Die große Inschrift auf der Südwand des "Jüngsten Gerichtes" im Breisacher Münsters

Die größte Inschrift an der Paradieswand wirkt wie ein Plakat. Sie enthält ein regelrechtes Programm. Der Text ist nur fragmentarisch erhalten. Die rekonstruierten Stellen sind in Klammern ergänzt:

"SEMPER ERUNT QUOD ERANT AETERN(AE) GAUDIA
VITAE GUDENDI QUONIAM CAUSA ERIT IPSE DEUS;
NEC VARIOS PARIET MOTUS FIVERSA VOLUNTAS,
UNUM ERIT CUNCTIS LUMEN ET UNUS AMOR,
INQUE BONIS SUMMIS POSITA EXPERIENTIA FELIX
NEC V(O)LET AUTERI NEC, METUET MINUI.
AD PATRIAM VITAE DE NOCTIS VALLE VOCATI
VIRTUTUM GRADIBUS SCANDITE LUCIS ITER!
GRATIO EST FRUCTUS QU(E)M SPES PRODUCIOR EDIT,
ULTOR OBIECTORUM (V)IL(IUS ES)T PRETIUM.
DELICIAS JAM NUNC PROMISSI CONCIPE REGNI,
VIRTUTE ATQUE FIDE QUOD CUPIS ESSE TENE!
EXSULTA AGNOSCENS TE VERBI IN CARNE RENATUM:
CUJUS SI PARS ES, PARS TUA CHRISTUS ERIT.
QUI, NE DAMNANDI LEGERIS MALA GAUDIA MUNDI,
PROMISSUM AD REGNUM SE TIBI FECITER ITER."

Dieser Text bedeutet zu Deutsch:

"Immer werden sie sein, was sie waren, die Freuden des ewigen Lebens,
denn die Ursache der Freude wird Gott selbst sein,
und keine wechselnden Regungen wird ein unterschiedlicher Wille hervorbringen,
Eines wird in allem das Licht sein und Eide die Liebe,
und die glückliche Erfahrung, die sich in die höchsten Güter versetzt sieht,
wird weder vermehrt werden wollen noch fürchten müssen, vermindert zu werden.
Die ihr in das Vaterland des Lebens aus dem Tal der Nacht gerufen seid,
steigt auf den Stufen der Tugenden den Weg des Lichts hinauf!
Umso leiblicher ist die Frucht, je langwieriger die Hoffnung, aus der sie hervorgeht!
Was sich sonst noch darbietet, hat dem gegenüber nur geringen Wert.
Empfange schon jetzt den Genuss des versprochenen Reiches,
erreiche durch Tugend und Glaube, was du zu sein begehrst,
freue dich, indem du erkennst, dass du im Fleisch des Wortes wiedergeboren bist:
Wenn du dessen Teil bist, wird Christus dein Teil sein.
Damit du nicht die üblen Freuden der verdammenswerten Welt wähltest,
machte er sich für dich zum Weg, der ins versprochene Reich führt."

Prof. Sauer vermutete 1934 den Autor des Epigramms in Humanistenkreisen in Colmar oder Schlettstadt. Mischa von Perger konnte im Vergleich mit elektronisch aufbereiteten Quellentexten Prosper von Aquitanien ermitteln. Prosper, der um 390 n. Chr. geboren wurde, siedelte nach den Germaneneinfällen nach Marseille über, wo er Laienbruder wurde. Er hatte ein große theologische Bildung und trat nachdrücklich für die Gnadenlehre des Augustinus ein. Um 440 ging er als persönlicher Berater Papst Leos I. nach Rom, für den er 449 auch die berühmten "Lehrbriefe an Flavian" verfasste. Ein Teil seiner Gedichte und Schriften sind erhalten. Aus fünf seiner über hundert Gedichte wurde der Breisacher Text offenbar zusammengestellt.

Die ersten drei Verspaare berichten von der Einheit und Einigkeit, die die Erlösten im Paradies erwartet. Erkenntnis und Liebe gehen von Gott aus und die Gotteserfahrung kennt keine Abstufung mehr.

Das vierte Verspaar beschreibt die Berufung des Menschen, sich stufenweise dieser Einigkeit in Gott zu nähern. Licht und Leben wird er statt Nacht und Tod gewinnen.

Im zweiten Teil des Gedichtes - ab Vers 7 - wird der Weg zum Heil aufgezeigt: Eine Hoffnung, die sich nicht sofort erfüllt, das Wissen, ein sterblicher und anfechtbarer Mensch zu sein. Es ist kein Weg abstrakter Regeln und Verbote. Christus selbst hat sich für uns zum Weg gemacht.

Diese eingefügten Texte machen deutlich, dass das Werk sich nicht nur in Bildern an die Armen und des Lesens Unkundigen wandte, sondern auch die Intellektuellen der Zeit zu erreichen suchte.

Literaturhinweise

Vergleiche zu den Inschriften:
Mischa von Perger, Die Inschriften in Martin Schongauers "Jüngstem Gericht" im Breisacher Münster, (in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 63, Heft 2, 2000, 153ff).
Die Ergebnisse sind zusammengefasst in:
Erwin Grom, Was bedeuten die Inschriften in Martin Schongauers "Jüngstem Gericht"?, in: Hermann Metz, Erwin Grom, Unser Münster - Die Informationsschrift des Münsterbauvereins Breisach e. V. (2003/2) 3-5.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, 76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.