Isenheim bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts

Antoniter-Kreuz an der Toreinfahrt in Issenheim.

Gleich nach den ersten Güterkäufen in Isenheim, am 28. November 1292, nahm Adolf von Nassau die Hospitalbrüder des Heiligen Antonius und den Verweser ihrer Häuser, Berthold von Fürstenberg, den man seit 1277 in dieser Funktion nachweisen kann, unter seinen Schutz. Das gleiche Schutzprivileg sprach König Albrecht I. zehn Jahre später aus, wobei das Haus in Isenheim dieses mal ausdrücklich mit Namen genannt wird .

Die ersten geschichtlich greifbaren Präzeptoren

In dieser Zeit war Humbert de Brina als Präzeptor Isenheims tätig. Der von 1290 bis 1313 nachzuweisende de Brina stammte mit größter Wahrscheinlichkeit aus dem Limousin, was Mischlewski daraus schließt, dass der Name de Brina bislang nur bei Angehörigen der Diözese Limoges begegnet . Die Sorge um den äußeren Schutz und die innere Einrichtung des neuen Hauses, vermutlich vor allem durch die Anschaffung der notwendigen liturgischen Bücher und Geräte, dürften seine vorrangigen Aufgaben gewesen sein.

Von 1324 bis 1346 ist Guichard de Pusignan als Präzeptor belegbar - ein Adliger aus der Dauphine .

Ihm folgte 1346 Jean de Varey, der aus dem Lyonnais stammte. Er war päpstlicher Ehrenkaplan und muss ein ungewöhnlich tüchtiger Mann gewesen sein. Der Isenheimer Antoniter und Pfarrherr Johann Jakob Bergler berichtet im 17. Jahrhundert in seinem Anniversarium über ihn, dass er in seiner langen, bis 1384 andauernden Amtszeit Kirche und Scheune in Isenheim, das Hospital in Straßburg, das 1383 fertiggestellt war, und die Kapelle in Basel erbaute. Hinzu kam noch der Hof in Sultz .

Isenheim im großen Abendländischen Schisma

In seine Amtszeit fällt das große abendländische Schisma.

Papst Clemens V. hatte seine Residenz auf Druck des französischen Königs im Jahre 1309 nach Avignon verlegt. Dieses "Avignoner Exil der Kirche" dauerte fast ein dreiviertel Jahrhundert lang. Als am 8. April 1378 erstmals in Rom wieder eine Papstwahl stattfand, wurde in einer Wahl, die absolut nicht frei genannt werden kann, der Italiener Urban VI. gewählt. Drei Monate später erklärten die französischen Kardinäle, dass die Wahl nicht rechtmäßig gewesen sei und wählten am 20. September 1378 in Fondi, einen neuen Papst: einen Franzosen. Dieser verlegte als Clemens VII. (1378-1394) seinen Sitz wieder nach Avignon.

Die ganze Situation wurde dadurch noch verzwickter, dass sich nun auch noch der größte Teil der italienischen Kardinäle von Urban VI. lossagten. Sie wechselten zu Clemens VII. über. Nur zwei Kardinäle verblieben in der römischen Oboedienz.

Damit war das große abendländische Schisma perfekt. Die Kirche besaß nun zwei Päpste, die sich gegenseitig als unrechtmäßig erklärten und den jeweils anderen mit seiner ganzen Anhängerschaft aus der Kirche ausschlossen.

Obschon die römische Kurie später ganz einfach erklärt hat, dass Urban der rechtmäßige Papst gewesen sei, lässt sich historisch kaum sagen, welcher von beiden nun tatsächlich der Papst gewesen sein soll. Hier kommt man kaum weiter als mancher Pfarrer in der damaligen Zeit, der sich im Hochgebet, an der Stelle, an der für den Papst gebetet wird, ganz einfach mit der Formel beholfen hat, dass er für den bete,

"... welcher denn nun der rechtmäßige Papst sein möge."

Der Isenheimer Präzeptor Jean de Varey stellte sich - durch die geographische Lage Isenheims und seinen wohl auch damals überwiegend französischen Konvent bestärkt - genauso wie die Präzeptorei in Freiburg, auf die Seite des Papstes in Avignon. Alle anderen Präzeptoren im deutschen Raum unterstützten den Papst in Rom.

Dass auch Jean de Vareys Nachfolger, der ebenfalls aus dem Lyonnais stammende Jean de Sarron (1384-1394), der im übrigen die Reihe der Landkäufe und Wirtschaftsbauten fortsetzte, dem avignonesischen Clemens VII. treu blieb, erklärt sich schon aus dem Umstand, dass er von dem selben die Präzeptorei erhalten hatte.

Wappen an der Torhalle.

Die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts

Von 1394-1419 lenkte Jean Jenaldan die Geschicke der Präzeptorei. Er ging daran, den Chor der Kirche zu errichten und den Friedhof anzulegen. 1411 konnte er einen neuen auswärtigen Stützpunkt erwerben: Die Antoniuskapelle, genannt "zu der Eiche", in der Pfarrei Gleichamberg in Thüringen wurde dem Isenheimer Haus von Graf Friedrich von Henneberg geschenkt. In der Folge verhinderte dann Jean Jenaldans Tod im Jahre 1419 den geplanten Neubau der Straßburger Spitalkapelle nebst Friedhof, zu dem der Präzeptor im Juli 1419 bereits die päpstliche Genehmigung erwirkt hatte.

