Die Enttäuschung, die sich an die missglückte Flucht des
Königs anschloss, ließ Schwachstellen in der Organisation der Emigranten
deutlicher denn je zu Tage treten. Im ganzen Oberamt Ettenheim beschuldigte man
Soldaten, besonders gebürtige Franzosen, immer wieder, Frauen bedroht zu haben
.
Im Juli wurde ein 12jähriges Mädchen vergewaltigt und die Töchter eines
Ettenheimer Wirtes nur durch einen allgemeinen Aufruhr vor gleichem Schicksal
bewahrt
.
Das Verhältnis des Kardinals zu Mirabeau wurde aufgrund solcher Vorfälle schwer belastet. Anfang Juli wurde bekannt,
"... daß der Herr Cardinal
dem Vicomte zu erkennen gegeben; wenn die Vor-
fälle so fortdauern, alß alsdann die Legion nicht
länger mehr in dem OberAmt Ettenheim gelassen
werden könne."
Um
die Bevölkerung zu entlasten und die Soldaten einfacher kontrollieren zu
können, beschlossen die Verantwortlichen, versuchsweise Zeltlager zu errichten.
Zwei Grundstücke bei Ettenheimweiler wurden geliehen und einige Zelte
aufgeschlagen, die zunächst jeweils sechs Mann aufnehmen sollten
.
Zusätzlich wurden Tische und Bänke gebaut und rundherum ein Graben ausgehoben.
Neben jüdischen Kaufleuten waren Marketender von Lahr und Emmendingen für die
Verpflegung verantwortlich
.
Am 11. Juli 1791 wurden die ersten 26 Zelte
des Ettenheimweilerer Lagers bezogen. Bis zu 10 Mann wurden in einem Zelt
untergebracht, und sobald ein neues fertiggestellt war, wurden weitere Soldaten
einquartiert. Das Lager sollte auf ein Fassungsvermögen von 800 Mann ausgebaut
werden
.
Etwa vier Jeuch umfaßte das 'Campement',
als es Mitte Juli komplett war, umgeben von einem Graben mit Erdwall. Außerhalb
des Lagers patrouillierten 'Piqueter' zu Pferd und auf den Feldern waren Posten
errichtet
.
Mit der Unterbringung in Zeltlagern hatte
sich sowohl für die Legion als auch für die Bevölkerung einiges geändert.
Die Wildereien nahmen ein Ende, wie das Oberjägermeisteramt Mahlberg zufrieden
feststellte
,
und das Anhalten von Reisenden bei Ringsheim und deren Befragen auf Herkunft und
Ziel der Reise wurde vorübergehend - vermutlich auf Intervention Österreichs -
eingestellt
die Soldaten hingegen hatten Mitte Juli unter ungünstigster Witterung zu
leiden. Vor Regen und Nässe schützten die Zelte kaum, und Krankheiten begannen
um sich zu greifen
.
Die Lage der Offiziere hatte sich ebenfalls verschlechtert. Lohn erhielten sie
keinen, und das mitgebrachte Geld war längst aufgezehrt, selbst
Wertgegenstände begann man zu verkaufen
.
Die Gemeinen waren über die schlechter werdende Verpflegung erbost, besonders
aber darüber, dass ihnen 3 Sous, den Volontairs sogar 4 Sous vom täglichen
Sold abgezogen wurden
.
Die Verantwortlichen in Ettenheim spielten mit dem Gedanken, den Plan eines
Lagers für die bei Kappel untergebrachten Soldaten fallenzulassen
.
Immer noch waren die Rheinübergänge
gesperrt
und die Lage an der Rheingrenze äußerst gespannt. Vor allem am Rheinübergang
bei Kappel waren Schüsse keine Seltenheit mehr
.
In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1791 hatten Elsässer Soldaten bei Rheinau
mittels einiger Schiffe ins Rechtsrheinische überzusetzen versucht, wurden
jedoch durch die nach Kappel eilende Mirabeau'sche Legion zurückgetrieben. 16
Mann patrouillierten in der Folge nachts zu Pferd am Rhein und 2 kleine Kanonen
wurden am Ufer aufgestellt, um die Wachsamkeit, Präsenz und Stärke der Legion
zu demonstrieren
.
