Die Lebenshaltungskosten in Ettenheim stiegen allmählich an
,
und im September 1791 traten im Oberamt 'Faulfieber' auf
.
Hinzu kam die wachsende Bedrohung der Bevölkerung durch eine Reihe
schwerwiegender Verbrechen.
Im
Juli bereits war die Mirabeau'sche Legion in Wildereiverdacht geraten. Im
Wirtshaus Linde in Wittenweier beobachte man am 2. Juli vier Soldaten beim
Treffen von Vorbereitungen
.
Einen Tag später verzehrten vier andere Soldaten in" der gleichen
Wirtsstube einen mitgebrachten Hasen, ohne dass man ihnen etwas beweisen konnte
.
Zur Zeit
der Weinlese begannen Soldaten gruppenweise, um vor den Rebbannwarten sicher zu
sein, die Rebberge heimzusuchen. Die Bannwarte wagten nicht, die Bewaffneten
festzunehmen, und kaum eine Frau wagte sich noch allein in die Reben
.
Als Anfang September 1791 eine arbeitende Frau auf badischem Territorium von
acht Soldaten überrascht wurde und sich gerade noch rechtzeitig zurückziehen
konnte, beschloss das Oberamt Mahlberg, die Rebwachen zu verdoppeln und in
Ettenheim zu protestieren
.
Oberamtsverweser Stuber antwortete umgehend auf das Mahlberger Schreiben vom 7.
September
und sicherte strengste Bestrafung der Übeläter, die man erwischen würde, zu
.
Der Kardinal entschuldigte sich schriftlich beim Markgrafen für die
Vorkommnisse
.
In der Folge enden diese Zwischenfälle. Der letzte nennenswerte Vorfall
ereignete sich Ende September, als mehrere 'Volontairs' in den Rebbergen von
Ettenheimer Bürgern - trotz heftiger Gegenwehr mit den Seitengewehren -
festgenommen und Oberamtsverweser Stuber ausgeliefert wurden
.
Das übergroße Misstrauen der Verantwortlichen in Ettenheim, vorab des Kardinals, als auch die Versuche, Soldaten mit Wacheschieben und Patrouillen zu beschäftigen, bedingten eine Reihe von Zwischenfällen.
Frühzeitig hatte man Posten in Ringsheim errichtet, die
Passanten anhielten und über Herkunft und Ziel bzw. Zweck ihrer Reise
befragten. An einem Tor der Residenzstadt war ein 12- bis 13jähriger Junge
postiert, der selbst von dort stammend Straßburger Bürger identifizierte
.
Am 21. April 1791 wurde der Sonnenwirt
Caspar Jenne von Teningen ohne Angabe von Gründen in Kappel verhaftet, nach
Ettenheim abgeführt und erst am darauffolgenden Tag wieder freigelassen
.
Einem Kaufmann von Riegel widerfuhr ähnliches bei Ringsheim
.
Vor allem aber waren es Elsässer, insbesondere Straßburger, die unter der
Willkür der Soldaten zu leiden hatten
.
Ein Straßburger namens Genshirt, der aufgrund von
Erbschaftsangelegenheiten in Emmendingen war, wurde auf dem Rückweg in
Ringsheim angehalten, in Ettenheim 'eingetürmt' und am anderen Morgen mit der
Entschuldigung, dass ein Versehen der möglicherweise angetrunkenen Soldaten
vorgelegen habe, wieder entlassen
.
Am 21. Mai wurde Friedrich Hofmann aus
Westhausen in Kappel von Soldaten, solange bis der dortige Stubenwirt eingriff,
verprügelt
.
Als 40 Mann am. 29. Mai mit einem Schiff von Basel kommend in Kappel anlegen
wollten, hielt man sie dort für die Vorhut einer Invasion der Franzosen. Das
Schiff wurde, allerdings ohne größeren Schaden anzurichten, beschossen
.
Bereits einen Tag später ereignete sich in
Kappel der nächste Zwischenfall. Zwei oder drei Straßburger Schiffleute
wurden, während sie Holz in Kappel abholen wollten, als verdächtig verhaftet
und, obschon der dortige Stubenwirt für ihre Zuverlässigkeit bürgte, mit
'Stock streichen' belegt
.
