Der Breisacher Hochaltar

Der Breisacher Hochaltar.

In Sachen lesbare Verkündigung ist der Breisacher Hochaltar ein ganzes Buch und sogar eines mit ungeheurem theologischem Tiefgang. Nichtsdestoweniger bleibt auch hier manches hypothetisch, rätselhaft und nicht mehr klärbar.

Wenigstens die Entstehungszeit des Altares lässt sich einigermaßen klar umreißen. Gesichert ist nämlich, dass der Magistrat der Stadt Breisach im Jahre 1523 einen Brief an den Magistrat der Stadt Freiburg geschrieben hat. Er ist im Freiburger Stadtarchiv erhalten. Hierin bittet Breisach darum, dem Überbringer dieses Briefes Lindenholz für einen Altar in der Breisacher Kirche zur Verfügung zu stellen.

Aus dem Altar selbst ist das Jahr der Vollendung zu erschließen. Ein Engel an der Seite Gottvaters hält ein Gebetbuch empor, auf dem bei Infrarotlicht die Jahreszahl 1526 zu lesen ist.

Aber wer hat diesen monumentalen Altar geschaffen? Damit beginnt letztlich auch das Rätselraten. Der Name des Meisters ist bis heute nicht völlig geklärt.

Ein rätselhafter Meister

Engel mit Tafel zu Füßen der Figur Gottvaters.

Dabei ist der Breisacher Altar dreimal signiert. Zu Füßen von Maria, von Christus und am deutlichsten sichtbar zu Füßen von Gottvater tragen Engel Täfelchen mit der Aufschrift H L. Von daher gab man dem Künstler den Verlegenheitsnamen Meister H. L.

In Breisach hat sich vermutlich von diesen Initialen angeregt die Legende von einem Hans Liefrink entwickelt.

Der Münchener Kunsthistoriker Prof. Herbert Schindler hingegen gab 1978 den Hinweis auf eine andere Spur. In seinem Buch "Der Schnitzaltar, Meisterwerke und Meister in Süddeutschland, Österreich und Südtirol" wies er auf einen zwar bekannten, aber vordem unbeachtet gebliebenen Planriß eines Marienaltars in der Ulmer Stadtbibliothek hin. Dieser um 1512/13 entstandene Plan ist wohl der Entwurf eines im Bauernkrieg 1525/26 zerstörten Altars in der Marienkapelle des Klosters St. Blasien. Dieser spätgotische Marienaltar mit hohem Gesprenge lässt sich aufgrund der dargestellten Heiligenfiguren einigermaßen sicher identifizieren. In diesem Riß glaubt Schindler die Signatur eines Meisters Hans Loy zu entdecken. Und genau dieser Hans Loy verberge sich nach Herbert Schindler hinter dem Breisacher Meister H. L.

Zur kunsthistorischen Einordnung

Der Breisacher Altar gibt sich als klassischer Wandelaltar mit zwei Flügeln, steht aber nur noch in der Tradition dieser Altäre. Die schweren Flügel hängen in hölzernen Angeln, die das Gewicht kaum alleine tragen würden. Sie sind letztlich durch schmiedeeiserne Träger mit der Wand fest verbunden. Die Rückwand der beiden Flügel zeigt keine Spuren einer Plastik oder Malerei. Aus all dem lässt sich ableiten, dass die Flügel des Altares nie zum Schließen gedacht waren.

Das hohe Gesprenge des Altares wirkt etwas verloren. Seine spätgotische Architektur und sein die Vertikale betonender Aufbau stehen in eigenartigem Kontrast zur die Waagrechte betonenden Rahmung des Retabels mit dem Dreipassabschluss des Mittelteiles und den korrespondierenden Abschlüssen der Flügel. Insgesamt wirkt das Retabel deutlich moderner als das Gesprenge.

