Antoniuswein und Amputationen

Vor allem am Mutterkorn erkrankte Menschen fanden bei den Antonitern Aufnahme. Sie wiesen vor allem folgende Symptome auf:

Sofern Sie am "Ergotismus convulsivus", der sogenannten "Kribbelkrankheit" erkrankt waren, litten sie unter Krämpfen, andauernden schmerzhafte Kontraktionen, Durst und Halluzinationen. Verursacht wurden dieselben durch Lysergsäure-Derivate und biogene Amine - die Droge LSD setzt sich übrigens aus diesen Stoffen zusammen und wurde im Zusammenhang mit der Isolierung und chemischen Abwandlung von Mutterkornalkaloiden entdeckt .

Der "Ergotismus gangraenosus", die sogenannte "Brandseuche", war durch Verengung der Blutgefäße und Störung der Blutzirkulation gekennzeichnet. Sie konnte bis zur Stockung, toxischer Nekrose und Abfallen der Gliedmaßen führen. Am Ende blieb meist nichts anderes als die Amputation des erkrankten Gewebes.

Auch andere Krankheiten in den Antoniterspitälern?

Kontrovers diskutiert wird die Frage, ob nur am Ergotismus Erkrankte Aufnahme fanden oder auch andere unheilbare Krankheiten in den Antoniterspitälern behandelt wurden.

Diese Diskussion darf nicht von einer modern-neuzeitlichen Warte aus geführt werden. Die mittelalterlichen Gelehrten kannten die Ursache der Krankheit nicht. Sie wussten noch nichts von der toxischen Wirkung des Mutterkorns. So nahm man ganz unterschiedliche Gründe für die Erkrankung an: Große Kälte ausgiebige Hitze, Vergiftungen durch böse Pusteln oder Verstopfung der Venen und Poren durch Geschwüre, zu feste Abbindungen und vieles mehr wurde als Ursache genannt . Demnach ist es mehr als wahrscheinlich, dass auch Menschen, die an ganz anderen Krankheiten litten, aber ähnliche Symptome zeigten, als am Antonius-Feuer erkrankt galten und in den Antoniterspitälern Aufnahme fanden.

Ernest Wickersheimer erwähnt beispielsweise Verwundete, die in der Folge der Schlacht von Sankt Jacob an der Birs des Jahres 1444 nach Isenheim geführt wurden. Ihre Kriegsverletzungen waren brandig geworden. Für Wickersheimer Hinweis darauf, dass auch solche Wunden zum Antoniusfeuer gezählt wurden.

Wenn auch diese Ansicht in der Literatur recht umstritten ist , so bleibt es doch Tatsache, dass es in der damaligen Zeit eine Vielzahl kriegerischer Auseinandersetzungen gab. Allein im Elsaß reißt die Aufzählung der großen und kleinen Schlachten nicht ab. 1365 und 1375 sind es die "Engländer", 1439 und 1444 die "Armen Gecken" oder "Schinder", die "allgemeine Fehde" sorgt bis mindestens 1495 und unterschiedliche Raubzüge bis weit darüber hinaus zu immer wieder neuen blutigen Auseinadersetzungen. Die Zahl der Menschen, die von ihnen gezeichnet waren, war groß. Pierre Bachoffner weist darauf hin, dass an eine organisierte Versorgung in Form eines Sanitätsdienstes für die damalige Zeit nicht gedacht werden darf. Nur in regelrechten Heeren gab es einen eigenen "Feldscher", die Vorform des späteren Militärarztes. Was aber geschieht, wenn Wunden nur ungenügend versorgt werden, weiß Bachoffner aus eigenem Erleben  Er erinnert sich

"an Gasbrandfälle in überfüllten Kriegslazaretten des Zweiten Weltkrieg während der Kämpfe im heißen Juni 1940 westlich der Vogesen, wo wegen des pestilenzialischen, abscheulichen Gestanks Kameraden in Sanitätsformationen sich übel fanden, sich übergaben, völlig ihrem Dienst versagten, so daß sich andere an ihrem Platz einsetzen mußten."
Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 84.

Gestalt auf dem Bild der Versuchung des Heiligen Antonius möglicherweise mit Symptomen des Ergotismus convulsivus und der Syphilis.

