Der geöffnete Altar

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Der Patron des Antoniterordens bestimmt auf den ersten Blick die Ansicht des geöffneten Altares. Sowohl die sitzende Gestalt im Zentrum des Schreines als auch die gemalten Seitenflügel stellen den Mönchsvater Antonius beziehungsweise Themen aus seiner Vita dar - ein Umstand, der in der Kirche einer Ordensgemeinschaft, die sich auf den Heiligen Antonius berief, nicht besonders verwundert.

Nichtsdestoweniger ziehen sich durch die Darstellung der hier zu sehenden Bildtafeln die gleichen Fragen, die auch schon die beiden anderen Ansichten des Altares geprägt haben. Und allem voran ist es die Frage nach dem Umgang mit dem Leid des Menschen.

Der Besuch des Heiligen Antonius beim Einsiedler Paulus

Der Besuch des Heiligen Antonius beim Einsiedler Paulus.

Der vom Betrachter aus gesehen linke Flügel illustriert eine Szene aus dem Leben des Heiligen Antonius. Es ist sein Besuch beim Einsiedler Paulus, den der Kirchenvater Hieronymus und - in dessen Folge - die Legenda Aurea im Zusammenhang mit der Vita jenes Eremiten schildern. Antonius, der sich für den ersten Einsiedler gehalten hatte, wurde im Traum belehrt, dass es einen viel besseren Eremiten gebe, jenen Einsiedler Paulus nämlich. Antonius sucht denselben daraufhin auf.

Die Legende berichtet, dass - als die Essenszeit gekommen war - ein Rabe ein ganzes Brot gebracht haben soll. Paulus habe dem verwunderten Antonius erklärt, dass Gott ihm jeden Tag durch diesen Raben ein halbes Brot bringen ließe, dass aber an diesem Tag wegen des Gastes die Menge verdoppelt worden sei . Darauf sei "ein frommer Streit" entstanden, wer würdiger sei, das Brot zu teilen. Paulus wollte dem Gast, Antonius dem Älteren die Ehre überlassen. Schließlich hätten sie das Brot zu zweit ergriffen und in gleiche Teile geteilt.

Diese Szene wurde von Meister Mathis ins Bild gebracht. Man sieht den Vogel, der hier allerdings nicht wirklich als Rabe dargestellt wird, mit den Broten im Schnabel - ein deutlicher Bezug auf das Brot der Eucharistie - und die beiden Männer in ihrer Diskussion.

Aber auch diese Darstellung transformiert die Erzählung. Die beiden Einsiedler sitzen nicht in der Wüste sondern in einer Landschaft, die in den Vogesen ihren Platz haben könnte. Und das Wappen zu Füßen des Heiligen Antonius macht deutlich, dass hier im Bild des Heiligen offenbar der damalige Präzeptor Guido Guersi selbst dargestellt ist. Wir finden uns erneut in der Gegenwart des damaligen Betrachters wieder.

Diesen aber quälte immer noch die Frage, wieso er Grund haben soll, auf Gottes Verheißung zu bauen, und wie er - angesichts der furchtbaren Krankheit, die ihn zu den Antonitern gebracht hatte - überhaupt noch darauf vertrauen könne, dass Gott ihn nicht verlassen habe. Verständlich, dass Menschen verstehen und begreifen wollen. Die Gestalt des Antonius auf diesem Bild verdeutlicht genau dieses Bedürfnis des Menschen. Antonius ist schließlich nicht als Wüsteneremit gemalt. Er tritt, in der Gestalt des damaligen Präzeptors, gleich einem humanistisch gebildeten mittelalterlichen Gelehrten auf und befindet sich - wie seine Hände verdeutlichen - mitten in einer gelehrten Diskussion. Er geht verstandesmäßig dran, er versucht zu begreifen und zu verstehen. Und er sitzt unter einem verdorrten Baum!

Paulus, der Einsiedler, an der zum Brunnen gefassten Quelle.

Ganz anders Paulus. Seine Hand formt eine Schale, womit auch auf diesem Bild angezeigt wird, dass hier wieder jemand einfach im Glauben annehmen kann. Und die Folge davon ist deutlich zu erkennen: Paulus ist im Einklang mit Gottes Schöpfung. Die Hirschkuh legt Ihren Kopf in seinen Schoß. Er sitzt an der Quelle und über ihm - einzig und allein nicht passend für eine Elsasslandschaft - wächst eine Palme. Die Palme aber ist ein altes Symbol, das im Christentum für die seligmachende Gnade steht.

Das also sagt das Bild: derjenige ist wirklich ein begnadeter Mensch, der aus dem Urvertrauen in Gottes gütige Zuwendung auch angesichts von Krankheit, Leid und Tod nicht herausfällt. Er sitzt an der Quelle der Gnade und sie bringt in seinem Leben reiche Frucht.

