Bruchsaler Rundschau Nr. 285 vom Mittwoch, 8. Dezember 2004 - Seite 22
"Meditation in Wort und Musik" überschrieb Wolfgang Wittke, der langjährig erfolgreiche Dirigent und Spiritus Rector der Bruchsaler Stadtkapelle, das Adventskonzert in der Barockkirche St. Peter. In dreifacher Funktion, nämlich als Rezitator, Instrumentalsolist und am Dirigentenpult, trat er dann auch wohlvorbereitet in Erscheinung. Seine Programmkonzeption war originell und konnte für das kunstspartenübergreifende Projekt zwischen Literatur und Musik nicht ausgewogener sein: Große und imposante Legato-Klangflächen nahmen die übergroße Akustik in St. Peter auf, seine über 60 aktiven Musiker in den Holz- und Blechbläserregister und seine Perkussionisten hören vorbildlich aufeinander. Ein spürbarer Chorgeist herrscht im Dienst der Musik und dynamisch wie agogisch wird hochsensibel und immer kultiviert reagiert. Tolle Klangfarben verzaubern die Zuhörer schon beim ersten Beitrag mit einer Bearbeitung der Orgelsonate "Notre-Dame" von Leon Boellmann, und die mystische Stimmung, quasi aus der Tiefe zum Licht, wird beibehalten im nachfolgenden "Sleep" des zeitgenössischen Komponisten Eric Whitacre.
Von Edward Elger stammte das "Chanson de Matin", von dem wir "Pomp and Circumstance" im Ohr haben, jetzt aber wagnerischchromatisch, entrückt mit aufbrausender Dynamik und einem verhallenden Morendo im nachdenklich stimmenden Finale des Werkes. Die eingestreuten Zitate ranken sich um das philosophische "Carpe diem", "nütze den Tag" und um den bedeutsamen Hinweis "Frohsinn, den du gibst, erspart dir einst das Weinen".
In der Bearbeitung des pastoralen zweiten Satzes aus dem Oboenkonzert c-Moll von Benedetto Marcello greift Wittke selbst zum Sopransaxophon und verzaubert die große Zuhörerschaft mit wunschkonzertfähigem elegischen Charme. Mit archaischen Weisheiten der Indianer erschließt Wittke den aufmerksamen Konzertbesuchern kontemplative Nachdenklichkeit: "Wenn mir meine Habseligkeiten Sorgen bereiten, verschenke ich sie!" Kontrolliertes Konsumieren und der Vorrang ideeller Werte kommen den Gästen in den Sinn, Gedankenwelten unterstützt von zauberhaften Klängen in der nicht minder zauberhaften Umgebung des einmaligen Kirchenraumes.
Eine ausladende Händel-Passacaglia, ursprünglich für Cembalo solo, jetzt meisterhaft instrumentiert, besticht über die Transparenz und Klangfülle im Finale.
Uwe Meyer vertrat den Dirigenten souverän, als jener zum Saxophon griff, und Norbert Epli überzeugte als Solist auf der Trompete. Aufmerksam und um ein ausgewogen-stimmiges Klangbild bemüht ergänzen sich Musiker und Register. Die große Anzahl des musizierenden Nachwuchses in diesem sinfonisch besetzten großen Blasorchester, das sich viel zu bescheiden "Stadtkapelle" nennt, stellt auch Wolfgang Wittkes pädagogisches Talent unter Beweis, parallel zu seiner musi-kalisch-künstlerischen Professionalität und -bezogen auf Klangkultur und Programmkonzeption - seinen ausgesprochen guten Geschmack.
Im adventlichen Musizieren durften Choralbearbeitungen nicht fehlen, bevor mit Bruckner ein erstaunliches Konzert hochromantisch beschlossen wurde. Die Programmkürze war der begrenzten Bequemlichkeit der Kirchenbänke angemessen und St. Peter erlebte ein Gastkonzert für die neue Orgel von erlesener Qualität als nicht nur musikalisches Geschenk in einer nicht nur erfreulichen Gegenwart, welche nach Hoffnung und Zuversicht, Nachdenklichkeit und Einkehr mehr denn je verlangt.
Klaus Evers
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