Willi - Das Stadtmagazin, Oktober 2006 - Seite 40-43
Text und Bilder: Martin Stock
Bilder: Martin Stock, Sancta Maria, egghead
Hoch
über Bruchsal thront Sancta Maria als alte und ehrwürdige Bildungsstätte für
viele Generationen von Frauen und auch einigen wenigen Männern
»Lange sitzen wir schon hier oben und schauen über die Stadt,« sinnieren die steinernen Fensterbänke. »Ja wir haben schon viele Stürme erlebt,« erinnern sich die Dachziegeln, »und liegen immer noch fest.« »Wie viele Schülerinnen, Dozenten, Schwestern, Lieferanten, Handwerker und Bruchsaler Bürger über uns hinweg gestiegen sind, kann man gar nicht mehr zählen,« stöhnen die zahlreichen Treppenstufen vor dem Eingang des Gebäudes.
»Ja und jetzt haben sich die Handwerker noch einmal mächtig ins Zeug gelegt in den Sommerferien. Da waren ja keine Schülerinnen da und sie hatten viel Platz,« zischeln die vielen Stühle, die beiseite geräumt worden waren. »Denn das große Jubiläum steht ja unmittelbar bevor. « »100 Jahre sind jetzt seit der Grundsteinlegung vergangen, « raunen sich die dicken Wände zu. »Das muss auch gebührend gefeiert werden.« »Und in den all den Jahren habe ich meine segnenden Hände über dieses Haus gehalten,« sagt der, der am Kreuz hängt in der Kapelle, dem geistlichen Zentrum von »Sancta Maria«. So konnte das »Sancta« selbst zum Segen werden für die, die in ihm ein und aus gingen; die Schülerinnen, die Schwestern und Dozenten, die Verwundeten als das Haus im 1. und 2. Weltkrieg zum Lazarett wurde, die Bürger Bruchsals, die nach dem Bombenangriff am 1. März 1945 eine vorübergehende Bleibe dort fanden, die Menschen, die zu den Gottesdiensten in die Kapelle kamen und viele andere. Die Steine des Hauses und auch mancher Einrichtungsgegenstand, wie die große Kuckucksuhr im Foyer, könnten viele Geschichten erzählen. So wundert es nicht, wenn eine Schülerin auf die Frage antwortet, warum sie sich das »Sancta« als Schule ausgesucht habe: »Ich wollte meiner Ausbildung eine ‚besondere Note’ geben.« Diese besondere Note zeigt sich in der Tradition der Franziskanerinnen aus Gengenbach, die den Geist des Franziskus von Assisi, die Liebe zu den Menschen und zur gesamten Schöpfung Gottes auch in Bruchsal stets lebendig gehalten haben. Das Miteinander im Unterricht und darüber hinaus ist sehr persönlich. Es geht hier nicht nur um reine Stoff- und Wissensvermittlung, sondern um Persönlichkeitsentwicklung der jungen Schülerinnen und auch einigen Schülern. »Nur so können die Absolventinnen später im Kindergarten oder in anderen sozialen Einrichtungen Vorbilder sein für die ihnen anvertrauten Menschen, « sagt die bisherige Leiterin der Schule Schwester Michaela Bertsch.
Die
Geschichte der Schule der Gengenbacher Schwestern begann bereits 1888. Damals gründete
der Bruchsaler Pfarrer Joseph Kunz zusammen mit den Schwestern das »Marienhaus
am Holzmarkt« – ein Haus mit einer Volksküche für Arme, mit einer
Stellenvermittlung und bereits mit einer Haushaltungsschule. Unterrichtet wurden
damals unter anderem Religion, Sitten und Anstandslehre; Kochen für den bürgerlichen
und besseren Tisch; Waschen, Stärken und Bügeln; Orthographie und Schönschreiben;
Gesang und Erziehungslehre. Dazu kamen auf Wunsch auch noch Englisch und Französisch,
Zeichnen und Musik »gegen besondere Bezahlung«. Der Unterricht erfolgte durch
»badische Landeskinder, welche staatlich geprüft und zur Erteilung des
betreffenden Unterrichts befähigt, erklärt sind,« schrieb Pfarrer Joseph Kunz
an das Großherzogliche Bezirksamt Bruchsal.
Erste Leiterin der Schule war Schwester M. Alphonsa Fallert. Durch den großen Zulauf, den die Schule hatte, musste bereits nach nicht allzu langer Zeit an einen Neubau gedacht werden. Der Grundstein dafür wurde im November 1906 gelegt. »Das war eine große Freude!« erinnern sich noch einige der Steine aus den unteren Reihen, die damals schon dabei waren. »Der Herr Architekt war da, der Herr Maurermeister, der hochwürdige Herr Pfarrer Kunz und natürlich die Schwestern und Zöglinge des Marienhauses.«
Ein stattliches Gebäude entstand am Bergrücken, das auch heute noch ein Blickfang in Bruchsal ist und Heimat für viele Erzieherinnen wurde. 1908 war die Einweihung. »Es war ein tolles Fest,« sagten die Mauern etwas wehmütig. »Aus Gengenbach war eine Delegation gekommen und der Herr Superior Weckesser brachte in der Kapelle das erste Messopfer dar.« »Ja und die ehemaligen Schülerinnen sangen so ergreifend bei der Messfeier,« ergänzten die alten Kirchenbänke. »Und schon damals zeigte sich die vortreffliche Akustik unserer Kapelle.« Die Schule hat sich im Laufe der 100 Jahre immer bemüht mit der Zeit zu gehen, aber sich dabei nicht dem Zeitgeist anzupassen. Oftmals hat sie gerade ihr Ausbildungsauftrag in Konflikt mit den Zeitströmungen gebracht. Im Dritten Reich wurde ihr die staatliche Anerkennung entzogen, »da ein Bedürfnis für die Aufrechterhaltung der Schule nicht vorliegt«. Den damaligen Machthabern war die eigenständige Schule mit den ihr eigenen christlichen Werten ein Dorn im Auge. Der totalen Emanzipation und dem »Laissez-Faire-Stil« der 80-er Jahre, wo alles gleich gültig wurde und Autorität völlig abgelehnt wurde, setzte man Vorbild sein und Verantwortung tragen entgegen. Und heute in einer Gesellschaft, die oft von spitzen Ellenbogen gekennzeichnet ist, lebt man in »Sancta Maria « Solidarität und Gemeinsinn. »Wisst Ihr noch, wie die Braunen damals mit ihren schweren Stiefeln hier durchgepoltert sind?« raunen sich die Wände zu. »Sie dachten, sie hätten alles in der Hand und eine christlich geprägte Ausbildung sei nicht mehr nötig. Völkisch sollte die Erziehung sein – für Volk und Vaterland.« »Wir haben ja gesehen, was dann daraus geworden ist,« antworten die Fenstersimse hoch oben vom Dach.
