Wie
waren die Standflügel ursprünglich platziert?
"Der trostspendende Gedanke, bei dem die
körperliche Heilung ganz in das christliche Heil der Seele hinübergeführt
wird, wird nun auch von den Flügeln aufgenommen. Hier finden sich die
Krankenpatrone Antonius, der Schutzherr gegen das schreckliche Antoniusfeuer,
und Sebastian, der nach dem Volksglauben die Pest abwehrte; beide, wie es die
Tradition verlangte, als Standbilder erhöht, von Pfeiler oder Säule
unterstützt, in ruhiger Haltung, den Blick aus dem Bild heraus zum Beter hin
gerichtet. Wie sehr die beiden Tafeln mit der Kreuzigung verbunden sind, geht
aus den gesteigerten Größenverhältnissen der Heiligen hervor, die
inhaltlich und kompositionell erst verständlich werden, wenn man sie
mit der übergroßen Figur des Gekreuzigten und dem Christus in der Grablegung
der Predella zusammen sieht. In jedem Fall aber ist der hl. Sebastian
ursprünglich rechts, der hl. Antonius links angeordnet zu denken. Erst dann
kommt der Zusammenklang der Teile voll zur Wirkung."
(Heinrich Geissler, Der Altar - Daten und Fakten im
Überblick, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der
Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 45.)
In dieser Deutlichkeit plädiert Heinrich Geissler für die These, dass die beiden Standflügel des Isenheimer Altares ursprünglich anders angeordnet waren. So dezidiert und eindeutig sein Urteil auch sein mag, es ist in der Forschung durchaus umstritten.
Weshalb diskutiert man über die Anbringung der beiden Standflügel?
Es gibt nur eine einzige Beschreibung des Altares vor der
Zerstörung durch die Französische Revolution. Sie stammt vermutlich von
Franz Christian Lerse, der das Werk zwar für eine Schöpfung Albrecht Düres
hielt, in seiner Beschreibung aus dem Jahre 1781 aber nichtsdestoweniger den
originalen Zustand in der Isenheimer Antoniterkirche aus der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts wiedergibt. ![]()
In dieser Beschreibung wird die Darstellung des
"Märtyrer Tod des Heil: Sebastians in Lebensgrösse" als "I.ter
Bevestigter Flügel auf der rechten Seite des Altars" und das Gemälde
des Heiligen "Antonius im Bischoffs Ornat in Lebensgrösse" als
"II.ter Bevestigter Flügel auf der linken Seite des
Altars" bezeichnet. ![]()
Wenn Lerse eine Bildtafel beschreibt, bedeutet "rechts" und "links" durchweg die Position im Bildzusammenhang. Johannes der Täufer etwa steht links vom Kreuz Christi, also vom Betrachter aus gesehen auf der rechten Seite. Dies legt nahe, dass der befestigte Flügel auf der "rechten Seite des Altares" die vom Betrachter aus gesehen linke Seite meint. Damit hätte Franz Christian Lerse die Sebastiandarstellung auf der linken Seite - bezogen auf den Betrachter - gesehen. Der Antoniusflügel wäre demnach rechts angebracht gewesen. Dies würde die heutige Anbringung im Unterlindenmuseum in Colmar bestätigen.
Nach der Zerstörung des Altares in der Folge der
Französischen Revolution wurden die Reste des Retabels im "Collège"
in Colmar - bis 1765 ein Jesuitenkolleg - gelagert. Danach wurden die Tafeln
und Figuren im ehemaligen Dominikanerinnenkloster, dem heutigen
Unterlindenmuseum, in recht unzusammenhängender Weise aufgestellt. Alte
Fotografien und Postkarten geben einen Eindruck von der damaligen
Präsentation
.
Im Jahre 1930 unternahm man den Versuch den Schrein zu
rekonstruieren. Auch die erste Schauseite wurde dabei so zusammengestellt,
dass sie dem geschlossenen Altar wirklich entsprach. Auf der Grundlage der
Arbeit Heinrich Alfred Schmids aus dem Jahre 1911
wurden dabei die beiden Standflügel so befestigt, dass der Heilige Antonius
auf der - vom Betrachter aus gesehen - linken Seite und der Heilige Sebastian
auf der rechten Seite zu sehen waren.
So angebracht wurden die beiden Standflügel bis zum Jahr 1965 gezeigt.
