalb auch ganz am Anfang in der heutigen Reihe der Bücher der Schriftpropheten.

1. Zur Literarkritik des Jesaja-Buches

Allerdings ist dieses Buch alles andere als einheitlich. Es stellt ein höchst komplexes literarisches Gebilde dar, das in mehreren Jahrhunderten gewachsen ist.

a. Zweifel an der Einheitlichkeit des Jesaja-Buches

Jesajarolle

Ausschnitt aus der 7,34 m langen
Jesajarolle aus Höhle 1 in Qumran -
Shrine of books, Israel Museum, Jerusalem.

Foto-ButtonLizenz: Photographs by Ardon Bar Hama,
author of original document is unknown., Great Isaiah Scroll,
zugeschnitten von Jörg Sieger, CC0 1.0

Schon im Mittelalter hatte man große Unterschiede im Jesaja-Buch bemerkt. Und nach 1780 hat sich dann - vor allem durch die For­schung von J. G. Eichhorn (1782) und J. Chr. Döderlein (1775) - allmählich die Erkenntnis durch­ge­setzt, dass dieses Buch unmöglich auf einen einzigen Autor zu­rück­gehen kann.

Mehrere Gründe zwangen dazu, die Einheit des Jesaja-Buches auf­zu­geben:

  • Jesaja lebte nach Jes 6,1 und anderen Stellen vor dem Jahre 700 v. Chr. Das heißt, dass sein Wirken in die Zeit der Be­dro­hung durch die Assyrer fällt. Sie werden beispielsweise in Jes 10,5ff auch namentlich genannt.
    Die Kapitel 40-66 setzen aber bereits die Zerstörung Je­ru­sa­lems voraus, sind also mit Sicherheit nach 587 v. Chr. verfasst worden, also weit über hundert Jahre später als die ersten Kapitel. Entsprechend droht Jes 47 nicht mehr Assur, sondern Babel den Untergang an. Gelegentlich, so zum Beispiel in Jes 44,28-29, wird sogar der Perserkönig Kyrus erwähnt.
  • Der Sprachgebrauch, die Redeformen, die Gedankenwelt und vor allem die Aussageabsicht ändern sich ab Jes 40 schlagartig.
    Statt der Gerichtsdrohungen überwiegen nun die Heilszusagen.
    Auch werden ab Jes 40 dem Gottesnamen gerne Appositionen beigegeben, wie etwa "der Heilige", "der Erlöser" oder ähnliches; im ersten Teil des Buches ist das noch nicht in diesem Maße der Fall.
  • In Jes 36-39 liegt uns ein geschichtlicher Nachtrag vor. In Prosa wird hier über das Schicksal Jesajas berichtet. Diese Kapitel sind fast wortwörtlich aus 2 Kön 18-20 übernommen. Hier liegt also die Vermutung nahe, dass ein Redaktor diese in den Königsbüchern enthaltenen biographischen Angaben an die Prophetenworte Jesajas noch einmal angehängt hat. Wenn hier aber tatsächlich jemand an das Jesaja-Buch etwas angehängt hat, dann würde das logischerweise bedeuten, dass das Buch ursprünglich mit Jes 35 auch geendet hat. Wieso sollte dieser Redaktor diesen Text ansonsten hier zwischen schieben?

b. Die Hypothese von B. Duhm

Dies alles führte dazu, dass man das Jesaja-Buch auf verschiedene Propheten verteilte. Auf den bekannten Jesaja aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. verweisen lediglich die Kapitel Jes 1-39.

B. Duhm hat in seinem Jesaja-Kommentar aus dem Jahre 1892 (4. Auflage 1922; 5. Auflage 1968) für die Kapitel 40-55 einen zweiten Propheten angenommen, der uns nicht namentlich bekannt ist. Er nannte ihn daher Deutero-Jesaja, also zweiter Jesaja.

Für die Kapitel 56-66 nahm er sogar noch einen dritten Jesaja, den sogenannten "Trito-Jesaja" an.

Diese Auffassung hat sich heute allgemein durchgesetzt.

In unserem geschichtlichen Überblick wollen wir deshalb zunächst einmal allein die Kapitel 1-39 ansehen.