Bei andauernden und lange währenden Kämpfen blieb mancher Verwundete längere Zeit mit Gasbrand und schwer infizierten, fürchterlich stinkenden Verletzungen liegen. Es war vermutlich an der Tagesordnung, dass solche Verwundete...

"... erst spät und öfters zu spät in ein Spital kamen, warum nicht zu den Antonitern."
Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 84.

Insgesamt ist sehr wahrscheinlich, dass es zunächst um ein weites Feld von Symptomen und nicht um medizinisch exakt abzugrenzende Erkrankungen im modernen Sinne ging. So dürfte es durchaus im Bereich des Möglichen liegen, dass mit fortschreitender Zeit das Spektrum der behandelten Krankheitserscheinungen in den Antoniterspitälern sich ausweitete.

Elisabeth Clémentz weist im Zusammenhang mit der Untersuchung der Ingredienzien und Kräuter, die die Antoniter verwendeten, darauf hin, dass sie alle eines gemeinsam haben:

"... sie heilen Hautleiden, sind also wirksam auf dem Gebiet der Dermatologie, dem besonderen Tätigkeitsfeld der Antoniter, waren doch im Mittelalter Geschwüre das Merkmal der Krankheit und bezeichnete man unter der Vokabel "Antoniusfeuer" die verschiedensten Leiden wie Mutterkornbarand, Wundbrand, "Altersbrand", sogar "ulcerösen Syphilid".
Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 14.

Demnach denkt sie auch an Syphiliserkrankungen, die ja mittlerweile nachgewiesener Maßen schon weit vor Kolumbus in Europa verbreitet waren . Auch solche Kranke müssten wir demnach unter den Patienten in einem Antoniterspital suchen. Ein Hinweis auf Syphiliskranke im Isenheimer Antoniterspital könnte die Darstellung eines Kranken auf dem Bild der "Versuchung des Heiligen Antonius" sein, der - neben anderen Symptomen - auch die der venerischen Krankheit im Spätstadium zu zeigen scheint.

Der tote Christus am Kreuz - eine Pestleiche?

Vor allem aber Pestkranke mit ihren eitrig einschmelzenden und zerfallenden Geschwüren könnten in den Antoniterspitälern Aufnahme gefunden haben. Reiner Marquard verweist darauf, dass je nach Lage, Größe und Auftrag der Häuser auch eine Leproserie, ein Gebäude für ansteckende Erkrankungen, zum Bestand gehörte . Und die Darstellung des toten Christus am Kreuz auf dem geschlossenen Altar in einer Gestalt, die ohne weiteres an eine Pestleiche denken lässt, legt die Vermutung durchaus nahe, dass auch Pestkranke zu den Kranken des Hospitals gehörten. Dass die Sorge um die Pestkranken gerade in der damaligen Zeit eine der ganz wichtigen Aufgaben war, macht schon die Chronologie der Pestzüge deutlich, die im Elsaß des 16. Jahrhunderts etwa alle 10 Jahre das Land in Angst und Schrecken versetzten .

Formen der Behandlung

Die Therapie, die man den Kranken zuteil werden ließ, war einfach aber wirkungsvoll. Sie folgte zunächst den allgemeinen Regeln der Krankenbehandlung im Mittelalter: Man verabreichte gute und stärkende Nahrung, die die Kräfte des Kranken wiederherstellen sollte.

Gutes, weißes Weizenbrot zählte zur stärkenden Nahrung genauso wie Schweinefleisch, das den Antonitern reichlich zur Verfügung stand. In den gehobeneren Bevölkerungsschichten wie auch bei den Ärmeren - sofern es dort Fleisch gab - stand Schweinefleisch damals allgemein an erster Stelle der verzehrten Fleischsorten, wie Bachoffner mit Verweis auf die Küchenbücher des Straßburger Domkapitels angibt .

Schweine lieferten aber nicht nur Fleisch. Das Schweineschmalz war wegen seiner Hautdurchdringungseigenschaften ein wichtiger Grundstoff für die Zubereitung von Salben.

Der Balsam der Antoniter

Solch eine Salbe für die äußerliche Anwendung dürfte der sogenannte Antoniusbalsam gewesen sein. Über ihn schreibt Franz Beer, der Administrator der Antoniterpräzeptorei Isenheim im Jahre 1601 an die vorderösterreichische Regierung in Ensisheim.

