Bruchsaler Rundschau Nr. 287 vom Freitag, 11. Dezember 2009 - Seite 17
Man traut seinen Ohren kaum: Da stehen 30 Kinder im Grundschulalter, die ein künstlerisch anspruchsvolles Konzertprogramm von eineinhalb Stunden in St. Peter fehlerfrei und auswendig vortragen.
Und dabei stellen sich methodische, aber auch pädagogische Fragen an die verantwortlichen Musikerzieherinnen des Dubna-Knabenchores aus Russland: Welche Anstrengungsbereitschaft ist für diese musikalische Meisterleistung erforderlich, wie und weshalb wird dieser unbändige Leistungswille in die musikalische Gemeinschaftsproduktion von Kindern und Jugendlichen eingebracht? Zumindest als Ausnahmeerscheinung kennt man es von den Thomanern in Leipzig oder von den Regensburger Domspatzen.
Die Barockkirche St. Peter in Bruchsal ist unangefochten die kirchenmusikalisch „gute Stube" der Stadt mit ihrem unverwechselbaren Charme, ihrer zauberhaften und stimmungsvollen Raumatmosphäre und der vorzüglichen, nicht ganz risikolosen Akustik. Meisterhaft gelang dem Chor der gestalterische Umgang gerade mit diesem klanglichen Angebot des sakralen Kleinods. Dynamische Kontraste konnten unglaublich polarisiert werden, ein Pianissimo wie aus weiter Ferne und ein imposanter, dennoch immer kultivierter Schalldruck im gesunden Fortissimo.
Beiträge aus der Marienverehrung, zwei Glorias, davon eines in typischem wolga-russischem Melancholie-Moll, das andere jazzig mit rockigem Hüftschwung der Buben, ein Sanctus und drei Soli von den Jüngsten auf dem Podium meisterhaft interpretiert, singtechnisch makellos und intonatorisch vorbildlich vorgetragen.
Am Klavier begleitete Lilija Kusnezova hochprofessionell, die schwierigsten Sätze ganz ohne Noten, immer sängerisch mitatmend, konzentriert, mit der Chorliteratur und der Diktion der Leiterin bestens vertraut. Besungen wird die Schönheit der russischen Landschaft und das Programm hilft mit abgedruckten Übersetzungen dem besseren Verständnis der Vorträge. Nie hörte man das Halleluja aus Händels Messias leichter, lockerer und in rasanterem Tempo.
Aus der Feder der Chorleiterin Olga Mironova folgen Huldigungen an Heidelberg und den Rhein-Neckar-Kreis als Mäzen des Chores und an die Heimatstadt Dubna. Beim „Stille Nacht" halten die Konzertbesucher in der voll besetzten Peterskirche den Atem an und lauschen andächtig gerührt den Engelstimmen bevor sie im Schlussapplaus von den Sitzplätzen gerissen dankbare Beifallstürme als Gastgeschenke mit auf die Rückreise nach Russland geben.
Der Rotary Club Bruchsal-Schönborn hatte das Gastkonzert des Knabenchores aus Dubna, der einzigen staatlichen Chorschule der Region um Moskau als Benefizveranstaltung zur Förderung der dortigen musikerzieherischen Arbeit organisiert. Das Landratsamt des benachbarten Rhein-Neckar-Kreises unterhält eine langjährige Partnerschaft mit der Schule und hat, die musikalischen Gäste nach Bruchsal entsandt.
Total verblüfft hat das unglaubliche künstlerische Niveau. Harte und konsequente Probendisziplin in höchster Konzentration scheinen Grundbedingungen des musikerzieherischen Erfolges zu sein. Nur unter Druck entstünden Diamanten, sagt ein russisches Sprichwort. Kurt Masur hat dies pädagogisch erträglicher formuliert: „Leichtigkeit resultiert allein aus der Überwindung von Schwierigkeiten."
Johann J. Beichel
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