Die Arbeit von Deutero- und Trito-Jesaja betrachten wir dann - ihrer geschichtlichen Einordnung entsprechend - später.

2. Überblick ⋅2⋅

Das somit auf die Kapitel Jes 1-39 reduzierte Jesaja-Buch gliedert sich dann im einzelnen wie folgt:

 

I.
Jes 1-11 (12)
Vorwiegend Drohworte gegen Juda und Jerusalem
Jes 1
"Zusammenfassung der Botschaft Jesajas" (Georg Fohrer)
Jes 1,2-3
Abgefallene Söhne
Jes 1,4-8(9)
Jerusalem wie Sodom (701 v. Chr.)
Jes 1,10-17
Kultkritik und Recht. "Eure Hände sind voll Blut."
Jes 1,18-20
Aufruf zum Rechtsverfahren (vgl. Jes 3,13-14)
Jes 1,21-26(27f)
Läuterung Jerusalems. "Ich will dir Richter geben wie einst."
Jes 1,29ff
Baumkult (vgl. Jes 17,9-11; Jes 57,5; Jes 65,3 u. a.)
Jes 2-4
 
Jes 2,1. 2-4. 5
Völkerwallfahrt zum Zion (= Mi 4,1-3. 4-5)
Jes 2,12-17
Tag Jahwes (in teils sekundärem Rahmen Jes 2,6-22)
Jes 3,1-7. 8-9
Gegen "Stütze und Stab", die herrschenden Ämter
Jes 3,16f. 24(18-23)
Gegen die vornehmen Frauen (vgl. Jes 3,25-26; 4,1; 32,9ff)
Jes 4,2-6 (sek. ?)
Verherrlichung des Zion
Jes 6-8
Sogenannte Ur- oder Denkschrift Jesajas (Jes 6,1 - 8,18; erweitert bis Jes 9,6)
Jes 6
Berufungsvision als "Ich"-Bericht. "Ich sah den Herrn..."
mit Verstockungsauftrag
Jes 7
Begegnung von Prophet und König Ahas beim syrisch-ephraimitischen Krieg in zwei Szenen (Jes 7,3-9; Jes 7,10-17)
"Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!" (Jes 7,9)
Immanuelzeichen: "Die junge Frau ist schwanger..." (Jes 7,14)
Einzelworte. Gericht durch Assur (Jes 7,18ff)
Jes 8,1-4. 5-8
Eilebeute-Raubebald. Ähnlich Jes 7. Unheil gegen Nord- und Südreich
Jes 8,11-18
Jahwe als Stein des Anstoßes. Versiegelung der Botschaft in den Jüngern
Jes 5; Jes 9-11
Rahmen um Jes 6-8
Jes 5,1-7
Weinberglied. "Er hoffte auf Guttat, und siehe da Bluttat!"
Jes 5,8-24;10,1-4
Wehrufe (vgl. Jes 28,1-31,1)
Jes 9,7-20; 5,25-29(30)
Geschichtlicher Rückblick mit Kehrvers
"Bei alledem hat sich sein Zorn nicht gewandt."
Jes 10,5-9(10-12). 13-15
Wehe über Assur
Jes 10,16ff
Verschiedene Worte
Jes 9,1-6; 11,1-5(6ff)
Messianische Weissagungen
Jes 12
Anhang: Eschatologisches Danklied
II.
Jes 12-23
Drohworte gegen Fremdvölker
Überschrift: "Ausspruch" (Jes 13,1; 15,1 u. a.)
Worte gegen Babel, Assur, Philister (Jes 13-14), Moab (Jes 15-16), Edom (Jes 21) und Tyrus-Sidon (Jes 23)
Jes 14,12
"Wie bist du vom Himmel gefallen, Morgenstern!"
Jes 14,24-27
Gegen Assur. Jahwes Plan über die ganze Erde
Jes 14,28-32
Gegen die Philister (Jes 14,30a. und Jes 14,32b Zusätze?)
Jes 17
Gegen Damaskus und Israel (Jes 17,1-3. 4-6)
Jes 17,9. 10-11
Gegen Adonisgärten (vgl. Jes 1,29-30)
Jes 17,12-14
Völkeransturm und -vernichtung (vgl. Jes 8,9-10; Jes 29,5ff; Ps 48 u. a.)
Jes 18-20
Gegen Ägypten und Äthiopien
Jes 18
Wort an eine äthiopische Gesandtschaft
Jes 20
Jesajas symbolische Handlung gegen Ägypten
Drei Jahre lang (713-711 v. Chr.) "nackt und barfuß"
Jes 22
Gegen Jerusalem (Jes 22,1-14, 701 v. Chr.) und Hofbeamte (Jes 22,15-23. 24-25)
A)
Jes 24-27
Sogenannte Jesaja-Apokalypse aus nachexilischer Zeit ⋅3⋅
III.
Jes 28-32
Drohworte gegen Jerusalem aus der jesajanischen Spätzeit (vor 701 v. Chr.)
Jes 28-29
Sogenannter Assurzyklus. Mehrfaches "Wehe"
Jes 28,1-4 (5-6)
Wehe über Samaria (vor 722 v. Chr.)
Jes 28,7-13
Gegen Priester und Prophet
Jes 28,14-22
Bund mit dem Tod. Gottes fremdes Werk (Jes 28,21; 29,14)
"Siehe, ich lege in Zion einen Eckstein." (Jes 28,16)
Jes 28,23-29
Lehrgedicht (oder Gleichnis?) vom Ackermann
Jes 29,1-4. 5-8
Wehe über Ariel-Jerusalem
Jes 28,9-10. 11f
Verblendung (vgl. Jes 6,9ff)
Jes 30-32
Gegen den Schutz Ägyptens (besonders Jes 30,1-3; 31,1-3)
Jes 31,3
Die Ägypter sind Mensch, nicht Gott
Jes 32,9-14
Gegen die sorglosen Jerusalemerinnen (vgl. Jes 3,16ff)
B)
Jes 33-35
Heilvoller Anhang (?)
Jes 33
Nachahmung einer Liturgie mit Klage und Heilsorakel (vgl. Mi 7,8ff)
Jes 34
Gericht über Edom (vgl. Obd; Ez 35 u. a.)
Jes 35
Erlösung und Heimkehr zum Zion (ähnlich DtJes)
C)
Jes 36-39
Geschichtlicher Anhang aus 2 Kön 18-20
Bericht über Jerusalems Belagerung durch Sanherib (701 v. Chr.)
Dankpsalm Hiskijas (Jes 38,9-20)
Vgl. den Anhang Jer 52 aus 2 Kön 24-25

