Das "Gilgamesch-Epos"

Wir haben gesehen, dass das "Enuma-elisch" die Frage nach der Sterblichkeit des Menschen letztlich nicht behandelt. Es lässt lediglich vermuten, dass der Anteil der Menschheit am getöteten Gott Kingu nach seinem physischen Tod für sein Weiterleben sorgt.

Das Atrahasis-Epos tritt für diese Lösung ein.

Eine andere, realitätsbezogenere Antwort auf die Frage nach der Sterblichkeit des Menschen versucht das Gilgamesch-Epos zu geben. Es ist zudem vielleicht das wichtigste Beispiel aus der babylonischen Mythologie.

Fünfte Tafel des Gilgamesch-Epos mit der Schilderung deTreffens Humbabas mit Enkidu im Zedern-Wald -
Islemani Museum, Sulaymaniyah, Irak. (Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg), The Newly Discovered Tablet V of the Epic of Gilgamesh. Meeting Humbaba, with Enkidu, at the Cedar Forest. The Sulaymaniyah Museum, Iraqi Kurdistan, (CC BY-SA 4.0))

Das "Gilgamesch-Epos" ist die größte und vielleicht erhabenste babylonische Dichtung.

Entstanden sein dürfte es zwischen 1700 und 1600 v. Chr. Es nimmt dabei verschiedene altbabylonische Dichtungen auf und verwertet sie; deswegen wahrscheinlich auch die Wahl des Titelhelden, der, Gott und Mensch zugleich, um 2600 v. Chr. in Uruk regierte.

Die endgültige Redaktion des Gilgamesch-Epos erfolgte um 1300 v. Chr.

Der Inhalt lässt sich folgendermaßen umreißen:

1. Gilgamesch und Enikdu

Die Hand Gilgameschs lastet schwer auf den Bewohnern des Landes. Darum entschließt sich die Schöpfergöttin Aruru, einen Steppenmenschen zu erschaffen. Dieser Steppenmensch, der Enkidu, soll zu einem Gegner werden, der es mit Gilgamesch aufnehmen kann.

Vor dem Tempel in Uruk kommt es daraufhin zum Kampf zwischen Enkidu und Gilgamesch.

Doch der Kampf zwischen Enkidu und Gilgamesch endet auf unerwartete Weise. Er endet nämlich unentschieden. Die beiden Gegner schließen überdies Freundschaft miteinander.

Gilgamesch überredet daraufhin Enkidu, zum Zedernwald im Libanon zu ziehen und dort gegen den Waldwächter, ein Ungeheuer namens Huwawa - oder Humbaba - zu kämpfen.
Nach beschwerlichem Weg besteigen sie den Berg, fällen dort mit Unterstützung des Sonnengottes Schamasch die heilige Zeder und erschlagen den zornigen Huwawa.

Bei ihrer Rückkehr nach Uruk werden sie als die größten Helden gefeiert.

Die kriegerische Liebesgöttin Ischtar begehrt Gilgamesch daraufhin zum Mann und macht ihm ein Liebesangebot, das dieser allerdings ablehnt. Und das tut er, weil er wußte, wie es dem Dumuzi, einem früheren Liebhaber der Ischtar, ergangen war.

Die beleidigte Ischtar erbittet daraufhin von ihrem Vater Anu den Himmelsstier, den sie nach Uruk führt. Von ihm lässt sie nun die Erde verwüsten. Doch die beiden Helden erschlagen auch dieses Untier.

Aus Rache für die Tötung des Huwawas sowie des Himmelsstieres lassen die Götter nun den Enkidu allerdings von einer Krankheit befallen und qualvoll sterben.

2. Die Suche nach dem Leben

Gilgamesch weiß nun, dass ihn dasselbe Los erwartet. Er geht daher auf die Suche nach der Unsterblichkeit. Unterwegs klärt ihn dabei die Wirtin Siduri auf:

"Gilgamesch, wohin wanderst du?
Das Leben, dem du nachjagst, findest du nicht.
Als die Götter die Menschheit erschufen,
Tod haben sie für die Menschheit bestimmt,
Leben haben sie in eigener Hand behalten.
Darum, Gilgamesch, stopf dir den Bauch voll,
bleib heiter bei Tag und bei Nacht!"

