Leben und Offenbarungen der heiligen Brigitta

Nach der Übersetzung von Ludwig Clarus (1888) digitalisiert und bearbeitet von Gertrud Willy

Die fünfzehn andächtigen Gebete vom Leiden unseres Herrn.

Die fünfzehn andächtigen Gebete vom Leiden unseres Herrn.

Vorrede.

Diese Gebete sind der heiligen Brigitta übernatürlich geoffenbart und über dreißig Jahre lang täglich von ihr gebetet worden. Dieselben haben nicht, wie etliche angegeben, ihren Ursprung in Rom genommen, sondern im schwedischen Kloster Alvastra, und zwar schon vier Jahre vorher, bevor Brigitta nach Rom ging. Als sie einst in der St. Paulskirche im brünstigen Gebet vor einem Kruzifixe lag, redete dieses mit ihr und versprach allen denen reichliche Vergeltung, welche die fünfzehn Gebete beten würden, welche sie im Kloster von Alvastra geoffenbart empfangen und seitdem alle Tage gebetet hatte. Man solle am Ende, setzte es hinzu, auch ebenso oft das Vaterunser und den englischen Gruß beten. Infolgedessen haben in vielen Ländern eine Menge frommer Menschen diese Übung vorgenommen. Als eine inbrünstige Verehrerin der Wunden Christi hatte die heilige Brigitta lange Zeit die Anzahl dieser Wunden zu wissen begehrt. Mit Rücksicht hierauf eröffnete Christus, als er Brigitta an jenem Kruzifixe zu St. Paul erschien, daß, wenn sie alle Tage in verlangter Zahl das Vaterunser und den englischen Gruß beten würde, sie am Ende des Jahres jede Wunde mit einem Vaterunser und englischem Gruße verehrt haben würde. Seit dieser Zeit betete Brigitta täglich fünfzehnmal das Vaterunser und den englischen Gruß bis an ihr Ende. Nach jener Eröffnung ist die Zahl der Wunden Christi fünftausend vierhundert und fünfundsiebzig gewesen.

Erstes Gebet.

Jesu Christe, Du ewige Süßigkeit Deiner Liebhaber, Du alle Freude und alles Verlangen überbietender Jubel, Du Heil und Liebhaber der Sünder, der Du bezeugt hast, Deine Lust sei bei den Menschenkindern, der Du um des Menschen willen am Ende der Zeiten Mensch geworden bist, gedenke Deiner vorauswissenden, tiefinnersten Trauer, die Du im Menschenleibe erlitten, als die Zeit Deines allerheilsamsten, im göttlichen Herzen vorausbestimmten Leidens am göttlichen Leibe sich nahte. Gedenke der Traurigkeit und Bitterkeit, welche Du, wie Du selber bezeugt, in Deiner Seele gehabt, als Du beim letzten Nachtmahle Deinen Jüngern Deinen Leib und Dein Blut gabst, ihnen die Füße gewaschen, sie mit süßem Kusse getröstet und ihnen Dein bevorstehendes Leiden vorausgesagt hast. Gedenke aller Furcht, Angst und Schmerzen, die Du an Deinem zarten Leibe vor dem Leiden Deines Kreuzes ertragen, als Du nach dreimaligem Beten und blutigem Schweiße von Deinem Jünger Judas verraten und von dazu ausgewählten Leuten gefangen genommen, von falschen Zeugen angeschuldigt, von drei Richtern ungerechterweise gerichtet, verurteilt, in der auserwählten Stadt zur Zeit des Passah und in der blühenden Jugend des Leibes schuldlos verurteilt wurdest, als Dir die eigenen Kleider ausgezogen und fremde angethan, als Dir Backenstreiche versetzt, Gesicht und Augen verhüllt, als Du geschlagen, an die Säule gebunden, gegeißelt, mit Dornen gekrönt, mit dem Rohre auf den Kopf geschlagen und mit zahllosen falschen Anklagen gemartert worden. Gewähre, Herr Gott, mir, ich bitte, wegen des Gedächtnisses dieser Leiden vor Deiner Kreuzigung, vor meinem Tode eine wahre Reue, aufrichtige Beicht, würdige Genugthuung und Vergebung meiner Sünden! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Zweites Gebet.

Jesu, Du Schöpfer der Welt, den kein endliches Maß ermißt, der Du die Erde in Deine Hand schließest, erinnere Dich des bittersten Schmerzes, den Du erduldetest, als die Juden Deine heiligsten Hände zuerst mit stumpfen Nägeln anhefteten und, da Du nicht zu ihrem Willen warst, beim Durchbohren Deiner zartesten Füße Deinen Wunden Schmerz über Schmerz hinzufügten, und Dich der Länge und Breite nach am Kreuze so grausam gereckt und gezerrt haben, daß die Gewebe Deiner Glieder auseinandergingen. Ich bitte Dich beim Andenken dieses heiligsten und bittersten, am Kreuze erduldeten Schmerzes, daß Du mir Deine Furcht und Liebe geben wollest! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Drittes Gebet.

