Willi - Das Stadtmagazin, Dezember 2009 - Seite 42
Text und Bilder: Ingo Gießmann
Seit September stapeln sich Schoko-Nikoläuse in den
Supermärkten, in den Baumärkten der Region gibt es seit
Wochen die Komplettausstattung Christbaum-Schmuck
und der Einzelhandel wirbt mit den perfekten Geschenken
für die Lieben. Bleibt da Weihnachten und dessen
Grundgedanke auf der Strecke? WILLI hat sich mit einem
unterhalten, der es wissen muss: Pfarrer Dr. Jörg Sieger.
Wenn man die Vielfalt sieht die angeboten wird, wann und wo weihnachtlich dekoriert ist, um zum Kauf zu animieren: Wie kommerzialisiert ist Weihnachten?
Jörg Sieger: Die Frage haben Sie im Grunde schon selbst beantwortet. Es gibt kein Fest das so vermarktet wird wie Weihnachten. Wobei ich nicht von Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes sprechen würde. Mit dem Weihnachtsfest an sich hat das alles nämlich relativ wenig zu tun.
Wie weit sind wir vom ursprünglichen Weihnachten entfernt?
JS: Das ist ein grundsätzliches Problem. Wir sprechen zwar alle davon, dass wir eine christlich geprägte Gesellschaft sind und dass es gilt, die christlichen Werte hochzuhalten. Die meisten meinen aber dabei viel eher unsere abendländische Tradition und das Denken, das sich in ihr herausgebildet hat. Vieles davon hat mit Christ sein und biblischen Wurzeln aber ganz wenig zu tun. Beim Weihnachtsfest meinen die meisten, dass Advent und Plätzchen, Tannenbaum und Weihnachtslieder und erst recht das Schenken doch unverzichtbar zum Festinhalt gehören. Das wenigste davon ist wahr. Nur ein Beispiel: Wenn wir auf Weihnachten bezogen vom Schenken sprechen, dann geht es um das Geschenk, das Gott uns gemacht hat, indem er uns in Jesus von Nazareth auf Augenhöhe begegnet. Wir sind die Beschenkten. Und wir können auf dieses Beschenktsein nur dadurch antworten, indem wir die uns von Gott geschenkte Wertschätzung anderen Menschen weiterschenken - das hat mit Kaufen von Geschenken eigentlich ganz wenig zu tun.
[Vorstehend die abgedruckte, gekürzte Antwort. Hier der ursprüngliche Text:
Das ist ein grundsätzliches Problem. Wir sprechen zwar alle davon, dass wir
eine christlich geprägte Gesellschaft sind und dass es gilt, die christlichen
Werte hochzuhalten. Die meisten meinen aber dabei viel eher unsere
abendländische Tradition und das Denken, das sich in ihr herausgebildet hat.
Vieles davon hat mit Christsein und biblischen Wurzeln aber ganz wenig zu tun.
Das sieht man schon, wenn man einzelne Begriffe betrachtet. "Erfolgreich
wirtschaften" zum Beispiel - das bedeutet für uns in der Regel
"Gewinn machen". In der biblischen Tradition aber hat man dann
erfolgreich gewirtschaftet, wenn alle versorgt sind. Das ist häufig etwas ganz
anderes.
Auch beim Weihnachtsfest meinen die meisten, dass Advent und Plätzchen,
Tannenbaum und Weihnachtslieder und erst recht das Schenken doch unverzichtbar
zum Festinhalt gehören. Das wenigste davon ist wahr. Nur ein Beispiel:
Wenn wir auf Weihnachten bezogen vom Schenken sprechen, dann geht es um das
Geschenk, das Gott uns gemacht hat, indem er uns in Jesus von Nazareth auf
Augenhöhe begegnet. Wir sind die Beschenkten. Und wir können auf dieses
Beschenktsein nur dadurch antworten, indem wir die uns von Gott geschenkte
Wertschätzung anderen Menschen weiterschenken - das hat mit Kaufen von
Geschenken eigentlich ganz wenig zu tun.]
Kinder werden mit Geschenken überhäuft, es werden viele neue Produkte herausgebracht, für den Einzelhandel ist Weihnachten das Geschäft des Jahres. Wie verwerflich ist es, mit dem Fest der Liebe den großen Reibach zu machen? Auf der anderen Seite: Die Situation des Handels wird immer schwieriger, irgendwie muss die Existenz gesichert werden. Haben Sie Verständnis dafür, dass Händler Kapital aus dem Fest der Liebe schlagen (müssen)?
