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Leben und Offenbarungen der heiligen Brigitta
Worte der Mutter Gottes zur Braut, welche von der Schönheit Christi erzählen und wie die Juden, wenn sie in einiger Herzensangst sich befanden, hinwandelten, sein Antlitz zu schauen, und getröstet wurden.
Die Mutter Gottes redete zur Braut und sprach: "Ich bin
die Königin des Himmels; mein Sohn liebt Dich von ganzem Herzen. Deshalb rate
ich Dir, daß Du nichts lieben magst, als ihn; denn er ist so wünschenswert,
daß, wenn Du ihn hast, Du nichts anderes wirst begehren können; so schön,
daß die Schönheit der Elemente oder des Lichtes, mit ihm verglichen, fast
Schatten ist. Mein Sohn war also, als ich denselben auferzog, mit solcher
Schönheit ausgestattet, daß jedermann, der ihn anblickte, an
Herzensschmerze, den er etwa hatte, getröstet ward. Deshalb sprachen auch
viele Juden zu einander: Lasset uns hingehen, den Sohn Mariens zu sehen, damit
wir Trost haben mögen, und obwohl sie nicht wußten, daß er Gottes Sohn sei,
gewährte ihnen sein Anblick doch großen Trost. Sein Leib war auch so rein,
daß nie ein Ungeziefer an ihm zu finden war, denn auch diese verächtlichen
Tiere hielten ihren Schöpfer in Ehren; auch in seinen Haaren war keine
Unreinlichkeit und Verworrenheit gefunden und unterhalten." ![]()
Christus redet mit der Braut von einem, der übel gelebt, aber im Tode den guten Willen hatte, sich zu bessern, wofern er leben bleiben würde, und sagt, daß er wegen dieses guten Willens nicht zur ewigen Strafe, sondern zu einem schrecklichen Fegfeuer verurteilt werden wird.
Der Sohn redete zur Braut und sprach: "Der, welcher jetzt krank ist und für welchen Du betest, hat sich gegen mich viel zu lässig gezeigt, und sein ganzes Leben war mir entgegen. Nun laß ihm aber sagen, daß ich ihm noch Gnade gewähren werde, wenn er, soll er dem Tode entgehen, sich bessern will. Er werde deshalb zum Willen, sich zu bessern, ermahnt, weil ich aus großer Barmherzigkeit und wegen der Bitterkeit seiner Pein Mitleid mit ihm habe." - Und als derselbe starb, ehe die Tagzeit der Prim gesungen wurde, erschien der Herr der Braut und sprach: "Siehe und erwäge, wie gerecht ich in meinem Gerichte bin. Jener, welcher mit so großer Schwachheit beladen war, ist vor mein Gericht gekommen; aber obwohl er seines guten Willens wegen gnädig gerichtet worden, wird doch seine Seele, bevor er völlig gereinigt sein wird, im Fegfeuer so bittere Pein haben, daß kein Sterblicher ist, welcher dieselbe zu denken vermag. Was werden nun erst diejenigen leiden, welche allen ihren Willen in der Welt haben und von keiner Trübsal geplagt werden?"
Wie die Braut einen bösen Geist mit Schanden vor einem Manne fliehen sah, der andächtig betete, und den der Teufel stark angefochten und lange beunruhigt hatte, und wie ein guter Engel der Braut das Gesicht erklärt.
Die Braut sah, wie ein böser Geist mit gebundenen Händen
vor einem Manne stand, welcher betete. Und als derselbe eine Weile lang
dagestanden, ließ der Teufel plötzlich mit großem Gebrülle eine gar
schreckliche und laute Stimme vernehmen und floh mit Schanden von dannen.
Darüber sprach ein guter Engel zur
Braut: "Dieser böse Geist hat jenen Mann auf eine Zeit lang beunruhigt,
ist aber deshalb an den Händen gebunden, weil er nicht so, wie er den Willen
hat, die Oberhand über ihn zu erhalten vermag. Denn jener Mann hat, seitdem
er vom bösen Geiste angefochten worden, tapferen Widerstand geleistet, und
Gottes Ratschluß ist, daß der Teufel an ihm nicht thun darf, wie er möchte.
Der Teufel hatte indes immer noch Hoffnung, daß er ihn überwältigen würde;
in dieser Stunde aber ist er über ein leichtes überwunden worden, und wird
nun nie wieder die Oberhand über ihn gewinnen. Die Gnade Gottes jedoch wird
an diesem Menschen von Tag zu Tag gemehrt werden, und darum schreit der Teufel
nicht mit Unrecht, daß er ihn verloren, den er so oft, um ihn zu überwinden,
angegriffen hatte."
Dieser Bruder ward zwölf Jahre lang beim Sakramente des Leides Christi und beim Namen der seligen Maria versucht, den er niemals ohne schmutzige Gedanken auszusprechen vermochte. Durch die Gebete der Frau Brigitta ward er so weit befreit, daß er nie fröhlich sein konnte, als an dem Tage, wo er den Leib Christi empfing, und der Name der seligsten Maria ihm im Herzen und Mund der süßeste war. -
Ebenso bat ein Priester, welcher von einer Zauberin zur
Unzucht des Fleisches verzaubert worden, die Frau Brigitta, für ihn zu beten.
Im Geiste verzückt, vernahm diese: "Du wunderst Dich, meine Tochter,
weshalb der Teufel in einem Menschen die Herrschaft führen kann? Das macht
die Unbeständigkeit des Willens der Menschen, wie Du an diesem Priester
ermessen kannst, der von einem Weibe verzaubert worden. Wisse deshalb, wie das
Weib dreifach besessen ist, von Unglauben, Verhärtung und Begierlichkeit nach
Geld und Fleisch. Darum naht ihr der Teufel und giebt ihr zu trinken von der
Hefe seiner Bitterkeit. Wisse auch, wie die Zunge dieses Weibes ihr Ende, ihre
Hand ihr Tod, und der Teufel selber ihr Testamentmacher ist." Das alles
traf also ein. Denn in der dritten Nacht ward jene Zauberin wahnsinnig,
ergriff ein Messer, beschädigte sich an den Schamteilen, und rief, daß alle
es hörten: "Komm', Teufel, folge mir!" und sofort endigte sie unter
schrecklichem Schreien ihr Leben. Der gedachte Priester aber ward frei von der
Fleischesversuchung, trat alsbald in einen Orden, in welchem er bis an seines
Lebens Ende Gott angenehme Frucht brachte. ![]()
Christus sagt zur Braut, es solle ein jeglicher weise und tugendhafte Mann kühn die Worte und die Gnade Gottes predigen, welche in diesen Büchern für die Völker enthalten ist, die danach verlangen; ingleichen für die, welche nicht wollen, Arme sowohl als Reiche, und wie er hiernach Gott selber zum ewigen Lohne haben wird.
"Wer das Gold der Weisheit seines Herrn hat, ist zu
drei Dingen verpflichtet: Erstens, dasselbe an die auszuteilen, welche es
haben wollen, und es außerdem denen zu reichen, welche es nicht haben wollen;
zweitens muß er geduldig und mäßig sein; drittens soll er vernünftig sein
und billig im Austeilen. Ein Mensch, welcher die genannten Tugenden besitzt,
ist gerade derjenige, welcher mein Gold, d. h. meine Weisheit besitzt. Denn
was ist unter den Metallen kostbarer, als das Gold? So ist auch in der Schrift
nichts würdiger, als meine Weisheit. Mit dieser Weisheit habe ich den
erfüllt, für welchen Du bittest, und deshalb soll er kühnlich, wie mein
Kriegsmann, meine Worte reden nicht nur zu denen, welche ihn zu hören
begehren, sondern auch denen, welche nicht wollen, meine Gnade verkünden.
Zweitens soll er geduldig sein um meines Namens willen, wohl wissend, daß er
einen Herrn hat, welcher alle Schmach angehört hat. Drittens sage ich, daß
er gerecht sein soll im Austeilen, sowohl dem Armen, als dem Reichen; er soll
niemand schonen, keinen fürchten, denn ich bin in ihm und er ist in mir. Wer
wird ihm schaden, wenn ich, der allmächtige Gott, in und außer ihm bin? Ich
werde ihm einen kostbaren Sold für seine Arbeit geben, nichts Leibliches,
nichts Irdisches, sondern mich selber, an dem alles gut, und in dem alle
Fülle ist." ![]()
Christus bedroht die Ordensgeistlichen gar schwer, welche Heuchler und voll Übermut sind, welche die Einfalt der Einfältigen und Unschuldigen verspotten, und mit den Hörnern der üblen Nachrede und der bösen Werke beunruhigen. Er ermahnt dieselben aber liebevoll, daß sie sich bald den Tugenden zuwenden mögen, weil sie sonst schwer gestraft würden.
"Ich bin der Schöpfer aller Dinge, und von niemand
erschaffen. Während einer langen Zeit habe ich wegen der Ungerechtigkeit
seiner Bewohner meine Augen hinweggewendet von diesem Hause; denn wie die
ersten Begründer sich beeilten, von Tugend zu Tugend hinaufzusteigen, so
eilen diese Neuerer vom Bösen zum Bösen; ein jeder sucht den anderen zu
überholen, und sie rühmen sich der Sünden. Nun bewegen mich die Bitten
meiner geliebtesten Mutter zum Erbarmen. Von einem gar bösen Stamme sind aber
noch einige Wurzeln übrig, wie Du durch ein Gleichnis besser verstehen wirst.
Gesetzt, ein Hirte spräche also zu seinem Herrn: Herr, in Deinem Schafstalle
sind wenige sanftmütige Schafe, unter denen sich stößige Böcke befinden,
welche die Schafe beunruhigen; ihr Kopf ist nichtsnutzig, ihr Fell ist
verdorben, ihr Fleisch faul und ihre Eingeweide stinken. Der Herr antwortete
ihm: Damit meine sanftmütigen Schafe nicht gestört werden, will ich den
Widdern mit dem schärfsten Beile den Kopf abhauen; das Fell soll, weil es
keine Wolle trägt, abgezogen werden; die Eingeweide und das Fleisch sollen
als faul aufs Feld hinausgeworfen und den Vögeln hingegeben werden, welche
reines und unreines nicht zu unterscheiden wissen. Dieser Herr bin ich und
habe in diesem Hause gleichsam als Schafe einige Einfältige; es sind aber
auch gehörnte Böcke darunter, welche in einem eilenden Anlaufe die Schafe
angreifen, ihre Wolle zerzausen, sie zu Boden werfen und zerreißen. Dies thun
sie, weil sie die Einfalt der unschuldigen verspotten und dieselben mit den
Hörnern der üblen Nachrede und der bösen Werke zu Boden werfen. Deshalb
soll ihnen ihr Kopf, d. h. der anmaßende und vermessene Stolz ihrer Hörner
durch das schärfste Schwert meines Gerichtes abgeschnitten, ihr Fell, d. h.
die Heuchelei, welche
sie in der Einfalt ihres Ordensstandes zur Schau trugen, von ihnen
hinweggenommen, und ihre Seele durch die Teufel alles Guten beraubt werden,
weil sie anders sich zeigten, als sie waren. Sie dienten mir mit dem Munde, in
ihren Werken waren sie mir entgegen; ihr Fleisch ist hingegeben an die
Wollust; vor meinem Angesichte Hurenfleisch, wird es ohne Erbarmen verbrannt
werden. Ihre Eingeweide, d. h. ihre Gedanken und Neigungen, womit sie an der
Welt hängen und nicht an mir, und wodurch sie nicht meiner, sondern der Sache
meiner Feinde, der Sünde und des Teufels, förderlich sind, werden
zerschlagen werden von den Teufeln, so daß keine böse Neigung sein wird,
für welche sie nicht gestraft werden. Deshalb soll, so lange es noch Zeit
ist, ihr Haupt, d. h. ihr verkehrter Wille und ihre Hoffart, abgelegt werden
zur Demut, angethan werden das Fell der Einfalt, das Fleisch abgezogen werden
von den Lüsten, das Eingeweide, d. h. die Gedanken, geheilt werden durch die
Reue, auf daß ich nicht von ihnen nach ihrem Verdienste schnelle
Gerechtigkeit fordere, und sie der bösen Geister Gewalt so unterwerfe, daß
sie nichts vermögen, als was den bösen Geistern gefällt, und daß sie durch
dieselben von einem Bösen zum anderen gestoßen werden."
Christus tadelt die Braut in gütiger Weise wegen einiger Ungeduld, welche sie gehabt, und lehrt sie, daß sie fürderhin nicht in Zorn geraten, noch denen, welche sie reizen, etwas antworten soll, bevor sie nicht ihr aufgeregtes Gemüt beruhigt und gesehen hat, ob sie mit ihren Worten etwas ausrichten könne.
"Ich bin Dein Schöpfer und Bräutigam. Du, meine neue
Braut, hast jetzt in Deinem Zorne vierfach gesündigt. Erstens, weil Dich in
Deinem Herzen Worte zur Ungeduld reizten, während ich für Dich Schläge
ertragen, und als ich vor dem Richter stand, nicht ein Wort geantwortet habe.
Zweitens, weil Du zu Hartes geantwortet, und Deine Stimme zu stark erhoben und
getadelt hast; wogegen ich, mit Nägeln angeheftet, gegen Himmel geschaut und
meinen Mund nicht geöffnet habe. Drittens, weil Du mich verachtet hast, um
dessenwillen Du alles geduldig hättest ertragen
sollen. Viertens, weil Du Deinem Nächsten nicht genützt hast, der durch
Deine Geduld von seinem Irrtume zum Besseren hätte angemuntert werden sollen.
Darum will ich, daß Du fürderhin nicht mehr zürnest. - Wenn Du künftig von
einem zum Zorne gereizt worden, so rede nicht mit ihm, so lange der Zorn aus
Deinem Herzen nicht entfernt ist; nachdem aber die Geisteserregung gewichen,
und die Ursache der Bewegung fleißig erwogen worden, rede mit Sanftmut. War
es jedoch etwas, worin Du mit Reden nichts ausrichtest, auch durch Schweigen
nicht sündigst, so ist es um des Verdienstes willen besser, zu
schweigen."
Christus gebietet durch die Braut einem frommen Diakon, daß er mit Inbrunst und Kühnheit das Wort Gottes seinen Genossen und anderen Sündern predigen soll, indem er die Schwachen unterweise, die Zuchtlosen strafe, und seine Seele zu anderer Heile dem Tode aussetze.
"Ich bin Dein und aller Dinge Gott und Schöpfer,
obwohl man mich vernachlässigt und verachtet. Folgendes wirst Du jenem sagen,
für den Du bittest, und von dem Du weißt, daß er mich liebt: Weil Dir das
Amt eines Diakons auferlegt worden, hast Du die Gewalt empfangen, zu predigen,
um die Schwachen zu unterweisen, und die Zuchtlosen zu strafen. Das habe ich
in Person zu thun nicht unterlassen, das haben auch meine Apostel und Jünger
gethan, welche, um eine Seele zu gewinnen, an verschiedenen Orten, in Städten
und Dörfern umhergingen, und für das Heil der Seelen ihre eigenen Seelen
dahingegeben haben bis zum Tode. Weil es nun also Deines Amtes ist, zu
predigen, so ziemt es Dir nicht und ist nicht gut, daß Du schweigst, weil um
Dich her meine ärgsten Feinde sind und Du mitten unter ihnen wandelst. Ihre
verfluchte Freßbegierde ist mir so verhaßt, als wenn sie am Karfreitage
Fleisch äßen. Sie sind wie ein Faß, das an beiden Seiten offen ist, und das
niemals voll würde, auch wenn man das ganze Meer hineingöße; auch werden
sie selber nie gesättigt werden können, da ihr freches Übermaß im
Sündigen ihre Gefräßigkeit befördert. Sie treiben meine Engel, ihre
Hüter, von sich, und rufen
die bösen Geister herbei, welche ihnen jetzt näher sind, als die guten; sie
begeben sich zum Chorgebet, nicht damit sie mir gefallen, sondern daß sie von
anderen nicht gescholten werden, noch ihr Mißfallen erregen; sie geben sich
den Anschein, der alten Väter Nachfolger zu sein, sind aber vor meinen Augen
wahrhaft Lügner und Betrüger; denn sie haben mir die Treue gebrochen, die
sie mir versprochen, und betrügen die Seelen, von deren Wohlthaten sie leben,
die sie ihnen weder durch das Beispiel ihres Lebens, noch mit Gebet vergelten!
- Deshalb schwöre ich vor allen Engeln und Heiligen, in meiner Wahrheit, der
ich die Wahrheit bin, und aus dessen Munde niemals anderes, als die Wahrheit
hervorging, daß ich ihnen, wofern sie sich nicht gebessert haben werden, nur
noch eine kurze Zeit den Weg ihres Willens zu wandeln gestatten werde. Dann
werde ich sie einen Weg führen, welcher den Dornen und sehr scharfen Stacheln
ähnlich ist; und damit sie von demselben nicht abweichen, werde ich ihnen zur
Rechten und Linken meine Diener stellen, welche sie verhindern, abzuweichen,
und antreiben, vorwärts zu gehen, und wie dann der tote Leib auf die Erde
fällt, so werden ihre Seelen so tief in die Hölle hinabfahren, daß sie sich
niemals wieder erheben werden."
Christus giebt der Braut, welche sich fürchtet, Kühnheit ein, daß sie zuversichtlich einige Ordensgeistliche tadelt, welche in schweren Sünden stecken, und bei denen sie selber Herberge genoß, indem er sagte, daß ihre Strafrede ihr nicht zur Sünde, sondern zum Verdienste angerechnet würde, wenn jene hieran auch Ärgernis nehmen und sich verhärten sollten.
"Du hast, meine Braut, oft bei Dir also gedacht: Da
mein Gott der Herr aller Dinge ist und alles vermag, auch geduldig seinen
Verräter ertragen hat, weshalb soll ich, sein Geschöpf, nicht noch mehr
diejenigen ertragen, bei denen ich wohne, daß sie nicht etwa infolge meiner
Ermahnung und meines Tadels noch schlimmer werden? Auf diesen Gedanken
antworte ich Dir, daß derselbe teilweis ein gottesfürchtiger war, aber nicht
inbrünstig genug, Wenn ein unter Böse versetzter Soldat seinen Herrn
beleidigt werden sieht,
redet er, wenn er auch nicht thatsächlich bessern kann, wenigstens zu seines
Herrn Ehre und wird er darüber geschmäht, so erträgt er's geduldig. So rede
auch Du jetzt zuversichtlich von den Ausschweifungen derer, welche mir wegen
der langen Dauer ihrer Sünde verhaßt sind; in welcher Weise sie auch
infolgedessen wider mich verhärtet werden, Dir wird es nicht zur Sünde
gerechnet werden, daß Du geredet hast, sondern Dein Lohn wird an Größe
wachsen. Denn wie die Apostel vielen predigten, obwohl nicht alle bekehrt
wurden, und doch ihr Lohn darum nicht geringer war, so wird es auch mit Dir
sein; denn obschon nicht alle Dich hören werden, werden doch einige sein,
welche durch Deine Worte erbaut und geheilt werden. Sage ihnen also, daß,
wenn sie sich nicht bessern, ich so schnell und mit solcher Strenge zu ihnen
kommen werde, daß alle, welche es hören, seufzen, und alle, die es erfahren,
vergehen werden. Ich werde sie richten wie Diebe, mit unaussprechlicher
Schande vor den Engeln und allen Heiligen, weil sie das Ordenskleid nicht
genommen haben, um sich das Verdienst eines gottseligen Lebens zu erwerben;
vor meinen Augen sind sie wie Diebe, welche ein Gut besitzen, das nicht ihnen,
sondern denen gehört, welche gottselig leben, und wie Betrüger werde ich sie
richten mit meinem Schwerte, das alle ihre Glieder vom Haupte bis auf die
Füße zerhauen wird, Ich werde sie auch mit aufwallendem Feuer erfüllen, das
nicht abnimmt, weil ich sie ermahnt habe, wie ein liebreicher Vater, und sie
haben nicht gehört, und weil ich ihnen die Worte meines Mundes gezeigt habe,
wie zuvor nie geschehen ist, und sie haben dieselben verachtet. Wenn ich meine
Worte an die Heiden geschickt hätte, würden sie dieselben vielleicht
angenommen und Reue empfunden haben. Deshalb werde ich ihrer nicht schonen,
noch für sie die Gebete meiner innigstgeliebten Mutter und meiner Heiligen
annehmen, sondern so lange ich in meiner Herrlichkeit bin, welche ohne Ende
ist, werden sie in der Pein sein. Allein so lange die Seele im Leibe
eingeschlossen ist, so lange ist meine Barmherzigkeit ihnen geöffnet." ![]()
Christus offenbart hier der Braut, wie abscheulich ein Priester vor Gott ist, welcher in einer Todsünde die Messe feiert, und wie die Teufel beim Lesen der Messe um ihn sind, und von seiner überaus schweren künftigen Strafe.
"Der Priester, für welchen Du bittest, ist wie eine
Zange, durch welche das Gold meiner Tugend ausgezogen werden wird, auch wie
ein Schaf, das aus der Art schlägt, und sich um die Stimme der Mutter nicht
kümmert. Wenn er zu meinem Altare tritt, stehen die bösen Geister zu seiner
Seite, welche in seiner Seele Wohnung genommen haben, weil dieselbe vor mir
gestorben ist. Legt er das Humeral an, so überschatten die Teufel seine
Seele, auf daß er nicht daran denke und nicht erkenne, wie schrecklich es
ist, an meinen Altar zu treten, und wie rein derjenige sein muß, welcher
neben dem Reinsten stehen soll. Wenn er die Alba anlegt, so bekleidet er sich
mit Herzenshärtigkeit und Gottlosigkeit, weil er denkt, seine Sünde sei
nicht schwer, die ewige Strafe werde nicht groß sein; welcher Art aber die
ewige Freude ist, kommt nimmermehr in seinen Sinn. Wenn er sich die Stola
anlegt, legt der Teufel durch das Ergötzen der Süßigkeit der Sünde ein
schweres Joch auf seinen Hals und beschwert seine Seele dergestalt, daß er
ihn nicht erseufzen, noch seine Sünde in Betracht ziehen läßt. Wenn er die
Manipel anthut, werden ihm alle Werte für Gott beschwerlich, lästig und
verächtlich, jene für die Welt aber leicht. Wenn er sich das Eingulum
umlegt, wird sein Wille mit dem Teufel verbunden, so daß es sein Wille und
Vorsatz wird, in der Sünde zu weilen, meine Liebe mit ihm wird aufgelöst,
weil sein Wille auf alles gerichtet ist, was der Teufel ihm in das Herz
eingiebt, wenn er nicht durch meinen geheimen Ratschluß im Zaume gehalten
würde. Bekleidet er sich mit der Casel, dann bekleidet ihn der Teufel mit
Treubruch. Wenn er aber das Confiteor liest, antworten die bösen Geister: Du
hast gelogen; wir sind Zeugen, daß seine Beicht der des Judas ähnlich ist,
weil er etwas anderes mit dem Munde spricht, und etwas anderes im Herzen hat.
Wenn er an den Altar tritt, wende ich mein Antlitz ab von ihm und wenn er nun
die
Messe liest, sei sie von meiner Mutter, oder von den Heiligen, so ist es mir
gerade so angenehm, als wenn eine Hure ihre Unreinigkeit einem vornehmen Herrn
in einem Gefäße zum Trinken anbieten wollte; oder als wenn einer zu seinem
Feinde sagte: Hüte dich, ich sinne auf deinen Schaden. Wenn er aber meinen
Leib konsekriert und spricht: Das ist mein Leib! so fliehen die Teufel von
ihm, und sein Leib bleibt zurück wie ein abgehauener Rumpf, weil seine Seele
tot ist vor meinen Augen. Wenn er aber mit jener Vermessenheit meinen Leib an
seine Lippen bringt, kehrt der ganze Schwarm der Teufel wieder zu ihm zurück,
weil er keine Liebe zu mir hat. Ich bin aber so barmherzig, daß, wenn er mit
zerknirschtem Herzen und dem Vorsatze, sich zu bessern, spräche: Herr, um
Deines Leidens und der Liebe willen, welche Du gegen die Menschen hast, siehe
mir meine Sünden nach! so würde ich ihn aufnehmen, und die bösen Geister
würden nicht mehr zu ihm zurückkehren. Nun aber hat er den Kot der Welt im
Munde und sein Herz wimmelt von Gewürm, deshalb gefällt ihm die Süßigkeit
meiner Worte nicht. Die unnützen Gedanken in seinem Herzen verzehren ihn, so
daß er an mich nicht denkt. Niemals wird er deshalb zu meinem Altare kommen,
zu jenem himmlischen Tische und jener Herrlichkeit in den Himmeln, deren sich
die Engel und Heiligen erfreuen. Diesen stellt jener steinerne Altar in der
Kirche dar, auf welchem täglich mein an das Kreuz gehefteter Leib geopfert
wird, wie vor Zeiten unterm Gesetze die Opfer vorbildeten, was jetzt in den
Kirchen geschieht. Was bedeutet der himmlische Tisch anderes, als den Jubel
und die Freude der Engel? Diese Freude wird er selber nie in der ewigen
Herrlichkeit erfahren. Vor diesem Altare wird er niemals stehen, noch mein
Angesicht schauen; meine Söhne aber werden mein Antlitz erblicken. Ich bin
wie der wahre Pelikan, weil ich ihnen das eigene Blut geben werde, und sie
jetzt und in der Zukunft bis zur Sättigung erquicke. Jenen aber wird der
abscheuliche Adler speisen, der gewohnt ist, seinen Jungen nach der Sättigung
auf einige Zeit das Notwendige zu entziehen, so daß die vom Hunger
herkommende Magerkeit die ganze Zeit ihres Lebens hindurch ihnen angesehen
wird. Also wird ihn der Teufel eine Zeit lang mit seiner Lust speisen, damit
er nachher den Hunger nach Freude empfinde, und derselbe wird bei ihm andauern
ohne
Ende. Solange er indessen lebt, ist meine Barmherzigkeit ihm geöffnet, sobald
er sich bekehrt."
Dieser Priester war ein Advokat und Geldeintreiber, und war auf Zureden der Frau Brigitta seines Amtes entsetzt. Ganz voll Wut sagte er zu ihr: "Frau, Ihr habt mich meiner Pfründe und Ehre beraubt. Wieviel habt Ihr gewonnen? Es wäre Euch besser gewesen, in Euerem Hause sitzen zu bleiben, als Zwietracht zu säen." Sie antwortete: "Was der König gethan, das habe ich ihm zum Heile Euerer Seele und zu Euerer Ehre geraten; denn ein Geistlicher, welcher ein Erbteil Gottes ist, kann ein solches Amt ohne Gefahr seiner Seele nicht führen." Er antwortete: Was geht Euch meine Seele an? Laßt mich in dieser Welt durchkommen, wie ich kann, weil meine Seele in Zukunft wohl für sich selber sorgen wird." Ihm entgegnete die Frau: "Darum sage ich Dir, und es wird ohne Zweifel eintreffen, wie ich im Ratschlusse Gottes vernommen habe, daß Du, wenn Du nicht gar schnell Dich besinnest und besserst, so wahr ich Brigitta heiße, nicht dem besonderen Gerichte Gottes, noch einem ungewöhnlichen Tode entgehen wirst." - So ward denn nicht lange darauf dieser Priester durch den Bischof aus der Kirche gestoßen und starb einen schrecklichen und unerhörten Tod. Denn als eine Glocke gegossen ward, sprang das vor Glut wallende Erz aus der Form heraus und verbrannte ihn um und um.
Die Mutter Gottes erzählt der Braut von ihrer Würde und den Wohlthaten, welche alle von ihr empfangen; sie meldet ihr auch die Art und Weise, sowie die Hilfe, wodurch die Seele eines verstorbenen Fürsten, für welchen die Braut betete, aus den Schrecken des Fegfeuers erlöst werden könne, - ein sehr gutes Lehrstück.
"Ich bin die Königin des Himmels, ich die Mutter der
Barmherzigkeit, ich der Gerechten Freude, und der Zugang der Sünder zu Gott.
Es giebt im Brande des Fegfeuers keine Pein, welche nicht meinethalben
erträglicher und leichter wäre, als es sonst der Fall sein würde. Niemand
ist so verflucht, daß er, so lange er lebt, meiner Barmherzigkeit ermangelte,
weil er meinetwegen weniger von den bösen Geistern versucht wird, als er
sonst versucht werden würde. - Keiner ist von Gott so entfremdet, falls er
nicht völlig
verflucht ist, daß er nicht, wenn er mich angerufen, zu Gott zurückkehrte
und Barmherzigkeit erlangen wird. Denn ich, die ich barmherzig bin, und von
meinem Sohne Barmherzigkeit erlangt habe, will Dir zeigen, wie Dein
verstorbener Freund, um den Du trauerst, von den sieben Plagen, wovon Dir mein
Sohn gesagt hat, gerettet werden kann. Zuerst wird er aus dem Feuer errettet
werden, das er wegen der Unkeuschheit erleidet, wenn jemand nach den drei
Ständen der Kirche, dem ehelichen, dem Stande der Witwen und Jungfrauen, eine
Frau zur Ehe geben wollte für seine Seele, eine andere für einen geistlichen
Orden, eine dritte, welche im Witwenstande bestehen könnte, weil er in der
Unkeuschheit schwer auch gegen die Ehe, indem er das eigene Bett
überschritten, gesündigt hat.
Zweitens, weil er in der Völlerei dreifach gesündigt hat. Einmal hat er nämlich gar köstlich und über das Maß hinaus gegessen und getrunken; sodann hat er aus Hochmut und zum Prunke bei seiner Tafel mehrere Gänge zubereiten lassen. Ferner saß er zu lange bei Tisch und unterließ das Werk Gottes. Deshalb soll jemand zu Ehren Gottes, welcher dreieinig und Einer ist, wegen dieser dreifältigen Völlerei drei Arme auf ein ganzes Jahr zu sich nehmen und ihnen solche und ebenso gute Speisen vorsetzen, als er selber, der sie aufnimmt, persönlich ißt; auch soll er selber nicht eher essen, .als er jene drei essen sieht, auf daß durch dieses kurze Warten jener lange Verzug gut gemacht werde, den Dein Freund durch sein Sitzen bei Tafel herbeiführte. Überdies gewähre er jenen dreien in ausreichender Weise Kleidung und Betten, je nachdem er dieselben für jene als notwendig oder nützlich erkannt.
Drittens soll für den Hochmut, den er vielfältig gehabt,
wer da will, sieben Armen in jeder Woche ein Jahr hindurch, an welchem Tage er
will, die Füße waschen, indem er beim Waschen bei sich im Herzen also denkt,
beim ersten Armen: Herr Jesu Christe, der Du von den Juden gefangen genommen
worden, erbarme Dich seiner;, beim zweiten: Herr Jesu Christe, der Du an die
Säule gebunden worden, erbarme Dich seiner; beim dritten: Herr Jesu Christe,
der Du von den Schuldigen unschuldig gerichtet worden, erbarme Dich seiner;
beim vierten: Herr Jesu Christe, dem die eigenen Kleider ausgezogen, und
Spottkleider angelegt wurden, erbarme Dich seiner; beim fünften: Herr Jesu
Chtiste, der Du so scharf
gegeißelt worden, daß Deine Rippen zum Vorscheine kamen, und an Dir nichts
heil war, erbarme Dich seiner; beim sechsten: Herr Jesu Christe, der Du
Backenstreiche erhalten hast und verspieen worden bist, erbarme Dich seiner;
beim siebenten: Herr Jesu Christe, der Du am Stamme ausgestreckt worden,
dessen Hände und Füße von Nägeln durchbohrt waren, dessen Haupt unter
Dornen blutete, dessen Augen mit Thränen gefüllt, dessen Mund und Ohren voll
Blut waren, erbarme Dich seiner. Nachdem nun die Armen gewaschen worden, soll
er dieselben aufs beste, wie er kann, und wie er sieht, daß es ihnen nützt,
erquicken. Auch soll er sie demütig bitten, für seine Seele zu beten. -
Viertens sündigte er dreifach durch Trägheit. Er war träge, um zur Kirche zu gehen, um Ablässe zu gewinnen, um die Stätten der Heiligen zu besuchen. Fürs erste nun mag, wer da will, einmal im Monat auf ein Jahr lang zur Kirche gehen, und lasse eine Seelenmesse lesen für seine Seele; fürs zweite gehe er, so oft er's gemächlich kann und mag, an die Stätten, wo Ablaß gegeben wird, und wo er hört, daß die denselben Spendenden am frömmsten sind; fürs dritte schicke er seine Opfer durch einen gläubigen und gerechten Mann an die Kirchen der vorzüglichsten Heiligen in jenem Königreiche Schweden, wo das Volk aus Frömmigkeit und wegen der Ablässe häufig zusammenzukommen pflegt, z. B. des heiligen Erich, des heiligen Siegfried und ähnlicher. Denjenigen aber, der das Opfer trägt, soll er für seine Mühe treulich belohnen. -
Fünftens, weil er in der eitlen Ehre und Freude gesündigt, soll wer da will, in jedem Monat auf ein Jahr einmal alle Armen versammeln, welche auf seinem Hofe oder dessen Nachbarschaft sind, sie in ein Haus führen und vor ihnen eine Seelenmesse lesen lassen. Und wenn der Priester dieselbe beginnt, soll er sie bitten und ermahnen, daß sie für seine Seele bitten mögen. Nachdem die Messe gelesen worden, sollen alle Armen dergestalt erquickt werden, daß sie fröhlich hinweggehen von der Mahlzeit, damit der Verstorbene erfreut werde durch ihre Gebete, und die Armen durch die genossene Erquickung.
Sechstens, weil er die Schuld bis auf den letzten Heller
bezahlen und unter der Strafe bleiben wird, sollst Du wissen, daß er gegen
sein Ende und bei seinem Ende, obwohl nicht so inbrünstig,
als er sollte, den Willen gehabt, seine Schulden zu bezahlen. weshalb er unter
jenen ist, welche gerettet werden sollen und es kann hieraus abgenommen
werden, wie groß meines Sohnes Barmherzigkeit ist, welcher für ein so
geringes die Ruhe giebt. Wofern er aber jenen Willen nicht gehabt hätte,
würde er ohne Ende verdammt gewesen sein. Darum sollen seine Anverwandten,
welche seine Nachfolger in seinen Gütern geworden, den Willen haben, zu
bezahlen, und seine Schulden an diejenigen bezahlen, von denen sie wissen,
daß er ihr Schuldner war; diese sollen sie auch demütig bitten, seiner Seele
zu verzeihen, wenn sie durch das lange Warten einen Schaden erlitten haben
sollten; wollten sie aber nicht zahlen, so müssen sie seine Sünde tragen.
Sodann sollen sie jeglichem Kloster im Königreiche ein beliebiges Opfer
schicken, und im Kloster öffentlich eine Messe lesen lassen, und bevor die
Messe beginnt, soll für seine Seele gebetet werden, daß ihr Gott gnädig
sein wolle; auch soll in jeder Pfarrei, worin er Güter gehabt, eine
Seelenmesse gelesen werden. Dieselbe muß der Priester in Gegenwart alles
Volkes singen und bevor er zu singen beginnt, soll er dem Volke sagen: Diese
Messe soll für die Seele des . . . . gehalten werden. Ich bitte euch um des
Namens Christ willen, daß, wofern er wider euch etwas durch Wort, That oder
Befehl gesündigt, es ihm zu verzeihen, und also gehe er zum Altare.
Siebentens, weil er ein Richter gewesen, und sein Richteramt
ungerechten Stellvertretern überlassen, ist er in den Händen der Teufel.
Weil es jedoch wider seinen Willen gewesen, daß jene ungerecht handelten,
obwohl er sich weniger darum kümmerte und acht gab, als es seine Pflicht war,
kann er, wenn er Hilfe erhält, doch befreit werden. Aber durch welche Hilfe?
Fürwahr, durch den allerheiligsten Leib meines Sohnes, welcher täglich auf
dem Altare geopfert wird. Denn jenes Brot, das auf den Altar gelegt wird und vor
den Worten: Das ist mein Leib! Brot ist, wird nach dem Aussprechen dieser
Worte in den Leib meines Sohnes verwandelt, den er von mir fleckenlos
angenommen, und welcher gekreuzigt worden. Alsdann wird der Vater geehrt und
im Geiste angebetet in den Gliedern meines Sohnes; der Sohn frohlockt in der
Macht und Majestät des Vaters, seine Mutter, die ich bin, wird vom ganzen
himmlischen Heere geehrt, alle Engel wenden sich
an ihn, und beten ihn an; die Seelen der Gerechten bringen ihren Dank dar,
daß sie durch ihn erlöst sind. Ach ! wie schrecklich ist es für die
Elenden, welche einen solchen und so höchst würdigen Herrn mit unwürdigen
Händen behandeln! Dieser Leib also, welcher aus Liebe gestorben ist, kann ihn
erlösen; deshalb soll vor jeglichem Feste meines Sohnes eine Messe gelesen
werden, nämlich eine vor seinem Geburtsfeste, eine am Feste der Beschneidung,
eine am Epiphaniasfeste, eine am Fronleichnamsfeste, eine von seinem Leiden,
eine am Osterfeste, eine von der Himmelfahrt, und eine zu Pfingsten,
ingleichen eine Messe an jedem Feste, das mir zu Ehren gefeiert wird, ferner
neun Messen zu Ehren der neun Engelchöre. Wenn diese Engelmessen gefeiert
werden, soll man neun Arme versammeln, denen Speise und Kleidung gereicht
wird, damit die Engel, denen er zur Hut übergeben war und die er vielfach
beleidigt hat, durch dieses geringe Opfer mögen versöhnt werden können, und
seine Seele Gott darzubringen vermögen. Dann muß eine Seelenmesse allgemein
für alle Verstorbenen gelesen werden, damit sie hierdurch die Ruhe erlangen,
und seine Seele selber der Ruhe würdig erachtet werde."
Dieser war ein Edelmann und barmherzig. Nach seinem Tode
erschien er der Frau Brigitta und sprach: "Nichts erhebt mich in meinen
Trübsalen so, wie das Gebet der Gerechten und das Sakrament des Altars. Aber
weil ich Richter gewesen bin, und meine Gerichte denen ausgetragen habe,
welche die Gerechtigkeit weniger liebten, darum werde ich noch in der
Verbannung zurückgehalten, würde aber schneller befreit werden, wenn die,
welche die Meinigen sein sollten und gewesen sind, für mein Heil etwas milder
gesinnt wären. Von demselben ist auch noch im XXI. Kapitel des gegenwärtigen
Buches die Rede. ![]()
Die Mutter Gottes ermahnt die Braut, sie solle sich allezeit des schmerzhaften Leidens Christi erinnern, denn in der Zeit dieses Leidens wurde gleichsam alles bewegt, nämlich die Gottheit und die Menschheit, und selbst seine Mutter, die Engel und alle Elemente, sowie alle Seelen der Lebenden und Toten, und auch die Teufel.
Die Mutter Gottes redete mit der Braut und sprach:
"Beim Tode meines Sohnes geriet alles in heftige Bestürzung. Die
Gottheit, welche den Sohn in den Tod gegeben hat, und niemals, auch im Tode
nicht, von ihm getrennt worden, schien in jenem Stündlein des Todes wie
mitleidend, obwohl die Gottheit keinen Schmerz oder keine Pein erleiden kann,
weil sie unleidsam und unwandelbar ist. Der Sohn selber litt Schmerzen an
allen Gliedern, und auch im Herzen, obwohl er der Gottheit nach unsterblich
ist; auch seine Seele, welche unsterblich ist, litt, weil sie aus dem Leibe
hinausging. Die Engelscharen schienen gleichsam bestürzt zu sein, als sie
Gott in seiner Menschheit auf Erden leiden sahen. Können denn aber die Engel,
welche unsterblich sind, bewegt werden? Fürwahr, wie ein Gerechter, wenn er
seinen Freund etwas leiden sieht, wovon derselbe den größten Ruhm erlangen
wird, sich zwar über den Ruhm, den er erlangen soll, freuen, über das Leiden
aber doch in gewisser Weise betrübt sein würde, so auch wurden die Engel
gleichsam traurig über seine Pein, obwohl sie selber dem Leiden nicht
unterworfen sind, - freuten sich aber über seine künftige Herrlichkeit, und
über den Segen, der aus seinem Leiden hervorgehen sollte. Es wurden auch alle
Elemente bewegt; Sonne und Mond verloren ihren Schein, die Erde erbebte, die
Felsen zersprangen, die Gräber öffneten sich in der Todesstunde meines
Sohnes. Alle Heiden kamen in Bewegung, wo immer sie auch waren, denn es ging
ihnen gleichsam ein stechender Schmerz ins Herz, obwohl sie nicht wußten,
woher derselbe kam. Bewegt wurden auch in jener Stunde die Herzen der
Kreuziger meines Sohnes, obwohl es nicht zu ihrem Ruhme geschah. Ja sogar die
unreinen Geister gerieten in jener Stunde in Bewegung und in ihrer Versammlung
herrschte die heftigste Bestürzung.
Diejenigen aber, welche in Abrahams Schoß waren, überkam eine solche
Traurigkeit, daß sie hätten lieber ewig in der Hölle sein mögen, als an
ihrem Herrn solche Pein sehen. Welchen Schmerz aber ich, die ich damals neben
meinem Sohne stand, Jungfrau und seine Mutter, gelitten, vermag niemand
auszudenken. Deshalb, meine Tochter, erinnere Dich an das Leiden meines
Sohnes, fliehe die Unbeständigkeit der Welt, welche nichts anderes, als
Schein, als eine Blume ist, welche schnell verdorrt."
Die Mutter Gottes sagt, sie sei gleich einem Bienenkorbe, weil jene gesegnete Biene, d. h. der Sohn Gottes, sie mit ihrem süßesten Honig, als er in ihren Schoß herabstieg, so reichlich erfüllte, daß durch jene Süßigkeit aller vergiftete Geschmack von uns hinweggenommen ist.
Die selige Jungfrau sprach zur Braut: "Braut meines
Sohnes, Du hast mich gegrüßt und mit einem Bienenkorb verglichen. Ich bin
fürwahr ein Bienenkorb gewesen; denn mein Leib ist in meiner Mutter Schoße
nur wie ein Stück Holz gewesen, bevor die Seele mit demselben verbunden war.
Mein Leib war auch nach meinem Tode wie ein Stück Holz, nachdem die Seele
davon getrennt worden, bis Gott meine Seele im Leibe zur Gottheit erhöht hat.
Dieses Holz ist zum Bienenkorbe geworden, als jene gesegnete Biene, der Sohn
Gottes, aus dem Himmel flog, und der lebendige Gott in meinen Leib hinabstieg.
Endlich war in mir eine gewisse, süße und feine Honigwabe, die auf alle
Weise und allerlei Zugabe zubereitet war, um den gar süßen Honig der Gnade
des heiligen Geistes zu empfangen. Diese Honigwabe ist gefüllt worden, als
der Sohn Gottes mit Macht, Liebe und in Schönheit zu mir hineinkam. Mit Macht
ist er gekommen, weil er mein Herr und mein Gott war; mit Liebe kam er, weil
er um der Liebe willen, die er zu den Seelen trug, das Fleisch an- und das
Kreuz auf sich genommen, in Schönheit kam er, weil alle Sünde Adams aus mir
geschieden worden. Deshalb hat auch der schönste Sohn Gottes das schönste
Fleisch angenommen. Wie aber die Biene einen Stachel hat, mit dem sie nur
ungern sticht, so hat mein Sohn die Strenge der Ge-
rechtigkeit, welche er jedoch nur dann anwendet, wenn er durch Sünden dazu
aufgefordert wird. Dieser Biene ist übel vergolten worden; denn für seine
Macht ist er dahingegeben in die Hände der Ungerechten; für seine Liebe in
die Hände der Grausamen; für seine Schönheit ist er entblößt und
unbarmherzig gegeißelt worden. Gebenedeit sei also jene Biene, welche sich
aus meinem Holze einen Bienenkorb machte, und denselben mit ihrem Honig so
reichlich füllte, daß von der mir gegebenen Süßigkeit jener vergiftete
Geschmack vom Munde aller hinweggenommen worden.
Christus ermahnt die Braut, daß sie alle Zeit nach dem Willen Gottes einteilen und nichts thun solle, als wovon sie glaubt, daß es Gott gefalle; auch solle sie stets den Willen haben, im Dienste Gottes zu beharren, und ihren Geist immer zum Himmlischen erheben, ihren Leib aber in dieser Zeit so ermüden, daß derselbe sich zur künftigen Herrlichkeit zu erheben vermöge.
Der Sohn sprach zur Braut: "Du mußt drei Stücke
beobachten: Erstens nur nach meinem Willen gehen, zweitens nur zu meiner Ehre
sitzen, drittens nur zum Nutzen des Bräutigams stehen. Du gehest nach meinem
Willen alsdann, wenn Du alle Deine Zeit nach meinem Willen einrichtest, wenn
Du weder issest, noch schläfst, noch irgend etwas auf andere Weise thuest,
als wie Du erkennst, daß es Gott gefällt; Du stehest festiglich, wenn Du den
Willen hast, in meinem Dienste zu bleiben; Du sitzest, wenn Du Dein Herz stets
gen Himmel erhebst und betrachtest, was da sei die Herrlichkeit der Heiligen
und das ewige Leben. Diesen drei Stücken sollst Du noch drei andere
hinzufügen. Erstens sollst Du gestellt sein, wie eine Jungfrau, welche
vermählt werden soll, und bei sich also denkt: Alles, was ich von meines
Vaters Gütern, die vergänglich sind, haben kann, will ich zusammenbringen
für meinen Bräutigam, bei dem ich sein muß in Not und Widerwärtigkeit. So
sollst auch Du thun, weil Dein Leib gleichsam dein Vater ist; von diesem mußt
Du alle Arbeit, welche Du kannst, für die Armen, ingleichen andere Güter
heischen, so daß Du Dich mit mir gleichsam wie mit einem Bräutigam freuen
mögest, weil Dein Leib hinfällig
ist, und derselbe im gegenwärtigen Leben nicht geschont werden darf, auf daß
er künftig zu einem besseren Leben auferstehen möge. Zweitens denke bei Dir,
wie eine gute Ehefrau bei sich gedenkt: Hat mein Mann mich lieb, was soll ich
mich bekümmern? Hält er Frieden mit mir, wen habe ich dann zu fürchten?