Deshalb urteilen die einen, dass es nachträglich hinzugefügt worden sei. Die Breisacher seien mit der neuen Art des Altars nicht zufrieden gewesen und hätten nach einem hochaufstrebenden Altar für ihr Münster verlangt. Dementsprechend habe eine Geselle des Meister H. L. das Gesprenge, das nicht die Handschrift des Meisters trage, geschaffen.

Andere behaupten hingegen, dass es sehr wohl ursprünglich zum Altar gehöre, eine Weiterentwicklung des Ulmer Planrisses sei und von der Hand des Meisters stamme. Hans Loy sei noch soweit Gotiker gewesen, dass er - im Gegensatz zu Hans Baldung Grien, der seinen Freiburger Altar nur mit einer niedrigen Ranke abgeschlossen hat - nicht auf das Gesprenge habe verzichten wollen.

Der Altar hat ohne Flügel eine Breite von 3,62 Metern und ist ohne Gesprenge 4,31 Meter hoch, während die Flügel 1,81 Meter breit sind. Die Predella ist 1,07 Meter hoch und 2,05 Meter breit. Die Höhe der Figuren des Schreins beträgt etwa 2,05 Meter. Das Gesprenge misst etwa 6,25 Meter.

Der warme, braune Ton des Lindenholzes ist ungefasst, um die Schärfe des Schnittes nicht zu verwischen. Die Stoffunterschiede sind in allen Feinheiten herausgearbeitet. Nur das Inkarnat, die Hauttöne, der drei Hauptfiguren ist mit Temperafarben bemalt. Lippen und Augensterne der Figuren, die Steine und die Schmuckstücke sind leicht getönt.

Hans Loy lebte am Übergang der Spätgotik zur Renaissance. Sein Werk enthält Stilelemente beider Kunstrichtungen. So zeigen die naturgetreu dargestellten Körperformen oder auch die faltenreichen Gewänder der Figuren mit ihrer Licht- und Schattenwirkung bereits die Renaissance an. Der reichbewegte Formenstil, die üppigen, phantasievollen und reichverzierten Ornamente gehen sogar noch weiter und blicken voraus auf das Zeitalter des Barock. In seinem Breisacher Altar ist der Meister H. L. einer der größten Plastiker jenes spätgotischen Stils, der nicht umsonst Protobarock genannt wird.

Vater Sohn und Geist

[Beim Überstreichen mit der Maus wird die Komposition von Vater, Sohn und Geist im gleichseitigen Dreieck verdeutlicht.]

Zunächst zu nennen in diesem Spiel der Formen sind die beiden Figuren von Gott Vater und Gott Sohn. Zur Rechten Gott Vaters - vom Betrachter aus gesehen auf der linken Seite - sitzt Gott Sohn mit auffallendem nacktem Oberkörper.

Jesus Christus wird auf diesen Darstellungen immer mit nacktem Oberkörper dargestellt. Das hängt nicht damit zusammen, dass Jesus grundsätzlich halbnackt herumgelaufen wäre. Hier wird das Fleisch betont.

"Und das Wort ist Fleisch geworden" (Johannes 1,14)

heißt es zu Beginn des Johannes-Evangeliums, und diese Fleischwerdung, die Menschwerdung Gottes, wird in diesen Bildnissen betont. Gott wurde Mensch, einer von uns - das drücken diese Christusbilder aus. Sie sind daher immer auch Weihnachtsbilder.

Aber Christus trägt auch stets die Wundmale, die ihn als den Gekreuzigten kennzeichnen, der durch das Sterben hindurch den Tod überwunden hat. Weihnachtsbild und Osterdarstellung werden daher in den Christusbildnissen miteinander verbunden.

Gott-Sohn und Gott-Vater sitzen übrigens als einzige. Und sie sitzen mit gespreizten Beinen. So stellte man seit der Antike nur den Herrscher da. Vor dem Herrscher hatten alle zu stehen, wenn nicht gar im Staub zu liegen. Breitbeiniges Sitzen war nur dem Kaiser erlaubt. Deshalb wird in der christlichen Symbolik nur der Christkönig und Gottvater selbst breitbeinig sitzend dargestellt - und später dann auch Maria, als Königin des Himmels.

