Predigten von Marieluise Gallinat-Schneider
Predigt ökumenischer Hospizdienst 10.12.2015 Paul-Gerhardt Kirche, Bruchsal
Bibelstelle
Jakob ringt mit Gott (Gute Nachricht 1 Mose 32, 23-27) Mitten in der Nacht stand Jakob auf und nahm seine beiden Frauen und die beiden Nebenfrauen und seine elf Söhne und brachte sie an einer seichten Stelle über den Jabbok; auch alle seine Herden brachte er über den Fluss. Nur er allein blieb zurück. Da trat ihm ein Mann entgegen und rang mit ihm bis zum Morgengrauen. Als der andere sah, dass sich Jakob nicht niederringen ließ, gab er ihm einen Schlag auf das Hüftgelenk, so dass es sich ausrenkte. Dann sagte er zu Jakob: »Lass mich los; es wird schon Tag! «Aber Jakob erwiderte: »Ich lasse dich nicht los, bevor du mich segnest!«
Liebe Schwestern und Brüder,
im November, dem einzigen Monat, in dem auch in den Medien über das Thema Tod geredet werden darf, fand ich folgende Überlegungen:,
Manchmal im Innehalten, älter werdend, kommt er mir in den Sinn – der Tod. Totentanzbilder früherer Jahrhunderte vermitteln mir: Der Tod ist gerecht. Denn er kommt zu jedem ohne Ausnahme.,
Der Tod ist gerecht? Gerade früher, in den Zeiten, in denen die Totentanzbilder entstanden, war der Tod überall präsent. Die Menschen, die durch Kriege und Seuchen wie die Pest, aber auch Missernten und daraus resultierende Hungersnöte wussten, was es heißt, zu überleben, waren sich ihrer Endlichkeit viel bewusster, als wir heute. Aber es fällt mir schwer, den Tod als gerecht zu bezeichnen. Als ich meine Ausbildung zur Gemeindereferentin begann, haben noch ganz wenige von uns Beerdigungsdienst gemacht. Ich war eine der ersten, die von Anfang an auch diesen Bereich in der Stellenumschreibung hatte. Zu Beginn habe ich selbst viele Ängste davor gehabt, wie es sein wird, Trauernde zu trösten, die richtigen Worte zu finden, die Menschen zu begleiten. Aber ich habe nach einiger Zeit festgestellt, es fiel mir leichter, als ich dachte. Sie haben sich sicherlich in ihrer Ausbildung zu Hospizbegleiterinnen und –begleitern auch die Frage gestellt, kann ich das, halte ich das aus? Ein Buch über Menschen mit Leiderfahrung und die begleitende Seelsorge trägt den Titel „Wer hilft, wird ein anderer“. Oft denke ich an diesen Satz und habe im Laufe der Zeit festgestellt, er stimmt. Aber ich würde ihn auch dahingehend ergänzen: Wer Trauernde begleitet, wird eine andere. Vieles hat sich dadurch bei mir verändert. Ich weiche dem Thema Tod nicht mehr aus, ich kann darüber sprechen, ich halte es aus, wenn andere darüber sprechen. Ich muss seither den Tod nicht mehr aus meinem Leben heraushalten. Auch Sie stellen sich diesem Tabuthema, Sie sind in einem Bereich engagiert, den wir gern aus dem Leben heraushalten wollen. Das ist auch nichts, worüber wir unverkrampft im Smalltalk mit Bekannten reden können, nicht, als würde ich sagen, ich betreue eine Sportgruppe. Aber es ist etwas, dass einschneidende Erfahrungen und Spuren hinterlässt. Ich denke, Sie, die Sie Sterbende begleiten, werden vermutlich auch sagen können: Wer Sterbende begleitet, wird ein anderer, wird eine andere. Damit will ich aber keineswegs über die Schwere hinweggehen, will nicht verhehlen, dass es Momente gibt, in denen die Frage nach dem Warum im Raum steht, ohne Lösung, ohne Antwort. Es gibt diese Tage, an denen ich nicht verstehe, warum Menschen zu jung sterben müssen, warum Menschen furchtbares Leid erfahren, schwere Krankheiten ertragen müssen. Wer Menschen in solchen Situationen begleitet, weiß oft nicht, was zu tun oder zu sagen ist. Vieles ist erlernbar, aber vieles ist auch so unverständlich, so schwer und so ungerecht, dass wir keine Handlungsanweisung für diese Situationen haben. Das einzig gerechte am Tod ist da tatsächlich die Tatsache, dass er jeden trifft aber viele in unseren Augen einfach zum falschen Zeitpunkt. Wie oft würden wir gern Trost zusprechen, wissen jedoch nicht wie, denn es geht nicht darum, dass Schwere ungeschehen zu machen, zum Guten zu wenden oder darin eine Chance zu sehen. Wir wissen nicht, wofür das Leid, die Trauer, die Erfahrung von Tod gut sein sollen. Wir müssen es stehen lassen, wir können es nicht wegzaubern. Manchmal entdecken wir auch im Leid Sinn, ja, aber vielleicht erst Jahre später.
