Vita
des Heiligen Paulus des Einsiedlers nach der "Legenda Aurea"
Hieronymus, der das Leben des heiligen Paulus beschrieben hat, bezeugt, daß dieser der erste Einsiedler war. In der Zeit der schärfsten Christenverfolgung unter Decius zog er sich in die tiefste Wüste zurück und lebte dort in einer Höhle sechzig Jahre, ohne daß die Menschen davon wußten. Dieser Decius aber soll Gallienus gewesen sein, der zwei Namen hatte. Seine Regierung begann im Jahre des Herr.
Da der heilige Paulus sah, wie viele Arten von Qualen den
Christen zugefügt wurden, floh er in die Einsiedelei. So wurden zu der Zeit
zwei junge Christen verhaftet. Den einen von ihnen bestrich man am ganzen
Körper mit Honig, und sie setzten ihn unter der Sonnenhitze den Stichen der
Mücken, Wespen und Hornissen aus. Der andere aber wurde auf ein weiches Bett
gelegt, das an einem lieblichen Ort aufgestellt war. Dort wehte eine milde
Luft, Blumen dufteten, man hörte Bäche rauschen und Vögel singen; mit
blumenverzierten Stricken war der junge Mann so fest gebunden, daß er die
Hände und Füße nicht rühren konnte. Es war da auch ein junges Mädchen,
das zwar sehr schön, aber schamlos war. Und so handelte sie auch schamlos an
dem jungen Mann, der erfüllt war von der Liebe zu Gott. Da er aber wider
seinen Willen eine Regung des Fleisches spürte und er nichts hatte, sich zu
wehren, biß er sich mit den Zähnen die eigene Zunge ab und spuckte sie dem
schamlosen Mädchen ins Gesicht. Der Schmerz vertrieb die Versuchung, und er
errang einen Sieg, der höchstes Lob verdient. Solche und andere Foltern
erschreckten den heiligen Paulus, so daß es ihn in die Wüste zog. Damals
hielt sich Antonius für den ersten Mönch, der in einer Einsiedelei lebt. Ein
Traum aber belehrte ihn, daß es einen viel besseren Einsiedler gebe als ihn.
Da durchstreifte er die Wälder, um ihn zu suchen. Er begegnete einem
Hippokentaur; dieses Wesen, halb Tier, halb Mensch, zeigte ihm den rechten
Weg. Danach traf er ein Tier, das Palmenfrüchte trug. Es hatte im oberen Teil
des Körpers das Aussehen eines Menschen, im unteren aber die Gestalt einer
Ziege. Als Antonius es bei Gott beschwor, ihm zu sagen, wer es sei, antwortete
es: "Ich bin Satyr, der Gott der Wälder nach dem Irrglauben der
Heiden." Zuletzt kam ihm ein Wolf entgegen, der ihn zur Zelle des
heiligen Paulus führte. Da Paulus aber das Kommen des Antonius vorausahnte,
verschloß er die Tür mit einem Riegel. Antonius bat ihn aber, zu öffnen,
und er versicherte, er werde nicht weggehen, sondern eher dort sterben. Da gab
Paulus nach und öffnete ihm, und sofort fielen sich beide in die Arme. Als
die Essenszeit gekommen war, brachte ein Rabe zwei Stück Brot. Antonius
wunderte sich darüber. Paulus aber erklärte, daß Gott ihn jeden Tag so
bediene und daß er wegen des Gastes die Menge verdoppelt habe. Es entstand
nun ein frommer Streit, wer würdiger sei, das Brot zu teilen. Paulus wollte
dem Gast, Antonius dem Älteren die Ehre überlassen. Schließlich ergriffen
sie das Brot zu zweit und teilten es in gleiche Teile. Als Antonius aber
heimkehrte und schon nahe bei seiner Zelle war, sah er Engel die Seele des
Paulus zum Himmel tragen. Er lief nun schnell zurück und fand den Körper des
Paulus mit gebeugten Knien in der Haltung eines Betenden. Man hätte glauben
können, er lebe. Doch als er festgestellt hatte, daß er tot war, sagte er:
"Oh heilige Seele, du zeigst noch im Tode, wie du gelebt hast."
Antonius hatte aber nichts, womit er ihn begrabe. Da kamen zwei Löwen herbei
und scharrten eine Grube aus. Nachdem Paulus begraben war, liefen sie wieder
in den Wald zurück. Antonius nahm den Rock des Paulus an sich, der aus
Palmenzweigen geflochten war und benutzte ihn an Festtagen. Der heilige Paulus
aber war um 287 gestorben."
(Jacobus de Voragine, Legenda aurea, zitiert nach: Erich
Weidinger (Hrsg.), Legenda aurea - Das Leben der Heiligen
(Aschaffenburg 1986) 77-78.)
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