Am 10. Oktober sollen in Oberkirch die Wirte Grimeisen und Kiener aus Straßburg mit Schimpfworten überhäuft und
"... meuchelmörderischer Weise an
hellem Tage,
sowohl in dem Ort, als auf öffentlicher
Landstraße geschlagen und fast getödet
worden
(sein)." ![]()
Wenige
Tage später wurde Catarina Herr als angebliche Spionin des Maire von Straßburg
misshandelt
,
während der Hänfer Michael Mißmer für vielleicht etwas gewagte Worte im
November eine Nacht in Haft verbringen und 12 Taler Strafe bezahlen musste.
Darüber hinaus erhielt er 50 Hiebe auf den Hintern
.
Besonders übel wurde es in Straßburg aufgenommen, als der von dort stammende
Johann Jacob Jung am 7. Dezember mit seinem Vater an der Rheinbrücke in Kehl
belästigt wurde
.
Opfer einer Unzahl schwerer Verbrechen wurde
vor allem die einheimische Bevölkerung. Im ganzen Oberamt Ettenheim
beschuldigte man die Soldaten, besonders die gebürtigen Franzosen, immer wieder
Frauen bedroht zu haben
.
Dies wurde mit Sicherheit durch Feste in Ettenheim gefördert.
Tanzveranstaltungen in der Stadt zogen die Jugend der Umgebung in nicht geringer
Zahl an
.
Als im Juli 1791 ein 12jähriges Mädchen
vergewaltigt wurde, war dies letzter Anlass für die Errichtung des Lagers in
Ettenheimweiler
.
Wie notwendig es war, für eine bessere Kontrolle über die Soldaten zu sorgen,
zeigt auch der Vorfall vom 6. Juli 1791. Abends zwischen 6 und 7 Uhr stiegen
einige Soldaten in ein Ettenheimer Bierhaus ein, wo sie mit den beiden Töchtern
des Besitzers 'nach Gefallen umgehen wollten'. Nur durch 'Feurio-Rufe' gelang es
den sich wehrenden Wirtsleuten, den Soldaten Einhalt zu gebieten und die
Bevölkerung zu Hilfe zu rufen.
Nachdem die herbeigeeilte Wache, um die
Unruhen beizulegen, zwei Bürger verhaftet hatte, wollten die aufgebrachten
Ettenheimer Sturm läuten, wurden allerdings durch Soldaten daran gehindert. Da
man jedoch auf der Freilassung der Inhaftierten bestand und der Tumult immer
größere Ausmaße annahm, ließ Mirabeau Militär aufmarschieren und den
Feuerbefehl auf die Bevölkerung geben. Im letzten Moment konnte die Ausführung
aber durch die Ortsverwaltung und angesehene Bürger verhindert werden; die
Inhaftierten wurden freigelassen, und die Bürgerschaft gab sich damit zufrieden
.
Auch als
die Lager eingerichtet waren, dauerten die Zusammenstöße mit der Bevölkerung
fort. In Lauterbach misshandelten am 1. September 1791 Soldaten bei einer
Auseinandersetzung in einem Wirtshaus den Wirt, dessen Ehefrau und das Gesinde.
Ein Bauernbursche wurde schwer verwundet und einem Werber, der zum Frieden
mahnte, mit einem Stein das Auge ausgeworfen
.
Im Oktober fügte man einem Wirt in Kappel eine gefährliche Verletzung im
Unterleib zu
.
Als am Barbaratag 1791 ein Bürgerssohn, der sich als Schneider anwerben lassen
wollte, ohne Erlaubnis über ein von Truppen bewachtes Feld ging, wurde er von
einem Jäger erschossen
.
Schimpfreden über den Kardinal wurden in Ettenheim laut und mehrten sich,
nachdem ein weiterer Bürgerssohn im Dezember an einer Wirtshaustüre von einem
Soldaten mit jemand anderem verwechselt und durch einen Säbelhieb im Unterleib
so verwundet wurde,
"... daß die Gedärme sich gleich aus der Wunde
gedränget." ![]()
Von weiteren grausamen
Verbrechen zeugten die zwei Leichen, die man um die Jahreswende in Renchen in
einem Dunghaufen gefunden hatte
,
und vor allem die vielen Frauenschicksale der Jahre 1791 und 1792. Dreißig
Frauen wurden durch Soldaten schwanger, eine sogar 'venerisch angesteckt'
.
Am 22. Januar 1792 wurde Chatarina Beck in den Turm gesperrt. Unter dem Boden
eines Schweinestalles hatte man die Leiche ihres unehelichen Kindes gefunden
.
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Letzte Änderung: 6. Mai 2003