Unsere Aufgabe ist eine andere. Der Satz einer Theologin „Trösten im biblischen Sinn meint: Helfen, die Kraft zu erneuern, die beim Trauern verloren geht.“ weist in eine andere Richtung. Biblisches Trösten weist den Blick auf Gott. Es weist den Blick auch auf Jesus, den Sohn, der Mensch wurde und daher um unsere Nöte weiß. Wir stehen im Advent, in der Zeit der nahenden Ankunft dieses Menschensohnes, der auf unserer Stufe steht. Er nimmt die Menschen, die trauern in den Blick, er verspricht Trost. Er weiß, wie schwer uns Schicksalsschläge mitnehmen, wie sich Trauer anfühlt. Er solidarisiert sich mit uns in diesen dunklen Stunden und will, dass die Trauernden getröstet werden. Er mahnt uns, dazubleiben, vor der Trauer nicht wegzulaufen, den Menschen einfach durch unser Dasein Kraft zu schenken und sie durch unsere Anwesenheit zu begleiten. Aber oft ist Gott scheinbar ganz weit weg, meine Suche geht ins Leere. Dann stehe ich nur da und ringe mit diesem Gott. Daher habe ich heute keinen Bibeltext gewählt, der mir Gewissheit über die Auferstehung gibt, sondern diesen Bericht von Jakob, der scheinbar nichts mit Tod zu tun hat. Für mich ist er jedoch ganz existentiell. Wie oft scheint Tod und Leid etwas mit dunkler Nacht zu tun zu haben, wie oft ringen wir mit Gott und klagen ihn an. Da können wir nur hoffen, dass wir durch diese Nacht hindurchgehen, zwar mit Verletzungen und Blessuren, aber letztendlich gesegnet und mit der Morgenröte am Horizont. Auch die Osterkerze zeugt von diesem Licht, davon, dass es nach dem Karfreitag ein Ostern gibt, nach dem Tod eine Auferstehung. Auch wenn wir nicht wissen, wie es sein wird, auch wenn wir vieles nicht verstehen, auch wenn es sich oft falsch anfühlt, das Licht ist ein Hoffnungsschimmer. So lautet ein Text:
Manchmal gehen wir im Dunkeln, unsere Wege sind traurig und schwer, kein Ausweg ist zu sehen. Und doch ist da in der Ferne ein Licht! Auf diese Helle gehen wir zu und gelangen wieder unter die Weite des Himmels.
Diese Weite des Himmels wünsche ich Ihnen, ich wünsche uns ein Ringen mit Gott und unserem Glauben und am Ende immer wieder ein Licht der Hoffnung oder das Gefühl getragen und gesegnet zu sein. So wollen wir in diesem Vertrauen nun an der Osterkerze, dem Symbol der Auferstehung, die Kerzen für unsere Verstorbenen anzünden.
Amen.
(Marieluise Gallinat-Schneider)