Damit er mir also nicht zürne, werde ich ihm alle Ehre erweisen, und mich
allezeit nach seinem Willen richten. Drittens bedenke bei Dir, daß Dein
Bräutigam ewig und gar reich ist, und Du bei ihm ewige Ehre und ewigen
Reichtum haben wirst; deshalb sollst Du nicht das Vergängliche lieben, auf
das Du das ewig Bleibende erhalten mögest."
Christus giebt der Braut zu erkennen, wie er sie nach Art eines kleinen Kindes im geistlichen Leben und in den Tugenden habe auferziehen lassen. Er empfiehlt sie dem Engel von neuem. Auch meldet er, wie er sie durch einen heiligen Betrug aus der Welt zum Hafen der Ruhe geführt, und gebietet ihr, sie solle alle Anfechtungen ihren geistlichen Vätern offenbaren, so werde sie ein vollkommenes Ende haben.
Einer von den Engeln redete mit dem Herrn und sprach:
"Preis sei Dir, o mein Herr, von Deinem ganzen Heere für alle Deine
Liebe. Du hast meiner Hut diese hier stehende Braut überwiesen. Siehe, ich
überantworte Dir dieselbe wieder, denn ich lockte sie, da sie fast noch ein
ganz kleines Kind war, zu Dir. Erst habe ich ihr einen Apfel gegeben, und
sodann, nachdem sie den Apfel gegessen, zu ihr gesagt: Tochter, folge mir
weiter nach, so will ich Dir gar süßen Wein geben; denn in dem Apfel ist nur
ein wenig Wohlgeschmack, im Weine aber Süßigkeit und Seelenjubel. Nachdem
sie den Wein gekostet hatte, habe ich wieder zu ihr gesprochen: Gehe noch
weiter vorwärts, und ich gewähre Dir, was ewig dauert, und worin jegliches
Gute ist." Nach diesen Worten sprach der Herr zur Braut: "Wahr ist,
was mein Diener vor Deinen Ohren geredet; denn er lockte Dich allerdings,
gleichsam durch einen Apfel, damals an mich heran, als Du dachtest, alles, was
Du hattest, sei von mir, und als Du mir allein dafür
danktest. Wie der Apfel nur ein wenig Wohlgeschmack und eine mäßige
Sättigung gewährt, so schmeckte Dir damals meine Liebe nicht sehr, nur daß
gleichsam einiger Wohlgeschmack des Gedankens an Gott in Deinem Herzen war. Du
bist aber noch weiter vorgeschritten, als Du bei Dir also dachtest: Gottes
Herrlichkeit ist ewig, die Freude der Welt aber gar kurz, und am Ende der Welt
gar unnütz. Was nützt es mir, daß ich diese zeitlichen Dinge so sehr liebe?
Infolge solchen Gedankens hast Du angefangen, Dich mänlich [sic!] zu
enthalten von den Lüsten der Welt, und so viel Du konntest, Gutes zu thun in
meinem Namen. Dann hast Du, gleichsam von einem Verlangen nach Wein ergriffen,
weit stärkeren Durst nach mir empfunden. Und als Du gedacht hast, ich sei der
allmächtige Herr, von dem alles Gute kömmt, und nachdem Du Deinen eigenen
Willen verlassen und den meinigen thatest, bist Du mit Recht die Meinige
geworden, ich bin mit Dir gleichförmig geworden, und habe Dich mein sein
lassen." Nach diesen Worten sprach der Herr zum Engel: "Mein Diener,
Du bist reich in mir, Deine Ehre ist ewig, das Feuer Deiner Liebe
unauslöschlich, meine Kraft unvergänglich; Du hast mir meine Braut
überantwortet, ich will aber, daß Du dieselbe ferner behütest, bis sie zu
ihrem Alter gelangt sein wird. Behüte sie, auf daß nicht der Teufel, ohne
daß sie sich dessen versieht, ihr etwas in den Weg werfe; versorge sie mit
den Kleidern der Tugenden, mit den Kleidern aller Schönheit, speise sie mit
meinen Worten, welche wie frisches Fleisch sind, wodurch das Blut verbessert
wird, das schwache Fleisch erstarkt, und gutes Ergötzen in der Seele erweckt
wird. Ich habe an ihr gethan, wie jemand seinem Freunde zu thun pflegt, den er
aus Liebe und zu seinem Besten gefangen nimmt; denn, wenn er ihn gefangen
nimmt, sagt er zu ihm: Freund, komm' herein in mein Haus, und siehe, was
daselbst geschieht, und was dir zu thun obliegt. Geht jener nun hinein, so
zeigt ihm der Freund, der ihn gefangen genommen, nicht verächtliche
Schlangen, noch grimmige Löwen, welche in dem Hause wohnen, auf daß der
Freund nicht erschrecke; sondern zum Troste seines Freundes macht er, daß ihm
die Schlangen als die sanftmütigsten Tiere und die Löwen als schöne Schafe
erscheinen und er spricht zu ihm: Freund, wisse, ich liebe dich und habe dich
zu deinem eigenen Heile gefangen genommen, was du nun gesehen
haben wirst, das sage meinen Freunden, denn sie werden Dich behüten und
trösten, so daß dir meine Gefangenschaft besser gefallen wird, als deine
eigene Freiheit. Auf ähnliche Art habe ich es mit Dir gemacht, meine geliebte
Tochter. Denn ich habe Dich gleichsam zur Gefangenen gemacht, als ich Dich von
Deiner Liebe zu der meinigen gerufen habe, als ich Dich von den Gefahren der
Welt in diesen Hafen der Ruhe berief, wo diejenigen, welche Du wegen
Enthaltsamkeit für Jungfrauen hältst, wahrhaft in ihrer Bosheit wie Löwen
sind und die Du wegen der göttlichen Betrachtung für Schafe hältst, die
kriechen als Schlangen auf dem Bauche der Gefräßigkeit und Begierlichkeit
einher. Was Du daher siehst und hörest, erzähle niemand anderem, sondern
meinen Freunden, welche Dich behüten und unterweisen, weil der Geist selber,
welcher Dich in den Hafen führte, Dich zum Vaterlande führen wird; der Dich
geführt hat zu einem guten Anfange, wird Dich zu einem noch besseren Ende
führen.
Christus sagt zur Braut, daß die Prälaten und Gelehrten, welche sich der Wissenschaft rühmen und reich werden, aber übel leben, den Huren und Weintrinkern zu vergleichen sind, welche sich selber und andere in Sünden stürzen, während sie doch tugendhafter, als andere, sein sollten. Doch wird er mit Barmherzigkeit jedem entgegenkommen, der sich bekehrt, wie der Vater voll Freuden dem Sohne entgegeneilt, den er bekommen.
"Der Prälat, für welchen Du betest, hat die Augen
bereits abgewendet von mir, und sich mit dem Schmucke seiner Würde der Welt
zugekehrt; denn wenn er mein sein wollte, würde er täglich auf mich sehen,
mein Buch aufmerksamer lesen, und nicht so sorgfältig im Gesetze forschen,
welches das Gesetz der Kirche genannt wird." Sie antwortete: "Mein
Herr, ist nicht Dein Gesetz auch das Gesetz der Kirche?" Und der Herr
antwortete: "Es war mein Gesetz, so lange die Meinigen es lasen, und es
meinetwegen gelesen ward; jetzt aber ist es nicht das meinige, weil es im
Hause der Würfelspieler gelesen wird, welche drei Augen auf einen Würfel
setzen, um für ein geringes Recht, das sie im Kirchengesetze finden,
eine große Summe Gelbes zu erwerben, und so wird es jetzt nicht zu meiner
Ehre, sondern zu dem Ende gelesen, wie man Geld erwerben möge. Im Hause
dieser Würfelspieler sind Huren und Weinsäufer. Solche lesen jetzt mein
Gesetz, solche werden jetzt gelehrt genannt, sind aber fürwahr Thoren. Denn
was pflegt eine Hure zu thun? Sie ist vorlaut in Worten, leichtfertig in
Sitten, schön von Antlitz, geputzt in Kleidern. Solche Leute sind es jetzt,
welche mein Gesetz lesen und lernen. Possenreißerei ist in ihren Worten;
niemals thut sich ihr Mund auf zu meinem Bekenntnis, niemals zu meinem Lobe.
In ihren Sitten sind sie leichtfertig, so daß selbst die Weltleute über
ihren Wandel erröten; auch stürzen sie sich nicht allein selbst ins
Verderben, sondern reißen auch andere durch ihr Beispiel mit sich dahin. Ihr
alleiniges Streben ist darauf gerichtet, von der Welt gesehen und gelobt zu
werden, ansehnlich und geehrt in ihren Kleidern einherzugehen, Reichtum und
Ehre zu erwerben; meine Worte und Gebote sind ihnen bitter, und mein Weg ist
ihnen verabscheuenswert. Fürwahr, ihr Wandel und ihr Leben stinkt also vor
meinen Augen, wie eine Hure und, wie eine Hure vor anderen Weibern niedriger
und verworfener erscheint, also sind auch sie mir vor anderen verhaßt, denn
sie sagen und rühmen sich, als wüßten sie das Gesetz, allein zur Täuschung
anderer und zu ihrem Vergnügen. In meinem Hause, wo das Gesetz gelesen wird,
sind auch Weinsäufer und Unenthaltsame, deren Ruhm darin besteht, andere zu
übertreffen und die Natur zu Überflüssigem zu reizen. Solche sind nun die
Lehrer des Gesetzes; sie freuen sich des Überflusses, schämen sich wenig
ihrer Ausschweifungen und sind über die Sünden anderer durchaus nicht
traurig. Gleichwohl würden sie, wenn sie mein Gesetz lesen wollten, finden,
daß sie vor anderen enthaltsamer, vor anderen demütiger, vor anderen zum
guten Wandel mehr verpflichtet sein müßten. Ich aber bin wie ein mächtiger
Herr, welcher die Schafe vieler Städte liebt; der, obwohl er mächtig ist,
doch keiner anderen Stadt Schafe aufnimmt, als die er durch die Gerechtigkeit
zu haben verpflichtet ist, So nehme auch ich, der ich der Schöpfer aller
Dinge und der Allermächtigste bin, gleichwohl keine auf, als die ich aus
Gerechtigkeit zu haben verpflichtet bin, und welche aus Liebe erkennen, daß
sie die meinigen sind. Dessenungeachtet kann, ,wer von mir abgeirrt
war, und zu mir zurückkehren und meine Stimme hören will, gerettet werden.
Läuft nicht ein Schaf, das von der eigenen Herde abgeschweift ist und sich in
eine andere gemischt hat, wenn es das Blöken seiner Mutter vernimmt, eilends
zu derselben? Ebenso lauft [sic!] die Mutter, wenn sie die Stimme ihres Jungen
vernimmt, mit aller Anstrengung demselben entgegen, so daß, wenn sie freie
Macht hat, keine Beschwerde, keine Pein sie verhindert, zu laufen. So nehme
ich, der Schöpfer aller Dinge, denjenigen gern auf, der meine Stimme hört,
und eile demselben voll Freuden entgegen, freue mich wie der Vater über den
verlorenen Sohn, den er wieder bekommt, und wie eine Mutter sich freut über
die Heimkehr ihres Lammes."
Dieser, von dem der Sohn Gottes redet, war ein Propst der Kirche des heiligen Petrus und nachher Kardinal. Viele, die Gottes Anteil und Gottes Almosenierer sind, sammeln für Fremde die Gaben Gottes; denn einem Geistlichen, welcher Gottes Anteil ist, dem gehört nichts von dem, was er über Unterhalt, Kleidung und Notdurft hat, eigen, sondern solches gehört den Armen. Darum ist glücklich, wer im Sommer sammelt, wovon er im Winter leben möge. Denn wie Du siehst, verschleudern die Verwandten, was jener gesammelt, gierig, ohne sich um seine Seele zu kümmern. Gleichwohl ist er, weil er selber den guten Willen hatte, seine Güter zu verteilen, zu dem gelangt, was er verlangte. Er würde jedoch viel glücklicher gewesen sein, wenn er das Seinige bei Lebzeiten ausgeteilt hätte.
Ein Heiliger sagt der Braut, daß, wenn schon der Mensch täglich einmal für Gott stürbe, er doch Gott nicht genugsam für die ewige Herrlichkeit werde danken können; er meldet auch die erschrecklichen Peinen, welche eine verstorbene Frau für die Belustigung des Fleisches, worin sie gelebt hatte, an allen Gliedern erlitt.
Einer von den Heiligen redete mit der Braut und sprach:
"Wenn ich für jede Stunde, während welcher ich in der Welt lebte,
einmal den Tod für Gott ausgehalten hätte und immer wieder aufgelebt wäre,
würde ich mit dem allen nimmermehr Gott für seine
Liebe vollständig danken können; denn sein Lob weicht niemals aus meinem
Munde, meine Freude geht nimmer aus in meiner Seele; seine Herrlichkeit und
Ehre weicht nie von meinem Angesichte und meinem Ohre fehlt nimmer die
Freude."
Darauf sprach der Herr zu demselben Heiligen: "Sage der Braut, welche hier steht, was diejenigen verdienen, welche sich um die Welt mehr kümmern, als um Gott, welche das Geschöpf mehr lieben, als den Schöpfer, und welche Strafe jetzt jene Frau erduldet, welche, so lange sie in der Welt war, ganz in Wollust lebte."
Der Heilige antwortete; "Ihre Strafe ist sehr hart, denn für die Hoffart, welche sie in allen Gliedern gehabt, werden ihr Haupt, ihre Hände, ihre Arme und Füße wie von einem erschrecklichen Blitzstrahl in Brand gesetzt. Ihre Brust wird mit einer Igelhaut zerstochen, deren Stacheln sich gleichsam in ihr Fleisch hineinbohren und dasselbe untröstlich stechen. Die Arme mit ihren übrigen Gliedern, welche sie, um den Mann zu umfangen, so süßiglich ausstreckte, sind wie zwei Schlangen, welche sich um sie selber herumschlingen und sie untröstlich zerreißen und im Zerreißen nicht müde werden. Ihr Bauch wird so jämmerlich gepeinigt, als wenn in ihre Scham ein sehr spitziger Pfahl hineingesteckt wäre und mit aller Anstrengung hineingetrieben würde, um weiter einzudringen. Ihre Schenkel und Kniee sind wie das härteste und ganz unbeugsame Eis, und haben durchaus keine Ruhe und Wärme. Auch ihre Füße, auf welchen sie zu Vergnügungen sich hingetragen, und andere mit sich gezogen, stehen gleichsam auf sehr scharfen Schermessern, welche unaufhörlich schneiden."
Diese Dame hatte einen großen Abscheu vor der Beicht und
folgte ihrem eigenen Willen; sie ward von einer Halsgeschwulst überrascht und
starb ohne Beicht dahin. Sie erschien, wie sie vor dem Gerichte Gottes stand;
alle Teufel schuldigten sie an und riefen: "Sehet da das Weib, das sich
vor Dir, Gott, verbergen wollte; uns ober war sie bekannt." Der Richter
antwortete: "Die Beicht ist die beste Wäsche. Weil sie sich nun zu ihrer
Zeit nicht hat wollen waschen lassen, so wird sie fortan geschwärzt werden
mit eueren Unreinigkeiten; und weil sie sich selbst nicht hat vor wenigen
schämen wollen, so ist es recht, daß sie vor vielen beschämt werde." ![]()
Die Mutter Gottes lehrt die Braut, wie sie dem Teufel Widerstand leisten und auf seine Einflüsterungen zur Begierlichkeit, der Freundschaft der Welt und der Wollust antworten soll; und wie einer Seele, welche mit Gott durch die Liebe vereinigt ist, obwohl sie durch verschiedene Gedanken beunruhigt wird, wenn sie dennoch widersteht, jene Gedanken nicht zur Sünde gerechnet werden, sondern zum Verdienst und zur Krone.
Maria sprach zur Braut: "Wenn Dir, meine Tochter, Dein Feind mit der Lust an zeitlichen Gütern schmeichelt, so antworte ihm: Feind, du hast nichts erschaffen, darum kannst du nichts geben; und selbst, wenn du könntest, so würde es doch gar schnell fallen und ein Ende nehmen. Wird Dir aber mit der Freundschaft der Welt geschmeichelt, so sage ihm: Die Freundschaft der Welt endet mit Weh. Wenn Dir aber mit der Fleischeslust geschmeichelt wird, so gieb ihm zur Antwort: Die will ich nicht haben, weil sie zuletzt ein Gift ist und mit Schmerzen endet."
In diesem Augenblicke erschien der Teufel, zu welchem die
selige Jungfrau sprach: "Sprich, so daß diese es hört, was hast du
erschaffen?" Der Teufel antwortete: "Ich habe nichts erschaffen; ich
war jedoch ein gutes Geschöpf; aber von mir selber bös." Darauf sprach
die selige Jungfrau weiter: "Hat deine Feindschaft je einen glücklichen,
freudevollen Ausgang gehabt?" Der Teufel antwortete: "Das war nie
der Fall, und wird nie der Fall sein." Drittens sprach die selige
Jungfrau: "Antworte und sprich: Hat deine Wollust je ein gutes Ende
gehabt?" Und der Teufel sprach: "Niemals hatte dieselbe ein gutes
Ende, und wird solches auch niemals haben, denn sie fängt an im Bösen, und
zielt zum Bösen." Darauf fügte der Teufel an die Jungfrau hinzu:
"Du, Jungfrau, gieb mir Gewalt über jene." Und die Jungfrau
antwortete: "Warum nimmst du sie nicht in deine Gewalt?" Der Teufel
sprach: "Das vermag ich nicht, weil ich nicht imstande bin, ein
zweifaches Blut, das in einem Gefäße vermischt worden, voneinander zu
scheiden und zu sondern; das Blut der Liebe Gottes ist mit dem Blute der Liebe
ihres Herzens vermischt."Darauf
sprach die selige Jungfrau weiter: "Weshalb läßt du sie nicht in ihrer
Ruhe bleiben?" Der Teufel entgegnete: "Das werde ich nimmer thun,
weil, wenn ich nicht imstande sein werde, sie durch eine Todsünde zu töten,
ich dann dafür sorgen werde, daß sie für die läßliche Sünde gegeißelt
werde. und kann ich auch dies nicht bewirken, dann will ich meinen Dorn in
ihre Haarlocken werfen; das Bemühen, denselben herauszuziehen, wird sie
vielfältig beunruhigen, d. h. ich will ihr verschiedene Gedanken ins Herz
senden, von denen sie nach allen Seiten hin in Unruhe versetzt werden
wird." Hierauf sprach die Jungfrau: "Ich will ihr helfen; denn so
oft sie dieselben herauszieht und dir ins Angesicht wirft, so oft wird ihr die
Sünde verziehen, und ihre Krone und Lohn erhöht werden."
Eines Tages ward Frau Brigitta von einem heftigen Verlangen
nach Speise versucht. Im Geiste entrückt sah sie darauf einen Mohren, der in
der Hand etwas hatte, wie einen Bissen Brotes, und einen Jüngling, welcher
ein vergoldetes Gefäß hielt. Der Jüngling sprach zum Mohren: "Weshalb
beunruhigst Du diejenige, welche meiner Hut übergeben ist?" Der Mohr
erwiderte: "Weil sie sich der Abstinenz rühmt, welche sie nicht gehalten
hatte, deshalb reiche ich ihr meinen Bissen, auf daß ihr das Gröbere süß
werde; denn nur Christus hat eine gewisse Zeit gefastet und nichts gegessen.
Auch die Propheten haben Brot gegessen und getrunken nach dem Maße; deshalb
haben sie hohe Dinge verdient. Wie aber soll diese Verdienst erlangen, wenn
sie beständig Sättigung empfindet?" Der Jüngling antwortete!
"Christus lehrte fasten, daß der Leib nicht geschwächt werde, und sucht
nicht, was der Natur unmöglich ist, sondern Mäßigkeit. Er fragt auch nicht,
was und wie viel einer zu sich nimmt, sondern in welcher Absicht und mit
welcher Liebe er's nimmt; denn die Gewohnheit der guten Erziehung muß mit
Danksagung festgehalten werden, damit das Fleisch nicht zu sehr geschwächt
werde." Hierauf verschwand der Teufel, und die Frau ward von der
Versuchung frei. ![]()
Christus sagt zur Braut, daß die Ordens- und andere Geistlichen, welche vom heiligen Geiste Trost empfangen, Gott aber nicht demütig dafür danken, sondern die Gnade gering achten, in derselben sich überheben und an der Welt belustigen, auch des geistlichen Lebens überdrüssig sind, einem dürstenden, undankbaren Armen ähnlich sind, welcher, nachdem er den Trunk versucht, denselben schmählich dem Geber in die Augen spritzt.
"Es giebt manche, die wie ein dürftiger Mensch sind,
welcher Durst leidet; ein Hausvater, der seine Stimme hört, reicht ihm den
besten Trank, den er hat. Nachdem jener den Trunk empfangen und gekostet,
spricht er: Der Trank gefällt mir nicht, und ich danke Dir dafür nicht; und
so schleudert er dem Geber den Trank in die Augen, und vergilt mit Schmach die
Liebe. Der Hausvater, ein sanftmütiger Mann, nimmt die Schmach hin, und denkt
also: Siehe, mein Gast hat mich schwer beleidigt; ich will mich aber nicht an
ihm rächen, bevor wir beide vor den Richter gekommen, und die Zeit des
Gerichtes sein wird. Und damit wischt er sich den Flecken von Gesicht und
Stirn, und trocknet sich ab. So thun mir jetzt viele Ordensgeistliche; denn in
ihrer Armut und Verachtung, und bei dem Widerspruche der Welt rufen sie zu
mir, und sprechen: Herr, von allen Seiten kommt uns Trübsal und Verachtung,
gieb uns einigen Trost. Da habe ich aus großer Barmherzigkeit Mitleid mit
ihnen, und reiche ihnen den besten Wein, d. h. den heiligen Geist, dessen
Süßigkeit ihre Seelen erfüllt, dessen Glut sie um Verachtung und Armut sich
nicht bekümmern läßt. Wenn sie aber den Wein meines Geistes gekostet und
eine Zeit lang gehabt haben, mißachten sie denselben und danken mir nicht,
sondern schütten mir denselben ins Antlitz, weil sie sich vornehmen und
wünschen, lieber mit der Welt zu sein, und überheben sich wegen der Gnade,
welche sie haben. Also thut mir jetzt auch derjenige, den Du kennst. Als
derselbe arm und verlassen war, tröstete ich ihn mit meinem Geiste, als er
verachtet war und keine Freude der Seele hatte, erquickte ich ihn mit meiner
Freude; denn obwohl ich nicht mit leiblicher Stimme rede, noch meine Worte
öffentlich
gehört werden, so ermahnt doch mein Geist in meinen Auserwählten mit
innerlicher Einsprechung, daß sie Gutes thun, und regt sie stärkend zu noch
Höherem an. Jener aber, nachdem er meinen Geist gekostet, und die Gnade
meines Trostes empfangen, achtet, was ich ihm gegeben, gleichsam für nichts,
und überlegt sich, wie er mir meinen Trunk ins Gesicht schütte, was er
bisher noch nicht gethan hat. Siehe her und betrachte, wie geduldig und
barmherzig ich bin, weil ich ihn nicht allein geduldig ertrage, sondern ihm
auch seine Undankbarkeit mit Gutem vergelte. Denn er hat jetzt eine größere
Ehre und mehr Wohlwollen unter den Menschen, denn zuvor, und es wird ihm
reichlicher, denn gewöhnlich, das Notwendige gespendet; gleichwohl dient er
mir dafür jetzt weniger, als zuvor. Meine Gnade hält er für nichts, und
meine Liebe keiner Ehre wert. Also steht er wie ein Mensch, der bei sich
überlegt, wie er den Trunk dem Geber ins Angesicht werfe, und dessen Herz die
Welt, welche er verlassen, mehr ergötzt, als ich. Was er übernommen, dünkt
ihm schwer zu sein; das geistliche Leben ist ihm zum Überdruß. Dies besser
zu prüfen, giebt Dir genugsam der veränderte Geruch zu erkennen. Denn so
lange er mir mit ganzem Herzen diente, und sich inbrünstiger an mich
schmiegte, ward an seinen Gewändern ein gewisser süßer Wohlgeruch
wahrgenommen. Es ist auch kein Wunder, weil die Engel, welche voll Kraft sind,
die Freunde Gottes täglich umgeben und schützen. Nun aber, nachdem sein
Wille sich geändert hat, hat sich auch der Geruch geändert, und es wird nun
ein solcher Geruch verspürt, wie der Wille und die Absicht des Herzens ist.
Was aber werde ich thun, wenn mir mein Trunk ins Gesicht geschleudert wird?
Fürwahr, ich werde denselben abwischen, wie ein sanftmütiger Mensch, und
geduldig ertragen, bis die Zeit meines Gerichtes und der allgemeine Ratschluß
herbeigekommen sein wird, so daß alsdann allen die Undankbarkeit und
Vermessenheit des Schmähers sichtbar werde, und die Geduld des leidenden
Herrn an den Tag kommt."
Dieser war ein Mönch im St. Paulskloster, welcher Buße
that und durch ein gutes Ende zur Ruhe ging. ![]()
Christus klagt über die Menschen, welche sich in fleischlichen Lüsten vergnügen und die künftige Herrlichkeit und die Wohlthaten seines Leidens verachten. Ihr Gebet wird mit der Stimme eines Rohres und dem Laute zusammengeschlagener Steine verglichen. Solche werden verdammt werden und alsdann die Herrlichkeit Gottes in, über und unter dem Himmel, sowie außerhalb desselben und aller Orten schauen zu ihrer Schande.
"Jener, den Du kennst, singt: Erlöse mich, Herr, von
den bösen Menschen! (Psalm CXXXIX.) Diese Stimme tönt in meinen Ohren wie
die Stimme einer Pfeife, wie der Klang eines Rohres, die Stimme seiner Lippen
ist wie der Schall zweier Steine, die zusammengeschlagen werden. Wer wird
antworten können auf seinen Ton, da man nicht weiß, was derselbe vorstellt?
Sein Herz ruft gleichsam mit drei Stimmen zu mir. Die erste spricht: Ich will
meinen Willen haben, will schlafen und aufstehen, wann es mir gefällt; auf
meinen Lippen werden die Worte sein, welche mir gefallen. Was ergötzt und
süß ist, soll in meinen Mund eingehen. Sparsamkeit zu üben ist nicht meine
Sorge, sondern ich suche die Sättigung der Natur, und was sie begehrt, werde
ich ihr ausreichend geben. Ich will Geld in den Beutel haben, und weiche
Kleider über den Leib; habe ich dies, dann habe ich meine Freude, und was ich
verlange, dies halte ich für Glück. Seine zweite Stimme ruft und spricht:
Der Tod ist nicht so hart, als man sagt; das Gericht nicht so streng, wie
geschrieben steht, denn die Prediger drohen zur Warnung mit größeren und
härteren Strafen, aber um der Barmherzigkeit willen werden sie gemindert.
Mein Vergnügen und mein Bestes ist es, in der gegenwärtigen Zeit meinen
Willen zu haben, die Seele jedoch mag gehen, wohin sie kann. Die dritte Stimme
aber ruft und spricht: Gott würde mich nicht erschaffen haben, wollte er mir
nicht das Himmelreich geben. Er hätte nicht gelitten, wenn er mich nicht in
das Vaterland hineinführen gewollt. Weshalb aber hat er so bittere Pein
leiden wollen? Wer trieb ihn an? Oder welchen Nutzen hat er davon? Wie ich vom
Himmelreich wissen könne, begreife ich nicht, ich kenne es nur durch
Hörensagen. Auch die Güte sehe ich nicht. Ob man glauben muß oder nicht,
ich weiß es nicht. Dagegen weiß ich, daß es meine Freude sein würde, wenn
ich meinen Willen hätte, und das würde ich für mein Himmelreich halten.
Siehe: also sind seine Gedanken und sein Wille beschaffen; deshalb lautet
seine Stimme in meinen Ohren wie ein Klang von Steinen. Aber auf die erste
Stimme seines Herzens antworte ich ihm: Freund, Dein Weg ist nicht zum Himmel,
und der Gedanke an mein Leiden schmeckt Dir nicht; deshalb ist Dir die Hölle
eröffnet worden, weil Dein Leben das Niedrige sucht und in der Tiefe sich
gefällt. Auf die zweite Stimme antworte ich Dir: Sohn, der Tod wird Dir hart
ankommen, das Gericht wird unerträglich sein und es wird Dir unmöglich sein,
zu fliehen; Du wirst eine harte Strafe erleiden, wofern Du Dich nicht
besserst. Auf die dritte Stimme Deines Herzens antworte ich Dir: Bruder,
alles, was ich aus Liebe gethan, habe ich für Dich gethan, damit Du mir
ähnlich sein, Dich bekehren und wieder zu mir wenden möchtest. Nun aber ist
meine Liebe in Dir erloschen, meine Werke sind Dir beschwerlich, meine Worte
erscheinen Dir thöricht, mein Weg schwierig; deshalb erübrigt Dir eine
bittere Strafe und die Gesellschaft der Teufel, wenn Du Dein Herz nicht zum
Bessern wendest. Mir, Deinem liebreichsten Herrn und Schöpfer, wendest Du
nicht Dein Gesicht, sondern kehrst mir den Rücken zu; Du liebst, um mich zu
verachten, meinen Feind, Du trittst meine Zeichen unter die Füße, und
richtest kühn die Zeichen des Feindes auf. Siehe, wie jene, welche die Meinen
zu sein scheinen, jetzt vor mir stehen, siehe, wie sie sich abgewandt haben.
Das aber sehe ich und leide es geduldig. In ihrer Herzenshärtigkeit wollen
sie aber noch nicht merken, was ich für sie gethan, und wie ich vor ihnen
gestanden. Einen dreifachen Anblick gewährend stand ich vor ihnen: Erstens
als ein Mensch, dessen Augapfel ein scharfes Messer durchdrang; zweitens als
ein Mensch, dessen Herz von einem Schwerte durchbohrt ward; drittens als ein
Mensch, dem vor der Bitterkeit des bevorstehenden Leidens alle Glieder
erstarrten. So befand ich mich vor ihnen. Was bedeutet nun der Augapfel
anderes, als meinen Leib, für welchen das Leiden so bitter war, wie der
Schmerz, wenn der Augapfel durchbohrt wird und ich duldete dasselbe
nichtsdestominder aus Liebe. Was aber bedeutet das Schwert sonst, als
den Schmerz meiner Mutter, der mein Herz schwerer betrübte, als mein eigener
Schmerz? Drittens haben mein ganzes Innere und alle meine Glieder bei meinen
Leiden gezittert. So stand ich vor ihnen, und solches litt ich für sie.
Allein das alles verachten, das alles vernachlässigen sie, wie der
nachlässige Sohn seine Mutter. Bin ich ihnen nicht wie eine Mutter gewesen,
welche, wenn sie mit einem Kinde gesegneten Leibes ist, in der Stunde der
Geburt wünscht, das Kind möge lebend aus ihrem Schoße hervorgehen, und die,
wenn dasselbe die Taufe erlangt hat, nach dem eigenen Tode nichts fragt? Also
habe ich an dem Menschen gethan. Wie eine Mutter habe ich den Menschen aus der
Finsternis der Hölle durch mein Leiden an den ewigen Tag geboren, mit großer
Beschwerde habe ich ihn gleichsam in meinem Schoße getragen, indem ich alles,
was prophezeiet worden, erfüllt habe, mit meiner Milch habe ich ihn gespeist,
als ich ihm heilige Worte geoffenbart und die Gebote des Lebens gegeben habe.
Der Mensch aber vergilt, wie ein böser Sohn, welcher den Schmerz seiner
Mutter nicht beachtet, meine Liebe mit Verachtung und Härte; für die
Schmerzen des Leibes macht er mich weinen; meinen Wunden fügt er noch
Schwachheit hinzu, für meinen Hunger reicht er mir Steine, für den Durst
sättigt er mich mit Kot. Was ist aber das für ein Schmerz, den mir der
Mensch anthut, da ich doch nicht zu beunruhigen bin, nicht leiden kann, und
ewig Gott bleibe? Wahrlich, alsdann thut mir der Mensch gleichsam Schmerz an,
wenn er sich durch die Sünde von mir trennt, nicht, als ob einiger Schmerz
auf mich fallen könnte, sondern wie einer um des anderen Unglück zu trauern
pflegt. Hat mir der Mensch schon damals Schmerz zugefügt, als er nicht wußte,
was und wie schwer die Sünde war, da er weder die Propheten, noch das Gesetz,
noch die Worte meines Mundes vernommen hatte, so nötigt er mich jetzt außer
dem Schmerze auch noch zu Klagen, obwohl ich unveränderlich bin, wenn er,
obgleich er meine Liebe und meinen Willen hat kennen gelernt, wider meine
Gebote handelt, und keck wider die Vernunft seines Gewissens sündigt.
Infolgedessen fahren jetzt viele, weil sie Erkenntnis meines Willens haben,
tiefer zur Hölle hinab, als wenn sie die Gebote nicht erhalten hätten.
Ebenso brachte mir der Mensch gewisse Wunden bei, obwohl ich, Gott, nicht
verwundet werden kann, da er
Sünde zur Sünde fügte und nun aber suchen sie außer den Wunden mich in
schädlicher Weise kraftlos zu machen, da sie nicht nur die Sünden
vervielfältigen, sondern, sich derselben rühmen, und keine Buße darum thun.
Der Mensch giebt mir außerdem Steine für Brot, und Kot gegen den Durst. Was
anderes ist das Brot, so ich begehre, als die Förderung der Seelen, die Reue
des Herzens, das göttliche Verlangen und die in Liebe glühende Demut? Statt
dieser giebt mir der Mensch Steine durch seines Herzens Härtigkeit. Er
sättigt mich mit dem Kote der Unbußfertigkeit und durch leeres Vertrauen.
Sie verachten, durch Mahnungen und Strafen zu mir zurückzukehren;
verschmähen, mich anzublicken und meine Liebe zu erwägen. Deshalb kann ich
mich mit Fug beklagen, daß ich sie wie eine Mutter mit dem Schmerze meines
Leidens ans Licht geboren habe; sie aber wollen lieber in der Finsternis sein.
Ich habe sie mit der Milch meiner Süßigkeit gespeist, und thue es noch; sie
aber achten es nicht. Deshalb fügen sie freventlich zum Schmerze, den mir
ihre Unwissenheit bereitet, auch den Kot der Bosheit hinzu, sie sättigen
mich, den sie mit den Thränen der Tugenden erquicken sollten, mit der Sünde;
sie reichen mir, dem sie die Süßigkeit ihres Wandels darbieten sollten,
Steine dar. Deshalb werde ich wie ein gerechter Richter, welcher in seiner
Gerechtigkeit Geduld, in der Gerechtigkeit Barmherzigkeit und in der
Barmherzigkeit Weisheit hat, mich zu seiner Zeit wider sie erheben, wie sie es
verdienen, und sie werden meine Herrlichkeit in, über und unter dem Himmel,
sowie außerhalb und aller Orten, auf allen Hügeln, in allen Thälern, sowie
auch diejenigen schauen, welche verdammt worden, selber aber zu verdienter
Beschämung zu Schanden werden."
Dieser war ein Mönch im Kloster des heiligen Laurentius.
Er ward von Feinden erschlagen, starb und wurde in der Kirche des heiligen
Laurentius begraben. Der heilige Laurentius aber erschien, wie er mit dem
Richter redete: "Was thut dieser Landstreicher unter meinen
Auserwählten, deren Leiber ihr Blut für Dich vergossen haben? Hat aber
dieser Mönch nicht seine Wollust geliebt?" Und sofort wurde geschaut,
wie der Leichnam mit garstigem Gestanke und Schrecken aus dem Grabe geworfen
ward. Darauf sprach der Richter zur Seele, welche dabeistehend erblickt ward:
"Gehe hin, Elende, unter
die Unbeschnittenen und Fehlgeborenen, denen Du gefolgt bist, weil Du nicht
Deines Vaters Stimme hast hören wollen." Damit verschwand die
Erscheinung.
Die Mutter der Barmherzigkeit spricht, daß der Mensch, welcher Reue und den Willen hat, sich zu bessern, gleichwohl aber kalt ist in der Andacht und Liebe Gottes, von Gott ein Fünklein des göttlichen Feuers mittels häufigen Nachdenkens über das Leiden Christi zu erlangen suchen soll. Dadurch wird die Seele mit göttlicher Glut erwärmt und gesäugt mit den Brüsten der Jungfrau, d. h. mit der Tugend der Furcht Gottes und des Gehorsams.
Die Jungfrau Maria sprach: "Ich bin wie eine Mutter,
welche zwei Söhne hat. Dieselben können aber ihrer Mutter Brüste nicht
erreichen, weil sie gar zu kalt sind, auch in einem kalten Hause wohnen. Die
Mutter liebt sie jedoch so sehr, daß sie, wofern es möglich wäre, sich zum
Frommen ihrer Söhne die Brüste abschneiden möchte. Ich bin fürwahr die
Mutter der Bamherzigkeit [sic!], weil ich mich aller Elenden erbarme, welche
um Verzeihung bitten. Ich habe gleichsam zwei Söhne; bei den einen ist die
Reue, wenn sie wider meinen Sohn sündigen; bei den anderen der Wille, das zu
bessern, was gesündigt worden. Allein diese beiden Söhne sind gar kalt, weil
sie keine Wärme der Liebe, kein Verlangen göttlicher Lust haben, und das
Haus ihrer Seele ist so unerwärmt von der Flamme göttlichen Trostes, daß
sie meine Brust nicht empfangen können. Ich aber bin, weil ich barmherzig
bin, zu meinem Sohne gegangen, und habe gesagt: Mein Sohn, Lob und Ehre sei
Dir für alle Liebe, die Du mir erwiesen. Ich habe zwei Söhne; erbarme Dich
derselben, weil sie wegen ihrer Kälte die Brust der Mutter nicht empfangen
können. Da antwortete mein Sohn: Geliebte Mutter, um Deinetwillen will ich
ein Fünklein in ihr Haus werfen, woraus ein reichliches Feuer sich entzünden
kann. Laß darum das Fünklein sich anzünden und unterhalten, und wärme
Deine Söhne, auf daß sie Deine Brust zu empfangen vermögen." Darauf
redete die Mutter mit der Braut, und sprach: "Derjenige, für den Du
bittest, hat zu mir eine besondere Andacht gehabt, und obwohl er sich in
unendlich viel Elend brachte, hat er doch immer auf meine Hilfe
vertraut, und gegen mich eine gewisse Wärme empfunden, dagegen zu meinem
Sohne keine Liebe und keine göttliche Furcht vor ihm gehabt; würde er damals
aus der Welt abberufen worden sein, so würde er bei seinen bösen Werken ohne
Ende gepeinigt werden. Weil ich aber voll Barmherzigkeit bin, habe ich seiner
nicht vergessen und es ist in ihm um meinethalben noch einige Hoffnung des
Guten, wenn er selber sich persönlich helfen will; denn er hat nun Reue über
die begangenen Sünden, und den Willen, sich zu bessern, allein er ist noch zu
kalt in der Liebe und Andacht, und deshalb, damit er möge erwarmen [sic!] und
meine Brust nehmen können, muß ein Funken in das Haus seiner Seele geworfen
werden, d. h. die Betrachtung des Leidens meines Sohnes soll ihm häufig in
seinem Gedächtnisse sein. Er soll betrachten, wie der Sohn Gottes und der
Sohn der Jungfrau, welcher mit dem Vater und dem heiligen Geiste Ein Gott ist,
gelitten hat; wie er gefangen worden ist und Backenstreiche erhalten hat und
verspieen wurde; wie er ferner bis auf die Eingeweide gegeißelt worden, daß
das Fleisch mit den Geißeln herabgerissen ward; wie er unter
Auseinanderzerrung und Durchbohrung aller Nerven schmerzvoll am Kreuze
gehangen, und rufend am Kreuze seinen Geist aufgegeben hat. Bläst er dieses
Fünklein häufig an, dann wird er selber warm, und ich will ihn alsdann an
meine Brüste emporheben, d. h. zu den beiden Tugenden, welche ich gehabt,
nämlich der Furcht Gottes und dem Gehorsame. Denn obwohl ich niemals
gesündigt, habe ich doch stündlich gefürchtet, durch Wort oder Wandel
meinen Gott zu beleidigen. Mit dieser Furcht werde ich meinen Sohn säugen,
nämlich die Reue meines vorerwähnten Andächtigen, für welchen Du bittest,
damit er nicht allein Reue darüber empfinde, daß er böse gehandelt, sondern
auch die Strafe fürchte und fürchte, meinen Sohn Jesum Christum wieder zu
beleidigen. Ich will auch seinen Willen an der Brust meines Gehorsams säugen,
denn ich bin die, welche Gott nie ungehorsam war. So will ich denn über
denjenigen, wenn er in der Liebe meines Sohnes warm geworden, den Gehorsam
kommen lassen, mittels dessen er in allem, was ihm geboten worden, gehorsam
sein wird." ![]()
Dieser war ein Anverwandter der Frau Brigitta, ein großer Weltling, der, durch göttliche Anmahnung zur Reue bewegt, sich bekehrte. Er pflegte zu sagen: "So lange ich die Buße gescheut habe, fühlte ich mich wie mit einer Kettenlast beschwert; nachdem ich angefangen, die Beichten öfter vorzunehmen, fühle ich mich so erleichtert und im Gemüte voll Frieden, daß ich auf die Ehren und Schäden des Hauses nicht achte. Und nichts ist mir süß, als von Gott zu reden und zu hören." Als dieser die Sakramente Gottes empfangen, Jesum im Munde hatte, und dabei sprach: "Süßer Jesu, erbarme Dich meiner!" entschlief er im Herrn.
Während die Jungfrau Maria für einen Abgeschiedenen betet, der ihr in Andacht ergeben gewesen war, spricht Christus, daß die Wohlthaten seiner Erbfolger, welche für seine Seele aufgewendet worden, ihm wenig nützen, weil sie mehr aus Hoffart und zur Ehre der Welt erfolgten, als aus liebender Hingabe an Gott, daß ihm aber um der Gebete der Jungfrau willen die Pein erleichtert werde.
Maria sprach: "Gebenedeit sei Dein Name, mein Sohn, Du
bist der König der Herrlichkeit und ein mächtiger Herr, und hast
Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit. Dein mir überaus teurer Leib, welcher in
meinem Leibe ohne Sünde geboren und ernährt worden, ist heute für die Seele
jenes Verstorbenen in der heiligen Messe konsekriert worden. Ich bitte Dich
daher, teuerster Sohn, daß er seiner Seele nützen möge und daß Du Dich
seiner erbarmest." Der Sohn antwortete: "Gebenedeit seist Du, meine
Mutter, gebenedeit von jeglichem Geschöpfe, weil Deine Barmherzigkeit
unzählbar ist. Ich bin einem Menschen ähnlich, welcher einen kleinen Acker
von ungefähr fünf Fuß Größe um einen sehr großen Preis kaufte, weil das
beste Gold darin verborgen war. Der Acker ist dieser Mensch mit seinen fünf
Sinnen, den ich mit meinem höchst kostbaren Blute erkauft und erlöst habe,
und in welchem kostbares Gold war, d. h. eine von meiner Gottheit erschaffene
Seele, welche jetzt vom Leibe hinweggenommen worden, so daß die Erde allein
übrig bleibt. Seine Erbfolger sind einem mächtigen Manne ähnlich, welcher
zu Gericht
geht, und dem Henker zuruft: Trenne mit dem Schwerte sein Haupt von seinem
Leibe, laß ihn nicht lange leben, und schone seines Blutes nicht. Ebenso
machen es jene Erben, welche gleichsam ins Gericht gehen, wenn sie, wie es
sich wohl geziemte, für das Seelenheil ihres Vaters Gutes zu thun sich den
Anschein geben. Sie rufen dem Henker zu: Haue ihm den Kopf vom Leibe. Und wer
ist dieser Henker, als der Teufel, welcher die ihm zusagende Seele von ihrem
Gott scheidet? Sie rufen ihm zu: Trenne sein Haupt! - weil sie das Gute ohne
Demut thun und mehr aus Hoffart und um der Ehre vor der Welt willen, als aus
göttlicher Liebe. Durch die Hoffart wird das Haupt, nämlich Gott, vom
Menschen gesondert, wie er durch Demut mit ihm verbunden wird. Sie rufen: Laß
ihn nicht länger leben! - wenn sie um seinen Tod unbekümmert sind, damit sie
seine Güter bekommen; sie rufen: Schone sein Blut nicht! wenn sie seine
bittere Pein nicht rührt, noch wie lange er darin sein möge, wofern sie nur
ihren Willen vollbringen können; denn ihr Gedanke ist gänzlich der Welt
zugewendet, und mein Leiden gilt ihnen für etwas geringes." Darauf
antwortete die Jungfrau: "Mein Sohn, ich habe Deine strenge Gerechtigkeit
gesehen. Nicht zu dieser rede ich, sondern zu Deiner liebreichsten
Barmherzigkeit. Darum erbarme Dich seiner um meiner Bitten willen, denn er
betete täglich mir zu Ehren meine Tageszeiten. Rechne ihm auch das
hoffärtige Thun seiner Nachkommen nicht an, das sie in Ausübung bringen, da
sie sich erfreuen, während er weint und untröstliche Strafe erleidet."
