Breitwegerich, Großer Wegerich - Plantago major L.

von Uschi Schedlik

Familie:

Plantaginaceae (Wegerichgewächse)

Art:

Plantago major L.

Unterart:

Plantago major L. ssp major
(ssp: subspecies = Unterart)

Höhe:

(5-) 10 bis 40 (-60) cm

Vorkommen:

heimisch in Europa, Asien, Nordamerika; über die ganze Welt verschleppt; häufig auf Fußwegen, an Straßen, auf schlechten Wiesen usw.

Unter der sitzenden Gestalt des Heiligen Antonius auf dem Isenheimer Besuchsbild ist Breitwegerich dargestellt - eine Pflanze, die in allen Publikationen über die Kräuter auf dieser Tafel durchweg als solche erkannt und identifiziert wird. In den mittelalterlichen Quellen wird sie in erster Linie zur Wundheilung empfohlen. Neben Spitzwegerich ist Breitwegerich die einzige Pflanze, deren Verwendung durch die Antoniter aufgrund eines originalen Rezeptes sicher belegt ist.

Breitwegerich in den mittelalterlichen Quellen

Bevor hier die Texte der mittelalterlichen Abhandlungen im Wortlaut des jeweiligen Originales wiedergegeben werden, sei darauf hingewiesen, dass die hier vorgestellten Ausführungen zu den Pflanzen nicht dazu geeignet sind, Krankheiten selbst zu behandeln. In dem  Buch "Höhepunkte der Klostermedizin - der 'Macer floridus'" weisen die Autoren und Übersetzer auf das nicht geringe Risiko eines solchen Tuns hin.

"Um etwaigen gefährlichen Missverständnissen vorzubeugen, sei folgendes vorweg gesagt: Dies ist kein medizinisches Hausbuch für den modernen Menschen, dieses Buch ist nicht als Anleitung zur Selbstmedikation zu gebrauchen. Zwar handelt es sich bei dem "Macer floridus" um das erfolgreichste Werk  der Epoche der Klostermedizin, und es spricht auch manches dafür, dass dieses Lehrgedicht zur Selbsthilfe innerhalb und außerhalb des Klosters herangezogen wurde. Aber hier werden keineswegs nur mild wirkende Arzneipflanzen behandelt, die man bedenkenlos auch in der Drogerie vertreiben könnte, sondern es werden ebenso "echte Hämmer" herangezogen, Pflanzen, die schweren Schaden oder gar den Tod bringen können, auf die man - lange vor der Zeit der chemischen Pharmazie - aber nicht verzichten wollte oder konnte. Hinzu kommt, dass nach heutigem Wissen viele der Rezepte und Ratschläge kurios bis dubios erscheinen, ganz abgesehen davon, dass wir heute von einem Großteil der hier empfohlenen Anwendungen keine Erfahrungswerte besitzen."
(Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl (Hrsg.), Höhepunkte der Klostermedizin - der 'Macer floridus' und das Herbarium des Vitus Auslasser, Erweiterte Reprintauflage der Originalausgabe von 1832 ab Seite 28, Seite V).

Diese Bedenken lassen sich auf alle mittelalterlichen Kräuter- und Medizinempfehlungen übertragen und gelten selbstverständlich für alle in diesem Zusammenhang behandelten Pflanzen.

Den heutigen Kenntnisstand über die Wirkung der klassischen Heilkräuter gibt beispielsweise das 'Handbuch der Klostermedizin' wieder. Auch entsprechende Websites geben hilfreiche Auskunft . Sehr schnell werden Gemeinsamkeiten, aber auch deutliche Unterschiede zur mittelalterlichen Verwendung der Kräuter deutlich.

Der 'Gart der Gesundheit'

Eine der wichtigsten Quellen über die Verwendung ist der "Gart der Gesundheit". In ihm wird dem Breitwegerich ein eigenes Kapitel gewidmet. In den übrigen, hier vorgestellten  Publikationen verschiedener Autoren, wird er üblicherweise zusammen mit den anderen Wegericharten behandelt.