Franziska Sarwey, eine Stuttgarter Journalistin, plädierte als erste für eine andere Anordnung. Der Vorsitzende der Schongauer-Gesellschaft, Rechtsanwalt Alfret Betz, setzte sie dann im Jahre 1965 durch.
Marquard führt die Gründe an, die Franziska Sarwey
vorbrachte: Die hellen Fenster würden sich bei der alten Anordnung gleichsam
mit der dunklen Kreuzigungsszene beißen, die Zuordnung des Antonius zu
Johannes dem Täufer auf der einen Seite sowie Maria und Johannes zu Sebastian
auf der anderen Seite seien durch die Farbkomposition vorgegeben und Lerse
habe den Altar auch in dieser Zusammenstellung gesehen und beschrieben. Auch
das Bildprogramm, das Franziska Sarwey gefunden zu haben glaubt, verlangt
ihrer Meinung nach die Darstellung des Antonius auf der - bezogen auf den
Betrachter - rechten Seite des Altars. ![]()
Seit dieser Zeit ist die Diskussion um die Anbringung der Standtafeln nicht abgeebbt. Immer neue Argumente werden dafür angeführt, dass die Anordnung der Tafeln von 1930 die eigentlich richtige sei.
|
|
Schrägsicht auf den linksseitig konstruierten Sockel unter dem hl. Sebastian. Vgl.: Joseph Harnest, Der Altar und das Raumproblem, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 248. |
Vehement kritisiert Joseph Harnest die "heutige
Aufstellung".
Er geht von der Konstruktion der Sockel unter der Gestalt des Sebastian und
des Antonius aus und zeigt auf, dass diese Sockel um 6 Grad aus der Bildachse
gedreht sind.
Er stellt die vormalige Anordnung zeichnerisch wieder her und folgert dann:
"Wird vom Betrachter aus links in der Antoniustafel und
rechts in derjenigen Sebastians der Hauptpunkt eingesetzt und mit je 6°
Abweichung der eine zentrale Sehstrahl mit dem anderen verbunden, so befindet
sich der Betrachter gerade vor der Türöffnung der Lettnerwand, wenn eine
Rekonstruktion des Kirchenbaus nach den erhaltenen Plänen und Maßen
vorausgesetzt wird. Von hier aus sieht man dann die leicht übergedrehten
Sockel (diese perspektivisch konstruiert) schräg von innen. Die heutige
Aufstellung der Standflügel ist also falsch und läßt Grünewalds spezielles
Ziel außer acht, auf den Betrachter Bezug zu nehmen. Sie muß in dieser Form
für jede logische Raumbezugnahme unvernünftig bleiben, wenn man nicht
Grünewald unterschieben will, den Umgang mit den perspektivischen Gesetzen
parodistisch ins Gegenteil gekehrt haben zu wollen, um damit surrealistische
Effekte zu erzielen."
(Joseph Harnest, Der Altar und das Raumproblem,
in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar
(Stuttgart 1973) 251.)
Auch Bernhard Saran erklärt:
"Entgegen einer neueren Ansicht, die den Antonius rechts
und den Sebastian links vom Mittelbild postiert, schließe ich mich der
textkritisch und perspektivisch wohlbegründeten Meinung von Harnest an, der
beide die Plätze wieder wechseln lassen will. Sein Vorschlag besteht zu
Recht, denn auch ästhetisch gesehen verlangen die scharf nach rückwärts
abgebogenen Figuren der Dreiergruppe unmittelbar davor nach einem Widerlager,
das der (in einer späteren Phase der Arbeit am Altar entstandene) Sebastian,
so wie er heute im Unterlindenmuseum angebracht ist, nicht vermitteln
kann."
(Bernhard Saran, Von der Macht des Wortes im Bild,
in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar
(Stuttgart 1973) 222.)
Joseph Harnest weist auch darauf hin, dass Heinrich Alfred
Schmid eine Befestigung der Standflügel mit Zapfen erwähnt, deren Löcher
Schmid noch gesehen habe, und zwar am Rahmen des hl. Antonius rechts und an
dem des hl. Sebastian links
.
