Bruchsaler Rundschau Nr. 22 vom Freitag, 28. Januar 2005 - Seite 15
Von unserem Redaktionsmitglied Joachim Schultz
Bruchsal.
Als die Uhr der Stadtkirche nach dem sechsten Glockenton aufhört, laut zu
schlagen, finden die Gespräche unter den Versammelten ein Ende. Stille tritt
ein. Mit ihrem Schweigen drücken die Menschen, die sich auf dem Bruchsaler
Marktplatz eingefunden haben, ein Zeichen des Erinnerns aus. Die Erinnerung an
den Mord von Millionen unschuldiger Menschen. Auch 127 Juden aus Bruchsal wurden
Opfer des Nazi-Terrors.
Die Gedanken kreisen um die grausamen Methoden der Nationalsozialisten im Vernichtungslager Auschwitz, in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen, Dachau und Theresienstadt. Erinnerung an die Opfer der Nazi-Herrschaft, an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 60 Jahren und Mahnung für die Zukunft - dafür standen die Menschen gestern Abend eine Stunde auf dem Marktplatz. Mit einer Psalmlesung leiten Pfarrer Jörg Sieger (hebräisch) und Thomas Flach (deutsch) die Stunde ein. Im Kreis stehen die Menschen. Einige halten eine Kerze, viele haben ihre Hände wie zum Gebet gefaltet. Kärtchen tragen die Namen der ermordeten Juden aus Bruchsal. In der Dunkelheit entzünden die Menschen Lichter und Kerzen, ein Licht für jedes Opfer. Aber auch ein Licht der Hoffnung, dass sich so etwas nie wiederholt.
Aus der Anonymität des Vergessens holt man die ermordeten Bruchsaler Juden. Mit Pinseln und in weißer Farbe schreiben Frauen und Männer die Namen der Ermordeten auf sieben schwarze Tafeln: Leopold Rosenberg (8 Jahre), Sofie Falk (47), Walter Jordan (28), Bertha Rindsberg (61), Aaron Kahn (79). Es sind die ersten Namen, es folgen noch mehr als 100.
Was
Auschwitz wirklich an Grausamkeiten bedeutete, das wissen nur die überlebenden
Häftlinge wie Ella Weiß, die seit 1978 in Bruchsal wohnt. Die heute
77-Jährige wurde mit ihren Eltern und ihren zehn Geschwistern nach
Auschwitz-Birkenau verschleppt, nachdem ihre christliche Mutter nicht bereit
war, sich von ihrem halbjüdischen Ehemann zu trennen. Nur Ella Weiß und vier
ihrer Geschwister überlebten. Vor der Gedenkveranstaltung empfing
Oberbürgermeister Bernd Doll die Zeitzeugin und Überlebende des
Konzentrationslagers.
"Der Film läuft immer wieder ab", sagt Ella Weiß auf die Frage, was sie an diesem Gedenktag empfinde. Wie die Familie 1942 von der SS abgeholt wurde, die tagelange Fahrt im Viehwaggon, Demütigungen, Schläge, Zwangsarbeit, als Essen zermatschte Kohlrüben, dann Krankheiten, der Tod von Vater und Geschwistern, Tag und Nacht qualmende Schlote der Krematorien - Ella Weiß kann dies nie vergessen. Ihr Leidensweg führte sie noch ins KZ Ravensbrück und zwei tschechische Lager, bis sie schließlich 1945 von den Amerikanern befreit wurde. 40 Pfund wog sie damals. "Haut und Knochen war ich", erzählt Ella Weiß, die damals gerade 18 Jahre alt war.
OB Doll, der das Gespräch mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand von Ella Weiß in kleinstem Kreise führte, misst Begegnungen mit Zeitzeugen große Bedeutung zu, weil nun die Enkelgeneration Verantwortung übernehmen müsse, Wissen über die Vergangenheit weiterzugeben, um so sicherzustellen, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen könnten.
ZU DEN BILDERN: DIE NAMEN DER JÜDISCHEN OPFER des Nazi-Terrors in Bruchsal wurden auf schwarze Stellwände geschrieben. Foto: pa - KLEINE LICHTER, die entzündet wurden, symbolisierten beim Gedenken auf dem Marktplatz die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Foto: Josh
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