Die aktuelle Predigt

aus der Pfarrei St. Peter in D-76646 Bruchsal

Letzte Aktualisierung: 16. Mai 2012   Zu den Seiten der Pfarrei St. Peter in D-76646 Bruchsal   Zum Stichwortverzeichnis der Pfarrei St. Peter in D-76646 Bruchsal

Weitere Predigten und Ansprachen von Pfarrer Dr. Jörg Sieger finden sie auf den Seiten Predigten aus der Praxis, sowie auf den Seiten  "Unser Glaube - Versuch zeitgemäßer Antworten". Und Anregungen zum Nach- und Weiterdenken bietet der Lichtblick im Alltag. Vorträge und Ansprachen von Gemeindereferentin Marieluise Gallinat-Schneider finden Sie auf deren Homepage.

Christi Himmelfahrt - Lesejahr A-C (Apg 1,1-11)

Im ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich über alles berichtet, was Jesus getan und gelehrt hat, bis zu dem Tag, an dem er in den Himmel aufgenommen wurde. Vorher hat er durch den Heiligen Geist den Aposteln, die er sich erwählt hatte, Anweisungen gegeben. Ihnen hat er nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen. Beim gemeinsamen Mahl gebot er ihnen: Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt. Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft. Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her? Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde. Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen. (Apg 1,1-11)

In Freiburg gibt es einen Wegweiser. Ein Pfeil zeigt nach unten - und da steht dann "Hölle". Der andere zeigt nach oben und ist beschriftet mit "Himmel".

So einfach ist das offenbar. Zumindest haben es sich Menschen lange Zeit so einfach vorgestellt.

Liebe Schwestern und Brüder,

der Himmel ist da oben, irgendwo über den Wolken. Und wenn Christus in den Himmel auffährt, dann schauen die Jünger natürlich nach oben - denn wo sollten sie auch anders hinschauen. Und weil es so einfach ist, deshalb konnte der Kosmonaut Juri Gagarin 1961 auch ganz einfach spotten: "Ich war im Himmel und habe mich genau umgesehen. Es gab keine Spur von Gott."

Jetzt wissen wir natürlich, dass die Vorstellung Gagarins, dass Gott da irgendwo über den Wolken thront, Quatsch ist. Gott sitzt nicht irgendwo und der Himmel ist auch nicht an einem Ort. Wenn wir vom Himmel als einem Ort "da droben" sprechen, dann wissen wir, dass das ein Bild ist und dass damit etwas ausgedrückt werden soll, was man mit Worten ansonsten nicht auszudrücken vermag.

Das war aber nicht immer so! Aussagen der Bibel bildhaft und nicht wörtlich zu verstehen, das war nicht immer ungefährlich. Es gab ja Zeiten, da wären Menschen gesteinigt, nein, verbrannt worden, wenn sie davon gesprochen hätten, dass es in der Bibel nicht um naturwissenschaftliche oder historische Zusammenhänge geht.

Wie war das denn, als Menschen plötzlich zu sagen wagten, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sei oder dass die Erde alles andere wäre als eine Scheibe? Und noch keine 70 Jahre sind es her, da mussten katholische Exegeten, wider besseren Wissen lehren, dass Mose alle Worte der sogenannten fünf Bücher Mose mit eigener Hand geschrieben habe.

Und selbst heute noch fürchten ja viele um die Substanz des Glaubens, wenn man die Bibel nicht wortwörtlich auslegt, wenn man anmerkt, dass Jesus - historisch gesehen - womöglich gar nicht in Bethlehem geboren worden sei, oder dass die Erscheinungen, wie sie vom Ostermorgen berichtet werden, mit dem historischen Geschehen in Israel zur damaligen Zeit, gar nicht viel zu tun haben.

Wie oft kleben Menschen an den Worten und an den Bildern, an den Geschichten und den Gleichnissen und meinen, schon den Boden unter ihrem Glaubensfundament entzogen zu bekommen, wenn man auch nur im geringsten an diesen Bildern rüttelt.

Dabei ist gerade der heutige Tag einer, der uns genau die Grenzen von Bildern ganz plastisch vor Augen führt.

Der Tag, an dem wir daran denken, dass der menschgewordene Gottessohn hinübergegangen ist in jene andere Dimension von Wirklichkeit, von der er immer gesprochen hat, das ist doch genau der Tag, der uns deutlich macht, dass diese andere Wirklichkeit des Lebens, dass Gottes Größe und Macht all unser Denken übersteigt. Alle Versuche, Gott und sein Wirken auf Tage und Stunden festzulegen oder mit Metern und Litern zu messen, alle Bemühungen Gott in Worte zu fassen oder auch nur davon erzählen zu wollen, sind doch von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Wir sprechen vom Undenkbaren und berichten vom Unfassbaren. Und obwohl wir davon sprechen, bleibt das Eigentliche genau das, was es ist: Unfassbar und undenkbar nämlich.