Im Vordergrund des Bildes sind mehrere Pflanzen zu sehen. Warum stellt Meister Mathis sie dar? So naturgetreu, wie diese Pflanzen gemalt sind, legt sich die Vermutung nahe, dass hinter ihnen eine Bedeutung verborgen ist. Meist wird angenommen, dass die Antoniter in Isenheim diese Kräuter nutzten, um die am Ergotismus Befallenen zu behandeln. Unsägliche Qualen verursachten den Kranken ihre absterbenden Gliedmaßen. Die medizinischen Kenntnisse der Antoniter brachten ihnen zumindest ein wenig Erleichterung.

Die Heilkräuter bei der Antoniusfigur.

Die übrigen Heilkräuter.

Die Versuchung, bzw. die Leiden des Heiligen Antonius

Die Versuchung, bzw. die Leiden des Heiligen Antonius.

Das letzte Bild des gemalten Zyklus schildert eine andere Szene aus der Vita des Heiligen Antonius, wie sie die Legenda Aurea überliefert . Dort wird berichtet, dass Antonius, der als Zwanzigjähriger sein Eigentum verkauft und an die Armen verteilt habe, nachdem er als Einsiedler in die Wüste gezogen war, von unzähligen Versuchungen heimgesucht worden sei. Einmal habe ihn eine Schar böser Geister so sehr gebeutelt, dass sein Diener ihn für tot gehalten und auf seinen Schultern fortgetragen habe. Antonius hätte allerdings darauf bestanden, die Prüfung bis zum Ende durchzuhalten. Nachdem man ihn zurückgebracht hatte, seien die Dämonen in Gestalt der unterschiedlichsten wilden Tiere erschienen und hätten ihn mit Zähnen, Hörnern und Krallen aufs grausamste zerfleischt.

Dies stellt Meister Mathis auf dieser Tafel des Isenheimer Altares in einer Plastizität und Drastigkeit dar, die auch den heutigen Betrachter erschaudern lässt. Die Dämonen, die hier dargestellt sind, scheinen dabei die verschiedensten Anspielungen zu enthalten. Die Zahl der Interpretationen ist nahezu unüberschaubar. Vom "einfachen" Teufelsspuk bis hin zu Darstellungen verschiedener Laster und Todsünden reichen die Deutungen.

Anspielungen auf Krankheiten sind dabei überdeutlich. Der verkrüppelte Arm des Leprosen, die abgestorbene Hand des am Antoniusfeuer erkrankten nicht minder als der von der Syphilis im Endstadium aufgedunsene Leib oder aufgebrochene Pestbeulen sind mehr oder weniger deutlich zu erkennen. Dem Kranken, der im Antoniterspital Zuflucht gefunden hatte, stachen diese Details sicher ins Auge.

Bei allen guten Ratschlägen, aller theologischer Deutung und allen Hinweisen darauf, wie wichtig es sei, sein Leiden einfach annehmen zu können, wird es dem Kranken im Spital kein wenig anders ergangen sein, als Antonius, der angesichts all dieser Qualen ausruft:

"Ubi eras Ihesu bone ubi eras quare non affuisti ut sanares vulnera mea" - "Wo warst du, guter Jesus, wo warst du? Warum bist du nicht dagewesen, um meine Wunden zu heilen?"

In lateinischer Sprache, aber mit gotischen Buchstaben ist dieser Ausruf auf einen Zettel geschrieben, der am rechten unteren Bildrand gegen ein Stück Holz gelehnt ist.

"Wo warst du, guter Jesus?"

Das ist die Frage, die wohl für jeden Kranken im Spital die drängendste gewesen war: "Warum hilfst du mir nicht, mein Gott?" Oder um es mit den Worten des 22. Psalmes zu sagen:

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Psalm 22,2)

Kaum etwas bleibt von der Zuversicht, von der Hoffnung, vom Urvertrauen, angesichts all der Qual, all der Peiniger und all der Ausweglosigkeit. Sowohl der Kranke, als auch Antonius im Bild sehen niemanden mehr bei sich und fühlen sich von Gott und der Welt verlassen. Die Behausung des Einsiedlers geht in Flammen auf und ein wahres Heer kleiner Teufelchen reißt im Hintergrund die irdische Wohnstadt des Wüstenvaters ein.

"Ich war hier..."

Dabei heben sich die ganz dunkel gehaltenen Teufel deutlich vom hellen Hintergrund ab. Die Qualen stehen Antonius, dem Kranken im Spital und dem heutigen Betrachter klar vor Augen. Was erst nach einigem Hinsehen erkennbar wird, ist der Umstand, dass das Heer der Widersacher absolut nicht unangefochten ist. Der am klarsten sich abzeichnende Teufel muss sich augenscheinlich verteidigen und viele der Plagegeister purzeln bereits. Für Antonius noch unsichtbar hat ein schemenhaft zu erahnender Engel bereits den Kampf aufgenommen und rennt mit seiner Lanze in Kreuzform gegen das teuflische Heer an. Und darüber erscheint in hellem Lichtglanz Gott selbst. Er behält auch hier die Fäden in der Hand.