Ihr antwortete der Sohn: "Gebenedeit seist Du, teuerste Mutter, Deine
Worte sind voll Süßigkeit, und süßer denn Honig; Deine Worte kommen aus
meinem Hetzen. das voll ist der Barmherzigkeit und Deiner Worte Klang ist
Barmherzigkeit. Derjenige, für welchen Du bittest, wird um Deinetwillen
dreifache Gerechtigkeit erfahren. Erstens wird er aus den Händen der Teufel,
welche wie Raben unersättlich ihn peinigen, gerettet werden; denn wie Vögel,
welche ein schreckliches Geräusch vernehmen,die Beute, welche sie in den
Krallen halten, aus Furcht vor dem Geräusche im Stiche lassen und entfliehen,
so werden um Deinetwillen die Teufel seine Seele fahren lassen, und dieselbe
nicht weiter berühren, noch feindlich behandeln; zweitens wird dieselbe aus
einem größeren Feuer, in ein milderes gebracht werden; drittens werden
ihn die heiligen Engel trösten. Doch ist er dann noch nicht ganz frei, und
bedarf noch der Hilfe; denn Du kennst und siehst in mir alle Gerechtigkeit,
daß niemand zur Seligkeit eingehen kann, wenn er nicht wie Gold durch's Feuer
gereinigt worden. Darum wird er um Deines Gebetes willen zur kommenden Zeit
der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gänzlich erlöst werden."
Christus nimmt auf Bitten seiner Mutter einen gewissen Bischof auf, der entblößt ist von guten Werken, aber neuerlich zur Reue und zu einem heiligen Vorsatze des Lebens bekehrt worden, und bekleidet ihn mit Barmherzigkeit und göttlicher Süßigkeit, indem sie ihn lehrt, wie er demütig ohne Begierlichkeit leben, und wie er seine Untergebenen, wenn dieselben fehlen, mit Barmherzigkeit und Gerechtigkeit strafen soll.
Der Sohn sprach: "Jener Prälat, für welchen Du, meine
Braut, mich bittest, hat sich schon in dreifacher Weise mir wieder zugewendet.
Erstens wie ein nackter Mensch; zweitens wie ein Mann, der ein Schwert in der
Hand hält, drittens wie einer, der die Hand ausstreckt und um Verzeihung
bittet. Darum wende ich mich jetzt auch um des Gebetes meiner Mutter willen zu
ihm, und werde ihm entgegeneilen wie eine Mutter dem verloren gewesenen,
wieder gewonnenen Sohne, und obwohl meine Apostel ihre Gebete mir für ihn
aufgeopfert, aber wenig Gnade für ihn erlangt haben, weil er, nachdem er eine
hohe Würde in meiner Kirche erhalten, mir entgegen gewesen ist, und sich für
sie nicht wie eine Prälat eingesetzt hat; so will ich ihn jetzt dennoch
kleiden, auf daß er nicht nackt sei. Seine Nacktheit aber ist der Mangel an
guten Werken, welche seine Seele mit Tugenden hätten bekleiden sollen.
Dieselbe erscheint nun aber, obwohl sie sich bekleidet vorkam, nackt vor
meinen Augen und um des Gebetes meiner Mutter und meiner Heiligen willen will
ich ihm jetzt Hilfe gewähren, auf daß er bedeckt und bekleidet werden
könne, weil er nackt zu mir gekommen ist. Dann aber kommt er nackt zu mir,
wenn er bei sich also denkt: Ich habe nichts Gutes von mir, ich vermag nichts
Gutes ohne Gott, und bin keinerlei Guten würdig und wenn ich wüßte, wie ich
Gott gefallen
könnte, und was ihm gefällig wäre, würde ich es, auch wenn ich sterben
sollte, gern thun; solches denkend kommt er nackt zu mir, und deshalb will ich
ihm entgegeneilen und ihn bekleiden. Er hatte auch ein Schwert in den Händen,
als er die Strenge meines Gerichtes betrachtete, und bei sich sprach: Das
Gericht Gottes ist unerträglich, die Flucht aber unmöglich; deshalb will ich
gern alles, was Gott von mir will, und bin mit meinem Willen bereit zu dem
seinigen, weil ich keine guten Werke habe; es geschehe nach seinem Willen,
aber nicht nach dem meinigen! Dieser Gedanke und dieser Wille haben von ihm
das Schwert meiner Strenge hinweggenommen, und ihm meine Barmherzigkeit
gewährt. Drittens streckte er die Hand aus, als er bei sich folgende
Betrachtung anstellte: Ich weiß, daß ich gesündigt habe über die Maßen
und des Gerichtes würdig bin; allein auf Deine Güte vertrauend, Herr Gott,
hoffe ich auf die Hilfe, denn Du hast Deinen Verfolger Paulus nicht
verschmäht, noch die Sünderin Magdalena verachtet; deshalb, Herr, wende ich
mich zu Dir, auf daß Du mir thust nach Deiner großen Liebe und
Barmherzigkeit. Um dieser Gedanken und dieses Verlangens willen werde ich ihm
die Hand meiner Barmherzigkeit reichen, und ihm meine Süßigkeit vermehren,
wofern er nur folgende drei Stücke, welche ich nenne, mannhaft erfüllt haben
wird. Erstens muß er jegliche Hoffart und Ruhmsucht von sich hinwegthun, und
die wahre Demut annehmen; zweitens soll er aus seinem Herzen alle
Begierlichkeit entfernen, auf daß er die ihm verliehenen zeitlichen Dinge wie
ein guter Haushalter haben möge, der seinem Herrn Rechenschaft geben kann;
drittens soll er Sorge tragen, daß er weder seine, noch seiner Untergebenen
Sünde vernachlässige, sondern durch Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
verbessere, und meiner Werke gedenke, der ich aus Barmherzigkeit die Zöllner
und Huren um mich versammelt, die Hoffärtigen aber in meiner Gerechtigkeit
abgewiesen habe. Steht nicht geschrieben, daß ich einem, der zu mir kam und
sprach: Meister, ich will Dir nachfolgen, wohin Du gehst! geantwortet habe:
Nein! denn die Füchse haben ihre Höhlen u. s. w. Und weshalb habe ich ihn
verschmäht, wenn nicht, weil ich sein Herz und seinen Willen gesehen habe,
daß er Herrlichkeit und Unterhalt ohne Arbeit haben wollte? Und deshalb ward
er aus Gerechtigkeit von mir verworfen. Also soll
auch er thun. Denn wenn ein Sünder zu ihm kommt, der sich demütigt und unter
Darlegung einer entsprechenden Besserung um Verzeihung bittet, dem ist er
schuldig, Barmherzigkeit zu erweisen. Wen er aber auf dem Willen, im Sündigen
zu verharren, betroffen hat, und wer sich nicht bessern mag, den soll er in
angemessener Weise und klug mit Geißeln züchtigen, oder mit Geldstrafen
belegen. Er soll sich jedoch hüten, solche Züchtigung nicht aus
Begierlichkeit, sondern aus Liebe und Gerechtigkeit zu üben; auch soll er das
Geld zu solchem Gebrauche verwenden, daß er Gott gute Rechenschaft zu geben
vermöge, so zwar, daß jenes nach der Gerechtigkeit dem Sünder abgenommene
Geld weislich zu göttlichem Gebrauche verwendet werde. Würde aber der einmal
mit Geld Gestrafte sich nicht bessern wollen, dann mag er ihm die Pfründe und
seine höhere Würde entziehen, damit er zu Schanden werde, wie ein Esel, der,
wenn er einen goldenen Sattel trägt, für etwas gar Bedeutendes gehalten
werde, den man aber nach Abnahme des Sattels wie ein unvernünftiges Tier, das
er früher war, wieder laufen läßt. Also thue auch ich, der Schöpfer aller
Dinge. Denn erstlich strafe ich den Menschen durch zeitliche Trübsal, durch
Krankheit und was seinem Willen zuwider ist; und wenn er sich alsdann nicht
bessern will, nehme ich meine Barmherzigkeit von ihm hinweg, und übergebe ihn
der Strafe, welche ihm aus Gerechtigkeit bereitet worden."
Die Jungfrau Maria erschien der Braut und bat den Sohn für einen großen Herrn, welchen sie mit einem Straßenräuber vergleicht. Christus erzählt ihr die schweren Versündigungen desselben, erweist ihm aber dennoch auf ihr Gebet dreifache Gnaden: Er giebt ihm einen geistlichen Meister, Erkenntnis der ewigen, überaus schweren Pein und rechte Hoffnung der Barmherzigkeit mit weiser Furcht.
Maria redete zum Sohne und sprach: "Gebenedeit seist
Du, mein Sohn, ich begehre von Dir Barmherzigkeit für jenen Räuber, für
welchen Deine Braut betet und weint." Der Sohn antwortete: "Weshalb,
meine Mutter, betest Du für ihn? Er hat ja einen
dreifachen Raub begangen. Erstens hat er die Engel und meine Auserwählten
beraubt; zweitens hat er die Leiber vieler Menschen beraubt, weil er deren
Seelen vor ihrer Zeit von den Leibern schied; drittens hat er viele
unschuldige Menschen ihrer Güter beraubt. Zuerst hat er die Engel beraubt,
weil er die Seelen vieler, welche der Gemeinschaft der Engel zugesellt werden
sollten, durch leichtfertige Worte, böse Werke und Beispiele, durch
Gelegenheit und Verleitung zum Bösen von ihnen abgesondert, auch die Bösen
in ihrer Bosheit geduldet hat, welche er billig hätte strafen sollen.
Zweitens ließ er viele unschuldige in seinem Grimme töten. Drittens hat er
die Güter der Unschuldigen sich auf ungerechte Weise angemaßt, und den
Elenden eine unerträgliche Last auferlegt. Neben diesen hat er auch noch drei
andere böse Dinge an sich: Erstens ein übergroßes sinnliches Verlangen nach
der Welt; zweitens ein unenthaltsames Leben, denn obwohl er durch eine Ehe
gebunden ist, hält er dieselbe doch nicht aus göttlicher Liebe, sondern um
seine Lust zu befriedigen; drittens ist er voll Hoffart, so daß er niemand
sich für ähnlich hält. Siehe nun, von welcher Art derjenige ist, für
welchen Du bittest. In mir siehst Du alle Gerechtigkeit, und was einem
jeglichen gebührt. Habe ich nicht, als die Mutter des Jakobus und Johannes zu
mir trat und bat, es möge einer von ihnen zu meiner Rechten und der andere zu
meiner Linken sitzen, ihr geantwortet, daß, wer am meisten gearbeitet und
sich erniedrigt haben würde, zu meiner Rechten und meiner Linken sitzen
werde? Wie soll es nun einem gebühren, neben mir zu sitzen und bei mir zu
sein, der nicht mit mir und für mich, sondern vielmehr gegen mich
gearbeitet?" Die Mutter antwortete: "Gebenedeit seist Du, mein Sohn,
voll Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Ich sehe Deine furchtbare Gerechtigkeit
wie ein gar starkes Feuer und wie einen Berg, dem niemand sich zu nahen wagt;
dagegen sehe ich Deine mildeste Barmherzigkeit und zu dieser, mein Sohn, rede
ich und trete ich heran. Denn obwohl ich einiges Recht bei Dir an den Räuber
beanspruche, so kann er doch um desselben willen durchaus nicht gerettet
werden, wenn nicht Deine große Barmherzigkeit dazwischen tritt. Er ist gleich
einem Knäblein, das, obwohl es Mund, Augen, Hände und Füße hat, doch nicht
mit dem Munde reden, noch mit seinem Gesichte zwischen dem Feuer und der
Klarheit der Sonne zu unterscheiden, noch auf
den Füßen zu gehen, noch mit den Händen zu arbeiten. So ist dieser Räuber,
denn er ist von der Geburt an aufgewachsen zu den Werken des Teufels. Seine
Ohren waren verhärtet gegen gute Lehren, seine Augen verdunkelt für die
Erkenntnis der letzten Dinge; sein Mund war verschlossen für Dein Lob, und
die Hände waren zu verdienstlicher Arbeit für Gott so gänzlich und so sehr
geschwächt, daß jegliche Tugend und alles Gute in ihm erstorben war. Doch
zeigte sein Fuß gleichsam zwei Spuren. Sein Fuß war sein sehnsüchtiges
Verlangen in dem Gedanken, den er bei sich hatte: Ach, fände ich doch einen,
der mir sagte, wie ich mich bessern, wie ich meinen Gott besänftigen könnte,
denn wenn ich auch für ihn sterben müßte, würde ich es gern thun. Die
erste Spur gab er zu erkennen, da er sich oftmals fürchtete und dachte, wie
hart ihm jene ewige Strafe werden würde; die zweite, da er Schmerz um den
Verlust des Himmelreiches empfand. Darum, mein süßester Sohn, erbarme Dich
seiner um Deiner Güte und meiner Bitten willen." Der Sohn antwortete:
"Gebenedeit seist Du, süßeste Mutter, Deine Worte sind voll Weisheit
und Gerechtigkeit, und weil in mir alle Gerechtigkeit und alle Barmherzigkeit
ist, so habe ich dem Räuber schon dreifach das Gute vergolten, das er mir
dargebracht hat. Weil er den Vorsatz gehabt hat, sich zu bessern, habe ich ihm
meinen Freund gezeigt, der ihm den Weg des Lebens gewiesen; für die öfteren
Gedanken an die ewigen Strafe habe ich ihm eine größere Erkenntnis der
ewigen Pein als zuvor gegeben, auf daß er in seinem Herzen einsehen möge,
wie bitter die ewige Strafe ist; für den Schmerz um den Verlust des
Himmelreiches habe ich seine Hoffnung erleuchtet, auf daß er fortan richtiger
hoffe und eine weisere und klügere Furcht hege, als zuvor." Darauf
redete die Mutter wiederum: "Gebenedeit seist Du, mein Sohn, von
jeglicher Kreatur im Himmel und auf Erden, daß Du kraft Deiner Gerechtigkeit
dem Räuber diese drei Dinge vergolten hast; deshalb bitte ich, Du wollest
Dich würdigen, ihm auch Deine Barmherzigkeit zu gewähren, weil Du nichts
thust ohne Gerechtigkeit. Gewähre ihm also vermöge Deiner Barmherzigkeit um
meiner Bitte willen eine Gnade, und eine zweite um Deines Dieners willen,
welcher mir anliegt, für den Räuber zu bitten. Die dritte Gnade aber
gewähre ihm für die Thränen und die Gebete meiner Tochter, Deiner
Braut."
Ihr antwortete der Sohn: "Gebenedeit seist Du, teuerste Mutter,
Gebieterin der Engel und Königin aller Geister. Deine Worte sind mir süß
wie der beste Wein, köstlich über alles, was gedacht werden mag, und erprobt
in aller Weisheit und Gerechtigkeit. Und gebenedeit sei Dein Mund und Deine
Lippen, aus welchen alle Barmherzigkeit gegen die elenden Sünder hervorgeht.
Du wirst wahrhaftig gepriesen als die Mutter der Barmherzigkeit, denn Du
siehst an das Elend aller, und bewegst mich zur Barmherzigkeit. Bitte also,
was Du willst, denn Deine Liebe und Bitte können nicht vergeblich sein."
Darauf antwortete die Mutter: "Dieser Räuber, mein Herr und mein Sohn,
steht in großer Gefahr, wenn auch sein Fuß noch zwei Spuren zeigt; darum
gieb ihm, damit er fester stehen könne, das, was mir das Teuerste ist, d. h.
Deinen heiligsten Leib, welchen Du von mir, ohne irgend eine Begierlichkeit,
in aller Reinigkeit zu Deiner Gottheit angenommen hast. Dieser Dein Leib ist
die bereitwilligste Hilfe der Kranken; er giebt den Blinden das Gesicht, den
Tauben das Gehör, den Lahmen das Vermögen, zu gehen, den Händen das Werk,
er ist ein gar starkes und liebliches Pflaster, wovon die Kranken gar schnell
gesunden. Gewähre ihm also erstens, daß er in sich Hilfe empfinde, und sich
darin in brünstiger Liebe erfreue. Zweitens bitte ich, Du wollest Dich
herablassen, ihm zu zeigen, was er thun soll, und wie er Dich wird versöhnen
können. Drittens bitte ich, daß ihm Ruhe gewährt werden möge vor der
Brunst seines Fleisches um der Bitten derer willen, welche Dich für ihn
bitten." Der Sohn antwortete wieder: "Teuerste Mutter, Deine Worte
sind in meinen Ohren süß wie Honig, aber weil ich gerecht bin, und Dir
nichts abgeschlagen werden kann, will ich über Deine Bitte wie ein weiser
Herr bei mir Rats pflegen, nicht darum, weil einiger Wandel bei mir wäre,
oder daß Du nicht alles weißt und siehst in mir, sondern ich schiebe es auf
um der Braut willen, welche dasteht, damit sie meine Weisheit verstehen
möge." ![]()
Christus sagt, daß, wenn der ebengedachte Räuber die Kommunion des Altars empfangen wolle, er zuvor Reue über die begangenen Sünden empfinden und den Willen haben müsse, sich zu bessern und fernerhin nicht zu sündigen, sondern im Guten zu verharren. Er lehrt auch andere Mittel, durch welche er sich mit Gott, den Engeln und Heiligen und seinem Nächsten versöhnen könne; wofern er dieselben nicht anwende, werde er schwer bestraft werden.
Maria sprach: "Gebenedeit seist Du, mein Sohn, König
der Herrlichkeit und der Engel; ich bitte Dich wiederum für den
Räuber." Der Sohn antwortete: "Gedenedeit seist Du, meine teuerste
Mutter! Gleichwie Deine Milch eingegangen ist in den Leib meiner Menschheit,
und alle meine Glieder gestärkt hat, so gehen auch Deine Worte in mein Herz
und erfreuen dasselbe. Weil all Dein Bitten mit Bescheidenheit erfolgt, und
all Dein Wille auf Barmherzigkeit gerichtet ist, deshalb will ich aus Liebe zu
Dir Barmherzigkeit üben gegen den Räuber." Die Mutter antwortete:
"Gieb ihm also, teuerster Sohn, das, was mir am liebsten ist, nämlich
Deinen Leib und Deine Gnade, weil jener Räuber hungrig und an allem Guten
leer ist; gewähre ihm Gnade, damit der böse Hunger gestillt, die Schwachheit
gestärkt, der Wille zum Guten entzündet werde, der bisher für Deine Liebe
ohne Empfindung war." Der Sohn antwortete: "Wie ein Kind, dem die
Speise entzogen, bald dem Leibe nach stirbt, so wird jener, welcher von seiner
Kindheit an vom Teufel ernährt worden, nicht wieder lebendig werden können,
wofern er nicht durch meine Speise genährt wird. Verlangt er aber meinen Leib
zu nehmen und durch die Süßigkeit seiner Frucht erquickt zu werden, muß er
mit drei Tugenden geschmückt zu mir herantreten: nämlich mit wahrer Reue
über seine Missethaten, mit dem Willen, seine Sünden zu bessern, und mit dem
Willen, nicht weiter Böses zu thun, und im Guten zu verharren. Auf das Gebet
derer aber, welche für ihn bitten, antworte ich Dir, daß das, was ich Dir
sage, von dem Räuber gethan werden muß, insofern er sein Heil sucht.
Erstens, weil er gewagt hat, dem Könige der Herrlichkeit zu widerstehen, soll
er jetzt zur Sühne für seine Sünden, den
Glauben meiner heiligen Kirche verteidigen, und sein Leben zu deren Schutz
bereit haben bis in den Tod, daß, wie er mit allen Kräften für die Ehre der
Welt und für den Nutzen eines zeitlichen Herrn gearbeitet, also er auch jetzt
arbeite, auf daß mein Glaube gemehrt, und die Feinde des Glaubens der Kirche
unterdrückt werden, und daß er zu mir ziehe alle, die er ziehen kann, durch
Wort und Vorbild, wie er sie früher abgezogen, als er für die Welt
arbeitete. Ich sage Dir für gewiß, daß, wenn er auch nicht mehr gethan
haben sollte, als daß er seinen Helm aufgesetzt hat für meine Ehre und
seinen Schild in der Absicht an den Arm genommen hat, um einzustehen für den
heiligen Glauben, so wird es ihm als That angerechnet werden, wenn er in
demselben Augenblick abgerufen wird. Wenn sich ihm auch die Feinde nähern
sollten, kann ihm keiner schaden. Darum soll er kühn arbeiten, weil er einen
mächtigen Herrn hat, wenn er mich hat. Männlich soll er arbeiten, weil ihm
ein köstlicher Lohn, nämlich das ewige Leben, gegeben wird. Dafür aber,
daß er die Heiligen und Engel beleidigt und die Leiber ihrer Seelen beraubt
hat, soll er ein ganzes Jahr hindurch, wo es ihm gefallen wird, täglich eine
Messe von allen Heiligen halten lassen, und dem Priester, welcher die Messe
liest, den Lohn gewähren, damit durch dieses Opfer die beleidigten Heiligen
und Engel versöhnt werden, und auf ihn ihre Augen wenden können. Denn durch
solches Opfer werden sie versöhnt, wenn mein Leib, welcher das königliche
Opfer ist, aus Liebe und Demut genommen und dargebracht wird. Danach, weil er
anderer Leute Güter geraubt, und den Witwen und Waisen unrecht gethan, soll
er alles, wovon er weiß, daß er's ungerecht besitzt, demütig
zurückerstatten, und diejenigen, welche er beleidigt hat, bitten, daß sie
ihm barmherziglich verzeihen mögen. Weil er aber nicht allen wird genugthun
können, denen er unrecht gethan, soll er in einer Kirche, wo es ihm am
passendsten erscheinen wird, auf eigene Kosten einen Altar errichten, auf
welchem bis zum Ende der Welt für diejenigen, denen er Schaden zugefügt
hatte, täglich eine Messe gehalten werden soll. Und damit dieses fest und
beständig bleibe, soll er von seinen Einkünften dem Altare so viel widmen,
daß ein Kapellan, der stets Messe liest, davon bestehen könne. Weil die
Demut von ihm fern gewesen, soll er sich, so viel er vermag, demütigen, und
diejenigen,
welche er beleidigt, um Frieden und Einigkeit bitten, wie es auf geeignetste
Weise wird geschehen können. Desgleichen soll er auch seine begangenen
Sünden und Laster, wenn er sie von anderen tadeln oder loben hört, nicht
vermessenerweise verteidigen, noch sich derselben erfreuen und rühmen,
sondern demütig sprechen: Wahrlich, die Sünde, welche mir zu nichts nütze
gewesen, hat mich zu sehr vergnügt; ich bin zu sehr ausgeschritten in der
Vermessenheit, und wenn ich gewollt hätte, möchte ich mich wohl haben hüten
können; deshalb, meine Brüder, bittet den Herrn, daß er mir nun den Geist
geben möge, durch welchen ich von solcherlei Dingen zurückkommen und die
begangenen Sünden mannhaft bessern möge. Dafür aber, daß er durch die
Ausschweifungen des Fleisches mich vielfach beleidigt, soll er durch
vernünftige Mäßigkeit seinen Leib bezwingen. Wenn er aber diese meine Worte
gehört hat, und dieselben durch die That erfüllt, dann wird er Heil und
lebendiges Leben erlangen. Wo nicht, so werde ich die Strafe für seine Sünde
bis auf den letzten Heller eintreiben, und er wird in eine schwerere Strafe
fallen, als er sonst zu leiden gehabt hätte, weil ich ihm dieses habe sagen
lassen."
Drei Jahre darauf, nachdem die Braut die nächstvorstehende Offenbarung gehabt, sagte Christus ihr, daß, wenn sich der vorgedachte Räuber nicht schnell bessere, er alsbald durch ein schreckliches Urteil an seinem Geschlechte, an seinen Gütern und an seiner Seele wie der ärgste Räuber gestraft werden wird. Dies traf nachher alles so ein, weil er sich nicht hatte bessern wollen.
Der Sohn Gottes sprach zur Braut: "Ich habe erst über
einen schönen Gesang, vielmehr über ein schönes Heilmittel für den Räuber
mit Dir geredet. Jetzt aber habe ich über ihn kein Lied, sondern eine Klage
zu führen, ein Wehe zu sprechen, denn wofern er sich nicht dem besseren Teile
zuwendet, wird er meine schreckliche Gerechtigkeit empfinden, seine Tage
werden verkürzt werden, sein Samen wird keine Frucht tragen, seinen
gesammelten Reichtum werden andere rauben, und er selber wird gerichtet
werden, wie der ärgste Räuber, wie ein ungehorsamer Sohn, welcher des Vaters
Ermahnungen verachtet." ![]()
Christus sagt der Braut, welche für einen König betet, daß dieser sich bemühen solle, in seinem Reiche mit dem Rate geistlich gesinnter, gerechter, weiser Männer die Mauern Jerusalems, d. h. der Kirche und des katholischen Glaubens, wieder herzustellen, da dieselben geistlicherweise gleichsam eingestürzt seien. Jene Mauern bedeuten die Gemeinschaft der Christen, und die Gefäße des Tempels den Klerus und die geistlichen Orden.
Der Sohn sprach: "Derjenige, welcher aus einem Gliede des Teufels ein Glied von mir geworden, soll arbeiten, wie diejenigen, welche die Mauern Jerusalems bauten, für die Wiederherstellung des vernichteten Gesetzes arbeiteten und die hinweggeführten Geräte des Hauses Gottes wieder zusammenbrachten. Wahrlich, ich beklage mich über drei Dinge: Erstens, daß die Mauer Jerusalems zerstört ist. Was ist die Mauer Jerusalems, d. h. meiner Kirche, als die Leiber und Seelen der Christen, aus welchen meine Kirche erbaut werden soll? Die Mauer dieser Kirche ist jetzt ganz zerfallen, weil alle ihren Willen, aber nicht den meinigen zu vollbringen suchen. Sie wenden ihre Augen ab von mir, und wollen mich nicht hören, wenn ich rufe; meine Worte sind für sie unerträglich, meine Werke sind ihnen eitel, an mein Leiden zu denken, ist ihnen abscheulich, mein Leben unerträglich und die Nachfolge desselben halten sie für unmöglich.
Zweitens beklage ich, daß die Werkzeuge meines Hauses gen Babylon entführt sind. Was sind die Werkzeuge meiner Kirche und die verschiedenen Gefäße derselben anderes, als die Ordnung und der Wandel der Welt und Ordensgeistlichen? Die gute Ordnung und der Schmuck derselben ist von meinem Tempel hinweggeführt zur Hoffart der Welt, zum Eigenwillen und zur Vergnügungssucht. Meine Weisheit und Lehre sind für sie eitel, meine Gebete lästig; das mir geleistete Versprechen machen sie zunichte; mein Gesetz und die Satzungen meiner Freunde, ihrer Vorgänger, haben sie entweiht; sie machen sich selber Satzungen und erheben dieselben zu ihrem Gesetze.
Drittens klage ich, daß mein Gesetz der zehn Gebote
abhanden
gekommen ist. Liest man nicht in meinem Evangelium, daß ich zu einem, der
mich fragte: Meister, was soll ich thun, damit ich das ewige Leben haben
möge? gesagt habe: Halte meine Gebote! (Matth. XIX.), und jetzt sind sie
vernachlässigt und vergessen.
Darum soll der König, für welchen Du betest, geistliche Männer versammeln, die weise sind nach meiner Weisheit, und diejenigen, welche meinen Geist haben, fragen, auch sich fleißig erkundigen nach ihrem Rate, wie die Mauer meiner Kirche unter den Christen wieder aufgebaut und Gott Ehre erwiesen werde, der rechte Glaube wieder blühe, die göttliche Liebe wieder entzündet werde und mein Leiden sich eindrücke in das Herz der Menschen. Er soll auch forschen, wie die Gefäße meines Hauses wieder in den vorigen Stand gebracht werden mögen; nämlich, daß die Welt- und Ordensgeistlichen die Hoffart verlassen und die Demut wieder erwählen, in Unschuld leben und die Keuschheit lieben, daß die genußsüchtigen Weltleute von dem allzu großen Verlangen nach der Welt sich enthalten mögen, auf daß sie anderen leuchten können. Er soll auch tapfer und weislich arbeiten, daß meine Gebote aufmerksamer geliebt werden; die gerechten Christen soll er versammeln, um mit denselben das Niedergerissene geistlich wieder aufzuerbauen. Wahrlich, meine Kirche ist allzuweit von mir abgewichen, so sehr, daß, wenn das Gebet meiner Mutter nicht einträte, keine Hoffnung der Barmherzigkeit sein würde. Aber unter allen Ständen der Laien sind die Kriegsleute mehr abgefallen, als andere. Die Gefahr und die Strafe dieser Abtrünnigen sind Dir früher gezeigt worden."
Christus verbietet der Braut, von den Neuigkeiten und Werken der Weltleute und den Kriegen der Fürsten zu hören; sie soll die Werke Gottes betrachten, welche staunenswert und wunderbar sind. Er tadelt auch diejenigen, welche allein auf Reichtum, Ehren und Vergnügen sehen, und sagt, daß dieselben nimmer das von Milch und Honig triefende Land sehen, d. h. die himmlische Herrlichkeit, wofern sie sich nicht bekehren und gerecht leben nach ihrem Stande; die Gerechten aber werden eingehen und erhöht werden.
"Warum hast Du Freude daran, von den Werken der
Weltleute und den Kriegen der Fürsten zu hören, und weshalb beschäftigst
Du Dich mit solch eitlem Anhören, da doch ich der Herr aller Dinge bin, und
ohne mich nichts für ein Vergnügen zu achten ist? Wolltest Du aber die
Thaten großer Herren hören, großartige Werke schauen, so solltest Du
wirklich meine Thaten, welche für den Verstand unbegreiflich, für den
Gedanken staunenswert und für das Gehör wunderbar sind, betrachten und
anhören. Obwohl nun aber der Teufel die Herrn der Welt nach seinen Willen
bewegt, und obwohl es ihnen nach meiner verborgenen Gerechtigkeit glücklich
ergeht, so bin ich doch ihr Herr, und sie werden gerichtet werden durch mein
Gericht. Sie haben sich ein neues Gesetz errichtet wider mein Gesetz, da sie
alle Sorge darauf verwenden, wie sie von der Welt möchten geehrt werden, wie
sie möchten Reichtümer erwerben, wie ihren Willen durchsetzen, wie ihr
Geschlecht erweitern können, Deshalb schwöre ich bei meiner Gottheit und
meiner Menschheit, daß, wenn sie in solchem Zustande sterben sollten, sie
nimmermehr eingehen werden in jenes Land, das Israel unter dem Bilde des von
Honig und Milch fließenden verheißen ward, ebensowenig als diejenigen,
welche sich nach den Fleischtöpfen sehnten und eines plötzlichen Todes
starben und wie jene eines fleischlichen Todes starben, so werden diese den
Tod der Seele sterben. Diejenigen aber, welche meinen Willen thun, werden
eingehen in das Land, wo Milch und Honig fließt, d. h. in die himmlische
Herrlichkeit, worin weder die Erde unten, noch der Himmel oben ist, sondern wo
ich, der Schöpfer und Herr aller Dinge, unten und oben, außen und innen bin,
weil ich alles erfülle. Ich werde meine Freunde mit Süßigkeit sättigen,
nicht mit der Süße des Honigs, sondern sie mit der unaussprechlichen und
wunderbaren Süßigkeit erfüllen, so daß sie nichts verlangen, als mich,
nichts bedürfen, als mich, in dem alles Gute ist. Dieses Gute werden meine
Feinde nimmer kosten, wofern sie sich nicht von ihrem argen Wesen bekehren.
Wenn sie bedächten, was ich für sie gethan, wenn sie betrachteten, was ich
ihnen gegeben, würden sie mich nimmer so zum Zorne reizen; denn ich habe
ihnen gegeben, daß sie alles Notwendige und alles Wünschenswürdige mit
Mäßigkeit haben mögen. Ich habe ihnen erlaubt, auf gemäßigte Weise Ehren
zu haben, Freunde zu haben, und auch mäßige Belustigung der Sinne. Wer also
in Ehren sitzt und bei sich denkt: Deshalb, weil ich in Ehren stehe, will ich
mich
ehrbar halten nach meinem Stande, ich will meinem Gotte Ehrfurcht erweisen,
niemand unterdrücken, die Geringeren fördern, alle lieben! ein solcher
gefällt mir in seiner Ehre; wer Reichtum besitzt und bei sich denkt: Weil ich
Reichtum habe, will ich keines Menschen Sache mit Unrecht nehmen, niemand
unrecht thun, mich vor der Todsünde hüten, den Armen zu Hilfe kommen! ein
solcher ist mir in seinem Reichtum angenehm; wem sinnliche Lust gestattet ist,
und also bei sich denkt: Mein Fleisch ist schwach, und ich hoffe nicht, daß
ich werde enthaltsam sein können; darum will ich, weil ich eine rechtmäßige
Frau habe, nicht mehrere begehren und will mich aller Unehrbarkeit und
Unordnung enthalten! auch ein solcher hat mein Wohlgefallen. Nun aber ziehen
viele ihr Gesetz meinem Gesetze vor, denn in ihrem Ehrgeize wollen sie keine
Oberen haben, ihres Reichtums können sie niemals satt werden, in ihrer Lust
wollen sie über Maß und löbliche Ordnung hinausgehen. Wenn sie sich daher
nicht bessern, und keinen anderen Weg einschlagen, werden sie nicht eingehen
in mein Land, in welchem geistliche Milch und geistlicher Honig sind, d. h.
Süßigkeit und Sättigung. Jene aber, welche diese erlangen, wünschen nichts
weiter, und bedürfen nichts, als was sie schon haben.
Es wird die Seele eines Verstorbenen von Christo wegen ihrer schweren Sünden und dafür verdammt, weil sie mit den Schmerzen und Wunden des Leidens Christi kein Mitleid getragen. Diese Seele wird einer vorzeitigen Geburt verglichen und verurteilt, und merklich durch diejenigen bedeutet, welche Christo in böser Absicht zu seinen Predigten nachfolgten, ferner durch die Kreuziger und die Hüter seines Grabes.
Es erschienen große Heerscharen, die vor Gott standen. Zu
denselben redete Gott und sprach: "Sehet, diese Seele ist nicht mein;
denn sie hat mit der Wunde meiner Seite und meines Herzens nicht mehr Mitleid
getragen, als wenn der Schild ihres Feindes durchbohrt worden wäre; um die
Wunden meiner Hände hat sie sich soviel bekümmert, als wenn ein feines Tuch
zerrissen würde, und die Wunden meiner Füße sind ihr so gleichgültig
gewesen, als
wenn sie einen weichen Apfel zerschneiden sähe." Hierauf redete Gott zu
ihr selber und sprach: "Du hast in Deinem Leben oft gefragt, weshalb ich,
Gott, am Leibe gestorben bin. Jetzt aber frage ich Dich, weshalb Du, arme
Seele, gestorben bist?" Sie antwortete: "Weil ich Dich nicht geliebt
habe." Und der Herr entgegnete der Seele und sprach: "Du bist mir
gewesen, was ein vorzeitig geborenes Knäblein seiner Mutter ist, welche nicht
mindern Schmerz für dasselbe leidet, als um ein Kind, das lebendig hervorgeht
aus ihrem Schoße. Also habe ich Dich um so großen Preis und mit solcher
Bitterkeit erlöst, wie irgend einen meiner Heiligen, obwohl Du Dich wenig
darum gekümmert hast. Aber wie ein vorzeitig geborener Knabe keine
Süßigkeit empfängt von den Brüsten seiner Mutter, auch keinen Trost durch
ihre Worte, noch Wärme von ihrer Brust, so wirst Du niemals die
unaussprechliche Süßigkeit meiner Auserwählten erlangen, weil Dir Deine
eigene Süßigkeit gefiel. Nimmer wirst Du meine Worte zu Deiner Förderung
vernehmen, weil die Worte Deines Mundes in der Welt Dir gefielen, die Worte
meines Mundes Dir aber bitter waren. Nimmer wirst Du meine Liebe und Güte
empfinden, weil Du kalt warst und wie Eis für das Gute. Gehe also an den Ort,
wohin die vorzeitigen Geburten hingeworfen zu werden pflegen, wo Du in Deinem
Tode leben wirst ewiglich, weil Du nicht in meinem Lichte und Leben hast leben
wollen." Nachher sprach Gott zu den Heerscharen: "O meine Freunde,
wenn alle Sterne und Planeten sich in Zungen verwandelten, wenn alle Heiligen
mich bäten, könnte ich gegen diese Seele keine Barmherzigkeit üben, welche
aus schuldiger Gerechtigkeit verdammt werden muß. Sie hat Ähnlichkeit mit
dreierlei Menschen: Erstens mit denen, welche mir aus Bosheit zu meinen
Predigten nachfolgten, um in meinen Worten und Thaten Gelegenheit zu finden,
mich anzuklagen und zu verraten. Sie sahen meine guten Werke und Wunder,
welche niemand außer Gott wirken konnte, sie hatten meine Weisheit gehört
und meinen löblichen Wandel bewährt gefunden; aber dennoch beneideten sie
mich deshalb, und faßten im Herzen einen Groll wider mich. Und warum? Weil
meine Werke gut waren, die ihrigen aber böse, und weil ich ihren Sünden
nicht zugestimmt, sondern sie scharf gestraft habe. So ist mir diese Seele
zwar mit ihrem Leibe gefolgt, aber nicht
aus göttlicher Liebe, sondern um des Scheines willen vor den Menschen. Sie
hörte meine Werke, schaute dieselben mit den Augen und grollte ihnen, sie
vernahm meine Gebote und verlachte dieselben, sie empfand meine Güte und
glaubte nicht, sie sah meine Freunde fortschreiten im Guten und beneidete
dieselben. Und warum? Weil meine und meiner Erwählten Worte ihrer Bosheit,
meine Gebote und Ermahnungen ihrer Wollust und meine Liebe und Gehorsam ihrem
Willen entgegentraten. Gleichwohl sagte ihr das Gewissen, daß ich mehr als
alle aller Ehre würdig sei. Aus der Bewegung der Gestirne erkannte sie, daß
ich der Schöpfer aller Dinge sei. Aus der Frucht der Erde und der Einrichtung
der anderen Dinge wußte sie, daß ich der Schöpfer sei; und obwohl sie es
also wußte, war sie dennoch zornig über meine Worte, welche ihre bösen
Werke tadelten. Zweitens war sie denen ähnlich, welche mich töteten und zu
einander sprachen: Laßt uns ihn kühn töten, denn er wird durchaus nicht
wieder auferstehen. Ich aber hatte meinen Jüngern vorhergesagt, daß ich am
dritten Tage wieder auferstehen würde, meine Feinde jedoch, die Liebhaber der
Welt, glaubten nicht, daß ich zum Gerichte wieder auferstehen würde, weil
sie mich für einen bloßen Menschen ansahen, die verborgene Gottheit aber
nicht erkannten. Deshalb sündigten sie auch zuversichtlich und erhielten aus
Verhängnis meiner Gerechtigkeit gleichsam die Übermacht; denn hätten sie es
gewußt, so würden sie mich nimmer getötet. haben. So dachte auch jene
Seele: Ich thue, sprach sie, meinen Willen, wie es mir gefällt, ich will
kühn durch den Willen und die Werke, welche mich ergötzen, ihn töten; denn
was schadet es mir, und weshalb soll ich Enthaltsamkeit üben? Er wird ja
nicht wieder auferstehen, um zu richten. Er wird nicht urteilen nach den
Werken der Menschen; denn wenn er so strenge richten wollte, würde er den
Menschen nicht erlöst haben, und wenn er die Sünde so sehr haßte, würde er
die Sünder nicht so gelassen ertragen. Drittens war er denen ähnlich, welche
mein Grab bewachten, sich bewaffneten und das Grab mit Wächtern besetzten,
auf daß ich nicht auferstehen möchte, indem sie sprachen: Wir wollen
fleißig wachen, damit er nicht auferstehe und wir ihm nicht etwa dienen
müssen. Also that jene Seele. Sie bewaffnete sich mit der Härte der Sünde;
sie bewachte sorgfältig das Grab, d. h. den Ver-
kehr meiner Auserwählten, in denen ich ruhe, und hatte fleißig acht, daß
meine Worte und ihre Ermahnungen nicht hineindringen möchten zu ihr, wobei
sie für sich also dachte: Ich will mich vor ihnen hüten, damit ich nicht
ihre Worte höre, und etwa, von einigen göttlichen Gedanken angeregt,
anfange, die Lust, der ich mich überlassen habe, fahren zu lassen, auch nicht
etwa höre, was meinem Willen mißfällig ist; und so entzog sie sich aus
Bosheit denen, denen sie sich aus Liebe hätte zugesellen sollen."
Dieser war einer von Adel, welcher wenig nach Gott fragte,
und als er bei Tafel die Heiligen Gottes lästerte, während er nieste, ohne
Sakramente starb. Seine Seele ward gesehen, wie sie vor Gericht stand. Der
Richter sprach zu ihm: "Du hast geredet, wie Du gewollt hast, und
gehandelt, wie Du gekonnt. Deshalb kömmt Dir jetzt zu, zu schweigen und zu
hören. Antworte mir also, so daß jene es hört, obwohl ich alles weiß. Hast
Du nicht gehört, wie ich gesprochen: Ich habe keinen Gefallen am Tode des
Sünders, sondern will, daß er sich bekehre? (Ezechiel XXXIII.) Weshalb bist
Du nun nicht zu mir zurückgekehrt, da Du gekonnt hast?" Die Seele
antwortete: "Ich hörte zwar, allein ich kümmerte mich nicht
darum." Der Richter sprach weiter: "Habe ich nicht gesprochen: Gehet
hin, ihr Vermaledeiten, in das Feuer, und kommet, ihr Gesegneten? Warum
eiltest Du nun nicht zum Segen?" Die Seele antwortete ihm: "Ich habe
zwar gehört, aber nicht geglaubt." Weiter sprach der Richter! "Hast
Du nicht gehört, daß ich, Gott, ein gerechter, ewiger und schrecklicher
Richter gewesen bin; warum hast Du also das künftige Gericht nicht
gefürchtet?" Ihm antwortete die Seele: "Ich habe zwar gehört, aber
mich selber geliebt und meine Ohren verschlossen, um das Gericht nicht zu
hören. Ich habe mein Herz verhärtet, um nicht daran zu denken." Darauf
der Richter: "Darum erfordert es jetzt die Gerechtigkeit, daß Trübsal
und Schande Dir den Verstand öffnen, weil Du, als Du gekonnt, nicht hast
einsehen wollen." Darauf ward die Seele aus dem Gerichte gestoßen,
heulte und schrie: "Ach, ach, welch eine Vergeltung! aber wann wird ein
Ende sein?" Es ward sogleich eine Stimme vernommen: "Wie der Anfang
aller Dinge selber kein Ende hat, so wirst auch Du kein Ende haben." ![]()
Der Braut wird geboten, daß sie häufig den Leib Christi nehmen solle, welcher bedeutet wird durch das Manna, welches den Vätern in der Wüste geregnet, und durch das Mehl der Witwe, welche einen Propheten gespeist hatte. Es werden auch große Tugenden und Gnaden gemeldet, die für eine andächtig empfangende Seele aus vorgedachter Kommunion hervorgehen.
"Ich bin Dein Herr und Gott, dessen Stimme Moses im
Dornenstrauche und Johannes am Jordan hörte. Von diesem Tage ab will ich,
daß Du öfter meinen Leib empfängst; denn dieser ist eine Arznei und eine
Speise, durch welche die Seele gekräftigt, der an der Seele Schwache, der an
Tugenden Kraftlose gestärkt wird. Steht nicht geschrieben, daß ein Prophet
zu einem Weibe gesendet ward, die ihn mit wenig Mehl speiste, und dieses nahm
nicht ab, bis ein Regen über das Land kam? (III. Kön. XVII.) Ich bin in
jenem Propheten vorgebildet. Mein Leib ist das Mehl; derselbe ist die Speise
der Seele; er wird nicht verzehrt, noch gemindert, sondern speist die Seele
und bleibt immer unverzehrt. An der leiblichen Speise sind drei Merkmale:
Erstens wird sie zermalmt und flüssig, zweitens wird sie vernichtet, drittens
speist sie nur auf eine Zeit lang. Meine Speise aber wird zermalmt und bleibt
unzermalmt; zweitens wird sie nicht vernichtet, sondern bleibt dieselbe;
drittens speist sie nicht auf eine Zeit, sondern ewig. Diese Speise ward
vorgebildet in dem Manna, welches die alten Väter in der Wüste aßen. Sie
ist das Fleisch, welches ich im Evangelium versprochen, und das in Ewigkeit
sättigt. Wie also der Schwache durch körperliche Speise an körperlicher
Kraft zunimmt, so wächst jeder an geistlicher Kraft, welcher diesen meinen
Leib mit guter Absicht zu sich nimmt. Sie ist die stärkste Arznei, welche zur
Seele eingeht und dieselbe sättigt; sie ist dem körperlichen Sinne
verborgen, aber dem Verstande der Seele offenbar; sie ist unschmackhaft für
die Bösen, denen nichts schmeckt, als die Süßigkeit der weltlichen Dinge;
deren Augen nichts sehen, als ihre Begierde; deren Verstand nichts
unterscheidet, als ihren Willen." ![]()
Christus schreibt der Braut vor, sie solle ihren Willen gänzlich mit dem Willen Gottes, sowohl in glücklichen, als in widerwärtigen Verhältnissen, gleichförmig machen. Der Wille ist der Wurzel eines Baumes zu vergleichen; ist diese gut, dann bringt der Baum, d. i. die Seele, gute Frucht hervor, ist sie aber unbeständig, dann wird sie vom Maulwurfe, d. h. dem Teufel, zernagt und die Seele erfüllt vom Winde der Widerwärtigkeiten, oder unter der Hitze der Sonne, d, h. der eitlen Weltliebe, verdorren.
Der Sohn sprach zur Braut: "Obwohl ich alles weiß, so sage mir doch in Deiner eigenen Sprache, was ist Dein Wille?" Sofort antwortete für die Braut der Engel, welcher ihr zum Schutze gegeben worden, und sprach: "Ihr Wille ist, wie gebetet wird: Dein Wille geschehe im Himmel, wie auf Erden." Der Herr antwortete: "Das ist es, was ich suche und will, das ist mir der angenehmste Gehorsam. Darum, meine Braut, sollst Du sein wie ein wohlgewurzelter Baum, welcher drei kommende Übel nicht zu fürchten hat. Erstens, wenn der Baum fest bewurzelt ist, wird er vom Maulwurfe nicht angenagt: zweitens wird er nicht umgestoßen vom Andrange der Winde; drittens verdorrt er nicht von der Hitze der Sonne. Der Baum aber ist Deine Seele. Die Hauptwurzel desselben ist der gute Wille nach dem Willen Gottes. Aus dieser Wurzel des Willens gehen so viele Tugenden hervor, als Wurzeln am Baume sind. Darum muß die Hauptwurzel, aus welcher die übrigen hervorwachsen, stark und kräftig, auch tief in die Erde eingewachsen sein. Also soll Dein Wille stark sein in der Geduld, kräftig in der göttlichen Liebe, tief eingewurzelt in der wahren Demut und wenn er also tief gewurzelt ist, hat er den Maulwurf nicht zu fürchten.