3. Zur Überlieferung der Worte des Propheten

Im Verlauf von Jes 1-39 begegnen einzelne Überschriften. So etwa Jes 2,1 oder auch Jes 13,1. Das lässt vermuten, dass schon von der Anlage her das heutige Jesaja-Buch in einzelne Teilsammlungen zerfällt.

Jesaja dürfte zwar gelegentlich auch selbst geschrieben oder diktiert haben. So wird in Jes 8,1-2 etwa davon berichtet, wie er von Jahwe ausdrücklich aufgetragen bekam, ein Wort aufzuschreiben (Vgl. Jes 30,8). Manche Zusammenstellung von Einzelworten könnte so durchaus auf den Propheten selbst zurückgehen. ⋅4⋅

Wir müssen aber - wie auch bei anderen Prophetenbüchern - davon ausgehen, dass Jes 1-39 aus Worten besteht, die in Schülerkreisen zusammengetragen und zusammengestellt wurden. Seine unmittelbaren oder entfernteren Schüler haben seinen eigenen Aufzeichnungen andere Sammlungen von Jesaja-Worten hinzugefügt, und die Worte des Meisters wohl manchmal mit deutenden oder ergänzenden Glossen versehen.

Ganze Teile, wie etwa die Fremdvölkerorakel, die in Jes 13-23 zusammengefasst sind, wurden um spätere Stücke ergänzt. Besonders die Sprüche gegen Babel in Jes 13-14 stammen dabei sicher aus der Exilszeit bzw. der nachexilischen Zeit.

Ferner sind umfangreichere Anfügungen:

  • die "Apokalypse Jesajas" (Jes 24-27), die sich wegen ihrer literarischen Gattung und ihres Lehrgehalts nicht vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. ansetzen lässt
  • eine nachexilische prophetische Liturgie (Jes 33)
  • und eine "kleine Apokalypse" (Jes 34-35), die von Deuterojesaja abhängig ist.
  • Schließlich hat man als Anhang den Bericht vom Eingreifen Jesajas während des Feldzuges Sanheribs angefügt (Jes 36-39), der aus 2 Kön 18-19 übernommen ist.