Doch Gilgamesch lässt sich nicht abhalten. Auf abenteuerlichem Weg durch wilde Gebirge, vorbei an der Grenze der Unterwelt, durch das Land der Finsternis und den Zaubergarten gelangt er schließlich zu einem Fährmann, der ihn über das Wasser des Todes zu Utnapischtim übersetzt.

3. Die Fluterzählung des Utnapsichtim

Utnapischtim aus Schuruppak ist ein Vorfahre des Gilgamesch. Er konnte sich, ähnlich wie Noah, in einer Arche durch eine Sintflut hindurchretten. Denn der Gott Ea hat ihm den Beschluss der Götter rechtzeitig verraten.

Doch Utnapischtim nahm etwas mehr in die Arche mit als Noah. Davon erzählt er dem Gilgamesch:

"Alles, was ich besaß, lud ich darauf;
alles Silber, das ich besaß, lud ich darauf;
alles Gold, das ich besaß, lud ich darauf;
alle Lebewesen, die ich besaß, lud ich darauf.
Meine ganze Familie und die Verwandtschaft
hieß ich sich einschiffen;
das Vieh des Feldes, die wilden Tiere
und alle Handwerker habe ich eingeschifft."

Dann gehen die Wettergötter, allen voran Adad, ans Werk und bringen Verwüstung über die Welt.

Die Götter im Himmel erschrecken beim Anblick der ungeheuren Zerstörung. Selbst Ischtar, die die Sintflut mitbestimmte, bereut ihren Entschluss.

Nach sechs Tagen und sieben Nächten setzt das Schiff auf dem Berg Nisir auf. Utnapischtim wartet sieben weitere Tage:

"Als der siebte Tag gekommen war,
ließ ich eine Taube zum Freiflug hinaus.
Die Taube flog fort, doch sie kam zurück;
sie fand keinen Rastplatz, so kehrte sie um.
Dann ließ ich eine Schwalbe zum Freiflug hinaus.
Die Schwalbe flog fort, doch sie kam zurück;
sie fand keinen Rastplatz, so kehrte sie um.
Dann ließ ich einen Raben zum Freiflug hinaus.
Der Rabe flog fort, sah: Die Wasser haben sich verlaufen."

Nun verlassen alle das Schiff, und Utnapischtim bringt ein großes Trank- und Weihrauchopfer dar - zur Freude und Erleichterung aller Götter. Der Held wird daraufhin, zusammen mit seiner Frau, vergöttlicht.

4. Die Verjüngungspflanze

Nachdem Utnapischtim dem Gilgamesch von der Errettung aus der Flut erzählt hat, rät er ihm nun, 6 Tage und 7 Nächte nicht zu schlafen, dann würde er die Unsterblichkeit erlangen.

Gilgamesch hält dies allerdings nicht durch. So verrät ihm Utnapischtim ein Geheimnis: Auf dem Meeresgrund wachse eine Pflanze, die aus alt jung mache.

Das lässt sich Gilgamesch nicht zweimal sagen. Er befestigt schwere Steine an seinen Füßen, um in die Tiefe zu kommen, findet die Pflanze, befreit sich von den Steinen und kommt wieder an die Oberfläche.

Er will nun die Pflanze nach Uruk bringen, um die Menschen dort jung zu machen.

5. Der Raub der Schlange und Gilgameschs Tod

Doch als Gilgamesch im Verlauf der Rückreise in einer Quelle badet, schnappt ihm eine Schlage die Verjüngungspflanze weg. Gilgamesch kehrt daraufhin verzweifelt nach Uruk zurück. Die Pflanze, die Jugend schenkt, hat er verloren. Aber er hat nun Gewissheit über das Todesschicksal der Menschen gewonnen. Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist nichtig.

Da Gilgamesch zwar zu zwei Dritteln Gott ist, zu einem Drittel aber Mensch, muss er nun auch um dieses einen Drittels willen selber sterben.

6. Die zwölfte Tafel

Die 12. Tafel des Gilgamesch-Epos ist noch einmal von besonderem Interesse. Sie ist wohl eine Art Anhang zu der Erzählung, die das Todesschicksal des Menschen noch einmal aufzuarbeiten sucht.

Es wird hier berichtet, wie Enkidu - der ja bereits gestorben ist - in die Unterwelt steigt und dort festgehalten wird.

