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Leben und Offenbarungen der heiligen Brigitta
Hier beginnt das fünfte Buch der göttlichen Offenbarungen
Christi an die selige Brigitta aus dem Reiche Schweden. Dasselbe wird von
Rechts wegen das Buch der Fragen überschrieben, weil es seinen Verlauf
nach Fragen nimmt, zu welchen der Herr Christus wunderbare Auflösungen giebt.
Es wurde der Frau auf eine wunderbare Weise offenbart, wie sie selber und ihre
Beichtväter häufig mündlich bezeugt haben. Denn es begab sich einst, daß,
als sie eines Tages zu Pferde nach ihrem Schlosse Wadstena ritt, und sich
mehrere Freunde zugesellt hatten, welche mit ihr ritten, sie, während sie
also ritt, anfing, zu Gott zu beten und ihr Gemüt zu Gott zu erheben. Mit
einem Male ward sie im Geiste verzückt, und ritt, wie sich selber entfremdet,
dahin, aus den Sinnen des Körpers in die Ekstase einer geistigen Betrachtung
hinaufgehoben. Sie erblickte nun im Geiste eine Leiter, welche auf der Erde
feststand, und deren Höhe den Himmel berührte. Und auf der obersten Spitze
derselben sah sie im Himmel den Herrn Jesum Christum auf einem wunderbaren
Throne sitzen wie einen im Richten begriffenen Richter. Zu seinen Füßen saß
die Jungfrau Maria. Um den Thron her
aber befand sich ein zahlloses Engelheer. Auf der Mitte der Leiter erblickte
die Frau Brigitta einen gewissen ihr bekannten Ordensgeistlichen, der damals
noch im Leibe lebte, und von großer theologischer Gelehrsamkeit, jedoch auch
voll Arglist und teuflischer Bosheit war. Seine Gebärde drückte höchste
Unruhe und Ungeduld aus; er schien eher ein Teufel, als ein Ordensgeistlicher
zu sein. Denn die genannte Frau erblickte nun die Gedanken und alle inneren
Herzensregungen eben desselben Ordensgeistlichen, und wie er dieselben dem auf
dem Throne sitzenden Richter Christus mit ungeordneter und höchst unruhiger
Gebärde fragweise, wie unten folgt, offenbarte. Die Frau Brigitta sah und
hörte auch, wie der Richter Christus auf diese Fragen mit gar sanfter und
ehrbarer Gebärde auf jede besondere in der Kürze gar weislich antwortete,
und wie zuweilen unsere Frau, die Jungfrau Maria, einige Worte mit derselben
Frau Brigitta redete, wie solches dieses Buch weiter unten ernstlich erklären
wird. Nachdem aber in demselben Augenblicke die gedachte Frau dies ganze Buch
in einer und der nämlichen Offenbarung im Kopfe hatte und inzwischen zu dem
genannten Schlosse gekommen war, nahmen ihre Freunde die Zügel ihres Pferdes
und begannen sie zu schütteln, wie um sie aus jener Verzückung zu erwecken.
Nachdem sie wieder zu sich gekommen war, beklagte sie sich sehr, daß ihr nun
eine so große göttliche Süßigkeit entzogen worden. - Dieses Buch der
Fragen ist damals so wirksam in ihrem Herzen und dergestalt in ihr Gedächtnis
eingedrückt geblieben, als wenn es gänzlich auf eine marmorne Tafel
eingegraben wäre. Sie aber schrieb es alsbald in ihrer Sprache nieder,
welches ihr Beichtvater in die lateinische Sprache wörtlich übertrug, wie er
auch die anderen Bücher zu übersetzen gepflegt.
Dieses Buch der Fragen wird in Fragestücke geteilt und in
Fragen unterabgeteilt. Denn es enthält sechzehn Fragestücke, und in
jeglichem derselben wird der Richter Christus um gewisse, zweifelhafte Dinge
gefragt. Darauf antwortet er scharf und wunderbar, so daß jedes Fragestück
eine gewisse Anzahl Fragen enthält. Nachher folgen die Auflösungen und
Antworten darauf, wie es im Verfolge des Buches weitläufiger enthalten ist. ![]()
Ich schaute einen Thron im Himmel, aus welchem der Herr Jesus Christus als Richter saß. Zu seinen Füßen saß die Jungfrau Maria und um den Thron her befanden sich die Heerscharen der Engel und eine zahllose Menge von Heiligen. Zu diesem Richter sprach ein Ordensgeistlicher, ein großer Gelehrter in der Theologie, der auf einer hohen Stufe einer Leiter stand, die auf der Erde lehnte, und deren oberes Ende den Himmel berührte, unter höchst unruhigen und ungeduldigen Gebärden, wie voller Bosheit und Arglist in fragender Weise also:
Erste Frage: Richter, ich frage Dich. Du hast mir einen Mund gegeben; soll ich nicht reden, was mir gefällt?
Zweite Frage: Du hast mir Augen gegeben; soll ich damit nicht anblicken, was mich erfreut?
Dritte Frage: Du hast mir Ohren gegeben; weshalb soll ich damit nicht hören, was mir gefällt?
Vierte Frage: Du hast mir Hände gegeben; warum soll ich damit nicht thun, was mir angenehm ist?
Fünfte Frage: Du hast mir Füße gegeben; weshalb soll ich damit nicht nach meinem Begehren wandeln?
auf die erste Frage. Der Richter, welcher auf dem Throne saß, und dessen Gebärden sanft und gar ehrbar waren, antwortete und sprach: Freund, ich gab Dir den Mund, um auf vernünftige Weise Deiner Seele und Deinem Leibe Nützliches, sowie das zu sprechen, was mir zur Ehre gereicht.
Antwort auf die zweite Frage: Zweitens gab ich Dir Augen, um das Böse zu sehen, das zu fliehen, und das Heilsame, das zu bewahren ist.
Antwort auf die dritte Frage: Drittens gab ich Dir Ohren, um zu hören, was wahr und ehrbar ist.
Antwort auf die vierte Frage: Viertens gab ich Dir
Hände, um damit zu thun, was für den Leib notwendig und für die Seele nicht
schädlich ist. ![]()
Antwort auf die fünfte Frage: Fünftens gab ich Dir die Füße, damit Du von der Liebe zur Welt Dich entfernen und hinwandeln möchtest zur Ruhe und Liebe Deiner Seele, sowie zu mir, Deinem Schöpfer und Erlöser.
Noch erschien der Ordensbruder wie vorher auf seiner Stufe und sprach: O Christus, Richter, Du hast freiwillig die bitterste Pein auf Dich genommen; warum soll ich mich deshalb nicht der Ehrsucht und Hoffart hingeben in der Welt?
Zweite Frage: Ferner hast Du mir zeitliche Güter gegeben; warum soll ich deshalb nicht besitzen, was ich begehre?
Dritte Frage: Warum hast Du ferner meinem Leibe Glieder gegeben, wenn ich dieselben nicht bewegen und nach meinem Willen soll üben dürfen?
Vierte Frage: Ferner weshalb sonst hast Du Gesetz und Gerechtigkeit gegeben, als um Rache zu üben?