Aber Gott-Vater und Gott-Sohn sind hier nicht allein. Etwas genauer hinschauen muss man, um den dritten im Bund, den Heiligen Geist, zu entdecken: Über der Krone schwebt die Geisttaube - jenes Symbol mit dem schon in der Bibel der Geist Gottes bezeichnet wird.

Wenn man alle drei göttlichen Personen nun miteinander verbindet, erhält man ein gleichseitiges Dreieck. Und im Mittelpunkt dieses Dreiecks steht der Mensch - die Gottesmutter Maria.

Der Mensch Maria

Marienkrönung im Mittelschrein des Breisacher Altares.

Und das ist auch die eigentliche Aussage dieses Bildes. In den Mittelpunkt dieses Dreiecks, mitten hinein in das Geheimnis der Dreieinigkeit ist Maria aufgenommen. Gott nimmt Maria in die himmlische Herrlichkeit hinein.

Dass es sich um eine wunderbare, herrliche Dimension von Leben handeln muss, macht die Vielzahl der spielenden und quirlig vergnügt herumtollenden Engelchen deutlich.

Was hier von Maria gesagt wird, ist aber keine einzigartige Ehre, die der Gottesmutter alleine zuteil würde. Das was von ihr hier geschildert wird, ist gleichsam exemplarisch gesagt. Maria steht für den Menschen schlechthin, denn allen Menschen ist es verheißen, in diese Dimension des Lebens zu gelangen.

Dies macht der Altar ganz deutlich. Maria ist nämlich nicht alleine. Die Figuren der Heiligen auf den Flügeln des Altares machen klar, dass nicht nur für Maria der Himmel offen steht. Für alle Menschen ist der Weg in die Gemeinschaft mit Gott bereitet. Wiederum exemplarisch vertreten wird die Menschheit hier durch die Kirchen- und die Stadtpatrone Beisachs, Stephanus und Laurentius, sowie Gervasius und Protasius.

Schauen wir uns diese Figuren genauer an und beginnen wir mit denen, die zur Rechten der Dreifaltigkeit, auf dem - vom Betrachter aus gesehen - linken Flügel dargestellt sind.

Stephanus und Laurentius

Stephanus und Laurentius
auf dem linken Flügel des Breisacher Altares

Die Kleidung der beiden Figuren, die Dalmatik, kennzeichnet beide Männer als Diakone. Aber das ist längst nicht alles. Bereits jede Figur für sich genommen, erzählt eine ganze Geschichte.

Die linke Gestalt trägt ein Buch in der Hand - wiederum Symbol für das Evangelium. Das Buch will nicht sagen, dass dieser Mensch etwas geschrieben habe. Er hat das Evangelium verkündet - dies drückt das Buch aus. Und wegen seines Eintretens für das Evangelium - das erzählt der Stein, der auf dem Buch liegt -, hat er den Märtyrertod erlitten, ist er gesteinigt worden - spätestens jetzt ist klar, dass es sich um Stephanus handelt.

Mit seiner Steinigung ist jedoch nichts zu Ende - davon kündet der Palmzweig, den Stephanus in der anderen Hand hält. Weil er das Evangelium verkündet und dafür das Leben gelassen hat, hat ihm Gott die Siegespalme verliehen und ihn in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen.

