Bruchsaler Rundschau Nr. 152 vom Samstag, 5. / Sonntag 6. Juli 2003 - Seite 29
Von unserem Redaktionsmitglied Hansjörg Ebert
Bruchsal.
Mit den Kindergartenplätzen in Bruchsal wird es zusehends eng. Für 31 Kinder,
die bereits drei Jahre alt sind, stehen derzeit nur noch acht freie Plätze zur
Verfügung - und die befinden sich nicht in der Kernstadt, sondern alle in den
Stadtteilen. Und bis zum Ende des Kindergartenjahrs klettert die Zahl der
Kinder, die als Dreijährige eigentlich einen Anspruch auf einen Platz haben,
aber erst im September aufgenommen werden können, laut städtischen Angaben auf
108.
"Es besteht dringend Handlungsbedarf", sagen Susanne Milowsky und Elvira Spoljar vom Bruchsaler Kindergarten St. Peter. Die beiden Elternvertreterinnen weisen denn auch gleich auf ein ganzes Problembündel hin, das ihrer Einschätzung nach der Aufarbeitung bedarf: Die Streichung der Vorpraktikantinnenstelle verschärfe die ohnehin knappe Personalsituation, ein Springer für Krankheitsvertretungen fehle, die Stadt habe ihre Renovierungspauschale für die Kindergärten gestrichen, und auch bei den Öffnungszeiten wünschten viele Eltern eine größere Flexibilität. Doch das Hauptärgernis sind die langen Wartelisten.
"Wir haben in diesem Jahr bis Februar Kinder aufgenommen, dann waren unsere Kapazitäten ausgeschöpft", sagt Andrea Morlock, die den dreigruppigen Kindergarten St. Peter in Bruchsal leitet. Auf der aktuellen Warteliste stehen die Namen von zehn Kindern, im Juli kommen nochmals vier dazu, die alle bis September warten müssen. Ein glücklicher Umstand verhindert, dass der Kindergarten St. Peter im Dezember bereits wieder voll ist: Sieben Kinder gehen in eine Sondereinrichtung, so dass für Nachrücker Plätze frei werden.
Noch kritischer sieht die Lage im Käthe-Luther-Kindergarten aus. Dort sammeln sich bis zum Ende der Sommerferien 15 Dreijährige auf der Warteliste. 16 Schulabgänger machen Platz, doch eigentlich ist der evangelische Kindergarten bereits mit dem ersten Tag nach den Somrnerferien voll. Etwas entspannter sieht die Lage im Wichern-Kindergarten aus. Dort wechseln im September 24 Kids in die Schule. "Wir können vermutlich bis April oder Mai Kinder aufnehmen", erklärt Kindergartenleiterin Christel Heindl.
In diesen Zahlen spiegelt sich ein Phänomen, das sich Jahr für Jahr wiederholt: Nach den Sommerferien gibt es Platz in den Kindergärten, im Frühjahr baut sich in vielen Einrichtungen bis zum Sommer eine mehr oder weniger lange Warteliste auf. Für die Kindergärten stellt sich zusehends das Problem, dass sie Eltern wegschicken müssen. Die wiederum sind enttäuscht und reagieren mitunter unwirsch oder sogar wütend. Denn für die Familien sind solche Situationen belastend.
"Morgens kommt eine Mutter und bringt ihre fünfjährige Tochter. Den dreijährigen Bruder muss sie wieder mit nach Hause nehmen, weil wir keinen Platz haben", schildert Andrea Morlock von St. Peter einen von vielen Fällen. Hier gibt, es keinen Geschwisterbonus. Denn dann würden andere Eltern verprellt, die genau so lange warten. Und das zweite Kind in einen anderen Kindergarten geben? "Das macht niemand, weil es für eine Mutter zeitlich nicht zu leisten ist", berichtet die Kindergartenleiterin aus Erfahrung. Da nehmen die Eltern lieber eine längere Wartezeit in Kauf. Dies ist wiederum für Frauen schwierig, deren Erziehungsurlaub mit dem dritten Geburtstag des Kindes ausläuft. Eigentlich rnuss sie jetzt wieder arbeiten, für ihren Sprößling bekommt sie jedoch keinen Platz im Kindergarten.
Ein Problem, das sich im Käthe-Luther-Kindergarten gleichermaßen stellt und auch hier nicht zufriedenstellend gelöst werden kann. Nur dass hier eine andere Regel greift: "Wir versuchen, auch die Geschwisterkinder unterzubringen", sagt Melanie Back. Denn für Mütter sei es unzumutbar, ihre Kinder in verschiedenen Einrichtungen zu haben, meint die Leiterin. Am Engpass ändert das freilich nichts.
"Wir bemühen uns, alle Familien in der Kernstadt auch mit einem Kindergartenplatz in der Kernstadt zu bedienen", war von Bürgermeister Ulli Hockenberger zu erfahren. Der Kindergarten gleich neben der Haustüre könne es allerdings nicht immer sein. Doch was ist für Mütter zumutbar? "Für die Bruchsaler sind eigentlich alle Kindergärten in der Kernstadt auch mit dem Stadtbus erreichbar", meint der Sozialdezernent. Und auch von der Südstadt nach Büchenau oder von Büchenau nach Untergrombach sei der Weg noch machbar. Fakt ist allerdings: Die vorhandenen Plätze reichen noch nicht einmal in den Stadtteilen für den aktuellen Bedarf der Kernstadt aus.
Dass in Bruchsal Handlungsbedarf besteht, ist mittlerweile auch im Rathaus angekommen. "Wir planen, ab September im Haus der Begegnung eine zusätzliche Gruppe des Kindergartens St. Elisabeth unterzubringen", informiert Frank Eckert, der Leiter des städtischen Amtes für Jugend, Familie und Senioren. Solche Provisorien helfen, Engpässe zu überwinden, ohne dass die Stadt teure Einrichtungen bauen muss, die in fünf Jahren wieder leer stehen. In Heidelsheim und Büchenau gibt es aufgrund des akuten Bedarfs derzeit auch je eine zusätzliche Kindergartengruppe, für die eine provisorische Unterbringung organisiert wurde.
Land ist im Blick auf die Kindergartensituation allerdings noch lange nicht in Sicht. Denn die Geburtenzahlen in der Stadt sind stabil, Entlastung wird es auf diesem Weg auf absehbare Zeit nicht geben.
ZUM BILD: KINDERGARTENPLÄTZE sind in Bruchsal derzeit begehrt. Denn nicht alle Dreijährigen bekommen auch gleich einen Platz, schon gar nicht im Kingergarten erster Wahl. Dies sorgt für starken Unmut bei den Eltern und stellt Stadt und Träger vor neue Herausforderungen. Foto: bert
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