Fünfte Frage: Weiter hast Du verstattet, Ruhe und Rast zu halten; warum hast Du nun Müdigkeit und Trübsal angeordnet, damit wir sie empfänden?
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Freund, die Hoffart des Menschen wird von meiner Geduld lange ertragen, auf daß die Demut erhöht und meine Kraft offenbart werde. Und weil die Hoffart nicht von mir erschaffen, sondern vom Teufel erfunden worden, deshalb soll man sie fliehen; denn sie führt zur Hölle. Die Demut aber soll bewahrt werden, weil sie zum Himmel führt, und ich, Gott, habe sie mit meinem Worte und Vorbilde gelehrt.
Antwort auf die zweite Frage: Ferner, die zeitlichen
Güter sind von mir dem Menschen deshalb gegeben und zugestanden, damit der
Mensch einen vernünftigen Gebrauch davon mache, und das, was geschaffen
worden, in das Unerschaffene verwandelt werde, nämlich in mich, den
Schöpfer, indem man mich wegen meiner Güter preise und ehre, nicht aber nach
dem Verlangen des Fleisches lebe.
Antwort auf die dritte Frage: Ingleichen sind die Glieder des Leibes
dem Menschen deshalb gegeben, daß sie der Seele ein Bild der Tugenden zeigen
und der Seele zum Dienste und zur Kraft als ihre Werkzeuge sein möchten.
Antwort auf die vierte Frage: Ferner sind Gesetz und Gerechtigkeit von mir deshalb eingesetzt, damit sie mit höherer Liebe und Barmherzigkeit erfüllt würden, und auf daß unter den Menschen göttliche Einheit und Eintracht befestigt werde.
Antwort auf die fünfte Frage: Wenn ich dem Menschen endlich verliehen habe, daß er leibliche Ruhe und Rast pflegen könne, so that ich dies, daß die Schwäche des Fleisches gestärkt werde und die Seele Stärke und Kraft empfange. Weil aber das Fleisch zuweilen unversehens übermütig wird, muß man mit Dank sowohl Trübsale, als alles das, wodurch es gebessert werden mag, ertragen.
Erste Frage. Abermals zeigte sich der Ordensgeistliche auf seiner Sprosse und sprach: O Richter, ich frage Dich, weshalb hast Du uns leibliche Sinne gegeben, wenn wir uns nicht nach den Sinnen des Fleisches bewegen und leben sollen?
Zweite Frage: Weshalb hast Du Nahrungs- und Unterhaltungsmittel des Fleisches, nämlich Speisen und andere Ergötzlichkeiten, gegeben, wenn wir nicht nach dem Gelüsten des Fleisches zur Sättigung leben sollen?
Dritte Frage: Wozu anders hast Du uns ferner den freien Willen gegeben, als daß wir unserem Willen folgen?
Vierte Frage: Warum hast Du weiter Männern und Frauen den Samen der Vermischung und den Trieb der Natur gegeben, wenn er nicht nach dem Begehren des Fleisches ausgegossen werden darf?
Fünfte Frage: Wozu anders endlich hast Du das Herz
und den Willen gegeben, als daß man liebe, was am süßesten schmeckt, und
was am lieblichsten zum Genießen ist? ![]()
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Freund, ich habe dem Menschen Sinn und Verstand gegeben, um die Wege des Lebens zu betrachten und denselben zu folgen und die Wege des Todes zu fliehen.
Antwort auf die zweite Frage: Ingleichen habe ich Speise und dem Fleische Notwendiges zur mäßigen Ernährung des Leibes gegeben, damit dieser die Tugenden der Seele mit mehr Kraft vollziehen könne und nicht durch Übermaß geschwächt würde.
Antwort auf die dritte Frage: Ferner habe ich dem Menschen den freien Willen mit dem Bedinge gegeben, daß er den eigenen Willen um meinetwegen, der ich sein Gott bin, aufgebe und hierdurch desto größeres Verdienst erlange.
Antwort auf die vierte Frage: Ebenso habe ich den Samen der Vermischung deshalb gegeben, daß er am geziemenden Orte und in geziemender Weise sproße und aus rechter und vernünftiger Ursache fruchtbar werde.
Antwort aus die fünfte Frage: Endlich habe ich dem Menschen deshalb das Herz gegeben, damit er in demselben mich, seinen Gott, der ich überall und unbegreiflich bin, hineinschließen möge, und daß er seine Freude daran haben solle, an mich zu denken.
Die Jungfrau Maria redet mit der seligen Brigitta und belehrt sie über fünf Tugenden, die sie inwendig, und fünf Tugenden, die sie auswendig haben soll.
Die Mutter sprach: "Tochter, Du mußt inwendig und
auswendig fünf Stücke haben. Erstlich auswendig einen Mund, welcher rein ist
von übler Nachrede über andere; verschlossene Ohren für eitles Geschwätz;
schamhafte Augen; Hände, thätig im Guten, welche Dich auch hinwegziehen von
dem Verkehre der Welt, eilfertige Füße zum Guten. Ebenso inwendig:
Inbrünstige Liebe gegen Gott; weises
Verlangen nach ihm; Austeilung der zeitlichen Güter mit gerechter und
richtiger Absicht und in vernünftiger Weise; demütige Flucht vor der Welt;
langmütige und geduldige Erwartung meiner Verheißungen."
Erste Frage. Wiederum erschien auf seiner Stufe der Ordensgeistliche wie oben und sprach: O Richter, warum soll ich nach der Weisheit Gottes forschen, da ich doch die Weisheit der Welt habe?
Zweite Frage: Warum soll ich trauern und weinen, da ich doch Freude und Herrlichkeit der Welt vollauf habe?
Dritte Frage: Sprich ferner, weshalb und wie ich mich in der Betrübnis des Fleisches freuen soll?
Vierte Frage: Desgleichen, weshalb ich fürchten soll, da ich doch die Stärke der eigenen Kräfte habe?
Fünfte Frage: Warum soll ich anderen gehorsamen, wenn doch mein Wille in seiner eigenen Gewalt ist?
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Freund, ein jeglicher, welcher weise ist nach der Welt, ist blind in Bezug auf mich, seinen Gott. Damit darum meine göttliche Weisheit erlangt werde, ist es nötig, daß man sie sorgfältig und fleißig suche.
Antwort auf die zweite Frage: Jeglicher, welcher die Ehre der Welt und deren Freude hat, wird durch verschiedene Sorgen umhergetrieben und in Bitterkeiten verwickelt, welche zur Hölle führen. Damit einer also nicht abweiche vom Wege zum Himmel, ist es notwendig, daß er gottselig bekümmert werde und bitte und weine.
Antwort auf die dritte Frage: Es ist ferner sehr nützlich, sich in der Betrübnis und Schwäche des Fleisches zu freuen; denn wer Betrübnisse des Fleisches hat, dem naht meine Barmherzigkeit, und mittels ihrer kommt er dem ewigen Leben leichter nahe.
