Mehr als dies sonst zu einer Zeit üblich
war, sind die Arbeiten des Meister Mathis im unmittelbar konkreten Sinne seine
eigene Leistung
.
Allem Anschein nach hat er keinen ständigen Werkstattbetrieb mit Schülern
und Gehilfen betrieben - und wenn dies doch der Fall gewesen sein sollte, dann
gab es solch einen Betrieb sicher nur zeitweilig oder projektbezogen.
"Ohne die Last einer Werkstattverantwortung, Hausbesitz
und doch wohl auch unverheiratet, scheint er, relativ beweglich, seine großen
Aufträge mitunter an Ort und Stelle ausgeführt zu haben. Wenigstens ist dies
für Isenheim und die Frankfurter Arbeiten anzunehmen." ![]()
Auch
hat es anscheinend keine unmittelbare "Grünewald"-Schule, im Sinne
einer Dürer- oder Cranach-Schule, gegeben. Sichere Schul- oder
Werkstattarbeiten sind bislang keine bekannt geworden
.
Nichtsdestoweniger haben die Bilder des Meister Mathis ihren Eindruck bei den
zeitgenössischen Künstlern hinterlassen, was sich - nach Heinrich Geissler -
sporadisch beim jüngeren Holbein, durchgehender bei Jörg Rathgeb, dem
Frankfurter Maler Martin Caldenbach (1480-1518) und noch weiteren feststellen
lasse.
Diese Einflüsse stehen letztlich aber in keinem Verhältnis zur Bedeutung, die Mathis Gothart Nithart in unseren Tagen gewonnen hat.
"Es ist ein merkwürdiges Phänomen, daß ein Maler, der
zu Lebzeiten nicht besonders berühmt und bald nach seinem Tod fast völlig
vergessen war, der nie druckgraphische Arbeiten, weder Kupferstiche noch
Holzschnitte geschaffen hat, die sein Andenken hätten wachhalten können,
innerhalb von zwei bis drei Jahrzehnten, 400 Jahre nach seinem Tod, zu einem
derartigen Ruhm gelangen konnte." ![]()
Hinzu kommt, dass er diesem Ruhm eigentlich nur einem einzigen Werk, dem Altar der Antoniter-Präzeptorei in Isenheim, verdankt.
Heinrich Geissler
erinnert nicht zu unrecht daran, dass bei der Wiederentdeckung des
Altarwerkes, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm, einige Momente eine
Rolle spielten, die zunächst einmal nichts mit dem Werk selbst zu tun haben.
Nachdem das Elsaß infolge des Deutschfranzösisches Krieges 1870/71 dem Deutschen Reichsgebiet zugeschlagen worden war, rückten die Kunstwerke dieses Landstriches im Rahmen der neu entfachten nationalen Welle verstärkt in das Blickfeld. Dazu gehörte selbstverständlich mit an vorderster Stelle der Isenheimer Altar, der - nachdem das Unterlindenmuseum in Colmar am 3. April 1853 seine Toren für die Öffentlichkeit geöffnet hatte - der Allgemeinheit wieder zugänglich war.
Nicht minder einschneidend war die Zeit des Ersten Weltkrieges. Die Altartafeln wurden nach München ausgelagert und dort längere Zeit in der Alten Pinakothek ausgestellt. Nicht zuletzt dadurch wurden sie einem breiten Kunstpublikum nahegebracht.
Als der Altar nach Abschluss des Versailler Vertrages nach Colmar zurückgeführt wurde, förderte dies
".. seinen Rang als eine Art nationales Heiligtum
..." ![]()
nur noch einmal. Aber diese politischen Umstände erklären nur bedingt die Rezeptions-Renaissance des Meister Mathis zu Beginn gerade des 20. Jahrhunderts.
Es war im Jahr 1911, als Heinrich Alfred Schmid die erste bahnbrechende Studie über Grünewald veröffentlichte. Im selben Jahr schuf Wassily Kandinsky das erste abstrakte Gemälde der Kunstgeschichte. Beide Ereignisse lassen erahnen, dass hier zwei Welten zusammenstießen, die wie füreinander geschaffen schienen. Es war die gewagte Farbgebung und expressive Darstellung zum Beispiel des menschlichen Leidens bei der Kreuzigungsdarstellung des geschlossenen Altares, die den Nerv der Zeit traf.
Der
Dresdner Maler Hans Grundig (1901-1958) beschreibt die Faszination, die
Meister Mathis zwischen den Weltkriegen auf viele Maler ausübte:
"Bosch und der große Matthias Grünewald zogen uns in
ihren Bann. Hier fanden wir Parallelen zu unserer merkwürdigen
apokalyptischen Zeit.“ ![]()
In den Bildern - gerade etwa der Kreuzigungsszene des Isenheimer Altares - sahen viele regelrechte
"Gleichnisse der geschundenen Menschheit“
.
Einer der bedeutendsten Vertreter dieser Künstlergeneration
ist Otto Dix. Er bezeichnete sich selbst als Apokalyptiker in der
Grünewaldschen Tradition, ja als Grünewalds "Schüler" und
erhoffte sich von dessen "leidenschafticher Wahrheit" vor Beginn des
Ersten Weltkriegs gleichsam eine Erneuerung im Geiste
.
