Im Juli 1791 hatte man im Lager Ettenheimweiler einen Altar
errichtet. Am 10. wurde er von Pfarrer Mast, der an diesem Sonntag dort eine
Messe feierte, benediziert. Man weiß zu berichten, dass die Soldaten im
Anschluss daran musizierten und tanzten
.
Doch Ereignisse dieser Art waren selten. In all den Monaten, in denen Truppen im
Bischöflich-Straßburgischen einquartiert waren, mangelte es den Soldaten an
wirklicher Beschäftigung.
Bereits
am 6. April begegnen zwei Rekruten, die nachts mit zwei. Pferden das Oberamt
Ettenheim verlassen hatten
,
und am 4. Juli wurde zum ersten Mal ein wieder eingefangener Deserteur bestraft.
Der Abschreckung wegen wurde er in Kappel öffentlich durch Spießruten gejagt
.
Behindert wurde die Eindämmung der
Desertion dadurch, dass die Nachbarn des Hochstiftes sich weigerten, einen
Auslieferungsvertrag für Deserteure abzuschließen
.
Als man dem Oberamt Mahlberg am 1. August 1791 unter dem Vorwand, etwaigen
Beschwerden vorzubeugen, anbot, alle ohne oberamtlichen Pass in der
Nachbarschaft auftauchenden Soldaten festzunehmen und nach Ettenheim
zurückzusenden, geschah dies in erster Linie, um der Desertion nach Mahlberg
doch noch zu wehren. Obschon man von Ettenheim aus zusagte, alle anfallenden
Kosten zu ersetzen, erfolgte die ablehnende Antwort des badischen Oberamtes
bereits einen Tag später
.
Deserteure flohen vorwiegend nach Mahlberg, dessen hell
erleuchtetes Schloss in der Nacht vorzüglicher Wegweiser war
.
Am 29. August erreichte nach 21 Uhr ein aus dem Lager flüchtiger Soldat, dem
wenig später drei Reiter folgten, die badische Stadt. Die Auslieferung des
Deserteurs verweigerte man; lediglich Gewehr und Patronentasche, die man dem
Flüchtigen abgenommen hatte, wurde den Legionären zurückgegeben. Bereits
gegen 22 Uhr erschienen drei weitere Deserteure, denen ebenfalls Gewehr und
Patronentasche von den Mahlberger Beamten abverlangt wurde. Am nächsten Morgen
trafen noch einmal drei Flüchtlinge ein
.
Vier der Husaren und Dragoner, die am darauffolgenden Samstagabend 16 Deserteure
verfolgten, kehrten ebenfalls - einschließlich Pferd und Bewaffnung - nicht ins
Straßburgische zurück
.
Am 15. September bestrafte
man erneut zwei Soldaten mit 'Gassenjagen'
‚
und am 29. suchten sieben oder acht Franzosen selbst in Mahlberg nach einigen
Deserteuren. Das badische Oberamt sah sich gezwungen in Ettenheim um die
Abstellung dieser Verfolgungen nachzusuchen
.
Gegen Ende des Jahres verschlechterte sich
die Situation zusehends. Schlechte Witterung, unzureichende Kleidung und
minimale Freiheiten ließen die Desertion, nachdem die Truppen wieder in die
Ortschaften verlegt worden waren, stark ansteigen
.
Fünf Jäger, 'ohne die vielen zu rechnen, die stich täglich wegbegeben',
flüchteten am 10. Dezember
am 22. Dezember tauchten Soldaten in Mahlberg auf, die vorgaben, nach
Deserteuren zu suchen und wohl eher selbst Flüchtige waren
.
Größere Anstrengungen,
um die Flüchtigen zurückzuhalten, scheinen nicht mehr unternommen worden zu
sein. Im Oberamt Mahlberg vermutete man, dass eine Flucht, sofern sie in aller
Stille vor sich gehe und die übrigen Soldaten nichts davon erfuhren, durchaus
verziehen wurde
.
Lediglich die Tatsache, dass Unmengen von Waffen und Uniformen durch Deserteure
abhanden gekommen waren, bereitete den Verantwortlichen in Ettenheim Sorgen
.