Plantago maior wegerich   Cap • cccviii •

Plantago vel quin qz neriua vel lingua arietis vel etiā aruo
glossa latine •  grece aruoglossus •  arabice lisen alhamel •
   Die meister beschriben vns gemeynlichē von dissem krude
vn  sprechē das diß sy zweyerhand •  eyn heyßt groß die ander die cleyn • 

  

Es ist auch eyn ander krut plantago genant die hyßet zů latin lan
ciolata wan sye wechset vff mit spitzen blettern als eyn lantz ysen •
Die zwo mit namen die groiß vn die cleyne synt kalter vn drucken=
ner natuer •  vnd darvmb so drucken sie sere naß oder fucht wunden •
Die groß heyßet darvmb die groß daz sie ist von großen krefften als
dan bewern die meister hernach •  Vn die cleyn ist vō mynnern krefftē
als wir horen werden in dem nesten capitel platago minor •
   Diascorides wegerich safft hinden in gelaßen mit eynē kly stere be=
nympt das kalt das lang zyt gewert hait • Mit dissem safft die au=
gen gesalbet drybet hin die hitz vn geswolstMit dem safft die zene
geweschen benymt das wee da von vnd die geswolst • Der safft ist
auch gůt den frauwen den man yr sucht nit stillen kan •  den mit eynē
důch vff yr schemde gelacht vnd als balde das gedruckent sal mā es
widdervmb netzen • Der same gestoßen mit wyn vn den gedrun=
ken ist zů allen dinge gůt dar zů der safft ist • Der safft lange in dē
mūde gehalten heylet die füle dar in vnd die wunden vff der zungē •
   Den safft in die fistelin gelaßen heylet sie • Auch den safft gelaßen
in die oren heylet das geswere vn drucket das • Auch leschet der safft
das heylige fuer •  mit hußwortz vermengt genat semperviua • Der
safft ist gar gůt emoptoicis das ist die da blut rensen •  So mā dē nutzt
mit eßig •  Er ist auch fast gůt ptistcis das ist die das abenemē haben
   Plitcaruis die bletter mit honig gestoißen vnd gesotten vnd vff
die nase wunden gelacht als eyn plaster drucket sie • Die groißen
wegerich bletter gesotten mit eßig vnd saltz als eyn warm můß das
geßen verstoppet den buch an der rose •  Diß hilfet auch fast meen ob
lynsen da by gesotten weren • Es ist zů wißen das es sint dryerley
flůß des buchs •  Der eyn ist genant dissynteria vn ist eyn floß da mit
blůt gait •  Der ander ist geheyßen dyarria vnd ist eyn floße an blůt •
Der drytte ist genant lyenteria vn ist eyn flůß also das die kost hin=
wegk gait glich als sie geßen wurt • Vor den ersten vnd den lesten
ist wegerich gar gůt gesotten mit wyn vnd den gedrūcken • Item
wegerich verstillet das blůt in den wünden den gestoßen vn dar vff
geleyt mit eys wyß • Sie heylet auch was der hundt gebißen hatt
vnd verdrybt alle geswolst •  die gestoßen vnd dar vff geleyt •  Vnd
benymt die lynzeychen der wünden vnd brenget sie yn yr erste farbe •
   Sie heylet auch gebrant gliedt die gestoßen vn dar vff geleyt mit
eynē eys wyße • Itē das saft ist gůt widder das feber quartan zwo
Stunde dar vor genutzt ee das feber kumpt.

Der 'Macer floridus'

Als zweiter Text soll die Abhandlung wiedergegeben werden, wie sie sich im sogenannten 'Macer floridus' findet. Hier zunächst der originale lateinische Wortlaut:

 

VI.  Plantago

 

Herbam, quae nostra lingua Plantago vocatur,
Hanc Arnoglossam Graecus vocat, est quia linguae
Arniae similis foliis. Plantaginis huius
Sunt geminae species, et maior prima vocatur,

200

Altera vero minor, quam vulgo lanceolatam
Dicunt, quod foliis (ut lancea) surgit acutis.
His infrigdandi desiccandique notatur
Tertius esse  gradus, maiori vim tamen esse
Maiorem dicunt, nimis humida vulnera siccat,

205

Si superaddatur cum melle, et sordida purgat.
Cum sale sicut olus si iuncta coquatur aceto,
Ventrem restringit nimium sic mansa fluentem;
Si supradictis lens sit concocta iuvabit
Hic dysentericos melius cibus et ciliacos.

210

Stringit manantem superaddita trita cruorem,
Et nigris maculis fertur reparare colorem,
Ovi cum lacrymo mire medicatur adustos. 

   

 

   

 

                      Macer Florius.

 

Sola canis morsum curat sedatque tumorem,
Et scrophas spargit superaddita cum sale trita,

215

Hydropicis ut olus decocta comestaque prodest,
Sic iuvat asthmaticos, ferturque iuvare caducos.
Sordida purgabit bene vulnera quaelibet oris,
Ore diu tentus si succus volvitur eius.
Hic introfusus curat syringia succus.