Antwort auf die vierte Frage: Ein jeglicher ferner,
der stark ist, ist stark durch mich, aber ich bin stärker, als er. Des-
halb soll man sich allerwärts fürchten, damit die Stärke nicht genommen
werde.
Antwort auf die fünfte Frage: Wer weiter den freien Willen in seiner Hand hat, muß sich fürchten und wahrhaft erkennen, daß nichts so leicht zur ewigen Strafe führt, als der eigene führerlose Wille. Wer daher mir, seinem Gott, den eigenen Willen überläßt, indem er mir gehorsamt, wird den Himmel ohne Strafe haben.
Erste Frage. Wieder erschien der Ordensgeistliche wie oben und sprach: O Richter, weshalb hast Du die Würmer erschaffen, welche beschädigen, aber nicht nützen können?
Zweite Frage: Weshalb ferner hast Du die wilden Tiere erschaffen, welche auch den Menschen schaden?
Dritte Frage: Warum schickest Du den Leibern Krankheiten und Schmerzen?
Vierte Frage: Weshalb leidest Du die Ungerechtigkeit ungerechter Richter, welche ihre Untergebenen plagen und geißeln wie erkaufte Sklaven?
Fünfte Frage: Warum wird endlich der Leib des Menschen noch im Augenblicke des Todes gepeinigt?
auf die erste Frage: Freund, ich, Gott und Richter,
erschuf den Himmel und die Erde und alles, was darin ist, allein nichts ohne
Grund und ohne Ähnlichkeit mit Geistlichem. Denn wie die Seelen der Heiligen
den heiligen Engeln gleichen, welche im Leben und in der Seligkeit sind, so
sind die Seelen der Ungerechten den bösen Geistern ähnlich, welche im ewigen
Tode liegen. Weil Du nun aber gefragt hast, weshalb ich die Würmer
erschaffen, so antworte ich Dir, daß ich dieselben erschaffen, um die
vielfache Macht meiner Weisheit und Güte zu zeigen. Denn obwohl sie
beschädigen können, schaden sie doch nur, wenn ich es zulasse und die Sünde
es erfordert, damit der Mensch, welcher es verachtet, sich seinem höchsten
Oberen zu unterwerfen, seufzen möge, daß er auch
vom Niedrigsten gequält werden könne, auch wisse, daß der Mensch nichts sei
ohne mich, dem auch das unvernünftige dient, wie denn alles meines Winkes
gewärtig ist.
Antwort auf die zweite Frage: Warum ich die wilden Tiere erschaffen, darauf antworte ich Dir: Alles, was ich erschaffen, war nicht allein gut, sondern auch sehr gut, und ist entweder erschaffen zum Nutzen des Menschen und seiner oder der übrigen Geschöpfe Bewährung, oder damit der Mensch nur seinem Gott desto demütiger soll dienen, je glücklicher er ist als alle Geschöpfe. Die wilden Tiere schaden in zeitlichen Dingen aus doppelter Ursache. Erstens zur Strafe und zur Erkenntnis des Bösen, auf daß die bösen Menschen aus den Geißeln erkennen mögen, wie sie mir, ihren Oberen, gehorchen sollen; zum anderen schaden sie auch den Frommen zum Fortschritte in der Tugend und der Reinigung, und weil der Mensch durch Sündigen sich wider mich, seinen Gott, erhoben, so hat sich auch alles, was ihm unterworfen worden, wider ihn erhoben.
Antwort aus die dritte Frage: Weshalb über den Leib Krankheit komme, darauf antworte ich, daß dies zu größerer Behutsamkeit vor der Sünde geschieht und wegen des Lasters der Unenthaltsamkeit und Schlemmerei, damit der Mensch durch die Zügelung des Fleisches geistliche Mäßigung und Geduld lerne.
Antwort auf die vierte Frage: Weshalb ferner ungerechte Richter geduldet werden? Das geschieht zur Reinigung anderer und wegen meiner Geduld, daß, sowie das Gold durch Feuer gereinigt wird, durch die Bosheit der Argen die Seelen gereinigt und erzogen, auch von allem Unerlaubten abgehalten werden. Deshalb trage ich auch die bösen Menschen geduldig, auf daß die Ähren des Teufels abgesondert werden mögen vom Getreide der Guten, auch ihre Begehrlichkeit durch meine verborgene göttliche Gerechtigkeit erfüllt werde.
Antwort auf die fünfte Frage: Warum endlich der Leib
im Tode Pein leidet? Es ist gerecht, daß der Mensch durch das, was er
sündigt, mittels ähnlichem gestraft werde, und weil er sündigt durch
unordentliche Lust, so ist es recht, daß er mit Bitterkeit und angemessene
Pein gestraft werde. Deshalb fängt der Tod bei etlichen hier an, um in der
Hölle ohne Ende ewig zu dauern; bei anderen endigt der Tod im Fegfeuer,
worauf die ewige Freude beginnt. ![]()
Die Jungfrau Maria sagt zur seligen Brigitta, daß, wer die göttliche Süßigkeit zu kosten begehrt, erst die Bitterkeit kosten muß.
Maria sprach: "Wer unter den Heiligen hat die Süßigkeit des Geistes gehabt, ohne vorher die Bitterkeit geschmeckt zu haben? Wer also die Süßigkeit begehrt, wird die Bitterkeit nicht fliehen."
Erste Frage. Abermals erschien derselbe auf der Stufe, der früher dort gewesen war, und sprach: O Richter, ich frage Dich, weshalb kommt das eine Kind lebendig aus dem Leibe seiner Mutter und erlangt die Taufe, und warum stirbt das andere, nachdem es die Seele empfangen, im Mutterleibe?
Zweite Frage: Weshalb ferner begegnet dem gerechten Menschen vieles Widerwärtige, dem ungerechten aber alles nach Wunsch?
Dritte Frage: Weshalb entstehen Pestilenz, Hunger und Ungemach, die den Leib peinigen?
Vierte Frage: Weshalb ferner kommt der Tod unversehens, so daß er sehr selten vorausgesehen werden kann?
Fünfte Frage: Weshalb duldest Du die Menschen, welche mit Überlegung zürnen und Neid haben, und mit der Absicht, sich zu rächen, in den Krieg ziehen?
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Freund,
Deine Frage kommt nicht aus der Liebe, sondern aus meiner Zulassung, deshalb
will ich Dir durch ein Gleichnis der Worte Antwort geben. Du fragst: Warum das
eine Kind in seiner Mutter Leibe stirbt, das andere aber lebendig zur Welt
kommt? Der Grund ist folgender. Alle Stärke des kindlichen Leibes ist aus dem
Samen des Vaters und der Mutter genommen; wenn aber die empfangene Frucht
wegen irgend einer Schwäche des Vaters oder der Mutter nicht die nötige
Stärke hat, stirbt sie deshalb schneller.