Während in Saint-Antoine zwei Bewerber über ein Jahr lang um den Abtstuhl rangen, ließen sich die Isenheimer Chorherren - vermutlich, wie in späterer Zeit auch, acht an der Zahl - dazu hinreißen, in einem nicht rechtmäßigen Akt den Bruder des früheren Präzeptors Jean de Sarron, Guillaume de Sarron, zum neuen Leiter des Hauses zu wählen. Guillaume war bereits seit mehreren Jahrzehnten im Haus und übte das Amt des Schaffners, also des Ökonoms der Gemeinschaft aus.

Papst Martin V., mit dem die Wirren um das abendländische Schisma langsam ihr Ende fanden, hatte die Präzeptorei Isenheim jedoch auf Betreiben seines Günstlings Artaud de Grandval, der zu dieser Zeit Abt von Saint-Antoine war, Hugues de Beaumont, verliehen. Eigenartigerweise bestätigte der Papst zwischen dem 11. Dezember 1419 und dem 3. Januar 1420 dennoch die Wahl Sarrons, der in seiner Bitte um die Bestätigung der Wahl deren Gesetzwidrigkeit ausdrücklich erwähnt hatte. Die Folge war ein Rechtsstreit, der sich bis zum Jahre 1423 hinzog. Erst danach konnte Hugues de Beaumont, dessen Herkunft aus der Dauphine nicht ganz sicher ist, von Isenheim Besitz ergreifen.

Der burgundisch-österreichische Krieg, der nach dem Tod Katharinas von Burgund im Jahre 1426 ausbrach, überschattete seine Amtszeit. Die Jahre andauernden Kriegswirren zogen die ganze Gegend in Mitleidenschaft. Vielleicht waren es gerade diese Unruhen, seine ungeschickte Herrschaft - Mischlewski erwähnt Gewalttätigkeiten des Isenheimer Herrn - oder auch versteckte Gegnerschaft der Chorherren gegen den ihnen aufgedrängten Präzeptor - möglicherweise war es auch ein Gemisch aus all diesen Gründen, die Hugues de Beaumont dazu bewogen, Isenheim den Rücken zu kehren. Noch im Jahr 1433 ernannte der Abt von Saint-Antoine den schon in der Mitte der vierziger Jahre stehenden Beaumont zum Präzeptor von Roßdorf. Auch dort konnte er allerdings erst nach Jahre langem Kampf gegen einen vom dortigen Konvent gewählten Mitbewerber Einzug halten.

Zwischenzeitlich erwarb er 1434 vom Kloster Henilsbronn den Hof "zu dem Altenberg" in Würzburg als Erblehen für Isenheim. Auch die Fenster der Kirche verdankten die Isenheimer Chorherren Hugues de Beaumont.

1441 setzte er dann - nun wirklich Präzeptor von Roßdorf - die Verlegung der ältesten deutschen Präzeptorei von Roßdorf nach Höchst durch, wo er bis zu seiner Resignation, die frühestens um 1452 anzusetzen ist, blieb.

Nach Beaumonts Weggang bewarben sich die angesehensten Ordensangehörigen um die reiche Isenheimer Pfründe. Ihr Jahreseinkommen brachte damals 100 Silbermark ein. Der Pariser Professor der Kanonistik und Präzeptor von Troyes, Arnaud Le Vassault war einer von ihnen. Er konnte sich jedoch nicht gegen Aymeric Segaud aus der Vendee - auch Doktor des Kirchenrechtes, vor allem aber Neffe des Abtes Jean de Poney (1427-1438) und Cubicularius Eugens IV., also wichtiger Beamter in der Nähe des Papstes - nicht durchsetzen.

Aymeric Segaud hatte spätestens seit 1432 auch die Ämter eines Klosterpriors von Saint-Antoine und seit 1435 eines Referendarius Papae, eines Berichterstatters für Gnadengesuche und Rechtssachen an der Römischen Kurie, inne. Im Dezember 1437 wurde er Bischof von Belley. Isenheim war für ihn lediglich eine zusätzliche Pfründe, die er dementsprechend kaum je gesehen hatte. Die Präzeptorei wurde indessen von einem Schaffner verwaltet. Bis August 1436 war dies vermutlich immer noch Guillaume de Sarron, der nach dem Tod Jean Jenaldons zum Präzeptor gewählt worden war, sich damals aber gegen Hugues de Beaumont nicht durchsetzen konnte.

Literaturhinweise

Die wichtigsten Informationen über die geschichtlichen Ereignisse um die Isenheimer Präzeptorei bietet
Adalbert Mischlewski, Grundzüge der Geschichte des Antoniterordens bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts (Unter besonderer Berücksichtigung von Leben und Wirken des Petrus Mitte de Capraris). (= Bonner Beiträge zur Kirchengeschichte 8) (Köln, Wien 1976)
sowie
Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 256-266, 281-288.

Anmerkungen

1) Vgl.: A. Hessel, Elsässische Urkunden, vornehmlich des 13. Jahrhunderts (Straßburg 1915) 55, Nr. 50.

2) Vgl.: Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 284.

3) Vgl.: Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 261.

4) Vgl.: Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 261.

5) Vgl.: Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 265.

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