Predigten von Marieluise Gallinat-Schneider
Ansprache beim Jahresgottesdienst des ökumenischen Hospizdienstes, 10.02.2026, 18 Uhr St. Anton, Bruchsal
1 Alles hat seine bestimmte Stunde
und seine bestimmte Zeit
hat jedes Ding unter dem Himmel.
Geboren werden hat seine Zeit
und Sterben hat seine Zeit.
Pflanzen hat seine Zeit
und Ernten hat seine Zeit.
Niederreißen hat seine Zeit
und Aufbauen hat seine Zeit.
Lachen hat seine Zeit
und Weinen hat seine Zeit.
Klagen hat seine Zeit
und Tanzen hat seine Zeit.
Umarmen hat seine Zeit
und einander Fernsein hat seine Zeit.
Beschenkt werden hat seine Zeit
und Hergeben hat seine Zeit.
Ankommen hat seine Zeit
und Abschied nehmen hat seine Zeit.
Kämpfen hat seine Zeit
und Sich-Ergeben hat seine Zeit.(Alles hat seine Zeit: In Anlehnung an Koh 3,1-8 )
Liebe Schwestern und Brüder,
Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt, sagt die Welt das er zu früh geht. Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt es ist Zeit. Jegliches hat seine Zeit. So sang die Rockband Puhdys in den 1970ger Jahren in einem Song, der ein Bibelzitat aus dem eben zitierten Buch Kohelet aufgreift. Wir haben eine moderne Übertragung des Bibeltextes gehört. Ja, Leben und Sterben hat seine Zeit, wir sind vergänglich. Aber wenn Menschen zu jung sterben, sind in uns die Fragen nach dem Warum groß. Dass das Sterben zum Leben gehört, wissen wir, nur ist es für uns etwas, dass mit Alter und Gebrechlichkeit zu tun hat. In dem Song geht es um die Verarbeitung des Todes von jungen, viel zu früh verstorbenen Menschen. Der Verfasser schreibt, einen Satz von der verstorbenen Freundin, über die er sagt: Ich hab mich in ihren Schatten gelegt Normalerweise legen wir uns in den Schatten eines Baumes, so kann die Freundin ihm Schatten bieten wie ein Baum. Ein Baum bietet uns Schatten vor der Sonne, schützt uns. Ein Baum, der mit seinen festen Wurzeln in der Erde auf Beständigkeit hinweist, aber auch jeden Herbst sein Laub abwirft um im Frühjahr neu zu knospen und damit zeigt, wie sehr wir der Vergänglichkeit und dem Reigen der Natur unterworfen sind. So lesen wir in Ps 90
„Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück! 4 Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht. 5 Du raffst sie dahin, sie werden wie Schlafende. Sie gleichen dem Gras, das am Morgen wächst: 6 Am Morgen blüht es auf und wächst empor, am Abend wird es welk und verdorrt.“
Wir Menschen sind wie Gras, das blüht und verwelkt. Alles hat seine Stunde, blühen und verwelken, geboren werden und sterben. Diese Beobachtungen werden im Alten Testament immer wieder gemacht. Und wir Menschen sind diesem Auf und Ab auch unterworfen. Wald- und Wiesengräber, Friedwald, all das wird immer beliebter, wir wollen unsere Verbundenheit mit der Natur ausdrücken. Wir sehen den Kreislauf der Natur, riechen das Gras und legen uns und unsere Verstorbenen in den Schatten der Bäume. Heute wünschen sich viele, dass sich dies auch in der Friedhofskultur ausdrückt. Keine Gräberreihen mehr, mit geharkten Beeten, die mehrmals im Jahr bepflanzt werden, auf denen Unkraut geharkt wird, die gegossen werden müssen. Naturnahe Bestattung, viele wollen sich in den Schatten eines Baumes legen, dort wo das Gras über ihnen dahin weht. Gerade wird viel über die Änderung der Bestattungsordnung in Rheinland-Pfalz diskutiert. Meines Erachtens ist immer wichtig, nicht nur zu fragen, wie stelle ich mir mein Grab vor sondern auch, was tut meinen Angehörigen gut. Wie können Menschen, die einen geliebten Angehörigen verloren haben, gut mit ihrer Trauer umgehen? Wo finden sie einen Ort dafür? In manchen Trauergesprächen habe ich gespürt, der letzte Wille der Verstorbenen und die Bedürfnisse der Hinterbliebenen passen nicht immer zusammen. Sie als Angehörige, die heute im Gedenken hier sind, werden für sich erfahren haben, was ihnen gut tut, was hilfreich ist und was für Sie eher nicht passt. Gut ist es, wenn man dies schon vor dem Tod gemeinsam herausfinden und besprechen kann. Ob Natur und Blätterdach, angelegtes Grab, Wiesengrab oder Kolumbarium, was passt? Reinhard Mey singt einen Song, der lautet: „Wir haben jedem Kind ein Haus gegeben“ In einer Strophe heißt es:
„Wir haben jedem Kind ein Haus gegeben,
Eines nur mit einem Blätterdach,
In das sich Mistel und Efeu weben,
In allen Wettern ein sich‘res Gefach.