Vieles kommt auch von der Nachlässigkeit und Sorglosigkeit der Eltern her,
sowie vieles eine Folge meiner göttlichen Gerechtigkeit ist, daß Seele und
Leib nach ihrer Vereinigung früher getrennt werden. Gleichwohl warten der
Seele, wenn sie auch zur Belebung des Leibes keine längere Zeit empfangen
hat, nicht jene härtesten Peinen, sondern es naht ihr mehr meine, mir
bekannte Barmherzigkeit. Denn wie die Sonne, wenn sie in ein Haus scheint, in
ihrer Schönheit nur von denen geschaut wird, welche gen Himmel blicken, sonst
aber nur die Strahlen empfunden werden, also kommen diese Seelen, obwohl sie
wegen Mangels der Taufe mein Antlitz nicht sehen, meiner Barmherzigkeit
näher, als der Pein, jedoch nicht wie meine Auserwählten.
Antwort auf die zweite Frage: Weshalb dem gerechten
Menschen Widerwärtigkeiten begegnen? Ich antworte: Meine Gerechtigkeit
erfordert, daß ein jeglicher Gerechter erlange, was er begehrt. Nun ist aber
kein Gerechter, welcher nicht gemäß seines Gehorsams und zur Vervollkommnung
der Gerechtigkeit Widerwärtiges zu dulden begehrte, und welcher nicht seinem
Nächsten aus göttlicher Liebe Gutes erwiese. Wenn deshalb meine Freunde
betrachten, was ich, ihr Gott und Erlöser, für sie gethan und ihnen
verheißen habe, auch zugleich achthaben, welche Bosheit in der Welt ist, so
bitten sie zu meiner Ehre und zum eigenen Heile, sowie, um die Sünde zu
vermeiden, vorsichtshalber lieber um die Widerwärtigkeiten, als um die
Freuden der Welt, weshalb ich auch gestatte, daß Trübsale über sie kommen.
Wenn nun auch einige unter ihnen dieselben minder geduldig ertragen, so lasse
ich es doch nicht ohne Ursache geschehen und stehe ihnen in der Trübsal bei;
denn wie ein Sohn, wenn er von seiner liebreichen Mutter in der Kindheit
gestraft wird, es der Mutter wenig Dank weiß, weil er nicht begreifen kann,
weshalb er bestraft wird, später aber, wenn er zu den Jahren der
Unterscheidung gelangt, ihr dankt, weil er durch die Zucht der Mutter von dem
Bösen abgehalten worden und sich zu gutem Wandel und zur Zucht gewöhnt hat,
ebenso mache ich es mit meinen Auserwählten; denn weil diese mir ihren Willen
ergeben und mich über alles lieben, werden sie eine Zeit lang von Trübsalen
heimgesucht, und obwohl sie in der Gegenwart meine Wohlthaten nicht vollkommen
erkennen, so erweise ich ihnen doch,
was ihnen in der Zukunft frommt. Die Gottlosen aber haben, weil sie sich nicht
um die Gerechtigkeit kümmern, sich auch nicht scheuen, anderen Unrecht
zuzufügen, welche auch das Vergängliche begehren und das angenehme Irdische
lieben, infolge meiner Gerechtigkeit eine Zeit lang Glück, und sind von den
Geißeln frei, damit sie nicht mehr sündigen, wenn sie von Widerwärtigkeiten
berührt würden. Doch wird nicht allen Bösen gegeben, was sie begehren,
damit sie wissen, es stehe bei mir, wenn ich etwas geben wolle, da ich ja auch
den Undankbaren Gutes thue, obwohl sie es nicht verdienen.
Antwort auf die dritte Frage: Warum ferner Pestilenz und Hunger kommen? Ich antworte: Im Gesetze steht geschrieben, daß, wer einen Diebstahl begangen, mehr wieder geben soll, als er genommen hat (Exodus XXII.); wenn demnach die undankbaren Menschen meine Gaben nicht annehmen und dieselben mißbrauchen, mir auch von ihnen die gebührende Ehre nicht erwiesen wird, so suche ich in der gegenwärtigen Zeit den Leib mit größerer Trübsal heim, damit in der Zukunft die Seele geschont werde. Bisweilen auch verschone ich den Leib und strafe den Menschen an dem und durch das, was er liebt, damit, wer mich nicht hat wollen erkennen, da er sich freute, durch Trübsale mich verstehe und kennen lerne.
Antwort auf die vierte Frage: Weshalb ferner ein plötzlicher Tod komme? Ich antworte: Wenn der Mensch die Zeit seines Todes wüßte, würde er mir aus Furcht dienen oder vor Schmerzen von Kräften kommen. Damit nun der Mensch mir aus Liebe dienen möge, und immer um sich selber besorgt, meiner aber versichert sei, deshalb ist die Stunde des Ausganges aller ungewiß, und zwar mit Recht. Denn als der Mensch verließ, was wahr und gewiß war, ward es notwendig und billig, daß er von der, Ungewißheit gepeinigt würde.
Antwort auf die fünfte Frage: Weshalb ich zugebe,
daß die Menschen, wenn ihre Rachsucht überläuft, sich zum Kriege aufmachen?
Ich antworte: Ein jeglicher, welcher den vollkommenen Willen hat, seinem
Nächsten zu schaden, ist dem Teufel ähnlich und ein Glied und Werkzeug
desselben und ich würde dem Teufel wohl unrecht thun, wenn ich, ohne ein
Recht zu haben, ihm seinen
Knecht nähme. Wie ich nun meines Werkzeuges mich zu allem, was mir gefällt,
bediene, so erfordert es die Gerechtigkeit, daß der Teufel in demjenigen, der
mehr sein Glied, als das meinige sein will, wirke und thue, was sein ist,
entweder zur Reinigung anderer, oder zur Vollendung seiner Bosheit, da ich es
also gestatte und die Sünde es verlangt.
Erste Frage. Wieder erschien der Ordensgeistliche auf seiner Stufe und sprach: O Richter, ich frage Dich, in welchem Sinne redet man von einem Verächtlichen und Schönen in der Welt?
Zweite Frage: Warum soll ich das Schöne der Welt hassen, da ich doch schön und von edlem Geschlechte bin?
Dritte Frage: Warum soll ich mich über andere nicht erheben, da ich reich bin?
Vierte Frage: Warum darf ich mich anderen nicht vorziehen, da ich doch der Ehre würdiger bin als andere?
Fünfte Frage: Warum soll ich nicht nach eigenem Lobe trachten, da ich doch gut und des Lobes würdig bin?
Sechste Frage: Wenn ich anderen Gutes erweise, weshalb soll ich nicht Belohnung verlangen?
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Freund,
was im Sinne der Welt verächtlich und schön ist, das ist gleichsam bitter
und süß. Für etwas Verächtliches in der Welt hält man, von ihr verachtet
zu werden und Trübsale zu leiden; das ist bitter für die Gerechten und ihrer
Gesundheit förderlich; für schön in der Welt hält man, glücklich zu sein,
und das ist eine verführerische Süßigkeit und wie eine schmeichelnde und
trügerische Gesundheit. Wer also die Schönheit der Welt flieht und deren
Süßigkeit verwirft, wird weder den abscheulichen Ort der Hölle sehen, noch
deren Bitterkeit kosten, sondern auffahren zu meiner Freude. Damit denn nun
die Bitterkeit der Hölle nicht verkostet und die himmlische Süßigkeit
erlangt werde, ist es notwendig, mehr nach dem, was in der Welt verächtlich,
als nach dem zu trachten, was in ihr
schön ist, denn von mir ist alles wohl geschaffen und alles sehr gut, doch
muß man sich hauptsächlich vor dem sehr hüten, was denjenigen, welche meine
Gaben unvernünftig gebrauchen, Anlaß zum Schaden der Seele geben könnte.