O Jesu, Du himmlischer Arzt, gedenke der Ohnmachten, Erbleichungen und Schmerzen, die Du, am hohen Galgen des Kreuzes erhöht, an allen Deinen zerrissenen Gliedern erlitten, von denen keines richtig in seiner Lage geblieben, so daß kein Schmerz dem Deinigen ähnlich gefunden werden kann, da von der Sohle des Fußes bis zum Scheitel des Hauptes nichts heil war an Dir. Gleichwohl aber hast Du, uneingedenk aller Schmerzen, Deinen Vater liebevoll für Deine Feinde gebeten und gesprochen: Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun! Durch diese Barmherzigkeit und wegen des Gedächtnisses dieses Schmerzes verleihe mir, daß diese Erinnerung an Dein bitterstes Leiden eine vollkommene Vergebung aller meiner Sünden werde! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Viertes Gebet.

Jesu, Du wahre Freiheit der Engel, Du Paradies der Freude, gedenke der Trauer und des Schreckens, die Du aushieltest, als alle Deine Feinde wie grimmigste Löwen Dich umstanden, und Dich mit Schlägen, Anspeiungen, Zerkratzen und anderen unerhörten Peinen belästigten. Bei diesen Peinen und allen Schmähworten, bei den überaus, harten Martern, mit denen Dich, Herr Jesu Christe, alle Deine Feinde betrübten, bitte ich Dich, Du wollest mich von allen meinen sichtbaren und unsichtbaren Feinden befreien und verleihen, daß ich unter dem Schatten Deiner Flügel zur Vollendung des ewigen Heiles gelangen möge! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Fünftes Gebet.

O Jesu, Du Spiegel der ewigen Klarheit, gedenke jener Traurigkeit, welche Du gehabt, als Du, wie Du im Spiegel Deiner erleuchteten Majestät die Vorherbestimmung der Auserwählten, welche durch Deines Leidens Verdienste errettet werden sollten, erkannt, so auch die Verwerfung der Bösen erblickt hast, welche wegen ihrer Sünden verdammt werden sollten. Auch bitte ich Dich, liebevoller Jesu, beim Abgrunde Deiner Erbarmung, in welcher Du damals mit uns verlorenen und verzweifelten Sündern Mitleid getragen, und welche Du dem Räuber am Kreuze erwiesen, indem Du sprachest: Heute wirst Du mit mir im Paradiese sein! Du wollest auch mir in der Stunde meines Todes Barmherzigkeit erweisen! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Sechstes Gebet.

O Jesu, liebenswürdiger König und ganz wünschenswürdiger Freund, gedenke der Trauer, welche Du gehabt, als Du nackt und jammervoll am Kreuze hingst, alle Deine Freunde und Bekannten wider Dich standen und Du niemand fandest, der Dich tröstete, sondern Deine geliebte Mutter allein im Kummer Deiner Seele getreulichst bei Dir stand, welche Du Deinem Jünger empfahlest, indem Du sprachest: Weib, siehe, das ist Dein Sohn! ich bitte Dich, o liebreicher Jesu, beim Schwerte des Schmerzes, das damals ihre Seele durchdrang, Du wollest Mitleid haben mit allen meinen Trübsalen und Bekümmernissen, leiblichen wie geistlichen, und mir Trost gewähren in der Zeit der Trübsal und in der Stunde meines Todes! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist, Du, Maria, u. s. w.

Siebentes Gebet.

O Jesu, Du Quell der unerschöpflichen Barmherzigkeit, der Du aus innerlichster Empfindung am Kreuze gesprochen: Mich dürstet! (nämlich nach dem Heile des menschlichen Geschlechtes) wir bitten Dich, zünde unserer Herzen Verlangen nach jeglichem vollkommenen Werke an, kühle und lösche unseren Durst der fleischlichen Begierlichkeit und die Hitze der weltlichen Lust! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Achtes Gebet.

O Jesu, Süßigkeit der Herzen, unermeßliche Süßigkeit der Gemüter, verleihe mir durch die Bitterkeit des Essigs und der Galle, welche Du für uns gekostet, in der Stunde meines Todes, Deinen Leib und Dein Blut würdig zu empfangen zu einem Heilmittel und Troste meiner Seele! Amen, Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Neuntes Gebet.

O Jesu, Du königliche Kraft und Herzensfreude, gedenke der Angst und des Schmerzes, den Du erlitten hast, als Du bei der Bitterkeit des Todes und der Verhöhnung der Juden, als wärest Du von Gott, Deinem Vater, verlassen, mit lauter Stimme gerufen: Gott, mein Gott! warum hast Du mich verlassen? Ich bitte Dich bei dieser Angst, Du wollest mich in meinen Ängsten nicht verlassen, Herr, unser Gott! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Zehntes Gebet.

