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Der Krankensaal im Hôtel-Dieu in Beaune. |
Kaum etwas ist vom Isenheimer Spital erhalten. Aus den wenigen Resten kann man die einstige Anlage nur bedingt erschließen. Was hier schon für die Baulichkeiten gilt, gilt erst recht für das Leben, das das Haus erfüllte, insbesondere im Blick auf diejenigen, die als Kranke nach Isenheim kamen.
Um einen Eindruck davon zu gewinnen, wie die Kranken in einem solchen Haus untergebracht waren, mag ein Blick nach Beaune hilfreich sein, wo sich ein Krankensaal erhalten hat. Die Betten sind an den Längswänden angeordnet. Durch
Die Betten stehen an den Längsseiten aneinander gereiht. Sie sind durch Zwischenwände und Vorhänge voneinander getrennt. Zog man die Vorhänge auf, konnten die Kranken vom Bett aus die Messe am Altar an der Stirnseite des Saales verfolgen. Das entsprach üblicher Praxis. Die Anlage eines Hospitals war nur von ihrem Zentrum, von ihrem Altar her zu verstehen.
"Die Sichtbarkeit der Reliquie, das Sehenkönnen der
Hostie im Augenblick der Wandlung in den Leib Christi, die Teilnahme am
Gottesdienst bei Tag und Nacht vom Bett aus blieb ... das entscheidende
Architekturkriterium für alle Hospitäler." ![]()
In Beaune ist dieses Ideal verwirklicht worden. In Isenheim waren Krankensaal und Kirchenraum nicht identisch. Nichtsdestoweniger wird möglicherweise auch in der elsässischen Antoniterpräzeptorei ein Altar im Krankensaal gestanden haben.
Aber ein anderes Detail dürfte mit großer Sicherheit auch in Isenheim vorherrschend gewesen sein. Auffallend in Beaune ist nämlich die große Rolle, die die rote Farbe im Krankensaal spielt. Die Bettbezüge sind rot, die Vorhänge, die Trennwände... Mancherorts sind es auch Türen und Fenstergewände.
Das hat symbolische Bedeutung: Die Siechen - so nannte man die dauernd Kranken - hießen im Mittealter 'die Märtyrer der Liebe Gottes'.
Man vertrat die Auffassung, dass Krankheit die Folge der persönlichen Sünde war. Dies glaubte man selbst aus der Bibel ableiten zu können. Im Johannesevangelium (Joh 9,1-12) wird beispielsweise geschildert, wie die Jünger Jesu einem Menschen begegnen, der blind geboren worden war. Sie diskutieren nun darüber, wer nun schuld an dieser Blindheit sei. Der Blinde selbst könne ja schwerlich schuld sein, da er ja schon blind geboren wurde. Also müsse es doch die Schuld der Eltern sein, die die Blindheit dieses Menschen verursacht habe.
Ganz unabhängig davon, dass dieses Denken schon von Jesus zurückgewiesen wurde und in der Theologie längst überwunden ist, war es im Mittelalter vorherrschend.
Die unheilbar Kranken hießen nun 'Märtyrer der Liebe Gottes', denn ihnen wurde - so dachte man - schon auf Erden die Gnade zuteil, ihre Schuld abbüßen zu dürfen. Krankheit war diesem Denken nach, eigentlich eine Folge der Liebe Gottes. Gott schenkt dem Menschen schon jetzt die Möglichkeit, für seine Schuld zu büßen, so dass er - nach diesem Leben - geläutert vor Gottes Gericht treten konnte.
Rot nun aber ist die Farbe der Liebe und die Farbe des Blutes. Rot ist deshalb auch Farbe der Märtyrer, die aus Liebe zu Gott, ihr Leben hingegeben und ihr Blut vergossen haben. Und wenn du - das sagte die rote Farbe im Krankensaal den Kranken -, wenn du dein Schicksal so auf dich nimmst, wie die Märtyrer, die ihr Blut für ihren Glauben an Christus vergossen haben, dann wirst auch du dein Ziel erreichen.
Wir werden sehen, dass das 'Rot' der 'Märtyrer der Liebe Gottes' auch auf den Tafeln des Isenheimer Altares, insbesondere im Kreuzigungsbild eine der vorherrschenden Farben darstellt.