Antwort auf die zweite Frage: Warum man sich ferner des Geschlechtes nicht rühmen solle? Ich antworte: Was Du von Deinem Vater empfangen hast, ist der verächtlichste Moder, und im Leibe Deiner Mutter warst Du wie tot und völlig unrein. Es ist auch nicht in Deiner Macht gewesen, von Edlen oder Unedlen geboren zu werden, sondern meine Güte und Liebe hat Dich an dieses Licht gebracht. Demütige Dich also, der Du edel genannt wirst unter mich, Deinen Gott, der ich es gefügt habe, daß Du von Edlen geboren worden, und halte Dich für gleich mit Deinem Nächsten, weil er von demselben Stoffe ist, obwohl Du durch meine Vorsehung aus einem hohen Geschlechte hervorgegangen bist, jener aber aus einem geringen. Fürchte Du, Adeliger, Dich auch mehr, als ein nicht Adeliger, weil von je höherem Adel und Reichtum Du bist, um so strengere Rechenschaft von Dir gefordert werden, und ebenso ein schwereres Gericht auf Dich warten wird, weil Du mehr empfangen hast.
Antwort auf die dritte Frage: Warum man ferner sich
nicht des Reichtums überheben solle? Ich antworte: Die Reichtümer der Welt
gehören Dir nur zum Bedürfnis Deines Lebensunterhaltes und Deiner Kleidung.
Denn die Welt ist dazu gemacht, daß der Mensch die Erhaltung seines Leibes
durch Arbeit erlange und zurückkehre in Demut zu mir, seinem Gotte, den er,
ungehorsam geworden, verachtet, wie er mich in seiner Hoffart vernachlässigt
hat. Sagst Du aber, die zeitlichen Güter seien Dein, so sage ich Dir für
gewiß, daß Du gleichsam gewaltsam Dir alles das anmaßest, was Du über
Deinen Bedarf hast. Denn die zeitlichen Güter sollen alle gemeinsam sein und
aus Liebe für die Dürftigen gleich. Du aber maßest Dir zum Überflusse an,
was anderen mitleidsvoll mitgeteilt werden sollte, obwohl auch viele
vernünftigerweise vieles vor anderen voraushaben, das sie vernünftig
besitzen und klüglich verteilen. Damit Du denn also nicht schwerer
beschuldigt werdest im Gerichte, Du habest Größeres empfangen als andere, so
ist Dir ratsam, daß Du Dich nicht in hoffärtiger
Erhebung und Anhäufung des Reichtums anderen voranstellst. Denn wie es
angenehm ist, in der Welt vor anderen Zeitliches zu besitzen und Überfluß zu
haben, so ist es im Gerichte schrecklich und über die Maßen schwer, wenn man
auch das Erlaubte nicht vernünftig verwendet hat.
Antwort auf die vierte und fünfte Frage: Warum man ferner das eigene Lob nicht suchen soll? Ich antworte: Niemand ist aus sich allein gut, als ich, Gott, und ein jeglicher, der gut ist, ist es von mir. Wenn Du daher, der Du nichts bist, Dein eigenes Lob suchest, nicht aber das meinige, obwohl von mir jegliche vollkommene Gabe kommt, so ist Dein Lob eitel und Du beleidigst mich, Deinen Schöpfer. Wie daher alles Gute, das Du hast, von mir kommt, so gebührt auch mir allein Lob, und wie ich, Dein Gott, Dir alles Zeitliche, Kräfte und Gesundheit, Gewissen und Scharfsinn, das zu erdenken, was Dir am nützlichsten ist, ingleichen Zeiten und Leben gewähre, also muß ich wegen all dieser Güter, indem Du mit dem Dir Verliehenen gut und vernünftig umgehest, geehrt werden. Verwendest Du es aber übel, so ist die Schuld wie die Undankbarkeit auf Deiner Seite.
Antwort auf die sechste Frage: Warum man ferner für die guten Werke in der Gegenwart keine zeitliche Vergeltung suchen soll? Darauf antworte ich Dir: Ein jeder, der anderen Gutes in der Absicht erweist, daß er keine Vergeltung vom Menschen erwartet, sondern es ihnen, wie ich, Gott, geben will, wird das Größte für das Kleinste, das Ewige für das Zeitliche erhalten. Wer aber Irdisches für Zeitliches begehrt, wird erhalten, was er verlangt, das Ewige jedoch verlieren. Damit denn also das ewige statt des Vergänglichen erlangt werde, ist es nützlicher, nicht bei Menschen, sondern bei mir seinen Lohn zu suchen.
Ferner erschien der Ordensgeistliche auf der Leiter und sprach: O Richter, ich frage Dich, weshalb erlaubst Du, daß in den Tempeln der Heiden Götter aufgestellt werden und Ehre genießen gleich Dir selber, da doch Dein Reich edler ist, als alles?
Zweite Frage: Warum lässest Du ferner Deine
Herrlichkeit
nicht in diesem Leben vor den Menschen sehen, auf daß sie von denselben desto
inbrünstiger begehrt werde?
Dritte Frage: Wenn ferner Deine Heiligen und Engel über alle Geschöpfe edel und heilig sind, weshalb lassen sie sich vor den Menschen in diesem Leben nicht sehen?
Vierte Frage: Wenn ferner die Pein der Hölle so schrecklich ist, daß nichts damit verglichen werden kann, weshalb lässest Du dieselbe nicht den Menschen in diesem Leben sichtbar werden, damit sie geflohen werde?
Fünfte Frage: Wenn endlich die Teufel so mißgestaltet und ohne Vergleich scheußlich sind, weshalb erscheinen sie den Menschen nicht sichtbar, da ja alsdann niemand denselben folgen, noch ihnen seinen Beifall geben würde?
