Von Matthias Grünewald zu Mathis Gothart Nithart

Wenn Joachim von Sandrart von "Matthaeus Grünewald" spricht, ist schon der Vorname unrichtig. Nach Matthias, dem Jünger Jesu, der anstelle des Judas in den Zwölferkreis berufen wurde (Apg 1,23-26), ist der Maler der Isenheimer Tafeln benannt. Diese Richtigstellung hat sich auch allgemein durchgesetzt. Der Namen "Grünewald", der auf von Sandrart zurückgeht, hat sich allerdings so festgesetzt, dass keine Richtigstellung ihn auszumerzen in der Lage zu sein scheint.

Das hängt allerdings auch damit zusammen, dass über den wirklichen Namen des Meisters keine hundertprozentige Klarheit zu erlangen ist.

Eine Malerfamilie Grünewald?

Während einer Romreise, die um 1629 stattgefunden haben dürfte, erkennt der Maler und Kunstgeschichtsschreiber Joachim von Sandrart (1606-1688) in einer Johannes-Tafel ein Werk eines Aschaffenburger Malers und notiert eigenhändig "mit Oelfarbe" auf dieses Bild "Matthaeus Grünwald Alemann fecit." In seiner "Teutschen Academie" von 1675 berichtet er dann über diesen Maler und nennt ihn ausdrücklich "Matthaeus Grünewald, sonst Matthäus von Aschaffenburg genannt". 1679 sowie 1683 wiederholt er diese Aussage.

Vielleicht kannte Joachim von Sandrart tatsächlich eine Malerfamilie Grünewald aus Aschaffenburg. Josef Hohbach und im Anschluss an ihn Walter Karl Zülch haben darauf hingewiesen, dass eine mehrgliedrige Malerfamilie "Grünewald" in Aschaffenburg nachgewiesen werden könne.

Matheus Grün von Aschaffenburg

Eine andere Wurzel dieses Namens könnte sich in Matthäus Merians "La Piazza universale" aus dem Jahre 1641 niedergeschlagen haben. Dort ist von einem "Matheus Grün von Aschaffenburg" die Rede. Matthäus Merian war mit Joachim von Sandrart und Philipp Uffenbach gut bekannt. Gerade letzterer war es ja gewesen, bei dem Sandrart während seiner Frankfurter Schulzeit - also um 1615 - ein- und ausgegangen sei.

"... da er mir dann, wann er in gutem humor wäre, diese in ein Buch zusammen gesamlete edle Handrisse des Matthaeus von Aschaffenburg ... gezeigt"
(Ztiert nach: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 117-118.)

Der bei Matthäus Merian genannte "Matheus Grün" könnte auch in den "Humanae Industriae monumenta" seine Spuren hinterlassen haben, die der Basler Sammler Remigius Fesch (1595-1667) zwischen 1657 und 1667 niedergeschrieben hat. In diesem in losen Blättern vorliegenden Manuskript spricht Fresch von einem "Matheß Grün" .

1668 erwähnt der Straßburger Philipp Ludwig Künast in seinem Inventar einen "Mattheus Grien" .

Von daher behauptet Berta Reichenauer, dass Grünewald eigentlich Grün heiße, so wie Martin Schongauer "Martin Schön" hieß .

Mathys Grün von Isenach

In Frankfurt war nun tatsächlich eine Malerfamilie "Grün" oder "Grien" tätig. Auf sie stieß Walter Karl Zülch im Jahre 1917 auf der Suche nach einheimischen Künstler-Urkunden im Frankfurter Archiv. Hier begegnete ihm der Name eines Bildschnitzers und Malers "Mathys Grün von Isenach".

Bereits  die Ortsbezeichnung Isenach erinnerte an Isenheim, das ja auch Joachim von Sandrart mit "Eysenach" verwechselt hatte und nach den Schreibgewohnheiten der Zeit durchaus in den Varianten Isna, Isni, Isenau und Isenig vorkam.

Der in den von Zülch aufgefundenen Akten genannte Mathys Grün sah sich von Schuldforderungen aller Art bedrängt, so dass er, um sich durchschlagen zu können, zweimal um kleine Pfründe bei der Stadtverwaltung als Holzvermesser oder Bauknecht eingegeben hatte. 1527 konnte er den eigenen Hausstand in der Kannegießergasse nicht mehr halten, hat seine Ehefrau, das Juden-Ännchen, wie man sie als getaufte Jüdin nannte, ins Armenhospital zum heiligen Geist gebracht und sich in der Folge mit seinem Kind nach Erbach in den Odenwald zurückgezogen, wo ihn Graf Eberhard XIII. in seinen Dienst nahm. Im September 1529 ist Mathys Grün auf der Burg Reichenberg - nicht Reichenstein, wie Wilhelm Fraenger fälschlicherweise schreibt - bei Graf Eberhards Vetter Valentin I., Schenk von Erbach, nachzuweisen, wo er zwölf Tage lang für unbekannte Arbeiten verköstigt wurde. In Erbach starb er im September 1532.