220

Et dolor hoc auris sedabitur et sacer ignis.
Fert haemoptoicis hic opem, sie saepe bibatur
Per se, fortior est si sit coniunctus aceto;
Sicque iuvat phthisicos, iniectus vero per anum
Stringit non modicum fluxum dysentericorum,

225

Pellitur es oculis tumor hoc fervorque perunctis.
Saepius hanc ipsam si dentibus atteris herbam,
Gingivas reprimet tumidas et sanguine plenas,
Sicque solet dentis compescere saepe dolorem.
Succus cum lana matrici subditus eius

230

Stringit manantem nimium siccando cruorem.
Cunctis praedictis eius decoctio causis
Prodest et potus cum vino seminis eius,
Vesicae renumque iuvat potata dolorem.
Dicunt non nasci scrophas gestantisbus eius

(...)

   

 

Konrad Goehl und Johannes Gottfried Mayer übersetzen den Text folgendermaßen:

6. Plantago, der Wegerich

Das Kraut, welches in unserer (lateinischen) Sprache Plantágo heißt,
nennen die Griechen Arnoglóssa, das ist Schafszunge, denn seine
Blätter sehen der Zunge eines Lammes gleich. Von diesem Kraut
Plantago oder Wegerich gibt es zwei Arten: die größere nennt man

Breitwegerich (plantago maior), / die andere Kleinwegerich (planta-
go minor) oder im Volk Spitzwegerich (plantago lanceoláta), denn
sie reckt sich mit spitzen Blättern, die einer Lanze ähneln, hoch. Als
kalt und trocken ordnet man Spitzwegercih im dritten Grade ein;
dem Breitwegerich (plantago maior) schreibt man noch größere
Kraft (vim maiorem) zu.

200

   Letzterer, also der Breitwegerich, trocknet, / mit Honig darüber
gelegt, nässende Wunden und reinigt eiternde; mit Essig und Salz
wie Gemüse gekocht und gegessen, zähmt er den übergroßen Durch-
fall; kocht man zusätzlich Linsen mit, hilft diese vortreffliche Speise

205

bei Blutstuhl und Bauchgrimmen. / Legt man das Kraut gestampft
auf, stillt es strömendes Blut; auch soll es schwarzen Malen auf der
Haut die rechte Farbe wiedergeben; mit Eiklar heilt es wunderbar
Verbrennungen. Allein verwendet hilft's bei Hundebiß und mildert
Geschwülste; stampft man's mit Salz und legt es auf, vertreibt es böse

210

Halsdrüsen. Als Gemüse gekocht und gegessen, / hilft's Wassersüch-
tigen sowie Asthmatikern, soll auch den Fallsüchtigen gut tun.
   Hält man den Saft lange Zeit im geschlossenen Mund und bewegt
ihn darin, reinigt er trefflich alle schwärenden Wunden des Mundes.

215

Träufelt man diesen Saft in eine Fistel, so heilt sie ab; / auch der
Ohrenschmerz wird gelindert sowie das Antoniusfeuer. Blutspeien-
den hilft dieser Saft, wenn sie ihn oftmals trinken, wie er ist, doch
stärker noch wirkt er mit Essig im Bunde; so nützt er auch
Schwindsüchtigen, spritzt man ihn aber durch den After ein, zähmt

220

er den unmäßigen Fluß der Blutstuhl Leidenden. / Augenschwellung
und Augenbrennen vergehn, wenn man die Augen damit salbt.
Kaust du das Kraut wiederholt mit den Zähnen, so drängt es aufge-
schwollenes und blutgefülltes Zahnfleisch zurück; oft pflegt es auch
das Zahnweh zu vertreiben. Bringt man den Saft mit einem Woll-

225

zäpfchen von unten her an die Gebärmutter heran, / trocknet und
stillt er übermäßig strömendes Monatsblut. Die Abkochung der
Pflanze und ihr Samen, mit Wein getrunken, hilft bei allen genann-
ten Krankheitsfällen; die Abkochung tut ferner gut gegen Schmerzen
von Blase und Niere.

(...)

230

Das 'Kreutterbuch' des Hieronymus Bock

Folgen wir nun den Ausführungen des Hieronymus Bock in seinem 'Kreutterbuch' aus dem Jahre 1577:

Von Wegerich. Cap. lxxv. 