Die gesellschaftlichen Entwicklungen haben auch die Ausbildungsformen und –inhalte verändert. In den Anfängen war die Hauswirtschaft ein typischer Erwerbszweig für junge Frauen und auch für den eigenen Haushalt wichtig. Viele nahmen das Ausbildungsangebot dankbar wahr. Bedingt durch den Ausbau der staatlichen Schulen war zu Beginn der 60-er Jahre die hauswirtschaftliche Ausbildung in »Sancta Maria« nicht mehr so stark gefragt und die Schulleitung entwickelte ein Konzept für die Ausbildung von Kinderpflegerinnen.
Daraus entstand im Laufe der Jahre eine Fachschule für Sozialpädagogik, die 1981 als katholische Ersatzschule in freier Trägerschaft ihre staatliche Anerkennung erhielt und die zur Erzieherin, zum Erzieher ausbildet. Ja, auch Männer machen bisweilen diese Ausbildung mit, wenn auch der weitaus größte Teil junge Frauen sind, die das »Sancta« absolvieren. »Zwei bis drei Männer sind immer wieder drunter,« sagt Schwester Michaela. Heute bietet »Sancta Maria« neben der grundlegenden Berufsausbildung ebenso Fortbildungen an und Begleitung in der Praxis. Seit 1999 gibt es zusätzlich die Fachschule für Organisation und Führung im Sozialwesen (FOF). Mit dieser berufsbezogenen Aufbauausbildung qualifizieren sich die Absolventinnen für Leitungsaufgaben in sozialen Bereichen. 2003 wurde das Einjährige Berufskolleg für Praktikantinnen eingeführt als erste Stufe der insgesamt vierjährigen Ausbildung. So konnte man den gestiegenen Anforderungen an Erzieherinnen Rechnung tragen. »Die müssen schon ganz schön büffeln,« lässt sich der moderne »Beamer« hören. »Und was die alles für Präsentationen machen – kein Vergleich mehr mit den Tafelanschriften früherer Jahre.« Die PC’s im Computerraum blinken zustimmend mit ihren LED’s und im vollen Bewusstsein ihrer Bedeutung. Die grünen Wandtafeln sind etwas beleidigt. Lernen in »Sancta Maria« hat auch heute noch seinen besonderen Charme in dem alten ehrwürdigen Gebäude, mit den langen Gängen und den hohen Räumen, mit der heimeligen Kapelle und dem weitläufi gen Garten, wo auch schon mal Unterricht oder Studienzeit im Freien stattfi nden kann. Eine Attraktion ist sicher auch das Kindergartenmuseum, das seit einigen Jahren in einem Nebengebäude des »Sancta« besichtigt werden kann und den modernen Erzieherinnen einen Blick auf die Arbeit früherer Generationen ermöglicht. Schwester Michaela war die Verbindung von Kindergartenpraxis und Ausbildung immer besonders wichtig. »Die Schule bietet die Grundlage für die Arbeit ‚draußen’ und ist gleichzeitig Empfänger von Impulsen aus dem ganz normalen Erzieherinnenalltag, « sagt Schwester Michaela. Bei regelmäßigen »Fachtagen« trifft man sich zum Austausch und zur Fortbildung mit kompetenten Referenten im »Sancta« und kann so die Verbindung auch untereinander aufrechterhalten. Viele der Ehemaligen werden nun auch zum Jubiläumsfest kommen am 6. Oktober im Bürgerzentrum und zu den Tagen der offenen Tür am 7. und 8. Oktober. Dabei heißt es auch Abschied nehmen von Schwester Michaela, die in die Ordensleitung nach Gengenbach wechselt. Nachfolger wird Hans Sauter werden, der bereits Dozent an »Sancta Maria« ist. »Seht ihr,« sagt der vom Kreuz in der Kapelle. »wenn ich meine Hand darüber halte, dann bleibt ein Werk bestehen, auch im Wechsel der Zeiten – solange es für den Dienst am Menschen gebraucht wird. Für die Zukunft braucht Euch nicht bange zu sein, wenn ihr mir vertraut.«
Bitte sagen Sie uns Ihre Meinung oder schreiben Sie uns ganz einfach. Unsere Adresse lautet: Kath. Pfarramt St. Peter, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal, Tel.: +49 (07251) 9761-0, Fax: +49 (07251) 9761-12, e-Mail: bruchsal-st.peter@joerg-sieger.de.
Pressespiegel der Pfarrei St. Peter
in D-76646 Bruchsal