Aus Flügeln, die kreiselnd zu Boden sinken
Wird neu der Ahorn in jedem Jahr,
Und Sonnenlicht wird in Tautropfen blinken,
Und Schnee wird fallen im Januar,
Ein Haus umweht von allen vier Winden,
Vom Sommer durchglüht, vom Herbstturm umtost -
Wir werden einander darin wiederfinden,
Und Freude wird da sein und Frieden und Trost.
Ich mag die Texte und Gedanken dieses Liedermachers, sie rühren mich oft sehr an. Ein Haus für alle drei Kinder besingt er, eines jedoch nur mit Blätterdach, denn Sohn Maximilian ist verstorben. Ein Haus mit Blätterdach, ausgesetzt den Jahreszeiten, im Frühling knospend, im Sommer heiß, im Herbst von Stürmen geschüttelt, erst in vollen Farben leuchtend, dann fallen die Blätter ab und im Winter bietet das Dach kaum noch Schutz oder in kühlen Jahren vielleicht mit Schnee, der es bedeckt, das Grab. Er hofft darauf, sich unter dem Blätterdach einst wiederzusehen. Dann wird Freude da sein und Frieden und Trost. Ein schönes Bild. Englische Friedhöfe bieten dieses Blätterdach, sie sind oft einfach nur eine große Rasenfläche mit vereinzelten Bäumen, verwitterten Grabsteinen, diese Wiesen, auf denen die Grabsteine einfach stehen, im bunten Durcheinander verbunden mit der Natur, Rosenbüsche und Hortensien, eine Bank, die zum Verweilen einlädt oder Nebel der über dem Ganzen wabert und es in Watte hüllt. Im Herbst breitet sich ein Blätterdach über den Gräbern aus. Orte der Trauer können unterschiedlich sein. Ich z.B. bin schon als Kind gerne über den evangelischen Friedhof meines Heimatortes gegangen, eine wunderschöne Parklandschaft mit blühendem Rhododendron, manchmal begegnete ich auf dem Schulweg sogar Rehen. Hier in Bruchsal ist es ganz ähnlich. Am vergangenen Freitag kam ich von einer schwierigen Trauerfeier zurück, als ein kleiner Junge fasziniert vor einem Baum stand. Er lächelte mich an und zeigte auf ein Eichhörnchen ganz oben im Wipfel. Ja, dachte ich, ich bin noch ganz gefangen in der Trauer, aber das Leben bahnt sich immer einen Weg. Hier gilt es wie im Bibeltext nicht nur das Sterben zu betrauern, sondern auch das Leben zu feiern. So ging ich weiter an den Grabsteinen oder Holzkreuzen vorbei und sah die Namen, die vielen Namen, die in mir Erinnerungen hervorrufen an Menschen, die ich auf ihrem letzten Weg begleiten durfte, dann ist da Dankbarkeit, dann sind da gute Gedanken. Aber natürlich fallen mir auch diejenigen ein, die zu früh verstorben sind, die Schicksalsschläge, die Beerdigungen, bei denen wir nur stumm da standen. Ich lasse meine Gedanken und Gebete entstehen und hoffe auf ein Wiedersehen, wie heißt es im Lied, da wird Freude sein und Frieden und Trost. So wird es Ihnen vielleicht auch gehen bei den Menschen, die Sie im Hospizdienst begleitet haben. Wir wurden von unserem Schöpfer, der alles geschaffen hat, ins Leben gerufen und kehren auch zu ihm zurück. Er hat uns beim Namen gerufen, er hält uns in der Hand, wir sind seine Geschöpfe. So will ich schließen mit einem irischen Segen:
Der Segen der Erde,
der guten, der reichen Erde
sei für dich da!
Weich sei die Erde dir,
wenn du auf ihr ruhst,
müde am Ende eines Tages,
und leicht ruhe die Erde auf dir
am Ende des Lebens,
dass du sie schnell abschütteln kannst -
und auf und davon
auf deinem Weg zu Gott.
Amen.
(Marieluise Gallinat-Schneider)