Was aber bedeutet der Maulwurf, welcher unter der Erde
wühlt, anderes, als den Teufel, welcher unsichtbarerweise um die Seele
herumschleicht und dieselbe beunruhigt? Dieser zernagt die Wurzel des Willens,
wenn derselbe unbeständig im Leiden ist, und vernichtet sie mit seinem
Gebisse, wenn er arge Begierden und Gedanken in das Herz sendet und Deinen
Willen nach entgegengesetzten
Seiten hinreißt und bewirkt, daß Du etwas wider meinen Willen begehrst. Wenn
dann aber die Hauptwurzel verdorben ist, verderben auch alle übrigen Wurzeln;
es verdorrt der Stamm, d. h. wenn Dein Wille und Deine Neigung verdorben
waren, werden auch die übrigen Tugenden befleckt und mißfallen mir; ja,
durch den bösen Willen selber, wofern er nicht gebessert wird durch die
Buße, wirst Du wert, unter des Teufels Herrschaft zu geraten, wenn auch der
Wille nicht bis zur That kommt. Wenn aber die Wurzel des Willens stark und
kräftig war, mag der Maulwurf an derselben wohl nagen, kann sie aber nicht
vernichten, ja sein Nagen bewirkt nur, daß die Wurzel zu einer größeren
Stärke anwächst. So kann, wenn Dein Wille in widerwärtigen und glücklichen
Lagen immer fest bleibt, der Teufel denselben annagen, d. h. seine argen
Gedanken ihm eingeben; wenn Du aber denselben Widerstand leistest und Dein
Wille denselben nicht zustimmt, dann werden sie Dir nicht zur Strafe
gereichen, sondern Dir durch Geduld zu einem größeren Verdienste und zur
Erhöhung der Tugenden förderlich sein. Begiebt es sich etwa, daß Du durch
Ungeduld oder unversehens strauchelst, so erhebe Dich schnell wieder durch die
Buße und Reue, und alsdann lasse ich Dir die Sünden nach, und werde Dir
Geduld und Stärke gewähren, die Eingebungen des Teufels zu ertragen. -
Zweitens, wenn der Baum gut bewurzelt ist, hat er den Anprall der Winde nicht
zu fürchten. So mußt Du Dich, wenn Dein Wille nach meinem Willen sich
richtet, nicht bekümmern um die Widerwärtigkeiten der Welt, welche dem Winde
gleichen; gedenke bei Dir selber, wie es Dir vielleicht also nützlich ist,
nämlich Widerwärtigkeiten zu erleiden. Du darfst Dich nicht betrüben, wenn
Du verachtet wirst und Schmach zu leiden hast, weil ich die, welche ich will,
erhöhen und erniedrigen kann. Du darfst nicht klagen über Körperschmerz,
weil ich heilen wie schlagen kann, und nichts ohne Ursache. Wer aber einen mir
entgegengesetzten Willen hat, wird in der Gegenwart geängstigt, weil er nicht
vollbringen kann, was er sucht, und noch dazu wird er für seinen bösen
Willen bestraft werden. Wollte er seinen Willen mir übergeben, so hätte er
leicht alles, was ihm widerfährt, dulden können. - Drittens braucht der
Baum, wenn derselbe fest gewurzelt ist, sich nicht vor übergroßer Hitze zu
fürchten, d. h. diejenigen, welche einen voll-
kommenen Willen haben werden, verdorren nicht in der Liebe Gottes wegen der
Liebe der Welt, werden nicht von der Liebe Gottes durch irgend einen bösen
Antrieb hinweggezogen. Diejenigen aber, welche keinen festen Bestand haben,
deren Seele wird vom guten Anfange und von der Liebe Gottes entweder durch
Eingebung des Teufels, oder durch den Widerstand der Welt, oder von der
eigenen Liebe, indem sie unnützerweise Eiteles begehren, alsbald abgewendet.
Darum ist der Mensch, an welchen Du jetzt denkst, kein guter Baum. Seine
Hauptwurzel, nämlich: Dein Wille geschehe im Himmel, wie aus Erden! ist
abgebrochen, denn nachdem er die Strenge eines enthaltsamen Lebens angenommen,
ist die Glut der Liebe in ihm erkaltet. Um der Bitten meiner Mutter Maria
willen habe ich ihm geholfen, weil ich drei Dinge an ihm bemerkte, nämlich:
Armut im Reichtume, Schwäche in den Gliedern und Mangel in der Erkenntnis.
Dieses war aber mein Wille und hätte er geduldig ausgeharrt in diesen drei
Stücken, so würde er ewigen Überfluß, ewige Sättigung und Schönheit, er
würde Erkenntnis und Anschauung Gottes haben; und um diese zu erlangen, habe
ich ihm geholfen, indem ich ihm Stärke im Geistlichen gab und ihm meinen
Willen einhauchte. Aber sein Wille ist dem meinigen entgegen und nur mit
geringem Eifer sucht er Hilfe; darum wird er geängstigt von der Armut, aber
nicht um meinetwillen, sondern seines Nutzens wegen; er wird auch geängstigt
von der Krankheit, weil er keine Schmerzen leiden möchte; er wird geängstigt
durch den Mangel der Wissenschaft, weil er wegen dieses Mangels von anderen
nicht verachtet werden will. Nun hat er aus meiner verborgenen Wissenschaft
diese drei Dinge, um derenwillen er Angst litt, nach seinem Willen erhalten;
denn er hat jetzt einen Überfluß, größer, als was zuvor die Not des Leibes
erforderte; er hat eine größere Wissenschaft und steht in größerer
Achtung; um so mehr hat er sich jetzt, wenn der teuflische Maulwurf ihn mit
einer Versuchung berührt, vor dem Falle zu fürchten; denn wenn die
Hauptwurzel des Willens verdorben und die Liebe zur Welt heiß geworden ist,
wird der Eifer zum Guten in ihm erkalten und die böse Begierlichkeit in ihm
wachsen. Erhebt sich dann einige Trübsal, so wird er von allen Seiten
geängstigt, wie ein vom Winde gepeitschter Baum, ist in nichts beständig und
klagt über alles; weht ihn die Ehre an, so
wird er nicht geringere Sorge haben, wie er allen gefallen, wie er von allen
gelobt werden möge, und wie er dem, was auf ihn eindringt, klug möge
begegnen können. Siehe! wie große Unbeständigkeit hervorgeht aus dem Mangel
eines festen Standes der verdorbenen Wurzel. Was aber soll ich thun? Ich bin
wie ein guter Gärtner, in dessen Garten viele unfruchtbare und wenig gute
Bäume sind; wenn diese guten Bäume ganz abgeschnitten werden, wer wird
alsdann hineingehen in den Garten? Wenn aber alle unfruchtbaren Bäume mit der
Wurzel herausgerissen werden, erscheint der Garten gar zu sehr entstellt durch
die entstandenen Löcher und den umgewühlten Erbboden. Wenn ich nun alle
Guten auf diese Weise hinausführte aus dem Fleische zu mir, wer würde dann
hineingehen in die heilige Kirche? Nähme ich aber alle Bösen in einem
Augenblicke hinweg, dann würden gar zu häßliche Löcher im Garten sichtbar
werden, und alle mir aus Furcht vor Strafe, aber nicht aus Liebe dienen. Darum
mache ich es wie einer, der geschickt ist in der Veredelung der Bäume, der
einen Zweig auf einen dürren Stamm pfropft, und, wenn derselbe wächst und
fest Wurzeln schlägt, das, was trocken ist, ins Feuer wirft. So werde ich
thun, denn ich will mir anlegen eine Pflanzung der Süßigkeit und Zweige der
Tugenden, nach deren Wachsen ich abschneiden und ins Feuer werfen werde, was
dürr ist. Und ich werde meinen Garten reinigen, damit nichts unfruchtbares
übrig bleibe, das die jungen und Frucht ansetzenden Zweige hindern
könnte."
Von einem Prior, welcher durch die Worte Christi zur Reue getrieben und nachher fromm geworden.
Dieser Prior erblickte Christum, wie er die Hände gegen
ihn ausstreckte und zu ihm sprach: "Durch diesen starken Knochen sind die
Nägel hineingedrungen." Nachdem jener Prior gestorben war, sprach
Christus; "Jener Bruder, Dein Freund, ist nicht gestorben, sondern er
lebt, weil er mit Werken den Namen eines Bruders erfüllt hat. Nun kannst Du
aber fragen: Wer ist mein wahrer Bruder? Ich antworte Dir: Wahrer Bruder ist
der, welcher nach dem gemeinen Sprichworte alles das Seinige auf dem Rücken
trägt; der nichts begehrt, als Gott, und sich mit dem Notwendigen zu
begnügen weiß, welcher mich, den Fleisch gewordenen Gott, für seinen Bruder
anerkennt und wie seinen Bruder liebt." ![]()
Als eben dieser Bruder schwer an die der Frau Brigitta gewährte Gnade glaubte, sah er die Frau in einer Ekstase und wie Feuer vom Himmel auf sie herniederging; und da er sich wunderte und es für eine Täuschung hielt, erwachte er, schlief aber wiederum ein und hörte, wie eine Stimme laut zweimal sprach: "Niemand vermag dies Feuer zu verhindern, daß es entbrenne; denn ich, die Macht selber, werde dies Feuer hinaussenden gen Morgen und Abend, gen Mitternacht und Süden, und dasselbe wird viele entzünden." Hierauf wurde der Bruder an die Offenbarungen gläubig und ein Verteidiger derselben, erfüllte mit den Werken den Namen eines Bruders und nahm ein gutes Ende.
Ein Bruder war drei Jahre lang krank, so daß sein Fuß
verfaulte und das Mark aus demselben herausfloß. Er besaß eine solche
Geduld, daß er Jesum immer im Herzen und Mund hatte, indem er sprach:
"Jesu, würdigster Gott, erbarme Dich meiner!" Als er dem Tode nahe
kam, rief er: "Mich verlangt, mich verlangt, mich verlangt! O mein
Verlangen, komme!" Als er gefragt ward, was er begehre, antwortete er:
"Gott! und im Verlangen nach ihm und seinem Anschauen freue ich mich und
jubele so hoch, daß, wenn ich hundert Jahre leben könnte mit dieser
Krankheit, ich es gern zufrieden wäre." Hierauf starb eben dieser Bruder
gegen Mitternacht voll Freuden. Er starb unter den Händen seiner Brüder. Am
folgenden Sonntage vernahm die Frau, welche im Geiste entrückt war: "O
Tochter, weil die Herren und Meister nicht demütig zu mir kommen wollen, so
sammle ich die Armen und Unwissenden zum Himmelreiche. So hat dieser Arme und
Unwissende heute eine Weisheit gefunden über Salomos Reichtum, die nicht
veraltet, und eine Krone, welche allezeit zunimmt und nie ein Ende nehmen
wird. Sage auch jenem Bruder, der ihn zu seiner Buße in seiner Krankheit
bediente, daß er um seines Dienstes willen von Versuchungen befreit werden
und Stärke für das Geistliche haben, gleichfalls ein freudenvolles Ende
erlangen und in der Ruhe des Lazarus wachen wird." ![]()
Von der Braut wurde im göttlichen Gerichte ein Teufel und eine Seele geschaut, welche der Gestalt nach einem schrecklichen Tiere ähnlich war. Diese Seele ward verdammt, weil sie immer im Bösen verharrt und am Ende keine Buße gethan hatte. Wie Christus liebreich und fromm gegen die Guten, aber strenge gegen die Bösen ist, und wie eine andere Seele hinauffuhr wie ein gar hell leuchtender Stern.
Die Braut erblickte, wie vor dem göttlichen Gerichte zwei
Teufel standen, die einander ganz gleich waren an allen Gliedern. Ihre Rachen
waren geöffnet, wie die der Wölfe; die Augen waren glühend wie ein Glas,
das innen brennt; die Ohren hingen herab wie bei den Hunden; der Bauch war
angeschwollen und weit vorgestreckt; die Hände die eines Greisen; die
Schenkel ohne Bänder; die Füße wie verstümmelt und wie bis zur Hälfte
abgeschnitten. Nun sprach einer von ihnen zum Richter: "Richter, sprich
mir die Seele dieses Kriegers zu, um mit mir ehelich verbunden zu werden, da
sie mir ähnlich ist." Der Richter antwortete: "Sprich, mit welchem
Rechte und aus welcher Ursache willst du sie besitzen?" Der Teufel
antwortete: "Ich frage Dich zuerst, weil Du gerecht bist, pflegt man
nicht von einem Tiere, das einem anderen ähnlich ist, zu sagen, das Tier ist
von Löwenart, oder Wolfsart, oder eines ähnlichen Tieres? Nun also frage
ich, welcher Art ist diese Seele, oder wem ähnlich, den Engeln oder den
Teufeln?" Der Richter sprach zu ihm: "Sie ist nicht den Engeln,
sondern dir und deinesgleichen ähnlich, wie deutlich genug zu sehen
ist." Darauf sprach der Teufel wie in spöttischer Weise: "Als diese
Seele aus der Hitze Deiner Salbung, d. h. Deiner Liebe, erschaffen ward, war
sie Dir ähnlich, jetzt aber ist sie, nachdem sie Deine Süßigkeit verachtet,
mit dreifachem Rechte die meinige geworden. Erstlich, weil wir gleichmäßig
gestaltet sind; zweitens, weil wir einen ähnlichen Geschmack haben; drittens,
weil wir beide Einen Willen haben." Der Richter antwortete: "Obwohl
ich alles weiß, so sage mir doch um dieser meiner Braut willen, welche hier
steht, welcher Art die gedachte Seele Dir ähnlich ist, durch die
gleichmäßige Gestaltung mit Dir?" und der Teufel sprach:
"Wie wir gleichförmige Glieder haben, so sind auch unsere Handlungen
gleichförmig. Wir haben offene Augen, sehen jedoch nichts; denn ich will
nichts sehen, was Dich und Deine Liebe angeht; so wollte auch sie, als sie es
vermochte, nichts sehen, was Dich und das Heil ihrer Seele anging, sondern hat
bloß das Angenehme und Zeitliche im Auge gehabt. Wir haben Ohren, hören aber
nicht zu unserem Nutzen; so hat auch diese nichts, was Deine Ehre anging,
hören wollen. In ähnlicher Weise ist auch mir all das Deinige bitter,
deshalb wird die Stimme Deiner Süßigkeit und Güte niemals zu unserem Troste
und unserem Nutzen eingehen in unsere Ohren. Wir haben einen offenen Mund und
gleichwie diese ihren Mund für alle Süßigkeiten der Welt offen, für Dich
aber und Deine Ehre verschlossen hatte, so habe auch ich meinen Mund offen, um
Dich zu beleidigen und zu betrüben, und ich würde denselben niemals vom
Bösen wider Dich abhalten, wenn es möglich wäre, Dich zu betrüben oder
Deine Herrlichkeit zu vermindern. Ihre Hände sind wie eines Greisen, weil
sie, was sie an zeitlichen Dingen zu erhalten vermochte, bis zum Tode
festhielt, und länger festgehalten haben würde, wenn Du ihr ferner zu leben
gestattet hättest. Also würde auch ich alle, welche in die Hände meiner
Gewalt kommen, so fest halten, daß ich sie nimmer ließe, wenn sie nicht
durch Deine Gerechtigkeit mir wider meinen Willen abgenommen würden. Ihr
Bauch ist angeschwollen, weil ihre Begierde Maßloses verlangte, so daß sie
angefüllt aber nicht gesättigt wurde und so groß war ihre Begierde, daß,
hätte sie allein die ganze Welt gewinnen können, sie gern sich darum bemüht
haben würde; ja, sie hätte auch noch in den Himmeln herrschen mögen. Eine
ähnliche Begierde habe ich; denn wenn ich alle Seelen im Himmel und auf Erden
und im Fegfeuer allein erhalten könnte, so raubte ich dieselben gern; und
wenn eine einzige Seele übrig bliebe, würde ich auch diese um meiner
Begierde halber nicht frei lassen von der Qual. Ihr Herz ist ferner überaus
kalt, wie auch das meinige; denn sie hatte keine Liebe zu Dir, und niemals
waren Deine Ermahnungen nach ihrem Geschmacke. So bin auch ich von keiner
Liebe zu Dir ergriffen; ja, ich würde bei dem Neide, den ich gegen Dich habe,
mich immerfort mit dem bittersten Tode töten und dieselbe Pein immer an mir
zu dem Ende erneuern lassen, daß Du,
wenn es möglich wäre, selbst getötet würdest. Unsere Schenkel sind ferner
ohne Bänder, weil unser Wille einer ist. Vom Anfange meiner Erschaffung an
hat sich mein Wille sofort wider Dich geregt, und ich habe niemals gewollt,
was Du wolltest. So war auch ihr Wille stets Deinen Geboten entgegen. Unsere
Füße sind wie verstümmelt. Wie man mit den Füßen fortschreitet zum Nutzen
des Leibes, also kömmt man vorwärts zu Gott mit der Neigung und dem guten
Werke; aber jene Seele wollte gleich mir niemals weder mit der Neigung, noch
mit dem Werke zu Dir vorwärts kommen. So sind wir denn in der Beschaffenheit
der Glieder in allem gleich. Wir haben auch einen ähnlichen Geschmack, weil,
obwohl wir wissen, daß Du das höchste Gut bist, wir doch nicht kosten, wie
süß und gut Du bist. Weil wir nun ähnlich sind in allen Stücken, so sprich
nun das Urteil, das uns miteinander verbindet." Darauf antwortete einer
der Engel vor dem Herrn: "Herr Gott, seitdem diese Seele mit ihrem Leibe
verbunden worden, bin ich ihr stets gefolgt, und habe mich von ihr nicht
getrennt, so lange ich etwas Gutes an ihr fand; nun aber verlasse ich sie, wie
einen an allem Guten leeren Sack, denn sie war in dreifacher Weise böse:
Erstens, daß sie Deine Worte für Lügen nahm, zweitens, daß sie Dein
Gericht für eine Unwahrheit hielt, drittens, daß sie Deine Barmherzigkeit
für nichts achtete und diese gleichsam tot vor ihr war. Diese Seele befand
sich auch im Ehestande; sie hat zwar nur ein Eheweib gehabt und mit einer
anderen Frau sich nicht abgegeben. Diese eheliche Treue hat sie aber nicht
gehalten aus göttlicher Liebe und Furcht, sondern weil sie jenes Fleisch der
Ehegattin so zärtlich liebte, daß sie keine Neigung hatte sich mit fremdem
Fleische zu verbinden. Sie hörte auch Messen und wohnte dem Gottesdienste
bei, jedoch nicht aus Frömmigkeit, sondern um nicht als Sonderling zu
erscheinen, oder von anderen Christen getadelt zu werden. Sie ging auch mit
anderen zur Kirche in der Absicht und aus dem Grunde, damit Du ihr Gesundheit
des Leibes, Reichtum und Ehre der Welt geben, sie auch vor einem nach
menschlicher Weise betrachteten Unglücksfalle bewahren möchtest. Herr,
dieser Seele hast Du alles in der Welt und mehr gewährt, als dieselbe
verdiente. Du hast ihr hübsche Kinder, Gesundheit des Leibes und Reichtum
beschert, sie vor dem Unglücke, das sie fürchtete, bewahrt. Du hast
ihr aus Gerechtigkeit die Erfüllung ihres Verlangens gegeben, so daß Du Eins
mit Hundert vergolten, und nichts unbelohnt gelassen hast, und nun entlasse
ich sie leer an allem Gutem." Darauf antwortete der Teufel: "Wohlan
denn, o Richter, weil sie meinem Willen gefolgt ist, und Du ihr alles, was sie
von Dir haben mußte, hundertfältig vergolten hast, darum sprich jetzt das
Urteil, daß uns miteinander verbindet. Ist nicht in Deinem Gesetze
geschrieben, daß, wo ein Wille und eine eheliche Zusammenstimmung ist, eine
rechtmäßige Ehe geschlossen werden kann? Also ist es zwischen uns; denn ihr
Wille ist mein Wille, und meiner der ihrige. Weshalb sollen wir also um die
gegenseitige Verbindung betrogen werden? Der Richter antwortete: "Die
Seele mag ihren Willen eröffnen, was sie über die Verbindung mit dir
denkt." Dieselbe antwortete dem Richter: "Ich will lieber in der
Pein der Hölle sein, als in die Freude des Himmels kommen, damit Du, Gott,
keinen Trost an mir haben mögest; denn Du bist mir dergestalt verhaßt, daß
ich nichts nach meiner Pein frage, wenn Du nur keinen Trost hast." Darauf
sprach der Teufel zum Richter: "Solchen Willen habe auch ich; denn ich
möchte lieber in Ewigkeit gepeinigt werden, als deshalb in Deine Herrlichkeit
kommen, daß Dir dadurch eine Freude zukomme." Darauf sprach der Richter
zur Seele: "Dein Wille ist Dein Richter, und nach diesem sollst Du
gerichtet werden." - Hierauf wendete sich der Richter zu mir, die ich das
alles sah, und sagte zu mir: "Wehe ihm, denn er war ärger, als ein
Räuber; er hat seine Seele feil gehabt, nach der Unreinigkeit des Fleisches
gedürstet und seinen Nächsten betrogen; deshalb rufen die Menschen: Rache
über ihn! die Engel wenden ihr Antlitz ab von ihm, die Heiligen fliehen seine
Genossenschaft." Nun nahte sich der Teufel der Seele, welche ihm ähnlich
war und sprach: O Richter, siehe: Ich und Ich. Ich, böse durch meine Bosheit
und weder erlöst noch der Erlösung fähig und dieser, mein anderes Ich, zwar
erlöst aber mir ähnlich, weil er mir mehr, als Dir, gefolgt ist; deshalb
sprich mir die Seele zu." Der Richter entgegnete ihm: "Wenn du dich
noch demütigen möchtest, so würde ich dir die Herrlichkeit gewähren; und
wenn diese Seele im letzten Augenblicke ihres Lebens mit dem Vorsatze der
Besserung Verzeihung erbeten hätte, würde sie nimmer in deinen Händen sein;
weil sie aber, bis ans Ende ausharrend, dir gehorsam war,
deshalb erfordert es die Gerechtigkeit, daß sie ewig dein sei; doch wird das
Gute, daß sie in ihrem Leben, sei es auch nur weniges, gethan hat, deine
Bosheit beschränken, damit du sie nicht, wie du möchtest, peinigen
kannst." Und der Teufel sprach: "So ist sie denn mein; deshalb wird,
wie man zu sagen pflegt, ihr Fleisch mein Fleisch sein, obwohl ich nicht von
Fleisch bin und ihr Blut wird mein Blut sein." Und der Teufel schien
hierüber sehr erfreut zu sein und begann in die Hände zu klatschen. Der
Richter sprach zu ihm: "Weshalb freust du dich so sehr, und welche Freude
hast du an dem Verderben der Seele? Sprich so, daß meine Braut, welche hier
steht, es hört. Denn obwohl ich alles weiß, so sollst du doch wegen dieser
meiner Braut, welche das Geistliche ohne Gleichnis nicht zu fassen vermag,
antworten." Da sprach der Teufel: "Wenn jene Seele brennt, so brenne
ich noch stärker und grausamer und mit ihren Flammen vermehren sich die
meinigen; weil Du sie aber mit Deinem Blute erlöst und sie so sehr geliebt
hast, daß Du, Gott, Dich selber für sie hingabst, ich sie aber dennoch habe
betrügen können, deshalb freue ich mich." Der Richter antwortete:
"Deine Bosheit ist groß; aber schaue dich um, denn ich gestatte dir, zu
sehen." und siehe! ein gar schöner Stern stieg empor in des Himmels
höhere Regionen und als der Teufel denselben erblickte, verstummte er. Der
Herr sprach zu ihm: "Wem ist dieser ähnlich?" Der Teufel
antwortete: "Er ist glänzender, als die Sonne, wie ich schwärzer bin,
denn Rauch; er ist voll jeglicher Süßigkeit und göttlicher Liebe, und ich
bin von jeglicher Bosheit und Bitterkeit." Und der Herr sprach: "Was
denkst du in deinem Herzen, und was möchtest du wohl dafür geben, wenn er in
deine Macht gegeben würde?" Der Teufel antwortete: "Alle Seelen,
welche in der Hölle sind, von Adam bis auf diese Stunde, möchte ich gern
dafür hingeben und außerdem so bittere Pein leiden, als wenn zahllose
Spieße in eine Säule gestoßen würden; Spieß an Spieß und so ganz dicht
aneinander, daß nicht Platz für eine Nadel zwischen den Spießen wäre und
von der höchsten Höhe des Himmels bis zur Hölle wollte ich dazwischen
hindurch gehen, damit jener Stern mir in meine Gewalt gegeben werde." Der
Herr antwortete: "Deine Bosheit ist groß gegen mich und meine
Auserwählten. Ich aber bin so liebreich., daß, wenn ich noch einmal sterben
könnte, ich gern einen
solchen Martertod für eine jegliche Seele und einen jeden unreinen Geist
dulden würde, wie ich bereits einmal für alle Seelen am Kreuze erduldet
habe, so daß nicht ein einziger unreiner Geist übrig bleiben würde. Du aber
bist so neidisch, daß Du nicht willst, daß auch nur eine einzige Seele zu
mir käme." Darauf sprach der Herr zu der guten Seele, welche anzusehen
war wie der Stern: "Komm, meine Auserwählte, in die Freude, wonach Du
verlangt hast. Komm in die Süßigkeit, welche nimmer endigen wird. Komm zu
Deinem Gotte und Herrn, nach welchem Du so oft Verlangen getragen hast. Ich
werde Dir mich selber geben, in welchem alles Gute und alles Süße ist. Komm
zu mir aus der Welt, welche dem Schmerze und der Pein ähnlich ist, weil in
ihr nichts ist, als Elend." Und darauf wendete sich der Herr zu mir, die
ich dieses alles im Geiste sah, und sprach zu mir: "Siehe, Tochter,
dieses ist in einem Augenblicke vor mir geschehen. Allein weil Du ohne
Gleichnis das Geistliche nicht fassen kannst, deshalb zeige ich Dir dieses,
also daß der Mensch erkenne, wie strenge ich gegen die Bösen und wie
liebreich ich gegen die Guten bin."
Dem Richter ward eine Seele vorgestellt, welcher vier
Mohren folgten, die zum Richter sprachen: "Siehe, da haben wir eine Beute
gemacht, wir haben sie verfolgt und alle ihre Wege gemerkt; nun ist sie in
unsere Hände gefallen; was sollen wir damit machen?" Der Richter sprach
zu ihnen: "Welche Sache habt ihr wider sie?" Der erste Mohr
antwortete: "Du, Gott, hast gesagt: Ich bin gerecht und barmherzig und
erhaben über die Sünden. Diese Seele aber hat sich auf die Vorausbestimmung
gestützt, als wäre sie erschaffen zu ewiger Verdammnis." Der zweite
Mohr sprach: "Du, Herr, hast gesagt: Der Mensch solle gerecht sein gegen
seinen Nächsten und denselben nicht betrügen. Dieser aber hat seinen
Nächsten betrogen, entlehnt, was er konnte, und hingenommen, was er wollte,
da er doch nicht Willen hatte, wieder zu erstatten." Der dritte Mohr
sprach: Du hast gesagt: Der Mensch dürfe keine Kreatur über seinen Schöpfer
lieben: dieser aber hat alles geliebt außer Dich." Der vierte Mohr
sprach: "Niemand kann in den Himmel kommen, wer nicht mit ganzem Herzen
Gott verlangt und sucht, dieser aber hat nichts Gutes gewünscht, noch hat
irgend etwas Geistliches ihm gefallen, sondern was er für Dich gethan, hat er
allein deshalb gethan, damit er nicht von den Christen getadelt würde, als ob
er kein Christ sei." Darauf sprach der Richter zur Seele: "Was sagst
Du von Dir selber? Sie antwortete: "Mein Herz
ist verhärtet, und ich wünsche Dir Böses und nichts Gutes, der Du mein
Schöpfer und Erlöser bist. Gezwungen werde ich Dir aber die Wahrheit sagen.
Ich bin wie eine unzeitige Geburt, blind, lahm und verachte die Ermahnungen
des Vaters. Darum sagt mir mein Gericht, mein Gewissen, daß ich denen in den
Peinen folgen soll, deren Wandel und Ratschläge ich auf Erden befolgte. Nach
diesen Worten ging die Seele unter häufigen Thränen vor dem Antlitze des
Richters hinweg und das Gesicht verschwand. Am Ende dieser Offenbarung ist die
Rede vom Bruder Algotus, dem Prior von Skara und Magister in der Theologie,
welcher drei Jahre blind war, an der Steinplage litt und ein ruhiges Ende
nahm. Denn als die selige Brigitta für ihn betete, daß er gesund werden
möchte, vernahm sie im Geiste eine Antwort! "Er ist ein glänzender
Stern; es ist nicht gut, daß, wenn der Leib gesund ist, die Seele befleckt
werde; er hat schon gestritten und vollbracht, und es bleibt nichts übrig,
als daß er gekrönt werde, und ein Zeichen dafür wird Dir sein, daß von
dieser Stunde an die Schmerzen des Fleisches sich erleichtern und die Seele
ganz von meiner Liebe entflammt werden wird."
Worte Christi an die Braut, wie Eltern, welche Kinder im weltlichen Wandel unterweisen, um Ehre und weltlichen Ruhm mit Hoffart zu erlangen, auf eine deutliche Weise durch Schlangen, welche ihre Jungen ausziehen und sie mit dem Stachel und Gift stechen lehren, bedeutet werden.
"Wenn die Schlange und ihr Weibchen sich vermischen,
haben sie im Samen der Vermischung ein Gift und von ihrer Natur wird eine
vergiftete Schlange empfangen. Wenn aber die Schlange empfangen worden, kann
sie nicht anders lebendig werden, als durch meine Kraft, weil ohne mich nichts
ist, noch sein, noch meinen Geist empfangen kann, als mittels meiner Kraft.
Wenn aber die Schlange geboren worden, so legt sich die Mutter, weil sie keine
Brüste hat, um ihr Junges zu säugen, über das Junge und wärmt dasselbe so
mächtig, daß es schier erstickt. Wenn dann die junge Schlange von oben her
die starke Wärme und vom Boden her die große Kälte empfindet, wendet sie,
der Not sich fügend, den Rachen gegen die Erde und beginnt zu saugen und
aufzunehmen. Um es dann zu unterweisen, wie das Junge sich bewegen soll,
sticht sie es in den Schwanz und beginnt es, denselben auszustrecken, so
wiederholt sie ihre Stiche, damit es den Schwanz zurückziehe. Auf ähnl-
liche Weise lehrt sie es, den Kopf emporzustrecken und den Rücken zu
krümmen. Nachmals sucht sich die Mutter einen Ort aus, wo die Hitze der Sonne
stärker glüht und wohin sie das Junge mit sich fortlockt, indem sie sachte
vorauskriecht, damit es lerne zu folgen. Wenn es nun folgt und in der
Sonnenhitze schläft, so denkt die Mutter bei sich also: Gift hat mein Junges
zur Ausübung der Bosheit, nun ist noch notwendig, daß es stechen lerne. Weil
es aber noch einen zarten Stachel hat, wird derselbe, wenn ich ihn an etwas
Hartes bringe, gar bald brechen, bevor er gewohnt und stark genug ist zum
Stechen. Darum sucht die kluge Mutter für den Sohn etwas ganz Weiches, bringt
solches herbei und legt es vor das Junge hin, welches schläft; dann bläst es
demselben mit starkem Odem in die Ohren und weckt es in harter Weise auf,
dergestalt, daß es, durch die Hauchbewegung gleichsam außer sich gebracht,
in jenen weichen Gegenstand hineinzustechen beginnt, der ihm zuvor vorgelegt
war. An demselben gewöhnt es seinen Stachel so lange, bis es mit wachsender
Härte desselben und der Gewohnheit des Stechens, Steine und Holz und
jegliches Starke stechen lernt. Wenn endlich das Junge wohl unterwiesen
worden, verläßt die Mutter dasselbe. Also ist jener Mensch, den Du kennst;
denn er ist wie ein Schlangenkind, weil er von einem Schlangenvater und einer
Schlangenmutter geboren ist. Diese beiden sind zusammengekommen mit dem
schlimmsten Gifte eines hoffärtigen Geistes, welches der Seele viel
verdammlicher schadet, als körperliches Gift dem Leibe. Weil dieser
Schlangenvater nun eine gar große Neigung und unauslöschliche Begierde nach
fleischlicher Umarmung hatte, so entbrannte er in Begierlichkeit gegen das
Weib und seine Klugheit, schöne Gestalt und munteres Wesen betrachtend,
entbrannte auch dieses gegen ihn in Liebe. So sind sie in aller Hoffart, indem
sie meine Furcht verachteten, zusammengekommen, und haben aus einem
vergifteten Geschlechte eine giftige Schlange erzeugt. In ihren Samen habe
ich, weil ich barmherzig bin und die Gerechtigkeit es also erfordert, eine aus
meiner Gottheit erschaffene Seele gegeben; weil aber die Mutter keine Brüste
der göttlichen Liebe hat, um daran ihr Kind zu säugen, wärmt sie dasselbe
unter sich, d. h. nährt es mit der Liebe zur Welt und zu höheren Dingen,
indem sie mit ganzer Kraft danach trachtet, es unter den Adel gezählt zu
sehen. Zu seinem Verderben es anreizend, spricht sie zu ihm: Wenn Du jene
Herrschaft und jenes Fürstentum hättest, könntest Du dem Vater gleich sein;
solche Ehre ziemt Dir, und nach solcher Ehre zu trachten bist Du schuldig.
Wenn nun das Schlangenkind durch solche Worte von der Mutter unterwiesen und
zum Irdischen erwärmt ist, so beginnt es, in der göttlichen Liebe erkältet,
aus Verlangen nach dem Irdischen zu genießen und durch den Genuß noch
heftiger danach zu verlangen.
Darauf wird es, um zu lernen, die Glieder zu bewegen und das
Haupt aufzurichten, von der Mutter in den Schwanz gestochen, nämlich:
unterwiesen und angeleitet, andere mit Versprechungen an sich zu locken,
andere durch Wort und Gunst für sich zu gewinnen, das Vermögen nicht zu
sparen, um gut genannt zu werden; des Lebens nicht zu schonen, um als Held zu
gelten, sich keine Ruhe zu gönnen, damit sein Name gefeiert werde. Die Mutter
lehrt ihr Junges auch kriechen, geht ihm voraus und führt es in die Sonne,
wenn sie selber hoffärtig und zügellos lebt, und es zu Ähnlichem anreizt,
indem sie insgeheim und öffentlich zu ihm spricht: So lebten Dein Vater und
Deine Vorfahren. So einherzugehen geziemt sich großen Herren; Du sollst Dich
schämen, heiliger sein zu wollen, als sie; es ist eine Schande, wolltest Du
demütiger sein, als sie, welche durch schmeichelnde Ansprache die Gunst der
Menschen erlangten, und durch den äußeren Glanz ihres Lebens einen großen
Namen sich erworben haben. Durch diese Ermahnungen wird das Schlangenjunge
verlockt, folgt der Mutter von einer Sünde zur anderen, bis es, wie in der
Hitze der Sonne ausgebrütet, zu fleischlichen Ausschweifungen kommt. Wenn es
nun sich anschickt zu ruhen und es beginnt die Glut des Fleisches ihm süß zu
werden, dann wird es von der Mutter belehrt, zu stechen und den Stachel zu
gebrauchen. Weil aber die Mutter seine Schwäche im Stachel, seine Armut im
Vermögen und den Mangel an Kräften bedenkt, so rät sie ihm den Stachel
zuerst an Zeitlichem von minderem Belange zu versuchen, daß es zuerst zu
niederen Ehren aufsteige, was alles im Anfange weich, und zum Besitzen süß
erscheint. Diesem vergifteten Rate folgend, sticht es die Armen, welche keine
Macht zum Widerstande haben, mittels Wegnahme des Ihrigen; einige sticht es
mit Unrecht, andere mit Haß, und beraubt sie des
Lebens. Danach, wenn der Stachel der Bosheit in diesen unteren Dingen
gestärkt worden, beginnt es, von der Mutter abermals angeblasen, zu Höherem
aufzusteigen, die Größeren zu beneiden, Verrat anzuspinnen, Hader
anzustiften, und zwar so sehr, daß es sich nicht scheut, seinen Stachel wider
das Stärkste, d. h. zur Beleidigung der heiligen Kirche auszustrecken, wenn
man nicht sorgfältig sich vorsieht und weislich hütet. Um die Bosheit dieses
Stachels auszurotten, giebt es nur ein einziges Mittel, d. h. daß die Zunge
der Schlange abgeschnitten wird; Sache der Weisen ist es aber, zu entscheiden,
was die Zunge ist und wie sie abgeschnitten werden mag. Hierauf fügte der
Herr hinzu: Wie ein Tuch zerschnitten wird und nichts fühlt, und wie ein
Apfel abgeschält, aber sein Besitzer nicht verletzt wird, so ist mein Leiden
im Herzen dieses Schlangensohnes, weil er desselben in seinem Herzen niemals
aufmerksam gedenkt. Er setzt seine Zuversicht auf die Vorherbestimmung und
spricht: Wenn Gott vorausgewußt, daß ich verdammt werden würde, warum soll
ich mich weiter mühen? Wenn ich aber gerettet werden muß, wird er leichtlich
meine Buße annehmen. Wehe ihm, wenn er sich nicht schleunig bessert, weil um
meines Vorauswissens halber niemand verworfen wird. Wisse auch, daß jenes
Schlangenweibchen, die Mutter, nicht erlangen wird, was sie thörichterweise
wünscht; weder die Kinder, noch das ganze Geschlecht werden Glück haben; ja,
sie selber wird in Bitterkeit sterben und ihr Gedächtnis in Vergessenheit
sein."
Der Sohn Gottes sprach: "Man soll sich sehr hüten, beim Geschlechte des Weibchens und der Schlange Hilfe und Beständigkeit des Reiches zu suchen, denn sie nahen bereits dem Gerichte Gottes, und ihre Tage werden nicht verlängert werden." -
Weiter erschien Christus abermals, und sprach: "Wisse
für gewiß, daß diese Frau nicht erlangen wird, was sie begehrt, auch ihre
Söhne kein Glück haben werden; sie werden auch keinen Samen erzeugen, und
ihr Gedächtnis wird nicht von Geschlecht auf Geschlecht fortgehen." ![]()
Gott der Vater redet mit dem Sohne, wie dieser einem Bräutigam ähnlich ist, welcher seine Braut so sehr geliebt, daß er ihretwegen sich hat kreuzigen lassen; sie aber hat einen Ehebrecher geliebt und den Bräutigam getötet. Wie die Seele durch die Braut, das Brautgemach durch die Kirche, die Pforten desselben durch den Willen, der Ehebrecher aber durch die Lüste des Leibes bedeutet werden, Er macht auch Voraussage über eine künftige Braut, welche Christo verlobt werden soll.
Der Vater sprach zum Sohne: "Du bist ähnlich einem
Bräutigam, welcher sich mit einer Braut vermählt hat, die schön ist von
Angesicht, ehrbar in ihrem Wandel. Er hat dieselbe hineingeführt in sein
Brautgemach und sie geliebt wie sich selber. Also auch Du, mein Sohn! Du hast
Dich mit einer neuen Braut vermählt, als Du zu den Seelen der Menschen in
solcher Liebe entbranntest, daß Du Dich selber für sie hast zerreißen und
an einem Stamme ausstrecken lassen wollen; Du hast sie eingeführt in Deine
heilige Kirche, welche Du mit Deinem Blute gleichsam zu einem Brautgemache
geweiht hast. Aber fürwahr, Deine Braut ist nun eine Ehebrecherin geworden,
die Thüren des Brautgemachs sind verschlossen, und an der Stelle der Braut
liegt die ärgste Ehebrecherin, welche bei sich also denkt: Wenn mein Gatte
schlafen wird und entkleidet daliegt, werde ich wider ihn ein scharfes Schwert
ziehen und ihn töten, weil er mir nicht gefällt. Wen anders bedeutet die
Braut, als die Seelen, welche Du mit Deinem Blute erlöst hast? Obwohl ihrer
viele sind, können sie doch wegen der Einheit des Glaubens und der Liebe Eine
genannt werden, aber viele darunter sind jetzt Ehebrecherinnen geworden, weil
sie die Welt mehr lieben, als Dich. Sie suchen fremde Lust, nicht die Deinige.
Die Thüren des Brautgemachs, d. h. Deiner Kirche, sind verschlossen. Was
bedeuten die Thüren anderes, als den guten Willen, mittels dessen Gott zur
Seele eingeht? Dieser ist verschlossen und für das Gute gleichsam ohne
Wirksamkeit, dagegen geschieht der Wille Deines Feindes, denn alles, was dem
Leibe nach gefällt und vergnügt, das wird geliebt, wird geehrt, wird als
heilig und als
gut gepriesen. Dein Wille aber, welcher darin besteht, daß die Menschen Dich
inbrünstig lieben, Dich weise begehren, alles vernünftigerweise für Dich
hingeben sollen, ist ihnen gänzlich verborgen und von ihnen vernachlässigt.
Und wenn auch etliche vielleicht dann und wann öffentlich eingehen zu den
Thüren Deines Brautgemaches, so gehen sie nicht in der Absicht ein, um Deinen
Willen zu thun und Dich von ganzem Herzen zu lieben, sondern aus Scheu vor den
Leuten, auf daß sie nicht als ungerecht erscheinen, und nicht öffentlich von
den Menschen für die erkannt werden, welche sie inwendig bei Gott sind. So
also ist die Thüre Deiner Kammer kläglich geschlossen, und die
ehebrecherische Lust gilt mehr, als die Freude an Dir. -
Sie denken auch bei sich, Dich, wenn Du nackt bist und
schläfst, zu töten. Nackt wirst Du ihnen erscheinen, wenn sie Deinen Leib,
den Du aus der reinsten Jungfrau angenommen, ohne die Gottheit zu verlieren,
unter der Gestalt des Brotes auf dem Altare sehen, daran aber nichts
wahrnehmen von der Macht Deiner Gottheit; sie achten Dich als geringes Brot,
während Du doch wahrhaft Gott und Mensch bist, den die Augen, welche von der
Dunkelheit der Welt verfinstert sind, nicht sehen können. Schlafend
erscheinst Du ihnen alsdann, wenn Du sie ungestraft lässest, und deshalb
schreiten sie vermessen in Deine Kammer, und denken bei sich: Ich will
hineingehen und den Leib Christi empfangen wie die übrigen, will aber nach
dem Empfange gleichwohl thun, was mir gefällt. Was steht mir denn entgegen,
ihn zu empfangen und was nützt es mir, wenn ich ihn empfange? Siehe! durch
solche Gedanken und durch solchen Willen töten Dich die Elenden in ihren
Herzen, damit Du nicht herrschest in ihnen, obwohl Du unsterblich bist und an
jedem Orte gegenwärtig mittels der Macht Deiner Gottheit. Weil es sich aber
nicht ziemt, mein Sohn, daß Du ohne Braut seiest, Du auch keine andere Braut
haben darfst, als die keuscheste, deshalb werde ich meine Freunde senden,
welche für Dich eine neue Braut, schön von Ansehen, ehrbar in ihren Sitten,
lieblich zu berühren, in Empfang nehmen und Dir ins Brautgemach führen
sollen. Meine Freunde aber werden schnell sein wie Vögel im Fluge, weil mein
Geist mit mir selbst sie führen wird, sie werden stark sein wie diejenigen,
vor deren Händen eine Mauer
niedersinkt, sie werden auch hochherzig sein wie die, welche den Tod nicht
fürchten, und bereit sind, ihr Leben zu lassen. Sie werden Dir die neue Braut
zuführen, d. h. sie werden Dir die Seelen meiner Erwählten mit großer Ehre
und Ruhm, mit großer Andacht und Liebe, mit mannhafter Arbeit und starker
Ausdauer erwerben. Ich, der ich jetzt rede, bin der, der am Jordan und auf dem
Berge gerufen hat: Dieser ist mein geliebter Sohn! Meine Worte
werden gar schnell erfüllt werden."
Die Mutter Gottes erklärt der Braut mittels eines Gleichnisses, wie sie, die Jungfrau, selber die Worte dieses himmlischen Buches auf Bitten aller Auserwählten der Welt von ihrem Sohne erhalten hat. Diese Worte verheißen den Hoffärtigen den Fluch und den Demütigen Barmherzigkeit. Es sind auch Worte enthalten, in denen gewissen Personen die Macht gegeben wird, Teufel auszutreiben und die Hadernden zu vereinigen, nämlich die Könige von Frankreich und England.
Maria sprach: "Mein Sohn ist ähnlich einem Könige,
welcher ein Reich hatte, in dem siebzig Fürsten sich befanden; in eines jeden
Herrschaft fand sich aber nur einer, welcher dem Könige treu war. Da nun die
dem König ergebenen Fürsten sahen, wie den Ungetreuen nichts anderes
bevorstehe, als Tod und Verdammnis, schrieben sie an eine Frau, welche dem
Könige sehr befreundet war, und ersuchten dieselbe, ihn in ihrem Namen für
sie zu bitten, und ihm nahezulegen, daß er ihnen mahnende Worte schreiben
möchte, die sie von ihrer Halsstarrigkeit zurückbrächten. Als sie nun dem
Könige wegen des Heils jener Ungetreuen anlag, antwortete ihr der König:
Ihnen übrigt nur der Tod, und diesen haben sie verdient; allein um deiner
Bitten willen, werde ich ihnen zwei Worte schreiben. Das erste Wort enthält
drei Bedrohungen: erstens die Verdammnis, welche ihr Lohn ist; zweitens die
Armut; drittens Beschämung und Entehrung, welche sie für ihre Thaten
verdienen. Das zweite Wort sagt ihnen, daß ein jeglicher, welcher sich
demütigt, die Gnaden haben und das Leben genießen wird. Als nun der Brief,
welcher diese beiden Worte enthielt, an jene Ungetreuen ge-
langt war, sprachen einige unter ihnen: Wir sind so stark wie der König, und
deshalb wollen wir uns verteidigen. Andere sprachen: Wir kümmern uns um Leben
und Tod nicht, was weiter sich begeben wird, macht uns keine große Sorge.