Hier erinnern Meister Mathis und seine Auftraggeber an die Antwort, die Antonius - der Legende nach - auf seine vorwurfsvolle Frage erhielt:

 "Antonius, ich war hier...."

Auch wenn der Mensch schon nichts mehr sieht, auch wenn nach menschlichen Maßstäben alles hoffnungslos scheint Gott ist hier. Und er tritt lange bevor Menschen es merken, für seine Geschöpfe ein.

Hier schließt sich der Bogen, den die Bildtafeln des Altares schlagen: Natürlich ist das Leid des Menschen manchmal von einer Art, dass man gemeinhin daran verzweifeln mag; nimm es trotzdem an, schau auf Christus, der sein Leid getragen hat und Gott als sein Opfer wieder dargeboten hat. Tu es ihm gleich und das Fenster mit dem Ausblick in eine neue Wirklichkeit des Lebens öffnet sich auch dir. Denn Gott hat in der Geschichte schon so oft unter Beweis gestellt, dass er eingreift und die Dinge nicht sich selbst überlässt - in der Geschichte der Menschheit, wie in der Geschichte jedes einzelnen. Mit dem Verstand ist das nicht zu erfassen. Dort wo ich es bis ins Letzte zu ergründen suche, sitze ich wie Antonius unter dem verdorrten Baum. Wo ich trotz allem auf Gott zu vertrauen in der Lage bin, dort wird dieser Glaube in meinem Leben Frucht bringen. Und selbst wenn ich nichts mehr sehe, wenn alles über mir zusammenzubrechen droht, selbst dort ist Gott bereits am Werk und tritt für mich ein - darauf gilt es zu bauen.

Der geschnitzte Schrein

Der geschnitzte Schrein.

Der fast eine ganze Generation ältere Schrein stammt von Niclas Hagenauer und ist nicht minder reich an symbolischen Aussagen, die allerdings von etwas anderer Art und weniger offensichtlich sind.

Hinzu kommt, dass der Zustand des Schreins, der einem Torso gleichkommt, die enthaltenen Bezüge nur sehr schwer erheben lässt. Die kleinen Figuren am Stirnrahmen fehlen beispielsweise völlig und die geschnitzten Felder im oberen Teil des Retabels sind nur bruchstückhaft erhalten. Klar zu erkennen sind immerhin noch die gemeinhin als Evangelisten-Symbole bezeichneten Darstellungen im Geflecht der symbolreich ineinander verwobenen stilisierten Bäume.

Darunter ist - vom Betrachter aus gesehen - links die Gestalt des Heiligen Augustinus dargestellt, nach dessen Regel die Antoniter lebten. Zu seinen Füßen kniet der Präzeptor Jean d'Orlier, der den Schrein vermutlich noch in Auftrag gegeben hat.

Im mittleren Teil thront Antonius mit dem typischen Antoniuskreuz begleitet von der kleinen "Antoniussau", seinem Attribut.

Erst seit wenigen Jahren sind die Figuren der beiden Männer, die einen Hahn und ein Schwein in ihren Händen halten, wieder zu Füßen der Antoniusfigur aufgestellt. Sie bringen hilfesuchend ihre Gaben.

Auf der - vom Betrachter aus gesehen - rechten Seite des Schreins steht Hieronymus mit seinem Attribut, einem Löwen, der in seiner Legende eine Rolle spielt. Diesem Kirchenlehrer glaubte man die erste Lebensbeschreibung des Antonius zu verdanken.

Die Figuren der Predella werden - mit Ausnahme der Christusfigur - meist einem anderen Meister namens Desiderius Beichel zugeschrieben. Diese Zuschreibung ist gegenwärtig allerdings bestritten worden. Sicher ist, dass die zwölf Apostel dargestellt sind und Christus in der Mitte. Auf das Fundament Christi und der Apostel gründet der ganze Altar - und mit ihm die Kirche.

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Weiterführende Informationen zu folgenden Themen: Leben des Hl. Paulus, des ersten Einsiedlers, nach Hieronymus - Vita des Heiligen Paulus des Einsiedlers nach der "Legenda Aurea" - Vom "Todesvogel" zum "Liebesvogel" - Der Einsiedler am Brunnen - Die Palme als Symbol - Heilende Kräuter - Kühn: Darstellung mittelalterlicher Heilkräuter - Behling: Grünewalds Heilkräuterkunde - Die Viersäftelehre - Breitwegerich - Spitz-WegerichVita des Heiligen Antonius nach der "Legenda Aurea"  - Laster, Sünden und ein Sinnbild des Kranken - Eine verborgene Welt - Augustinus oder Athanasius? - Ein furchteinflößender Heiliger? - Hieronymus - Die geschnitzte Predella - Gab es einen Desiderius Beichel?

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