"Ein weiteres Medikament war die "Sankt Anthoniensalbe", welche tempore pestis sehr hoch zu Isenheim abgeholt und gerümbt wurde, ist nun lange Zeit nicht mehr gemacht, sondern auch das Rezept, wie man die machen soll, verloren worden".
Franz Beer, zitiert nach: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 14.

Salbgefäß zu Füßen der Maria Magdalena

Aus dieser Bemerkung wird häufig geschlossen, dass zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Rezeptur des Antoniusbalsams bereits in Vergessenheit geraten war. Dem entgegen steht allerdings ein Anstellungsvertrag eines Wundarztes der Präzeptorei Isenheim aus dem Jahre 1708. Dort heißt es ausdrücklich:

"Der Wundarzt soll die Sankt Antoniussalbe, wenn man sie benötigt, nach dem Hausrezept herstellen; die Kräuter dazu hat er zu sammeln und zu bereiten, die anderen Ingredienzien sollten ihm geliefert werden."
Archives départementales du Haut-Rhin, Isenheim 23, zitiert nach: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 14.

Durchaus möglich, dass Franz Beer, der Kanoniker in Thann und Weihbischof in Basel gewesen ist und dem die Antoniterpräzeptorei in Isenheim lediglich als Administrator übertragen worden war, das Rezept einfach nicht kannte, nie davon gehört hatte und dementsprechend davon ausging, dass es schon lange nicht mehr existierte. Elisabeth Clémentz konnte die Existenz des Rezeptes immerhin noch für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts nachweisen. Im Jahre 1992 fand sie per Zufall

"beim Durchblättern eines in Privatbesitz gelangten Registers des Isenheimer Hauses für die Jahre 1726 und folgende auf den letzten Seiten [...] die Formel der Heilsalbe..."
Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 14.

Damit ist die Rezeptur des Antoniusbalsams, so wie er in Isenheim hergestellt wurde, weitgehend geklärt.

"Man nehme 4 Pfund ... 4 Pfund Talg - 4 Pfund Schmalz - 4 Pfund Weißpech - 4 Unzen gelbes Wachs - 4 Unzen Terpentin - 2 Unzen Grünspan - Kohlblätter - Nussblätter - Erdbeerspinat - Lattich - Wegerich, beide Arten - Holunderblätter - Wund-Sanickel oder pedis leonis - Huflattich - Blätter oder Körner von Satz (?), das auf den Mauern wächst - Blätter des brennenden Krautes (Brennessel ?) - Blätter und Zweigspitzen von Brom- und Himbeere - Von diesen Kräutern 6 Handvoll auslesen, kochen lassen in einem sauberen Kessel, davon den Saft ausdrücken."
Rezept für die Bereitung des Antoniusbalsams, aus einem Registerband des Hauses in Isenheim für die Jahre 1726ff. (Privatbesitz), zitiert nach: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 14.

Sicher kann sich das Rezept im Laufe der Zeit geändert haben. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts könnte die Zusammensetzung eine etwas andere gewesen sein. Im Prinzip aber dürfte sich die Tradition der Balsamherstellung in Isenheim nicht grundlegend verändert haben. Elisabeth Clémentz gibt an, 11 von den 12 erwähnten Ingredienzien mit Sicherheit bestimmen zu können. Neun Pflanzen hätten wundheilenden und entzündungshemmenden Charakter, vier würden vor allem gegen Geschwüre empfohlen. Vor allem Lattich sei für seine zusammenziehenden und narkotischen Eigenschaften bekannt und auch wirksam gegen Furunkel und Umlauf.

Damit lässt sich das Anwendungsgebiet des Antoniusbalsams insbesondere auf Hauterkrankungen sowie Hautleiden im weitesten Sinne als recht gesichert angeben.

Dass dieser Balsam aus den Kräutern gewonnen wurde, die auf dem Isenheimer Altar - genauer: auf der Bild mit der Darstellung des Besuches des Antonius beim Einsiedler Paulus - dargestellt sind, ist damit allerdings widerlegt. Nur zwei der auf den Bildtafeln des Altares abgebildeten Kräutern tauchen in der Isenheimer Salbe auf.