O Jesu, Du Anfang und Ende, Du Kraft und Leben zu aller Zeit, gedenke, wie Du Dich vom Scheitel Deines Hauptes bis auf die Sohle Deines Fußes für uns in die Gewässer Deiner Leiden versenkt hast. Um der Länge und Breite Deiner Wunden willen unterweise mich, der ich gar tief in Sünden versunken bin, durch die wahre Liebe in der Fülle Deiner Gebote! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Elftes Gebet.

O Jesu, Du tiefster Abgrund der Barmherzigkeit, ich bitte Dich um der Tiefe Deiner Wunden willen, welche das Mark Deiner Gebeine und Deines Innersten durchdrangen, daß Du mich in Sünden Versunkenen herausziehen und in den Höhlen Deiner Wunden vor dem Antlitze Deines Zornes verbergen wollen bis Dein Grimm, o Herr, vorübergegangen! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Zwölftes Gebet.

O Jesu, Du Spiegel der Wahrheit, Zeichen der Einigkeit und Band der Liebe, gedenke der Menge Deiner zahllosen Wunden, mit denen Du von der Höhe des Scheitels bis zur Wurzel des Fußes bedeckt warst, während Dein heiliges Blut Dich rötete, und der Größe des Schmerzes, den Du an Deinem jungfräulichen Fleische für uns erduldet hast, liebreicher Jesu! Was hast Du weiter thun sollen, und hättest es nicht gethan? Schreibe, ich bitte, liebreichster Jesu, alle Deine Wunden mit Deinem köstlichsten Blute in mein Herz, auf daß ich darin Deinen Tod und Schmerz lesen und bis ans Ende dafür in steter Danksagung verharren möge! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Dreizehntes Gebet.

O Jesu, Du stärkster Löwe, unsterblicher, unbesieglichster König, gedenke des Schmerzes, den Du erlitten, da alle Kräfte Deines Herzens und Leibes Dir gänzlich dahinschwanden, und Du mit geneigtem Haupte sprachest: Es ist vollbracht! Bei dieser Angst und diesem Schmerze erbarme Dich meiner bei meines letzten Aufganges Vollendung, wenn meine Seele angstvoll und mein Geist betrübt sein wird! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Vierzehntes Gebet.

O Jesu, Du eingeborener Sohn des höchsten Vaters, Du Glanz und Abbild seines Wesens, gedenke der kräftigen Empfehlung, womit Du dem Vater Deinen Geist überantwortet, indem Du sprachest: In Deine Hände befehle ich meinen Geist! und womit Du mit zerrissenem Leibe und gebrochenem Herzen unter lautem Schrei Deine innerste Barmherzigkeit geöffnet und um uns zu erlösen, den Geist aufgegeben hast. Bei diesem kostbarsten Tode bitte ich Dich, König der Heiligen, stärke mich, um dem Teufel, der Welt, dem Fleische und Blute Widerstand zu leisten, auf daß ich, der Welt abgestorben, Dir leben möge, und nimm in der letzten Stunde meines Todes meinen zu Dir heimkehrenden, verbannten und fremdgewordenen Geist auf! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Fünfzehntes Gebet.

O Jesu, Du wahrer und fruchtbarer Weinstock, gedenke des überflüssigen und reichlichen Ergusses Deines Blutes, das Du, als wäre es aus einer Traube ausgepreßt, in häufigster Menge vergossen, da Du am Kreuze die Kelter allein getreten, und aus der von des Kriegsknechtes Lanze durchschnittenen Seite uns Blut und Wasser geschänkt hast, so daß auch nicht der geringste Tropfen in Dir zurückblieb. Nachdem Du endlich wie ein Myrrhenbündel in der Höhe aufgehängt worden, ist Dein zartes Fleisch geschwunden und die Feuchtigkeit Deiner Eingeweide vertrocknet, auch das Mark Deiner Knochen verdorrt. Ich bitte Dich, mein liebreicher Jesu, bei diesem bittersten Leiden und dem Vergießen Deines kostbaren Blutes, nimm meine Seele im Kampfe meines Todes auf! Amen. Vater unser, u. s. w. Gegrüßet seist Du, Maria, u. s. w.

Schlußgebet.

O süßer Jesu, verwunde mein Herz, auf daß die Thränen der Buße und Reue meine Nahrung seien bei Tag und bei Nacht, und bekehre mich ganz zu Dir, damit mein Herz ewiglich Deine Wohnung werde und mein Wandel Dir wohlgefällig und ange- nehm, auch das Ende meines Lebens so löblich sei, daß ich verdienen möge, nach der Beendigung dieses Lebens Dich mit allen Heiligen in Ewigkeit zu loben! Amen.

Nach fünf Vaterunsern sprich folgendes

Gebet

Herr Jesu Christe, Du Sohn des lebendigen Gottes, nimm dieses Gebet auf in der überschwenglichen Liebe, in welcher Du alle Wunden Deines heiligsten Leibes ertragen hast, und erbarme Dich meiner, Deines Dieners, und gewähre allen Sündern und allen Gläubigen, Lebendigen wie Toten, Barmherzigkeit, Gnade, Vergebung und ewiges Leben! Amen.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, 76131 Karlsruhe,
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