Jean d'Orlier

Antoniustafel Martin Schongauers mit Stifterfigur und Wappen Jean d'Orliers.

Der Bär ist das Wappentier der Orliers, was Emil Spath zur Vermutung führt, dass der Familienname sich vom lateinischen "ursulus" ableitet, der Verkleinerungsform von "ursus", dem lateinischen Wort für Bär .

Seit dem dreizehnten Jahrhundert ist die Familie in Savoyen und in der Dauphiné nachgewiesen. Und auch südlich der Alpen hatte sie Besitz, wovon sich die italienische Form des Namens, de Orliaco, erklärt .

Herkunft

Jean wurde gegen 1425 - kaum später - geboren. 1454 ist er nämlich schon als Präzeptor des Antoniterhauses in Ferrara nachweisbar. Als dritter Sohn der Familie, war er von Anfang an für den geistlichen Stand bestimmt gewesen. Zwei Familienangehörige waren bereits vor ihm Generalpräzeptoren des Antoniterordens. Vor allem Pierre d'Orlier hatte in der Zeit des abendländischen Schismas als Präzeptor von Chambery und Generalvikar des Abtes Gérenton de Châteauneuf (1389-1409/10) auf sich aufmerksam gemacht. Schon diese Verwandtschaftsverhältnisse sicherten dem jungen Jean bei den Antonitern  eine glänzende Laufbahn, auch wenn sich Emil Spath bemüht, ausdrücklich zu betonen, dass nichts die Vermutung rechtfertige, dass Jean d'Orlier

"sein Leben im Antoniterorden als von Anfang an fremdbestimmt-erzwungen empfunden hat, oder daß er einfach auf eine große Karriere aus war, oder sich, auf einer fetten Ordenspfründe sitzend, ein genüßliches, lockeres Leben gemacht hat."
(Emil Spath, Isenheim - Der Kern des Altarretabels - Die Antoniterkirche (Freiburg 1997) Band I, 423.)

Präzeptor in Ferrara

Ferrara war, wenn wir dem Urteil Jacob Burckhardts folgen, "die erste moderne Stadt Europas". Dieses bedeutende Zentrum des Humanismus hat mit Sicherheit prägend auf Jean d'Orlier gewirkt. Vom 17. bis 25. Mai 1459 hielt sich Pius II. auf seiner Reise nach Mantua zum Fürstenkongress in Ferrara auf. Eine Umgebung, in der Jean d'Orlier vielfache Beziehungen zu Kirchenfürsten, Herrschern, Künstlern und Gelehrten knüpfen konnte.

Benoît de Montferrand, Abt von St. Antoine (1460-1470); verlieh ihm dann die Generalpräzeptorei Roßdorf-Höchst. Allerdings konnte Jean d'Orlier die Stelle nicht antreten, da der Papst selbst seinen Schützling, den damaligen Generalpräzeptor von Isenheim, Johann Colick, für dieses Amt vorgesehen hatte. So wurde Jean d'Orlier 1464 Colicks Nachfolger in Isenheim.

Warum d'Orlier Ferrara verließ, bleibt unklar. Gegen Ferrara war das elsässisch-vorderösterreichische Isenheim ein Provinznest. Aber die Isenheimer Generalpräzeptorei war bedeutend größer und wohl auch vermögender. Emil Spath geht wohl zu weit, wenn er fragt, ob Jean d'Orlier etwa dem antikisch-neuheidnischen Humanismus Italiens den Rücken kehren und sich dem am Oberrhein heimischen Humanismus zuwenden wollte, der kirchlich orientiert und durch die Wiedererweckung der alten Sprachen, des Griechischen und Hebräischen und auch eines gepflegten Lateins, geprägt gewesen sei .

Generalpräzeptor in Isenheim

Auf jeden Fall begegnet Jean d'Orlier in der Folge als Generalpräzeptor in Isenheim und erweist sich hier als  in Finanzsachen sehr gewandt. Energisch verfocht er die Rechte der Niederlassung.

Nachdem zunächst Isenheim selbst im Vordergrund stand, kümmerte er sich in den späteren Jahren - unterstützt vom Straßburger Domvikar Nikolaus Nußbaum, - auch um die Außenstellen der Präzeptorei. So wurde etwa das Terminierhaus für die Diözese Speyer 1472 von Eppingen nach Bruchsal verlegt.