Der sogenannte "Antoniuswein"

Wichtig ist auch die Heilkraft, die dem Wein zugeschrieben wurde. Bachoffner schreibt mit Blick auf die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts:

"Noch vor etwa fünfzig Jahren standen in den Spinden der Kranken in Spitälern Flaschen mit rotem Burgunder; gut meinten es die Familienangehörigen und die Freunde: der kräftige Rotwein sollte nach Meinung des Volkes zur Wiederherstellung der Kräfte des bedauernswerten Kranken dienen."
Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 84.

In den Antoniterspitälern war es vor allem der sogenannte "Antoniuswein", der als Medikament verabreicht wurde. Während Wolfgang Kühn hier an einen starken Weinessig denkt , geht man meist von Wein aus, dem unterschiedliche Kräuter beigemischt wurden.

Seit die Zusammensetzung des Antoniusbalsams durch die Ergebnisse Elisabeth Clémentz' weitgehend geklärt ist, konzentrieren sich die Forschungen und die Spekulationen über Zusammenhänge zwischen den Kräutern auf dem sogenannten "Besuchsbild" des Isenheimer Altares und den in Isenheim verwendeten Arzneien auf die Inhaltsstoffe des Antoniusweines. Der Frage, welche Bedeutung die Kräuter auf dem "Besuchsbild" im einzelnen haben, wird hier im Zusammenhang mit der Besprechung des geöffneten Altares nachgegangen.

Dass es bei der Verwendung von Arzneien durch die Antoniter nie nur um rein medizinische Zusammenhänge ging, zeigt die Berührung des Antoniusweins mit Reliquien, wodurch versucht wurde die Heilkraft der Medizin weiter zu steigern oder gar erst hervorzurufen. Dies erinnert erneut daran, dass alle Behandlung in den Antoniterspitälern nie nur unter naturwissenschaftlich-medizinischen Gesichtspunkten zu untersuchen ist. Sie ist immer auf dem Hintergrund der religiösen Überzeugung der Antoniter zu sehen.

Nichtsdestoweniger hatte der Antoniuswein eine medizinisch nachweisbare Bedeutung. Bachoffner fasst gemeinhin vertretene Ansichten zusammen, wenn er ihm abführende und wassertreibende sowie gefäßerweiternde Wirkung gegen den heißen Brand und das Absterben der Glieder zuschreibt.

Amputation der Gliedmaßen

Die "Porterie" in Isenheim. Im Obergeschoss befand sich vermutlich das "Hospitale frescherii", in dem auch die Amputationen durchgeführt wurden.

Bei allen Versuchen der Behandlung und allen Erfolgen, die die Antoniter bei der Linderung der Symptome gehabt haben mögen - häufig blieb keine andere Lösung, als die absterbenden Gliedmaße zu amputieren.

Seit dem Laterankonzil des Jahres 1215 waren allen Klerikern und Ordensangehörigen operative Tätigkeiten untersagt. Deshalb waren die Antoniter bei erforderlich werdenden Amputationen auf den Dienst von Chirurgen angewiesen, die gleichsam als Vertragsärzte in den Spitälern arbeiteten. Um das Jahr 1480 sind allein vier solcher Ärzte in Isenheim bezeugt.

Einen guten Einblick in die Praxis der damaligen Zeit bietet uns die Gestalt des Hans von Gersdorff, der Feldscher und Wundarzt im Antonienhof in Straßburg war. Nach 40jähriger Praxis ist er im Jahr 1529 gestorben und demnach ein Gewährsmann aus der Zeit der Entstehung des Isenheimer Altares.

Instruktiv sind seine Bemerkungen in seinem "Feldtbuch der Wundarztney", das 1517 in Straßburg erschienen ist und in dessen "Vocabularius infirmatum" er den "kalt brant, estiomenus" und "Sanct Anthonienfeuer, Ignis sacer" unterscheidet. Seine Behandlung basiert häufig auf Kräutern und in Form von Pflastern und Löschungen zum Kühlen. Dabei verweist er oft darauf, dass es sich um

"Stücke [handelt] die du findest in der Apotecken".
 Hans von Gersdorff, zitiert nach: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 87.

Dies weist bereits darauf hin, dass Gersdorff versuchte, bevor er einen chirurgischen Eingriff vorzunehmen gezwungen war, auf andere Art zu heilen. Neben den 100 bis 200 Amputationen, die er in und außerhalb des Straßburger Antoniusspitals vorgenommen hat, galt seine Sorge also nicht minder der "Leibarznei".

