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Rekonstruktion
des Altarwerkes
Wer den Isenheimer Altar heute zum ersten Mal im Unterlinden Museum in Colmar besucht, steht in aller Regel zunächst einmal hilflos vor den einzelnen Tafeln. Es braucht ein wenig, bis man erkennt, wie das Ganze einmal zusammengehört haben mag. Die Tafeln und die Reste des Schreins sind so aufgestellt, dass man um die Flügel herumgehen und sie von beiden Seiten aus betrachten kann. Dadurch sind sind die einzelnen Darstellungen auseinandergerissen und es bedarf einiger Vorstellungskraft oder der Hilfe von Abbildungen, um sich das Zusammenspiel von Schrein und Altarflügeln in den verschiedenen Wandlungen vor Augen zu führen.
Dabei ist die heutige Präsentation schon das Ergebnis einer
Rekonstruktion. Große Teile des Schreins sind nachgebildet, damit der heutige
Betrachter überhaupt einen Eindruck von den einstigen Dimensionen und der
Form des Altarretabels zu erlangen vermag. Wie schwer es war, die Einzelteile,
die sich nach den revolutionären Wirren erhalten hatten, in ein Gesamtgefüge
einzugliedern zeigt die etwas hilflose Anordnung derselben vor 1930, dem
Zeitpunkt des heutigen Rekonstruktionsversuches. ![]()
Die Schwierigkeiten, die die Anordnung der einzelnen Teile damals machten, verdeutlicht bereits, dass eine sinnvolle Zuordnung nicht leicht ist. Schon von daher kann man erahnen, dass auch der jetzt gezeigte Rekonstruktionsversuch in vielem Hypothetisch ist. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stehen Flügel und Schrein zu niedrig. Die Figuren und Bilder wurden - zudem durch eine Stufenanlage erhöht - für eine Ansicht von unten konzipiert. Der ursprüngliche Eindruck war demnach sicher ein anderer, als er sich heute im Museum bietet.
Einen Versuch, die Wirkung des Altares im Raum
wiederzugeben, hat Joseph Harnest unernommen
.
Er zeichnet den Altar mit hohem Gesprenge in einem gotischen Chorraum. Die
drei Zeichnungen, die die drei Wandlungen des Isenheimer Altares verdeutlichen
sollen, wurden in der Vergangenheit immer wieder abgedruckt und stellen
bislang vermutlich den einzigen Rekonstruktionsversuch des Altares im Raum
dar. Emil Spath bestreitet allerdings vehement, dass es ein Gesprenge, wie es
Harnest darstellte, überhaupt gegeben hat. Er vermutet hinter einem alten
Tabernakel und einem Reliquiar die ursprüngliche Bekrönung des
Altarschreines. Reste eines Baldachins über diesem Tabernakel könnten sich
erhalten haben. ![]()
Spaths Forschungsergebnisse sind nun in einer Computeranimation dreidimensional umgesetzt worden. Aus dieser jüngsten Rekonstruktion der kompletten Isenheimer Anlage stammen die folgenden Darstellungen, die einen ersten Einblick in den Zusammenhang der einzelnen Teile und das Erscheinungsbild des Altares geben wollen.
Diese Rekonstruktion bleibt natürlich hypothetisch. Wie die Wände der Isenheimer Antoniterkirche im 16. Jahrhundert beschaffen waren, ist nicht geklärt. Sie waren auf jeden Fall farbig gefasst. Rechnung getragen wurde dem Vermerk der Revolutionäre, die 1793 in ihr Verzeichnis eintrugen, dass sich sechs Kerzenleuchter auf dem Altar befanden und dass unter der Figurengruppe Christi mit den zwölf Aposteln ein Tabernakel eingelassen war, auf dem ein Kreuz stand. Dadurch erhöht sich der ganze Altaraufbau. Die Stufenanlage entspricht den erhaltenen Planskizzen, so dass die Raumwirkung einigermaßen authentisch wiedergegeben werden können.
Insgesamt dürften die hier wiedergegebenen Abbildungen den Zustand veranschaulichen, den man Ende des 18. Jahrhunderts in Isenheim vorgefunden hat.

