Stadtmagazin WILLI, August 2001, Seite 4
Es hat einen deutlich kämpferischen Ton, wenn Gondulf Schneider,
Vorsitzender des Pfarrgemeinderats St. Paul, davon spricht, seine Gemeinde werde
"sich nun wieder zu Gehör bringen".Der Grund für diesen Ton: St.
Paul hat ein neu gestimmtes und gestaltetes Läutwerk bekommen. Fünf Glocken in
der Disposition es', f', g', b' und c'' (Salve Regina, Pater noster, Gloria, Te
Deum) bringen seit Anfang August den freistehenden Campanile an der
Bundesstraßenkreuzung wieder zum Klingen.
Zuvor hatte es Probleme mit dem alten Geläute gegeben, das die vierzig Meter hohe Betonhülle des eleganten Glockenturms in störende Schwingungen versetzte.
Damit ist nun Schluß. Auf Empfehlung des zuständigen Glockeninspektors, Architekt Kurt Kramer aus Karlsruhe, wurde das Glockenensemble im vergangenen Juli völlig umgestaltet. Damit ist sichergestellt, das Bruchsal ein neues Geläut von hohem Rang bekommt. In Berlin nennt man den Glockeninspektor des Erzbistums Freiburg respektvoll "Glockenpapst", seitdem er wesentlich zur Rettung der geschädigten Freiheitsglocke beigetragen hat. Die hellste, 240 kg schwere Glocke wurde aus dem Ensemble genommen. An ihre Stelle trat zwischen die beiden tiefsten Glocken eine neue, 850 Kilogramm schwere Glocke aus der renommierten Gießerei Bachert, Heilbronn. Wie die herausgenommene Glocke wurde auch die Neue dem hl. Antonius geweiht. Zusätzlich wurde der Glockenstuhl nun schwimmend gelagert und die alten Stahljoche, an denen die Glocken befestigt waren, durch massive Eichenholzjoche ersetzt. Als weitere Maßnahmen wurden die Klöppel ausgewechselt und die Anschlaggeschwindigkeit verringert.
Mit Kompetenz und Präzision hat diese Arbeiten die Firma Philipp Hörz aus Ulm durchgeführt. Und dies unter extremen Arbeitsbedingungen in der schlanken Glockenstube. Wozu auch gehörte, jeden Tag mehrmals die 144 Stufen des engen Treppenaufgangs hin und zurück zu klimmen, bisweilen beladen mit Werkzeug und Baumaterial.
Insgesamt tönt das Läuten von St. Paul nun tiefer, wärmer und ruhiger. Die Anwohner müssen also künftig nicht in ein tibetanisches Kloster zur Klangmeditation pilgern oder einen Heilpraktiker für eine wohltuende Klangmassage aufsuchen. Es genügt, zum Angelusläuten die Fenster Richtung Kirchturm weit zu öffnen. Sofern keine Bundesstraße dazwischen liegt.
Die Geschichte der Glocken von St. Paul ist eng mit der allgemeinen politischen Geschichte Deutschlands verbunden.
Bereits 1792 erhielt die ein Jahr zuvor geweihte erste Kirche von St. Paul an der Ecke Felixstraße-Durlacher Straße ihr erstes Geläut aus vier Glocken. Für den Kirchenstifter Fürstbischof August von Stirum sollte deren Läuten auch ein Signal setzen gegen die Unbilde der französischen Revolution, die vom Nachbarland her drohten. Drei der ersten Glocken wurden dann 1917 zu Kriegszwecken eingeschmolzen, nicht von Revolutionären, sondern von der Monarchie. 1921 kam das zweite Geläut mit drei Glocken, von denen die zwei schwersten 1942, wiederum nicht von Revolutionären, eingeschmolzen wurden. Die hellste Glocke, die zwei Einschmelzsammlungen überstanden hatte, fiel am 1. März 1945 beim großen Fliegerangriff zusammen mit dem Kirchturm in Trümmer.
Die 1948 wieder aufgebaute Kirche erhielt 1955 das nunmehr dritte, provisorische Geläut mit einer Glocke. Inzwischen war aber bereits der Neubau einer größeren Kirche für die St. Pauls-Gemeinde auf einem anderen Grundstück geplant. Für diese Kirche wurde 1959 ein neues Geläut aus fünf Glocken gegossen.
Geweiht wurden diese Glocken den Schutzheiligen der katholischen Kirchen von Bruchsal (Kernstadt), Sta. Maria, St. Peter, St. Hugo und St. Damian, St Paulus sowie St. Antonius.
Das Geläut von 1959 diente bei der Renovierungskampagne von St. Paul als Grundlage für das neue Geläut, das seit kurzem an der Bundesstraße 35 erklingt. Nur eine Glocke, wir sagten es bereits, musste ausgewechselt werden.
Alles in allem werden von der Pfarrgemeinde für die Neugestaltung und -einrichtung des Geläuts 110.000 DM veranschlagt. Verglichen mit den 400.000 DM für die Reparatur der Berliner Freiheitsglocke, die seit Mai wieder erklingt, ein geringer Betrag.
Es hat etwas Tröstliches, dass zum ersten Mal in der über 200jährigen Geschichte der St. Pauls-Gemeinde kein Kriegsereignis einen Geläutwechsel veranlasste, sondern - unter anderem - das Bemühen, tradierte Religiosität mit den Bedürfnissen einer modernen Gesellschaft »in Einklang« zu bringen.
Eines wurde allerdings bei der Renovierungsarbeit übersehen: Der Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen hat gemeinsam mit Umweltschutzorganisationen ein Merkblatt zur Ansiedlung von Greifvögeln in Glockentürmen herausgegeben, aus dem man hätte lernen können.
Glockeninspektor Kurt Kramer sieht im Turm von St. Paul nämlich »günstige Bedingungen« für ein entsprechendes Biotop. Doch in St. Paul scheint der Einklang mit der Natur nicht so wichtig. Jedenfalls ist nicht an Nisthilfen und Einflugöffnungen gedacht.
Hartmut Schönherr
Werner Greder/Werner Raab: 200 Jahre Pfarrgemeinde St. Paul
Bruchsal.
Kurt Kramer (Hg.): Glocken in Geschichte und Gegenwart
Glocken-online.de
dalaerm.de
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