Andere sprachen auch: Was wir vernommen haben, ist erlogen und erdichtet, denn
dieser Brief ist nicht vom Munde des Königs ausgegangen. Als die Getreuen des
Königs diese Antwort vernommen hatten, schrieben sie wiederum und abermals an
jene vertraute Freundin des Königs und sagten: Jene Ungetreuen glauben weder
den Worten des Königs, noch den unsrigen; deshalb bitte den König, daß er
ihnen irgend ein besonderes Zeichen der Glaubwürdigkeit senden möge, mittels
dessen sie glauben, daß der Brief vom Munde des Königs ausgegangen sei. Als
der König dieses hörte, sprach er: Einem Könige gebühren zwei
Auszeichnungen: Eine Krone und ein Schild. Die Königskrone kann außer dem
Könige selbst niemand tragen und der Königsschild stiftet Frieden unter den
Uneinigen; beides will ich ihnen denn senden, ob sie vielleicht so meinen
Worten glauben, und sich auf ihre Bosheit besinnen und davon zurückkommen. -
Dieser König ist niemand anders, denn mein Sohn, welcher
der König der Herrlichkeit, der Sohn Gottes, mein Sohn ist. Derselbe hat ein
Reich, d. i. die Welt, in welcher siebzig Sprachen wie siebzig Herrschaften
sind, und in jeglicher Sprache ist ein Freund meines Sohnes, d. h. es giebt
keine Sprache, in welcher nicht einige Freunde meines Sohnes gefunden würden,
welche wegen der Einheit des Glaubens und der Liebe durch Einen bezeichnet
werden. Ich aber bin jene vertraute Freundin des Königs und an mich sendeten
meine Freunde, als dieselben sahen, wie der Welt ein Unheil drohe, ihre Bitten
und Boten, daß ich meinen Sohn für die Welt milde stimmen möchte; auf meine
Bitten und der Heiligen Kniefälle schickte derselbe der Welt diese von
Ewigkeit voraus gewußten Worte seines Mundes. Zu ihrer Glaubwürdigkeit und
damit niemand denke, sie seien anderwärtsher zusammen erdichtet, habe ich als
Zeichen die Krone und den Schild des Königs erlangt; die Krone wegen der
Gewalt, die einem über die unreinen Geister gegeben werden wird, den Schild
um des Friedenswerkes willen, das einem anderen gegeben werden wird, nämlich
die hadernden Herzen in ein Herz und zu gegenseitiger Liebe zu vereinigen. Die
Worte meines
Sohnes sind aber mehr nicht, denn gleichsam zwei Worte, weil in denselben
allen weiter nichts ist, als diese beiden Dinge, nämlich ein Fluch wider
jene, die sich verhärten, und Erbarmen für jene, welche sich
demütigen." - Nach diesen Worten sprach der Sohn zur Mutter:
"Gesegnet seist Du, Du bist wie eine Mutter, welche ausgesandt wird,
ihrem Sohne eine Gemahlin zuzuführen. So sende ich Dich an meine Freunde,
welche die Seelen meiner Auserwählten wie zu einer geistlichen Ehe mit mir
verknüpfen sollen, wie sie Gott geziemt. Wegen Deiner großen Barmherzigkeit
und Liebe nun, womit Du so brünstig die Seelen liebst, gebe ich Dir Gewalt
über jene Krone und jenen Schild, daß Du sie nicht allein zweien, sondern
auch anderen, denen Du willst, mögest geben können; denn Du bist voll
Barmherzigkeit, und ziehest deshalb alle Barmherzigkeit .von mir zu den
Sündern. Gebenedeit sei ein jeglicher, der Dir dient, weil er weder im Leben,
noch im Tode verlassen werden wird." Darauf redete die Mutter abermals
zur Braut: "Es steht geschrieben, daß Johannes der Täufer
einhergegangen sei vor dem Antlitze meines Sohnes (Malach. III. Matth. XI. Luk.
I. u. VII.), welchen nicht alle gesehen, weil er in der Wüste war; so gehe
auch ich vor jenem künftigen, schrecklichen Gerichte meines Sohnes mit meiner
Barmherzigkeit vor ihm einher. Sage also von meiner Seite dem, welcher die
Krone hat, daß er, so oft er den gewohnten Geist und die Inbrunst meines
Sohnes in sich fühlt, über den Gequälten folgende Worte lesen solle: Gott
Vater, mit dem Sohne und dem heiligen Geiste, Schöpfer aller Dinge und
Richter aller Geschöpfe, der da um unseres Heiles willen gesandt hat seinen
gedenedeiten Sohn mit sich selber in den Schoß der Jungfrau, zu seiner
Herrlichkeit und wegen des Gebetes der Jungfrau Maria befehle ich dir,
unreiner Geist, daß Du ausfahrest aus diesem Geschöpfe Gottes im Namen
dessen, der von der Jungfrau geboren worden, Jesus Christus Ein Gott, welcher
Vater, Sohn und heiliger Geist ist." - Danach soll man von meiner Seite
dem anderen, welcher den Schild hat, sagen: "Du hast mich oft wie Deinen
Boten zu Gott gesendet, und ich habe meinen Sohn für Dich gebeten. Jetzt
bitte ich, daß Du als mein Bote hingehest zum Oberhaupte der Kirche; denn
wenn auch Lucifer an dessen Stelle säße, werden doch die Worte meines Sohnes
nach seinem
Willen vollendet werden. Wenn er aber nach Frankreich kömmt und die Fürsten
vor ihm versammelt sind, soll er ihnen folgende Worte zu Gehör reden: Gott,
welcher mit dem Vater und dem heiligen Geiste ist, der Schöpfer aller Dinge
und alles dessen, was gemacht worden; der sich herabgelassen hat,
niederzusteigen in den jungfräulichen Schoß und seine Gottheit mit seiner
Menschheit zu vereinigen, ohne sich jedoch von seiner Gottheit zu trennen;
welcher seine Liebe so fest auf die Menschen gerichtet hat, daß, als er die
Lanze, die spitzigen Nägel und alle Werkzeuge des Todes vor sich erblickte,
lieber hat sterben und alle erschrecklichen Todeswerkzeuge erdulden, seine
Nerven durchschneiden, seine Hände und Füße durchbohren lassen, als die
Liebe, welche er auf den Menschen gesetzt, hat aufgeben wollen; dieser wolle
euch, die ihr bisher entzweit waret, um seines Leidens willen in Ein Herz
vereinigen. Darauf soll er ihnen, wie mein Geist ihn lehren wird, die Strafen
der Hölle, die Freude der Gerechten und den Lohn der Ungerechten
vorstellen."
Christus zeigt der Braut, wie die Seele eines frommen Mönches im Leben durch Krankheiten des Leibes gereinigt ward. Seine Verherrlichung zeigte sich unter dem Bilde eines Sternes vor seinem Tode. Wie die Seele eines anderen Ordensgeistlichen, welche bereits verdammt war, von neun Teufeln vor dem Obersten der Teufel begehrt ward. Es wird hier der Grund angedeutet, weshalb die bösen Ordensgeistlichen von Gott geduldet werden.
Der Sohn Gottes sprach zur Braut: "Du hast die Seele
jenes verstorbenen Mönchs in der Gestalt eines Sterns geschaut, und mit
Recht; denn er war in seinem Leben so klar und brennend wie ein Stern, weil er
mich vor aller Kreatur liebte, und in treuer Ausübung seines Vorsatzes lebte.
Diese Seele ward Dir auch, bevor sie starb, in dem Stande gezeigt, in welchem
sie sich befand, als sie Dir gewiesen ward; und das war, als sie zum letzten
Augenblicke ihres Lebens gekommen war, und als die Zeichen der Krankheit,
welche den Tod anzeigten, vorhanden waren. Als sie nun den letzten Augenblick
des Todes erreicht hatte, kam sie an den Reinigungsort, und dieser
Reinigungsort war ihr Leib, wo sie mit
Schmerzen und Krankheiten gereinigt ward. Und deshalb wurde sie Dir wie ein
Stern in einem offenen Gefäße gezeigt, und das war, weil sie in meiner Liebe
brannte, und darum ist sie jetzt in mir, und ich bin in ihr. Wie ein Stern,
wenn derselbe in ein reicheres und helleres Feuer käme, nicht mehr sichtbar
bleiben würde, so ist er jetzt in mir eingeschlossen und ich in ihm, und er
wird sich jener unaussprechlichen Herrlichkeit erfreuen, welche nimmer endigen
wird. Als er aber an seinem Reinigungsorte war, brannte jener Stern noch in so
großer Liebe gegen mich und ich zu ihm, daß er die Heftigkeit des Schmerzes
an seinem Leibe gar leicht achtete, so daß seine Freude in der Trübsal
anfing und zur ewigen Freude ausgewachsen ist. Als solches der Teufel sah und
in dieser Seele etwas suchte, was ihm an ihr ein Recht geben möchte, hätte
er um der Liebe willen, welche sie zu mir hegte, gern auf andere Seelen für
sie verzichten wollen.
Es ist Dir auch eine andere Seele gezeigt worden, welche der
Teufel mit neunfachem Rechte besetzt. Weil ich Dir früher ihre Verurteilung
gezeigt habe, will ich Dir nun auch ihre Strafe zeigen. Vor Gott war alles in
einem Augenblicke, was jedoch leiblicherweise ohne Ausführlichkeit weder
dargestellt, noch gehört werden kann. Als seine Seele zur Strafe gezogen
wurde, liefen ihr sogleich sieben Teufel, ihrem Obersten voraneilend, entgegen
und sprachen: Diese Seele ist von Rechts wegen unser. Zuerst sprach der Teufel
der Hoffart: Sie ist mein, weil sie niemand sich ähnlich geachtet und über
alle sein wollte, so wie ich. Der zweite, der Teufel der Begierlichkeit,
sprach: Sie hat niemals erfüllt und gesättigt werden können, wie auch ich
nicht, und ist deshalb mein. Der dritte, der Teufel des Ungehorsams, sprach:
Sie war verpflichtet zum Gehorsame und zur Zucht, war aber Gott in allem
ungehorsam und dem Fleische gehorsam, deshalb ist sie mein. Der vierte, der
Teufel der Völlerei, sprach: Sie hat zu verbotenen Zeiten im Essen und
Trinken, wie ich ihr geraten, sich übernommen, sie wollte sich nichts
versagen und ist deshalb mein. Der fünfte, nämlich der Teufel der eitlen
Ehrsucht, sprach: Sie hat gesungen für den eitlen Ruhm und den eitlen Namen,
und wenn ihre Stimme ein wenig herabgedrückt und verdrossen ward, dann hob
ich sie in die Höhe, eilte ihr freudig entgegen und half ihr. Der sechste,
der
Teufel des Eigentums, sprach: Sie hätte arm sein sollen in der Welt und
nichts Eigenes haben; im Gegenteile aber hat sie wie eine Ameise, was sie
haben konnte, zusammengehäuft, und ohne ihren geistlichen Vorsteher darum zu
befragen, besessen, und deshalb ist sie mein. Der siebente Teufel, nämlich
derjenige der Ordensverachtung, sprach: Nach der Disciplin ihrer Regel war sie
verpflichtet, in allen ihren Werken die bestimmten Zeiten inne zu halten; weil
bei ihr aber alles in Unordnung war, trank und aß sie im Gegenteile, wann sie
wollte, schlief und wachte und redete, wenn es ihr beliebte, und trieb alles
ohne die Zucht der Regel, und deshalb ist sie mein. Darauf sprach der Oberste
der Teufel zu einem jeden, wie durch ein Beispiel es ihm weisend: Du Geist der
Hoffart, weil Du ihn außen und innen besessen, so fahre nun in ihn hinein und
schüre ihn so enge zusammen, als wie wenn sein Geist, wenn es möglich wäre,
Glieder hätte und mit dem Leibe zusammenhängen würde und presse ihn so
schrecklich, daß das Gehirn samt den Augen, und das Mark aus den Fugen
hinausdringe und alle Glieder sich auflösen. Zum zweiten, dem Geiste der
Begierlichkeit, sprach er: Du hast ihn nach deinem Willen besessen, und nimmer
ist er gesättigt worden; fahre deshalb in ihn mit einer Glut, die schlimmer
ist, als Gift, und heißer, denn glühendes Blei, und setze ihn auf so
klägliche Weise in Flammen, daß, wie Wein in ein gläsernes Gefäß mit
vielen Röhren eingeht, alle leeren Räume einnimmt und ausfüllt, also deine
vergiftete und bleierne Glut eingehe in alle seine Glieder, und darin brenne
ohne Ende. Zum dritten, d. i. dem Geiste des Ungehorsams, sprach er: Du hast
ihn zu allem besessen, was seinem Gelübde entgegen war, und er hat dir mehr
gehorcht, als seinem Gotte; fahre darum in ihn, wie ein scharf schneidendes
Schwert, und bleibe so schmerzlich stecken in ihm, wie ein Schwert auf
unerträgliche Weise peinigt, das ins Herz gestoßen, weder am unteren, noch
am oberen Teile hinausdringen, sondern unbeweglich stecken bleiben würde. Zum
vierten, dem Geiste der Völlerei, sprach er: Er stimmte dir zu in jeglicher
Unmäßigkeit, deshalb zermalme ihn mit deinen Zähnen und zerfleische sein
Herz, so daß ein jeglicher der eben aufgezählten Geister, nämlich der
Hoffart, der Begehrlichkeit, des Ungehorsams und der Völlerei, einen Teil
seines Herzens besitze und durch seinen Besitz so peinige,
daß es immerdar zerrissen, niemals aber verzehrt werde. Zum fünften, d. h.
dem Geiste der eitlen Ruhmsucht, sprach er: Fahre ein in ihn und laß ihn
nimmer zur Ruhe kommen, für seinen Gesang soll nur Weh aus seinem Munde
ausgehen. Jegliche Freude und Vergnügung, die er in der Welt suchte, soll ihm
in Weinen und ewiges Elend verwandelt werden. Zum sechsten aber, d. i. zum
Geiste des Eigentums, sprach er: Fahre ein in ihn mit Bitterkeit, laß ihn
alles Annehmliche entbehren, das er wünschte, und statt dessen
unaussprechliche Schande, unsägliche Verdammnis und ewige Beschämung haben.
Zum siebenten, dem Geiste der Ordensverachtung, sprach er: Weil er alle seine
Zeiten unordentlich gehalten, deshalb wird ihm eine Zeit kommen, die nimmer
enden wird, in der er Kälte und Hitze ohne Ende leiden wird.
Darauf erschienen im nämlichen Augenblicke vor dem Obersten
der Teufel zwei Geister und sprachen: Auch wir haben teil an dieser Seele. Und
der erste sprach: Er ist ein Priester gewesen, hat aber nicht gelebt wie ein
Priester. Deshalb habe ich meinen Teil an ihm. Der zweite Teufel sprach: Er
hatte eine gewisse Stelle auf dem Haupte, auf welcher er die Krone der
Herrlichkeit hätte haben sollen, die er nicht gehabt. Darum ist die Seele
mein. Der Oberste antwortete: Der ehrenvolle Name des Priesters soll geändert
werden und er soll Satan heißen, statt der Krone der Herrlichkeit, welche zu
haben er verschmähte, soll ihm die Schmach des Fluches und ewige Verwerfung
aufgesetzt werden." Sodann sprach der Herr zur Braut: "Siehe, meine
Braut, welche Vergeltung und wie ungleich! Diese beiden Seelen waren einer und
derselben Profeß, sind aber im Lohne gar ungleich untereinander. Weißt Du
wohl, weshalb ich Dir dieses zeige? Fürwahr, damit die Guten gestärkt
werden, und damit die Bösen, wenn sie dieses Gericht erfahren, vom Bösen
ablassen. Wahrlich, ich sage Dir, daß jene Ordensprofessen sich sehr von mir
abgewendet haben, wie Du aus einem Beispiele wirst sehen können. Ich bin
einem Hausvater ähnlich, der Arbeitsleute angenommen und denselben ein
Grabscheit übergeben hat, die Erde zu graben, einen Besen, die Erde aus der
Grube zu fegen, und ein Gefäß, um dieselbe hinwegzutragen. Es verachteten
aber die Arbeiter das Gebot des Herrn, brachten demselben die Geräte wieder
und sprachen: Das Grabscheit
ist nicht scharf genug, die Erde zu trocken, und wir vermögen nicht darin zu
arbeiten; der Besen ist zu schwach und kann die Erde nicht bewältigen; das
Gefäß ist zu schwer, deshalb ist uns das Tragen desselben eine zu große
Bürde. Solches thun mir jene Ordensleute. Ich habe ihnen als Arbeitern ein
Grabscheit anvertraut, d. h. ich habe ihnen Gewalt gegeben, meine Worte zu
predigen, und die Macht, mit meiner Furcht die irdischen Herzen zu graben;
allein sie werfen dieses Grabscheit jetzt hinweg und ergreifen ein neues, denn
sie kehren meine Worte und mein Werk zur Verweichlichung des Leibes um, damit
sie den Menschen gefallen und an Reichtum wachsen, indem sie sprechen: Die
Herzen der Menschen sind jetzt hart und die Worte des Herrn nicht scharf
genug, um zur Andacht aufzumuntern, und darum legen sie den Leuten vor, was
angenehm ist, meine Gerechtigkeit aber verbergen sie, die Sünde zu strafen,
versäumen sie; daraus nehmen die Zuhörer zuversichtlich Anlaß, in den
Sünden zu verharren und lässig zu sein in der Abbüßung ihrer Werke.
Zweitens habe ich ihnen Besen übergeben, um damit die Erde aus der Grube
hinwegzukehren, d. h. um die Demut und Armut zu lieben. Allein derselbe ist
ihnen zu gering und sie sprechen: Wenn wir nichts haben sollen, wovon sollen
wir denn leben? Wenn uns alles entzogen ist, wer soll uns aufnehmen? So leben
sie in der Täuschung ihres Mißtrauens und übertreffen andere nun in dem
Grade in der Hoffart, in welchem sie anderen in der Demut voraus sein sollten.
Ich habe ihnen ferner ein Gefäß gegeben, um die Erde wegzutragen, d. h.
damit sie sich dessen enthalten möchten, was den Leib vergnügt. Allein sie
warfen mir dasselbe vor die Füße und sprachen: Wenn wir in solcher Arbeit
leben wollen, wie die Väter gelebt haben, so werden wir von Kräften kommen,
und wenn in solcher Abstinenz, so werden wir gänzlich verachtet werden, und
wofern in solcher Botmäßigkeit, so vermögen wir nichts. So also ist ihnen
alles Gute am Orden und an ihren Gelübden beschwerlich, und sie thun, was
ihnen gefällt. Was soll aber ich thun, dessen Werkzeuge hinweggeworfen werden
und dem die Arbeit verweigert wird? Wohlan, ich will zu ihnen sprechen: Lebet
nach euerem Willen, schafft euere eigene Arbeit, und ihr werdet euere Frucht
finden, habt die Ehre der Welt für die ewige Ehre, den Reichtum und die
Freund-
schaft der Welt statt der ewigen, die Lust der Welt statt der Süßigkeit,
welche niemals endet. Ich schwöre bei meiner Wahrheit, daß, wenn ich es
nicht aus zweifacher Ursache gethan hätte, um derenwillen ich sie dulde,
nicht eines ihrer Häuser noch aufrecht stehen würde. Die erste ist das Gebet
meiner Mutter, welche mit ihrem Beschützer unaufhörlich betet; die zweite
meine Gerechtigkeit, denn obwohl ich ihrer Bosheit wegen nicht schuldig bin,
ihnen einige Barmherzigkeit zu erweisen, so dulde ich sie doch um der Gaben
der Opfernden willen, welche mir gefallen. Sie selber sind wie Werkzeuge,
wodurch andere gefördert werden; durch ihre Predigt und ihren Chorgesang
wachsen andere bisweilen zur Andacht und erhalten Anlaß, Fortschritte zu
machen; sich selber aber stürzen sie in die Tiefe, weil sie wie Sklaven um
den Gewinn, nicht um die Ewigkeit dienen. Sie sind wahrhaft Sklaven, und von
anderer Art werden wenige gefunden, und zwar so wenige, daß unter hundert
kaum einer gefunden wird."
Es erschien eine Seele, angethan mit einem Skapulier und
wunderbar mißgestaltet an allen Gliedern. Darauf sprach Christus: "Einst
war ein Volk, das hörte, wie die Kinder Israel überall den Sieg hätten, und
fürchtete, ihnen unterworfen zu werden. Es schickte seine Gesandten, welche
alte Schuhe an den Füßen und altgewordenes Brot in den Taschen hatten, um
durch eine Lüge sich zu stellen, als ob sie aus den entferntesten Landen
wären. Daher wurden sie, als die Wahrheit an den Tag kam, in ewige
Dienstbarkeit gebracht. (Josua IX.) So werden viele Ordensleute, welche sich
den Anschein geben, zu sein, was sie nicht sind, und der Welt im Gewande eines
Ordens dienen, von jener ewigen Erbschaft ausgeschlossen. Zu diesen gehört
derjenige, dessen Seele der Teufel mit neunfachem Rechte besitzt. Das erste
ist, daß er sich allen übrigen vorzieht und sich für einen Bekenner der
Tugenden ausgiebt, während er voll Laster ist. Das zweite ist, daß er
begehrt, was er sieht, und sich mit dem Notdürftigen nicht begnügt. Das
dritte, daß er in Stücken gehorcht, welche ihm Vergnügen machen; dasjenige
dagegen, was ihn nicht vergnügt, entweder wider Willen thut, oder Gelegenheit
sucht, sich ihm zu entziehen. Das vierte ist, weil er einen Gefallen hat an
der Unmäßigigkeit und ein Gesell derer ist, von denen es heißt: Ihr Bauch
ist ihr Gott (Phil. III.) Das fünfte ist, daß er von den Menschen gelobt zu
werden sucht, aber nicht von Gott, Darum predigt er hohe Dinge, singt hoch
Tönendes und wirkt Absonderliches. Das sechste ist, daß er Ruhm sucht in
über-
flüssigen Dingen und in fremder Tracht, während die wahre Armut selber sein
Eigentum sein sollte. Das siebente ist, daß er die Zeit nicht einhält,
sondern sich nach der Neigung seines Fleisches richtet. Das achte ist, daß er
schamlos und frech an meinen Altar tritt, und andere heiligt und absolviert,
während er selber die Lossprechung nicht verdient und des Tadels würdig ist.
Das neunte ist, daß er unwürdig das Zeichen der Herrlichkeit auf seinem
Haupte trägt und einen Bund hat mit meinem Feinde; wenn er sich nicht
bessert, wird man ihm von meiner Gerechtigkeit zu trinken geben." - Jene
antwortete: "O mein Herr, er liest Messen und predigt, und seine Predigt
ist nach dem Geschmacke vieler. Kann solches anders sein, als durch Deinen
Geist?" Ihr antwortete Gott: "Es ist von meinem Geiste; wenn er
indes nicht mit derselben Liebe und Absicht predigt, wie ein wahrer Prediger
predigen soll, und der Kraft seiner Predigt nicht nachfolgt, dann arbeitet ein
böser Geist in ihm, weil er Stroh kaut, am Schwanze der Schlange saugt und
nach vergänglichen Blumen sucht." Da sprach sie: "O Herr, ich
verstehe nicht, was gesagt wird. Darum, o Herr, geruhe, mir
auseinanderzusetzen, was es bedeutet." Der Herr antwortete ihr:
"Alsdann kaut er Stroh, wenn ihm das ewige Brot nicht schmeckt, wenn in
das Herz die göttliche Weisheit nicht eingeht, welche spricht: Kommt her zu
mir, ihr Demütigen, ich will euch erquicken! Den Schwanz der Schlange aber
saugt er alsdann, wenn ihm der Trank des göttlichen Verständnisses nicht
schmeckt, sondern die Klugheit des Teufels, welche spricht: Esset, und euere
Augen werden aufgethan. Und vergängliche Blumen sucht er alsdann, wenn er
sich um die Frucht der ewigen Süßigkeit nicht kümmert, sondern beständig
die Worte der Welt und des Fleisches im Munde hat."
Christus offenbart der Braut, wie um einer dreifachen guten Anlage willen, die in den leeren und gar reinen Herzen der Apostel sich befand, in dieselben auf dreifache Weise ein guter Geist gesendet ward, und wie in die Menschen, welche von Begierlichkeit, Unkeuschheit und Hoffart sind, der heilige Geist nicht eingeht. und wie Christus will, daß sein Wein, d. h. seine Worte dieses Buches seinen Freunden zum Trinken gebracht werden sollen, damit diese sie nachher anderen offenbaren.
"Ich, der ich mit Dir rede, bin der, der ich an einem
solchen Tage, wie heute, meinen heiligen Geist in meine Apostel gesendet habe,
der in dreifacher Weise zu ihnen kam. Erstens wie ein Gießbach, zweitens wie
ein Feuer, drittens in Gestalt von Zungen. Er kam aber zu ihnen durch
verschlossene Thüren, weil sie allein waren
und drei gute Stücke an sich hatten: Erstens hatten sie allen Willen, die
Keuschheit zu bewahren und in allen Stücken enthaltsam zu leben; zweitens
hatten sie eine vorzügliche Demut; drittens stand ihr ganzes Verlangen auf
Gott, weil sie nichts verlangten, als ihn. Sie waren wie drei reine, aber
leere Gefäße; deshalb kam der heilige Geist und erfüllte sie. Er kam aber
wie ein Gießbach, weil er alle ihre Glieder und Gliedmaßen mit göttlicher
Lust und göttlichem Troste erfüllte. Er kam wie ein Feuer, weil er ihre
Herzen mit dem Feuer der göttlichen Liebe dergestalt entzündete, daß sie
außer Gott nichts liebten, außer ihm nichts fürchteten. Drittens kam er in
Gestalt von Zungen, weil, wie die Zunge im Munde ist, und doch dem Munde nicht
schadet, sondern mehr zum Reden behilflich ist, so der heilige Geist in ihrer
Seele war, der sie nichts wünschen ließ, als mich, und der sie auch in
göttlicher Weisheit redend machte, in deren Kraft sie gleichsam durch den
Dienst der Zunge alle Wahrheit redeten. Weil also diese Gefäße wegen des
Verlangens leer waren, so geziemte es sich, daß der heilige Geist zu ihnen
kam; denn er kann nicht zu denen eingehen, welche voll und gefüllt sind. Wer
aber sonst ist angefüllt, als diejenigen, die aller Sünde und jeglichen
Schmutzes voll sind? Diese sind wie drei garstige Gefäße. Das erste ist wie
mit dem stinkendsten Menschenkote angefüllt, den des üblen Gestankes wegen
niemand riechen kann. Das zweite ist angefüllt wie mit verächtlichem
Froschlaich, den niemand wegen seiner Ekelhaftigkeit genießen kann. Das
dritte ist wie mit ganz verdorbenem Blute und Eiter gefüllt, das wegen seines
abscheulichen Anblickes niemand ansehen kann. So sind die Bösen angefüllt
mit dem Ehrgeize der Welt und der Begierlichkeit, welche vor meinem und meiner
Heiligen Angesicht übler stinken, als der Menschenkot. Was ist alles
Zeitliche anderes, als Menschenkot? An diesem allergarstigsten Kote, welcher
bald vergehen wird, haben die Elenden einen Gefallen. Im zweiten Gefäße ist
eine maßlose Unkeuschheit und Unenthaltsamkeit in allen Werken; diese ist
aber so ekelhaften Geschmackes wie Froschlaich. Ich kann solche nicht
vertragen, und noch weniger durch meine Gnade eingehen zu ihnen. Denn wie
werde ich, die wahre Reinheit, zu so Unreinen eintreten? Wie möchte ich, der
ich selber das Feuer der wahren Liebe bin, sie entzünden, welche ein so
garstiges Feuer der Unkeusch-
heit entflammt? Das dritte Gefäß ist ihre Hoffart und Vermessenheit; denn
diese ist wie verdorbenes Blut und Eiter. Sie ist es, die den Menschen
innerlich und äußerlich im Guten verdirbt, die von Gott gegebene Gnade
hinwegnimmt, und den Menschen Gott und dem Nächsten zum Abscheu macht. Wer
aber so angefüllt ward, wird mit der Gnade des heiligen Geistes nicht
erfüllt werden können.
Ich aber bin wie ein Mensch, welcher Wein feil hat. Wenn er schänken will, giebt er denselben zunächst seinen Freunden und näheren Bekannten zum Kosten. Danach sendet er die Seinigen aus und läßt öffentlich ausrufen: Wir haben den Wein gekostet, derselbe ist gut; alle also, welche wollen, mögen herankommen. So habe auch ich sehr guten Wein, d. h. jene Süßigkeit, welche unaussprechlich ist. Diese habe ich einigen meiner Freunde zu trinken gegeben, da sie meine Worte gehört haben, welche aus meinem Munde hervorgehen. Unter den Ausrufern, welche den Wein kosteten, war dieser, der heute zu mir gekommen und gleichsam drei Gefäße zu füllen hatte; denn er kam und hatte den Willen, sich aller Eitelkeit zu enthalten, den Willen zu jeglicher Demut, das Verlangen nach allem, was mir gefällt. Deshalb habe ich seine Gefäße heute gefüllt. Erstlich mit Weisheit in geistlichen Dingen, welche er klarer erkennen und besser erwägen wird denn zuvor; zweitens habe ich ihn mit meiner Liebe angefüllt, damit er mehr denn zuvor zu jedem Guten brünstig würde; drittens habe ich ihm eine weisere Furcht gegeben, damit er nichts fürchten möge außer mir und was mir gefällt. Damit er denn nun auch vor anderen die Süßigkeit meines Weines auszurufen wisse, möge er meine Worte hören, welche ich geredet habe und die geschrieben stehen, auf daß er, nachdem er meine Liebe und Gerechtigkeit vernommen, um so eifriger werde im Ausrufen, je sorgfältiger er die Süßigkeit des Weines versucht."
Dieser Bruder begleitete die Frau Brigitta zum heiligen
Jakobus (in Compostella). Er erblickte im Geiste die Frau Brigitta, wie mit
sieben Kronen gekrönt. Und er sah die Sonne ganz schwarz geworden; und als er
sich verwunderte, hörte er eine Stimme, welche deutlich sprach; "Jene
verfinsterte Sonne bedeutet den Fürsten eueres Landes; er, der wie eine Sonne
geleuchtet
hatte, wird bei den Menschen in größtem Schimpf und Verachtung stehen. Das
Weib, welches Du siehst, wird die Ähre der siebengestalteten Gnade Gottes
haben, und diese bedeuten die sieben Kronen, welche Du gesehen hast; und
dieses wird Dir ein Zeichen sein, daß Du von dieser Krankheit genesen und zu
den Deinen zurückkehren, auch zu einer höheren Stufe wirst erhoben
werden." Nach seiner Rückkehr ward dieser Abt und schritt von Tugend zu
Tugend weiter fort.
Worte der Jungfrau an die Braut, wie eben diese Jungfrau von viererlei Menschen gegrüßt wird; nämlich von ihren wahren Freunden aus Liebe, von anderen aus Furcht der Pein, von den anderen, welche reich werden möchten, und von Heuchlern, welche vermessen auf Verzeihung der Sünden hoffen. Die beiden ersten Arten werden geistlicherweise belohnt werden, die dritte zeitlich, die vierte ist ein Greuel.
Maria sprach: "Vier Arten von Menschen sind es, welche
mich grüßen. Die ersten sind, welche allen ihren Willen und ihr Gewissen in
meine Hände überantworten, und alles, was sie thun, ganz für meine Ehre
thun; der Gruß dieser ist mir wie ein gar lieblicher und angenehmer Trank.
Die zweiten sind, welche die Strafe fürchten und sich aus Furcht der Sünde
enthalten; diesen gewähre ich, wenn sie in meinem Lobe verharren, eine
Minderung ihrer bösen Furcht und eine Mehrung der wahren Liebe, ingleichen
die Wissenschaft, mittels dessen sie Gott auf eine vernünftige und weise Art
lieben lernen. Die dritten sind diejenigen, welche mein Lob hoch genug
erheben, allein in keiner anderen Absicht und Neigung, als daß ihnen
zeitliche Ehre und vergänglicher Nutzen erwachsen möge. Wie nun ein Herr,
dem ein Geschenk gesendet wird, dem Geber wieder ein am Werte gleiches
Geschenk macht, so gewähre ich, weil jene Zeitliches bitten und sich nichts
anderes wünschen, ihnen deshalb, was sie wollen, und gebe ihnen ihren Lohn im
gegenwärtigen Leben. Die vierten sind diejenigen, welche sich stellen, als
wären sie gut, aber selbst in ihren Vergnügungen sündigen sie; sie
sündigen, wenn sie können, insgeheim, damit sie nicht von den Menschen
gesehen werden, und denken bei sich also: Die Jungfrau Maria ist barmherzig,
und sobald sie angerufen wird, erwirkt sie
Verzeihung; aber ihr Rufen gefällt mir eben so wenig wie ein Gefäß, das
auswendig übersilbert ist, inwendig aber voll garstig stinkenden Kotes, den
niemand riechen kann und solcher giebt es gar manche durch ihren bösen
Willen, womit sie der Sünde anhängen."
Christus sagt der Braut, daß zwei Geister sind, ein guter und ein böser; die Zeichen des heiligen Geistes aber sind Süßigkeit des Herzens und Herrlichkeit; die Zeichen des bösen Geistes aber sind Angst und Herzensunruhe, welche hervorgeht aus Begierlichkeit oder Zorn.
Der Sohn redete zur Braut und sprach: "Der gute Geist
ist in des Menschen Herzen. Was ist der gute Geist anderes, als Gott? Was ist
Gott, als allein die Süßigkeit und Herrlichkeit der Heiligen? Gott selber
ist in ihnen und sie sind in ihm, und dann haben sie alles Gute, wenn sie Gott
haben, ohne welchen nichts Gutes ist. Welche also den Geist Gottes haben, die
haben Gott und das ganze himmlische Heer und alles Gute. Ähnlicherweise haben
alle, welche den bösen Geist in sich haben, alles Böse in sich; denn was ist
der böse Geist anderes, als der Teufel? Was aber ist der Teufel anderes, als
Pein und jegliches Böse? Wer also den Teufel hat, hat in sich Pein und alles
Böse. Wie aber der gute Mensch nicht fühlt, woher und wie die Süßigkeit
des heiligen Geistes in sein Herz eindringt, so kann er dieselbe auch im
gegenwärtigen Leben nicht vollkommen, sondern nur teilweise kosten. Wenn aber
ein böser Mensch durch Begierlichkeit geängstigt wird, wenn er nach Ehrgeiz
strebt, wenn er vom Zorne beunruhigt, durch Unkeuschheit und die übrigen
Laster befleckt wird, so ist das eine Pein des Teufels, ein Anzeichen ewiger
Unruhe, obwohl dieselbe in gegenwärtiger Zeit, wie sie ist, nicht ermessen
werden kann; wehe denen, welche diesem Geiste anhangen!" ![]()
Die Braut erblickte einen Teufel, welcher im Gerichte Gottes sieben Bücher hervorzog wider die Seele eines verstorbenen Kriegsmannes; aber der gute Engel zog für dieselbe ein Buch hervor. Diese Seele ward aber nicht ewig verdammt, weil sie, ohne daß der Teufel es wußte, am Ende in Gedanken innerlich Buße gethan hatte. Sie wird jedoch ihrer Sünden halber verurteilt und soll am Reinigungsorte bis zum Tage des Gerichtes Peinen erleiden, weil sie solange im Körper zu leben begehrt hatte. Es werden aber von Christo drei Mittel geoffenbart, durch welche sie vorher befreit werden kann, und es werden ihr sofort drei von den genannten Peinen auf Bitten der Jungfrau und der Heiligen nachgelassen. Die Fürbitte des guten Engels jedoch wird nicht sogleich erhört, sondern Christus verschiebt dieselbe auf einige Zeit und nimmt sie in Erwägung.
Ein Teufel erschien vor dem Richterstuhle Gottes und hielt
die Seele eines Verstorbenen, welche zitterte wie ein zappelndes Herz. Dieser
Teufel sprach zum Richter: "Siehe, da ist eine Beute! Dein Engel und ich
folgten dieser Seele von ihrem Anfange bis zu ihrem Ende; er, sie zu behüten,
ich, ihr zu schaden, und beide jagten wir sie wie Jäger. Sie ist mir jedoch
noch ganz am Ende in meine Hände gefallen und ich bin so begierig und
ungestüm, sie für mich zu gewinnen, wie ein abwärts stürzender Gießbach,
und nur ein Hindernis steht mir im Wege - Deine Gerechtigkeit und weil diese
wider diese Seele sich noch nicht erwiesen hat, deshalb besitze ich dieselbe
noch nicht sicher. Ich habe nach ihr auch eine so brennende Begierde, wie ein
von Hunger aufgeriebenes Tier, das aus Hunger selbst seine eigenen Glieder
frißt. Weil Du also ein gerechter Richter bist, so richte sie nach Deinem
gerechten Gerichte." Der Richter antwortete: "Weshalb ist sie mehr
in deine Hände gefallen, und warum bist du ihr näher gewesen, als mein
Engel?" Der Teufel antwortete: "Weil ihrer Sünden mehr gewesen, als
ihrer guten Werke." Der Richter entgegnete: "Zeige sie her!"
Der Teufel antwortete: "Ich habe ein Buch, das ihrer Sünden voll
ist." Und der Richter: "Wie heißt das Buch?" Der Teufel
erwiderte: "Sein Name ist Ungehorsam. In diesem Buche sind sieben
Bücher, und jedes hat drei Spalten, jede
Spalte aber mehr denn tausend Worte, keine weniger, als tausend, einige aber
weit mehr." Der Richter sprach: "Sage die Namen jener Bücher. Ich
weiß zwar alles; allein damit anderen dein Wille und meine Güte bekannt
werde, will ich, daß du redest." Der Teufel antwortete: "Der Name
des ersten Buches ist: Hoffart, und in demselben sind drei Spalten. Die erste
ist die geistliche Hoffart in ihrem Gewissen, weil sie stolz war auf ihr gutes
Leben, das sie für besser hielt als das Leben anderer; auch war sie stolz auf
ihre Einsicht und ihr Gewissen, worin sie an Weisheit andere zu übertreffen
glaubte. Die zweite Spalte enthält ihre übermütige Ruhmsucht über die ihr
gegebenen Güter, Dienerschaft, Kleider und andere Dinge; die dritte ihren
Stolz auf die Schönheit der Glieder, auf edle Abkunft und auf ihre Thaten. In
diesen drei Spalten waren endlose Worte, wie Dir am besten bekannt ist. - Das
zweite Buch war seine Begierlichkeit. Dasselbe hatte drei Spalten. Die erste
geistlich, weil er dachte, seine Sünden wären nicht so schwer, als ihm
gesagt ward, und wodurch er unwürdigerweise das Himmelreich begehrte, das nur
dem vollkommen Reinen gebührt; die zweite, daß er mehr begehrte in der Welt,
als notwendig, und sein Wille allein dahin gerichtet war, seinen Namen und
sein Geschlecht zu dem Ende emporzubringen, um seine Erben nicht zu Deiner
Ehre, sondern zur Ehre der Welt aufzuziehen und sie groß zu machen; die
dritte war, daß er die Ehre der Welt suchte und über andere zu sein
begehrte, und hierin sind, wie Dir besser bekannt, unzählbare Worte, durch
welche er Gunst und Wohlwollen suchte, mittels deren er sich auch zeitliche
Güter erwarb. - Das dritte Buch ist der Neid. Dasselbe hat drei Spalten. Die
erste war im Herzen, weil er heimlich diejenigen beneidete, welche mehr hatten
und glücklicher waren, als er; die zweite, daß er aus Neid das Vermögen
derer an sich brachte, welche weniger besaßen und größeren Mangel litten,
als er; die dritte, daß er aus Neid dem Nächsten durch seine Ratschläge
heimlich und auch öffentlich, sowohl durch Wort, als durch That, sowohl
selbst, als durch die Seinigen, schadete, und auch andere zu Ähnlichem
anreizte. - Das vierte Buch ist der Geiz, in welchem drei Spalten waren. Die
erste war der Geiz im Herzen, weil er anderen von dem nichts sagen wollte, was
er wußte, und woraus andere Trost und För-
derung geschöpft haben möchten, wobei er für sich also dachte: Was für
einen Nutzen habe ich davon, wenn ich dem oder dem diesen Rat erteile? Welcher
Lohn wird mir, wenn ich ihm in diesem Rate oder Worte nützlich sein werde?
Und so ging der Arme betrübt wieder von ihm hinweg, nicht erbaut, noch
unterwiesen, während er von ihm, da er es bei gutem Willen recht gut
vermochte, hätte erbaut werden können. Die zweite Spalte war, daß er,
obwohl er die Hadernden hätte friedlich vereinigen können, solches doch
nicht gewollt hat, auch da er die Betrübten hätte trösten können, hat er
sich nicht darum gekümmert. Die dritte Spalte war der Geiz mit seinen
Gütern, wodurch ihn schon einige Pfennige, die er in Deinem Namen hätte
geben können, hart ankamen und beschwerten, während er für die Ehre der
Welt gern hundert gegeben haben würde. In diesen Spalten sind zahllose Worte,
wie Dir am besten bekannt ist, denn Du weißt alles, und nichts kann vor Dir
verborgen bleiben, sondern Du nötigst mich durch Deine Macht zu reden, weil
Du anderen nützen willst. - Das fünfte Buch ist die Trägheit, und auch
dieses hat drei Spalten. Erstens ist er träge gewesen, gute Werke zu Deiner
Ehre, d. h. nach Deinen Geboten zu thun; für die Ruhe seines Leibes hat er
seine Zeit verloren, denn der Nutzen seines Leibes und sein Vergnügen waren
ihm am liebsten. Zweitens war er träge in seinen Gedanken, denn wenn Dein
guter Geist ihm Reue, oder irgend eine geistliche Einsicht in das Herz gab,
dünkte es ihm viel zu langweilig; er zog seinen Sinn zurück von dem
geistlichen Gedanken, und alle Freude der Welt erschien ihm vergnüglich und
süß. Drittens war er träge mit dem Munde, das ist, im Beten und Sprechen
dessen, was den Nutzen anderer und Deine Ehre anging; eifrig aber war er in
leichtfertigen Worten. Wie viele Worte nun diese Spalte hatte, und wie zahllos
dieselben sind, ist Dir allein bekannt. - Das sechste Buch war der Zorn. Auch
dieses hatte drei Spalten. Die erste, daß er seinem Nächsten über die Dinge
zürnte, welche ihm nichts nütze waren, die zweite war, daß er in seinem
Zorne den Nächsten im Werke verletzte, und zuweilen ihm auch im Zorne das
Seinige nahm, die dritte, daß er aus Zorn seinen Nächsten quälte. - Das
siebente Buch war seine Wollust, welche ebenfalls drei Spalten hatte. Die
erste war, daß er ungebührlich und unordent-
lich seinen Samen ausgoß, denn obwohl er verheiratet war und sich entfernt
hielt von der Befleckung durch andere Weiber, so hat er doch durch Umarmungen,
unschickliche Worte und schamlose Gebärden seinen Samen auf ungebührliche
Weise vergoßen. Die zweite Spalte war, daß er gar zu frech war in Worten,
denn er verführte nicht nur sein Weib zu einer größeren Fleischesbrunst,
sondern auch andere häufig durch seine Worte zu leichtfertigen Worten und
Gedanken. Die dritte Spalte war, daß er seinen Leib zu zärtlich pflegte, und
sich zu köstliche und zu viele Speisen zur größeren Lust des Leibes, und um
Lob von den Menschen zu erlangen, zubereiten ließ, um groß genannt zu
werden. Mehr als tausend Worte sind aber auf diesen Spalten, indem er länger
am Tische saß, als er gesollt, die ihm gewährte Zeit nicht in acht nahm, gar
Unpassendes redete und mehr zu sich nahm, als die Natur verlangte. Siehe, o
Richter, mein Buch ist ganz gefüllt, sprich mir diese Seele zu."
Als hierauf der Richter schwieg, nahte die Mutter der
Barmherzigkeit, welche gleichsam von fern zu stehen schien und sprach:
"Mein Sohn, ich will mit dem Teufel über sein Recht streiten." Der
Sohn antwortete ihr: "Teuerste Mutter, wenn dem Teufel die Gerechtigkeit
nicht versagt wird, wie könnte sie Dir verweigert werden, die Du meine Mutter
und die Gebieterin der Engel bist? Du vermagst und weißt auch alles in mir.
Deshalb aber redest Du, damit auch anderen Deine Liebe bekannt werde."
Darauf sprach die Mutter zum Teufel: "Ich gebiete dir, Teufel, daß du
mir auf dreierlei Fragen antwortest, welche ich dir darlege; wenn du es auch
ungern thust, so bist du doch durch die Gerechtigkeit dazu verpflichtet, weil
ich deine Gebieterin bin. Sage mir, weißt du alle Gedanken des
Menschen?" Der Teufel antwortete: "Nein, nur diejenigen, welche ich
aus dem äußeren Thun und Verhalten des Menschen ermessen kann, diejenigen,
welche ich ihm persönlich ins Herz gebe, weil, obwohl ich meine Würde
verloren habe, doch von der scharfsinnigen Beschaffenheit meines Wesens so
viele Weisheit übriggeblieben ist, daß ich aus der Haltung des Menschen den
Zustand seines Herzens erkennen kann; die guten Gedanken des Menschen vermag
ich aber nicht zu erkennen." Darauf sprach die liebreiche Jungfrau zum
zweiten Male zum Teufel: "Sage mir, Teufel, wenn auch ungern: Was ist
dasjenige, das die Schrift aus
deinem Buche auszulöschen vermag?" Der Teufel entgegnete: "Nichts
vermag dieselbe auszulöschen, als eins, nämlich: die göttliche Liebe. Wenn
einer diese ins Herz erhalten hat, wird, in welchem Maße er auch Sünder sein
mag, sogleich ausgelöscht, was über ihn in meinem Buche geschrieben
war."