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Freund,
ich bin der Schöpfer aller Dinge; ich thue dem Bösen kein größeres
Unrecht, als dem Guten, weil ich die Gerechtigkeit bin. Meine Gerechtigkeit
ist nun, daß der Eingang in den Himmel durch den beständigen Glauben und die
vernünftige Hoffnung und inbrünstige Liebe erlangt werden soll. Alles nun,
was im Herzen mehr und heißer geliebt wird, daran wird häufiger gedacht, und
das wird fleißiger angebetet; so werden auch die Götter, welche man in
Tempeln aufstellt, obgleich sie nicht Götter und keine Schöpfer sind, weil
nur Ein Schöpfer ist, nämlich ich, Gott Vater, Sohn und heiliger Geist, doch
von den Besitzern der Tempel, den Menschen, mehr geliebt, als ich, damit es
ihnen in der Welt gut gehen soll, nicht aber, um mit mir zu leben. Wenn ich
nun dasjenige vernichtete, was die Menschen mehr, als mich, lieben, und wenn
ich mich wider ihren Willen anbeten ließe, so würde ich ihnen unrecht thun,
wenn ich ihnen nähme, was sie mit ihrem freien Willen verlangen. Weil sie
also keinen Glauben an mich haben und in ihrem Herzen an etwas anderem sich
mehr ergötzen, als an mir, deshalb lasse ich vernünftigerweise zu, daß sie
das, was sie lieben und mit dem Herzen begehren, auch äußerlich mit dem
Werke vollbringen, und weil sie ihr eigenes Geschöpf mehr, als mich, ihren
Schöpfer, lieben, den sie aus seinen Zeichen und Thaten glaubwürdig erkennen
könnten, wenn sie ihre Vernunft gebrauchen wollten, so ist, weil sie
verblendet sind, ihr Geschöpf verflucht und verflucht sind ihre Götzen, sie
selber aber werden zu Schanden und wegen ihrer Thorheit gerichtet werden, weil
sie nicht einsehen wollen, wie süß ich, ihr Gott, bin, der ich aus heißer
Liebe den Menschen erschaffen und erlöst habe.
Antwort auf die zweite Frage: Weshalb ferner meine Herrlichkeit nicht sichtbar wird? Ich antworte: Meine Herrlichkeit ist unaussprechlich und an Lieblichkeit und Güte mit nichts zu vergleichen. Wenn nun meine Herrlichkeit, so wie sie ist, sichtbar, werden möchte, würde des Menschen verweslicher Leib kraftlos und schwach werden, wie die Sinne derer, welche meine Herrlichkeit auf dem Berge schauten. (Matth. XVII.) Es würde auch der Körper ob der Freude der Seele von der Arbeit ablassen und zu leiblichen Übungen nicht Bestand behalten. Weil nun auch ohne die Arbeit der Liebe kein Zutritt zum Himmel stattfindet, und damit der Glaube seine Belohnung habe, der Leib aber ausreiche für die Arbeit, verbirgt sich meine Herrlichkeit auf eine Zeit lang, damit sie aus Verlangen und Glauben desto glücklicher und reichlicher in Ewigkeit möge geschaut werden.
Antwort auf die dritte Frage: Warum ferner die Heiligen nicht geschaut werden, wie sie sind? Ich antworte: Wenn meine Heiligen öffentlich sichtbar würden und sichtbarerweise redeten, so würde ihnen Ehre gleich mir erwiesen, und dann würde der Glaube kein Verdienst haben, auch würde die Gebrechlichkeit des Fleisches ihren Anblick nicht aushalten. Aber auch meine Gerechtigkeit will nicht, daß eine so große Klarheit durch eine solche Gebrechlichkeit geschaut werde. Darum werden meine Heiligen weder gehört, noch gesehen, wie sie sind, damit alle Ehre mir erwiesen werde und der Mensch wisse, daß niemand mehr zu lieben sei als ich. Wenn aber gleichwohl meine Heiligen zuweilen erscheinen, so lassen sie sich doch nicht in der Gestalt der Herrlichkeit sehen, in welcher sie sich wirklich befinden, sondern in einer Gestalt mit verborgener Fülle der Kraft, in welcher sie ohne Verwirrung des leiblichen Verstandes geschaut werden mögen.
Antwort auf die vierte Frage: Weshalb ferner die
Peinen der Hölle nicht sichtbar werden? Ich antworte: Wenn die Peinen
der Hölle, wie dieselben sind, sichtbar erschienen, so würde der Mensch aus
Furcht ganz erstarren und das Himmlische aus Furcht, nicht aus Liebe suchen.
Weil aber niemand die göttliche Freude aus Furcht vor Strafe, sondern aus
göttlicher Liebe begehren soll, so werden jetzt die Strafen verborgen
gehalten. Denn wie die Guten und Heiligen jene unaussprechliche Freude, und
wie dieselbe ist, vor der Trennung des Leibes und der Seele nicht zu kosten
vermögen, so empfinden auch die Bösen die Pein nicht, sondern, nachdem die
Seele vom Leibe getrennt worden, empfinden sie durch Erfahrung, was sie mit
dem Verstande nicht haben prüfen wollen, als sie es vermochten.
Antwort auf die fünfte Frage: Weshalb ferner die Teufel nicht sichtbar erscheinen? Ich antworte: Wenn die abscheuliche Häßlichkeit derselben geschaut würde, würde die Seele des Schauenden von dem bloßen Anblicke sinnlos werden; der ganze Leib würde wie der eines bebenden Menschen erzittern, auch das Herz aus Furcht, wie entseelt, gleichsam sterben; auch würden die Füße außer stande sein, die übrigen Glieder zu tragen. Damit nun die Seele in ihrem Verstande beständig verharre und ihr Herz in meiner Liebe wache, auch der Leib in meinem Dienste zu arbeiten stark genug bleibe, wird die Häßlichkeit der Teufel verborgen gehalten, auf daß zugleich ihre Bosheit und Verwegenheit gezügelt werde.
Christus redet mit seiner Braut, der seligen Brigitta, und giebt eine Lehre durch das Gleichnis von einem Arzte, der wahrhaft heilt, und einem falschen Arzte, welcher tötet, und von einem Menschen, welcher nach Gutdünken verfährt und spricht: "Von der Hand eines Menschen, welcher die Sünder annimmt, die, wenn er ihnen Hilfe oder Anlaß zum Sündigen gewährt, in ihrer Sünde sterben, wird Gott den geistlichen Tod dieser Seelen fordern; nimmt er sie aber an, damit sie ablassen von der Sünde, damit sie von ihm sich in den Tugenden unterweisen lassen, und sie bessern sich, so werden er und sie großes Verdienst von Gott haben."