Dabei wurde ein nachexilischer Psalm, den man dem Hiskija in den Mund legte, eingefügt (Jes 38,9-20).

Nach Werner H. Schmidt liegen jesajanische Worte am ehesten vor in Jes 1,1-4,1; Jes 5-11; Jes 14; Jes 17-18; Jes 20; Jes 22 und Jes 28-32. Alfons Deissler hält darüber hinaus noch eine Reihe weiterer Stellen für jesajanisch.

4. Zur Person Jesajas

Während Amos und Hosea im Nordreich aufgetreten waren, ist Jesaja der erste Schriftprophet, der im Südreich wirkte. Seine Botschaft richtet sich allerdings an "beide Häuser Israels" (Jes 8,14), also an das Südreich wie das Nordreich. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass er in der Regel zu "Jerusalem und Juda", also an die Adresse des Südreichs gerichtet, spricht (vgl. Jes 3,1. 8; 5,3; 22,21).

Juda in Jesajas Zeit

Juda in Jesajas Zeit.

Foto-Button© Westminster John Knox Press

Wir können davon ausgehen, dass Jesaja um 765 v. Chr. geboren wurde. Vermutlich stammt er aus Jerusalem. ⋅5⋅ Als Vater wird ein Amoz erwähnt. ⋅6⋅

Interessanterweise wird die Frau des Jesaja nach seiner Berufung  נְבִיאָה ["nebia>h"] genannt (Jes 8,3). Hier ist umstritten, ob dieser Ausdruck ganz einfach "Propheten­frau" bedeutet oder ob er gar andeutet, dass auch die Frau des Jesaja Prophetin war.

Von der Berufung zum Propheten wird dann in Jes 6 berichtet. Es heißt, dass Jesaja im Todesjahr des Königs Usija, also um 740 v. Chr. im Tempel von Jerusalem seine Berufung zum Propheten empfing.

Dabei wird bereits angedeutet, wozu er gesandt wird: Jesaja empfängt die Sendung, den Untergang Israels und Judas als Strafe für die Treulosigkeit des Volkes anzukündigen (Jes 6,1-13).

Sein Wirken umfasst einen Zeitraum von 40 Jahren. Diese Zeit war vor allem - wie auch schon bei Amos und Hosea - von der wachsenden Bedrohung Israels und Judas durch die Assyrer geprägt.

5. Der geschichtliche Hintergrund

Dabei war Jesaja während dieser Zeit nicht ununterbrochen als Prophet aktiv. Man unterscheidet insgesamt vier Perioden, auf die sich die Worte des Propheten mit mehr oder weniger großer Sicherheit aufteilen lassen:

a. Von der Berufung bis zum Regierungsbeginn des Ahas (740-736 v. Chr.)

Die ersten Worte stammen wohl aus den wenigen Jahren, die zwischen der Berufung Jesajas und dem Regierungsbeginn des Königs Ahas im Jahr 736 v. Chr. liegen. ⋅7⋅

Damals trat Jesaja vor allem gegen die moralische Korruption auf, zu der der Wohlstand in Juda geführt hatte. Seine Botschaft in dieser Zeit ist also vorwiegend von Sozialkritik geprägt. Die später so wichtige Außenpolitik steht hier noch stark im Hintergrund.

Diese sogenannte Frühzeitverkündigung Jesajas hat sich - grob gesagt - in Jes 1-5 niedergeschlagen.

b. Während des syrisch-ephraimitischen Krieges (um 733 v. Chr.)

Die zweite Periode des Auftretens Jesajas hängt mit dem syrisch-ephraimitischen Krieg zusammen.

Im Zusammenhang mit der allgemeinen Einleitung habe ich im geschichtlichen Überblick bereits erwähnt, wie König Rezin von Damaskus und König Pekach von Israel den jungen Ahas in ein Bündnis gegen den König von Assur hineinziehen wollten. König Ahas von Juda weigerte sich aber dieser Koalition gegen den Assyrerkönig Tiglat-Pileser III. beizutreten.