Die Jungfrau sprach zum dritten Male: "Sage mir, Teufel, ist wohl einer ein so unreiner und von meinem Sohne abgewendeter Sünder, daß er, so lange er in der Welt lebt, nicht zurückkehren und Verzeihung erlangen könnte?" Der Teufel antwortete: "Keiner ist ein so großer Sünder, daß er nicht, so lange er lebt, wofern er wollte, zurückkehren könnte, denn wenn einer, ein wie großer Sünder derselbe auch sein mag, seinen bösen Willen in einen guten umwandelt, die göttliche Gnade ergriffen hat und in derselben fest stehen bleiben will, können ihn alle Teufel nicht halten."
Nachdem dieses vernommen worden, sprach die Mutter der Barmherzigkeit zu den Umherstehenden: "Diese Seele hat sich am Ende ihres Lebens zu mir gewendet und gesprochen: Du bist die Mutter der Barmherzigkeit und erbarmst Dich der Elenden. Ich bin nicht wert, Deinen Sohn zu bitten, weil meine Sünden schwer und ihrer gar zu viele sind; ich habe ihn auch vielfach zum Zorn gereizt, indem ich meine Lust und die Welt mehr geliebt habe, als Gott, meinen Schöpfer; deshalb bitte ich Dich, erbarme Dich meiner, weil Du keinem, der Dich bittet, Barmherzigkeit verweigerst. Darum wende ich mich zu Dir und verspreche Dir, daß, wenn ich leben bleibe, ich mich bessern und meinen Willen Deinem Sohne zuwenden, auch weiter nichts, als ihn lieben will. Vor allen Dingen aber ist es mir leid und preßt mir Seufzer aus, daß ich zur Ehre Deines Sohnes, meines Schöpfers, nichts Gutes gethan habe. Deshalb bitte ich Dich, liebreichste Frau, erbarme Dich meiner, weil ich zu niemand, als zu Dir, meine Zuflucht zu nehmen weiß.
Mit solchen Worten und solchen Gedanken kam jene Seele am
Ende zu mir. Mußte ich sie nicht hören? Verdient, wer so mit ganzem Herzen
und mit vollem Willen der Besserung einen anderen bittet, nicht erhört zu
werden? Um wie viel mehr muß ich die Rufenden hören, die ich die Mutter der
Barmherzigkeit
bin?" Der Teufel antwortete: "Von solchem Willen habe ich nichts
erfahren; war es also, wie Du sagst, so beweise es mit offenem Grunde."
Die Mutter entgegnete: "Du bist unwert, daß ich dir antworte; gleichwohl
antworte ich dir, weil, was ich gezeigt habe, zu anderer Förderung geschieht.
Du, Elender, hast vorher gesagt, daß aus deinem Buche nichts, als die
göttliche Liebe, die Schrift auslöschen kann." Zum Richter gewendet,
sprach hierauf die Jungfrau: "Wohlan, mein Sohn, mag der Teufel sein Buch
aufthun und lesen und zusehen, ob alles vollständig darin geschrieben, oder
einiges ausgelöscht ist." Darauf sprach der Richter zum Teufel: "Wo
ist dein Buch?" Und der Teufel erwiderte: "In meinem Bauche."
Der Richter sprach: "Wo ist dein Bauch?" Der Teufel gab zur Antwort:
"In meinem Gedächtnis; denn wie im Bauche alle Unreinlichkeit und aller
Gestank ist, so ist in meinem Gedächtnisse alle Bosheit und
Nichtswürdigkeit, welche wie der garstigste Kot stinken vor Deinem
Angesichte. Als ich von Dir und Deinem Lichte durch meine Hoffart gewichen
war, habe ich alle Bosheit erfunden, meine Erinnerung an die Güter Gottes
verfinsterte sich, und in meinem Gedächtnisse ist nur mehr alle Bosheit der
Sünder aufgeschrieben." Darauf sprach der Richter zum Teufel: "Ich
gebiete dir, Teufel, daß du genau nachsiehst und nachsuchst in deinem Buche,
was von den Sünden jener Seele darin noch geschrieben steht, und was
ausgelöscht worden. Sage es öffentlich." Der Teufel erwiderte:
"Siehe, ich schaue in mein Buch und sehe anderes geschrieben, das ich
nicht gedacht habe, denn ich sehe, jene sieben Dinge sind ausgelöscht, und es
ist davon in meinem Buche nichts als Unrat zurückgeblieben." Darauf
sprach der Richter zu dem guten Engel, welcher dabei stand: "Wo sind die
guten Werke dieser Seele?" Er antwortete: "Herr, dieselben sind alle
in Deinem Vorauswissen und Erkenntnis, das Gegenwärtige, das Vergangene und
Zukünftige. Alles wissen und sehen wir in Dir, und Du in uns, und es ist
nicht nötig, daß wir mit Dir reden, weil Du alles weißt, aber weil Du Deine
Liebe zeigen willst, deshalb giebst Du Deinen Willen denen zu erkennen, denen
Du willst. Ich bin allerdings vom Anfange an, seit die Seele dieses Menschen
mit dem Leibe verbunden war, immer bei ihm gewesen und habe auch ein Buch mit
dem Guten beschrieben, das er gethan hat; willst Du
dieses Buch hören, so steht es in Deiner Gewalt." Der Richter
antwortete: "Ich kann nicht eher urteilen, bevor ich nicht erst das Gute
und Böse erkannt habe; wenn solches richtig erwogen worden, wie die
Gerechtigkeit es erfordert, so muß danach auch das Urteil gefällt werden,
entweder auf den Tod, oder auf das Leben." Der Engel antwortete:
"Mein Buch ist sein Gehorsam, womit er Dir diente, und in demselben sind
sieben Spalten. Die erste ist die Taufe; die andere ist seine Abstinenz beim
Fasten und von unerlaubten Werken und Sünden, und auch von der Wollust und
Versuchung seines Fleisches; die dritte Spalte war das Gebet und der gute
Vorsatz, den er auf Dich gerichtet hatte; die vierte waren seine guten Werke
im Almosengeben und in anderen Handlungen der Barmherzigkeit; die fünfte
seine Hoffnung auf Dich; die sechste war der Glaube, den er als Christ hatte;
die siebente die göttliche Liebe." Nach diesen Worten sprach der Richter
wieder zum guten Engel: "Wo ist Dein Buch?" Er antwortete: "In
Deiner Anschauung und Liebe, mein Herr!" Darauf sprach Maria, indem sie
den Teufel schalt: "Wie hast du dein Buch verwahrt, und wie ist dasjenige
daraus ausgelöscht, was darin geschrieben war?" Darauf sprach der
Teufel: "Wehe, wehe, daß Du mich betrogen hast!" Darauf sprach der
Richter zu seiner gar liebreichen Mutter: "Du hast fürwahr auf
vernünftige Weise in diesem Streite obsiegendes Urteil erlangt und jene Seele
mit Recht gewonnen." Darauf schrie der Teufel: "Ich habe verloren,
ich bin überwunden; aber sage mir, Richter, wie lange soll ich diese Seele
für ihre Befleckungen behalten?" Der Richter antwortete: "Das will
ich dir eröffnen; denn die Bücher sind offengelegt und gelesen. Aber sage
mir, Teufel, obwohl ich alles weiß, ob diese Seele nach der Gerechtigkeit in
den Himmel kommen muß oder nicht? Denn siehe, ich lasse dich nun schauen und
wissen die Wahrheit der Gerechtigkeit." Der Teufel antwortete: "Die
Gerechtigkeit ist in Dir, daß, wenn einer ohne Todsünde stirbt, er nicht
eingehen wird in die Pein der Hölle, und wer die göttliche Liebe hat, dem
gebührt von Rechts wegen der Besitz des Himmels. Weil nun diese Seele nicht
in einer Todsünde gestorben ist und die göttliche Liebe hatte, so ist sie
wert, nach vorher empfangener Reinigung in den Himmel einzugehen." Der
Richter sprach: "Weil ich dir nun den Verstand aufgethan und dir
gestattet habe, das Licht der Wahrheit und Gerechtigkeit zu schauen, so daß
es diejenigen, denen ich es zu hören gestatte, vernehmen, welche
Gerechtigkeit dieser Seele werden soll." Der Teufel antwortete: "Daß
sie so gereinigt werde, bis nicht ein Flecken an ihr ist: denn obwohl die
Gerechtigkeit sie Dir zugesprochen hat, ist sie doch noch unrein und kann nur
erst nach vorauserlangter Reinigung zu Dir kommen. Und weil Du, Richter, mich
gefragt, so frage ich jetzt auch Dich, wie sie gereinigt werden und wie lange
sie in meinen Händen bleiben soll?" Der Richter antwortete: "Dir,
Teufel, wird geboten, daß du nicht in sie fahrest, noch sie an dich reißest,
sondern du sollst sie reinigen, bis sie rein und unbefleckt wird; denn sie
wird nach dem Maße ihrer Schuld ihre Strafe bestehen. Sie hat dreifach
gesündigt mit dem Gesichte, dreifach mit dem Gehöre und dreifach mit dem
Gefühle. Deshalb muß sie dreifach gestraft werden am Gesichte. Erstens muß
sie selber ihre Abscheulichkeiten und Sünden sehen; zweitens muß sie dich
sehen in deiner Bosheit und schrecklichen Häßlichkeit; drittens muß sie den
Jammer und die schreckliche Pein anderer Seelen sehen. In ähnlicher Weise
soll sie dreifach gestraft werden am Gehöre. Erstens soll sie hören ein
schreckliches Weh, weil sie ihr eigenes Lob und die Lust der Welt hat
vernehmen wollen; zweitens soll sie hören der Teufel schreckliches Geschrei
und Hohnlachen; drittens soll sie hören Schmach und unerträglichen Jammer,
weil sie lieber und mit mehr Vergnügen auf die Liebe und Gunst der Welt
hörte, als als auf das Wohlgefallen Gottes, und weil sie eifriger der Welt
gedient, als ihrem Gott. Dreifältig soll sie auch am Gefühle gepeinigt
werden. Erstens soll sie innerlich und auswendig brennen im glühendsten
Feuer, so daß nicht der geringste Fleck an ihr bleibt, der nicht im Feuer
gereinigt wurde; zweitens soll sie die größte Kälte aushalten, weil sie in
ihrer Begierlichkeit brannte, in meiner Liebe aber kalt war; drittens wird sie
in den Händen der Teufel sein, so daß nicht der geringste Gedanke, nicht das
geringste Wort bleibt, das nicht gereinigt werde, bis sie wird wie Gold, das
im Ofen nach dem Willen des Besitzers geformt und gereinigt wird." -
Darauf sprach der Teufel wieder: "Wie lange wird diese Seele in dieser
Pein sein?" Der Richter antwortete: "So lange, als es
ihr Wille gewesen, in der Welt zu leben, und weil sie so gesinnt war, daß sie
gern im Leibe gelebt hätte bis an das Ende der Welt, so soll ihre Strafe
dauern bis ans Ende der Welt. Darin besteht meine Gerechtigkeit, daß, wer
eine göttliche Liebe zu mir trägt und mit ganzem Begehren verlangt, mit mir
zu sein und von der Welt gesondert zu werden wünscht, ein solcher soll ohne
Pein den Himmel haben, weil in der Prüfung dieses Lebens seine Reinigung
vollzogen wird; wer wegen der bitteren Todespein und wegen der künftigen
bitteren Pein den Tod fürchtet und deshalb länger leben möchte, um sich zu
bessern, der soll eine leichte Strafe am Reinigungsorte haben; wer aber den
Willen hat, zu leben bis an den Tag des Gerichtes, soll, obwohl er keine
Todsünde begeht, doch wegen des Willens, den er hat, ewig zu leben,
unablässige Reinigung in der Pein haben bis an den jüngsten Tag." -
Darauf antwortete die gar liebreiche Mutter und sprach:
"Gebenedeit seist Du, mein Sohn, für Deine Gerechtigkeit, welche in
aller Barmherzigkeit ist; denn obwohl wir in Dir alles sehen und wissen, so
sprich doch zur Kenntnis anderer, welches Mittel in Anwendung gebracht werden
muß, um eine so lange Zeit der Pein zu verkürzen, und insbesonders [sic!]
welches Mittel. daß ein so grausames Feuer gelöscht werde, und endlich, wie
diese Seele auch aus den Händen der Teufel befreit werden könne?" Der
Sohn antwortete: "Dir kann nichts abgeschlagen werden, weil Du die Mutter
der Barmherzigkeit bist und für Alle Barmherzigkeit und Trost beschaffest und
suchest. Dreifach ist das Mittel, welches die so lange Zeit der Pein abkürzt,
das Feuer auslöscht und aus den Händen der Teufel befreit. Erstens, wenn
durch jemand dasjenige wieder erstattet wird, was er anderen ungerechterweise
genommen und abgepreßt hatte, oder anderen zurückzugeben verpflichtet war;
denn das erfordert die Gerechtigkeit, daß die Seele so lange gereinigt wird,
bis das, was ungerecht von ihr genommen war, bis auf den letzten Groschen
erstattet worden, entweder durch der Heiligen Gebet, oder durch Almosen, oder
Werke der Freunde, oder durch eine andere hierzu geeignete Reinigung. Das
zweite ist ein reichliches Almosen; denn durch dieses wird die Sünde
ausgelöscht, wie das Feuer ausgelöscht wird durch Wasser. Das dritte ist die
Opferung meines Leibes auf dem Altare für ihn und das Gebet meiner Freunde.
Dieses nun sind die drei Mittel, durch welche er von jenen drei Peinen erlöst
wird."
Die Mutter der Barmherzigkeit entgegnete: "Welchen Wert haben nun die guten Werke, welche er für Dich gethan hat?" Der Sohn antwortete: "Du fragst nicht deshalb, weil Du es nicht weißt, denn Du siehst und weißt alles in mir; sondern Du fragst deshalb, um anderen meine Liebe zu erkennen zu geben. Fürwahr, nicht das geringste Wort und auch nicht der geringste Gedanke, den er zu meiner Ehre gedacht hat, wird ihm unvergolten bleiben, weil alles, was er für mich gethan, jetzt vor ihm ist, und er hat in seiner Pein Erquickung und Trost davon und empfindet die Hitze weniger, als er sie sonst empfinden würde."
Darauf redete die Mutter weiter zu dem Sohne und sprach:
"Woher kommt es, daß diese Seele unbeweglich steht, wie einer, der weder
Hände, noch Füße wider die Feinde bewegt und dennoch lebt?" Der
Richter antwortete: "Ein Prophet (Jsaias LIII.) hat von mir geschrieben,
ich sei gewesen wie ein Lamm, das vor seinem Scheerer schweigt. Fürwahr, ich
habe geschwiegen vor meinen Feinden, und darum fordert die Gerechtigkeit, daß,
weil diese Seele sich um meinen Tod nicht gekümmert und denselben gering
geachtet hat, sie jetzt aus Gerechtigkeit wie ein Kind ist, das in den Händen
der Mörder nicht widersprechen kann." Die Mutter antwortete:
"Gesegnet seist Du, mein süßester Sohn, der Du nichts ohne
Gerechtigkeit thust. Du hast, mein Sohn, vorher gesagt, Deine Freunde könnten
jener Seele helfen, und Du weißt wohl, wie diese Seele mir dreifältig
gedient hat. Erstens durch Abstinenz, indem sie an den Vortagen meiner Feste
gefastet und an denselben in meinem Namen Enthaltsamkeit geübt hat; zweitens,
weil sie meine Tageszeiten gebetet hat; drittens, weil sie auch mit eigenem
Munde zu meiner Ehre gesungen hat. Also, mein Sohn, weil Du Deine auf Erden
rufenden Söhne hörst, bitte ich Dich, daß Du mich würdigen wollest, auch
mich anzuhören." Der Sohn antwortete: "Wer von einem Herrn
vorzugsweise geliebt wird, dessen Bitten werden am ehesten erhört, und weil
Du mir über alle am teuersten bist, deshalb bitte, was Du willst, und es wird
Dir gegeben werden." Die Mutter antwortete: "Diese Seele leidet drei
Peinen am Gesicht, drei am Gehör und drei andere am Gefühl. Ich bitte Dich
also,
mein teuerster Sohn, Du wollest ihr eine von den Peinen des Gesichtes mindern,
nämlich, daß sie die erschrecklichen Teufel nicht sehen, sondern nur die
beiden anderen Peinen aushalten müsse, weil Deine Gerechtigkeit es also
erfordert, der ich nicht entgegentreten kann nach der Gerechtigkeit Deiner
Barmherzigkeit. Zweitens bitte ich, Du wollest ihr eine der Peinen des Gehörs
mindern, daß sie nämlich nicht hören müsse ihre Schmach und Schande.
Drittens bitte ich, Du wollest ihr auch eine der Peinen des Gefühls mindern,
nämlich, daß sie nicht den überaus scharfen Frost und die Kälte empfinden
müsse, die sie zu erleiden verdient, weil sie kalt war in Deiner Liebe."
Der Sohn antwortete: "Gebenedeit seist Du, teuerste Mutter! Dir darf
nichts versagt werden; Dein Wille geschehe; wie Du gebeten, mag es
geschehen!" Die Mutter antwortete: "Gebenedeit seist Du, mein
süßester Sohn, für alle Liebe und Barmherzigkeit."
Danach erschien in demselben Augenblicke der Heiligen einer mit einem großen Heere und sprach: "Preis sei Dir, Herr, Gott, Schöpfer und Richter aller. Diese Seele hat mir im Leben andächtig gedient; denn sie fastete mir zu Ehren und pries mich und Deine Freunde, die umherstehen, mit ihrem Gruße. Deshalb bitte ich an dieser wie an meiner statt, Du wollest Dich dieser Seele erbarmen! Gieb ihr um unserer Bitten willen Ruhe von der einen Plage, nämlich, daß die Teufel keine Macht haben mögen, ihr Gewissen zu verdunkeln; denn sie werden vermöge ihrer Bosheit das Gewissen dieser Seele, wenn ihnen nicht gesteuert wird, also verfinstern, daß sie niemals auf das Ende ihres Elendes und Erlangung der Herrlichkeit würde hoffen können, als so oft es Dir gefallen möchte, sie in Deiner Gnade anzuschauen, und eben das ist ihr eine größere Pein, als alle andere Pein. Darnm, o liehreicher Herr, gieb ihr um unserer Bitten willen, daß sie, in welcher Pein immer sie sich befinden möge, für gewiß wissen möge, jene Pein werde ein Ende nehmen und sie die ewige Herrlichkeit erlangen."
Der Richter antwortete: "Das ist die wahre
Gerechtigkeit: weil die Seele vielmals ihr Gewissen von geistlicher Erwägung
und Erkenntnis zu zeitlichen Dingen abgewendet hat, und weil sie ihr Gewissen
hat wollen verfinstern und sich nicht gescheut hat, wider mich zu handeln,
darum ist es gerecht, daß jetzt die Teufel ihr Ge-
wissen verfinstern. Weil ihr aber, teuerste Freunde, meine Worte gehört und
dieselben durch die Thut erfüllt habt, wäre es nicht recht, daß euch etwas
versagt würde, deshalb werde ich thun, was ihr wollt."
Darauf antworteten alle Heiligen: "Gebenedeit seist Du, Gott, in aller Deiner Gerechtigkeit, der Du gerecht richtest und nichts ungestraft lässest." Darauf sprach der gute Engel, welcher der Seele zum Schutz gegeben war, zum Richter: "Ich bin vom Anfange der Verbindung jener Seele mit dem Körper bei ihr gewesen und folgte ihr vermöge der Vorsehung Deiner Liebe. Sie hat auch zuweilen meinen Willen gethan, deshalb bitte ich Dich, Herr, nun, erbarme Dich ihrer." . Der Herr erwiderte: "Wir wollen es erwägen." Und nun verschwand dieses Gesicht.
Dieser war ein gutherziger Kriegsmann und ein Liebhaber der Armen. Seine Frau spendete für ihn gar reichliche Almosen. Dieselbe starb zu Rom, wie über sie im Geiste vorausverkündigt war, wie aus dem XII. Kapitel des dritten Buches erhellt.
Im vierten Jahre, nachdem die Braut das nächstvorhergehende Gesicht geschaut, worin eine Seele bis zum Tage des Gerichtes zum Reinigungsorte verurteilt worden, sah sie abermals die nämliche Seele im göttlichen Gerichte durch einen Engel nunmehr gleichsam halbbekleidet vorgestellt werden. Und er bat den Herrn für sie mit den himmlischen Heerscharen. Christus erlöste sie jetzt gänzlich von den Peinen und sendete sie, auf die Fürbitte der Engel und Heiligen und die Thränen und das Flehen ihrer noch lebenden Freunde, wie einen glänzenden Stern hinüber in die Herrlichkeit.
Im vierten Jahre nach diesem schaute ich wieder einen gar
leuchtenden Jüngling mit der eben zunächst erwähnten Seele, welche bereits
bekleidet war, jedoch noch nicht vollständig. Derselbe sprach zu dem auf dem
Throne sitzenden Richter, vor dem tausendmal Tausend standen, und den alle um
seiner Langmut und Liebe willen anbeteten: "O Richter, diese ist die
Seele, für welche ich betete;
Du aber antwortetest, daß Du es erwägen wolltest. Jetzt stehen wir wieder
alle hier und bitten Dich von neuem für sie um Deine Barmherzigkeit. Und
obwohl wir in Deiner Liebe alles wissen, so reden wir doch um Deiner Braut
willen, welche geistlich dieses anhört, auf menschliche Weise, wiewohl an uns
nichts menschliches ist." Der Richter antwortete: "Wenn irgendwo ein
Wagen mit Ähren, beladen wäre und viele Leute, einer nach dem anderen, sich
eine Ähre hinwegnähmen, so würde deren Anzahl und Gewicht gemindert werden.
So ist es jetzt. Denn es sind die vielen Thränen und Werke der Liebe für
diese Seele vor mich gekommen, und deshalb lautet das Urteil, daß sie komme
in Deine Hut und Du sie bringest hinüber zur Ruhe, welche weder ein Auge zu
sehen, noch ein Ohr zu hören vermag, noch auch selbst die Seele im Fleische
denken konnte; wo kein Himmel oben, keine Erde unten ist, wo eine Höhe ist,
die nicht auszudenken, eine Länge, die nicht auszusprechen, wo eine
wunderbare Weite und eine unbegreifliche Tiefe, wo Gott über, außer und in
Allem ist, alles lenkt und zusammenhält, aber von niemand umfaßt wird."
Nach diesem aber ward gesehen, wie jene Seele auffuhr gen Himmel, so
leuchtend, wie ein hell schimmernder Stern in seinem Glanze. Und nun redete
der Richter und sprach: "Es wird gar bald kommen die Zeit, wo ich meine
Urteile sprechen und Gerechtigkeit üben werde am Geschlechte des
Verstorbenen, dem diese Seele angehört; denn dieses Geschlecht ist
emporgestiegen in Hoffart, wird aber niedersteigen zur Vergeltung der
Hoffart."
Christus tadelt einen König und die Weltmenschen, welche ihrem Eifer und dem großen Kriegsheere, sowie der leiblichen Stärke, nicht aber Gott ihre Siege wider die Feinde zuschreiben, indem er sagt, sie sollen in den Krieg ziehen nach dem Vorbilde Davids wider den Riesen und ihre Hoffnung auf Gott setzen, wiewohl auch menschliche Klugheit vorangehen lassen, weil leicht siegt, wer Gott zum Gehilfen hat.
Der Sohn redete über einen gewissen König von Schweden zur
Braut und sprach: "Ich habe Dir gesagt, daß dieser König
ein Kind ist, und das kannst Du aus zwei Umständen abnehmen, erstens aus
seiner Regierung, sodann aus dem zahllosen Kriegsheere. Hat nicht der Hirte
David den Riesen überwunden? Aber wie? Etwa durch Macht und Weisheit? Nein,
keineswegs; sondern durch göttliche Kraft. Denn hätte Gott nicht den
Frevelmut des Riesen bethört, und das Herz des Knaben David ermutigt, wie
hätte dieser Knabe den Riesen angreifen mögen? Wie hätte ein Stein einen so
Starken niederwerfen und einen so gewandten Krieger treffen können, wäre
nicht im Steine die Kraft Gottes gewesen? Deshalb siegt leicht, wer Gott zum
Gehilfen hat und der, welcher sich fest auf Gott stützt, bedarf keiner
großen Leibesstärke, sondern des Glaubens und der Liebe. Die Weltmenschen
wähnen, daß sie durch ihre leibliche Stärke obsiegen und schreiben den
Ausgang des Streites dem Fleiße des Menschen, und wenn sie als Sieger
hervorgegangen sind, mehr dem Bemühen der Menschen, als der Kraft Gottes zu,
obschon weder Gute, noch Böse ohne Zuwilligung Gottes und seiner
Gerechtigkeit Sieger sind. Bisweilen haben die Guten Glück gegen die Bösen,
und dann wider die Bösen im Gegenteil wider die Guten durch eine verborgene
Zulassung Gottes. Und weil wenige Menschen aus allgemeiner Gleichgültigkeit
die Langmut und Gerechtigkeit Gottes in Betracht ziehen wollen, wird deshalb
die Kraft Gottes geschändet, und der Mensch wie ein Mächtiger und als Sieger
durch seine eigene Kraft gepriesen und erhöht. Ich habe nicht ohne Grund
gesagt, daß jener König ein Kind sei; denn wenn ein Kind zwei Äpfel sieht,
deren einer auswendig ganz vergoldet, inwendig aber ganz leer und verdorben,
der andere jedoch außen minder schön, inwendig aber ganz frisch ist, so
wählt das Kind lieber den Apfel, der auswendig schön und inwendig verdorben
ist, weil es nur das betrachtet, was es äußerlich sieht. So macht es jener
König. Es dünkt ihm schön, mit einem großen Kriegsheere aufzutreten, aber
er wußte und beachtete nicht, was für ein Elend darin verborgen lag; er nahm
nicht wahr, was für eine große Hungersnot, was für ein Schmerz folgen
würde, und daß die Elenden hungrig ausziehen und noch weit elender
zurückkehren würden. Mit einem kleinen Heere aufzutreten erscheint wohl
verächtlich und thöricht, allein innerlich betrachtet, führt es einen
großen Nutzen mit sich; denn wenn er also dahin zieht, nämlich in Demut und
mit einem geringen Heere, so werde ich seinen Geist mit göttlicher Weisheit
erfüllen und seinen Leib mit göttlicher Stärke kräftigen; ich kann so aus
einem Schwachen einen Starken machen, aus einem Niedrigen einen Hohen, einen
Gelehrten aus einem Verachteten. Sage ihm also, er solle sich nicht fürchten,
sondern seine Hoffnung auf mich setzen und thun mit göttlicher Weisheit und
menschlichem Nachdenken, was er vermag und wo es mangeln wird an menschlicher
Weisheit, werden Liebe und guter Wille ihn entschuldigen."
Der Sohn Gottes sprach: "Ein jeglicher, der die Länder
der Ungläubigen besuchen will, muß fünf Stücke haben. Erstens soll er sein
Gewissen durch Reue und aufrichtige Buße entlasten, als ob er eben sterben
wolle. Zweitens muß er alle Leichtfertigkeiten im Wandel und in der Kleidung
ablegen, und nicht achtgeben auf die neuen Bräuche, sondern auf jene
löblichen, welche von seinen Vorfahren eingesetzt sind. Drittens muß er
nichts Zeitliches haben wollen, außer zur Notdurft und Ehre Gottes, und wenn
er erkennen sollte, daß er etwas entweder selber, oder schon von seinen
Eltern her mit Unrecht erworben, soll er den Willen haben, es zu erstatten, es
mag so groß oder klein sein, wie es will. Viertens soll er dahin arbeiten,
daß die Ungläubigen zum rechten Glauben kommen, aber nicht begehren ihren
Reichtum, nicht ihr Zugvieh, noch anderes, denn allein was er zum notwendigen
Unterhalt des Leibes braucht. Das fünfte ist der Wille, gern für die Ehre
Gottes zu sterben und sich durch einen löblichen Wandel also darauf
vorzubereiten, daß man verdiene, einen köstlichen Tod zu erlangen." ![]()
Die Mutter Gottes rühmt sich des Eifers, den sie gehabt, Gott zu gefallen. Sie sagt, daß sie sich nicht rühme, ihr eigenes Lob zu suchen, sondern auf daß Gott dadurch gelobt und geehrt werden möge. Sie begehrt auch vom Sohne für die Braut die Gewänder himmlischer Tugenden, die heilige Speise seines Leibes und einen brünstigeren Geist. Der Sohn gesteht das zu, wenn die Braut zuvor Demut und Furcht und Dankbarkeit haben wird.
Die Mutter sprach: "Von meiner Jugend an habe ich stets an die Ehre meines Sohnes gedacht, und bin immer besorgt gewesen, wie ich ihm gefallen möchte. Obwohl aber jegliches Preisen im eigenen Munde minder ehrenhaft ist, so sage ich dieses doch nicht nach Art derjenigen, welche ihr eigenes Lob suchen, sondern zur Ehre meines Sohnes, meines Gottes und Herrn, welcher die Sonne wunderbar gefestigt hat in den Staub, auch das Feuer, welches nicht zehrt, sondern entflammt, eingeschlossen hat im Trockenen, und ohne Feuchtigkeit die würdigste und lieblichste Frucht hervorgebracht hat." -
Darauf, zum Sohne gewendet, sprach sie: "Gebenedeit
seist Du, mein Sohn! Ich bin wie jene Frau, welche beim Herrn Erhörung
gefunden, als sie für die Schuldigen und Schwachen um Barmherzigkeit bat.
Also bitte ich Dich für meine Tochter, weil sie ehrfurchtsvolle Scheu trägt,
d. h. für Deine Braut, deren Seele Du mit Deinem Blute erkauft, mit Deiner
Liebe erleuchtet, durch Deine Güte erweckt und vermöge Deiner Barmherzigkeit
Dir vermählt hast. Ich bitte Dich, Sohn, verleihe ihr drei Gaben. Erstens
kostbarere Kleider, weil sie eine Tochter und Braut des Königs der Könige
ist, denn wenn des Königs Braut der königlichen Kleidung entbehrt, wird sie
ganz verachtet, und mit Schanden gestraft, wenn sie ohne Ehre erfunden wird.
Gieb ihr darum Kleider nicht von der Erde, sondern vom Himmel; nicht, welche
da glänzen äußerlich von Gold, sondern welche inwendig von Liebe und
Keuschheit schimmern. Gieb ihr das Gewand der Tugenden, damit sie das
Äußerliche nicht müsse erbetteln, sondern damit sie innerlich Überfluß
habe, und auch vor anderen im Kleide leuchten könne.
Zweitens gieb ihr eine zartere Speise; denn Deine Braut ist an grobe Speisen
gewöhnt, nun aber soll sie sich gewöhnen an Deine Speise; denn diese ist
eine Speise, welche berührt, aber nicht gesehen, gehalten, aber nicht
gefühlt wird, speist, aber sinnlich nicht wahrgenommen wird, eingeht und doch
überall ist. Das ist Dein würdigster Leib, den das geschlachtete Lamm
vorgebildet hat; denn dieses hat Deine Menschheit, welche Du von mir
angenommen hast, auf wunderbare Weise erfüllt und täglich offenbart Deine
Gottheit samt der Menschheit die glückselige Erfüllung dieses Vorbildes.
Diese Speise, mein Sohn, gieb Deiner Braut; denn ohne dieselbe vertrocknet sie
wie ein Säugling ohne Milch, ohne dieselbe vergeht sie ganz, und mit
derselben und durch dieselbe wird sie zu allem Guten erneuert, wie ein Kranker
durch die Speise. Drittens gieb ihr, mein Sohn, einen inbrünstigeren Geist;
denn dieser ist das Feuer, das niemals angezündet, niemals erloschen ist.
Dasselbe bewirkt, daß man verachtet, was lieblich anzuschauen und hofft, was
ewig ist; diesen Geist, mein Sohn, gieb ihr." Darauf antwortete der Sohn
und sprach: "Teuerste Mutter! Deine Worte sind süß. Aber, wie Du
weißt, wer da sucht, was hoch ist, muß zuvor thun, was tapfer, und üben,
was demütig ist, deshalb bedarf sie drei Dinge: Erstens muß sie Demut
besitzen; denn durch diese wird die Hoheit erlangt, daß sie nämlich wisse,
sie habe das Gute, was sie hat, aus Gnaden und nicht aus ihrem Verdienst;
zweitens die schuldige Ehrenerweisung, damit sie dem Spender der Gnaden
wiedervergelten möge; drittens die Furcht, damit sie die ihr zugestandene
Gnade nicht verliere. Damit sie dann die drei ersten Stücke, welche Du
begehrt, erlangen und besitzen möge, soll sie die drei folgenden oben
gedachten nicht vergessen, denn nichts nützt es, etwas erlangt zu haben, wenn
man das Erlangte nicht zu besitzen weiß, und das Herz wird unerträglicher
gequält, wenn das Erlangte verloren geht, als wenn es niemals gewährt wäre
und man es niemals gehabt hätte." ![]()
Die Braut ist betrübt, weil sie dem geistlichen Vater nicht geduldig und freudig gehorcht hat. Christus sagt ihr, daß, wenn sie den Vorsatz hat, vollkommenen Gehorsam zu leisten, sie, wenn auch der Wille zuweilen widerstrebt, doch so, falls sie gehorcht, Verdienst davon hat und die vergangenen Sünden gereinigt werden. Der Herr gewährt auch hier die Waffen zum geistlichen Kampfe, nämlich die Tugenden, mit welchen die Gerechten streiten und siegen. Die Ungerechten dagegen werfen dieselben hinweg und werden überwunden.
Der Sohn Gottes sprach zur Braut: "Sage mir, weshalb
bist Du betrübt? Obwohl ich alles weiß, so will ich es doch von Dir sagen
hören, damit auch Du wissen magst, was ich Dir antworte." Die Braut
antwortete ihm: "Zweierlei fürchte ich, und wegen Zweierlei bin ich
betrübt. Erstens fürchte ich, weil ich viel zu ungeduldig zum Gehorchen, und
nicht fröhlich genug zum Leiden bin; zweitens bin ich betrübt, weil Deinen
Freunden Trübsal begegnet und Deine Feinde über sie die Oberhand
erhalten." Der Herr antwortete: "Ich bin in Deinem geistlichen
Führer, welchem Du zum Gehorsamen untergeben bist, und deshalb wird Dir jede
Stunde, jeder Augenblick, wo Du mit Deinem Willen Deine Einwilligung zum
Gehorsame giebst und mit dem Willen gehorsamen willst wenn auch das Fleisch
zuweilen widerstrebt, zur Belohnung und zur Reinigung der Sünden angerechnet
werden. Wenn Du zweitens über die Widerwärtigkeit meiner Freunde betrübt
bist, so will ich Dir mit einem Beispiele antworten. Wenn zwei miteinander
kämpfen, und der eine seine Waffen hinwirft, der andere aber sich stets mit
seinen Waffen deckt, wird da nicht derjenige leichter überwunden, welcher
seine Waffen hinwegwirft, als wer Tag für Tag seine Waffen beisammen hat? So
ist es auch da; denn die Feinde werfen täglich die Waffen hinweg. Drei Arten
von Waffen sind nämlich notwendig zum Streite; die erste das, was den
Menschen fährt oder trägt, ein Pferd oder dergleichen; zweitens das, womit
der Mensch sich verteidigt, z. B. ein Schwert; drittens das, womit man sich
den Leib deckt, z. B. ein Panzer und ähnliches. Allein die Feinde haben
erstens das Roß des Gehor-
sams verloren, auf welchem sie zu allem Guten gefördert werden sollten, denn
der Gehorsam ist es, der mit Gott Freundschaft hält und dem Herrn die
versprochene Treue bewahrt. Das Schwert der göttlichen Furcht haben sie
hinweggeworfen, mittels dessen der Leib von der Wollust abgezogen und der
Teufel von der Seele gesondert wird, auf daß er ihr nicht nahe; den Panzer
haben sie verloren, mit welchem sie sich gegen die Wurfgeschosse decken
sollten, d. h. die göttliche Liebe, welche in Widerwärtigkeiten erfreut, im
Glücke beschirmt, in Versuchungen Frieden und in Schmerzen Linderung
gewährt. Ihr Helm, das ist die göttliche Weisheit, liegt im Kote, auch der
Halsschutz, d. h. der göttliche Gedanke, ist herabgefallen; denn wie mittels
des Halses das Haupt bewegt wird, so auch sollte mittels des göttlichen
Gedankens das Herz zu allem, was Gottes ist, bewegt werden; weil ihnen aber
der göttliche Gedanke entfallen ist, liegt das Haupt in der untersten Tiefe
und wird vom Winde hin- und wiederbewegt. Auch die Brustwaffen sind viel zu
schwach, d. h. die Neigung zu Gott ist so erkaltet, daß man dieselbe kaum
sehen, noch weniger aber empfinden kann. Die Bewaffnung der Füße ist
gleichfalls vergessen und vernachlässigt, d. h. die Reue mit dem Vorsatze der
Besserung, denn sie freuen sich in ihren Sünden und verlangen darin so lange
zu bleiben, als sie können. Die Waffen der Arme, d. h. die guten Werke, sind
ihnen verhaßt und eitel; sie thun kühnlich, was sie wollen, und tragen keine
Scheu. Aber meine Freunde schirmen sich täglich mit Waffen. Sie lassen sich
auf dem Rosse des Gehorsams eilends dahintragen, verleugnen um des göttlichen
Gebotes willen ihren Willen und kämpfen wider die Laster in der Furcht des
Herrn, wie tapfere Krieger; sie ertragen in der Liebe alles, was ihnen
widerfährt, und erwarten wie tapfere Streiter die Hilfe des Herrn; sie decken
sich mit göttlicher Weisheit und Geduld wider die Ehrabschneider und
Anschuldiger, und halten sich von der Welt fern, wie fromme Leute, die sich
eingeschlossen haben; sie sind behende und hurtig, wenn es das Göttliche
gilt, wie bewegliche Luft; inbrünstig zu Gott, wie eine Braut nach den Armen
des Mannes; schnell und stark, durch die Freuden der Welt hindurchzugehen, wie
Hirsche; sorgfältig im Handeln, wie eine Ameise; wachsam, wie ein Späher.
Siehe! also sind meine Freunde, und so bewaffnen sie sich täglich mit den
Waffen der
Tugenden, welche die Feinde verachten, weshalb dieselben leicht überwunden
werden. Daher ist denn der geistliche Kampf, welcher in der Geduld und
göttlichen Liebe geführt wird, weit edler, als der körperliche, und dem
Teufel viel verhaßter, denn der Teufel arbeitet nicht daran, das Leibliche
hinwegzunehmen, sondern die Tugenden zu verderben, und die Geduld, sowie die
Beständigkeit in den Tugenden hinwegzunehmen. Deshalb betrübe Dich nicht,
wenn den Freunden einiges Widerwärtige begegnet, weil ihnen hieraus Belohnung
erwächst."
Christus sagt zu seiner Braut, daß er einem Glasmacher ähnlich ist, der, wenn auch vieles Geschirr zerbricht, nicht abläßt, von neuem anderes zu fertigen d. i. Seelen, bis der himmlische Chor der Engel wieder erfüllt wird; auch, daß er einer Biene ähnlich ist, weil er sich eine neue Pflanze erwählen, d. h. die Heiden bekehren und daraus eine große Süßigkeit ziehen wird, nämlich viele Seelen, um den himmlischen Bienenkorb zu füllen.
"Ich bin wie ein guter Glasmacher, welcher aus Asche
viele Gefäße verfertigt, und obwohl deren viele zerbrochen werden, doch
nicht aufhört, neue anzufertigen, bis die Anzahl der Geschirre voll geworden.
Also thue auch ich, weil ich aus unedlem Stoffe ein edles Geschöpf bilde,
nämlich den Menschen; und obwohl ihrer viele durch ihre bösen Werke von mir
abwichen, so lasse ich doch nicht ab, andere zu bilden, bis der Chor der Engel
und die leeren Stellen im Himmel voll werden. Ich bin auch einer guten Biene
ähnlich, welche aus dem Bienenkorbe heraus und zu einer schönen Pflanze
hinfliegt, die sie von weitem gesehen und an welcher sie die schönste Blume
und einen wohlriechenden, gar süßen und lieblichen Geruch zu finden
trachtet. Wenn sie aber zur Pflanze kommt, findet sie die Blume verdorrt, von
verdorbenem Geruch und aller Lieblichkeit leer. Sie läßt sich nun auf einer
anderen Pflanze nieder, welche zwar rauh ist und eine unscheinbare Blume hat,
auch ohne besonderen Wohlduft und von geringer Lieblichkeit ist; aber in
dieser Pflanze heftet die Biene ihren Fuß fest, zieht die Süßigkeit heraus
und trägt dieselbe in den Bienenkorb heim, bis derselbe nach
ihrem Willen angefüllt ist, Diese Biene bin ich, der Schöpfer und Herr aller
Dinge, der ich aus dem Bienenkorbe ausging, als ich bei Annahme der
menschlichen Gestalt in derselben sichtbar erschien. Ich habe eine schöne
Pflanze gesucht, d. h. ich habe mir das Geschlecht der Christen erwählt. Sie
waren schön durch Glauben, süß durch Liebe, fruchtbar durch süßen Wandel.
Jetzt aber sind sie entartet vom früheren Stande, scheinen nur dem Namen nach
schön, sind aber dem Wandel nach häßlich, fruchtbar für die Welt und das
Fleisch, aber unfruchtbar in Bezug auf Gott und die Seele. Sich selber sind
sie süß, mir aber ganz bitter; deshalb werden sie fallen und vernichtet
werden. Ich aber werde mir, gleich der Biene, eine andere Pflanze erwählen,
die ein wenig rauh ist, nämlich die Heiden, welche in ihrem Wandel sehr
verkehrt sind, von denen einige eine kleine Blume und eine geringe
Lieblichkeit haben, d. h. den Willen, mit dem sie sich gern bekehren und mir
dienen möchten, wenn sie wüßten, wie es geschehen könne und ob sie Helfer
haben würden? Aus dieser Pflanze nun will ich so viele Süßigkeit
herausziehen, bis der Bienenkorb gefüllt ist, und davon so viel in demselben
niederlegen, daß die Pflanze nicht ohne Süßigkeit bleibt, noch die Biene
der Frucht ihrer Arbeit ermangelt. Und was rauh und gering ist, wird wunderbar
wachsen und zur höchsten Schönheit sich entfalten. Was aber schön zu sein
scheint, wird abnehmen und häßlich werden."
Christus sagt zur Mutter, wie die auf ihren .geistlichen Augen erblindeten Menschen, damit sie imstande sind, Gott zu sehen und über alles zu lieben, das Gesicht wieder zu erlangen vermögen, nämlich durch Betrachtung der zeitlichen Gerechtigkeit, durch die Güte, nämlich in der Schönheit der Geschöpfe, und durch die Allmacht und seine Weisheit. Es irren aber alle, welche glauben, Böses oder Gutes komme her vom Glücke, oder durch die gegenseitige Stellung der Gestirne.
Maria sprach: "Gebenedeit seist Du, mein Sohn und mein
Herr. Obwohl ich keine Traurigkeit empfinden kann, habe ich doch wegen dreier
Dinge Mitleid mit dem Menschen. Erstens, daß
der Mensch Augen hat und doch blind ist; denn er sieht seine Gefangenschaft
und folgt derselben; er verspottet Deine Gerechtigkeit und lacht mit dem Munde
zu seiner Begierlichkeit; er verfällt so in einem Augenblicke der ewigen Pein
und verliert die seligste ewige Herrlichkeit. Zweitens empfinde ich Mitleid
mit ihm, weil er begehrt und mit Freuden ansieht die Welt, und nicht achtet
auf Deine Barmherzigkeit; weil er das Niedrige sucht und das Höchste
verwirft. Drittens aber habe ich Mitleid, weil Du, obwohl aller Gott, doch in
Deiner Ehre von den Menschen vergessen und vernachlässigt bist und Deine
Werke tot sind vor ihnen. Darum, mein gebenedeiter Sohn, erbarme Dich
ihrer." Der Sohn antwortete: "Alle, die in der Welt sind und ein
Gewissen haben, sehen, daß in der Welt Gerechtigkeit herrscht, mittels deren
die Sünder gestraft werden. Wenn nun die Frevel in der Welt von der
weltlichen Gerechtigkeit gestraft werden, um wie viel mehr erfordert es die
Gerechtigkeit, daß die unsterbliche Seele vom unsterblichen Gotte gestraft
werde? Dies könnte der Mensch, wenn er wollte, sehen und erkennen; weil er
aber die Augen auf die Welt und seine Neigung auf sein Vergnügen wendet,
deshalb folgt der Mensch, wie die Eule der Nacht, den flüchtigen Gütern und
hasset die bleibenden. Zweitens könnte der Mensch, wenn er wollte, aus der
Schönheit und Wünschenswürdigkeit der Planeten, Bäume und Pflanzen sehen
und in Betracht nehmen, wie viel schöner und wünschenswürdiger, als dieser
alles, der Herr und Schöpfer ist. Und wenn diese irdische Herrlichkeit so
brünstig begehrt und geliebt wird, um wie viel mehr muß die ewige
Herrlichkeit begehrt werden? Dieses könnte der Mensch sehen, wenn er wollte;
denn er hat soviel Verstand und Einsicht, daß dasjenige, was größer und
edler ist, mehr geliebt werden soll, als das, was schlechter und geringer ist.
