Heinrich Feuerstein wies als erster auf die
Parallelen zwischen der Darstellung auf den Tafeln des Isenheimer Altares zu
den Visionen der Birgitta von Schweden, ganz besonders zu ihrem "Sermo
angelicus" hin
.
Im Blick auf die Windel des "Weihnachtsbildes" ist ein solcher Bezug
ganz auffallend. Birgitta schreibt in Kapitel 18, in der zweiten Lesung des
Freitags:
"Unter anderen Dingen, welche die Stimmen der Propheten
vom Sohne Gottes geweissagt, haben sie auch prophezeit, einen wie harten Tod
er an seinem unschuldigsten Leib in dieser Welt erleiden wollte, auf daß die
Menschen zugleich mit ihm das ewige Leben im Himmel genießen möchten.
Endlich haben die Propheten auch geweissagt und geschrieben, wie dieser Sohn
Gottes für die Befreiung des menschlichen Geschlechtes gebunden und
gegeißelt, zu Kreuze geführt und wie schmählich er behandelt und gekreuzigt
werden sollte. Weil wir nun glauben, daß sie recht wohl gewußt haben, aus
welchem Grunde der unsterbliche Gott das sterbliche Fleisch hat annehmen und
auf so mannigfache Weise in diesem Fleische Trübsale hat leiden wollen,
deshalb soll der christliche Glaube nicht zweifeln, daß unsere Jungfrau und
Frau, welche Gott schon vor aller Zeit sich zur Mutter erwählt, solches noch
deutlicher gewußt. Außerdem darf man billig annehmen, wie auch der Jungfrau
selber der Grund nicht verborgen gewesen, weshalb Gott selber in ihrem Schoße
mit menschlichem Fleische bekleidet zu werden sich herabgelassen. Daher ist
wahrlich zu glauben, daß sie aus Eingebung des heiligen Geistes, was der
Propheten Worte bedeuteten, vollkommener erkannt, als die Propheten selber,
welchen aus gleichem Geiste ihre Rede wörtlich eingegeben war, und ebenso ist
zu glauben, daß alsbald, nachdem sie den Sohn Gottes geboren und zuerst in
ihre Arme zu nehmen angefangen hat, es ihrem Sinne gegenwärtig geworden, wie
er der Propheten Schriften erfüllen solle. - Als sie ihn in die Windeln
einwickelte, betrachtete sie in ihrem Herzen, wie sein ganzer Leib mit
scharfen Geißeln zerrissen werden sollte, so daß er wie ein Aussätziger
anzuschauen sein würde, und wenn sie ihres kleinen Sohnes Hände und Füße
leise in die Windeln band, vergegenwärtigte sie sich, wie hart dieselben mit
eisernen Nägeln am Kreuze durchbohrt werden sollten..."
(Ludwig Clarus, Leben und Offenbarungen der heiligen Birgitta.
(= Sammlung der vorzüglichsten mystischen Schriften aller katholischen
Völker XIII) (Regensburg 1888) IV, 79-80.)
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Das Lendentuch des Gekreuzigten. |
In der mittelalterlichen Frömmigkeit lief das Weihnachtsfest nie Gefahr, in einer rein süßlichen, geradezu kitschigen Stimmung aufzugehen, die heute so oft den eigentlichen Festinhalt verdeckt. Krankheit, Todesfälle, Epidemien und Not erdeten das Fest und verhinderten, dass über dem "Jesulein in der Krippe" der Gekreuzigte aus dem Blick geriet. Denn der Jesus von Nazareth, den Maria zur Welt gebracht hat und der am Kreuz gelitten hat, ist ein und derselbe.
Birgitta von Schweden setzt in ihrem "Sermo Angelicus" das Leid des Karfreitages auf ganz eigene Weise bereits mit dem Wechseln der Windeln in Beziehung. Dies greift Meister Mathis auf, wenn er als Windel das gleiche zerschlissene Stück Stoff darstellt, dass der Gekreuzigte als Lendenschurz trägt.
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Die Windel des Kindes. |
Beim Betrachten der Mutter mit dem Kind, sticht die Windel, die gar nicht so recht zu der ansonsten doch absolut nicht ärmlich gekleideten Maria passen möchte, auch heute noch ins Auge. Für den Kranken, der als Insasse des Isenheimer Spitals den Altar betrachtete, war dieser Zusammenhang noch viel bedeutender. In diesen Szenen der Heilsgeschichte, die ihm auf dem Altar vor Augen geführt wurden, war das Leid - sein Leid - präsent. Schon dies machte ihm deutlich, dass die hier geschilderten Geschehnisse keine Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit waren. Sie hatten mit ihm zu tun, mit seiner Geschichte und seinem Leid. Denn auch für ihn ist Gott Mensch geworden, für ihn hatte er gelitten und für ihn den Tod durchbrochen.
Erstmals stellt diesen Zusammenhang her:
Heinrich Feuerstein, Matthias Grünewald (Bonn 1930) 99-110.
In Anlehnung an Feuerstein:
Wilhelm Nyssen, Choral des Glaubens - Meditationen zum
Isenheimer Altar (Freiburg 1984) 40-42.
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1) Vgl.: Heinrich Feuerstein, Matthias Grünewald (Bonn 1930) 99-104. |
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