Bruchsaler Rundschau Nr. 101 vom Montag, 3. Mai 2004 - Seite 28
Bruchsal (mär). Gut besucht war der Diskussionsabend über „die Rolle der Frau im Christentum und im Islam" im Gemeindesaal der St.-Pauls-Kirche in Bruchsal. Zu dieser interreligiösen Zusammenkunft, die der Bruchsaler Bürgermeister Ulli Hockenberger moderierend mitgestaltete, hatte die Ahmadiyya Muslim Gemeinde eingeladen. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer am Ende darin, dass Religion und Tradition zu unterscheiden seien und eine Beschäftigung mit der Bibel beziehungsweise mit dem Koran stattfinden müsse, bevor Vorurteile ausgesprochen werden.
Aus der Perspektive des Christentums beziehungsweise des Islams referierten Pfarrer Jörg Sieger aus Bruchsal und der Imam der Nuur-Moschee in Frankfurt am Main Hadayatullah Hübsch über die Rolle, die eine Frau in der Gesellschaft einnehmen sollte. Dabei traten doch deutliche Unterschiede zu Tage.
Hadayatullah Hübsch griff in seinem Kurzvortrag Vorurteile über die Rolle der Frau im Islam auf und versuchte, sie ausgehend vom Koran zu widerlegen. Terrorismus, Steinigung von Ehebrecherinnen und Zwangsheirat seien keinesfalls mit Islam in einen Topf zu werfen, sondern die Ideen von „halbwahnsinnigen Mullahs" und Gesetzesbrechern. „Wir beanspruchen, den wahren Islam zu vertreten," sagte Hadayatullah Hübsch.
„Frauen sind nicht weniger wert als Männer im Islam." Unterschiedlich seien aber ihre Voraussetzungen und Bedürfnisse. Wer Männer mit Frauen vergleiche, vergleiche Äpfel mit Birnen. Männer könnten bestimmte Dinge etwa aufgrund ihres Körperbaus besser tun als Frauen. Aber, so Hadayatullah Hübsch, „wenn eine Frau wirklich meint, sie müsse Holzfällerin werden, soll sie das tun", sie dürfe aber nicht aus falschem Ehrgeiz mit Männern konkurrieren wollen. Die „Eigenheiten des Geschlechts" brächten unterschiedliche Rollen von Männern und Frauen mit sich und erforderten unterschiedliche Rechte. So müsse eine Frau etwa während der Schwangerschaft mehr Rechte haben als ein Mann. Die Rolle des Mannes sei es, die Verantwortung für die Familie zu übernehmen. Frauen seien nicht als Dienerinnen, sondern Gefährtinnen des Mannes zu betrachten. Die Kleidung muslimischer Frauen - wie etwa" das Kopftuch - sei nicht als Symbol der Unterdrückung zu verstehen, sondern als Vorsichtsmaßnahme, die dem Erhalt der Ehe diene und vor Verlockungen schütze. „Frauen sollen sich so kleiden, dass sie nicht attraktiv auf andere Männer wirken."
„Wenn man mit den Mitteln der modernen Exegese an die Bibel rangeht, kann ich keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen herauslesen", so Pfarrer Jörg Sieger. Zwischen der in der Bibel geforderten Gleichberechtigung von Mann und Frau und der gesellschaftlichen Wirklichkeit bestehe jedoch keine Übereinstimmung. „Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist so, dass das, was Jesus gesagt hat, noch lange nicht erreicht ist."
Es sei, so Sieger, auch nicht im Sinne der Bibel, dass Frauen aus dem kirchlichen Amt ausgeschlossen werden. Jahrhunderte alte Traditionen führten zum Teil auch heute noch zur Herabsetzung der Frau in der Gesellschaft. Um den biblischen Vorgaben näher zu kommen, sei es sowohl Aufgabe von Frauen als auch von Männern, diese Traditionen abzuschaffen.
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