Der Meister H. L. (= Hans Loy?)

Planriß für einen Marienaltar, Tusche mit feder auf Papier. Höhe 70,6 cm, Breite 28,5 cm. Stadtarchiv Ulm
(Planriß Nr. 20; Katalog Koepf, Nr. 51).

Detail eines Planrisses für einen Marienaltar, Tusche mit feder auf Papier. Höhe 70,6 cm, Breite 28,5 cm. Stadtarchiv Ulm
(Planriß Nr. 20; Katalog Koepf, Nr. 51).

Versuch einer Identifizierung

Mehrere Figuren im Gesprenge des Ulmer Altarrisses sind durch Schriftbänder gekennzeichnet. "SALIME" bezeichnet die Salome, "JAGOB" den Jakobus d. Ä. und "JOCHHEIM" den Joachim. Auffallenderweise ist das Schriftband das Joachim in der Hand hält allerdings von anderer Art. Das "C" ist eigentlich ein horizontal gespiegeltes L, die beiden "H" sind eigenartig verziert und zwischen ihnen auch eine deutliche Zäsur zu sehen.

Wenn man dieses Schriftband nun nach links dreht, lässt sich - bei gespiegeltem "L" - "HLOI entziffern. Gepaart mit dem Eintrag eines Hans Loy unter den Mitgliedern der Freiburger Malerzunft in den Jahren 1519 und 1520 und den mehr als 30 Monogrammen "H. L." auf seinen Kupferstichen, die meist dieses charakteristische "H" aufweisen, liegt die Vermutung nahe, dass der Meister, der sein H. L. dreimal am Breisacher Hochaltar hinterlassen hat, mit  Hans Loy identisch ist.

Was ist über diesen Meister bekannt?

Der Hochaltar im Freiburger Münster.

Über das Leben dieses Meisters ist kaum etwas bekannt. Und das, was wir zu wissen glauben ist meist erschlossen oder aus einer Vielzahl von Hypothesen abgeleitet. Vermutlich wurde er um 1480 oder bald danach geboren. Seine Vorfahren kamen vermutlich aus der Schweiz in den Donauraum. In Regensburg ist nämlich zwischen 1498 und 1522 eine Bildhauerfamilie mit Namen Loy nachzuweisen. So wurde ein Bildschnitzer Loy im Regensburger Bürger- und Handwerkeraufstand im Jahre 1514 als Rädelsführer auf dem Marktplatz hingerichtet.

Wenn wir vom Normalfall ausgehen, dann hat auch Hans Loy sechs bis sieben Jahre gelernt. Möglicherweise muss man ihn zu dieser Zeit am Oberrhein, zwischen Freiburg und Straßburg suchen. Vielleicht arbeitete er bei Wyclyn, der 1505 im Freiburger Münster den Dreikönigsaltar geschaffen hat.

Zwischen 1502 und 1505 müsste er dann "freigesprochen" worden sein. In der Regel schloss sich nun eine Wanderschaft an. Sie könnte ihn in den Donauraum geführt haben. Anregungen und Eindrücke aus dieser Kunstlandschaft und den Werkstattkreisen von Ulm, Regensburg, Passau und Wien finden sich in seinem Werk.

Der Niederrotweiler Altar.

Aus der Zeit von 1511 bis 1522 sind 24 Kupferstiche und neun Holzschnitte auf uns gekommen, die Themen aus dem Leben Christi, den Heiligenviten und antiker Mythen bearbeiten. Er signiert in der Regel mit seinen Initialen "H L" und manchmal zusätzlich mit dem Abbild eines Schnitzmessers, eines Holzmeißel und eines Klöppels, den Werkzeugen des Bildhauers.

Im Jahre 1515 wurde der Annenaltar im Freiburger Münster geweiht. In diesem Altar der "Heiligen Sippe", ist In der Mittelgruppe Anna mit Maria und dem Jesuskind dargestellt. Die Flankenfiguren zeigen Josef und Joachim. Zwischen den mittleren Figuren und den Flankenfiguren fallen deutliche Unterschiede in Größe und Qualität auf. Diese Flankenfiguren werden heute dem Meister H. L. zugeschrieben. Sie dürften in den Jahren 1516 bis 1517 entstanden sein.

Auffallenderweise ist in den Jahren 1519 und 1520 ein Meister Hans Loy bei der Zunft der Maler in Freiburg, bei der auch traditionellerweise die Bildschnitzer Mitglied waren, eingeschrieben. Die Zunftakten vor 1519 sind nicht mehr erhalten. Im Jahre 1521 taucht der bereits erwähnte Hinweis "ist hinweg" auf.

Vermutlich hat das Hochaltarbild des Freiburger Münsters, das Hans Baldung Grien in den Jahren 1512 bis 1515 geschaffen hat, die späteren Marienkrönungsdarstellungen des Hans Loy stark beeinflust.

Dies wird erstmals 1521 und 1522 deutlich, als Hans Loy wohl im Auftrag des Ambtes Johannes III. Spielmann von St. Blasien neben dem Marienaltar für das Kloster, dessen Entwurf heute in Ulm liegt, am Niederrotweiler Altar gearbeitet hat. Von 1523 bis 1526 arbeitete er dann am Breisacher Altar. Das Monogramm "H L" auf dem Breisacher Altar ist das letzte Zeugnis, das von ihm überliefert ist. In der Folge verlieren sich seine Spuren.

Die Predella des Niederrotweiler Altar.

Matthäus der Predella des Breisacher Altares.

Ein unbekannter Drucker ließ einige der früheren, zum Teil datierten Kupferstiche des Meisters H. L. wiedererscheinen und trug auf ihnen das Datum 1533 nach. Man nimmt deshalb an, dass  Hans Loy kurz zuvor verstorben ist.

Ein Porträt des Hans Loy?

Die Figur, die in der Niederrotweiler Predella aus dem Hintergrund - vom Betrachter aus gesehen - rechts neben Christus den Betrachter ansieht, wird von einigen für ein Selbstporträt des Meisters gehalten. Da diese Darstellung einige Ähnlichkeit mit dem Matthäus der Predella des Breisacher Hochaltares aufweist, wird auch hinter dieser Figur ein Bildnis des Hans Loy vermutet.

Diese Vermutung wird hier einfach der Vollständigkeit halber genannt. Wirkliche Belege gibt es dafür nicht. Und etwas übers Ziel hinaus schießen dürfte die Ansicht, dass H. L. in der Predella des Breisacher Altares im Evangelisten Matthäus sich selbst, in Johannes seinen jüngeren Bruder, in Markus seinen Vater und im Evangelisten Lukas seinen Großvater dargestellt habe.

Literaturhinweise

Grundlegendes zum Breisacher Münster ist zusammengestellt in:
Gebhard Klein, Das Breisacher Sankt Stephansmünster (Breisach, 3. Auflage 2002).
Zum Meister H. L. vor allem die Seiten 42 bis 58.
Über den Meister H. L. vergleiche vor allem:

Herbert Schindler, Der Meister HL = Hans Loy? - Werk und Wiederentdeckung (Reihe: Die Blauen Bücher) (Königstein 1981).

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