Der Sohn Gottes sprach: "Wenn in einem Hause ein
Kranker ist und es kommt ein tüchtiger Arzt zu ihm hinein, so erwägt dieser
alsbald nach den äußeren Zeichen, was für eine Krankheit
jener habe. Wenn nun der Arzt die Krankheit des Leidenden weiß, und giebt ihm
eine Arznei, auf welche der Tod erfolgt, so wird er wie ein Mörder
angeschuldigt und ist kein wahrer Arzt. Übt aber ein in der Heilkunde
Erfahrener die Arzneikunst um des Lohnes der Welt willen, so wird er von mir
keine Belohnung erhalten. Betreibt jedoch jemand die Heilkunst aus Liebe zu
mir und um meiner Ehre willen, so bin ich schuldig, ihn zu belohnen. Wenn aber
jemand kein Magister der Medizin ist, sondern glaubt nach seinem Gutdünken,
dieses oder jenes sei dem Kranken zuträglich, und giebt ihm solches in guter
Absicht ein, so darf derselbe nicht des Mordes beschuldigt werden, wenn der
Kranke stirbt, muß aber als ein thörichter und vermessener Mensch betrachtet
werden, und wird gleichwohl auf dessen Arznei der Kranke gesund, dann darf
derselbe nicht den Lohn eines Magisters, sondern den eines Mannes erhalten,
der die Arznei nicht nach der Wissenschaft, sondern nach Gutdünken gegeben
hatte. Was dieses bedeutet, will ich Dir sagen: Jene Dir bekannten Menschen
sind geistlich krank, zur Hoffart und Begierlichkeit geneigt, und folgen ihrem
eigenen Willen. Wenn nun einer ihrer Freunde, den ich dem Arzte vergleiche,
ihnen Hilfe und Rat gewährt, infolgedessen sie in Hoffart und Ehrgeiz sich
übernehmen und geistlich sterben, so werde ich fürwahr ihren Tod von seiner
Hand fordern; denn obwohl sie durch eigene Ungerechtigkeit sterben, so wird er
dennoch, weil er durch seine geleisteten Dienste die Ursache ihres Todes ist,
durchaus nicht frei sein von Strafe. Ist er aber, von natürlicher Liebe
geleitet, freundlich gegen sie, und erhebt sie in der Welt um seines Trostes
und der Ehre der Welt willen, so soll er durchaus von mir keinen Lohn zu
gewärtigen haben. Wenn er jedoch wie ein guter Arzt ihrer weislich gedenkt
und bei sich spricht: Sie sind krank und bedürfen der Arznei, und deshalb
werde ich ihnen meine Arznei, wie bitter ihnen dieselbe auch vorkommen mag,
weil sie ihnen heilsam ist, reichen, auf daß sie nicht eines zu harten Todes
sterben; deshalb will ich sie auch kurz halten, aber ihnen Speise geben, daß
sie nicht vor Hunger umkommen; werde ihnen Kleider reichen, daß sie ehrbar,
ihrem Stande gemäß, einhergehen; ich will sie auch unter meiner Leitung
behalten, damit sie nicht stolz werden; will sie mit anderen Notwendigkeiten
versehen, damit sie sich nicht in Hoffart erheben und nicht ausgelassen werden
durch Vermessenheit, noch Ursache
haben, anderen Schaden zu thun, so wird ein solcher Arzt großen Lohn von mir
empfangen, weil eine solche Behandlung mir wohlgefällt. Denkt aber ihr Freund
bei sich selber und spricht also: Ich will ihnen das Notwendige reichen, weiß
aber nicht, ob es ihnen zuträglich ist oder nicht, glaube jedoch, Gott nicht
zu mißfallen, noch ihrem Heile entgegenzuwirken, und sterben sie dann nach
seiner Gabe, so wird der Freund des Mordes nicht angeschuldigt werden, sondern
wegen des guten Willens und der frommen Absicht, in welcher er ihre Seelen
mehr liebt, werden, obwohl der Freund nicht den vollen Lohn erhalten wird, die
Kranken doch Erleichterung haben und in ihrer Gesundheit erstarken, die sie,
wenn die Liebe nicht mitgeholfen hätte, schwerer erlangen würden. Jedoch ist
hier ein Rat notwendig; denn nach dem gemeinen Sprichworte schadet ein wildes
Tier nicht, solange es eingeschlossen ist und wenn es in seiner
Eingeschlossenheit die notwendige Nahrung empfängt, wird es stark und ebenso
fett wie ein Tier, das seiner Freiheit Gewalt hat. Weil nun jene, deren Blut
und Herz Hohes sucht, von dieser Art sind, und ihr Wille desto mehr dürstet,
je mehr er trinkt, so soll ihr Freund ihnen keine Gelegenheit zu solchen
Gelüsten geben; sie gelüsten zwar danach, vermögen aber ihre Begierde nicht
zu befriedigen."
Erste Frage. Nach diesen Worten erschien der obgedachte Ordensgeistliche auf seiner Stufe und sprach: Richter, ich frage Dich, weshalb erscheinst Du so ungleich in Deinen Gaben und Gnaden, daß Du Deine Mutter allen Geschöpfen vorgezogen und sie über die Engel erhöht hast?
Zweite Frage: Weshalb hast Du ferner den Engeln einen Geist ohne Fleisch, und in der himmlischen Freude zu bleiben gegeben, dem Menschen aber ein irdisches Gefäß und einen Geist, sowie eine Geburt mit Weinen, ein Leben mit Beschwerde, einen Tod mit Schmerz?
Dritte Frage: Warum weiter hast Du dem Menschen einen
vernünftigen Verstand und Sinne, dem Tiere aber keine Vernunft gegeben?
Vierte Frage: Weshalb hast Du den Tieren, nicht aber den übrigen
empfindungslosen Geschöpfen Leben gegeben?
Fünfte Frage: Warum herrscht das Licht nicht in der Nacht ebenso wie am Tage?
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Freund, in meiner Gottheit ist alles Zukünftige, und das, was geschehen soll, wie das, was geschehen ist, vorhergewußt und von Anfang an vorhergekannt. Denn gleich wie der Fall des Menschen, welcher von der Gerechtigkeit Gottes zugelassen, nicht aber von Gott bewirkt worden, vorausgewußt war, wegen dieses Vorauswissen jedoch keineswegs eintreten mußte, - so ist auch von Ewigkeit her vorausgewußt, wie nach der Barmherzigkeit Gottes die Erlösung des Menschen stattfinden sollte. Du fragst nun, weshalb ich Maria, meine Mutter, allen vorgezogen und dieselbe vor allen Geschöpfen geliebt habe. Das geschieht deshalb, weil an ihr ein besonderes Zeichen der Tugenden sich fand. Denn wie bei einem angezündeten Feuer von dem umherliegenden Holze dasjenige am schnellsten Flamme fängt und verbrennt, das am leichtesten und wirksamsten in Brand gerät, so war es auch bei Maria. Als das Feuer der göttlichen Liebe, welche an sich unveränderlich und ewig ist, anfing zu brennen und zu erscheinen, und die Gottheit Fleisch werden wollte, war kein Geschöpf besser geeignet und kräftiger, dies Feuer aufzunehmen, als die Jungfrau Maria, weil keine Kreatur in solcher Liebe glühte als sie. Und obwohl ihre Liebe am Ende der Zeiten offen und sichtbar werden soll, ward sie doch schon vor dem Anfange der Welt vorausgesehen, und also in der Gottheit von Ewigkeit her vorausbestimmt, daß, wie ihr niemand in der Liebe ähnlich gefunden worden, also auch in der Gnade und im Segen niemand ihr gleich sein sollte.
Antwort auf die zweite Frage: Weshalb ich ferner dem
Engel einen Geist ohne Fleisch gegeben? Darauf antworte ich: Im Anfange und
vor den Zeiten und vor der Welt habe ich die Geister erschaffen, auf daß
dieselben mit freiem Willen begabt, sich nach meinem Willen, meiner Güte und
Herrlichkeit freuen möchten. Etliche von ihnen wurden übermütig und machten
sich Böses aus dem Guten, indem sie ihren freien Willen in unordentliche
Regungen
verkehrten. Und weil in der Natur und Schöpfung nichts Böses war, als die
Unordnung des eigenen Willens, fielen sie. Andere Geister aber zogen es vor,
unter mir, ihrem Gott, in Demut zu verharren; deshalb haben sie die ewige
Beständigkeit verdient, weil es würdig und recht ist, daß ich, Gott, der
ich ein unerschaffener Geist, Schöpfer und Herr aller Dinge bin, auch Geister
in meinem Gehorsame habe, welche feiner und beweglicher sind, als andere
Geschöpfe. Weil es sich aber nicht geziemte, daß ich eine Verminderung in
meinem Heere erführe, so habe ich ein anderes Geschöpf, d. h. den Menschen,
an die Stelle der Gefallenen hervorgebracht, welcher durch freien und guten
Willen dieselbe Würdigkeit verdienen sollte, die die Engel aufgegeben hatten.