All diese Nachrichten erinnerten Zülch an Sandrarts Notizen über jenen Matheus Grünewald, der "ein eingezogenes melancholisches Leben" geführt habe und "übel verheuratet gewesen" sei.

Da auf der Aschaffenburger Pieta, dem letzten Werk des tatsächlichen Meisters der Isenheimer Altartafeln, am rechten Bildrand das Erbachische Familienwappen, das Insiegel des Mainzer Bischofs Dietrich von Erbach, abgebildet ist, schien die Identität des rätselhaften Matheus Grünewald geklärt.

Der Frankfurter Heller-Altar

Die Verknüpfung des Aschaffenburger Meisters mit dem genannten Mathys Grün von Isenach entstand vermutlich durch den gemeinsamen Vornamen und durch ein Werk, an dem möglicherweise beide Meister gearbeitet haben.

Jakob Heller hatte bei Albrecht Dürer einen Altar für die Frankfurter Predigerkirche in Auftrag gegeben und verfügt, dass

"auch alle andere berümbte und kunstreiche Maler und Bildhawer so damalen gelebt, die Nebenflügel und anders zum Altar gehörig machen und verfertigen lassen, damit es ja sonderlich decus, Zier und ornamentum, nicht allein dem Closter, sondern der gantzen Stadt Franckfurt sein solte, wie es dann auch gewesen."
(Zitiert nach: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 19-20.)

Alle in Frankfurt ansässigen Maler sollten an diesem Werk dementsprechend irgendwie beteiligt sein. Joachim von Sandrart berichtet darüber im Zusammenhang mit seinen Ausführungen über jenen "Matthaeus Grünewald":

"Dieser fürtrefliche Künstler hat zur Zeit Albrecht Dürers ungefehr Anno 1505. gelebet, welches an dem Altar von der Himmelfahrt Mariae in der Prediger Closter zu Frankfurt von Albrecht Dürer gefärtiget, abzunehmen, als andessen vier Flügel von außenher, wann der Altar zugeschlossen wird, dieser Matthaeus vom Aschaffenburg mit liecht in grau und schwarz dieser Bilder gemahlt ...."
(Zitiert nach: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 118.)

Laurentius-Tafel vom Heller-Altar.

Cyriacus-Tafel vom Heller-Altar.

Heilige Elisabeth, untere Tafel eines festen Flügels des Heller-Altars. Fürstlich Fürstenbergische Gemäldegalerie Donaueschingen.

Märtyrin mit dem Palmzweig, untere Tafel eines festen Flügels des Heller-Altars. Fürstlich Fürstenbergische Gemäldegalerie Donaueschingen.

Die entsprechenden Flügel sind erhalten, stammen mit ganz großer Sicherheit von der gleichen Hand wie die Bildwerke des Isenheimer Altares und sind mit "MG N" signiert. Möglicherweise hat schon von Sandrart das "MG N" der Signatur mit "Mathys Grün" in Verbindung gebracht und ist von daher zur Namensangabe "Grün(e)wald" gelangt. Möglicherweise kannte er eine Aschaffenburger Malerfamilie Grünewald, die er mit der Signatur "MG N" in Verbindung brachte. Auf jeden Fall legte dieser Befund zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Vermutung nahe, dass Mathys Grün der Schöpfer des Isenheimer Altares sei.

"Meister Mathis maler" und der Schneider Hans Ruckus

Die Lösung erwies sich aber als Sackgasse. Dabei hatte Walter Karl Zülch die Lösung zur damaligen Zeit schon in Händen. Acht Dokumente hatte er gefunden die von einem "Mathes Gothart" oder "Mathis Nithardt" handelten. Darunter auch dessen Nachlass-Inventar, das Zülch zunächst nicht zuordnen konnte.

Diese Dokumente ergaben nun folgendes:

Ein "Meister Mathis maler" gibt dem Schneider Ruckus ein Darlehen von ein paar Gulden und quartierte dafür einen Seifensieder Lorenz auf eigene Kosten bei dem Schneider ein. Hans Ruckus zahlte aber nichts zurück und übervorteilte den Mathis mit dem Kostgeld für den Seifensieder.  Darüber kam es 1527 zum Prozess. In den Prozessakten wird der "Meister Mathis" nun "Meister Mathis Nithart von Würtzburg" genannt. In weiteren Dokumenten findet sich der Name "Mathes Gothart" und "Mathis Nithart oder Gothart".