Bernhard Saran merkt zusätzlich an, dass die linke untere Rahmenecke des
Sebastianflügels und in gleicher Weise die des Antoniusflügels - immer vom
Betrachter aus gesehen - in einer Breite von 4 cm und einer Höhe von 5 cm
(bzw. 2,5 cm) modern ausgebessert seien. Für ihn sind dies Hinweise darauf,
dass man die Rahmen hier, entweder um einer Profilierung der Predella willen
oder um die Tafeln mit dieser Aussparung auf ihr aufsitzen zu lassen, an
dieser Stelle ausgeschnitten habe. ![]()
Nach Auflistung aller Argumente kommt Reiner Marquard zum Schluss:
"In Anbetracht der Anknüpfung an das Vorgängermodell,
der Psychologie des Sehrhythmus, der Bedeutung der Ordenslegende und der
daraus sich ergebenden Vor- bzw. Nachordnung sowie der Aspekte der
Kompositionslinien, der Farbgebung und des Lichteinfalls ergibt sich
zwangsläufig der Eindruck, daß eine Wiederherstellung der ursprünglichen
Anordnung der Standflügel angezeigt ist!"
(Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der
Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996)
48.)
Aber lässt sich die Frage wirklich so eindeutig beantworten?
Immer wieder wird angeführt, dass die Grundform des
Kompositionsschemas des geschlossenen Altares eine Ellipse sei. Die
Linienführung ginge über die Führung der Mantelfalten es Antonius hin zu
der am Oberkörper leicht gebogenen Christusdarstellung der Predella,
verlängere sich im Faltenwurf des Umgangs des Sebastian und schließe sich im
gebogenen Querholz des Kreuzes. Dies würde nur in der Anordnung der
Standflügel, wie sie vor 1965 angebracht waren, wirklich deutlich. ![]()
|
|
Der geschlossene Altar im Chor der Isenheimer Antoniterkirche mit den Standflügeln des Sebastian und Antonius gemäß der ehemaligen Anordnung im Unterlindenmuseum in Colmar (Rekonstruktion: Dr. Jörg Sieger, Bruchsal). |
Der Vergleich beider Anordnungen veranschaulicht allerdings, dass auch in der heutigen Anordnung, dieses Kompositionsschema durchaus zu entdecken ist.
|
|
Der geschlossene Altar im Chor der Isenheimer Antoniterkirche mit den Standflügeln des Sebastian und Antonius gemäß der heutigen Anordnung im Unterlindenmuseum in Colmar (Rekonstruktion: Dr. Jörg Sieger, Bruchsal). |
Bei der Anbringung der Tafeln vor 1965 haben der Pilaster bzw. die Säule, die seitlich der Heiligenfiguren zu sehen sind, nach außen hin die Kompositionslinie des Bogens abgeschlossen. Dies ist heute nicht mehr der Fall. In der heutigen Aufstellung bilden sie vielmehr so etwas wie eine Schranke zum dunklen Bildhintergrund des Kreuzigungsgeschehens.
Reiner Marquard zitiert Arpad Weixlgärtner und macht dessen farbkompositorische Beobachtungen als Grund für die Forderung nach einer erneuten Umstellung der Standflügel geltend.
"Links wird das Rot der Gewandung des Evangelisten
wiederholt, freilich als Karmin in das Zinnober, rechts das Rot von des
Täufers Mantel, wobei aber dessen Karmin in das Zinnober von Sebastians
Mantel umgewechselt ward. Der mächtige weiße Bart des Antonius und die
starke Aufhellung von seines Mantels Unterfutter nehmen Rücksicht auf das
Weiß von Marias Mantel, während rechts wieder die größere Fläche Zinnober
auf Sebastians Mantel (an dem wie am weißen Mantel der Maria die
Webstuhlbreiten kenntlich sind) dem reichen Karmin von des Täufers Mantel,
Sebastians helle Schulter dem Weiß von des Täufers aufgeschlagenem Buch
entspricht."
(Arpad Weixlgärtner, Grünewald (Wien / München
1962), zitiert nach: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und
der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart
1996), 47.)
Weixlgärtner aber zieht seine Schlussfolgerungen aus der Anordnung, die er vor 1965 im Unterlindenmuseum vorgefunden hat. Das bedeutet nicht zwingend, dass sich aus der heutigen Anordnung nicht minder sinnvolle Zusammenhänge entdecken lassen, die der kompositorischen Absicht des Meisters vielleicht sogar näher kommen, als diejenigen, die sich aus der ehemaligen Anbringung der Standbilder ergaben.