Ganz ähnlich erzählt das auch die Figur des Diakons Laurentius, die neben Stephanus steht. Auch er hat für das Evangelium Christi gelebt. Das Buch auf seinem Arm verdeutlicht es. Leider ist das Marterinstrument, das er in der Hand gehalten hat, verloren gegangen. Dass es ein Rost gewesen ist, ist allerdings belegt. Und auf einem solchen ist er, der Legende nach, auch hingerichtet worden. Die "Legenda aurea" berichtet es so:

"Alle Arten von Marterwerkzeugen wurden herbeigebracht, und Decius sagte zu Laurentius: "Entweder opferst du den Göttern oder du wirst eine ganze Nacht hindurch gefoltert." Laurentius erwiderte: "Meine Nacht hat keine Finsternis, sondern alles leuchtet im Licht." Daraufhin Decius: "Bringt ein eisernes Bett, damit der halsstarrige Laurentius auf ihm ruhe." Also entkleideten ihn die Diener und legten ihn auf den eisernen Rost, schoben glühende Kohlen darunter und stachen ihn mit eisernen Gabeln. Doch Laurentius sagte zu Valerianus: "Wisse, du Elender, daß deine Kohlen nur Erfrischung sind, für dich bedeuten sie jedoch ewige Strafe, denn der Herr selbst weiß, daß ich ihn, obwohl angeklagt, nicht verleugnete, befragt, mich zu Christus bekannte, und jetzt gebraten ihm Dank sage." Und er fügte mit fröhlicher Miene für Decius hinzu: "Siehe, du Elender, eine Seite hast du gebraten, brate die andere und friß.""
(Jacobus de Voragine, Legenda aurea, zitiert nach: Erich Weidinger (Hrsg.), Legenda aurea - Das Leben der Heiligen (Aschaffenburg 1986) 326-237.)

Gervasius und Protasius

Auf dem - vom Betrachter aus gesehen - rechten Flügel, also zur Linken der Dreifaltigkeit, stehen die beiden Stadtpatrone Breisachs. Die linke Seite ist die nachrangige Position. Klar, dass Stephanus - dem ersten Märtyrer der Kirche - und Laurentius, die auch in der Allerheiligenlitanei weit vor den beiden Stadtpatronen rangieren, die Ehrenplätze zur Rechten Gottes zukommen. Dieser Zusammenhang spielt nicht zuletzt im Blick auf den Isenheimer Altar in der immer noch kontrovers diskutierten Frage nach der Position der beiden Standflügeln des geschlossenen Altares eine wichtige Rolle.

Die Heiligenfiguren, die in Breisach zur Linken Gottes dargestellt sind, sind weniger bekannt. Es handelt sich um die Heiligen Gervasius und Protasius.

Von beiden sind keine historisch zuverlässigen Daten überliefert. Mein Professor für Alte Kirchengeschichte in Freiburg hat in seiner Vorlesung davon berichtet, wie im 4. Jahrhundert Ambrosius von Mailand im Blick auf eine neue Mailänder Kirche gefragt worden sei, ob es nicht auch für diese Kirche Gebeine von Märtyrern gäbe. Und Ambrosius solle zur Antwort gegeben haben, dass dies kein Problem sei, sofern sich solche Gebeine fänden. Und dann fügte unser Professor einen Satz an, von dem ich bis heute nicht weiß, ob er in schriftlicher Form als "Und Ambrosius, er fand solche Gebeine" oder "... erfand solche Gebeine" wiederzugeben ist.

Auf jeden Fall ist die Verehrung der beiden Märtyrerbrüder in Mailand seit dem 4. Jahrhundert nachzuweisen.

Nach der Eroberung Mailands im Jahre 1162 durch Friedrich Barbarossa, soll Rainald von Dassel, Kanzler des Reiches und Erzbischof von Köln, mit den angeblichen Reliquien der Heiligen Drei Könige auch die Gebeine von Gervasius und Protasius mitgenommen haben. Als der Zug mit den Reliquien in Breisach Station machte, sollen sich die Gebeine der beiden Brüder - so die Legende - nicht mehr vom Platz haben bewegen lassen: Ausdruck ihres Wunsches in Breisach zu bleiben. Ob - historisch betrachtet - nicht doch eher der Druck der Breisacher Ursache dafür war, dass diese Reliquien auf dem "Mons Brisiacus" verblieben sind, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist die daraufhin entstandene Wallfahrt nicht ganz unwichtig für die Weiterentwicklung der Stadt und des Münsters geworden.