Bilden wir uns doch nicht ein, dass wir das, was sich zwischen Himmel und Erde ereignet hat, wirklich beschrieben hätten, wenn wir mühsam ein Bild dafür gefunden haben, dass wir das Eigentliche des Geschehens mit Lehrsätzen ausdrücken oder mit Worten fassen könnten. Was sich wirklich ereignet hat, ist weit größer, als alle Weihnachtsgeschichten oder Osterberichte, größer als alle Bibeltexte und alle Glaubensbekenntnisse zusammen. Sie alle sind nur stammelnde Versuche, das was wir nicht fassen können, doch noch irgendwie mitteilbar zu machen, irgendwie ausdrücken zu können.

Wir dürfen deshalb nicht an den Sätzen kleben bleiben, an den Worten und an den Bildern. Es muss uns stets bewusst bleiben, dass hinter unseren Ausdrucksweisen eine viel größere Wirklichkeit steht, die wir höchstens zu erahnen vermögen. Es ist meist kein Zeichen besonderer intellektueller Größe, wenn man sich wegen Formulierungen die Köpfe einschlägt oder andere verketzert, weil sie andere Bilder verwenden.

Ringen wir deshalb um eine Weite des Denkens, eine Weite, die es braucht, um nicht der Versuchung zu unterliegen, wir könnten Gott begreifbar und sagbar machen.

Wer im klein-klein verharrt, der wird sich von der Wirklichkeit Gottes entfernen. Nur wenn wir uns bewusst machen, dass unser Sprechen von Gott auch heute noch, so weit von ihm entfernt ist, wie das Bild von der Erde als Scheibe, von der Wirklichkeit unseres Planeten in der unendlichen Weite des Weltalls, nur dann werden wir auch nur im entferntesten erahnen, auf welches Wagnis wir uns einlassen, wenn wir versuchen uns dem Geheimnis Gottes mit unserem Denken zu nahen.

Kein Problem: wir dürfen uns über den Wegweiser in Freiburg freuen, weil er uns an etwas erinnert, etwas vor Augen führt, was wir zu denken eigentlich gar nicht in der Lage wären. Wir dürfen alle Gleichnisse, alle Erzählungen und alle Bilder nutzen, weil sie uns helfen wollen, das Undenkbare zu fassen. Aber wir dürfen all dies nie mit der Wirklichkeit verwechseln.

Wenn wir das beherzigen, wenn wir uns die Grenzen all unserer Bilder immer wieder klar machen, dann wird man uns auch nie verunsichern können. Wenn dann wieder einmal irgend eine Illustrierte groß damit aufmacht, dass dies oder jenes Ereignis ja gar nicht historisch und jener Ort ja überhaupt nicht belegt sei, wenn wieder einmal festgestellt wird, dass eine Geschichte eben nichts anderes als eine Geschichte und ein Bild nichts anderes als eben ein Bild ist, dann wird niemand von uns dadurch verunsichert sein.

Wie könnte er auch. All diese Bilderstürmer, die da glauben, ganz neue und großartige Wahrheiten zu verkünden, sie werden bei uns im letzten nichts anderes als offene Türen einrennen.

Amen.

(Dr. Jörg Sieger, Pfarrer)

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7. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr B (Apg 1,15-17. 20a. c-26)

In jenen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder - etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen - und sagte: Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus über Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anführer derer, die Jesus gefangen nahmen. Er wurde zu uns gezählt und hatte Anteil am gleichen Dienst. Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Amt soll ein anderer erhalten! Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde, - einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Dann beteten sie: Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen. Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. Dann gaben sie ihnen Lose; das Los fiel auf Matthias, und er wurde den elf Aposteln zugerechnet. (Apg 1,15-17. 20a. c-26)

Kennen Sie die zwölf Apostel? Können Sie eigentlich gar nicht kennen, es gab sie nämlich gar nicht!

Liebe Schwestern und Brüder,

bevor Sie mir jetzt vorwerfen, Irrlehren zu verbreiten, schauen Sie einfach selbst einmal ganz genau hin. Natürlich gibt es Stellen im Neuen Testament, die von zwölf Aposteln sprechen. Das sind aber jüngere Abschnitte, Texte wohl wenigstens aus der zweiten Generation, von Menschen geschrieben, die die Ursprünge selbst schon gar nicht mehr miterlebt haben. Die ältesten Texte des Neuen Testamentes unterscheiden immer sehr sauber. Sie sprechen von Aposteln und von den Zwölf - und das ist nicht einfach das selbe.