Auch führt Marquard an, dass das Licht bei der Anbringung
der Tafeln, wie sie von 1930 bis 1965 gegeben war, von einer zentralen
Lichtquelle auf beide Standflügel und damit auf die beiden Gestalten Antonius
und Sebastian fällt. Die leichte Drehung der Sockel, die Joseph Harnest
herausgearbeitet hat, würde dies noch einmal unterstreichen.
Doch bedeutet dies ja noch nicht, dass der Maler eine solche Lichtführung
auch beabsichtigt hatte. Wollte Meister Mathis das Kreuz tatsächlich als
zentrale Lichtquelle gedeutet wissen? Auch ist zu berücksichtigen, dass die
Beobachtungen von Joseph Harnest bei der heutigen Anbringung der Standtafeln
einen nicht minder guten Sinn ergeben können.
Viele der von den Vertretern der unterschiedlichen Positionen angeführten Argumente sind Interpretationen, die sich aus dem ein oder anderen Zustand ableiten. Von solchen Interpretationen allerdings auf die ursprüngliche Gestalt des Altares zu schließen, ist immer ein schwieriges Unterfangen.
Sicheren Aufschluss könnte eine Untersuchung der Tafeln
geben, wie Pantxika Béguerie, die für den Isenheimer Altar zuständige
Konservatorin, anmerkt. Es müssten dazu dieselben abgenommen und die Spuren
an den Rahmen genau untersucht werden.
Möglicherweise ließen sich dadurch Hinweise auf eine ursprüngliche
Anbringung finden. Solch eine Untersuchung steht aber noch aus.
Durch die historische Quellenlage könnte die Frage entschieden werden, wenn Franz Christian Lerses Beschreibung eindeutiger wäre. Aber gerade die Formulierung 'l.ter Bevestigter Flügel auf der rechten Seite des Altars' und '2.ter Bevestigter Flügel auf der linken Seite des Altars' werfen durch die jeweils beigefügte Bemerkung 'des Altars' die Frage auf, ob Lerse auch an dieser Stelle 'rechts' und 'links' im heraldischen Sinne oder eben als rechte und linke Seite des Altares - und dann vom Betrachter aus gesehen - versteht.
Reiner Marquard glaubt jedoch daran, dass Lerse den Altar tatsächlich in einer der heutigen Aufstellung entsprechenden Form gesehen hat. Er führt dies allerdings auf den Umstand zurück, dass die Isenheimer Antoniterpräzeptorei 1777 dem Malteserorden inkorporiert wurde.
"Es ist schwer verständlich, daß der Malteserorden als
ein gegenüber den Antonitern in der Krankenpflege konkurrierender Orden das
Altarprogramm dergestalt bestehen ließ, daß Antonius als Ordenspatron der
Antoniter sozusagen am Eingang des Altars hätte stehen bleiben können. Indem
die Malteser in Isenheim eine Vertauschung der beiden Standflügel vornahmen,
dokumentierten sie damit einerseits das Ende des Antoniterordens in Isenheim
und die Übernahme der Verantwortung durch sie. Vor einem Altar, der ihnen
Antonius signifikant als Demonstration der Würde und Bedeutung des
Antoniterordens vor Augen geführt hätte, hätten sie sich schwerlich zum
Gebet versammeln können, ohne diese Konkurrenz als eine Störung empfinden zu
müssen. In der Vorordnung des Sebastian als Pestheiligen und Anwalt der
Kranken überhaupt konnten auch sie demgegenüber in der Ikonographie des
Altars kein Problem erkennen. Lerse hat also in der Tat das Altarprogramm
korrekt wiedergegeben - aber nicht das Altarprogramm der Antoniter, sondern
das der Malteser."
(Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der
Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart
1996), 46.)
Genauso wenig, wie es für Marquard vorstellbar ist, dass die Malteser die Antoniusgestalt auf der vom Betrachter linken Seite des Altares angebracht gelassen haben, ist für ihn der Gedanke, dass die Antoniter ihn an einer anderen Stelle anders dargestellt hätten.
"Durch die Stellung des Antonius innerhalb der
Gesamtkomposition des Altars ergeben sich zwangsläufig unterschiedliche
Größen-Dimensionen und Abfolgen in der Zuordnung: Antonius ist deutlich
größer dargestellt als Sebastian; Antonius ist gegenüber Sebastian der
Ältere. Es ist unvorstellbar, dass Grünewald - gemessen an der Ordenslegende
der Antoniter - den kleineren und jüngeren Sebastian an die erste und den
größeren und älteren Antonius an die zweite Stelle gerückt haben
sollte."
(Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der
Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart
1996), 47.)
Diese Einschätzung aber ist falsch. Der "kleinere und jüngere Sebastian" hat selbstverständlich den ersten Platz vor Antonius - auch bei den Antonitern - inne. Gemäß den liturgischen Gepflogenheiten der damaligen Zeit, wie sie sich in der Tradition der römisch-katholischen Kirche bis heute erhalten haben, hat Sebastian eindeutig den Vorrang vor Antonius.
Für die Abfolge der Heiligen, die mit ihrem Rang in der Liturgie Hand in Hand geht, ist die Reihenfolge in der Allerheiligenlitanei der sicherste Hinweis. Unmittelbar nach Maria, den Engeln und den Aposteln folgen dort nämlich die Märtyrer, zu denen Sebastian gehört. Der Mönchsvater Antonius kommt als Bekenner in der Abfolge der Allerheiligenlitanei erst an sehr viel späterer Stelle.
Marquard und viele Interpreten des Altares betonen richtig,
dass der Standflügel, der "zu Rechten Christi" angebracht ist,
einen Ehrenplatz darstellt. Dieser Platz gebührt aber auch in einer
Antoniterpräzeptorei - ohne wenn und aber - dem Heiligen Sebastian. Die
Anordnung der Heiligen auf einem Altarwerk wie dem Isenheimer Altar war nicht
einfach der jeweiligen Ordenspolitik unterworfen, sondern folgte klaren
Regeln. Schon Emil Spath weist darauf hin, dass die Kniffe, mit denen sich die
jeweiligen Ordensgemeinschaften herausnahmen, "ihrem" Heiligen
besondere Ehre zuteil werden zu lassen, äußerst subtil waren
.
Die Isenheimer Antoniter beispielsweise bringen ihre Verehrung des Heiligen
Antonius dadurch zum Ausdruck, dass sie Sebastian wohl seinen Ehrenplatz
lassen, Antonius aber deutlich größer darstellen und auch seinen Sockel
reicher ausstatten als den des Sebastian.
Dieses Argument aus der Liturgie und der traditionellen Heiligenverehrung wirkt bei genauerer Betrachtung der Geschichte des Antoniterordens und seiner Verflochtenheit in die Tradition der Kirche so stark, dass mit Marquard wohl davon auszugehen ist, dass Franz Christian Lerse den geschlossenen Altar in einer Anordnung gesehen hat, wie er der heutigen Aufstellung im Unterlindenmuseum entspricht. Aber diese Anordnung wurde nicht erst durch die Malteser geschaffen. Sie wäre genau diejenge, die die Antoniter von Isenheim für ihr Altarwerk gewählt hätten.
Sollte nicht eine genauere Untersuchung des Altares ergeben,
dass aus heute nicht mehr ersichtlichen theologischen und inhaltlichen
Gründen die Standflügel tatsächlich anders angebracht waren, ist es nicht
nur sinnvoll, sondern auch geboten, von der theologie- und
liturgiegeschichtlich wahrscheinlichsten Anordnung auszugehen: von derjenigen
nämlich, die derzeit im Unterlindenmuseum in Colmar zu sehen ist. Es gilt
dann nicht zu klären, was die Figuren zum Ausdruck bringen, wenn sie sich in
die erwartete Richtung wenden würden. Aufgabe ist es vielmehr,
herauszuarbeiten, was die aus dem Bild hinausweisenden Hände des Sebastian,
die "uneinsichtig ins Leere"
zeigenden Fenster und die Figuren selbst - und zwar genau in dieser
eigenartigen und für den heutigen Menschen eben unerwarteten Anordnung - dem
Betrachter zu sagen haben.
Vergleiche hierzu:
Joseph Harnest, Der Altar und das Raumproblem, in: Max
Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart
1973) 247-255,
Bernhard Saran, Von der Macht des Wortes im Bild, in: Max
Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart
1973) 222-246,
Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar -
Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996), 45-48, 81, 117-139
sowie
Emil Spath, Geheimnis der Liebe - Matthias Grünewald - Der
Isenheimer Altar (Freiburg 6. Auflage 1991).
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
Tel.: +49 (07251) 9761-0, Fax: +49 (07251) 9761-12, e-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.