Dazu brauchte es zur damaligen Zeit übrigens keine Ausbildung. Die in der Reichstadt Straßburg um das Jahr 1500 geltende "Artzote Ordnung" setzte keinerlei akademische Bildung voraus. Jede Person, Mann oder Frau, konnte, sofern sie Bürger waren und die Ordnung innerhalb von 14 Tagen Praxis beschworen hatten, die Leib- und Wundarznei ausüben.

"Arm/bein abschniden hat sein kunst / Vertriben sanct Anthonien brunst. Gehört auch nit eim yeden zu / Er schick sich dann wie ich im thu. -
Illustration von Hans Wechtlin, in: Hans von Gersdorff (1455-1529). Feldtbuch der Wundartzney (Straßburg 1517) nach Seite LXX.

In seinem Feldbuch dokumentiert Hans von Gersdorff seine Heilungsbemühungen. "Pulver für die Melancholy" finden sich dort und "Passavant laxati" für diejenigen,

"... die ständig constipiert sind"
 Hans von Gersdorff, zitiert nach: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 88,

also unter Darmträgheit beziehungsweise Verstopfung leiden.

Und er empfiehlt Realgar (Arsentrisulfid) für den "Brand". Allerdings soll es "gemilteret", also weniger ätzend verabreicht werden. Auch ein grebranntes "aqua fort" führt er an . Wenn der Schmerz allerdings übermächtig werde, so soll "baumöl", "dyllenöl" und "vyolöl" "appliciert" werden. Und weiter führt er aus:

"die sollen warm sein darnoch ... den brant usfallen mit butter oder schmaltz"
 Hans von Gersdorff, zitiert nach: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 88.

Auffallend ist seine Vorsicht beim Eingeben von "Schlaftränken". Zu oft scheinen solche Betäubungsversuche wohl über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Das Rezept für eine relative erfolgreiche Chirurgie vor Einführung einer zuverlässigen Anästhesie waren eben Erfahrung, Geschicklichkeit, Schnelligkeit und rasches operatives Vorgehen .

Für den an der Mutterkornvergiftung Erkrankten war eine Amputation dabei noch mit vergleichsweise erträglichen Schmerzen verbunden. Die abgestorbenen Gliedmaßen waren offenbar in der Regel schmerzunempfindlich geworden. Darauf lässt zumindest ein Bericht des Luzerner Stadtarztes Carl Niclaus Lang schließen. 1717 beschreibt er den Verlauf des "Ergotismus gangraenosus" folgendermaßen.

"... Den so schädlichen und biß dahin bey uns unerhörten Genuß des Kornzapffen oder Rocken-Mutter (sonsten von den unserigen Wolffs-Zähn genennet) in dem Rocken-Brot hat man zu erst in unserem Lucerner Gebiet zu End deß Augstmonats und von Anfang des Herbstmonats des 1709. Jahrs beobachtet und wahrgenommen...
Weitters hat dieses Korn-Zapffen-Gift in dem Brot allerhand Persohnen angegriffen Weib und Mann / Reiche und Arme / doch diese ammeisten / Junge und Alte ohne unterscheid ... Erstlichen erkalten ihnen die eusserste Glider / worauff die Haut bleich und Bleyfarb wurde / auch als geruntzlet aussahe / als wann sie lange Zeit in dem warmen Wasser wäre gehalten worden; die Adern verschluffen sich völlig unter die Runtzlen / und wurden ganz unsichtbar / worauff entlichen eine gänztliche Entschläffung deß angegriffenen Glids erfolgte / also das kein einige Empfindlichkeit mehr darinnen versprühret wurde. Man könnte über das nach belieben darein stechen oder hauen / die arme Patienten empfunden kein einige Schmertzen / es runne auch bey solchen Anlaß kein einiger tropffen Blut auß dem von dem Gift angegriffenen und verwundeten Theil...
Diese also entschläffte / zusamen geschnurrete und ohne einige Empfindlichkeit und Blut gleichsam annoch lebente Glider wurden letstlichen mit einem entsetzlichen und unleydlichen Schmertzen angefochten und überfallen / welche die unglücklichen Patienten öffters ettliche Täg und Nächt nicht ruhen ließen / sondern ein unaufhörliches Geschrey bey ihnen verursachten...
...bis letstlichen der kalte Brand sich in den leydenten Theil setzte und solchen gäntzlich tödete / worauf die völlige Außdöhrung und eine abscheuliche Schwärze deß erkranckten Glids darzuschluge / biß es endtlichen von dem übrigen Leib auffgelöst wurde / und vorsich selbsten abfallen thäte."
Carl Niclaus Lang, zitiert nach: Günter Engel, Das Antoniusfeuer in der Kunst des Mittelalters: die Antoniter und ihr ganzheitlicher Therapieansatz, in: Antoniter-Forum 7/1999 (München 1999) 8-9.