 

Kein wunder ist das Chrysippus vom We=
gerich ein besonder bůch zůgericht vnd geschribē hat / dieweil Wegerich
also zů mancher hand presten dienstlich ist. Dann es moegen die Wund
artzet des Wegerichs gar vbel entraten / zů dem wollen die Physici vn
ihre Koech / die Apotecker / Wegerich auch nicht emperē / ich geschweig /
dz beinahe kaum ein mensch ist / d'da nit wisse warzů Wegerich gůt sey /
dz sicht mann in taeglicher uebung vnd erfahrung. Ist also gemein worden / dz etliche We=

Chrysippus.

gerich kraut in d'kost / wie andere můß kreutter / bereiten lassen / sonderlich aber in Bauch=
fluessen. Und seind des Wegerich drei geschlecht / die groß / dz mittelst vn das spitzig Plā

Bauchfluß.

tago. Das aller groest hat bletter wie Entian oder Mangolt / auff der Erden aufge=
spreit / ein jedes blat außwendig mit siben Rippen / die sich alle am ende des blats gegen
der wurzel zůsamen tragen. Diser Wegerich gewinnet runde glatte stengel / spannen
lang / oben mit vollkommlichen aeheren / des kleinen samens inn zarten huetlein ver=
schlossen. Die Wurzel an disem Wegerich ist zasechter dann keins anderen Wege=
richs.

Grosser Wege=
rich.

O   iii

 

 

Von der Kreutter Vnderscheid /

 

   Das mittelst würt inn der ganzen Substantz ein wenig kleiner. Bleibet mit sei=

Mittel Wege=
rich.

nen blettern die auff dem grundt als ein Stern außgespreit ligen / uber Winter gruen /
doch zů Eschenfarb geschickt / rauch und haarecht / mit siben gefalten Rippen / ein
jedes blat so es vollkommlich / ist einer Zungen gleich. Die glatten nacketen vnnd
kurtzen Helmer wachsen spannen hoch / tragen zů oberst weisse Gaele geaeherte blůmen /
wie der andern frucht aehern anzůsehen. Der samen zimlich lang / groesser dann des
ersten / aller ding dem Basilgen samen aehnlich. Die Wegerich wachsen alle gern inn
feuchten orten / als Wysen vnnd Gaerten.

 

   Der dritt Wegerich ist d'aller schmaeehlest an den blettern / hatt auch seine Rippen

   3.
Spitzer Wege=
rich.

wie die andern / von farben schwarzgru en. Die glatten stengel seind nicht rund / son=
der ecket / als weren siben rippen zůsamen kommen / vnnd eines darauß gewachsen.
Dise eckete vnd glatte Helmer des Wegerichs / haben auch ihre geaeherte blůmen / von
farben schwarz / die blueet weißfarb / wie des mittelsten Wegerichs / das ist / wie weis=
se haerlein mit kleinen düpfflein bekleidet. Der samen würt groesser dann der an=
dern / also was diser mit wurzelen / blettern / stielen vnnd blůmen geringer / schmaeler /
duenner vnnd kuerzer ist / das ist er herwiderumb mit seinem samen groesser / vollkomm=

   Tempus.

licher vnnd gebreuchlicher. Dise kreutter blueen alle sampt gegen dem Meyen vnnd
Brachmonat.

Sonst

   

Namen und Würckung I Theil.

83.

   Sonst findet man noch ein schoen kraut / mit feißten gruenen blettern / den Wegeri=
chen nicht vast vngleich / inn den Su empffen / Lachen oder graeben wachsen / das gewinet
lange stengel / mit vil neben zincken inn der hoehe die tragen kleine weisse bluemlein / ganz drauschelecht / wie Limonium / oder wasser Mangolt / etc.

 

Von den Namen.

 

Dise kreutter weil sie dē zungen gleich seind / werdē sie mit den namē Αρνόγλοσ=
σος, od Arnoglossa  / Lingua agni / Arniō / Herba agnina / προβάτειον, Quilla herba
vn πολúευρον, Multineruis / έπτάπλευρον Septineruia / vm der ripp
willē genant. Deßgleichē Cynoglossa / dieweil hundszung vn dz Wegerich

Arnoglossa.

kraut einand' aehnlich seind. Sonst heißt sie auch Cotunix / Gelapyros / Stelaphuros /
Eurechnomonō / Asonth /  Thesarica / Atijrcon. Der gemein Latinisch namē ist Planta=
go / dz verstehn  die gelehrtē  allein auff dē grossen / den mā roten Wegerich nenet / vrsach dz
seine aeher mit dem samen gemeinlich ein wenig braun werdē / oder darumb das man das

Coturnix.
Plantago.

selb kraut vn samen / aller meist fuer die rote Rhůr braucht. Das and' vnd spitz Wegerich
heißt Lanceolata / od' Plantago minor.  Das dritt ist Plantago media vel alba / ist ein wun
der das Diosc. lib. ij. cap.  cxv. deßgleichen Plinius lib. xxv. cap. viii. nit mehr dan von zweiē
 schreiben / so doch jederman drei Wegerich kreutter kennet / sie muessen entweders den

dritten

Rote růhr.
Lanceolata, Me=
dia Plantago.