Daraufhin wurde er von Rezin und Pekach angegriffen. Ahas wiederum rief im Anschluss daran Assur zu Hilfe. Gegen dieses Hilfe-Ersuchen in Assur tritt Jesaja ganz massiv auf. Er versuchte vergeblich, dieser Politik entgegenzuwirken. Bei Assur Hilfe zu suchen, war für ihn gleichbedeutend mit an Jahwe zweifeln: Der König vertraut nicht mehr auf Jahwes Hilfe.

Aus dieser Zeit stammen große Teile des "Immanuel-Buches", also der Verheißung des Kindes, das die junge Frau gebären wird (Jes 7,1-11,9). ⋅8⋅

Nach dem Scheitern seiner Mission bei Ahas zog sich Jesaja aus dem öffentlichen Leben zurück (vgl. Jes 8,16-18). Es folgt eine Zeit des Schweigens, in der Jesaja seine Botschaft im Herzen seiner Jünger "versiegelt" - wie er sagt. Er überlässt nun das Eintreffen des Angekündigten Gott (Jes 8,16-18).

c. Die Anfangszeit Königs Hiskijas (regiert ab 716 v. Chr.)

Das Hilfegesuch, das Ahas an Tiglat-Pileser gerichtet hatte, hatte zur Folge, dass Juda unter die Oberhoheit Assyriens gestellt wurde. Zudem wurde der Untergang des Nordreiches beschleunigt.

Tiglat-Pileser III. hatte Ahas' Hilferuf schließlich zum Anlass genommen einen Teil vom Gebiet des Nordreiches 734 v. Chr zu erobern. Im Jahre 721 v. Chr. erlag Samaria endgültig der assyrischen Macht.

In Juda folgte auf Ahas König Hiskija. Er wird als frommer, von Reformgeist beseelter König geschildert. Auch unter ihm gingen aber die Versuche weiter, die Macht der Assyrer einzudämmen. Dazu bemühte man sich, ein Bündnis mit Ägypten zu schließen.

Dies war der Zeitpunkt des erneuten Auftretens Jesajas. Er wandte sich - wie zuvor schon unter Ahas - gegen den Abschluss dieses Bündnisses. Sein Grundsatz war wieder, dass jedes militärische Bündnis ein Verrat an Jahwe sei. Der König würde dadurch dokumentieren, dass er mehr auf Ägypten als auf Jahwe vertraute.

In der Folge unternahm die Philisterstadt Aschdod auf Betreiben Ägyptens einen Aufstand gegen König Sargon II. von Assur. Dieser wurde im Jahre 711 v. Chr. von Sargon niedergeschlagen. Aschdod wurde von ihm eingenommen (Jes 20). Jesaja, der dies vorausgesagt und davor gewarnt hatte, zog sich daraufhin erneut schweigend zurück.

Auf diese Anfangszeit der Regierung Hiskijas bezieht man Jes 14,28-32; Jes 18; vor allem die symbolische Handlung in Jes 20; Jes 22,15ff(?); Jes 28,7-22; Jes 29,1-14; Jes 30,8-17.

d. Der Aufstand Hiskijas gegen Assur (705-701 v. Chr.)

Das Assyrische Reich zur Zeit Jesajas

Das Assyrische Reich zur Zeit Jesajas.

Foto-Button© Westminster John Knox Press

Im Jahre 705 v. Chr. trat Jesaja dann noch einmal auf. Hiskija ließ sich nun in einen Aufstand gegen Assyrien hineinziehen. Die Folge davon war, dass im Jahre 701 v. Chr. Sanherib Palä­stina verwüstete.

Dennoch wollte der König von Juda Je­ru­salem verteidigen. Je­saja bestärkte ihn in seinem Widerstand und sicherte zu, dass Jahwe Hilfe verschaffen würde. Tatsächlich wurde die Stadt von den an­stür­menden assyrischen Truppen verschont.

Aus dieser letzten Periode des Wirkens Jesajas stammen mindestens die Worte Jes 1,4-9(?); Jes 10,5-15. 27b; Jes 14,24-27 und diejenigen Abschnitte aus Jes 28-32, die nicht zur vorhergehenden Periode gehören.