Die beiden Figuren auf dem Seitenflügel des Breisacher Altares stellen aber nicht nur den Heiligen Protasius mit dem Schwert, durch das er umgekommen sein soll, und seinen jüngeren Bruder Gervasius, mit seinem Marterinstrument, der Geißel, dar. Beide werden in der vornehmen Patrizierkleidung des 16. Jahrhunderts gezeigt: Es geht demnach nicht so sehr um eine Legende des 4. Jahrhunderts, es geht um die Gegenwart. Dem zeitgenössischen Betrachter wollen die Figuren sagen: Ganz gleich ob du Kleriker bist, wie Stephanus und Laurentius, ganz gleich ob du einfach dem Gottesvolk angehörst, wie Gervasius und Protasius, - auch du bist dafür bestimmt, um in diese Gemeinschaft der Menschen mit Gott zu gelangen. Nichts anderes künden die Flügel des Breisacher Altares dem Betrachter.

Der Weg des Evangeliums

Und der Altar sagt auch wie das gehen soll, wie der Mensch dieses Ziel erreicht. Dazu muss man lediglich darauf achten, worauf dieses Retabel gleichsam gründet.

Es sind die Evangelisten, die in der Predella dem Betrachter vor Augen gestellt werden. Denn das vierfache Evangelium, das sie niedergeschrieben haben, bietet dem Menschen die Anleitung zu einem Leben aus dem Glauben und zur Nachfolge Christi. Und dieses Evangelium ist demnach auch Wegbeschreibung, um zu dem Ziel zu gelangen, das der Schrein des Altares in der Gemeinschaft mit Gott dem Menschen vor Augen stellt.

Die Evangelisten in der Predella des Breisacher Altares

Hier wird der theologische Tiefgang des Altares besonders deutlich:

Johannes mit seinem Symbol, dem Adler, sitzt ganz links, gefolgt von Matthäus, der auf sein Attribut, den geflügelten Menschen, blickt. Ein ebenso geflügelter Löwe ist das Symbol des Evangelisten Markus und den Abschluss bildet Lukas mit dem geflügelten Stier. Natürlich vermutet man hinter der Darstellung auch eine Allegorie auf die vier Lebensalter des Menschen oder die vier Temperamente. Weit wichtiger aber ist der theologische Gehalt. Deutlich erkennbar sind zwei verschiedene Gruppen: Matthäus, Markus und Lukas sind in der Tracht des mittelalterlichen Gelehrten dargestellt. Sie gleichen sich und sind eigentlich nur im Alter verschieden - so wie ihre Evangelien vieles gemein haben, teilweise sogar wörtlich übereinstimmen. Man geht heute davon aus, dass Matthäus und Lukas in Kenntnis des Markusevangeliums ihre Texte verfasst haben. Dies bringt der Meister hier zum Ausdruck. Die drei Evangelisten schreiben mit derart überkreuzten Armen, dass man zweimal hinschauen muss, um die Hände auch richtig der entsprechenden Figur zuordnen zu können. Die Abfolge der Alter gibt im übrigen die Reihenfolge an, wie die drei Evangelien heute im Neuen Testament stehen.

Lediglich der vierte Evangelist nimmt eine Sonderstellung ein - so wie das Johannes-Evangelium auch in der Bibel eine ganz eigene Rolle spielt. Johannes wird hier - wie fast immer - als Jüngling dargestellt. Dies deshalb, weil er das letzte der vier Evangelien verfasst hat. Heute geht man davon aus, dass es sogar erst um 100 n. Chr. entstanden ist. Wenn dieser Johannes - wie in der Tradition angenommen - mit dem Apostel Johannes identisch sein soll, dann muss er zu Lebzeiten Christi noch ein sehr junger Mann gewesen sein.

