Joseph Harnest, Der Altar und das Raumproblem - Anmerkung 4

Wenn Grünewald den von jeder Linearperspektive freigehaltenen Raum der Kreuzigung links und rechts mit leicht schräg gesehenen Innenräumen abschließt, so führt er Memlings Altarkonzeption weiter, die er wahrscheinlich von der Werkstatt her und nicht allein aus der Besichtigung der Werke gekannt haben muß. Wie schon gesagt, sind die Standsockel der Heiligen um 6° aus der Achse bzw. Bildebene gedreht und als doppelte Fluchtung, wenn auch mit Fehlern, konstruktiv durchgeführt. In der Absicht, die schwierige Konstruktion wirklich zu lösen, verbindet Grünewald ein Grundrißverfahren für ein Oktogon Piero della Francescas und ein von den alten Niederländern und Franzosen geübtes Fluchtungsverfahren für Übereckansichten, was ein unerhört mutiger Schritt war. Noch heute würde man für die gleiche Aufgabe nicht anders, wenn auch geschickter, vorgehen. Die Perspektive der Standsockel und der angeführten Innenräume ist so angelegt, daß der Betrachter von der Fläche der Bilder knapp 20 m entfernt steht. Ein Maß, das sich aus dem Schnitt der beiden zentralen Sehstrahlen für die Perspektiven der Sockel errechnen läßt. Was die Erörterung der geometrischen Verhältnisse und der Konstruktionsproblematik betrifft, sei auf den Dissertationsdruck des Verfassers verwiesen: 'Das Problem der konstruierten Perspektive in der altdeutschen Malerei', München 1971, Kapitel VI (Seiten 58-81, Tafeln 39-60).

Nachdem die Überecksicht mit nur 6° Drehung eingerichtet war, stellte sich die Schwierigkeit ein, für die große Entfernung und die dadurch bedingte gegeringe [sic!] Drehung die Konstruktion mit an die 20 m entfernten Fluchtpunkten oder wenigstens punktweise mit ebenso langen Sehstrahlen durchzuführen. Der als früher anzunehmende Sockel unter Antonius scheint mit seinen unbegreiflichen Fehlern auf die damit entstandene Unsicherheit hinzudeuten. Um überhaupt werkgerecht konstruieren zu können, hat nun Grünewald die Blickrichtung des zentralen Sehstrahls beibehalten, jedoch die Distanz auf 3 m gekürzt. Von dieser Maßnahme konnte er sich versprechen, den um 6° gedrehten Sockel konstruktiv zu bewältigen und dabei eine so geringe Abweichung der Einzelpunkte hinzunehmen, so daß die angestrebte Bildperspektive weitgehend zu verwirklichen war. In beigefügter Abbildung 2 sind die beiden Heiligen herausgenommen und die Räume in ihrer Sichtrichtung dargestellt. Die Rückwand ist querverlaufend und die Stellung der Sockel axial bezogen zu denken. Wie in den kleinen Schemata angedeutet, ist die durch die Schrägsicht bedingte leichte Drehung nun in den Standflügeln deutlich ablesbar. Nach einem von Piero della Francesca nur theoretisch überlieferten Verfahren wird für die radial vom Auge ausgehenden Hauptsehstrahlen jeweils aus der Gesamtbildebene eine Teilbildebene rechtwinklig eingerichtet. Je eine solche Teilbildebene stellen die Standflügel dar. In die durch die Drehung entstandene Fluchtung ordnen sich das Kapitell bei Antonius und der Fenstersturz bei Sebastian, wenn auch nicht streng konstruiert, logisch ein.

Abb. 2 Die perspektivische Raumsituation auf den Standflügeln - Vgl.: Joseph Harnest, Der Altar und das Raumproblem, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 276.

Dieser Raumanordnung und damit der früheren Aufstellung der Standflügel steht unseres Erachtens keine Überlieferung im Wege. H. A. Schmid bezeugt in seinem Werk über die Gemälde und Zeichnungen von Matthias Grünewald (Straßburg 1911) auf S. 129 eine Befestigung der Standflügel mit Zapfen, deren Löcher er noch gesehen habe, und zwar am Rahmen des hl. Antonius rechts ... in dem des hl. Sebastian links. Das 1. Inventar der Bilder aus dem Bericht der Inspektionsreise von Marquaire und Karpff führt die Tafeln immer von links nach rechts zählend auf, so auch Antonius links, Sebastian rechts, die Predella unten usw. Das 2. Inventar von Butenschoen ist zu flüchtig, um zuverlässig sein zu können. Der oft zitierte Bericht von Goethes Jugendfreund Lerse endlich ist in seinen Angaben verwirrend. Zunächst beschreibt Lerse alles im heraldischen Sinne vom Bild aus nach draußen gesehen und wechselt in der Folge der Aufzählung folgendermaßen: Kreuzigung - 'I.tes Hinter Gemälde ... auf der rechten Seite' (heraldisch gelesen) die Verkündigung - 'II.tes Hinter Gemälde ... auf der linken Seite' die Auferstehung. Es folgen: 'Jungfrau Maria' mit den 'Himmelsbewohnern' - 'I.tes Hinter Gemälde... auf der linken Seite' die Versuchung - 'II.tes Hinter Gemälde... auf der rechten Seite' die Einsiedler. Der Legende nach zwar richtig folgend, kehrt Lerse die listenmäßige Reihenfolge um. Wieder umkehrend, käme nun der 'I.te befestigte Flügel' mit Sebastian rechts und der 'II.te befestigte Flügel' mit Antonius links. Damit stünde für uns, den Altar betrachtend, Sebastian links und Antonius rechts. Nun heißt es aber genau zur Unterscheidung von den übrigen Tafeln: 'l.ter Bevestigter Flügel auf der rechten Seite des Altars' mit Sebastian und '2.ter Bevestigter Flügel auf der linken Seite des Altars' mit Antonius. Die hintangehängte, weil offenbar weniger wichtige Beschreibung der Standflügel soll doch wohl mit diesem ausdrücklichen Zusatz, um Verwechslungen zu vermeiden, nicht im heraldischen Sinne verstanden werden. Somit hat Lerse die Standflügel in der oben beschriebenen raumlogischen und damit früheren Anordnung gesehen.

Weiterhin wurden die Figuren in der ersten Schauseite zueinander in räumliche Beziehung gesetzt, auch wenn der Raum der Kreuzigung ein anderer ist wie der in den Standflügeln. Nicht weil die Figuren ordentlicher hintereinanderstehen, ist die frühere Aufstellung zu vertreten, sondern weil im anderen Fall etwa über 90° gedreht der hl. Antonius dem Täufer und der hl. Sebastian der Maria den Rücken zukehrten. Da nun der Evangelist frontal erscheint, wird die Zuordnung des von erhöhtem Sockel herab über die Schulter blickenden abgewandten Sebastian zu einer ironisch-koketten Raumgeste, die eher in den räumlichen Wirbel barocker Figuration passen mag. Ähnlich wie auf dem für Dürer umstrittenen Dresdner Altar war hier eine homogene Orientierung der Körper zur Altarmitte geplant. Allein die Verbindungslinien zwischen den Schultern, den Ellbogen und den Füßen des Sebastian konvergieren feinfühlig zur Raummitte der ersten Schauseite.

Literaturhinweise

Zitiert nach:
Joseph Harnest, Der Altar und das Raumproblem - Anmerkung 4, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 275-277.

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