 

 

Von der kreutter Vnderscheid /

 

dritten vnd weissen Wegerich nicht gekennt haben / oder haben den roten vnnd den mit
den weissen blettern vnd blůmen für einen gerechnet. Apul. cap. i. schreibet auch nur von
zweien vnd spricht / mann nenne in Thyrsion / Branichneumonos / Asthat / Thesarica /
Simpeax / Artiereon / vnnd Plantaginem maiorem / etc. Den vierdten nennet man zů
Teutsch wasser Wegerich vnd Froeschloeffel kraut / darumb das die bletter wie Loeeffel for=
miert werden / so haben auch die Froesch allzeit ihr wohnung in disem gewaehß / es ist aber
kein art des Wegerichs. Serap. cap. ccxiii nenet Wegerich / Lisen alhamel. Inn Aucien=
na cap.ccccxxxix Lingua arietis. Manlius Bletam syluestrem / in siro. de psyllio / vn die
klein nennet er Quinqueneruiam / vnd der fuenff ripplein willen / wievol sie etwañ auch
siben hat / vide sirup.de Planta et Gilbertum. Phrysius nennet den grossen Ascher / den
kleinen nennet er Herlatum Megeboram / Herbam Martis / Spißkraut Also sich mā
das die aller gemeinste kreutter allzeit vil namen haben. Weitter fragt Diosc. Plantago
sei Probation / das ist Herba ouilla / so haben wir nůn auch zwei Schaffkreutter / dz We
gerich vnnd das Ocimastrum / dauon er lib. iiii. cap. xxix schreibet. Der klein Wegerich
heißt Lanceola / oder Lanceolata / was aber sonderlich Lanceola sei / besihe das cap. Lonchi=
tis / lib. iii. cap. cliii. Was Cynoglossa sei / würt ferner angezeiget.

 

Von der Krafft vnd Würckung.

 

Vnder vilen kreuttern ist der Wegerich mit seinen geschlechten inn der Arznei am
breuchlisten / inn den Leib vnnd ausserhalb zůbrauchen / einer zimlichen kuelen
druckenen Substantz / vmb des willen Wegerich zů aller hand Wunden dienen /

Wunden.

beide Vihe vnnd menschen.

 

Innerlich.

Versehrung /
Bauchfluß Stopf=
fen.

Gruen Wegerich kraut gekocht vnnd inn der Speiß genossen / deßgleichen der sa=
men / oder das puluer von ihn beiden eingenommen / heilet alle versehrung des
leibs / vnnd stopffet alle Bauchflūß / dienet wol denen / so das abnemen besorgen

Phthisis.

Phthisis genat.

Abnemmen.
Blůtspeien.

   Das gebrant wasser ist inn disem presten lieblicher zůbrauchen / dienet auch für blůt
Harnen / für Blůt speien / vnnd fuer das abnemmen.

Reichen / Fallen-
de sucht.

   Wegerich safft gedrucken ist nutz vnnd gůt fuer die Reichende / vnd denen welche
die Fallende sucht haben.

 

   Drei Wegerich wurtzel inn Wein gesotten vnnd gedruncken vom selben wein / soll

Tertiana.
Quartana.

das Feber tertianam vertreiben. Vier wurtzeln also bereit vnd gebraucht / soll hiennem=
men Febres quartanas. Ich halt mehr zům gebranten wasser / das man des selbigē (wan
das feber fuerhanden) ein gůten loeffel voll eindrincke.

Weiberfluß.

Versehrung im

Leib.

Gemelt Wegerich wasser / oder der außgetruck safft daruon / stopfft den Weibi=
schen vberfluß Menses / etliche tag nach einander gedruncken. Der safft vnd wasser hei=
len allerley innerlicher versehrung / etlich tag genützt / vnd ist erfahren.

Drittaegige Fe=
ber.

   Den safft von Wegerich mit Eßig vermischet / vnd etliche tag nach einander frue
warm gedruncken / benimpt das drittaegige Feber.

Verstopffte Le=

ber / Nieren.

Wurm im leib.

   Wegerich bletter vnd der samen eröffnet die verstopffung der Leber vnd der Nierē.
   Wegerich safft ein Loeffel voll gedruncken toedtet die würm. Das kraut gestossen vnd
auff den Nabel gelegt thůt dergleichen.

 

Eüsserlich.

Hauptwehe.

Der Wegerich safft vnnd wasser benemmen das grausam Hauptwehe / leine důch

Augen hitz vnd

lein darinn genetzt vnd vbergeschlagen / ist ein Experiment.

sehre.

   Wegerich safft inn die Augen gethan / reiniget sie vnd leschet die hitz / inn die

Ohren Schmerz.