JS: Im Grunde ist da nichts Verwerfliches dabei. Ich verstehe den Handel ja auch. Es stellt sich leider immer wieder heraus, dass Menschen bereit sind, diese Weihnachtseuphorie mitzumachen. Offenbar will man genau diesen Rummel und der wird vom Handel und der Industrie ganz einfach bedient. So funktioniert unsere Gesellschaft - christlich ist das nicht und mit Weihnachten hat es eben wenig zu tun.
Wie sieht für Sie das Ideal von Weihnachten aus?
JS: Mein Ideal? Es muss um Weihnachten gehen, nicht um die Vorbereitung. Die ist Mittel zum Zweck und der Zweck ist das Fest. Denn ohne das Weihnachtsfest gibt es keine Adventszeit. Ohne das wirkliche Fest ist die Vorbereitung umsonst. Beim Fest selbst geht es für mich zunächst um eine kirchliche Feier. Weihnachten ohne Gottesdienste und deren aktive Teilnahme ist wie schwimmen ohne Wasser. Ein weiterer Aspekt sind die Menschen, die mir etwas bedeuten. Und da kann jeder selbst am besten überprüfen, ob die Art und Weise, wie Weihnachten gefeiert wird, gut tut oder nicht. Aufgedrehte Kinder nach zwei Stunden Geschenkpapierschlacht gehören für mich nur bedingt dazu.
[Vorstehend die abgedruckte, gekürzte Antwort. Hier der ursprüngliche Text:
Sprechen wir jetzt von Weihnachten oder von der Adventszeit? Es geht ja schon
damit los, dass hier kaum noch ein Unterschied gemacht wird. Die Adventszeit ist
für viele ja schon zur eigentlichen Weihnachtszeit geworden. Ich kenne kaum
Weihnachtsfeiern, die nicht vor Weihnachten stattfinden. Strenggenommen sind das
aber Adventsfeiern. Weihnachtsfeiern sind in der Weihnachtszeit. Die aber
existiert für die meisten Menschen schon gar nicht mehr. Und das ist der
eigentliche Knackpunkt. Wir dehnen die Vorbereitungszeit, die Adventszeit, immer
mehr aus. Aus den vier Wochen machen wir eine Zeit, die bereits im September
beginnt. Weihnachten ist dann am 25. Dezember für die allermeisten aber schon
wieder vorbei. Dabei ging früher die Weihnachtszeit vom Vorabend des 25.
Dezembers bis zum 2. Februar - heute dauert sie bei uns offiziell immerhin noch
bis zum Fest der "Taufe des Herrn", also dem 10. Januar im nächsten
Jahr. Wenn wir an diesem Termin "O du fröhliche" singen, schauen
einige schon ganz irritiert.
Wir bereiten vor, können aber nicht mehr feiern. Früher wusste man offenbar
noch darum, dass Feste gefeiert werden möchten und das über mehrere Tage, ja
Wochen hinweg. Man bereitet sich auf etwas ausgiebig vor und kann dann das
Ereignis auch richtig genießen. Bei uns sind die Menschen so mit der
Vorbereitung beschäftigt, dass das Fest gleichsam vergessen wird. "Wenn di
Wihnachte nur scho wieder vorbei wäre!" stöhnen Menschen in der Endphase
der Adventszeit. Das lässt tief blicken.
Mein Ideal? Es muss um Weihnachten gehen, nicht um die Vorbereitung. Die ist
Mittel zum Zweck und der Zweck ist das Fest. Denn ohne das Weihnachtsfest gibt
es keine Adventszeit. Ohne das wirkliche Fest ist die Vorbereitung umsonst.
Beim Fest selbst geht es für mich zunächst um eine kirchliche Feier.
Weihnachten ohne Gottesdienste und deren aktive Teilnahme ist wie Schwimmen ohne
Wasser.
Und der zweite Aspekt sind die Menschen, die mir etwas bedeuten. Und da kann
jeder und jede selbst am besten überprüfen, ob die Art und Weise, wie
Weihnachten gefeiert wird, gut tut oder nicht. Aufgedrehte Kinder nach zwei
Stunden Geschenkpapierschlacht gehören für mich nur bedingt dazu.]
Was fällt Ihnen besonders auf?
JS: Dass es eigentlich nur noch um die Vorbereitung und nicht mehr um das Feiern geht, wird immer deutlicher. Vor einigen Jahren begegneten mir in einem Bruchsaler Geschäft schon am 27. Dezember die ersten Osterhasen.
