Das "Enuma Elisch"

Vor allem die Archäologie war es, die der Pentateuchforschung neue Impulse gab. Ihre Ergebnisse führten nun die kritische Auseinandersetzung mit der Bibel in eine ganz neue Richtung und brachten eine Fragestellung hervor, die bisher absolut nicht im Blick war.

Die rapide Entwicklung der Archäologie und der Orientalistik gerade um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herum brachte ja nicht nur die oben genannten alten Gesetzessammlungen ans Tageslicht.

Sonnenuntergang.

Wichtigste Entdeckung waren in unserem Zusammenhang die babylonischen Mythen. Die alten Texte der Babylonier wiesen eine ungeheure Nähe zu biblischen Berichten auf und ließen die Exegeten der damaligen Zeit geradezu in einen Babel-Rausch verfallen.

Als Beispiel für diese neu aufgefundenen Texte, die damals die Bibelforschung gleichsam revolutionierten, sei hier auf das "Enuma-elisch" und das "Gilamesch-Epos" verwiesen.

Einer der bedeutendsten Texte, die jetzt also aufgefunden worden waren, war der babylonische Schöpfungsmythos.

Er wurde benannt nach seinen Anfangsworten "Enuma elisch", was im Deutschen so viel bedeutet wie "Als droben..." oder "Hoch da droben...". Inhalt dieses Epos ist das Werden der Götter und des Kosmos, die Weltschöpfung und die Weltordnung.

In seiner Endform - es gibt ältere Vorstufen - umfasst das Enuma elisch sieben Gesänge, mit je etwa 160 Versen. Gefunden wurde es auf in Keilschrift beschriebenen Tontafeln.

Im Grunde ist es - nach einer breiten mythologischen Einleitung - ein Preislied auf den Gott Marduk.

1. Die Entstehung der Götter und des Gottes Marduk

Es beginnt mit den Worten:

"Als droben der Himmel noch nicht benannt war,
als drunten die Erde Namen nocht nicht hatte,
als die Wasser des uralten Apsu [= Süßwasserozean], ihres Vaters,
und der Mutter Tiamat [= der Urozean], die sie alle gebar,
noch vermischt waren,
als nicht Binsen entstanden,
nicht Schilfdickicht gesehen,
kein Gott erschaffen war,
kein Name genannt,
kein Schicksal bestimmt -
da wurden die Götter erschaffen:
Lachmu und Lachamu erschienen,
mit Namen wurden sie gerufen..."

Apsu wird dabei als männliche Gottheit angesehen. Er repräsentiert den unterirdischen Süßwasserozean. Dieser umgibt die Welt wie ein kreisförmiger Fluss. Tiamat hingegen, auch Mummu genannt, ist das Meer, also der Salzwasserozean.

Im folgenden werden weitere Göttergenerationen aufgezählt, die auch aus anderen Quellen bekannt sind:

Hinter dieser Schilderung steht die Vorstellung, dass "am Anfang", vor dem Entstehen der "Welt", ein Götterpaar existiert, Apsu und Tiamat, d. h. Süßwasser und Salzwasser, die noch nicht voneinander getrennt sind.

Aus ihnen entsteht ein zweites Paar, Lachmu und Lachamu, das heißt, der feste Boden bildet sich in Apsu und Tiamat.

Das dritte Paar, Anschar und Kischar, bewirkt die Trennung zwischen Himmel und Erde.
Damit kommt das erste dynamische Element mit ins Spiel. Von nun an werden die Götter nämlich aktiv.

Sie sind wie Kinder und machen einen solchen Krach, dass der verärgerte Apsu, dem seine ungestörte Ruhe wichtiger ist als das aktive Leben, beschließt, die Götter zu vernichten.

Die geraten daraufhin in Panik. Doch der listig-überlegene Ea, der identisch ist mit dem sumerischen Gott Enki, nimmt Apsu das Leben und eignet sich seine göttlichen Machtzeichen an.

Danach wird Ea der Vater von Marduk. Das "Enuma-elisch" kommentiert das mit den Worten:

"Ein Gott ward geboren, der fähigste und weiseste."

2. Marduk, der Schöpfer

Nun komplizieren sich die Verhältnisse: Kingu wird der neue Gemahl der Tiamat. Kingu ist aber der Gott, der die alles entscheidenden Schicksalstafeln in der Hand hält. Es muss dementsprechend zum Kampf kommen und zwar zum Kampf alt gegen neu, oder vielleicht auch zum Kampf neu gegen alt.

Die jungen Götter sind bald am Rand der Niederlage. Da schreitet dann endlich der "fähigste" Gott ein, nämlich Marduk.

Er wäre aber nicht der weiseste Gott, wenn er für seinen Einsatz keinen Preis verlangen würde. Er fordert deshalb nichts Geringeres als "alle Macht für Marduk!"