Ohren gethan heilet das versehret ist vnd bringet wider das gehoer.

Den

 

Namen vnd Würckung I Theil.

84

   Den mund mit Wegerich wasser offtermals zům tag geweschen / vnnd den Halß
damit gegurgelt / heilet das Effen / die feule / vnnd alle versehrung im halß.

Effen im Mund.

   Wegerich wurtzel mit souil Bertram gepuluert / vnnd auff den holen Zan gelegt /
stillet den Schmerzen

Zahn Schmerzen.

   Die wunden von schlangen vnd rasenden Hunden gebissen / mit Wegerich safft
geweschen vnd die bletter darueber gelegt/ heilet ohn schaden.

Schlagen /
Hundebiß.

   Alle fliessende Schaeden der Maltzey vnnd Flechten / deßgleichen andere schaeden
als Fistel / Krebs / Carbunckel / Wollf vnd alle vngeschickte versehrung / heilet Wegerich
safft / kraut vnnd wasser / staets damit geseubert vnd vbergelegt.

Fliessende Schaeden.
Maltzey / Grind /
Wolff / Krebs

   Wegerich safft oder wasser mit Hauswurtz temperiert / vnd vber das wild Fewr ge=
legt / leschet dasselbig / deßgleichen alle hitzige scha eden.

Carbunckel
Wild fewr.

   Etlich hencken Wegerich wurtzel an den Halß / vermeinen die kroepff darmit zů=
uerheilen.

 

   Allerlei hitz zů leschen vnnd geschwulst nider zůlegen / würt Froesch loeffel kraut / oder
wasser Wegerich für andere kreutter gelobt vnd herfuer gezogen.

Geschwulst vnnd

Hitz.

   In summa / alle Wegerich seind wundkreutter zů allen schaeden / alt unnd new /
dienstlich.

Wundkreutter.

   Erasmus schreibet / wan ein Krott von einer Spinnen gestochen werde / eil sie zům
Wegerich / darmit würt ihr geholfen.

Spinnen stich.

In Dial. Amici=
tiae colloq. Eras.

   Wegerich gestossen vnnd mit Eyerweiß auffgelegt / stillet das blůten der wunden /

deßgleichen heilet es auch die gebrant glider.

Wunden blůten.
Gebrante glyder.

   Wegerich wasser mit souil Eßig vermischet weret dem blůte der Nasen / duechlein
darinn genetzt vnnd an die Solen geschlagen.

Nasen blůten

   Einen Badschwammen inn Wegerich wasser vnnd Eßig genetzet / den Weibern
so mit der auff steigenden Můtter beladen für die  Scham gehalten / es hilfft.

Můter.

   Drei bletter Spitzen Wegerich im mund gehalten / ist gůt fuer Bienen stich.

Bienen stich.

   Wegerich  puluerisiert vnnd inn die fleisch wunden gezettelt / heilet.

Wunden heilen.

   Wegerich bletter puluersisiert mit ein wenig Saltz vermischet / Pflasters weiß auff
die prodagrische Fueß gelegt / miltert den Schmerzen vnnd zertheilt die geschwulst.

Podagram.

   So jhemand die fueß von muedigkeit geschwollen weren / der neme Wegerich vnnd

Eßig / zerstoß mit einander / vnnd leg es vber die geschwulst / es hilfft.

Geschwollene Fueß.

Das 'Contrafayt Kreuterbuch' des Otto Brunfels

Abschließend sei die Datstellung des Otto Brunfels aus seinem 'Contrafayt Kreuterbuch' angeführt.

   

   

   

Wegrich

B

Von den Namen des Wegrichs.

Wegrich würt vff kryechisch genent Ar= 

noglossos / oder Heprapleuros / oder Polyueuros / vnd vff Latinisch Planta=
go / vnd Arnoglossa / zů Teütsch Wegrich / oder Schaffzung.

 

Wie der Wegrich geformyert vnd gestalt/
auch wie vil desz selbigen geschlecht.

 

   Wegrich ein vast gemeyns kraut / menigklich wol bekant. Würt von Dio=
scoride vnd Plimo / sampt allen Alten dreyerley beschriben / Grosser / oder Breyt
wegrich. Kleyner / oder Spitzwegrich, vnd der dritte / Fro eschleffelkraut genant

 

Von der gestalt des breytten Wegerichs.

 

   Der Grossz / oder Breyt Wegerich / hat ein breyts blatt / gleich einer zungen.

Darumb er auch Schaffzung genant / vnd über den rucken mit syben rippen
gefasszet / schwarzgrueen / vn bartblaetich / mit vylen ecken. Vnd so er blu eet / hat
er in der mitten ein kleynes doeldlin zůringumb mit samen bedeckt.