Über das Leben und Wirken Jesajas nach 700 v. Chr. wissen wir dann so gut wie nichts mehr. ⋅9⋅

6. Theologische Grundlinien des Jesaja-Buches

Versuchen wir nun abschließend einen kurzen Überblick über die zentralen Themen der Verkündigung Jesajas zusammenzustellen.

a. Berufung

Trotz seines politischen Auftretens ist die Bedeutung Jesajas zuallererst von religiöser Dimension. Prägend für seine Verkündigung war denn auch die Szene seiner Berufung im Tempel.

Inwieweit der Bericht Jes 6 in seiner heutigen Form auf Jesaja selbst zurückgeht, ist in der Forschung stark umstritten. Auf jeden Fall wird man festhalten dürfen, dass Jesaja vom Bewusstsein ausging, Jahwe selbst unmittelbar in seiner Transzendenz begegnet zu sein.

Dieses Erlebnis prägte zuallererst das Gottesbild Jesajas.

b. Das Gottesbild des Jesaja

Entsprechend seiner Theophanie im Zusammenhang mit der Berufungsvision hat die Gottesvorstellung des Jesaja etwas Triumphales. Gott ist für ihn zuallererst ein "mysterium fascinosum".

Gleichzeitig schildert er diesen Gott aber auch als "mysterium tremendum".

Der Monotheismus des Jesaja hat nämlich zugleich etwas erschreckendes: Gott ist der Heilige, der Starke, der Mächtige, der König.

Der Mensch ist dagegen ein von der Sünde beflecktes Wesen, von dem Gott Genugtuung verlangt.

c. Sozialkritik

Diese Vorstellung führt unmittelbar zur Sozialkritik Jesajas.

Er setzt hier die Anklage des Amos gegen Unrecht und Unterdrückung fort. Doch nennt er neben den Armen und Schwachen die benachteiligt werden (Jes 3,14-15; 10,2) auch zwei Gruppen, die von Amos nicht erwähnt wurden:

"Verhelft der Waise zum Recht, führt den Rechtsstreit der Witwe!" (Jes 1,17. 23; 10,2; vgl. schon Ex 22,21 u. a..)

Auch in seinem "Wehe" über die Großgrundbesitzer, die Haus an Haus und Feld an Feld reihen (Jes 5,8) geht er über Amos hinaus. Ähnliches findet sich dann beim gleichzeitig zu Jesaja auftretenden Propheten Micha wieder.

Noch bezeichnender ist seine Unheilsdrohung gegen die Amtsträger im Staat (Jes 3,1ff).

So beherrscht das Thema Gerechtigkeit die Frühzeitverkündigung des Jesaja ganz und gar.

Möglicherweise knüpft Jesaja auch an Amos (Am 6,8 u. a.) an, wenn er ein weiteres Thema aufgreift. Energisch wendet er sich nämlich gegen den menschlichen Hochmut.

Jesaja spürt diesen Hochmut bei allen Adressaten, die er anspricht, auf:

d. Kultkritik

Die Kultkritik nimmt bei ihm dann weitaus weniger Raum ein. Dort wo sie deutlich wird, spricht sie aber nicht nur von der Schuld der Oberschicht, sondern von der Schuld des Volksganzen. ⋅10⋅

e. Glaube

Ein zentrales Thema neben der Frage nach der Gerechtigkeit ist für Jesaja der Glaube.

Wie Gott im mitmenschlichen Bereich Gerechtigkeit fordert, so verlangt er im Kult, den man ihm erweist, die Lauterkeit des Herzens.

Es geht dementsprechend zuerst darum, dass der Mensch sich an Gott hält, sich in Gott fest macht. Oder kurz gesagt: ihm glaubt.

Man kann durchaus sagen, dass Jesaja der Prophet ist, der das Thema Glauben am ausdrücklichsten thematisiert.

In den schweren Krisen, die sein Volk durchmacht, verlangt er, dass man auf Gott allein vertraut, auf Gott allein baut. Dies ist, nach der Theologie Jesajas, die einzige Möglichkeit der Rettung.

f. Die Verschonung des Restes

Aufgrund der Verfehlungen des Volkes ist das Strafgericht Jahwes nämlich unausweichlich. Hier weiß Jesaja, dass die Heimsuchung Jahwes unabänderlich kommt. Und sie wird bitter sein.