Seit 1478 gab es eine Verordnung, die es zur Auflage machte,
dass jeder Kranke zu Beginn seines Spitalaufenthaltes vor den Altar gebracht
werden musste. Dies geschah in einer richtiggehenden Aufnahmeliturgie. Emil
Spath hat dieselbe aus den allgemeinen Regeln der mittelalterlichen Liturgie,
den Vergleichen zur Ordnung im Mutterhaus St. Antoine und den baulichen
Gegebenheiten erschlossen und sehr überzeugend rekonstruiert
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Inneres des Isenheimer Torgebäudes. |
Nach seiner Ankunft, fand der Kranke Einlass im heute noch erhaltenen Torgebäude. Dann wurde er in einen separaten Raum, der sich zwischen dieser "porterie" und der Kirche befand untergebracht und versorgt.
Die Nacht verbrachte er in einem niederen Seitenschiff des ebenfalls noch vorhandenen oratorienartigen Raumes in der "porterie", während eine "mulier hospitalis", eine Art Krankenschwester, bei ihm wachte und betete.
Am Morgen wurde der Kranke einer Art Prüfung unterzogen, ob er tatsächlich krank war und ins Antoniterhospital aufgenommen werden konnte, oder gar ein Betrüger war, der lediglich Unterschlupf suchte. Das Ordensstatut verpflichtete streng, jeden - Mann oder Frau, gleich welchen Standes - am Antoniusfeuer Erkrankten in die Gemeinschaft aufzunehmen.
Im heute noch erhaltenen oratorienartig gewölbten Raum des Torgebäudes fand dann der erste Teil der eigentlichen Aufnahmeliturgie statt. Der Kranke empfing eine Art Ordensgewand, wurde mit dem Aschenkreuz bezeichnet, bekam die Haare geschoren und empfing das Bußsakrament.
Emil Spath vermutet, dass währenddessen - vermutlich Laienbrüder aus dem Brunnen im Verbindungshof zwischen Torgebäude und Kirche Wasser schöpften und damit das Bronzebecken, das sich hinter dem Altar in der Kirche befand, füllten.
Dann zog man durch die eigenartige Ostpforte im Chor der Kirche mit dem Kranken zu diesem Bronzebecken, das nun mit dem Antoniuswasser gefüllt war. Der Abflussverschluss wurde geöffnet, so dass das geweihte Wasser herausfließen konnte und der Kranke wurde einer rituellen Waschung unterzogen. Nachdem er abgetrocknet war, wurde er vor den Altar geführt, wo nun die Aufnahme-Liturgie vollendet wurde.
Der Kranke erhielt die Absolution, die Lossprechung von seinen Sünden, die Krankensalbung, damals als Extrema Unctio, letzte Ölung, verstanden, und er erhielt das Sakrament der Eucharistie, die Wegzehrung.
Dann legte er sein Versprechen ab. Die Aufnahme in das
Antoniterspital war schließlich gleichbedeutend mit dem Eintritt in den
Orden. Auch nach einer etwaigen Genesung blieb er in den Orden eingebunden.
Alle Kranken hatten in die Hand der Präzeptoren auf das Evangelium ein
feierliches Versprechen abzulegen, das den drei klassischen Ordensgelübden
Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam nachgebildet war. Der Kranke schwor dem
Glauben und dem Orden Treue und Gehorsam, hatte seine Güter, sein Erbe ganz
oder zum Teil dem Orden zu überlassen und nahm die Verpflichtung auf sich,
von nun an in geschlechtlicher Enthaltsamkeit zu leben: Versprechen, die den
Ordensgelübden "Armut - Ehelosigkeit - Gehorsam" nachgebildet
waren. Erst dann war er vollgültig aufgenommen. ![]()
Dies geschah nun vor dem gewaltigen Hauptaltar mit seinen ausdrucksstarken Darstellungen, die ihre Wirkung sicherlich nicht verfehlten.
Nach der Aufnahme wurde der Kranke zunächst den Ärzten übergeben. Es waren Laienbrüder oder - wie in den meisten Fällen - Vertragsärzte, die oft großes Ansehen genossen und den Ruhm der Antoniterniederlassungen ausmachten. Nachdem der Kranke ins Spital aufgenommen worden war, folgte als nächster Schritt in aller Regel die Amputation der verkrüppelten Glieder. Dies geschah in Isenheim wohl im Obergeschoss der Porterie.