 

   

LVIII

Contrafayt

C

Contarfactur des Spitzen Wegrichs.

 

   Der Kleyn / würt darumb der Spitz Wegrich genant / das er ein spitz blatt
hatt / schmal / weych / vnd zaerter. Sein stengel ist eckecht / sein blůst bleychfarb / 
vnd hat ein dolden gleich dem Breytten.

 

Wie Froeschleffel kraut geformyert.

 

   Froeschleffelkraut / ist dem vorderigen nit vast vngleich / ist aber zaeher / vnd
schwaerzer. Wechßt in den seehē / vnd sta etigen wasszern / vast anmuetig den fro e=
schen / die darin phlegen zů sitzen.

 

An was statt der Wegrich gern wechszt.

 

   Wegrich hat sonderlich kein eyg en statt / doch wechßt er vast vmb die wege /
an den rheynen / vn  schattigen orten / auch vff etlichen matten vn gaerten. Vnd
wo er sich ein mal besamet / nimpt er vast überhandt / vergeht nit / man yette yn
dann in sonderheyt mit der wurtzeln auß.

 

Welcher Wegrich der besszer.

 

   Wiewol aber beyde Wegrich / ein kostbarlich / hochberuempt kraut ist / dauvon
auch der hochgelert philosophus Chrysippus ein eygen bůch geschribē / so meynet
doch Macer / das der groesser / auch die gro eßte krafft habe / ist auch gemeynklich in
meererem brauch / weder der Spitze.

D

Zů Welcher zeit man den Wegrich
samlen soll.

 

   Die best zeit seiner distillyerung / ist am ende des Meyen / da sol man yn sam=
len. Wil man aber den samen dauon haben / so warte nun vff den Augst.

 

Wie lang disz kraut werhafft.

 

   So Wegrich an einem sauberen trucknē ort verwart / halt er sich ein jar lang
gůt. Namlich den samen solle man kostlicch vnd wolbewaren. dan er grosse tug
ent an ym hatt. Macer macht auch safft daruß / halt sich gleich wol über jar.

 

Wie ein Wegerich vmb den anderen mag
braucht werden.

 

   So man einerley des Wegrichs nit wol moecht zůrhanden haben / als dann
man man brauchen die andern. Dann darin kein gefaerlicheyt ist.

 

Von der Complerion des Wegerichs.

 

   Wegrich kueelet vnd doret in dem zweytē grad. Hat ein kleine Schaeerffe. Der
halben dann er die boeßen geschwaere / flüssz / vnd feüle reyniget / doch ist solich schaer
pffe on kratzen oder beysszen. Und wurtzel vnd kraut vast einerley natur. Die
frucht ist gar einer zarten Substantz.

 

Kraeffte vnd tugent des Wegrichs.

 

   Wegrich blaetter trücknen auß / vnd zychen zůsamen. Darumb so werde sye

 

Kreüterbůch.

LIX

gebraucht / zů den boeßen / faulen vnd flyesszenden Schaeden.

  Auch zů den schaeden / die man nennet Elephantiam / maleerey geschlecht.

   Was für geschwaere seind / die da vmb sich fresszen / Carbunckel / vn veraltet=
te schaeden / die reyiniget der Wegrich / vnd heylet sye.

Wegrich stillet das blůt / stopffet die rote Růr / mit esszig gekocht / vn gesszen=
oder in einem clystier / oder auch das puluer daruon genosszen / oder ein mueßlin
dauon gemacht / vnd gesszen.

   Mag auch vffgelegt werden über den Brant / hitzige apostemen / geschwulst=
en der geschwaeere / kroepffe.

   Der mundt mit dißen wasszer / oder decoction geweschen / vertreibet das
Effzen im mundt.

   Sein safft in die Fistelin getropfft / heylet sye.

   Des gleichen in die augen getropfft / reyniget / vnd kuelet sye / vnd in die oren /
bringt wider das gehoer

   Wer blůt speyet / oder harnet / trinck des wasszers / es versteedt ym.
   Die wurtzel vom Wegrich kocht / oder gesszen / oder vnder die zaen gelegt / be=
nimpt das zan wee.

   Etlich tragen sye an dem halß / für die pestilentz / gegraben zwischen den zwey
en vnser frawen tag.

   Die weiber hencken auch solich den Kinden an den halß / zů vertreiben die
kroepff.

   Plinius schreibt / vnd ist ein erfaren artzeney / das dißer wurtzelen drey mit
drey becher wein vnd wasszer getruncken / sey gůt  für den dreytaeegigen Ritten.
vnd ist eygentlich war von dem gebranren wasszer / des selbiben getruncken vff
drey vntz im paroxismo.