Diejenigen aber, die sich in Jahwe fest machen, können hoffen, das Strafgericht zu überstehen. Jesaja hofft, dass ein "Rest" verschont bleibt.

g. Messias

Diesem Rest gilt eine neue Verheißung. Ein Spross aus dem Haus Davids wird sich seiner annehmen.

Jesaja ist der größte der messianischen Propheten. ⋅11⋅ Der Messias, den er ankündigt, ist ein Nachkomme Davids. Er wird auf Erden Frieden und Gerechtigkeit herrschen lassen und Gotteserkenntnis ausbreiten. ⋅12⋅

h. Die Völkerwallfahrt zum Zion

Am Ende wird dann der ewige Frieden Einzug halten. Alle Völker werden zum Heiligtum nach Jerusalem pilgern und Jahwe verehren.

In der Verheißung der Völkerwallfahrt zum Zion ⋅13⋅ spricht Jesaja sogar von einer neuen Gründung und Erhöhung des Zion. Hier - wenn dieser Spruch überhaupt ursprünglich auf Jesaja zurückgeht ⋅14⋅ - ist jedoch nicht von neuer nationaler Größe die Rede. Es geht um eine endgültige Aufrichtung des Rechts und Beendigung des Kriegs unter allen Völkern in der Begegnung mit dem einen, erhabenen Gott (vgl. Jes 6,1; 2,17).

7. Zur Bedeutung Jesajas

Vor allem sein politisches Auftreten und seine aktive Teilnahme an den Angelegenheiten seines Landes begründeten in Israel den Ruhm Jesajas und machten ihn gleichsam zu einer Art Nationalhelden.

Darüber hinaus ist er aber auch ein genialer Dichter, was sich ganz besonders in seinem glänzenden Stil und der Leuchtkraft seiner Bilder niederschlägt. Das Buch Jesaja ist fast schon so etwas wie ein "Klassiker" der Bibel.

Gerhard von Rad sagt dementsprechend:

"Die Verkündigung Jesajas ist das gewaltigste theologische Phänomen des ganzen Alten Testaments." ⋅15⋅

Nach Werner H. Schmidt ist sie aber gleichzeitig auch das umstrittenste theologische Phänomen. In entscheidenden Sachfragen liegen so divergente Deutungen vor, und die für jede Gesamtdeutung höchst wichtige Unterscheidung zwischen "echten" und späteren redaktionellen Texten schwankt so stark, dass es schwer fällt, allgemein anerkannte Grundlinien auszuziehen. ⋅16⋅

Trotz allem kann man sich Alfons Deissler anschließen, wenn er über Jesaja sagt:

"Seine Dichtungen sind von einer gesammelten Gewalt, einer majestätischen Wucht und ausgewogenen Erhabenheit, wie sie [in der Bibel] niemals mehr erreicht werden sollten." ⋅17⋅

Weiter-ButtonZurück-Button Anmerkungen

1 Vgl.: Alfons Deissler, Anton Vögtle (Hrsg.), Neue Jerusalemer Bibel (Freiburg / Basel / Wien 1985) 1013-1014; Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 211-220. Zur Anmerkung Button

2 Vgl.: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 211-213.
Die endgültige Anlage erinnert - nach Alfons Deissler - an die des Buches Jeremia (in der griechischen Übersetzung) und Ezechiel:
Jes 1-12: Worte gegen Jerusalem und Juda,
Jes 13-23: Worte gegen die Völker,
Jes 24-35: Verheißungen.
Aber dieser Aufbau wird nicht streng durchgehalten.
Andererseits hat die Analyse gezeigt, dass das Buch auch einer chronologischen Anordnung nach dem Wirken Jesajas nur unvollkommen folgt. Es hat sich, von mehreren Spruchsammlungen ausgehend, langsam formiert.
(Vgl.: Alfons Deissler, Anton Vögtle (Hrsg.), Neue Jerusalemer Bibel (Freiburg / Basel / Wien 1985) 1013.) Zur Anmerkung Button