Ferner erfahren wir, dass er Maler und Ingenieur war und als "Wasserkunstmacher" solch einen Ruhm erworben hatte, dass sich der Rat der Stadt Magdeburg im Frühjahr 1527 an die Bürgermeisterei in Frankfurt mit der Bitte gewandt habe, den "Maister Mathissen dem Mahler" eine Bauzeichnung der dortigen Mainmühle herstellen zu lassen, die man in Magdeburg für einen eigenen Mühlenbau verwerten wollte .

Meister Mathis hat sich daraufhin von seiner mainfränkischen Wirkungsstätte verabschiedet und ist nach Halle umgezogen, um sich auschließlich der Tätigkeit als Wasserbaumeister zu widmen. In Halle hat er - wie eine Urkunde vermeldet - aber

"leider nit viel ausgerichtet",
(Zitiert nach: Wilhelm Fraenger, Matthias Grünewald (Dresden 1983) 145.)

da er bereits im Spätsommer des Jahres 1528 verstorben ist .

Mathis Gothart Nithart

Damit hat Walter Karl Zülch in seinem 1938 in München erschienenen Buch - "Der historische Grünewald. Mathis Gothardt-Neithardt" - das Problem im Prinzip gelöst. Der Sippenname des Meister Mathis dürfte "Nithart" oder "Neithardt" gewesen sein, denn in offiziellen Gerichtsurkunden wird ausschließlich die Bezeichnung "Nithart" verwandt.

Am 27. August 1516 ist der Name "Gothart" zum ersten Mal archivalisch bezeugt. Reiner Marquard fragt, ob diese Namensänderung oder Namenserweiterung damit zusammenhängen könnte, dass für Meister Mathis der Name "Neithardt" zu sehr an das Laster "Neid" erinnerte und er sich viel eher als gottesfürchtigen Menschen, als Gothart, als Gottes-voll, bezeichnet sehen wollte.

Auffallend ist, dass er mehrfach mit "MGN" signierte, wobei er das "G" in das "M" eingebunden und das "N" nachgestellt oder über "M" und "G" gesetzt hat.

Während im allgemeinen Sprachgebrauch der Meister des Isenheimer Altares weiterhin Mathias Grünewald genannt wird, hat sich in der Kunstgeschichte die Bezeichnung Mathis Nithart-Gothart allmählich durchgesetzt. Reiner Marquard plädiert allerdings für die Schreibung "Mathias Gothart Neithart". Marquard hat auch die verschiedenen Namensvarianten und Schreibweisen ausführlich dokumentiert.

Da eine letzte Klärung nicht zu erreichen sein dürfte, wird der Schöpfer der Isenheimer Bildtafeln auf diesen Seiten einfach mit dem unverfänglichen und sicher richtigen Namen "Meister Mathis" bezeichnet.

Literaturhinweise

Grundlegendes zu Meister Mathis:
Heinrich Feuerstein, Matthias Grünewald (Bonn 1930),
Wilhelm Fraenger, Matthias Grünewald (Dresden 1983),
Max Seidel, Mathis Gothart Nithart - Grünewald - Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973),
Hermann Wiemann, Die Malerei der Gotik und Frührenaissance, herausgegeben vom Cigaretten-Bilderdienst Hamburg-Bahrenfeld (Hamburg 1938) 79-82.

Neueren Datums ist der Band Marquards, der auch die einschlägige Literatur ausführlich auflistet:
Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996).

Anmerkungen

1) Vgl.: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 20.

2) Vgl.: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 20.

3) Vgl.: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 19.

4) Vgl.: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 19.

5) Vgl.: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 66.

6) Vgl.: Wilhelm Fraenger, Matthias Grünewald (Dresden 1983) 119.

7) Vgl.: Wilhelm Fraenger, Matthias Grünewald (Dresden 1983) 119-120.

8) Zitiert nach: Wilhelm Fraenger, Matthias Grünewald (Dresden 1983) 302-303.

9) Vgl.: Wilhelm Fraenger, Matthias Grünewald (Dresden 1983) 120.

10) Vgl.: Wilhelm Fraenger, Matthias Grünewald (Dresden 1983) 145.

11) Vgl.: Wilhelm Fraenger, Matthias Grünewald (Dresden 1983) 145.

12) Vgl.: Wilhelm Fraenger, Matthias Grünewald (Dresden 1983) 145.

13) Vgl.: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 21.

14) Vgl.: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 21.

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