A

   Nim Wegerich wasser / vnd Endivien wasszer / vermēge sye mit gůtem weis=
ßen zucker / es stercket das herz / vnd die leberen.

   Für Sanct Anthonien fewr / nim Wegrich wasszer / vnd Haußwurz wasszer /
oder safft / mit esszig vermengt / schlag es darüber.

   Wegrich vnd Aron puluer gerban in die feygblattern / heylet sye.

   Was vom fewer gebrant / leschet dißes kraut.

   Bertram wurtzel / vnd Wegerich wurtzel gepuluert / vnd mit laebem wasszer
in die zaen gerhan / legt das zanwee.

   Welcher frawē ire kranckheit zů vil geet / die trincke dißes waszer / es stopfft.

   Dißes kraut / mit allem dem das es anym hatt / o effenet die lebern / miltz /
nyeren / vnd kuelet sye.

   Zům fyertaeglichen feber / sol es gebrauchr werden / mit Theriacks / ehe dann es
den meschen anstosszet / oder sein safft / mit honig wasszer. Du würst etwas kra=
ffte darinn seben.

   Wen ein roßender hundt gebisszen hatt / der legt dißes  kraut in die wunde / es
heylet sye.

   Also auch was sunst von schlangen / oder andern gifftiger thyer gebissze werē
heylet es auch.

   Hat sich yemants übergegangen / vnd seind ym die fuessz geschwollen / der lege
dißes kraut an die solen der fuesszen / es verzeüber die geschwulst.

   Wegerich blaetter gestosszen mit saltz / vnd über das schmertzenhafft ort ge=
legt / hinderet das grewelich weethumb vom podagra.

   Offt genater safft von den blaettern / vnd geben dem keichenden menschen /
vnd die Sanct Valentinus syecht agen baben / ist jnen vast bequeme.

B

Literaturhinweise

Die Quellenschriften sind greifbar:
Hieronymus Bock, Kreutterbuch, 1577, gedruckt zu Straßburg,
Otto Brunfels, Contrafayt Kreutterbuch, 1532 gedruckt zu Straßburg,
Johann Wonnecke von Cube, Hortus sanitatis Germanice, erschienen bei Peter Schöffer 1485 in Mainz, Reprint 1966, (München-Allach 1966).
Der "Macer floridus" ist in Deutscher Übesetzung herausgegeben worden von:

Konrad Goehl und Johannes Gottfried Mayer  (Hrsg.), Höhepunkte der Klostermedizin: der 'Macer floridus' und das Herbarium des Vitus Auslasser. - Erweiterte Reprintauflage der Originalausgabe von 1832 ab Seite 28 (Leipzig 2001).
Weiterführende Informationen bieten:

Brigitte Hoppe, Das Kräuterbuch des Hieronymus Bock, Wissenschaftshistorische Untersuchung (Stuttgart 1969),
Henning Haeupler, Thomas Muer, Bildatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands (Stuttgart 2000),
P. H. List und L. Hörhammer (begonnen von W. Kern †, hrsg. in Gemeinschaft H. J. Roth und W. Schmidt) Hangers Handbuch (Berlin, Heidelberg, New York 1977) Band 6, 752.

Anmerkungen

1) Vgl.: Henning Haeupler, Thomas Muer, Bildatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands, herausgegeben vom Bund für Naturschutz (Stuttgart 2000) 423.

2) Vgl.: Hangers Handbuch, begonnen von W. Kern †, herausgegeben in Gemeinschaft mit H. J. Roth und W. Schmidt von P. H List und L. Hörhammer (Berlin, Heidelberg, New York 1977) Band 6, 752.

3) Vgl.: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 18.

4) Vgl.: Dr. Johannes Gottfried Mayer, Dr. med. Bernhard Uehlke, Pater Kilian Saum OSB, Verlag Zabert Sandmann GmbH, München 2003

5) Siehe auch: www.klostermedizin.de.

6) Johann Wonnecke von Cube, "Gart der Gesundheit", Hortus sanitatis Germanice, erschienen bei Peter Schöffer (Mainz 1485).

7) Johannes Gottfried Mayer, Höhepunkte der Klostermedizin der 'Macer floridus' und das Herbarium des Vitus Auslasser - Erweiterte Reprintauflage der Originalausgabe von 1832 herausgegeben von Konrad Goehl, ab Seite 28.

8) Hieronymus Bock, "Kreütterbuch" (Straßburg 1577).

9) Otto Brunfels, Contrafayt Kreuterbuch (Straßburg 1532).

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