3 "Jes 24-27, ein geschlossener nicht-jesajanischer Abschnitt im Anhang an die Völkerorakel des Jesajabuches, ist im strengen Sinne noch keine Apokalypse, wenn sich auch bereits gewisse apokalyptische Motive (24,21-22; 26,19; 27,1 u. a.) erkennen lassen. Wie in der nachexilischen Prophetie oft wird das ältere prophetische Schrifttum vorausgesetzt, aber nun in universalem Horizont aktualisiert. Die Einheit bildet eine im einzelnen nicht leicht durchschaubare, wohl erst allmählich gewachsene Komposition. Zumindest unterscheidet man (seit B. Duhm) zwischen eschatologischen Erwartungen (Jes 24,1ff. 16ff. u. a.) und später - ergänzten? - Liedern (24,10ff; 25,1ff; 26,1ff u. a.), die zum großen Teil den Sturz einer namenlosen Stadt besingen. Das theologisch Belangvollste findet sich in den vielleicht erst jüngeren Partien 24,21-23; 25,6-8 mit ihrer alle Völker einschließenden, ja ins Kosmische ausgreifenden Hoffnung auf die Königsherrschaft Gottes. Sie wird - nach einem wohl noch jüngeren Zusatz (in 25,8; vgl. 26,19) - selbst den Tod besiegen."
(Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 291.) Zur Anmerkung Button

4 Vgl. mit Alfons Deissler: Jes 8,16; Jes 30,8. Zur Anmerkung Button

5 Vgl.: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 221. Zur Anmerkung Button

6 Er ist nicht zu verwechseln mit dem Propheten Amos, der sich mit anderem An- und Schlusslaut schreibt.
(Vgl.: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 213.) Zur Anmerkung Button

7 "In der Regel wird die Frühzeitverkündigung in der Zwischenperiode zwischen Jesajas Berufung und dem syrisch-ephraimitischen Krieg, gelegentlich aber auch erst danach angesetzt."
(Vgl.: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 214.) Zur Anmerkung Button

8 Nach Deissler stammen auch Jes 5,26-29 (?); Jes 17,1-6; Jes 28,1-4 aus dieser Zeit.
(Vgl.: Alfons Deissler, Anton Vögtle (Hrsg.), Neue Jerusalemer Bibel (Freiburg / Basel / Wien 1985) 1013.) Zur Anmerkung Button

9 Eine späte, apokryphe Legende, das "Martyrium Jesajas", erzählt, der Prophet sei zur Zeit Manasses (vgl. 2 Kön 21,16) Zersägt worden, da er von sich behauptete, Gott gesehen zu haben (Jes 6,1), Jerusalem Sodom nannte (Jes 1,10) und die Verwüstung von Stadt und Land ankündigte (Jes 6,11 u. a.).
Demnach haben entscheidende Worte von Jesajas Botschaft bis in die Spätzeit Anstoß erregt.
(Vgl.: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 214.) Zur Anmerkung Button

10 Vgl.: Jes 1,10-17; vgl. 22,12-12; 29,1. 13-14; gegen Priester: Jes 28,7. Zur Anmerkung Button

11 Höchst umstritten ist, von den messianischen Weisungen abgesehen, die Zionsbotschaft Jesajas. Ihre Deutung hängt weitgehend von der Entscheidung über die "Echtheit" von Texten ab, die Jerusalem mehr oder weniger uneingeschränkt die heilvolle Wende in der Bedrängnis zusagen.
(Vgl.: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 219.) Zur Anmerkung Button

12 Vgl. Jes 2,1-5; 7,10-17; 9,1-5; 11,1-9; 28,16-17. Zur Anmerkung Button

13 Vgl. Jes 2,2-4; auch Mi 4,1-3 überliefert. Zur Anmerkung Button

14 Vgl. in der Einleitung zu Micha: Alfons Deissler, Anton Vögtle (Hrsg.), Neue Jerusalemer Bibel (Freiburg / Basel / Wien 1985) 1026. Zur Anmerkung Button

15 Gerhard von Rad, zitiert nach: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 215. Zur Anmerkung Button

16 Vgl.: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 215. Zur Anmerkung Button

17 Alfons Deissler, Anton Vögtle (Hrsg.), Neue Jerusalemer Bibel (Freiburg / Basel / Wien 1985) 1013. Zur Anmerkung Button