Solche nächtlichen Unruhen und Alarme, bei denen die im Oberamt liegenden
Soldaten an den Rhein marschierten oder ritten und die in der Regel - wie jener
Aufruhr am 25. Juli
- kaum mehr als blinder Alarm waren, bei dem eigene Leute als vermeintliche
Feinde angesehen wurden, förderten die Unsicherheit der Bevölkerung und die
Furcht vor einem tatsächlichen Angriff der Franzosen
.
Die
Gefahr eines Überfalls wurde durch den beständigen Ausbau der
gegenrevolutionären Armee immer größer
.
Der im Vergleich immer noch sehr gute Sold zog Deserteure von überall her an
.
Das im Mai errichtete Jäger-Korps wurde vergrößert
,
für Husaren und Kavallerie ständig Pferde angekauft
und insbesondere im Oberamt Oberkirch stark für die Mirabeau'sche Legion
geworben
.
Am 20. Juli wurde in
Mahlberg das Gerücht bekannt, dass in Straßburg ein ganzes Regiment desertiert
sei. In der Nacht vom 19. auf den 20. eilten zwei reitende Boten durch
Kippenheim in Richtung Ettenheim und gegen sieben Uhr morgens fuhr der Vicomte
de Mirabeau mit einem Vierspänner ins Oberamt Oberkirch
.
Dort gelang es ihm 150 Mann des in Landau stationierten Regiments Berwick, die
das Elsass verlassen und durch die Pfalz nach Renchen marschiert waren, am
21. Juli anzuwerben
.
65 Mann blieben in Renchen, der größte Teil wurde in Kappelrodeck einquartiert
.
Als unter den Soldaten Unruhen aufkamen
- ein Teil der Berwick'schen soll den Schritt über den Rhein bereut haben
- spielte man mit dem Gedanken, die Soldaten nach Neuwied zu verlegen
.
Erst nach einigen Verhandlungen wurde der weitere Verbleib der Truppen möglich
.
Täglich wurden vier
Stunden lang exerziert, ohne dass die Soldaten über die nötigen Waffen
verfügt hätten. Die Vermehrung der im Oberamt Oberkirch stationierten Truppen
schuf neue Ausrüstungsprobleme. Mirabeau versuchte 1000 neue Monturen
anfertigen zu lassen und der 'Pfunder von Grenzach' wurde um die Lieferung
weiterer Waffen angegangen
.
Um das Problem der Finanzierung zu lösen, befand sich Mirabeau-Tonneau anfang
August in Koblenz, wo er neue Gläubiger zu finden hoffte. Als er am 14. August
wieder in Ettenheim eintraf, berichtete man von einer größeren Summe, die er
mitgebracht habe
.
Nahezu unlösbar war hingegen die Frage der
Unterbringung der ständig wachsenden Anzahl von Fremden. Die Untere Herrschaft
war - nicht zuletzt durch die Ankunft der Berwick'schen Soldaten - vollkommen
überbelegt
.
In der Oberen Herrschaft hatte die Errichtung des Lagers bei Ettenheimweiler
zwar Abhilfe geschaffen, nachdem aber auch die Kavallerie von Grafenhausen nach
Weiler verlegt worden war - es lagen neben Weiler nun nur noch in Kappel
Truppen: die Grenadiere und die dorthin verlegten Husaren
- war jedoch auch die Kapazität des Lagers erschöpft. Ein Teil der Soldaten
zog daraufhin am 13. August 1791 in die 20 ersten Zelte eines zweiten Lagers
unterhalb Kappels, gegenüber des elsässischen Ortes Rheinau
.
Ende August errichteten sie in der Nähe eine Schanze, 'Fort' genannt, zu deren
Besatzung 60 Mann abgestellt wurden
.
Auch als am 23. August die beiden bis dato bestehenden Lager aufgehoben und zu
einem neuen 'Campement' bei Ringsheim vereinigt wurden, blieben diese 60 Mann,
wie auch die Husaren, in Kappel
.
Am 27. August wurde das
Lager bei Ringsheim, in dem mittlerweile 800 Mann untergebracht waren, durch
Abgesandte der Emigranten aus der Worms-Koblenzer Gegend inspiziert
.
