Bruchsaler Rundschau Nr. 93 vom Mittwoch, 23. April 2003 - Seite 15

Die Lebensbeichte vor laufender Kamera analysiert

Frauengemeinschaft St. Paul Bruchsal. Die Diplomtheologin Mathea Schneider aus Freiburg referierte im Pfarrsaal St. Paul über die "Talkshows am Mittag", die sie kritisch unter die Lupe nahm. Bereits seit den 70er Jahren hat es Talkshows im Fernsehen gegeben, aber in den 90er Jahren kam eine neue Art von Talkshows auf den Bildschirm mit Themen aus allen Lebenslagen, ob positiv oder negativ wie Arbeit, Karriere, Liebe, Partnerschaft, Sex, Abtreibung oder Schuld. Auch die Titel der Talkshows seien immer brutaler und die Sprache teilweise sehr vulgär geworden. Möglicherweise konnten dadurch die Einschaltquoten gehalten oder noch erhöht werden.

Was veranlasst die Kandidaten vor die Kamera zu treten, sich durch die Fragen der Moderatoren einem Seelenstriptease zu unterziehen, der oft an Unwürdigkeit nicht zu überbieten ist? Mathea Schneider fand drei Gründe heraus. Erstens: Das Geld. Das seien Kandidaten, die ihre Geschichte erzählen und dafür einen Geldbetrag bekommen und damit ist die Sache für sie erledigt.

Zweitens: Leute, die es genießen, einmal in ihrem Leben im Mittelpunkt zu stehen, was in ihrem täglichen Leben nie der Fall sein würde, lassen sich dann von den Moderatoren bereitwillig alles entlocken bis zu den intimsten Dingen, was sie so in der heimischen Umgebung nie getan hätten. Es käme danach öfter vor, dass diese Kandidaten, wenn sie wieder zu Hause sind, Probleme mit ihrem Umfeld bekommen. Sie verkraften es nicht, moralisiert zu werden, wo sie doch nur Hilfe und Unterstützung wollten. Auch sei es schon zu Selbstmordversuchen gekommen, berichtet Mathea Schneider weiter. Einige Sender hätten bereits Psychologen unter Vertrag genommen, um bei solchen Fällen Hilfe zu leisten.

Drittens: Kandidaten, die verzweifelt sind und glauben, auf diesem Weg Hilfe zu finden. Aber auch die seriösen Moderatoren, die glaubhaft versichern, helfen zu wollen, hinterfragen bis zur Unwürdigkeit, und im Hintergrund steht auch bei diesen Leuten immer die Einschaltquote an erster Stelle. In unserer Zeit ist vieles erlaubt, was so früher nicht möglich gewesen wäre, und der Umgang mit Menschen durch die Moderatoren in Talkshows sei fragwürdig. Auch die Zuschauer werden dadurch beeinflusst und man kann ihnen eine Art von Voyeurismus nicht absprechen, wenn sie sich diese Sendungen anschauen.

Abschließend stellte Mathea Schneider fest, dass zu den Sendezeiten der Talkshows meist nur ältere Menschen an den Bildschirmen sitzen, die Jugendlichen seien in der Zeit in der Schule, so dass sich der von den Talkshows ausgehende "Schaden" für die Jugendlichen in Grenzen hält. Auch wären einige der Talkshows in der Zwischenzeit wegen schlechter Einschaltquoten aus dem Programm genommen worden, Tendenz steigend, weil der Höhepunkt dieser Art von Unterhaltung bereits überschritten sei. km

 
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