Zum Bild: Otto Dix, Der Krieg (Tryptichon), 1929-1932, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister; © www.skd-dresden.de.
Diese Begeisterung für Meister Mathis und sein Hauptwerk, den Isenheimer Altar, hält bis in unsere Tage an. Vom 30. November 2002 bis 28. Februar 2003 ging eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Jesuitenkirche Aschaffenburg diesem Phänomen unter der Überschrift "Grünewald in der Moderne" nach.
Von Werken aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, wie Erich Heckels Holzschnitt "Zwei Männer am Tisch" aus dem Jahre 1913, Heinrich Nauens Pieta aus dem gleichen Jahr, und Otto Dix' 1948 entstandene "Kreuzigung“, reichte der Bogen bis in die Gegenwart. Unter anderem durch Jean Tinquelys "Cenodoxus" von 1981 und die 1984/89 entstandene "Übermalung nach Grünewald Christus" Arnulf Rainers sollten den Einfluss des Renaissancemalers Mathis Gothart Nithart auf das gegenwärtige Kunstschaffen deutlich gemacht werden.
Auf dieser Ausstellung war auch der Leipziger Maler Michael Triegel vertreten. Der 1968 in Erfurt geborene Künstler ist in seiner bildnerischen Arbeit allegorisch bis mythologisch geprägt. Werke wie sein "Anthropische Prinzip" zeigen, dass die Auseinandersetzung mit Grünewald auch Künstler der gegenwärtigen Generation gefangen nimmt.
Ganz eigene Werke der Grünewald-Rezeption des 20.
Jahrhunderts sind die in den Jahren 1933 bis 1935 entstandene Oper Paul
Hindemiths "Mathis der Maler" sowie die gleichnamige Sinfonie. Beide
Kompositionen versuchen das Leben Mathis Gothart Nitharts, seine Tätigkeit im
Dienst des erzbischöflichen Hofes in Mainz und die Entstehung seines Werkes
auf dem Hintergrund der Themen des Isenheimer Altares zu beleuchten. ![]()
In einem gewaltigen und klangprächtigen Musikdrama spannt Hindemiths Oper einen Bogen von der Zurückgezogenheit des Künstlers in einem Antoniterkloster am Main über den deutschen Bauernkrieg bis zur Resignation, in der Hindemiths "Mathis der Maler" seine Künstlerkarriere beendet.
Gemeinhin geht man dabei davon aus, dass Paul Hindemith, der auch für das Libretto seiner Oper verantwortlich zeichnet, die Entstehung der Isenheimer Altartafeln - entgegen der historischen Wirklichkeit - in die Zeit nach dem Bauernkrieg verlegt habe. Das Ringen um die Verantwortung des Künstlers, seine Zerrissenheit zwischen seinem Auftraggeber und der traditionellen kirchlichen Wirklichkeit auf der einen Seite und dem Neuaufbruch in der reformatorischen Bewegung auf der anderen, die Auseinandersetzung zwischen Herren und Bauern und die Rolle des Künstlers in dieser durch Krieg gebeutelten Gesellschaft im Umbruch wären dann gleichsam die Voraussetzungen für die Entstehung der Altartafeln und die Gemälde selbst das Ergebnis dieses inneren Ringens.
Zum Bild: Szenenfoto einer Aufführung der Oper Mathis der Maler am Badischen Staatstheater in Karlsruhe - Sechstes Bild ("Die Versuchung des Antonius"). In der Titelrolle: Thomas J. Mayer - hier mit dem Badische Staatsopernchor (Foto: Jacqueline Krause-Burberg) - Mit freundlicher Genehmigung des Badischen Staatstheaters Karlsruhe.
Diese
Deutung ist allerdings nicht zwingend. Im Zusammenhang mit der ausgesprochen
beachtenswerten Produktion der Oper am Badischen
Staatstheater in Karlsruhe mit Premiere am 17. März 2007 weist die
Karlsruher Dramaturgin Katrin Lorbeer auf eine Reihe von Details hin, die
durchaus den Schluss zulassen, dass die Oper nicht die Entstehung des
Isenheimer Altares schildere,
"... sondern den Blick eines Malers auf die Zeitläufe,
die er nur vor dem Hintergrund seiner Kunst, seines bereits vollendeten Werks,
interpretieren kann..." ![]()
Selbst was die Wirkungsgeschichte des Altares und seines Schöpfers angeht, gilt demnach offenbar, was August L. Mayer 1919 in seiner kleinen Darstellung mit dem Titel "Grünewald - Der Romantiker des Schmerzes" formuliert hat:
"Seltsam der Mensch, rätselhaft seine Lebensgeschichte,
merkwürdig das Schicksal seiner Bilder, sonderbar die Geschichte seines Ruhms,
einzigartig das Wesen seiner Kunst." ![]()
Weiterführende Informationen zu folgenden Themen: Otto Dix - Paul Hindemiths Oper "Mathis der Maler".
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
Tel.: +49 (07251) 9761-0, Fax: +49 (07251) 9761-12, e-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.