Seit Einrichtung der gegenrevolutionären Truppen sind beständige Kontakte
zwischen Ettenheim und Worms beziehungsweise Koblenz belegt
.
Im Spätjahr 1791 scheinen diese noch einmal intensiviert worden zu sein. Schon
Anfang September wurde die Legion durch einen Marquis erneut begutachtet
‚
während unter den Soldaten davon gesprochen wurde, dass 1800 Mann Infanterie
und vier Dragonerregimenter der Kaiserlichen Armee auf dem Weg in den Breigau
seien
.
Unter den ständigen Rekrutentransporten
,
durch welche die Truppen im Oberamt Ettenheim weiterhin vergrößert wurden,
befanden sich am 17. September auch drei Wagen mit Zigeunern, die aus dem
Bärental in Lothringen stammten
.
Drei Tage später folgten deren Familien nach; in Kippenheim wagte man nicht,
den Wagen anzuhalten
.
Sieben 'Kerle', fünf 'Weibsleute' und zwei Kinder ließen sich am
22. September von einem Grafenhausener 'Rechenmacher' den Weg durch die
Waldungen ins 'Hanau-Lichtenberg'sche' zeigen. Die Mahlberger Oberamtsverwaltung
befürchtete, dass sie mit weiteren 'Zigeunertransporten' zurückkehren würden
.
Umgehend protestierte Carl Friedrich gegen
die Unterbringung von Zigeunern in der Nachbarschaft seines Territoriums und
forderte die sofortige Ausweisung derselben
.
Die badischen Oberämter wurden angewiesen, genauesten Bericht zu erstatten
.
Auch der Schultheiß von Grafenhausen trug dem Kardinal die
Beschwerden der Bevölkerung vor. Diebstähle, vor allem von Hühnern, lasteten
die Einheimischen den Neuankömmlingen an
.
Zunächst verblieben die Zigeuner jedoch im Oberamt. Zwar
hatte man sie nicht im Lager angenommen, auch empörten sich die Franzosen, als
der Plan bekannt wurde, sie mit den Zigeunern gemeinsam unter ein gleiches
Kommando zu stellen, doch versuchten dieselben zu erreichen, dass ein eigenes
Korps für sie errichtet werde
.
Sogar Pläne für die Uniform eines solchen Korps waren bekannt geworden;
schwarzweiß oder gelbweiß sollten die Monturen werden
.
Doch gegen den massiven Widerstand sowohl der Bevölkerung als auch der
Anliegerstaaten konnte Mirabeau die Zigeuner nicht weiter im Oberamt halten.
Zwei Louisd'or wurden ihnen als Abfindung und Reisegeld gegeben und am 29.
September 1791 hatten sie das Oberamt verlassen
.
Die zwischenstaatlichen Spannungen hatten sich in der
Zwischenzeit scheinbar gelegt. Bereits im August wurde der Karlsruher Regierung
berichtet, dass für das Bistum Basel kaum noch Gefahr bestehe
,
im Badischen gestattete man einzelnen Ortschaften, die Nachtwachen einzustellen
,
und auch beim Grenzverkehr herrschten Zustände wie vor 1789
.
Insgeheim jedoch trafen die rechtsrheinischen Herrschaften - die
fürstbischöflich-straßburgische Regierung hatte man von diesen ausgeschlossen
- Absprachen, um sich auf einen eventuellen französischen Angriff vorzubereiten
.
Die Hoffnung der Emigranten auf das
Eingreifen der Großmächte wurde durch einen von Rohan erhaltenen Brief,
demzufolge Truppen ins Breisgauische unterwegs wären, gestärkt
.
Auch ein preußischer General und der Prinz Hohenlohe, der kommandierende
General in Schlesien, sollen im Herbst in Ettenheim gewesen sein
.
Bereits Ende September wurde hinter
vorgehaltener Hand die Nachricht weitergegeben, dass einige tausend Mann der
österreichischen Armee auf dem Marsch zum Oberrhein wären. Munitionswagen
seien unterwegs nach Freiburg
.
Dem Vernehmen nach sollte auch die Nationalgarde in Bewegung gesetzt werden
.
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Letzte Änderung: 29. April 2003