Besiegelte Botschaft

Die Kreuzdarstellung mit der Kreuzesinschrift.

Über dem Haupt Jesu ist die Tafel angebracht, die nach den biblischen Berichten den Grund für das Todesurteil angab. Im ältesten Evangelium lautet die Auskunft noch recht lakonisch:

"... Und eine Aufschrift (auf einer Tafel) gab seine Schuld an: Der König der Juden."
(Markus 15,26)

Das jüngere Johannes-Evangelium schildert den Umstand weit ausführlicher:

"Pilatus ließ auch ein Schild anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden. Dieses Schild lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefasst. Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben."
(Johannes 19,19-22)

Eine Tafel aus Lindenholz

Auf den meisten Kreuzesabbildung wird diese Tafel gezeigt. Ganz selten aber handelt es sich dabei um eine Inschrift in drei Sprachen. Meist wird nicht einmal der in allen Evangelien überlieferte Satz "Der König der Juden" wiedergegeben. In aller Regel finden sich lediglich die Anfangsbuchstaben "I N R I" der lateinischen Fassung "Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum" auf den Kreuzesdarstellungen.

Auch am Isenheimer Kreuz ist die Tafel mit der Urteilsinschrift angebracht. Eine hölzerne Tafel hängt an einer eisernen Kette, die an einem starken, in den Stamm getriebenen Ringhaken festgemacht ist. Aus Lindenholz ist diese Tafel, das lässt sich deutlich erkennen - so genau hat Meister Mathis hier gemalt. Damit trage der Maler nach Josef Hermann Maier den Visionen der Birgitta von Schweden Rechnung, die davon berichtet habe, dass das Kreuz aus vier verschiedenen Holzarten bestanden hätte. Die Vierzahl sei bei ihr in diesem Zusammenhang Zahl der Erlösung.

Auf dieser hölzernen Tafel ist das Schriftstück mit den vier Buchstaben "I N R I" befestigt.

Zeitgenössische Schrift

Die Kreuzesinschrift mit dem zerbrochenen Siegel.

Obschon Meister Mathis im Zusammenhang mit Johannes dem Täufer das lateinische Zitat "Illum oportet crescere, me autem minui" in den üblichen lateinischen Lettern darstellt, erscheint die Kreuzesinschrift nicht nur in der absolut unhistorischen Abkürzung sondern auch in spätgotischen Buchstaben - in der für Meister Mathis zeitgenössischen Schrift also.

Immer wieder entdeckt man auf den Flügeln des Altares solche Vergegenwärtigungen. Was hier dargestellt ist, ist kein Geschehen einer längst vergangenen Zeit. Hier geht es um etwas, was gegenwärtige Bedeutung hat. Es ist kein historischer Bericht, sondern Botschaft für heute, für jeden, der die Bilder betrachtet.

Zerbrochenes Siegel

Das Schriftstück mit den vier Buchstaben des Richterspruchs erinnert dabei sehr an eine mittelalterliche Urkunde. Mit rotem Siegellack ist es auf dem Holzbrett befestigt. Das Urteil ist rechtskräftig, der Tod des Jesus von Nazaret ist besiegelt. Damit ist die Sache für die Verantwortlichen ein für alle Mal aus der Welt.

Aber das linke Siegel - das zur Rechten Christi - ist bereits zerbrochen. Mitten durch das Kreuzigungsbild geht eine Fuge, die durch die beiden Flügel gebildet wird. Für die Darstellung des Gekreuzigten hat Meister Mathis beide Flügelflächen miteinbezogen, wobei der Leib Jesu - etwas aus der Mitte gerückt - ganz auf die vom Betrachter aus gesehen rechte Tafel gemalt ist. Werden die beiden Flügel nun geöffnet, wird genau auf der anderen Seite der Darstellung des Gekreuzigten der auferstandene Christus sichtbar. Wie zwei Seiten einer Medaille so bilden die beiden Christusbilder die beiden Seiten ein und desselben Altarflügels.

Beim Öffnen der Flügel geht der Spalt dabei genau durch das zerbrochene Siegel mit dem der Urteilsspruch am Holz befestigt ist. Der Tod Jesu von Nazaret mag besiegelte Sache sein, doch er hat keine Macht über ihn. Christus blieb nicht im Tod sondern hat ihn überwunden. Kein Siegel - welcher Macht auch immer - kann ihn daran hindern.

Literaturhinweise

Über diesen Zusammenhang berichtete bislang meines Wissens am umfassendsten
Emil Spath, Geheimnis der Liebe - Matthias Grünewald - Der Isenheimer Altar (Freiburg 6. Auflage 1991) 98-99.
Von besonderer Bedeutung ist auch das leider nie veröffentlichte Werk des Sasbacher Pfarrers Josef Hermann Maier. Einzig greifbar ist folgende, ungedruckte Schrift

Josef Hermann Maier, Der Isenheimer Altar und seine Botschaft, Vortrag gehalten am 1. Juli 1985 in Badenweiler - Abschrift vom Juni 1987.

Anmerkung

1) Vgl.: Josef Hermann Maier, Der Isenheimer Altar und seine Botschaft - Vortrag gehalten am 1. Juli 1985 in Badenweiler - Abschrift vom Juni 1987 - Die entsprechende Stelle in den "Visionen" habe ich bisher noch nicht auffinden können.

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