Nicht selten hat der Kranke diesen zweiten Tag seines
Aufenthaltes bei den Antonitern schon nicht überlebt. Er fand dann seinen
Platz auf dem vor dem Hauptportal der Klosterkirche gelegenen Friedhof. In ein
Ordenshospital der Antoniter Aufgenommensein bedeutete: In dieser Gemeinschaft
Versorgtwerden auf Lebenszeit und geistliche Zugehörigkeit auch über den Tod
hinaus. ![]()
Das heißt allerdings nicht, dass es nicht genauso spektakuläre Heilerfolge gab. Häufig wurde das Leiden beträchtlich erleichtert. Die Kranken wurden - untergebracht im Krankensaal - über längere Zeit gepflegt, ihre Schmerzen erfuhren Linderung und am Ende wurde diesen Menschen ein würdiges Sterben ermöglicht.
Eine große Rolle bei der Behandlung der Kranken spielten
der sogenannte Antoniusbalsam und der Antoniuswein - letzteres ein Heiltrank
mit Kräuterzusatz, der vermutlich gefäßerweiternd wirkte und damit die
schlimmsten Symptome der Mutterkornerkrankung bekämpfte. ![]()
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Figur mit Schwein im Schrein des Altares. |
Natürlich brauchten Einrichtungen, wie sie die
Antoniterniederlassungen darstellten, Geld - und das nicht zu knapp. Schon
unmittelbar nach Gründung der Bruderschaft in Staint-Antoine hatte sich
gezeigt, dass der Unterhalt der wachsenden Pilgerscharen im Mutterhaus und die
steigende Zahl auswärtiger Niederlassungen größere Geldmittel und eine
durchdachte Organisation erforderten. Der schon Mitte des 11. Jahrhunderts
üblich geworden Brauch, bei den Gläubigen Geldsammlungen unter Mitführung
von Heiligenreliquien zu veranstalten, wurde deshalb von den Antonitern
aufgegriffen, systematisiert und zur höchsten Vollendung geführt. Jahr für
Jahr erschienen die 'Antoniusboten', also Angehörige oder auch Beauftragte
der Antonitergemeinschaft, in immer Neuen Orten. Selbst abgelegene Gebiete,
wie einsame Gebirgstäler oder das dünn besiedelte Skandinavien, wurden
erfasst.
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Dieser sogenannte "Quest" war die Haupteinnahme-Quelle der Antoniter.
Da jedoch in den Zeiten Bargeld noch die Ausnahme war und Geldwirtschaft sich erst langsam entwickelte, entlohnte man die Antoniusbrüder mit Naturalien, genau genommen mit Schweinen.
Man zog in den Dörfern Ferkel auf, die für die Antoniter
bestimmt waren. Sie wurden mit Abfällen gemästet, nach der Schlachtung
verkauft oder in geräuchertem Zustand dem Mutterhaus oder einzelnen
Niederlassungen zugeführt. Adalbert Mischlewski berichtet, dass schon zu
Beginn des 13. Jahrhunderts 'von Schottland bis nach Antiochien weder Stadt
noch Schloß' gefunden wurde, in denen man nicht die Antoniusschweine
herumlaufen sah. Zur Kennzeichnung erhielten die Antoniusschweine ein T, seit
der Mitte des 12. Jahrhunderts das Zeichen der Antoniter-Bruderschaft, das die
Brüder in hellblauer Farbe auch an ihrer Kleidung trugen. ![]()
Diese Schweine wurden zu einer richtigen Werbemarke der Antoniter. Und auf den Darstellungen des Heiligen Antonius findet sich am Ende auch grundsätzlich ein Ferkel zu Füßen des Heiligen. Zur Unterscheidung von anderen Heiligen mit Namen Antonius, wurde er vielerorts auch einfach "Sautoni" genannt. Für den Heiligen Antonius wurde die "Antoniussau" zum Attribut, zum Erkennungszeichen - und die Antoniter wurden durch sie "schweinemäßig" reich.
Weiterführende Informationen zu folgenden Themen: Das "Hôtel-Dieu" in Beaune - Die Aufnahme in das Spital (Ankunft und Prüfung - In der "Porterie" - In der Kirche") - Antoniuswein und Amputationen - [demnächst:] Schweinemäßig reich.
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
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