Apostel gab es nämlich viele. Barnabas ist Apostel und Paulus, obwohl sie nie zum Zwölferkreis gehört haben. Diese Zwölf aber, das scheint ein Kreis von Menschen gewesen zu sein, die Jesus anfangs um sich geschart hat - Sinnbilder der zwölf Stämme des Volkes Israel, das Jesus ja ursprünglich neu zu sammeln als seine Aufgabe gesehen hat.

Dieser Zwölferkreis wurde nach dem Ausscheiden des Judas Iskariot nur noch ein einziges Mal wieder hergestellt - in der heutigen Lesung, die von der Wahl des Matthias berichtet, haben wir davon gehört. In der darauf folgenden Zeit hat jener Kreis wohl seine Bedeutung verloren. Er wurde nie mehr erneuert und fand nicht einmal mehr Erwähnung. Und später hat man dann auch aufgehört zwischen den Zwölf und den Aposteln zu unterscheiden. Man hat einfach von den zwölf Aposteln gesprochen, ohne darauf zu achten, dass in der Schrift weit mehr als zwölf Menschen den Aposteltitel tragen.

Warum ich das hier so ausbreite? Weil es nicht unwichtig ist!

Es ist ein Beispiel dafür, dass die Bibel etwas anderes ist, als ein Geschichtsbuch. Sie will uns nicht minutiös berichten, was sich damals zugetragen hat.

Sie müssen etwa nur einmal die Berichte vom Einzug in Jerusalem nebeneinanderlegen. Das Markusevangelium beispielsweise spricht davon, dass aus der Wallfahrer-Gruppe Jesu einige die hinterher- und vorausgingen, Zweige abrissen und Hosanna zu singen begangen. Das waren aber dann offenbar nur Menschen, die mit Jesus aus Galiläa angereist waren. Im späteren Johannesevangelium scheint es aber so, als wären gleich alle Festpilger herbeigelaufen gekommen, um dem einziehenden König zu huldigen. Beide Evangelien schildern ein und das selbe Ereignis auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Hier wird recht deutlich, dass es offenbar nicht darum ging, genau zu berichten, was sich wie und wann damals zugetragen hat. Was genau geschehen war, darauf kam es den Schreibern des Neuen Testamentes, wie überhaupt allen biblischen Schriftstellern gar nicht so sehr an. Das war gar nicht so wichtig. Viel wichtiger als das, was geschehen war, war, was dieses Geschehen für uns bedeutet!

Und das ist heute ja nicht anders. Sie können alle möglichen Fakten zusammentragen, damit haben sie noch lange nichts gewonnen. Sie können sämtliche Daten auf Vorrat speichern, am Ende werden sie in der Datenflut ersticken. Solange sie die Fakten nicht deuten können, nicht wissen, welche Bedeutung eine entsprechende Information hat, können Sie nichts damit anfangen.

Genau das aber will uns die Bibel vermitteln, das ist für sie das Entscheidende.

Die Bibel liefert uns keine Biographie Jesu. Sie finden keinen Bericht über seine Ausbildung, seine Größe, nicht einmal seine Haarfarbe ist überliefert. All das ist unbedeutend und hat auch nicht interessiert. Wirklich wichtig ist, wer dieser Jesus für uns ist und was all die Dinge, die er getan hat, für uns bedeuten.

Wichtig war, dass dieser Jesus von Nazareth uns Menschen einen neuen Zugang zu Gott verkündet hat, einen unmittelbaren, einen, der keinen Mittler brauchte, keinen Opferpriester, der zwischen dem großen Gott und den kleinen Menschen vermittelte.

Wichtig war, dass dieser Jesus den Menschen nahegebracht hat, dass jeder und jede ihren ganz unmittelbaren Zugang zu Gott haben, wie zu einem Vater und einer Mutter, wie zu jemandem, der mich ganz unmittelbar angeht.

Und das bezeugt das Neue Testament auf all seinen Seiten, dazu ist es geschrieben. Es will uns nicht zuerst geschichtliche Fakten vermitteln. Völlig egal, wie genau der Einzug in Jerusalem vor sich gegangen ist. Nicht wichtig, wer jetzt zum Zwölferkreis dazugehörte und wer nicht. Die Bibel beschäftigt sich nicht mit den Details. Sie will uns die Ereignisse deuten helfen. Sie will uns deutlich machen, was jenes Geschehen, das sich damals ereignet hat, für uns bedeutet - und nicht zuletzt für uns heute.

Denn nur dazu ist sie geschrieben, dazu, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Amen.

(Dr. Jörg Sieger, Pfarrer)

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