Der geöffnete Altar zeigt in der Mitte die Figur des thronenden heiligen Antonius mit zwei begleitenden Figuren, die Emil Spath als "bereuenden Sünder" und "zum Glauben Bekehrten" deutet. Rechts von Antonius, also auf der vom Betrachter aus gesehen linken Seite, steht die Figur des Heiligen Augustinus, zu dessen Füßen Jean d'Orlier, der den Altar möglicherweise in Auftrag gegeben hat, kniet. Auf der gegenüberliegenden Seite steht der Heilige Hieronymus, mit seinem Attribut, dem Löwen. In der Predella sind Christus und die "zwölf Apostel" dargestellt.
Die beiden gemalten Flügel stellen Szenen aus der Vita des Ordenspatrons dar. Der - vom Betrachter aus gesehen - linke Flügel schildert den Besuch des Heiligen Antonius beim Einsiedler Paulus, der rechte Flügel stellt die "Die Versuchung des Heiligen" bzw. "Die Leiden des Heiligen Antonius" dar.

Schließt man die Flügel, auf denen sich die beiden Darstellungen aus dem Leben des Heiligen Antonius befinden, und setzt man die zweigeteilte Bildtafel ein, die die Gruppe der Apostel mit Christus verdecken, dann verändert der Altar sein Aussehen völlig. Die gemalten Tafeln schildern nun das Leben Christi von seiner Verkündigung, über die Geburt die Grablegung bzw. Beweinung in der Predella und die Auferstehung auf dem - vom Betrachter aus gesehen - rechten Flügel.
Das große Mittelbild ist dabei zweigeteilt. Neben der Mutter mit dem Kind wird eine Szene geschildert, die gemeinhin "Engelskonzert" genannt wird. Bot der geöffnete Schrein insgesamt fünf Szenen - die beiden Flügel und den dreigeteilten geschnitzten Retabelkern -, so findet der Betrachter auf dem so geschlossenen Altar vier Darstellungen vor.

Drei Bilder bietet der Altar, wenn auch die beiden Flügel, die auf der Rückseite die Verkündigung und Auferstehung Christi schildern, geschlossen werden.
Beherrschend ist das Kreuz mit dem Leichnam Jesu, unter dem zu seiner Rechten Johannes mit der Mutter Jesu und Maria Magdalena dargestellt sind. Zur Linken Christi, vom Betrachter aus gesehen auf der rechten Seite, steht Johannes der Täufer mit einem Lamm.
Die Predella-Tafel mit der Beweinung Christi sowie der trauernden Maria Magdalena, der Mutter Jesu und dem Apostel Johannes verbindet den geschlossenen und einmal geöffneten Altar miteinander und verdeckt auch in dieser Wandlung die Figuren Christi mit den "zwölf Aposteln".
Direkt am Schrein befestigt und demnach auch nicht beweglich waren zwei Standflügel, die den Heiligen Sebastian und den Heiligen Antonius darstellen.
Viele Fragen bleiben offen und werden äußerst kontrovers
diskutiert. Eine davon ist, ob die heutige Anbringung des Standflügels mit
dem Heiligen Sebastian auf der - vom Betrachter aus gesehen - linken
Schreinseite und der des Heiligen Antonius auf der rechten Seite die richtige
ist. Während Reiner Marquard dafür plädiert, dass die Standflügel genau
anders herum angebracht werden müssten, spricht sich Emil Spath mit guten
Gründen für die heute in Colmar gezeigte Anordnung aus. ![]()
Nicht minder umstritten ist die Frage, welche Wandlung des
Altares wann zu sehen war. Pantxika Béguerie, Konservatorin des Musée
d'Unterlinden vermutet, dass der geöffnete Altar mit Antonius in der Mitte in
der Regel zu sehen war
.
Emil Spath versucht mit vielen guten Argumenten aufgrund des Kirchenjahres die
einzelnen Wandlungen sehr differenziert anzugeben.
Weiterführende Informationen zu folgenden Themen: Präsentation der Reste des Altares vor 1930 - [Demnächst:] bisherige Rekonstruktionen - Gesprenge oder nicht - Reste eines Baldachins? - Wie waren die Standflügel ursprünglich platziert? - Franz Christian Lerses "Anzeige der Gemählde und Statuen ..." - Joseph Harnest, Der Altar und das Raumproblem - Anmerkung 4 - Die Wandlungen des Altares im Laufe des Kirchenjahres.
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