Mirabeau sah keine andere Möglichkeit, als die an Mahlberger und Kippenheimer
Bürger durch Deserteure verkauften Flinten, Säbel, Kappen und übrigen
Montierungsstücke wieder ankaufen zu lassen
.
Immer wieder treten unter
den Soldaten im Oberamt Ettenheim Streitigkeiten auf. Vor allem das Verhältnis
zwischen französischen und deutschen Legionären war gespannt. Am 4. Juli ist
bereits das erste Duell belegt. Eine Auseinandersetzung des Comte de Douket mit
dem ihm unterstellten Comte de Chasson in Grafenhausen lieferte den Anlass
dafür
.
De Douket musste mit einer Kopfverwundung zum Landchirurgus Oberle nach
Kippenheim gebracht werden
.
Einen Tag später wurde in Ettenheimweiler
ein 22jähriger Soldat erschossen - man sprach von einem Unglück
- und am 30. August 1791 drückte ein stürzendes Pferd einem Marketender die
'Herzkammer' ein
.
Als sich im Oktober die Witterung verschlechterte und die Unterbringung der
Soldaten in den Zelten immer unzureichender wurde, wunderte sich niemand
darüber, dass kaum ein Tag ohne Duell verging. Im Jahr 1792 zieht Machleid
folgende Bilanz:
"... eß ßein
hier ohngefehr hier in lazereten, und 4 lageren
gestorben 20 mann, 30 mann, ßollen ßich
in 4 lageren muetwiliger weiß erstochen habe(n)
und verschoßen im duell, haben..."
Nur wenige Nachrichten geben Auskunft über die Motive, die rechtsrheinische Bürger - neben der Aussicht auf einen ordentlichen Sold - bewegten, Militärdienst bei den Emigranten zu leisten.
Der Knecht des Rindfußwirtes Stiegler von
Kippenheim hatte anscheinend Schwierigkeiten mit seinem Herrn, der ihm denn auch
den rückständigen Lohn verweigerte, als er vom Engagement seines Knechtes
unter die in Grafenhausen liegenden Truppen erfuhr
.
Friedrich
Lydin, Sohn des Försters Lydin von Weisweil, hingegen wurde anlässlich seines
Eintritts unter das sogenannte 'Jäger Korps' im Juli 1791 vom Oberamt Hachberg
als 'äußerst verwegen' und 'liederlich' bezeichnet
.
Am 3. September wurde Lydin, nachdem er bereits Ende Juli in Weisweil Drohungen
ausgestoßen hatte
,
von badischen Behörden verhaftet und unter der Bedingung, keine Dienste mehr im
Ausland anzunehmen, wieder auf freien Fuß gesetzt
.
Den achtzehnjährigen
Friedrich Herr trieb hingegen Abenteuerlust unter die Mirabeau'sche Legion.
Seine Eltern wandten sich daraufhin an die zuständige Obrigkeit, die sich für
die Entlassung ihres Sohnes verwenden sollte
.
Als Herr bereits eine Woche später desertierte, wurde er, um ähnlichen
Eskapaden vorzubeugen und Schwierigkeiten mit der Mirabeau'schen Legion zu
verhindern, von den badischen Behörden umgehend den markgräflichen Truppen
übergeben
.
Ganz anders geartet war die Motivation des
Michael Hahners, der im August 1791 aufgrund eines Streites mit seiner Ehefrau -
sie hatte ihn wegen Ehebruchs und Trunksucht schon einmal beim 'Weisweiler
Frevelgericht' angezeigt - in den Dienst der Mirabeau'schen Legion trat
.
Und mit Sicherheit darf auch die Ansicht des Oberamtes
Hachberg, dass viele, die nicht arbeiten wollten oder 'irgend einer verdienten
Zucht zu entgehen' suchten, den Weg zu den Emigranten einschlugen
,
nicht übersehen werden. Der im Vergleich zu anderen Armeen hervorragende Sold,
der von den Ettenheimer Verantwortlichen versprochen wurde, lockte.
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
Tel.: +49 (07251) 9761-0, Fax: +49 (07251) 9761-12, e-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.
Letzte Änderung: 30. April 2003