Dem Abfallen der Gliedmaßen konnte man lediglich durch die Amputation zuvorkommen. Meist waren es die Füße, die abgenommen wurden, und in der Regel nahm man sie oberhalb des Fußgelenkes ab.

Für viele Kranke im Isenheimer Spital war bereits der zweite Tag ihres Aufenthaltes bei den Antonitern der Tag der Amputation. Dass es für nicht wenige der letzte überhaupt war, braucht nicht eigens betont zu werden ...

... nur noch eine Erinnerung

Auffallend an den Angaben im Rezept, das Elisabeth Clémentz 1992 wiedergefunden hat, sind die ungeheuren Mengen. Allein die Angabe "vier Pfund Schmalz" und "vier Pfund Talg" machen deutlich, dass es sich um große Mengen Balsam handeln musste, die jeweils hergestellt wurden.

Elisabeth Clémentz geht davon, dass bei der geringen Zahl Kranker, die die Antoniter jeweils zur gleichen Zeit aufnehmen konnten - sie denkt  für die Frühzeit an 10 bis 20 Patienten in einem Haus - Kranke wohl an ihren Wohnorten behandelt wurden, womöglich auf den regelmäßig stattfindenden Sammelfahrten , die in einem anderen Abschnitt näher beleuchtet werden. Nichtsdestoweniger legt diese große Menge an Antoniusbalsam Zeugnis dafür ab, wie bedeutend und umfangreich die Tätigkeit der Antoniter gewesen sein muss.

Nach Aussage von Rechnungsbüchern ist in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Herstellung des Balsams in Isenheim noch dreimal belegt: im Mai 1662, im August 1679 und im Juni 1680. Während für die Jahre 1679 und 1680 nur angegeben wird:

"Payé und écu pour les drogues propres à faire l'onquent de Saint-Antoine"
["ausgegeben einen Taler für die Komponenten der Antoniussalbe"]
Archives départementales du Haut-Rhin, Isenheim 21 und 22, zitiert nach: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 15,

wird für Mai 1662 detailliert aufgelistet:

"Sankt Antoniussalbe - für 2 Pfund Pechharz 2 Batzen - für ein Viertel Terpentin 1  Batzen - für 3 Unzen Wachs - für Grünspan 4 Batzen - Schweineschmalz das Pfund zu 8 Batzen - Talg, das Pfund zu 3 Batzen - ein Viertel Olivenöl zu 1 Batzen."
Zitiert nach: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 15.

Die Maßangaben, von denen hier gesprochen wird, sind zwar geringer, als im vielfach erwähnten Rezept angegeben, aber nachdem in der Zeit nach der Reformation die Spitaltätigkeit der Antoniter gewaltig zurückgegangen war, ist es erstaunlich, dass um diese Zeit dennoch solche Mengen an Antoniusbalsam benötigt wurden .  In Straßburg war die Antoniterkirche beispielsweise schon 1529 geschlossen worden. 1577 hatte man das zugehörige Haus verkauft. Damit hatte in Straßburg eine über 200 Jahre andauernde Spitaltätigkeit ihr Ende gefunden.

Insgesamt fanden die Antoniter nur noch gelegentlich zur ursprünglichen Aufgabe zurück. 1677 etwa wird ein Bürger von Soultz erwähnt, ein Schlosser namens Conrad Rieden, der vom Antoniusfeuer befallen war. Ein Bein musste ihm abgenommen werden.

"Dieses Bein hängt immer noch zusammen mit mehreren andern in unserem Friedhof"
Archives départementales du Haut-Rhin, Isenheim 38, zitiert nach: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 15.

1710 wird die Pflegetätigkeit der Antoniter nochmals erwähnt und zwar in der "Gantz neuen Elsassischen Topogaphia" des Franz Ruprecht von Ichtersheim. Unter dem Stichwort "Isenen" ist dort verzeichnet:

"in diesem Ohrt ist ein Closter Ordinis St. Antonii Eremitae ... Diese Patres mediren der Krankheit denen offenen Schenckeln."
Franz Ruprecht von Ichtersheim, zitiert nach: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 16.