Mischlewski bedauert, dass wir kaum etwas über die "geistige Welt" wissen, in der sich Orlier bewegte . Vom Umfang und Inhalt seiner Bibliothek etwa ist uns fast nichts bekannt - ganz anders als bei seinem Vorgänger Jean Bertonneau oder Johann von Lorch in Roßdorf oder Pierre de Mitte de Chevrières in Memmingen. Wir wissen lediglich von acht Büchern, die Johannes Burckard, der humanistisch interessierte Kaplan am Basler Antoniushaus, seinem Päzeptor im Jahre 1469 schenkte. Es handelt sich dabei aber um allgemeine theologische oder kanonistische Werke, sowie einen Band medizinischer Traktate, die kaum wirklich etwas über Jean d'Orlier auszusagen in der Lage sind.

Auch aus dem Umstand, dass Orlier im Sommer 1465 an der Universität Basel immatrikuliert war, lassen sich kaum größere Rückschlüsse ziehen. Für viele Persönlichkeiten der damaligen Zeit, ganz egal ob es sich um weltliche oder geistliche Würdenträger handelt, war die Einschreibung an einer Universität reines Statussymbol.

So bleiben eigentlich fast nur noch die Werke, die Jean d'Orlier in Auftrag gegeben hat, um aus ihnen das ein oder andere über die Persönlichkeit des Antoniterpräzeptors zu erheben.

Jean d'Orlier ließ 1480 den Chor-Vorraum der Antoniuskirche errichten, was im nach 1670 geschriebenen Präzeptorenverzeichnis als herausragendes Ereignis ausdrücklich vermerkt ist . Dieser Porticus ermöglichte den direkten Zugang von den Konventsgebäuden zum Chor der Kirche.

Auch die Stiftung einer Pilgermesse ist für das Jahr 1480 als besondere Leistung in genanntem Verzeichnis aufgelistet. Sie war für diejenigen Pilger bestimmt, die schon in aller Frühe weiterzogen und wurde täglich zu Ehren des heiligen Laurentius und der heiligen Katharina bei Tagesanbruch gefeiert.

Figur des Jean d'Orlier im Retabelkern des Isenheimer Altars.

Von besonderer Bedeutung ist, dass Orlier die künstlerische Begabung Martin Schongauers schon früh erkannt zu haben scheint. Martin Schongauer war gut fünfundzwanzig Jahre jünger und arbeitete in Colmar.

Der etwa fünzigjährige Isenheimer Präzeptor hat bei Schongauer bereits 1472 einen Kupferstich mit dem Thema "Die Versuchung des Heiligen Antonius" in Auftrag gegeben, wie Adalbert Mischlewski vermutet . Es handelt sich dabei um den größten aller Stiche, den Martin Schongauer geschaffen hat (23 x 31,2 cm). Er soll als Vorbild für ein Wandbild in den Zellen oder den Krankenräumen gedient haben.

Von besonderer Bedeutung sind die Flügel-Bilder für den Seitenalter der Antoniterkirche, die ebenfalls von Martin Schongauer stammen. Die geschlossenen Flügel zeigen eine Darstellung der Verkündigung, das geöffnete Flügelpaar eine Maria mit dem Kind und einen Heiligen Antonius. Zu Füßen des Ordensheiligen ist dabei Jean d'Orlier selbst dargestellt. Die Tafeln werden heute im Unterlindemuseum in Colmar verwahrt.

Möglicherweise geht auch die Statue eines thronenden Antonius im Würzburger Antoniterhaus auf Orliers Einwirken zurück. Es handelt sich dabei um einen Figurentypus, der so erstmals in den Kirchenraum übertragen wurde.

Bei einem weiteren Kupferstich Martin Schongauers, der den Einsiedler Antonius darstellt, vermutet Emil Spath ebenfalls Jean d'Orlier als Auftraggeber. Die Darstellung ist verwandt mit Schongauers zwölf Apostel-Kupferstichen, die - so Emil Spath - Vorlagen für Relief des Chorgestühls der Isenheimer Antoniuskirche sein könnten, das 1493 unter Orliers Nachfolger errichtet wurde .