Aber weil der Mensch wie das Tier immer nach dem Untern schaut, obwohl ihm
gegeben ist, aufwärts zu blicken, so webt er gleichsam ein Spinnengewebe,
verläßt die Schönheit des Engels und ahmt vergänglichen Geschöpfen nach;
darum blüht er wie Gras eine kurze Zeit lang, und fällt schnell wie die
Blume des Grases. Drittens könnten sie bei einem guten Willen wohl erkennen
und an den Geschöpfen wahrnehmen, daß Einer aller Gott und Schöpfer ist,
denn wofern kein Schöpfer wäre, würde alles ungeordnet dahingehen,
obwohl nichts ungeordnet ist, als was der Mensch in Unordnung bringt. Anders
aber bedünkt es die Menschen, denen der Lauf der Planeten und Zeiten
unbekannt ist, und denen die Ratschlüsse Gottes wegen ihrer begangenen
Sünden verborgen sind.
Wenn denn nun ein Gott und derselbe sehr gut ist, weil von
ihm alles Gute ausgeht, weshalb ehrt ihn der Mensch nicht vor allem und mehr
als anderes, da seine Vernunft ihm doch sagt daß der vor allen Dingen geehrt
werden müsse, von dem alles ist? Der Mensch aber hat, wie Du gesagt hast, ein
Auge und sieht nicht, ja er hat für seine Person sein Auge in
gotteslästerlicher Weise verschlossen, weil er den Sternen beimißt, daß die
Menschen böse oder gut sind. Sie schreiben auch dem Schicksale, d. h. dem
Zufalle zu, wenn ihnen etwas Widerwärtiges, Hartes begegnet, gleich als ob
das Schicksal etwas Göttliches wäre, um etwas zu schaffen und zu thun,
während doch Schicksal und Zufall nichts sind, sondern die Bestimmung des
Menschen und aller Dinge von Gott unveränderlich vorausgesehen ist, und
beständig nach Bedürfnis eines jeden Dinges vernünftigerweise für sie
gesorgt wird. Es liegt auch nicht an den Sternen, daß der Mensch gut oder
böse ist, obwohl an ihnen zu erkennen ist, wie weise sie nach Beschaffenheit
der Natur und der Zeiten eingerichtet und geordnet sind, was die Menschen,
wenn sie wollten, wohl sehen könnten." Die Mutter antwortete:
"Jeder Mensch, der einen guten Willen hat, sieht wohl ein, daß Gott mehr
als irgend etwas anderes geliebt werden muß und vollzieht dies auch
thatsächlich; weil aber den meisten ein Fell über die Augen gezogen ist,
können, obwohl der Augapfel gesund ist, nicht alle sehen. Was aber bedeutet
dieses Fell, als die Nichtbeachtung der Zukunft, wodurch der Verstand vieler
verdunkelt ist? Deshalb bitte ich, teuerster Sohn, Du wollest Dich würdigen,
den Menschen Deine Gerechtigkeit zu offenbaren, nicht damit ihre Schande und
ihr Elend dadurch größer werde, sondern damit die Strafe, welche sie
verdient haben, desto gelinder und Deine Gerechtigkeit erkannt und gefürchtet
sei. Wie könnte der Mensch wissen, was in einem gefüllten Sacke oder in
einem verschlossenen Milchgefäße wäre, wenn es nicht zuvor geöffnet und
ausgeschüttet würde? So könnte Deine obwohl große Gerechtigkeit, wenn Du
sie nicht durch ein öffentliches Gericht zeigst, nur von wenigen gefürchtet
werden, weil
Deine wunderbaren Werke durch den langen Zeitverlauf und die Größe der
Sünde in Geringschätzung gekommen sind. Zweitens bitte ich, Du wollest Deine
Barmherzigkeit durch denjenigen offenbaren, der Dir lieb ist, nm [sic!]
anderer Andacht willen und zum Troste der Elenden. Drittens bitte ich, daß
Dein Name zu Ehren komme, damit diejenigen, welche lieben, erkannt, und die
Lauen mögen entzündet werden." -
Der Sohn antwortete: "Wo viele Freunde kommen und bitten, ist es billig, daß sie erhört werden, um wie viel mehr, wenn eine Frau kommend bittet, welche dem Herrn die teuerste ist; und darum geschehe, was Du willst; denn meine Gerechtigkeit wird klar und so weit offenbar werden, daß jeder, an dem sie offenbar wird, sie empfindet, daß seine Werke offenkundig und seine Glieder erzittern werden. Ferner werde ich einer Person so viel Barmherzigkeit gewähren, als sie fassen kann und bedarf. Ihr Leib wird erhöht und ihre Seele zu dem Ende verherrlichet werden, damit meine Barmherzigkeit offenbar werde."
Darauf sprach die Mutter: "Diese Stätte für Klosterleute ist abgekehrt vom Guten und auf Eis gegründet. Ihre Grundlage war anfänglich das reinste Gold; darunter aber ist eine entsetzliche Unordnung. Wenn aber die Sonne anfängt, zu wärmen, wird das Eis sich auflösen und was darauf gebaut worden, in den Abgrund stürzen. Darum, mein gebenedeiter Sohn, erbarme Dich ihrer. Denn schrecklich ist der Fall und der Absturz unerträglich. Die Finsternis ist ewig und die Pein langwierig."
Als die Braut die Jungfrau darum bat, daß sie eine vollkommene Liebe zu Gott erlangen möge, antwortete die Jungfrau, sie möge, um solches zu erlangen, sechs hier angegebene Worte des Evangeliums befolgen. Sie erklärt ihr auch gar schön jenes Wort: "Gehe hin und verkaufe alles, was du hast, und gieb es den Armen;" sowie jenes: "Sorget nicht für morgen." Auch sagt sie, daß, wer unter Beten und Lesen arbeitet, andächtig und im Namen Jesu um die Notdurft des Lebens bitten soll.
Die Braut redete zur Jungfrau und sprach: "O wie süß
ist Gott der Herr! Ein jeglicher, der ihn für den süßesten hält, wird
keinen Schmerz haben, in welchem er nicht Trost empfände. Und deshalb, o
gütigste Mutter Gottes, bitte ich Dich, Du wollest aus meinem Herzen
dergestalt die Liebe zu allen weltlichen Dingen herausziehen, daß Dein Sohn
mir über alle Dinge der Teuerste bis zum Tode sei." Die Mutter
antwortete: "Weil Du meinen Sohn zu Deinem Liebsten zu haben begehrst, so
befolge seine Worte, die er selber im Evangelium in Person geredet hat, und
welche dahin gehen, daß er vor allem geliebt werde; und deshalb rufe ich Dir
sechs evangelische Aussprüche ins Gedächtnis zurück: Der erste ist, daß er
zum Reichen sprach: Gehe hin und verkaufe alles, was du hast, gieb es den
Armen und folge mir. Der zweite ist: Sorge nicht für den anderen Morgen. Der
dritte: Sehet, wie die Sperlinge gespeist werden, um wie viel mehr wird der
himmlische Vater die Menschen speisen? Der vierte: Gebet dem Kaiser, was des
Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Der fünfte: Trachtet zuerst nach dem
Reiche Gottes. Der sechste ist: Alle, die ihr hungrig seid, kommt her zu mir
und ich will euch erquicken." -
Derjenige aber scheint alles zu verkaufen, der nicht mehr zu
haben begehrt, als die mäßige Unterhaltung allein des Leibes, und alles
übrige an die Armen zur Ehre Gottes und nicht zur Ehre der Welt in der
Absicht verteilt, um die Freundschaft Gottes zu erlangen. Also ist es am
heiligen Gregor und auch an vielen Königen und Fürsten zu sehen, welche von
Gott so sehr geliebt wurden, obwohl sie Reichtum besaßen, aber anderen davon
gaben, wie die, welche alles zugleich Gott überließen und nachher bei
anderen bettelten. Viele, welche den Reichtum der Welt allein zur Ehre Gottes
hatten, hätten desselben gern entbehren mögen, wenn es der Wille Gottes
gewesen wäre; andere haben die Armut erwählt, weil sie zu Ehren Gottes
danach verlangten. Es wird einem jeden Menschen, welcher gerecht erworbene
Güter oder Jahresrenten in Besitz hat, gestattet, deren Früchte für seien
und seiner Hausgenossen Unterhalt zu Ehren Gottes zu erheben; von dem, was
übrig bleibt, möge er den Freunden Gottes geben, die dessen bedürfen. Zum
anderen: Sorge nicht für den morgenden Tag; denn wenn Du auch nichts
hättest, als den nackten Leib, so hoffe auf Gott, und er, der da speiset die
Sperlinge, wird auch Dich erhalten, den er mit seinem Blute erlöst hat."
Ihr antwortete
ich: "O vielliebe Frau, die Du schön, reich und tugendsam bist, schön
deshalb, weil Du niemals gesündigt hast; reich deshalb, weil Du Gottes
liebste Freundin bist; und tugendsam, weil Du in guten Werken die
vollkommenste bist, - höre, o Frau! mich jetzt, die ich voll Sünden, aber
arm bin an Tugenden. Wir haben heute unsere notwendige Nahrung, morgen aber
werden wir Mangel leiden und ganz erliegen; wie können wir denn ohne Sorge
sein, wenn wir nichts haben? Denn obwohl die Seele Trost hat von Gott, begehrt
doch der Esel von Leib seine Nahrung." Die Jungfrau sprach: "Wenn
ihr etwas übrig habt, dessen ihr entbehren könnt, so verkauft und
verpfändet es und lebt so ohne Sorge." Ich antwortete: "Wir haben
Kleider, deren wir uns bei Nacht und bei Tag bedienen, und nur wenig Geschirr
für unseren Tisch. Der Priester aber hat seine Bücher und für die Messe
haben wir einen Kelch und Schmuck." Die Jungfrau antwortete: "Der
Priester darf nicht ohne Bücher und ihr dürft nicht ohne Messe sein, und
auch die Messe darf nur in reinen Gewändern gelesen werden. Auch darf euer
Leib nicht entblößt, sondern soll der Schamhaftigkeit halber und um der
Kälte zu wehren, bekleidet sein; deshalb bedürft ihr aller dieser
Dinge." Ich antwortete: "Soll ich vielleicht auf meine Bürgschaft
für eine gewisse Zeit ein Gelddarlehen aufnehmen?" Die Mutter
antwortete: "Bist Du gewiß, dasselbe in einer vorher bestimmten Zeit
zahlen zu können, so nimm ein Darlehen auf, außerdem unterlasse es. Denn es
ist besser für Dich, einen Tag der Speise zu entbehren, als auf das ungewisse
Bürgschaft zu leisten." - Und ich: "Soll ich vielleicht, um unseren
Unterhalt zu gewinnen, mich einer Arbeit unterziehen?" Die Mutter
antwortete: "Was thust Du gegenwärtig und täglich?" Ich
antwortete: "Ich lerne die Grammatik, bete und schreibe." Die Mutter
sprach aber darauf: "Es ziemt sich nicht, eine solche Arbeit um
leiblicher Arbeit willen aufzugeben." Und ich: "Was haben wir aber
nun morgen zu leben ?" Die Mutter antwortete: "Bittet im Namen Jesu
Christi, wen ihr nichts anderes habt." ![]()
Die Mutter Gottes sagt, wie die Seele des Menschen, welcher Gottes Wort redet, wenn er darum gescholten und geschmäht wird, glänzend schön gefärbt wird. Wer aber seinen Leib zur Ehre Gottes ermüdet, dessen Seele wird göttliche Süßigkeit erlangen und geziert werden. Dem aber, welchem sein guter Ruf geschmälert wird, und der den Verleumder nicht haßt, wird die Seele mit kostbaren Kleidern, welche Gott angenehm sind, geschmückt. Gottes Freunde sollen sich daher plagen, die Seelen der Sünder zu erlösen, welche unter dem Felsen der Sünde unterdrückt und in Gefahr liegen.
Die Mutter sprach: "Betrübe Dich nicht, wenn Du die
Worte Gottes vor denen reden sollst, welche dieselben nicht gern hören; denn
wer der Worte Gottes halber Schmach und Widerdersspruch [sic!] leiden muß und
trägt es geduldig, dessen Seele schmückt eine solche Schmach überaus
schön, und wenn jemand seinen Leib abmattet für die Ehre Gottes, dessen
Seele wird mit Süßigkeit erfüllt und mit Schönheit bekleidet werden. Die
Seele des Menschen, welche vernimmt, daß man ihr den guten Ruf abgeschnitten,
aber dem Verleumder doch nichts Böses wünscht, wird gleichsam mit den
schönsten Kleidern geschmückt, dergestalt daß der Bräutigam, welcher Ein
Gott in drei Personen ist; jene Seele für die ewige Liebe seiner Gottheit
begehrt. Deshalb sollen sich die Freunde Gottes gern mühen, um diejenigen zu
bekehren, welche die Hoffart und die Begierlichkeit mehr lieben, als Gott;
denn sie liegen gleichsam unter einem Berge, und deshalb muß man arbeiten,
daß sie lebend hervorgezogen werden. Gleichwie derjenige, welcher seine
Brüder unter einem abgestürzten Felsen liegen sieht, zuweilen am Felsen
schüttelt, um ihn abzubröckeln, bisweilen aber leise abbricht, damit der
darunter Liegende nicht zu schwer niedergedrückt werde, zuweilen aber
stärker schüttelt, damit der Felsen von dem darunter Liegenden desto
schneller hinwegbewegt wird und dabei nicht seine Mühe in Betracht zieht,
wenn nur das Leben dessen, der in Gefahr daliegt, frei wird, also sollen auch
die Freunde Gottes arbeiten, damit die Seelen errettet werden. Wie nun wenige
waren, welche den rechten Glauben hatten, als der Sohn Gottes auffuhr zum
Himmel, so sind jetzt wenige,
welche jenes Gebot erfüllen: Du sollst Gott lieben über alle Dinge, und den
Nächsten wie dich selber. Darum sollen die Freunde Gottes, wie ehemals zu den
Heiden, so jetzt zu den Christen gehen; denn wie es unmöglich war, daß
diejenigen den Himmel erlangten, welche den Glauben vernommen, aber nicht
gehalten hatten, so ist es unmöglich, daß die Christen den Himmel erlangen,
welche ohne die Liebe Gottes dahinsterben."
Christus vergleicht sich mit einem Arzte, welcher einen heilsamen, gar süßen Trank bereitet, und der bereit ist, den Trank der göttlichen Süßigkeit allen zu geben, welche denselben in Liebe verlangen. Diesen Trank versuchen diejenigen, welche gesund am Geiste sind, und ergötzen sich daran. Die aber geistlicherweise krank sind, finden keinen Gefallen daran, den Geist Gottes zu kosten.
Christus sprach zur Braut: "Ich bin wie ein guter,
süße Heilmittel bereitender Arzt, zu welchem alle hinlaufen, welche ihn
lieben, weil sie wissen, daß sein Trank süß ist. Diejenigen aber, welche
von der Süßigkeit seines Trankes genießen und bedenken, daß er heilsam
ist, besuchen unausgesetzt das Haus des Arztes; diejenigen aber, welche nach
dem Tranke einiges Schneiden empfinden, fliehen ihn. Ebenso ist es mit dem
geistlichen Tranke, welcher der heilige Geist ist. Denn der Geist Gottes ist
süß beim Kosten und führt zur Stärkung aller Glieder, und läuft hinab
durch das Herz, daß es fröhlich wird wider die Anfechtungen. Ich; Gott, bin
jener Arzt und Süßigkeitsbereiter, der ich erbötig bin, meinen Trank allen
zu geben, welche denselben mit Liebe verlangen. Derjenige aber ist gesund und
geeignet, meinen Trank zu empfangen, der nicht den Willen hat, in der Sünde
zu bleiben, sondern, nachdem er meinen Trank gekostet, sofort seine Freude
daran hat, denselben zu trinken. Wer aber den Willen hat, in der Sünde zu
verharren, hat keine Lust daran, den Geist Gottes zu haben." ![]()
Die Mutter Gottes giebt die Gewißheit zu erkennen, wie sie nach Vorschrift des göttlichen Gehorsams von ihren Eltern ohne einige Erbsünde empfangen ist.
Die Mutter Gottes sprach: "Wenn jemand bei dem Willen zu fasten, dennoch Lust zum Essen hätte, dieser Lust aber Widerstand leistete und von seinem Oberen, dem er Gehorsam schuldig, den Befehl erhielte, er solle aus Gehorsam essen, und er äße nun aus Gehorsam wider seinen Willen, so würde dieses Essen eines größeren Lohnes würdig sein, als das Fasten. In ähnlicher Weise hat die Beiwohnung meiner Eltern, mittels deren ich erzeugt worden bin, stattgefunden. Und deshalb ist es Wahrheit, daß ich ohne Erbsünde und in keiner Sünde empfangen worden bin, weil, wie mein Sohn und ich niemals gesündigt haben, so keine Ehe gewesen ist, welche ehrbarer gewesen wäre, als diejenige, aus welcher ich entsprossen bin."
Worte der Jungfrau an die Braut, wie Gott nichts so sehr gefüllt, als daß er von den Menschen über alles geliebt werde. Sie zeigt dieses an dem Beispiele einer heidnischen Frau, welche um der großen Liebe willen, die sie zum Schöpfer trug, Gnade erlangt hat.
Die Mutter redete zur Braut und sprach: "Nichts
gefällt Gott so sehr, als wenn der Mensch ihn über Alles liebt. Siehe, ich
will Dir ein Beispiel von einer heidnischen Frau erzählen. Diese wußte vom
katholischen Glauben nichts und dachte bei sich also: Ich weiß, von welchem
Stoffe ich bin, und wovon ich in meiner Mutter Leib gekommen bin. Ich glaube
auch, es sei unmöglich, daß ich einen Leib und Glieder, Eingeweide und Sinne
hätte, wenn mir dieselben nicht jemand gegeben hätte, und darum giebt es
einen Schöpfer, der mir eine so schöne menschliche Gestalt gegeben und mich
nicht so häßlich als die Würmer und Schlangen hat erschaffen wollen. Es
scheint mir also, daß, wenn ich auch
gar viele Männer hätte und alle mich riefen, ich mehr der einzigen Stimme
meines Schöpfers nacheilen würde, als der Stimme jener aller. Ich habe auch
gar viele Söhne und Töchter, gleichwohl würde ich, wenn ich sähe, daß sie
Speisen in der Hand hätten und wüßte, daß mein Schöpfer Hunger empfände,
meinen Kindern die Speise aus den Händen nehmen und dieselbe voll Freuden
meinem Schöpfer darreichen. Ich habe auch viele Besitzungen, über welche ich
nach meinem Willen verfüge; wüßte ich aber, daß es der Wille meines
Schöpfers sei, so würde ich meinem Willen entsagen und sie zur Ehre meines
Schöpfers verwenden.
Nun siehe, meine Tochter, was Gott an dieser heidnischen
Frau gethan hat! Er sendete ihr einen seiner Freunde, der sie im heiligen
Glauben unterwies. Auch hat Gott selber ihr Herz besucht, wie Du aus des
Weibes Worten wirst abnehmen können. Denn als dieser Mann Gottes ihr
predigte, daß ein Gott sei ohne Anfang und Ende, welcher der Schöpfer aller
Dinge ist, so antwortete jene: Es ist ganz wohl glaublich, daß derjenige,
welcher mich und alle Dinge erschaffen, keinen Schöpfer über sich habe; und
es ist sehr wahrscheinlich, daß sein Leben ewig ist, da er mir das Leben hat
geben können. Als aber das Weib vernahm, daß derselbe Schöpfer von einer
Jungfrau die Menschheit angenommen und selber mit eigenem Munde predigte,
antwortete sie: Ja, darum ist zu allen guten Werken der Glaube an Gott
notwendig! Ader Du, Freund Gottes, sage mir, was für Worte sind es, welche
aus Deines Schöpfers Munde hervorgegangen; denn ich will meinem Willen
entsagen und allen Worten seines Mundes folgen. Als nun der Freund Gottes vom
Leiden und Kreuze Gottes und von seiner Auferstehung predigte, antwortete das
Weib mit thränenerfüllten Augen und sprach: Gebenedeit sei Gott, der so
geduldiglich seine Liebe auf Erden zu erkennen gegeben hat, die er gegen uns
im Himmel gehabt! Wenn ich ihn daher vorhin geliebt habe, weil er mich
erschaffen, so bin ich jetzt noch mehr verpflichtet, ihn zu lieben, weil er
mir den rechten Weg gezeigt und mit seinem Blute mich erlöst hat. Ich bin
auch verpflichtet, ihm mit allen Kräften und Gliedern zu dienen, weil er mich
mit allen seinen Gliedern erlöst hat. Außerdem bin ich schuldig, alles
eigene Verlangen von mir zu thun, das ich früher nach Besitztum, Kindern
und Verwandten gehabt, und nur meinen Schöpfer in seiner Herrlichkeit und in
jenem Leben zu begehren, das kein Ende hat. Die Mutter Gottes sprach auch:
Siehe, meine Tochter, wie jene Frau auch einen vielfältigen Lohn für ihre
Liebe erlangt hat. So wird auch einem jeden täglich die Belohnung nach
demjenigen gewährt, wie er Gott liebt, während er in der Welt lebt."
Eine heilsame geistliche Lehre, wie der Mensch dreierlei Feinden der Seele antworten soll, nämlich: dem Teufel, der mit Hoffart, Begierlichkeit u. s. w. versucht; zweitens den Freunden und Hausgenossen, welche den Rat geben, der Mensch solle nicht gerecht und demütig u. s. w. sein; und drittens den Neidern, welche dem Menschen Schande und Schaden und ein kurzes Leben wünschen.
"Der Mensch, den Du kennst hat drei Feinde. Der erste ist ihm überall nahe, wo er immer sein, ob er wachen oder schlafen mag, er sieht ihn aber nicht. Der zweite ist sein Hausgenosse und in seiner Nähe, wenn er wacht, aber diesen hört er nicht. Der dritte ist außer seinem Hause, er kennt ihn nicht, derselbe aber hasset ihn. Der erste Gegner ist der Teufel, welcher ihn zur Hoffart und Begierlichkeit und auf viele andere Art versucht. Wider diesen Feind soll er eine Geißel brauchen und also bei sich denken: O Teufel, du hast nichts Gutes gegeben, noch erschaffen, weshalb soll ich nach deinem Willen mich der Hoffart ergeben? Du suchst mich zu verderben, Christus aber ruft mich zum Leben; deshalb ist es billig, daß ich deinen Willen fliehe und dem Willen Gottes und seinen Geboten folge. Wer nun in solcher Absicht wacht oder schläft, der bewegt die Geißel wider den Teufel, welcher dadurch bestürzt und verjagt wird.
Der zweite Feind sind seine Hausgenossen und seine Diener,
welche ihm sprechen: Du wirst in Deinen Schaden rennen, wenn Du gar zu gerecht
bist; Du könntest zuweilen den eigenen Nutzen schaffen, wenn Du zu vielem
schweigen würdest; weil Du aber gar zu demütig bist, so wirst Du verachtet.
Besitze Deinen Reichtum und mache uns mit Dir reich, strebe nach der Welt
Ehren
und wir werden mit Dir getröstet werden. Dieser Feind läßt sich täglich
hören, und darum muß gegen diesen Feind eine dicke Mauer aufgeführt werden,
damit man ihn nicht hört. Diese Mauer aber ist der gute Wille, nämlich, daß
man um der Gerechtigkeit willen lieber Armut, als Reichtum mit Ungerechtigkeit
haben möchte, und lieber um der Demut willen Schande, als Ehre aus Hoffart.
Dem Feinde, welcher solchen Rat giebt, antworte also: Wenn ich etwas wider
Gott thue, so halte mich zurück und warne mich, weil ich mich dann über
Deine Worte mehr freue, als betrübe. Der Art soll aber die Mauer zwischen ihm
und seinen Feinden sein, daß ihre Worte wie ein Wind über die Mauer
hinwegwehen und sein Herz nicht berühren, daß es von der Liebe Gottes
abgezogen werde.
Der dritte Feind ist der, den er nicht kennt. Das sind Leute, die ihm Schande und Schaden, und zu dem Ende ein kurzes Leben wünschen, daß sie selbst Ehren und der Welt Glück erlangen. Wider diesen Feind soll er sich eines starken Strickes bedienen, d. h. der Liebe zu Gott und dem Nächsten. daß er gern das, was Gott ihn leiden lassen will, zu leiden begehre und niemand schaden wolle; alsdann wird ihm die Schande, welche die Feinde ihm zu bereiten beabsichtigen, in Ehre gewandelt werden und der Schaden in Nutzen, das kurze Leben in ein langes, und der Feind dadurch also gebunden werden, daß er zu schaden außer stande sein wird."
Als die Braut sich wunderte und vor Christo der ihr gewährten Gnade, nämlich im Geiste das zu sehen und zu hören, was im Himmel, im Reinigungsorte und in der Hölle vorgeht, sich für unwert hält, wird dieses von Christo und seiner Mutter am Anfange und am Ende des Kapitels schön ausgelegt. Es wird ihr am Beispiele dreier Weiber, deren sie selber eines im Fegfeuer, das andere in der Hölle auf das schwerste gepeinigt werden sah, gezeigt, wie diejenigen, welche ihren Töchtern Lehre und Beispiel zum Vorwitz und zur Hoffart geben, sowie ihre Töchter, welche dieses befolgen, schrecklich verdammt werden.
"Lob sei Dir, mein Gott," sprach die Braut,
"für alles, was erschaffen worden ist, und die Ehre für alle Deine
Heiligkeit; wegen
Deiner Liebe möge Dir von jedermann Verehrung erwiesen werden. Ich unwürdige
und von meiner Jugend an Sünderin, danke Dir, mein Gott, daß Du keinem
Sünder, der Dich bittet, Gnade verweigerst, sondern Dich aller erbarmst und
ihrer schonst. O süßester Gott, wunderbar ist, was Du an mir thust; denn
wenn es Dir gefällt, so wiegest Du meinen Geist in einen geistlichen Schlaf,
und weckest dann meine Seele auf, um Geistliches zu sehen, zu hören und zu
empfinden. O mein Gott, wie süß sind Deine Worte meiner Seele, welche
dieselben wie die süßeste Speise verschlingt, und welche mit Freuden
eingehen in mein Herz. Denn wenn ich Deine Worte höre, bin ich gesättigt und
hungrig; gesättigt, weil mich nichts ergötzt, als Deine Worte; hungrig aber,
weil ich dieselben mit noch größerer Inbrunst zu hören begehre. Deshalb,
gebenedeiter Gott, hilf mir, allezeit Deinen Willen zu thun."
Christus antwortete: "Ich bin ohne Anfang und ohne
Ende, und alles, was da ist, ist durch meine Macht erschaffen worden. Alles
wird durch meine Weisheit geordnet und alles durch meinen Ratschluß regiert.
Auch alle meine Werke werden in Liebe geordnet, deshalb ist mir nichts
unmöglich; allein gar zu hart ist jenes Herz, das mich weder liebt, noch
fürchtet, da ich doch der Lenker und Richter aller Dinge bin. Dagegen
erfüllt der Mensch lieber den Willen des Teufels, meines Henkers und
Verräters, der reichlich das Gift in der Welt ausschenkt, durch welches die
Seelen nicht leben können, sondern in den Tod der Hölle versenkt werden.
Dieses Gift aber ist die Sünde, welches süß schmeckt, obwohl es für die
Seele bitter ist und täglich von des Teufels Hand über viele ausgestreut
wird. Ist so etwas erhört, daß den Menschen das Leben angeboten wird, sie
aber den Tod erwählen? Doch bin ich, Gott aller Dinge, geduldig und habe mit
ihrem Elende Erbarmen; denn ich thue wie ein König, welcher seinen Dienern
Wein sendet und spricht: Bringet denselben vielen zum Trinken, weil er heilsam
ist; er giebt den Kranken Gesundheit, den Trauernden Freude, den Gesunden ein
männliches Herz; der Wein wird aber nur in einem geeigneten Gefäße
gesendet. So habe ich meine Worte, welche mit einem Wein verglichen werden,
durch Dich, die Du mein Gefäß bist, das ich nach meinem Willen anfüllen und
ausschöpfen will, meinen Dienern gesendet, denn mein heiliger Geist wird Dich
lehren,
wohin Du gehen, was Du sprechen sollst. Deshalb rede voll Freude und
unverzagt, was ich befehle; denn niemand wird über mich die Obergewalt
erhalten."
Darauf entgegnete ich: "O König aller Herrlichkeit, der Du eingießest alle Weisheit und spendest alle Tugenden, weshalb nimmst Du mich, die ich meinen Leib in Sünden verzehrt habe, zu solchem Deinem Werte an? Denn ich bin wie ein unverständiger Esel, mir mangelt es an Tugenden, und ich habe in allem gesündigt und es nicht gebüßt." Der Geist antwortete: "Wer würde sich wundern, wenn ein Herr aus den ihm geschenkten Münzen oder Metallen sich eine Krone oder Ringe oder Becher zu seinem Gebrauche machen lassen wollte? So ist es auch kein Wunder, wenn ich die mir zum Geschenke dargebrachten Herzen meiner Freunde annehme und darin meinen Willen thue, weil einer mehr, der andere weniger Verstand hat. Also gebrauche ich eines jeglichen Gewissen, wie es zu meiner Ehre dient; denn das Herz des Gerechten ist meine Münze. Sei deshalb beständig und zu meinem Willen bereit."
Darauf redete die Mutter Gottes und sprach zu mir: "Was
sagen die stolzen Weiber in Deinem Reiche ?" Ich antwortete ihr:
"Ich bin eine unter ihnen und schäme mich deshalb, vor Deinem Angesichte
zu reden." Und die Mutter sprach: "Obwohl ich dies besser weiß, als
Du, so will ich es doch von Dir sagen hören." Und ich antwortete:
"Als uns die wahre Demut gepredigt ward, sprachen wir: Unsere Väter
haben uns weite Besitzungen und schöne Gebräuche vererbt; weshalb sollen wir
ihnen nicht nachfolgen? Auch unsere Mutter saß unter den ersten, war edel
gekleidet, hatte sehr viele Diener und zog uns mit Ehren auf; weshalb sollte
ich dergleichen nicht auch auf meine Tochter vererben, die ich gelehrt habe,
sich edel zu benehmen und in leiblicher Freude zu leben, und auch mit großer
Ehre der Welt zu sterben ?" Die Mutter Gottes antwortete: "Jegliches
Weib, das diesen Worten mit der That nachfolgt, geht auf dem richtigen Wege
zur Hölle, und darum ist eine solche Antwort hart; denn was hilft es,
dergleichen Worte zu gebrauchen, während der Schöpfer aller Dinge geduldet
hat, daß sein Leib mit aller Demut, von seiner Geburt an bis zu seinem Tode,
auf Erden weilte und niemals ein Gewand der Hoffart ihn bekleidete? Fürwahr,
solche Weiber betrachten sein Angesicht nicht,
wie er lebend und tot am Kreuze hing, blutig, bleich vor Schmerzen, und
kümmern sich auch nicht um die Schmähreden, die er selber anhörte, noch um
den verächtlichen Tod, den er sich erwählt. Sie erinnern sich auch des Ortes
nicht, wo er den Geist aufgab, weil da, wo Diebe und Räuber hingerichtet
wurden, auch mein Sohn getötet wurde und wo auch ich, unter allen Kreaturen
ihm die liebste und die demütigste, gegenwärtig gewesen bin. Und darum sind
die, welche solcher Hoffart und Pracht ergeben und anderen zur Gelegenheit
sind, solches nachzuthun, einem Sprengwedel ähnlich, welcher, wenn er in
heiße Flüssigkeit getaucht worden, alles verbrennt und besudelt, was er
besprengt; denn so geben die Hoffärtigen anderen das Beispiel zur Hoffart,
wodurch sie ihren Seelen schwere Brandwunden verursachen. Deshalb will ich nun
wie eine gute Mutter handeln, welche den Kindern Furcht einflößt, indem sie
dieselben eine Rute sehen läßt, welche auch die Diener sehen. Die Kinder,
welche dieselbe erblicken, fürchten, die Mutter zu beleidigen, und danken
ihr, daß sie ihnen nur gedroht, jedoch nicht geschlagen hat; die Diener aber
fürchten geschlagen zu werden, wenn sie Fehler begehen, und so thun die
Kinder aus jener Furcht der Mutter mehr Gutes, als zuvor, die Diener aber
weniger Böses. Weil ich nun die Mutter der Barmherzigkeit bin, deshalb will
ich Dir die Belohnung der Sünde zeigen, auf daß die Freunde Gottes aus Liebe
Gottes brünstiger werden, die Sünder aber ihre Gefahr erkennen und
wenigstens aus Furcht die Sünde fliehen, und auf diese Weise erbarme ich mich
der Bösen und der Guten: der Guten, damit sie eine schönere Krone im Himmel
erlangen; der Bösen, damit sie einer minderen Strafe verfallen; und niemand
ist ein solcher Sünder, dem ich nicht zu helfen bereit bin, und dem mein Sohn
nicht Gnade gewährte, wenn er mit Liebe um Barmherzigkeit bittet." -
Hierauf erschienen drei Weiber, nämlich: eine Mutter, deren
Tochter und Enkelin. Die Mutter und Enkelin erschienen wie tot, die Tochter
aber lebend. Die Mutter schien wie aus einem finstern See und aus Kot
hervorzukriechen. Ihr Herz war abgerissen, ihre Lippen abgeschnitten, ihr Kinn
zitterte, ihre glänzend weißen und langen Zähne klapperten. Ihre Nase war
zerfressen, die herausgerissenen Augen hingen an zwei Nerven auf die Wangen
herab. Die Stirn zeigte sich eingesenkt, und an ihrer Stelle erschien eine
ungeheuere, finstere Tiefe. Im Haupte fehlte die Hirnschale, und das Gehirn
wallte auf wie glühendes Blei und floß hinab wie Pech. Ihr Hals wurde
herumgedreht wie Holz auf der Drehbank, das mit einem scharfen Hobeleisen
trostlos gedrechselt wird. Die offene Brust war voll langer und kurzer
Würmer, deren jeder sich über den anderen hin und her wälzte, und ihre Arme
hatten mit den Handhaben eines Schleifsteins Ähnlichkeit. Die Hände glichen
langen und knotenvollen Keulen, und alle Wirbel ihres Rückgrates waren lose,
einer hob sich, während der andere niederging, und nimmer hörten sie auf
sich zu bewegen. Eine große und lange Schlange zog sich vom unteren Teile des
Magens nach dem oberen hinauf; wie ein Bogen hatte dieselbe Kopf und Schwanz
ineinandergefügt, und ging wie ein Rad beständig um die Eingeweide herum.
Die Schenkel und Schienbeine erschienen wie zwei Dornenstecken voll sehr
spitziger Stacheln. Ihre Füße waren wie Krötenfüße. Diese tote Mutter
redete ihre lebende Tochter an und sprach: "Höre, Du Eidechse, Du
vergiftete Tochter! Wehe mir, daß ich jemals Deine Mutter geworden bin! Ich
bin es, die Dich hineinsetzte in das Nest der Hoffart, in welchem Du, warm
geworden, gewachsen bist, bis Du zu Deinem Alter kamst, und dieselbe gefiel
Dir so wohl, daß Du Dein Alter darin verbracht hast. Deshalb sage ich Dir,
daß Du, so oft Du die Augen im hoffärtigen Anblick hin und her wendest, wie
ich es Dir gelehrt habe, wallendes Gift zu unerträglicher Glut mir in die
Augen schleuderst; so oft Du die Worte der Hoffart redest, welche Du von mir
gelernt, so oft verschlinge ich den bittersten Trank; so oft der Schwall der
Hoffart, den die Stürme vermessener Freude über das Lob Deiner Schönheit
und das Verlangen nach weltlicher Ehre erregten, Deine Ohren erfüllt, was Du
von mir gelernt hast, - eben so oft erfüllt mit erschrecklichem Brausen ein
brennend heiß wehender Wind meine Ohren. Wehe also mir Armen und Elenden! arm
darum, weil ich nichts Gutes habe, noch empfinde; elend, weil ich Überfluß
habe an allen Übeln. Aber Du, meine Tochter, bist ähnlich einem Kuhschweife,
welcher bei jeder Bewegung an kotigen Stellen die Nahenden besudelt und
bespritzt. Einer Kuh, Tochter, bist Du ähnlich, weil Du keine göttliche
Weisheit hast und nach den Werken und Bewegungen Deines Leibes gehst. So oft
Du daher den Werken meiner
Gewohnheit folgst, nämlich den Sünden, welche ich Dich gelehrt habe, so oft
erneuert sich meine Pein und entbrennt um so heftiger. Darum, meine Tochter,
frage ich Dich, weshalb bist Du stolz auf Dein Geschlecht? Ist es eine Ehre
für Dich, daß meine unflätigen Eingeweide Dein Kissen waren, daß Du aus
meiner Scham herausgegangen bist, daß die Unreinigkeit meines Blutes Dein
Kleid war, als Du geboren wurdest? Deshalb ist mein Schoß, in welchem Du
gelegen, jetzt ganz von Würmern zernagt. -
Allein was klage ich über Dich, meine Tochter, da ich mich mehr über mich selbst beklagen müßte? Denn drei Dinge sind es, welche mich jetzt gar schwer im Herzen quälen: Erstens, daß ich von Gott für die himmlische Freude erschaffen worden, mein Gewissen gemißbraucht und für den höllischen Schmerz zubereitet habe. Zweitens, daß, während Gott mich schön geschaffen wie einen Engel, ich mich selber entstellt habe, daß ich einem Teufel ähnlicher bin, als einem Engel Gottes. Drittens, weil ich in der mir gewährten Zeit einen gar üblen Tausch getroffen, und jene kurze vergängliche Lust der Sünde erwählt habe, wofür ich jetzt ein unendliches Leib, nämlich die Pein der Hölle empfinde."
Hierauf redete sie mit der Braut: "Du," sprach
sie, "Du, die Du mich nur mittels leiblicher Gleichnisse siehst,
würdest, wenn Du mich in meiner wirklichen Gestalt erblicken solltest, vor
Furcht sterben, weil alle meine Glieder Teufel sind. Daher ist die Schrift
wahr, welche sagt, daß, gleichwie die Gerechten Glieder Gottes sind, also die
Sünder Glieder des Teufels sind. So erfahre ich nun jetzt, daß die Teufel
angeheftet sind an meine Seele, weil der Wille meines Herzens mich zu so
großer Häßlichkeit umgestaltet hat. Aber höre weiter. Es kommt Dir vor,
als seien meine Füße Krötenfüße. Das hat seinen Grund darin, daß ich
fest gestanden habe in der Sünde; deshalb stehen die Teufel jetzt fest in
mir, beißen mich und werden nimmer satt. Meine Schienbeine und Schenkel aber
sind wie Krötenstöcke, weil mein Wille auf fleischliche Lust und Freude
gerichtet war. Wenn aber jeglicher Wirbel meines Rückens los ist, und ein
jeder gegen den anderen bewegt wird, so ist dieses darum, weil die Freude
meiner Seele zuweilen gar zu sehr durch weltlichen Trost sich gehoben hat,
zuweilen aber durch übergroße Trauer und Zorn infolge der Widerwärtigkeit
der Welt herabgesunken ist. Wie
nun der Rücken sich nach der Bewegung des Hauptes bewegt, so hätte ich
beständig und beweglich sein sollen nach dem Willen Gottes, der das Haupt
aller Guten ist; weil ich das jedoch nicht gethan, leide ich mit Recht, was Du
siehst. Wenn aber eine Schlange sich vom unteren Teile des Magens hinaufwindet
nach dem oberen, wie ein Bogen stehe und sich wendet wie ein Rad, so ist es
deshalb, weil meine Lust und mein Vergnügen unordentlich waren, und mein
Wille alles hat besitzen und vielfältig und unklug hat verschleudern wollen.
Darum geht jetzt die Schlange um meine Eingeweide herum und beißt mich auf
untröstliche und unbarmherzige Weise. Daß aber die Brust offen und von
Würmern zernagt ist, das zeigt Gottes wahre Gerechtigkeit, denn ich habe die
Fäulnis mehr geliebt, als Gott, und das Vergängliche war meines Herzens
Liebe. Wie nun aus den kleinen Würmern längere Würmer hervorgingen, so ward
meine Seele für die Fäulnis, welche ich geliebt, mit Teufeln erfüllt. Auch
meine Arme erscheinen wie Schleifsteinstiele; das kommt daher, weil mein
Verlangen gleichsam zwei Arme hatte, indem ich nämlich ein langes Alter
gewünscht habe, um lange in der Sünde zu leben, auch begehrt habe, das
Gericht Gottes möge milder sein, als die Schrift spricht; allein mein
Gewissen hat mir wohl gesagt, daß meine Zeit kurz, das Gericht Gottes aber
unerträglich sein würde, während meine Begierde zu sündigen, mir
eingegeben hat, daß mein Leben lang und das Gericht Gottes erträglich sein
werde; durch solche Eingebungen ward mein Gewissen verkehrt, und so folgten
Wille und Verstand der Lust und dem Vergnügen. Deshalb wird nun auch der
Teufel in meiner Seele wider meinen Willen bewegt, und mein Gewissen erkennt
und fühlt, daß das Gericht Gottes gerecht sei. Meine Hände aber sind wie
lange Keulen; das ist deshalb, weil mir die Gebote Gottes nicht angenehm
gewesen, weshalb meine Hände mir zur Last und ohne allen Nutzen sind. Wenn
der Hals jedoch herumläuft wie ein Holz, das mit einem scharfen Eisen gedreht
wird, so geschieht solches deshalb, weil mir die Worte Gottes, um von der
Liebe meines Herzens aufgenommen zu werden, nicht süß, sondern gar zu bitter
gewesen sind, da sie meines Herzens Lust und Freude straften, und deshalb
steht mir jetzt ein scharfes Messer an der Kehle. Meine Lippen sind mir aber
darum abgeschnitten, weil sie bereit gewesen zu leichtfertigen und
hoffärtigen
Worten, aber faul und träge die Worte Gottes zu reden. Wenn aber das Kinn
zitternd erscheint und die Zähne aneinanderschlagen, so geschieht es deshalb,
weil ich den vollständigen Willen gehabt habe, meinem Leibe Speise zu geben,
damit ich schön, wünschenswert, gesund und stark zu allen Ergötzlichkeiten
des Leibes erscheinen möchte; darum wackelt mein Kinn ohne Trost. Die Zähne
aber klappern gegeneinander, weil sie arbeiteten und verzehrten ohne jegliche
Frucht für die Seele. Die Nase ist wie abgeschnitten und, wie es auch unter
den Menschen zur Schande derjenigen zu geschehen pflegt, welche sich in
ähnlicher Weise versündigen, ist auch mir das Brenneisen der Schande für
die Ewigkeit angesetzt. Wenn die Augen ferner an zwei Nerven aus die Wangen
herabhängen, so ist es gerecht; denn wie sich die Augen an der Schönheit der
Wangen um ruhmsüchtiger Hoffart willen erfreut haben, so sind sie jetzt vom
vielen Weinen ausgerissen und hängen zur Schande auf die Wangen herab.
Gerecht auch ist es, daß die Stirn eingesunken und an deren Stelle eine
schreckliche Finsternis ist, weil meine Stirn der Schleier der Hoffart
umhüllt hat, da ich um der Schönheit willen gesehen und gerühmt werden
wollte, deshalb ist meine Stirn jetzt finster und häßlich. Ebenso ist es
billig, daß das Gehirn aufwallt und herabfließt wie gegossenes Blei und
Pech, weil, wie das Blei beweglich und nach dem Willen dessen, der dasselbe
gebraucht, biegsam ist, so sich auch mein Gewissen, das im Gehirn lag, dem
Willen meines Herzens fügte, obgleich ich ganz wohl erkannte, was zu thun
war. Aber auch das Leiden des Sohnes Gottes haftete keineswegs in meinem
Herzen, sondern stoß heraus, obwohl ich es kannte, aber wie eine
gleichgültige Sache nicht beachtete, und so wenig kümmerte ich mich um das
Blut, das von den Gliedern des Sohnes Gottes herabfloß, als wie um Pech; aber
wie Pech floh ich die Worte der Liebe Gottes, damit sie mich nicht von des
Leibes Ergötzlichkeit abwenden, noch mich beunruhigen möchten. Doch hörte
ich um der Menschen willen zuweilen Gottes Worte; allein sie gingen mit der
nämlichen Leichtigkeit wieder heraus, als sie hineingegangen waren, und darum
läuft jetzt das Gehirn heraus wie brennendes Pech, wenn es glühend aufwallt.