Spuren vom Einkauf der Komponenten für die Heilsalbe fehlen aber in sämtlichen Rechnungsbüchern des 18. Jahrhunderts, die noch vorhanden sind. Als 1727 Gabriel Chiron als Wundarzt eingestellt wurde, heißt es in den Einstellungsbedingungen noch, dass er auch den Antoniusbalsam herzustellen habe. Bei der Verpflichtung des Wundarztes Pierre Jocher im Jahre 1753 ist davon nicht mehr die Rede. Es heißt nur noch, dass er die Heilkräuter liefern müsse, die ein Chirurg zu besitzen habe .

"Es hat den Anschein, als sei im 18. Jahrhundert die Spitaltätigkeit der Isenheimer Antoniter nur noch eine Erinnerung."
Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 16.

Literaturhinweise

Neben vielen Veröffentlichungen gerade in der Zeitschrift Antoniter-Forum sind vor allem instruktiv:
Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 82-89,
Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 13-21,
Günter Engel, Das Antoniusfeuer in der Kunst des Mittelalters: die Antoniter und ihr ganzheitlicher Therapieansatz, in: Antoniter-Forum 7/1999 (München 1999) 7-35 und
Paul Oberholzer, Gelebtes Ordensideal in Isenheim? in: Antoniter-Forum 7/1999, (München, 1999), 42-50.
Darüber hinaus:
Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996).
Zur Geschichte der Syphilis vergleiche:

Birgit Adam, Die Strafe der Venus - Eine Kulturgeschichte der Geschlechtskrankheiten (München 2001).
Die Grafik aus dem Werk Hans von Gersdorffs vermittelten dankenswerter Weise

Rainer Fürst und die Badische Landesbibliothek, Karlsruhe.
Für wertvolle Hinweise danke ich

Uschi Schedlik, Oer-Erkenschwick.

Anmerkungen

1) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 83.

2) Vgl.: Bundesgeschäftsstelle des Grün-Alternativen Jugendbündnisses (Herausgeber), Die LSD-Broschüre (Frankfurt ohne Jahresangabe).

3) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 83

4) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 83.

5) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 83.

6) Elisabeth Clémentz hat in ihrer Dissertation festgestellt, dass leider bei Baas, auf den sich Wickersheimer stützt, keine Quellenangaben vorliegen. Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 82-83.

7) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 84.

8) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 84.

9) Vgl.: Birgit Adam, Die Strafe der Venus - Eine Kulturgeschichte der Geschlechtskrankheiten (München 2001)

10) Vgl.: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996), 39.

11) Freundliche Mitteilung von Prof. Dr. Karl-Heinz Leven, Institut für Geschichte der Medizin der Universität Feiburg, vom 20. Juni 2003.

12) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 84-85.

13) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 84-85.

14) Vgl.: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 14.

15) Vgl.: Wolfgang Kühn, Grünewalds Isenheimer Altar als Darstellung mittelalterlicher Heilkräuter, in: Kosmos: Handweiser für Naturfreunde, Heft 12, Dezember 1948, 44. Jahrgang, 331.

16) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 86.

17) Vgl.: Paul Oberholzer, Gelebtes Ordensideal in Isenheim? In Antoniter-Forum 7/1999, (München, 1999), 45

18) Vgl.: Pierre Bachoffner, Gelebtes Ordensideal in Isenheim? in: Antoniter-Forum 7/1999, (München, 1999), 45.

19) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 87.

20) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 87.

21) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 87-88.

22) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 87.

23) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 88.

24) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 88.

25) Vgl.: Günter Engel, Das Antoniusfeuer in der Kunst des Mittelalters: die Antoniter und ihr ganzheitlicher Therapieansatz, in: Antoniter-Forum 7/1999 (München 1999) 10.

26) Vgl.: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 15.

27) Vgl.: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 15.

28) Vgl.: Pierre Bachoffner, Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers, in: Antoniter-Forum 4/1996, (München 1996) 89.

29) Vgl.: Elisabeth Clémentz, Vom Balsam der Antoniter, in: Antoniter-Forum 2/1994 (München 1994) 16.

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