[Nicht abgedruckte Frage: Gibt es einen Zwischenweg, der von beiden Seiten zu vertreten wäre?
Und die entsprechende Antwort: JS: Ich glaube nicht, dass der leicht möglich wäre. Entweder ich lasse mich auf den eigentlichen Gehalt des Weihnachtsfestes ein - und das versuchen nicht wenige -, dann ist die Gefahr, dass Weihnachten sinnentleert wird, nicht besonders groß. Oder mir liegt am christlichen Hintergrund des Festes nur wenig, dann ist es eigentlich recht egal, wie ich "Weihnachten" feiere. Es wird dann nie ein Weihnachtsfest im eigentlichen Sinne sein.]
Stichwort Weihnachtsmärkte: Ein Verrat an der Tradition?
JS: Nein, warum auch? Die Weihnachtsmärkte gehören seit alters her zur Adventszeit. Dass sie wenig mit Weihnachten zu tun haben, wenn sie überwiegend von Menschen geprägt sind, denen der christlich kirchliche Kern des Weihnachtsfestes nichts mehr bedeutet oder die sich ihre eigene Weihnachtskultur zusammenbasteln, steht auf einem anderen Blatt. Das "Christkindl" des Nürnberger Weihnachtsmarktes wurde einmal von einer japanischen Reisegruppe gefragt, was es denn eigentlich sei. Und in diesem Interview gab es zur Antwort, es sei die Gehilfin des Weihnachtsmannes. So etwas ist für mich dann natürlich schon fast der Ausverkauf des Weihnachtsgedankens.
Viele Kinder freuen sich über Geschenke und freie Tage, wissen aber oft nicht, wofür das Fest steht. Was kann man dagegen tun?
JS: Es geht darum immer und überall die eigentliche Bedeutung klarzumachen. Und das fängt schon damit an, wie diejenigen, denen an Weihnachten in seiner eigentlichen Bedeutung etwas liegt, davon sprechen. Wir müssen erklären und auch richtig stellen. Es gibt beispielsweise in der Adventszeit den Heiligen Nikolaus. Einen Weihnachtsmann aber gibt es nicht. Der ist Unsinn. Bei uns ist "Weihnachtsmannfreie- Zone". Christen sollten diese Werbeikone weder verwenden noch als Schokoladenfigur verschenken.
[Vorstehend die abgedruckte, gekürzte Antwort. Hier der
ursprüngliche Text: Es geht
darum immer und überall die eigentliche Bedeutung klarzumachen. Und das fängt
schon damit an, wie diejenigen, denen an Weihnachten in seiner eigentlichen
Bedeutung etwas liegt, davon sprechen. Wir müssen erklären und auch richtig
stellen. Es gibt beispielsweise in der Adventszeit den Heiligen Nikolaus. Einen
Weihnachtsmann aber gibt es nicht. Der ist Unsinn. Bei uns ist "Weihnachtsmann-freie-Zone".
Christen sollten diese Werbeikone weder verwenden noch als Schokoladenfigur
verschenken. Es gibt auch Schokoladennikoläuse! Hier kann man durch bewusste
Auswahl durchaus auch Druck auf das Angebot machen.
Darüber hinaus kann man sich auch verweigern und das tut in manchen Bereichen
wirklich Not. So etwas setzt Zeichen. Ich wehre mich beispielsweise seit Jahren
gegen die Flut von Weihnachtskarten. Im Zeitalter der Serienbriefe, die von
Computern - ohne Bezug zum Adressaten - ausgefüllt werden, verkommen die
letztlich sogar zum Werbemüll. Und immer mehr Menschen stöhnen über die
vermeintliche Verpflichtung, Weihnachtskarten schreiben zu müssen. Ich möchte
aus diesem Teufelskreis ausbrechen. Deshalb schreibe ich selbst fast keine
Karten mehr und beantworte höchstens noch welche.]
Wie verbringen Sie das Fest?
JS: Zunächst einmal, indem wir miteinander die Gottesdienste feiern. Die haben großes Gewicht und brauchen auch einiges an Vorbereitung. Und danach? Im Kreise von Menschen, die mir etwas bedeuten - nach den Feiertagen ein paar Tage mit meinen Eltern. Und darüber hinaus mit Lesen, Musikhören kaum Festtagsschmuck aber dafür umso mehr Ruhe.
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Pressespiegel der Pfarrei St. Peter
in D-76646 Bruchsal