Die Götter verzichten auf ihre Befugnisse - so wie eine Volksversammlung auf ihre Befugnisse verzichtet, wenn sie sie auf den König übertrug. Hier wird also ein Grundmuster, das im Staat gilt, in die Welt der Götter transportiert.

Marduk besiegt daraufhin die Tiamat. Er spaltet ihren Leib und schafft daraus - erst jetzt - den geordneten Kosmos: den Himmel mit den Sternen und Planeten, die Erde mit ihren Flüssen.

Auch die Zuständigkeiten und Rangordnungen unter den Göttern werden neu geregelt. Die Igigi, also die Götter des Himmels, und auch die Anunnaki, die Götter der Erde, sind damit sehr zufrieden.

Marduk baut nun Babel als Sitz der Götterversammlung.

3. Die Erschaffung des Menschen

Als er aber bemerkt, dass die Götter durch die ihnen zugeteilten Aufgaben zu stark in Anspruch genommen werden, fasst er einen Plan.

"Blut will ich binden und Knochen herrichten,
ein Wesen will ich bilden, sein Name sei Mensch.
Wahrlich, ein Wesen will ich erschaffen,
damit er den Göttern diene
und sie es bequem haben."

Darauf schafft der Gott Ea die Menschheit. Er nimmt dazu das Blut des Gottes Kingu, den man als Anstifter des ganzen Aufruhres erkennt und tötet.

War also Kingu nur ein Gott auf Zeit? Die Assyro-Babylonier geben auf diese Frage keine ganz klare Antwort, doch es scheint, dass gerade dieses göttliche "Element" im Menschen, dieser "Geist" (etemmu) des getöteten Gottes nach dem physischen Tod des Menschen für sein Weiterleben sorgt.

Auf jeden Fall beantwortet das "Enuma-elisch" die Frage nach dem Zweck des Menschen ganz eindeutig. Der Sinn und Zweck der Menschen besteht darin, dass sie die Götterwelt mit Speise zu versorgen haben. Als diese Speise wird das Opfer der Menschen verstanden.

4. Parallelen zum biblischen Schöpfungsbericht

Für uns ist das Enuma-Elisch vor allem deshalb wichtig, weil es in weiten Teilen parallel zum biblischen Schöpfungsbericht läuft. Schon in der Inhaltsangabe fallen eine ganze Reihe Parallelen zum ersten biblischen Schöpfungsbericht auf:

Diese Details lassen sofort an Gen 1 denken.

In der Tat weist der babylonische Schöpfungsmythos eine Fülle von Parallelen zum biblischen Bericht auf. Das war einer der Anknüpfungspunkte für die weitere Entwicklung der Pentateuchforschung.

5. Agenden des Kultes

Die Mythen der Babylonier sind ja nicht zuerst literarische Erzeugnisse. Sie werden als Agenden des Kultes gebraucht. Zuallererst sind sie also so etwas wie das "Credo", das Glaubensbekenntnis des Kultes. Man hat sie dementsprechend nicht nur erzählt, sondern auch dramatisch gestaltet. Das "Enuma elisch" zum Beispiel bildete so einen wesentlichen Bestandteil des Ritus zum Neujahrsfestes, in dem selbstverständlich Werden und Vergehen eine ganz besondere Rolle spielte.

Anmerkungen

1) Vgl.: Alfons Deissler, Einleitung in das Alte Testament - Zusammenschrift entsprechend einer autorisierten Vorlesungsmitschrift des WS 1969/70 bzw. einer nicht autorisierten Mitschrift anhand von Bandaufnahmen des WS 1976/77 mit teilweisen Ergänzungen für das WS 1979/80 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.) 148; Vgl.: Franz M. Th. de Liagre Böhl, Art.: Enuma elis, in: LThK (1959) III/910.

2) Vgl.: Franz M. Th. de Liagre Böhl, Art.: Enuma elis, in: LThK (1959) III/910.

3) Vgl.: Franz M. Th. de Liagre Böhl, Art.: Enuma elis, in: LThK (1959) III/910.

4) Vgl.: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 73.

5) Zitiert nach: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 73.

6) Zitiert nach: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 73.

7) Vgl.: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 73.

8) Vgl.: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 74.

9) Vgl.: Eugen Sitarz, Kulturen am Rande der Bibel (Stuttgart 1992) 74.

10) Alfons Deissler, Einleitung in das Alte Testament - Zusammenschrift entsprechend einer autorisierten Vorlesungsmitschrift des WS 1969/70 bzw. einer nicht autorisierten Mitschrift anhand von Bandaufnahmen des WS 1976/77 mit teilweisen Ergänzungen für das WS 1979/80 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.) 148.

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Letzte Änderung: 14. März 2011