Auch hat sein Evangelium mit den drei übrigen die wenigsten Berührungspunkte. Selbst dies macht der Künstler hier deutlich, denn Johannes sitzt hier ohne die typische Kopfbedeckung ganz am Rand und hebt sogar den Buchdeckel an, damit die anderen auch wirklich nicht sehen können, was er schreibt. Die Predella des Breisacher Münsters bietet demnach gleichsam eine Kurzeinführung in das Phänomen der synoptischen Evangelien und der Sonderstellung des Johannesevangeliums in der Bibel.

Das Gesprenge

Gesprenge des Breisacher Altares

Das möglicherweise nachträglich angebrachte Gesprenge setzt die Aussagen des Altarretabels nun fort. Der Reigen der uns in die himmlische Gemeinschaft vorausgegangenen Menschen wird - nach zwei musizierenden Engeln - durch Vitalis und Valeria, den legendären Eltern der Breisacher Stadtpatrone, fortgesetzt. Etwas erhöht befindet sich dann eine Darstellung der "Anna Selbdritt" - der Mutter Anna, mit ihrer Tochter Maria auf dem Schoß, die wiederum ihren Sohn Jesus trägt; also der Heiligen Anna mit ihrer Tochter und ihrem Enkel: "Anna selbst zu dritt", wie diese seltsame Formulierung wohl am ehesten aufzulösen ist.

Alles mündet dann aber in die Gestalt des Schmerzensmannes, des geschundenen und gegeißelten Christus, auf den alle Linien des Gesprenges gleichsam zulaufen - so wie das Leben des Menschen auf das Leid und den Tod zugeht. Daran führt kein Weg vorbei. Niemand kommt um Leid und Tod herum. Das will diese Gestalt an der Spitze des Altares deutlich machen.

Aber die Linien gehen weiter. Sie gehen durch Leid und Tod hindurch und münden in diesem rätselhaften "Frauenschuh", jener nach vorne geneigten Fiale, die den Altar bekrönt. Was diese umgebogene Altarspitze zu bedeuten hat, ist bis heute rätselhaft, und vielerlei Deutungen sind im Umlauf .

Vielleicht will die Altarspitze im Letzten nichts anderes, als wieder auf die Mitte des Altares zurückverweisen. Denn das ist ja letztlich auch die Aussage, die mit der Spitze des Gesprenges verbunden ist: Der Weg des Christen, der sich in der Nachfolge Christi auf das Evangelium stützt, ist kein Weg des Zuckerschleckens. Auch der Christ ist nie vor Krankheit, Schicksalsschlägen, Leid und Tod gefeit. Ganz im Gegenteil. Daran führt kein Weg vorbei - für niemanden. Aber es führt ein Weg hindurch, durch Leid und Tod. Und dieser Weg mündet in die Vollendung, in die Gemeinschaft mit Gott, wie sie uns im Mittelschrein des Breisacher Altares exemplarisch in der Krönung, vor allem aber in der Aufnahme Mariens in den Himmel vor Augen gestellt wird.

Literaturhinweise

Grundlegendes zum Breisacher Münster ist zusammengestellt in:
Gebhard Klein, Das Breisacher Sankt Stephansmünster (Breisach, 3. Auflage 2002).
Zum Meister H. L. vor allem die Seiten 42 bis 58.
Über den Meister H. L. vergleiche vor allem:

Herbert Schindler, Der Meister HL = Hans Loy? - Werk und Wiederentdeckung (Reihe: Die Blauen Bücher) (Königstein 1981).
Zur Symbolik im Allgemeinen:
Gerd Heinz-Mohr, Lexikon der Symbole - Bilder und Zeichen der christlichen Kunst (Köln 8. Auflage 1984)
sowie
Konrad Kunze, Himmel in Stein - Das Freiburger Münster (Freiburg 4. Auflage 1985).

Anmerkung

1) Vgl.: Gebhard Klein, Das Breisacher Sankt Stephansmünster (Breisach, 3. Auflage 2002) 45-46.

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