Auch die Konzeption der Flügelbilder für den Katharina-Laurentius-Altar, der erst um 1505 entstanden ist, könnte auf eine gemeinsame Planung Orliers und Schongauers zurückgehen. Auffallenderweise ist sowohl Orliers Wappen als auch das seines Nachfolgers auf diesen Tafeln abgebildet.

So liegt die Vermutung nahe, dass Martin Schongauer und Jean d'Orlier auch die Planung für den Hauptaltar der Antoniterkirche in Isenheim gemeinsam durchgeführt und das Bildprogramm entwickelt haben. Mehrere Kupferstiche Schongauers dürften Vorlagen für die geschnitzten Teile des Retabels darstellen. Und der Umstand, dass Jean d'Orlier hier zu Füßen des Heiligen Augustinus dargestellt ist, bekräftigt die Vorstellung, dass dieser Präzeptor entscheidenden Einfluss auf das erst unter seinem Nachfolger ausgeführte Werk hatte.

Auf jeden Fall unterstreichen all diese Aspekte den Eindruck eines humanistisch gebildeten, in der Religiosität seiner Zeit tief verwurzelten und vielseitig interessierten Mannes.

Resignation und Tod

Ganz im Dunkel der Geschichte verlieren sich dann die Spuren der letzten Lebensjahre Jean d'Orliers. 20 Silbermark höher als bei seinem Amtsantritt war das Einkommen der Präzeptorei Isenheim, das mit 600 Golddukaten angegeben wurde, bei seiner Resignation auf das Amt am 23. Juni 1490. Warum er die Leitung der Antoniterniederlassung aus den Händen gab, bleibt unklar. Adalbert Mischlewski weist darauf hin, dass - mit Ausnahme von Hugues de Beaumont - bei den Antonitern nach einer Resigination des Präzeptors in allen bekannten Fällen bald darauf deren Tod festzustellen war. So vermutet er auch im Fall Jean d'Orlier, dass ihm die Ausführung des Amtes aus Alters- oder Gesundheitsgründen unmöglich geworden war. Mischlewski geht deshalb auch davon aus, dass das häufig angegebene Todesdatum "um 1505" recht unwahrscheinlich ist und rechnet mit einem früheren Zeitpunkt . Es spräche einiges dafür, dass Jean d'Orlier am 28. Oktober 1492 sein Testament gemacht habe und wohl auch bald darauf verstorben sei.

Literaturhinweise

Die wichtigsten Informationen über Jean d'Orlier bietet
Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 264-265, 286-287.
sowie
Emil Spath, Isenheim - Der Kern des Altarretabels - Die Antoniterkirche (Freiburg 1997) Band I, 423-434.
Grundsätzliches bei
Adalbert Mischlewski, Grundzüge der Geschichte des Antoniterordens bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts (Unter besonderer Berücksichtigung von Leben und Wirken des Petrus Mitte de Capraris). (= Bonner Beiträge zur Kirchengeschichte 8) (Köln, Wien 1976).

Anmerkungen

1) Vgl.: Emil Spath, Isenheim - Der Kern des Altarretabels - Die Antoniterkirche (Freiburg 1997) Band I, 423.

2) Vgl.: Emil Spath, Isenheim - Der Kern des Altarretabels - Die Antoniterkirche (Freiburg 1997) Band I, 423.

3) Vgl.: Emil Spath, Isenheim - Der Kern des Altarretabels - Die Antoniterkirche (Freiburg 1997) Band I, 424.

4) Vgl.: Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 264.

5) Vgl: Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 264.

6) Vgl.: Emil Spath, Isenheim - Der Kern des Altarretabels - Die Antoniterkirche (Freiburg 1997) Band I, 428-429.

7) Vgl.: Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 264.

8) Vgl.: Emil Spath, Isenheim - Der Kern des Altarretabels - Die Antoniterkirche (Freiburg 1997) Band I, 425.

9) Vgl.: Emil Spath, Isenheim - Der Kern des Altarretabels - Die Antoniterkirche (Freiburg 1997) Band I, 429.

10) Vgl.: Emil Spath, Isenheim - Der Kern des Altarretabels - Die Antoniterkirche (Freiburg 1997) Band I, 429-432.

11) Vgl.: Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 265.

12) Vgl.: Emil Spath, Isenheim - Der Kern des Altarretabels - Die Antoniterkirche (Freiburg 1997) Band I, 432.

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