Bruchsaler Rundschau Nr. 42 vom Freitag, 20. Februar 2004 - Seite 16

"Vorurteilsfreier Dialog der Religionen nötiger denn je"

Begegnung von Christen und Muslimen im Bürgerzentrum

Bruchsal (hüb). "Viele Menschen unterschiedlichen Glaubens leben heute zusammen, so dass die Begegnung, das Kennenlernen, die Achtung und das Verständnis untereinander immer wichtiger werden", betonte Pfarrer Dr. Jörg Sieger bei einer Veranstaltung der pakistanischen Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde in Bruchsal, die dieses Treffen initiierte. Als weiteren Sprecher hatten die Muslime Hadayatullah Hübsch, den Leiter des Verlags "Der Islam", gewonnen. Die Stadt Bruchsal war vertreten durch den Leiter des Amtes für Jugend, Familie und Senioren, Frank Eckert. Auch er hob die Notwendigkeit des gegenseitigen Dialogs hervor, dem sich viele Christen und Muslime an diesem Abend stellten.

Die Stimmung gegenüber den Muslimen sei hier zu Lande nach den Schrecken des 11. Septembers oft feinselig, beklagte Dr. Sieger. Dies mache eine Auseinandersetzung und einen vorurteilsfreien Dialog der Religionen notwendiger denn je. Im Christentum wie im Islam gebe es viele Gruppierungen, die ihre Religion lebten und die Schriften nach ihrem Verständnis auslegten. "Eines jedoch verbindet uns", weiß der Bruchsaler Pfarrer: Der Wille nach Frieden, Freiheit, einem guten Miteinander und allem voran den Glauben an den einen Gott. "Wir erkennen ihn unterschiedlich, aber wir glauben gemeinsam an ihn und stehen in der Verantwortung vor ihm." Daher müsse die Religion nicht mehr Grund für einen Krieg sein, denn wer sich verstehe und respektiere fängt keinen Streit an. Falsche Ideologien und religiöser Fanatismus hätten nichts mit Glauben oder Gott zu tun. So äußerte sich auch Hadayatullah Hübsch, ein Deutscher, der im Islam seine religiöse Heimat fand. "Muslim", so Hübsch "heißt übersetzt ein Gott Ergebener". Ein Muslim sei derjenige, der Friede habe und den Frieden verbreite. Fundamentalisten seien Menschen, die sich Allah zum Götzen gemacht hätten, was eine Perversion dessen sei, was Gott für einen gläubigen Muslim sei.

Hübsch unterschied in seinem Referat zwei Ebenen des Friedens, die individuelle und die gesellschaftliche Ebene. Unfrieden entspringe der Heuchelei, dem Neid, der Missgunst, der Gier nach Macht und Unterdrückung. Wahrer Friede sei nur mit Hilfe des Schöpfers zu erhalten, durch das Gebet, die Kommunikation mit Allah. Der gesellschaftliche Aspekt des Friedens sei die Verpflichtung eines jeden Muslims, Schaden von anderen abzuwehren und Leute zu bekämpfen, die Hass predigten, sie seien keine wahren Muslime und stünden nicht in Übereinstimmung mit dem Koran.

Religiöser Anspruch und weltliche Macht, so Sieger, würden oft missbraucht, der Staat solle sich aus den Religion heraushalten, aber ihnen die Möglichkeit geben, ihren Glauben zu praktizieren. Im Islam, merkte Hübsch an, seien Politik und Religion nicht vollständig getrennt.

Im Anschluss gab es für die Zuhörer noch reichlich Gelegenheit für Fragen und zu einer lebhaften Diskussion. Tenor war unter anderem, dass scheinbar provokante Zitate aus dem Koran oder der Bibel nicht aus dem Zusammenhang gerissen, sondern nach heutigem Verständnis interpretiert werden sollten. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass der fruchtbare Dialog zwischen Christen und Muslimen fortgeführt werden sollte.

DIALOG DER RELIGIONEN: Pfarrer Dr. Jörg Sieger (rechts) und Hadayatullah Hübsch von der Ahmadiyya-Gemeinde und Frank Eckert vom Amt für Familie der Stadt Bruchsal im Gespräch. Foto: hüb  

ZUM BILD: DIALOG DER RELIGIONEN: Pfarrer Dr. Jörg Sieger (rechts) und Hadayatullah Hübsch von der Ahmadiyya-Gemeinde und Frank Eckert vom Amt für Familie der Stadt Bruchsal im Gespräch. Foto: hüb

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