Meine Ohren sind mit harten Steinen verstopft, weil die Worte der Hoffart mit
Freuden hineingingen und lieblich hinabstiegen in das Herz, aus welchem die
Liebe Gottes ausgeschlossen war. Und weil
ich um der Welt und um der Hoffart willen alles gethan habe, was ich
vermochte, deshalb sind meine Ohren jetzt für die Worte ewiger Freude
verschlossen. Du kannst nun wohl fragen: ob ich nicht auch einige
verdienstliche Werke gethan habe? Ich antworte Dir: Ich habe es wie ein
Wechsler gemacht, welcher die Münze beschneidet und dieselbe ihrem Herrn
zurückgiebt. Also habe ich gefastet, Almosen gegeben und andere Werke
verrichtet; das habe ich aber aus Furcht vor der Hölle gethan und um den
Widerwärtigkeiten des Leibes zu entgehen. Weil aber die Liebe Gottes von
meinen Warten wie abgeschnitten war, vermochten diese Werke nicht, mir den
Himmel zu erlangen; doch sind dieselben nicht unbelohnt geblieben. Ferner
kannst Du fragen, wie ich inwendig meinem Willen nach bin, da meine
Häßlichkeit von außen so groß ist? Ich antworte: Mein Wille ist wie der
eines Totschlägers und Muttermörders, der gern seine Mutter töten möchte,
denn so wünsche ich meinem Gott und Schöpfer das ärgste Übel, obgleich er
sehr gut und süß gegen mich gewesen ist." -
Hierauf redete die tote Enkelin der eben gedachten toten
Großmutter ihre noch lebende Mutter an und sprach: "Höre Du Skorpion
von Mutter. Wehe mir, Du hast mich betrogen; Dein Angesicht war fröhlich
gegen mich, aber in mein Herz hast Du tödlich gestochen. Du hast mir drei
Ratschläge mit Deinem Munde gegeben, dreifaches habe ich aus Deinen Werken
gelernt und in Deinem Fortgange hast Du mir drei Wege gezeigt. Zuerst hast Du
mir geraten, fleischlich zu lieben, um fleischliche Freundschaft zu erlangen,
dann das Zeitliche um der Ehre der Welt willen verschwenderisch auszugeben,
drittens Ruhe zu haben um der Lust des Leibes willen. Diese drei Dinge sind
mir sehr schädlich gewesen; denn weil ich fleischlich geliebt, haßte ich das
Geistliche und erwarb mir Schande; weil ich verschwenderisch das Zeitliche
verschleudert habe, bin ich der Gnadengaben Gottes im Leben beraubt worden und
habe nach dem Tode Schande davongetragen; weil ich im Leben an der Ruhe des
Fleisches meine Freude gefunden, deshalb bemächtigte sich in der Stunde des
Todes meiner Seele eine trostlose Unruhe. Dreifaches habe ich auch aus Deinen
Werken gelernt, nämlich: einige gute Werke zu thun, aber nicht von der Sünde
zu lassen, die mich vergnügte; gleichwie ein Mensch, der Gift in Honig mischt
und es
dem Richter bringt, der Richter aber schüttet es mit Unwillen über ihn aus
und eben dieses erfahre ich auch mit vieler Angst und Bestürzung. Zweitens
habe ich eine wunderbare Art gelernt, mich zu kleiden, nämlich die Augen mit
Linnentuch zu bedecken. an den Füßen Sandalen und an den Händen Handschuhe,
den ganzen Hals aber auswendig nackt zu tragen. Das die Augen verhüllende
Linnentuch bedeutet die Schönheit meines Leibes, welche meine geistlichen
Augen also verschattete, daß ich der Schönheit meiner Seele gar nicht
achtete. Die Sandalen, welche die Füße unten, aber nicht oberhalb schützen,
bedeuten den heiligen Glauben der Kirche, an welchem ich getreulich gehalten
habe; allein es folgten demselben keine fruchtbaren Werke. Gleichwie die
Sandalen die Bewegung der Füße fördern, so befördert auch der Glaube das
Gewissen der Seele, - meine Seele aber war wie nackt, weil dem Glauben keine
guten Werke folgten. Die Handschuhe an den Händen bedeuten die eitle
Hoffnung, welche ich gehabt habe, denn ich habe meine Werke, welche durch die
Hände bedeutet werden, ausgestreckt in die weite, reichliche Barmherzigkeit
Gottes, und wenn ich an die Gerechtigkeit Gottes stieß, fühlte ich sie
nicht, noch beachtete ich sie und bin deshalb gar zu verwegen gewesen im
Sündigen. Als aber der Tod nahe kam, fiel der Schleier von meinen Augen auf
die Erde, das ist, auf meinen Leib, und da sah und erkannte sich die Seele,
daß sie nackt war, denn meiner guten Werke waren wenig, meiner Sünden sehr
viel und vor Scham konnte ich im Palaste des himmlischen Königs nicht stehen,
weil ich schandbar gekleidet war; darum zogen mich die Teufel in die harte
Pein, wo ich mit Schanden verspottet wurde. - Als drittes habe ich, Mutter,
von Dir gelernt, den Knecht zu kleiden mit den Gewändern des Herrn, ihn auf
den Stuhl des Herrn zu setzen, und ihn wie den Herrn zu ehren, und was der
Knecht übrig gelassen, das Verächtlichste, dem Herrn darzureichen. Dieser
Herr aber ist die Liebe Gottes; der Knecht jedoch der Wille, zu sündigen. In
meinem Herzen also, worin die göttliche Liebe herrschen sollte, erhielt der
Knecht einen Sitz, d. h. die Lust und Freude an der Sünde, mit der ich mich
damals bekleidete, als ich alles Erschaffene und Zeitliche zu meiner Lust
verwendet habe. Die Überbleibsel, den verächtlichen Abwurf habe ich Gott,
nicht aus Liebe, sondern aus Furcht gegeben, und
es ergötzte sich mein Herz an dem Erfolge der Freude meiner Wollust, weil die
Liebe Gottes und der gute Herr von mir ausgeschlossen, der böse Knecht bei
mir eingeschlossen war. Siehe, Mutter, diese drei Dinge habe ich aus Deinen
Werken gelernt. - Ebenso hast Du mir drei Wege gezeigt in Deinem Wandel. Der
erste war leuchtend, und als ich auf demselben einhergeschritten war, ward ich
von seinem Glanze geblendet; der andere war kurz, aber schlüpfrig wie Eis und
als ich auf demselben einen Schritt vorwärts gethan hatte, glitt ich einen
Schritt rückwärts; der dritte Weg war sehr lang, und als ich auf demselben
fortschritt, kam ein ungestümer Gießbach hinter mir drein und führte mich
hinweg in eine tiefe Grube unter einen Berg. Unter dem ersten Wege ist der
Fortschritt meiner Hoffart zu verstehen; derselbe war gar glänzend; denn die
Ruhmsucht, welche von der Hoffart ausgeht, hat dergestalt in meinen Augen
geleuchtet, daß ich nicht an ihr Ende gedacht habe, und deshalb bin ich blind
gewesen. Unter dem zweiten Wege wird der Ungehorsam verstanden, denn die Zeit
des Ungehorsams in diesem Leben dauert nicht lang, weil der Mensch nach dem
Tode zum Gehorsame genötigt wird. Mir aber ist die Zeit lang gewesen; denn
als ich einen Schritt vorwärts gegangen war, nämlich in der Demut der
Beicht, glitt ich einen Schritt rückwärts; ich hatte Verlangen nach der
Verzeihung der begangenen Sünden, aber nach abgelegter Beicht habe ich die
Sünde nicht meiden wollen, und deshalb bin ich in dem Fußstapfen des
Gehorsams nicht fest gestanden, sondern zurückgefallen in die Sünde, wie
jemand, der auf dem Eise ausgleitet; denn der Wille war kalt und wollte nicht
ablassen von dem, was mich erfreute. Wenn ich demnach einen Schritt dadurch
vorwärts that, daß ich meine Sünden beichtete, glitt ich einen zurück,
weil ich die Sünden und Vergnügungen, welche ich gebeichtet, wiederholen
wollte. Der dritte Weg war, daß ich auf Unmöglichkeit hoffte, nämlich:
Sünde thun zu können, ohne lange Strafe zu haben; lange leben zu können,
ohne daß die Stunde des Todes schnell herbeieilen würde. Und als ich auf
diesem Wege einhergeschritten war, kam ein ungestümer Gießbach, nämlich der
Tod, hinter mir her, der von Jahr zu Jahr mir näher kam und meinen Füßen
die Strafe der Schwachheit brachte, so daß ich bei herannahender Schwäche
nur wenig mehr auf leibliches Wohlsein
und noch weniger auf das Heil der Seele habe achtgeben können? Deshalb fiel
ich in eine tiefe Grube, als mein Herz, welches hoch in der Hoffart und hart
in der Sünde war, zersprang und die Seele tief hineinfiel in die Grube der
Strafe für meine Sünde. Und deshalb war dieser Weg mir gar zu lang, weil,
nachdem das Leben des Fleisches zu Ende gegangen war, die lange Pein alsbald
begann. Weh mir daher, meine Mutter! denn alles, was ich mit Freude von Dir
erlernt, das bezahle ich jetzt mit Weinen." Ferner redete die nämliche
tote Tochter zur Braut, welche dieses sah und sprach: "Höre, Du, die Du
mich siehst. Dir scheint es, als ob mein Haupt und Antlitz wie ein nach innen
und außen blitzender Donnerstreich, und als ob Hals und Brust wie mit hartem
Preßstocke voll langer Stacheln bedeckt wäre. Du siehst, wie meine Arme und
Füße wie lange Schlangen sind und mein Bauch geschlagen mit harten Hämmern
wird, wie meine Schenkel und Schienbeine wie Wasser sind, das aus den
Dachrinnen herabfließt und im Herabfließen gefriert. Allein eine innerliche
Strafe ist mir noch bitterer, als alles das. Wie eine Person, der alle
Luftgänge des Lebensgeistes verstopft sind, deren Adern, alle mit Wind
gefüllt, sich nach dem Herzen pressend drängen, und deren Herz vor der
Gewalt und Stärke des Windes zu brechen anfängt, so bin ich, aus Anlaß des
Windes der Hoffart, an der ich so großes Wohlgefallen hatte, in meinem Innern
im tiefsten Elend. Gleichwohl bin ich auf dem Wege des Erbarmens, weil ich in
meiner schweren Krankheit so gut, als ich nur vermochte, jedoch aus Furcht,
gebeichtet habe. Als sich der Tod mir nahte, trat mir die Betrachtung des
Leidens meines Gottes vor den Sinn, und namentlich, wie solches weit schwerer
und bitterer gewesen, denn das meinige, das ich meiner Sünden wegen zu
erdulden verdiente. Durch diese Betrachtung habe ich Thränen erlangt und
seufzte, daß die Liebe Gottes gegen mich so groß, und die meinige gegen ihn
so klein sei. Da schaute ich ihn an mit den Augen meines Gewissens und sprach:
O Herr, ich glaube an Dich, meinen Gott! erbarme Dich meiner, Du Sohn der
Jungfrau! um Deines bitteren Leidens willen, denn von nun an möchte ich gern
mein Leben bessern, wenn ich Zeit hätte. Im nämlichen Augenblicke wurde mir
in meinem Herzen ein Fünklein der Liebe entzündet, daß mir das Leiden
Christi bitterer schien, als
mein Tod, und so brach mir das Herz. Meine Seele gelangte in die Hand der
Teufel, um Gott im Gerichte dargestellt zu werden. In die Hände der Teufel
aber kam ich deshalb, weil es sich nicht ziemte, daß die Schönheit der Engel
einer Seele von solcher Häßlichkeit sich nahte. Als aber vor dem Gerichte
Gottes die Teufel riefen, meine Seele müsse zur Hölle verdammt werden,
sprach der Richter: Ich sah ein Fünklein Liebe in ihrem Herzen; dieses darf
nicht verlöscht werden, sondern muß vor meinem Antlitze bleiben, und deshalb
verurteile ich diese Seele zur Läuterung, bis sie, würdiglich gereinigt,
Verzeihung zu erlangen verdient. Ferner wirst Du fragen können, ob ich alles
des Guten teilhaftig sein werde, das für mich geschieht? Ich antworte Dir
mittels eines Gleichnisses. Wie, wenn Du zwei Wagschalen hängen sähest, und
in einer wäre Blei, das natürlicherweise herunterzöge, in der anderen aber
etwas Leichtes, das hinauftriebe; mit je größerem oder mehrerem nun die
leichtbelegte Schale beschwert würde, um so schneller würde sich die andere
Wage, welche schwer und gewichtig ist, heben; so ist es auch mit mir. Denn je
tiefer ich in der Sünde gewesen, desto schwerer bin ich abwärts gezogen zur
Pein. Alles darum, was zu Ehren Gottes für mich geschieht, hebt mich empor
aus der Pein, und namentlich das Gebet und das Gute, das durch gerechte
Menschen und die Freunde Gottes geschieht, und die Wohlthaten, welche aus
wohlerworbenen Gütern gereicht werden, sowie die Werke der Liebe. Dies ist
es, was mich täglich Gott näher kommen läßt."
Hierauf redete die Mutter Gottes zur Braut und sprach:
"Du wunderst Dich, wie ich, die Königin des Himmels, und Du in der Welt,
und jene Seele im Reinigungsorte und jene in der Hölle so miteinander reden;
das will ich Dir wohl sagen. Ich entferne mich freilich niemals aus dem
Himmel, weil ich niemals vom Anschauen Gottes getrennt werden kann; auch die
Seele, welche in der Hölle ist, kann von den Peinen nicht gesondert werden,
ebensowenig die Seele aus dem Reinigungsorte, bevor dieselbe gereinigt worden,
und auch Du wirst vor der Trennung des leiblichen Lebens nicht zu uns kommen.
Aber Deine Seele wird mit Deiner Einsicht durch die Kraft des Geistes Gottes
emporgehoben, um die Worte Gottes im Himmel zu hören, und es wird Dir
verstattet, einige
Peinen in der Hölle und im Fegfeuer zu wissen, den Bösen zur Warnung und den
Guten zum Troste und zur Förderung. Gleichwohl sollst Du wissen, daß Dein
Leib und Deine Seele auf Erden zusammengefügt sind, der heilige Geist aber,
welcher im Himmel ist, giebt die Einsicht, seinen Willen zu erkennen."
Hier ist von drei Frauen die Rede, von denen die dritte in ein Kloster gegangen und die übrige Zeit ihres Lebens in großer Vollkommenheit zugebracht hat.
Christus tadelt die Prälaten, welche auf ihre geistliche Vorsteherschaft stolz sind, und spricht: "Sie sollten gegen ihre Unterthanen demütig, im Leben und Wandel tugendhaft und in Gerechtigkeit und Billigkeit auf ihren Nutzen bedacht sein; sie sollen sich selber richten, auf daß sie nicht über sich selbst sich erheben, sondern vielmehr ihre eigenen Gebrechen kennen lernen und Mitleid tragen möchten mit den Gebrechen ihrer Untergebenen nach dem Vorbilde Christi, welcher auch eher hat handeln und leiden wollen, als lehren, lieber dienen, als bedient werden. Sie sollen auch ihre Untergebenen fleißig strafen, damit sie nicht nach dem Vorgange des Priesters Heli verdammt werden."
Der Sohn redete zur Braut und sprach: "Es ist eine
große Sache, ja ein großes Wunder, daß, wo der König der Herrlichkeit sich
gedemütigt, daselbst der zur Rechenschaft verpflichtete Mensch mit Hoffart
sich aufblähen will. Wenn einer anderen vorgesetzt wird, darf er deshalb
nicht stolz werden, weil er ein geistlicher Vorgesetzter ist, sondern er soll
vielmehr in Furcht sein, weil alle von gleicher Natur sind und alle Gewalt von
Gott kommt, und wenn, wer Vorgesetzter wird, gut ist, so ist er es von Gott
zum eigenen und zum Heile anderer, ist er aber böse, so ist er es durch
Zulassung Gottes den Untergebenen zur Strafe und zum eigenen strengeren
Gerichte. Es ist auch kein Wunder, sondern würdig und recht, daß der Mensch,
welcher verschmäht hat, sich seinem Schöpfer zu unterwerfen, die Herrschaft
eines niederen und seinesgleichen erfahre. Wenn denn nun einer entweder
gezwungen wird, oder be-
gehrt, Vorgesetzter zu sein, soll er sich gegen die Untergebenen so erweisen,
daß er beliebt in seinem Wandel und Leben und durch Gerechtigkeit und
Billigkeit ihnen zum Nutzen sei. Wegen der Gleichheit von Natur soll ein
jeglicher, der Vorgesetzter ist, sich demütigen und das Maß an sich selber
nehmen, damit er sich nicht über sich selber erhebe, und soll an sich selber
lernen, mit anderen Erbarmen zu haben. Er soll sich auch fürchten, daß ihm
nicht mit demselben Maße wieder gemessen werde, womit er misset.
So habe ich, Gott und Mensch, mich selber erniedrigt und
obwohl ich durch mein Wissen des Menschen Gebrechen erkannt, so habe ich sie
doch durch Erdulden der Pein und des Kreuzes aus Erfahrung kennen gelernt. Und
deshalb, um mich anderen zum Vorbilde hinzugeben, habe ich eher angefangen, zu
thun, als zu lehren, und habe dienen, aber nicht bedient werden wollen. So hat
auch meine Mutter, obwohl sie die Gebieterin der Apostel war, dennoch vor
allen die Demut geliebt, und ist gleichsam eine gewesen mit den geringsten,
deshalb aber auch emporgestiegen zum höchsten Glücke. Daher soll der
geistliche Vorgesetzte in seinen eigenen Schwächen die Gebrechen seiner
Untergebenen kennen lernen, und aufmerksam sein, daß er nicht durch Worte
oder Beispiele, oder den Mißbrauch seiner Gewalt anderen Ursache und Anlaß
zum Sündigen geben möge, weil nichts den Zorn Gottes also hervorruft und die
Menschen zur Sünde anreizt, als die Leichtfertigkeit der Prälaten. Wenn
Heli, der Priester, in der Kraft seines Priesterstandes verblieben wäre, wie
Moses und Phinees, und seine Söhne in geistlicher Weise lieb gehabt hätte,
so würde sein ganzes Geschlecht erhalten worden sein. Weil er aber den
Söhnen fleischlich hatte gefallen wollen, hat er ihnen sein Gedächtnis in
Trübsal und seinen Nachkommen in Schande hinterlassen." ![]()
Christus sagt, wie diese Welt vor seiner Ankunft eine Wüste gewesen, worin ein trüber Brunnen, d. h. die Liebe der Welt, sich befand, zu welchem die gleichsam blinden Heiden und Juden auf sieben Wegen der Sanden geführt wurden. Er selbst aber hat nach Annahme der Menschheit die Welt erleuchtet, indem er die Wege zum Himmel zeigte. Nachdem diese nunmehr verwüstet sind, sendet er jetzt diese seine Worte des gegenwärtigen Buches in die Welt. Wer dieselben angenommen und mit der That gehalten haben wird, wird gerettet werden.
Maria sprach zum Sohne: "Gebenedeit seist Du, mein
Sohn, Du bist der Anfang, ohne Anfang der Zeit, und die Macht, ohne welche
niemand mächtig ist. Ich bitte Dich, mein Sohn, vollende mit Macht, was Du
mit Weisheit angefangen." Der Sohn antwortete: "Du bist wie ein
süßer Trank dem Dürstenden, und als ein Quell, der das Dürre tränkt, denn
durch Dich fließt allen Gnade zu; deshalb werde ich thun, um was Du
bittest." Wiederum sprach der Sohn: "Diese Welt war vor meiner
Menschwerdung gleichsam eine Wüste, worin sich ein trüber und unreiner
Brunnen befand, nach dessen Genusse alle daraus Trinkenden noch heftiger
dürstete, und die triefenden Augen noch schlimmer wurden. Neben diesem
Brunnen standen zwei Männer, deren einer rief und sprach: Trinket getrost!
denn es kommt ein Arzt, welcher alles Siechtum hinwegnimmt. Der andere aber
sprach: Trinket voll Freude; es ist Eitelkeit, das Ungewisse zu begehren. Zu
diesem Brunnen führten sieben Wege und alle verlangten nach dem Brunnen. Mit
Recht wird diese Welt einer Wüste verglichen, worin wilde Tiere, unfruchtbare
Bäume und schmutzige Gewässer sind, weil der Mensch wie ein Tier begierig
war, das Blut seines Nächsten zu vergießen, unfruchtbar in Werken der
Gerechtigkeit, und unrein durch Unenthaltsamkeit und Begierlichkeit. In dieser
Wüste nun wurde von den Menschen der trübe Brunnen ausgesucht, nämlich: die
Liebe der Welt und ihre Ehre, welche sich in Hoffart erhebt, aber in der Sorge
des Fleisches im Herzen Unruhe und Sturm erregt. Der Pfad zu demselben führt
wie auf sieben Wegen der sieben Todsünden.
Die beiden am Brunnen stehenden Männer bedeuten die Lehrer der Heiden und
Juden. Die Lehrer der Juden waren stolz auf das Gesetz, welches sie hatten,
aber nicht hielten und weil sie sehr begehrlich waren, reizten sie das Volk
durch Wort und Beispiel an, das Zeitliche zu suchen, indem sie sprachen: Lebt
ohne Sorgen, denn der Messias wird kommen und alles wieder herstellen. Die
Lehrer der Heiden aber sprachen: Gebrauchet die Geschöpfe, welche ihr sehet;
denn die Welt ist deshalb erschaffen, daß wir uns freuen.
Als nun der Mensch also blind dastand, daß er weder Gott,
beachtete, noch an die Zukunft dachte, bin ich, mit dem Vater und dem heiligen
Geiste Ein Gott, in die Welt gekommen, habe die Menschheit angenommen,
öffentlich gepredigt und gesprochen: Was Gott verheißen und Moses
geschrieben, hat sich erfüllt. Liebt also das Himmlische; denn das Zeitliche
vergeht, und ich will euch das Ewige geben. Ich habe auch jenen siebenfachen
Weg gezeigt, auf welchem der Mensch von seiner Eitelkeit sich abkehren sollte;
denn ich habe die Armut und den Gehorsam gezeigt und Fasten und Beten gelehrt,
ich verbarg mich zu Zeiten vor den Menschen, blieb allein im Gebete und nahm
die Schmach auf mich, ich habe Mühsal und Schmerzen erwählt, ich habe Peinen
und einen verächtlichen Tod ausgestanden. Diesen Weg habe ich durch mein
Beispiel selber gezeigt und meine Freunde sind auf demselben lange
einhergewandelt. Jetzt aber ist der Weg verwüstet. Die Hüter schlafen und
die Vorübergehenden ergötzen sich an eitlen und neuen Dingen. Deshalb will
ich mich erheben und nicht schweigen. Ich will hinwegnehmen die Stimme der
Freude und meinen Weinberg an andere vergeben, welche Frucht bringen werden zu
ihrer Zeit. Doch nach dem gemeinen Sprichworte werden unter den Feinden auch
Freunde gefunden. Deshalb will ich meinen Freunden Worte schicken, süßer als
Datteln, lieblicher als Honig, köstlicher als Gold. Wer dieselben aufnehmen
und bewahren wird, wird den Schatz erhalten, der in glücklicher Weise ewig
ist und nicht abnimmt, sondern gewahrt wird im ewigen Leben." ![]()
Die Mutter Gottes sagt, wie jene Stunde, in welcher sie von ihren Eltern gezeugt worden, mit Recht die goldene genannt werden könne, welche dabei mehr aus Gehorsam, als mit eigenem Willen thätig waren, und wobei die Liebe Gottes wirksamer gewesen ist, als die Lust des Fleisches. Allein Gott hat gewollt, daß die Art ihrer Empfängnis nicht sofort allen bekannt würde, bis die Wahrheit zur vorher verordneten Zeit deutlich würde.
Die Mutter Gottes sprach: "Als mein Vater und meine
Mutter ehelich zusammenkamen, hat solches mehr der Gehorsam, als der Wille
gethan und ist dabei mehr die göttliche Liebe, als die Lust des Fleisches
thätig gewesen. Denn die Stunde, in welcher ich empfangen ward, kann recht
wohl die goldene und kostbare Stunde genannt werden, weil, während andere
Eheleute aus fleischlicher Lust zusammenkommen, meine Eltern aus Gehorsam und
auf das Gebot Gottes zusammenkamen. Wohl war daher meine Empfängnis eine
goldene Stunde, denn das war der Anfang des Heiles aller und die
Finsternis eilte gleichsam ins Licht. Gott wollte etwas Besonderes, vor der
Welt Verborgenes in seinem Werke thun, gleichwie er an dem dürren Stabe
gethan, der da blühte. Aber wisse, daß meine Empfängnis nicht allen bekannt
geworden ist; denn Gott hat gewollt, daß, wie dem geschriebenen Gesetze das
natürliche und die freiwillige Wahl des Guten und Bösen vorausgegangen ist,
und nachher erst das geschriebene Gesetz folgen mußte, das alle
unordentlichen Regungen beschränken sollte, also auch seine Freunde fromme
Zweifel über meine Empfängnis haben möchten, jeder aber seinen Eifer zeigen
solle, bis die Wahrheit in der vorausgeordneten Zeit klar werden würde."
(Pius IX.) ![]()
Maria erzählt, wie ihre Geburt durch die gemeine Pforte erfolgt und der Anfang der wahren Freuden gewesen ist, weil damals ein Reis aufgegangen, aus welchem eine Blume hervorgegangen, nach welcher alle Völker verlangten, bei deren Geburt die Teufel knirschten, die Gerechten fröhlich und die Engel erfreut waren. Sie beklagt sich über die Weiber, welche solches nicht mit Andacht bedenken.
Maria sprach: "Als meine Mutter mich geboren, bin ich
durch die allgemeine Pforte herausgegangen, denn niemand hat auf eine andere
Weise geboren werden sollen, als einzig mein Sohn, der, wie er der Natur und
aller Dinge Schöpfer ist, so auch auf wunderbare und unaussprechliche Weise
hat wollen geboren werden. Als ich aber geboren ward, blieb es den Teufeln
nicht verborgen; sondern sie dachten, durch ein Gleichnis zu reden, etwa also:
Sehet, es ist eine Jungfrau geboren, was sollen wir thun? denn es ist etwas
Wunderbares, anzusehen, das künftig an ihr geschehen wird. Halten wir ihr
alle Netze unserer Bosheit vor, so wird sie dieselben wie Werg zerreißen,
durchsuchen und ihr ganzes Innere, so ist sie durch starken Schutz geschirmt,
auch wird an ihr keine Makel gefunden, so daß eine Sünde nur von der Größe
einer Nadelspitze an ihr zu bemerken wäre. Es steht zu befürchten, daß ihre
Reinigkeit uns zur Marter sein, daß ihre Gnade, was in uns an Stärke ist,
vernichten, ihre Standhaftigkeit uns unter ihre Füße werfen wird. Die
Freunde Gottes aber, die in langer Erwartung waren, sagten aus Eingebung
Gottes: Weshalb trauern wir länger? Wir sollen uns vielmehr freuen, daß das
Licht geboren worden, durch welches unsere Finsternis erleuchtet, unser
Verlangen vollendet werden wird. Die Engel Gottes aber freuten sich, obwohl
ihre Freude in dem immerwährenden Anschauen Gottes war und sprachen: Auf
Erden ist etwas Angenehmes und von einer besonderen Liebe Gottes geboren,
wodurch im Himmel und auf Erden der wahre Friede erneuert und unsere Verluste
ersetzt werden. Wahrlich, Tochter, ich sage Dir, daß meine Geburt der Anfang
der wahren Freude gewesen ist, weil damals das Reis aufgegangen ist, aus
welchem jene Blume sproßte,
nach welcher die Könige und Propheten verlangt haben. Nachdem ich nun das
Alter erreicht hatte, in welchem ich etwas von meinem Schöpfer verstehen
konnte, ward ich von einer unaussprechlichen Liebe zu ihm ergriffen, und
verlangte nach ihm mit ganzem Herzen. Ich bin auch durch eine wunderbare Gnade
erhalten worden, daß ich selbst im zarten Alter in keine Sünde willigte,
weil die Liebe Gottes, die Sorgfalt meiner Eltern, die ehrbare Erziehung, der
Umgang mit Frommen und der brünstige Eifer, Gott zu kennen, beharrlich mit
mir waren. Nun aber beklage ich mich, daß die Weiber, welche in Angst
geboren, selbst in Unreinigkeit gebären und sich an derselben erfreuen, nicht
acht haben auf meine allerreinste Geburt, sondern ärger sind als die Tiere,
da sie ohne Vernunft leben. Sie leben durchaus nach dem Fleische; aber ihre
Wollüstigkeit wird vorübergehen, weichen wird vor ihnen der Geist der
Reinigkeit, fliehen vor ihnen die ewige Freude, und der Geist der
Unreinigkeit, dem sie folgten, wird sie berauschen."
Die Jungfrau Maria redet an einem Tage der Reinigung mit der Braut und sagt, daß sie der Reinigung nicht bedurfte, weil sie ohne Makel und rein war. Damit aber die Prophezeiungen erfüllt würden, habe sie in und nach dem Gesetze leben, auch nichts Besonderes an sich haben sehen lassen, vielmehr demütiglich wandeln wollen. Sie sagt auch, daß das Schwert, welches Simeon vorherverkündigt, ihre Seele im Leben mit sechs Schmerzen durchdrungen.
Maria redete zur Braut des Sohnes und sprach: "Meine
Tochter, Du mußt wissen, daß ich der Reinigung nicht bedurfte, wie andere
Frauen, weil mein Sohn, der von mir geboren ward, selber mich gereinigt hat.
So habe ich auch nicht die geringste Befleckung erhalten, da ich den
allerreinsten Sohn ohne irgend eine Unreinigkeit geboren. Damit aber erfüllt
würden das Gesetz und die Propheten, habe ich in und nach dem Gesetze leben
wollen. Ich lebte auch nicht nach Weise weltlich gesinnter Eltern, sondern
verkehrte demütig mit Demütigen, auch habe ich nichts Besonderes an mir
hervorheben wollen, sondern alles, was demütig war, liebte ich. An einem Tage
nun, wie heute, hat sich mein Schmerz ge-
mehrt; denn obwohl ich ans göttlicher Eingebung wußte, daß mein Sohn leiden
werde, so hat doch nach den Worten Simeons, daß meine Seele ein Schwert
durchdringen und mein Sohn gesetzt werde zu einem Zeichen, dem widersprochen
würde, jener Schmerz mein Herz noch schärfer durchbohrt, welcher bis zu
meiner Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel meinem Herzen niemals
gefehlt, obschon er durch den Trost . des Geistes Gottes gemildert ward. Ich
will auch, daß Du wissest, daß seit diesem Tage mein Schmerz sechsfach
gewesen. Erstens war er in meinen Gedanken, denn so oft ich meinen Sohn
anblickte, so oft ich ihn einwickelte in die Windeln, so oft ich seine Hände
und seine Füße anschaute, so oft ist mein Gemüt gleichsam von neuem
Schmerze verschlungen worden, weil ich gedachte, wie er gekreuzigt werden
würde. Zweitens war mein Schmerz in meinem Gehöre; denn so oft ich die
Schmachreden gegen meinen Sohn und die Lügen, sowie die ihm gelegten
Nachstellungen vernahm, so oft ward mein Gemüt von Schmerz erregt, so daß es
sich kaum zu halten vermochte; doch behielt mein Schmerz durch Gottes Kraft
Maß und Anständigkeit, so daß weder Ungeduld, noch Leichtmütigkeit an mir
wahrgenommen ward. Drittens empfand mein Gesicht den Schmerz; denn als ich
meinen Sohn gebunden und gegeißelt werden und am Kreuze hängen sah, stürzte
ich wie entseelt nieder; als ich aber meinen Geist wieder bekommen, stand ich
wohl voll Schmerzen, aber so geduldig leidend, daß weder die Feinde, noch
andere an mir etwas anderes fanden, als Standhaftigkeit. Viertens hatte ich
den Schmerz im Gefühle; denn ich habe meinen Sohn mit anderen vom Kreuze
herabgenommen, ihn eingehüllt und in das Grab gelegt, und so nahm damals mein
Schmerz zu, daß kaum meine Hände und Füße Kraft hatten zum Bestehen. Ach!
wie gern hätte ich mich damals mit meinem Sohne begraben lassen. Fünftens
hatte ich schmerzhaftes, heftiges Verlangen, zu meinem Sohne zu kommen,
nachdem er zum Himmel aufgefahren war, weil der lange Verzug, den ich nach
seiner Himmelfahrt in der Welt aushielt, meinen Schmerz vermehrte. Sechstens
litt ich Schmerzen wegen der Trübsale der Apostel und der Freunde Gottes,
deren Schmerz auch der meinige war, da ich stets in Furcht und Betrübnis
schwebte; in Furcht, sie möchten unter den Versuchungen und Trübsalen
erliegen, in Betrübnis, weil die
Worte meines Sohnes überall Widerspruch fanden. Und wie die Gnade Gottes bei
mir verharrte und mein Wille nach dem Willen Gottes sich richtete, so war
meinem steten Schmerze auch Trost beigemischt, bis ich mit Leib und Seele zu
meinem Sohne in den Himmel aufgenommen ward. Deshalb, meine Tochter, laß
diesen Schmerz nicht aus Deiner Seele weichen, weil, wenn keine Trübsale
wären, nur gar wenige in den Himmel kommen würden."
Die Mutter Gottes sagt zur Braut, wie ihr unter den übrigen Schmerzen ein nicht geringer derjenige gewesen, als sie vor Furcht mit ihrem Sohne nach Ägypten floh und hörte, daß der Sohn von Herodes verfolgt und die unschuldigen Kinder ermordet würden. Sie erzählt gar schön, was der Sohn von seiner Kindheit und Jugend an bis zur Zeit seines Predigens und Leidens vorgenommen.
Maria redete mit der Braut und sprach: "Ich habe Dir
von meinen Schmerzen erzählt. Allein jener Schmerz war nicht der kleinste,
den ich gehabt, als ich meinen Sohn trug und nach Ägypten floh und als ich
vernahm, daß die unschuldigen Kinder getötet würden und Herodes meinen Sohn
verfolgte. Obgleich ich aber wußte, was von meinem Sohne geschrieben worden,
ward doch mein Herz wegen der großen Liebe, die ich zu ihm hatte, mit Schmerz
und Trauer erfüllt. Nun aber wirst Du fragen können, was mein Sohn in der
ganzen Zeit seines Lebens, bevor sein Leiden anhob, vorgenommen? Ich antworte,
daß er, wie das Evangelium spricht, seinen Eltern unterthan gewesen und sich
verhielt, wie andere Kinder, bis er zu reiferem Alter gelangte. Auch mangelten
seiner Jugend keine Wunder. Wie haben die Geschöpfe ihm, ihrem Schöpfer,
gedient! Die Götzenbilder verstummten bei seiner Ankunft in Ägypten und
stürzten zusammen. Die Weisen haben vorhergesagt, mein Sohn werde sein ein
Zeichen großer zukünftiger Dinge! Die Engel dienten ihm auf sichtbare Weise.
Nicht die geringste Unreinlichkeit oder Verwirrung an seinen Haaren war zu
bemerken. Das alles zu wissen hast Du nicht nötig, da im Evangelium die
Zeichen seiner Gottheit und Menschheit vorgelegt werden, welche Dich und
andere erbauen können.
Als er nun aber zu einem erwachsenen Alter gekommen war, lag er beständigem
Gebete ob, und ging mit uns zu den festgesetzten Festen hinauf gen Jerusalem
und nach anderen Orten. Sein Angesicht und seine Rede waren so wunderbar und
angenehm, daß viele Betrübte sagten: Lasset uns hingehen zum Sohne Mariens;
wir können von ihm getröstet werden. Als er zunahm an Alter und Weisheit,
deren er vom Anfange an voll war, arbeitete er mit den Händen, was schicklich
war, und redete zu uns insbesondere Trostworte und Worte der Gottheit, so daß
wir unaufhörlich mit unaussprechlicher Freude erfüllt wurden und als wir in
Furcht, in Armut und Beschwernis waren, machte er keineswegs Gold oder Silber,
sondern ermahnte uns zur Geduld, und wir wurden wunderbarlich vor Neidern
bewahrt; was wir notwendig hatten, kam uns bisweilen durch das Mitleid frommer
Herzen zu, bisweilen aus unserer Arbeit, so daß wir das Notwendige allein zum
Unterhalte, nicht zum Überflusse hatten, weil wir weiter nichts suchten, als
Gott allein zu dienen. Zu Hause unterhielt er sich in traulicher Weise mit den
Freunden, welche dahin kamen, über das Gesetz, dessen Bedeutungen und
Vorbilder. Er disputierte auch öffentlich mit weisen Männern, daß sie sich
wunderten und sprachen: Sehet, der Sohn Josephs lehrt die Schriftgelehrten,
ein großer Geist redet in ihm. Als er mich einmal, während ich über sein
Leiden nachdachte, mit tiefster Trauer erfüllt sah, sprach er zu mir: Glaubst
Du nicht, Mutter, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist? Bist Du
befleckt worden durch meinen Eingang, oder hattest Du Schmerz durch meinen
Ausgang? Weshalb wirst Du eingenommen von Trauer? Denn der Wille meines Vaters
ist es, daß ich den Tod erleide, ja, mein Wille ist mit dem Vater. Was ich
aber vom Vater habe, das kann nicht leiden, sondern das Fleisch, das ich von
Dir angenommen, wird leiden, damit das Fleisch der anderen erlöst werde, die
Geister aber errettet werden. Er war auch so gehorsam, daß, wenn ihm Joseph
etwa sagte: Thue dieses oder das! er es sogleich that; denn er verbarg die
Macht seiner Gottheit dergestalt, daß dieselbe nur von mir und zuweilen von
Joseph erkannt werden konnte, die wir sehr häufig ein wunderbares Licht ihn
umleuchten sahen und englische Stimmen über ihm singen hörten. Wir haben
auch gesehen, wie die unreinen Geister,
welche durch die nach unserem Gesetze bewährten Verschwörer nicht
ausgetrieben werden konnten, beim Anblicke der Gegenwart meines Sohnes
ausgefahren sind. Siehe, Tochter, das soll immerdar in Deinem Gedächtnisse
sein; danke auch Gott gar aufrichtig, daß er durch Dich seine Kindheit
anderen hat offenbaren wollen."
Die Jungfrau erzählt der Braut, was sie sofort, nachdem sie den Sohn empfangen, gefühlt, und was sie und Elisabeth bei ihrer gegenseitigen Umarmung . empfunden; von ihrem heiligen Verkehre miteinander, und wie der Engel sie tröstete, da sie sich fürchtete, und den Joseph unterwies, als er verwundert war. Sie meldet auch die gar heilige Weise, zu leben, welche sie selbst und Joseph beobachteten, und von vielen bemerkenswerten Tugenden Josephs.
Die Mutter Gottes sprach: "Als der Engel mir
angekündigt hatte, daß der Sohn Gottes von mir geboren werden solle, empfand
ich, sobald ich eingewilligt hatte, etwas Ungewohntes und Wunderbares an mir;
darüber verwunderte ich mich sehr und ich ging sogleich hinauf zu meiner Base
Elisabeth, welche gesegneten Leibes war, um dieselbe zu trösten und mit ihr
über dasjenige zu sprechen, was mir der Engel verkündigt hatte. Nachdem sie
mir bei einem Brunnen begegnete, und wir uns freudenvoll einander umarmten und
küßten, hüpfte auf eine wunderbare und sichtliche Weise das Kind in ihrem
Leibe in jubelnder Bewegung auf und freute sich. Auch ich wurde in ähnlicher
Weise durch eine ungewohnte Freude in meinem Herzen bewegt, so daß meine
Zunge von mir nicht erdachte Worte von Gott redete und meine Seele sich da vor
Freuden kaum zu fassen wußte. Als Elisabeth die Inbrunst des Geistes
bewunderte, der in mir redete, und ich in nicht unähnlicher Weise an ihr die
Gnade Gottes bewunderte, priesen wir beide Gott und blieben etliche Tage lang
bei einander. Nun aber begann der Gedanke an meinen Geist zu schlagen, in
welcher Weise und mit welcher Andacht ich mich nach solcher mir widerfahrenen
Gnade verhalten müsse, auch was ich antworten solle, wenn ich gefragt würde,
wie ich empfangen habe, und wer der Vater des Sohnes sei, den ich gebären
sollte, auf daß nicht etwa Joseph auf Betreiben des
Widersachers seltsamen Argwohn wider mich schöpfen möge. Und siehe! da ich
so dachte, trat ein Engel, demjenigen ähnlich, den ich zuvor gesehen, vor
mich hin und sprach: Unser Gott, der da ewig ist, ist mit Dir und in Dir.
Fürchte Dich also nicht, er wird Dir zu reden geben; er selbst wird Deine
Schritte und Deine Sache lenken, er wird sein Werk an Dir mächtig und weise
vollenden. Joseph aber, dem ich anvertraut war, wunderte sich, als er bemerkt,
daß ich gesegneten Leibes war und da er sich nicht für würdig hielt, bei
mir zu wohnen, und ängstlich wurde und nicht wußte, was er thun sollte,
sagte der Engel im Schlafe zu ihm: Weiche nicht von der Dir vertrauten
Jungfrau, weil es ganz wahr ist, wie Du von ihr gehört hast; sie hat
empfangen vom Geiste Gottes und wird einen Sohn, den Heiland der Welt,
gebären; diene ihr also getreulich und sei ein Hüter und Zeuge ihrer
Keuschheit. Von diesem Tage an diente mir Joseph wie seiner Gebieterin, und
auch ich demütigte mich zu seinen niedrigsten Werken. Hierauf war ich
beständig im Gebete, und mochte selten gesehen werden und sehen, ging auch
sehr selten und nur zu den hauptsächlichsten Festen aus und lag fleißig dem
Wachen und Lesen dessen ob, was von unseren Priestern gelesen ward. Ich hatte
bestimmte Zeiten für die Handarbeiten und war maßvoll im Fasten, wie es
meine Natur im Dienste Gottes vertragen konnte. Was uns jedoch nach dem
notdürftigen Speisebedarf übrigblieb, gaben wir den Armen, und waren mit
dem, was wir hatten, zufrieden. Joseph aber diente mir so, daß niemals aus
seinem Munde ein unanständiges Wort vernommen wurde, auch kein mürrisches
oder zürnendes; denn er war sehr geduldig in der Armut, besorgt im Arbeiten,
wo es notwendig war, sehr sanftmütig gegen Scheltende, sehr folgsam in meinem
Gehorsame, mein sehr emsiger Verteidiger gegen diejenigen, welche meine
Jungfräulichkeit verkleinern wollten; ein gar getreuer Zeuge der Wunder
Gottes. Er war auch der Welt und dem Fleische so abgestorben, daß er nichts
begehrte, als das Himmlische. Er war so gläubig für die Verheißungen
Gottes, daß er beständig sagte: Ach, daß ich leben und den Willen Gottes
erfüllt sehen möchte! Er kam sehr selten in die Gesellschaften und
Beratungen der Menschen, weil sein ganzes Verlangen darauf gerichtet war, dem
Willen Gottes zu gehorchen, darum ist jetzt seine Herrlichkeit groß." ![]()
Die Mutter sagt der Braut, Hieronymus habe nicht an der Aufnahme ihres Leibes in den Himmel gezweifelt. Weil aber Gott die Wahrheit nicht öffentlich geoffenbart habe, wollte er lieber auf fromme Weise zweifeln, als nicht Geoffenbartes erklügeln wollen; deshalb schrieb er in seinem Briefe, er wisse es nicht. Und hier fügt die Jungfrau einiges zum Lobe des Hieronymus hinzu.
Die Mutter sprach zur Braut: "Was hat Dir jener
kritische Magister gesagt, daß die Epistel meines Hieronymus, in welcher
derselbe von meiner Himmelfahrt spricht, nicht solle in der Kirche Gottes
gelesen werden? weil es ihm vorkommt, es müsse daraus gelesen werden,
Hieronymus habe an meiner Himmelfahrt gezweifelt, indem er sage, er wisse
nicht, ob ich mit dem Leibe in den Himmel aufgenommen worden, oder nicht, noch
von welcher Person ich hinweggetragen worden. Darauf antworte ich, die Mutter
Gottes, dem Magister, daß Hieronymus an meiner Himmelfahrt nicht gezweifelt,
sondern weil Gott diese Wahrheit nicht öffentlich enthüllt hat, hat
Hieronymus lieber frommerweise zweifeln, als von Gott nicht Geoffenbartes
behaupten wollen. Erinnere Dich aber, meine Tochter, wie ich Dir zuvor gesagt
habe, daß Hieronymus ein Freund der Witwen, ein Nachfolger der vollkommenen
Mönche und ein Verteidiger der Wahrheit gewesen, der Dir auch das Gebet
verdient hat, womit Du mich begrüßtest. Darum füge ich nun hinzu, daß
Hieronymus eine fügsame Posaune gewesen ist, durch welche der heilige Geist
redete, und eine von jenem Feuer, das am Pfingsttage über mich und die
Apostel kam, entzündete Flamme. Deshalb sind diejenigen glücklich, welche
diese Posaune hören und derselben folgen." ![]()
Die Mutter Gottes sagt der Braut, wie sie nach der Himmelfahrt des Sohnes lange Zeit in der Welt gelebt und unter großem Leide die Orte besucht, wo er gelitten und seine Wunder gezeigt hatte. Und dies ließ Gott zu, damit durch das Vorbild ihres Lebens und ihrer Tugenden viele bekehrt, die Apostel gestärkt und ihre Krone erhöht werden möchte; sie legt auch den Grund dar, weshalb ihre Aufnahme in den Himmel damals vielen nicht bekannt gewesen.
Die Mutter sprach: "Erinnere Dich, meine Tochter, daß
ich einst - es sind seitdem einige Jahre verflossen - den Hieronymus in
Betracht meiner Aufnahme in den Himmel entschuldigt habe. Nun aber will ich
Dir darlegen, wie es sich in Wahrheit mit meiner Himmelfahrt verhalten hat.
Nach der Himmelfahrt meines Sohnes habe ich noch lange in der Welt gelebt;
Gott wollte solches, damit durch den Anblick meiner Geduld und meines Wandels
noch mehr Seelen zu ihm bekehrt, die Apostel und andere Auserwählte Gottes
aber gestärkt werden möchten. Auch die natürliche Beschaffenheit meines
Leibes erforderte, daß ich länger lebte, damit meine Krone erhöht würde.
Die ganze Zeit hindurch, welche ich nach der Himmelfahrt meines Sohnes gelebt,
habe ich die Orte besucht, an denen er gelitten und seine Wunder gezeigt hat.
So war auch sein Leiden so fest in mein Herz eingedrückt, daß es, ich mochte
essen oder arbeiten, gleich frisch in meinem Gedächtnisse war. So waren auch
meine Sinne abgezogen vom Weltlichen, daß ich beständig von neuer Sehnsucht
entflammt und abwechselnd zu Leid erweckt ward. Allein ich mäßigte meinen
Schmerz und meine Freude dergestalt, daß ich von allem, was Gott gebührte,
nichts unterließ. So bin ich auch unter den Menschen gewandelt, daß ich
außer meiner dürftigen Nahrung auf nichts acht gab von dem, was den Menschen
angenehm ist, noch dergleichen mir aneignete. Daß aber vielen meine
Himmelfahrt nicht bekannt war, noch von mehreren verkündigt wurde, das hat
Gott, der mein Sohn ist, deshalb gewollt, damit zunächst in den Herzen der
Menschen der Glaube an seine Auffahrt befestigt werde, weil die Herzen der
Menschen unempfänglich waren für den Glauben an seine Auffahrt, wie viel
mehr dann, wenn sogleich im Anfange des Glaubens meine Himmelfahrt verkündigt
worden wäre."
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
Tel.: +49 (07251) 9761-0, Fax: +49 (07251) 9761-12, e-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.