Bruchsaler Rundschau Nr. 243 vom Mittwoch, 20. Oktober 2010 - Seite 19
Wenn zwei international ausgewiesene Meister ihres Faches nach Bruchsal "pilgern", um in der Barockkirche St. Peter "die Orgeln zu schlagen", dann muss sie eine besondere Anziehungskraft dazu motivieren: Ist es der unverwechselbare Sakralraum mit seiner vielgepriesenen Kathedralakustik, das schlichte Bruchsaler Gold der opulenten Innenausgestaltung, das korrespondierende Klangbild der beiden Slajch-Orgeln, oder die besondere Gastfreundschaft des Meisterkonzert-Veranstalters, welche ohne die Unterstützung der Sparkasse Kraichgau sicherlich bescheidener ausfiele? Wie auch immer, die internationale Organistenprominenz gibt sich in St. Peter zu Bruchsal ein Stelldichein.
Zu Silvester wird es Michael Higgins aus Wimbledon bei London sein, liest man auf dem Programmzettel. Jetzt standen originelle Kompositionen für zwei Orgeln von Georg Friedrich Händel und von Padre Antonio Soler aufdem Programm, darüber hinaus Solowerke für Orgel von Johann Sebastian Bach und Johann Kaspar Kerll.
Der erfolgreiche Christuskirchenkantor und Cheforganist Carsten Wiebusch aus Karlsruhe musizierte gemeinsam mit seinem nicht minder prominenten Kollegen Jörg Halubek aus Stuttgart. Ihr überaus riskantes Experiment gelang vorzüglich, nämlich mit mehr als 40 Metern Abstand zwischen Empore und Chorraum und einer trickreichen Verzögerungsakustik zwei Orgelkonzerte, die im Original von Georg Friedrich Händel der Orgel und einem Orchester zugedacht waren, auf den beiden Orgeln in St. Peter zu spielen, und zwar den Soloteil auf der Chororgel und den Orchesterteil von der Empore. Dies kann nur gelingen, wenn die Akteure nicht nur hörend aufeinander reagieren - dies hätte verschleppende Konsequenzen -, sondern die Komposition gleichsam verinnerlicht, deren rhythmisch-metrischen Fortgang sublimiert haben. Künstlerisch sind beide Experten aus dem gleichen Holz geschnitzt, und sie gestalten hinsichtlich ihrer barocken Verzierungskunst immer stilgetreu und geschmackvoll.
Carsten Wiebusch studierte Kirchenmusik, schloss mit Auszeichnung ab. Er ist Preisträger mehrerer internationaler Wettbewerbe und konzertierte an bedeutenden Orgeln in der Welt. Jörg Halubek studierte Orgel, Cembalo, Dirigieren und Musikwissenschaft. Er ist Dozent für Orgel, Cembalo und Historische Aufführungspraxis an den Staatlichen Hochschulen für Musik in Stuttgart und - wie sein Duopartner Carsten Wiebusch - auch in Karlsruhe. Inzwischen lehrt er als Professor für Historisehe Tasteninstrumente an der Anton-Bruckner-Universität in Linz.
Im fliegenden Wechsel spielten beide mal an der Chororgel, dann wieder auf der Empore: Halubek die d-moll-Toccata und Passacagliades frühbarocken Meisters Johann Caspar Kerll, dem Frescobaldi- und Carissimi-Schüler, der in München und Wien im 17. Jahrhundert wirkte. Wiebusch indes gestaltet mit unglaublicher Pedalarbeit und atemberaubenden Tempi die C- Dur-Toccata samt Adagio und Fuge, von Johann Sebastian Bach, BWV 564. Besonders interessant gelang die selten gehörte Originalkomposition für zwei Orgeln aus der klassischen Stilepoche, das Concerto Nr. 4 in F-Dur des Spaniers Padre Antonio Soler, dreisätzig mit charmanten Wendungen und spielerischem Duktus, und wie es sich zeigte, auch überaus zugabengeeignet.
Wieder einmal wurde ein Meisterkonzert in St. Peter zu Bruchsal mit der bewährten und überzeugenden Tradition wechselnder Duobesetzungen zum besonderen künstlerischen Ereignis in einer unverwechselbaren, quasi weltentrückten Atmosphäre, die ihresgleichen sucht.
Klaus Evers
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