Gilgamesch bittet die Götter, ihm bei der Befreiung des Freundes zu helfen, und Enki, der Herr der Erde, erbarmt sich seiner und lässt Enkidu durch ein Loch aus der Erde entweichen.

Enkidu erzählt nun von der Unterwelt und dem traurigen Schicksal der Toten. Dabei unterscheidet er aber im Blick auf die Verstorbenen. Die in der Schlacht Gefallenen und die Väter vieler Söhne dürfen in der Unterwelt nämlich - im Gegensatz zu allen anderen - ausruhen und werden gepflegt. Ganz schlimm dran sind all diejenigen, die unbestattet geblieben sind. Sie müssen ruhelos umherwandern und sich von den Speiseresten ernähren, die auf die Straße geworfen werden.

7. Würdigung

Das Gilgamesch-Epos ist ein großes Beispiel antiker Dichtung. Ergreifend sind die Totenklage und die Todesangst des Gilgamesch nach dem Verlust des Freundes Enkidu. Genauso ergreifend wird der Verlust des mit unendlicher Mühe erlangten Lebenskrautes, das die Schlange dem schlafenden Gilgamesch raubt, geschildert.

Für uns interessant ist nicht zuletzt der Bericht von der großen Flut, der sehr stark an den Sintflutbericht von Gen 6-9 erinnert. Im biblischen Sintflutbericht fällt lediglich der Teil mit den Göttern weg. Der Teil der babylonischen Erzählung, in dem Menschen eine Rolle spielen, wird im biblischen Bericht beinahe genauso geschildert.

AUSWIRKUNGEN AUF DIE PENTATEUCHFORSCHUNG -
Der Bibel-Babel-Streit bzw. der Panbabylonismus

Diese Funde und vor allem die Entdeckung der Parallelen zur Bibel hatten natürlich ungeheure Auswirkungen auf die Pentateuchforschung.

Hatte Julius Wellhausen als Literaturhistoriker noch allein auf die innere Entwicklung Israels geblickt, so sahen die von der Erforschung des Alten Orients faszinierten Exegeten nach Wellhausen nun vor allem nach Babel.

Was in der Bibel steht, das wurde zuvor bereits in Babylon erzählt, das war so etwas wie das Schlagwort dieser Epoche. Manche Altorientalen, z. B. Friedrich Delitzsch, suchten deshalb die Entstehung der Bibel allein von Babel und der babylonischen Literatur her zu erklären.

Die Bibel galt vielen plötzlich im Lichte der neuentdeckten babylonischen Literatur als dürftiger Abklatsch dieser alten babylonischen Mythen und Epen. Es begannen nun die Jahre des vor allem im evangelischen Raum Deutschlands heftig geführten Bibel-Babel-Streites oder des Panbabylonismus.

Anmerkungen

1) Vgl.: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 74.

2) Vgl.: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 74; sowie: Heinrich Pleticha, Religion und Kunst im Zweistromland, in: Heinrich Pleticha, Weltgeschichte (Gütersloh 1988) I/166-167.

3) Vgl.: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 74; sowie: Heinrich Pleticha, Religion und Kunst im Zweistromland, in: Heinrich Pleticha, Weltgeschichte (Gütersloh 1988) I/166-167.

4) Zitiert nach: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 74.

5) Vgl.: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 74-75; sowie: vgl.: Heinrich Pleticha, Weltgeschichte (Gütersloh 1988) I/166-167.

6) Zitiert nach: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 75.

7) Im heutigen Kurdistan (vgl.: Heinrich Pleticha, Weltgeschichte (Gütersloh 1988) I/166-167).

8) Zitiert nach: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 75.

9) Vgl.: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 75; sowie: vgl.: Heinrich Pleticha, Weltgeschichte (Gütersloh 1988) I/166-167.

10) Vgl.: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 75; sowie: Heinrich Pleticha, Weltgeschichte (Gütersloh 1988) I/166-167).

11) Vgl.: Heinrich Pleticha, Weltgeschichte (Gütersloh 1988) I/166-167).

12) Vgl.: Heinrich Pleticha, Religion und Kunst im Zweistromland, in: Heinrich Pleticha, Weltgeschichte (Gütersloh 1988) I/166-167.

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Letzte Änderung: 14. März 2011