Wenn daher der Mensch eine Seele hätte, aber kein Fleisch, so würde er für
ein so hohes Gut nicht arbeiten und dasselbe nicht verdienen können, deshalb
ist, um die ewige Ehre zu erlangen, der Leib der Seele zugesellt. Darum werden
ihm auch die Trübsale vermehrt, damit der Mensch den freien Willen erprobe in
seinen Schwachheiten, auf daß er nicht übermütig werde; ferner, daß er
nach der Herrlichkeit verlange, zu welcher er erschaffen worden, und den
Ungehorsam abthue, in welchen er freiwillig hineingerannt war. Deshalb ist ihm
aus göttlicher Gerechtigkeit ein kläglicher Ein- und Ausgang und ein
mühereiches Leben zugesellt worden.
Antwort auf die dritte Frage: Weshalb sodann die Tiere keinen vernünftigen Verstand haben gleich dem Menschen? Ich antworte Dir: Alles was erschaffen worden, ist zum Nutzen des Menschen, oder zu seiner Notdurft und Unterhaltung, oder zur Lehre, zur Strafe, zum Troste und zur Demütigung. Wenn nun die unvernünftigen Tiere Verstand hätten gleich dem Menschen, so würden sie dem Menschen zur Trübsal und mehr zum Schaden gereichen, als zum Nutzen. Damit nun alles dem Menschen, um dessen willen alles gemacht worden, unterworfen sein, und alles ihn, er selber aber niemand außer mich, seinen Gott, fürchten möge, so ist ihnen kein vernünftiges Erkenntnis gegeben worden.
Antwort auf die vierte Frage: Weshalb ferner die
empfindungslosen Dinge kein Leben haben? Ich antworte: Alles, was lebt, wird
sterben, und alles Lebende bewegt sich, wenn es nicht von einem Hindernisse
aufgehalten wird. Wenn die empfin-
dungslosen Dinge Leben hätten, würden sie sich eher gegen, als für den
Menschen regen. Damit nun alles dem Menschen zum Troste gereiche, ist ihm das
Höhere, d. h. die Engel zum Schutze gegeben, und er hat mit ihnen Vernunft
und Unsterblichkeit der Seele; das Niedere dagegen, nämlich die empfindenden
und empfindungslosen Dinge, sind ihm zum Nutzen, zum Unterhalt, zur Lehre und
Übung gegeben worden.
Antwort auf die fünfte Frage: Warum nicht allezeit
Tag sei? Darauf antworte ich Dir durch ein Beispiel. Unter jeglichem
Fuhrwerke, nämlich dem Wagen, sind Räder, damit die daraufgelegte Last
leichter fortbewegt werde, und die hinteren Räder folgen den vorderen.
Ähnlich ist es im Geistlichen. Denn die Welt ist eine große Last, welche den
Menschen mit Sorgen und Trübsalen beschwert, und das ist kein Wunder; denn
weil der Mensch der Stätte der Ruhe überdrüssig geworden, ist es recht,
daß er die Stätte der Beschwerlichkeit erprobe. Damit aber dieser Welt Last
desto leichter möge von dem Menschen getragen werden können, ist
barmherziglich der Wechsel und Wandel der Zeiten, nämlich Tag und Nacht,
Hitze und Kälte eingetreten, auf daß der Mensch geübt würde und Ruhe
hätte. Denn es ist vernünftig: daß, wo Widerstreitendes zusammenkommt,
nämlich Starkes und Schwaches, dem Schwachen nachgegeben werde, damit es
bestehen könne mit dem Starken, sonst wird das Schwache vernichtet. So ist es
auch mit dem Menschen; denn obwohl er durch die Kraft seiner unsterblichen
Seele in der Betrachtung und Arbeit verharren könnte, so würde er doch wegen
der Schwäche des Leibes erliegen, und darum ist das Licht erschaffen worden,
damit der Mensch, der mit dem Oberen und Unteren Gemeinschaft hat, bestehen
könne, indem er den Tag über arbeitet und der Süßigkeit des ewigen Lichtes
gedenkt, das er verloren hat. Die Nacht ferner ist gemacht, um der Ruhe des
Leibes willen, wenn er das Verlangen hat, an den Ort zu kommen, wo weder
Nacht, noch Arbeit ist, sondern beständiger Tag und ewige Herrlichkeit. ![]()
worin der Sohn Gottes gar schön alle Glieder der Jungfrau, seiner Mutter, lobt, und deutet dieselben auf geistliche Weise, indem er sie mit Tugenden vergleicht, und erklärt sie der Königskrone für überaus würdig.
Der Sohn sprach: "Ich bin in meiner Gottheit ein
gekrönter König, ohne Anfang und ohne Ende; auch meine Krone hat keinen
Anfang und kein Ende; sie bedeutet meine Macht, welche keinen Anfang hatte und
kein Ende haben wird. Aber ich habe eine andere Krone bewahrt in mir selber,
und diese Krone bin ich, Gott selbst. Diese Krone jedoch war dem zubereitet,
welcher die größte Liebe zu mir haben würde, und diese Krone hast Du, meine
süßeste Mutter, gewonnen und mit Gerechtigkeit und Liebe an Dich gezogen.
Denn hievon geben die Engel und andere Heiligen Zeugnis, daß in Dir die Liebe
zu mir inbrünstiger gewesen und Deine Keuschheit reiner als aller, welche mir
auch über alle gefallen hat. Denn Dein Haupt war wie glänzendes Gold und
Deine Haare waren wie die Strahlen der Sonne, weil Deine überaus reine
Jungfräulichkeit, welche in Dir gleichsam das Haupt aller Tugenden ist, und
die Enthaltsamkeit von allen unerlaubten Bewegungen vor meinen Augen in aller
Demut geleuchtet und Gefallen gefunden haben. Darum wirst Du mit Recht eine
über alles, was erschaffen worden, gekrönte Königin genannt, eine Königin
wegen der Reinheit und gekrönt wegen der ausgezeichneten Würde. Deine Stirn
war von unvergleichlicher Weiße und bedeutete die ehrwürdige Schamhaftigkeit
Deines Gewissens, in welchem die Fülle des menschlichen Wissens enthalten ist
und die Süßigkeit der göttlichen Weisheit über alle hervorleuchtet. Deine
Augen waren vor dem Angesichte meines Vaters so leuchtend, daß er sich in
denselben spiegelte; denn in Deinem geistlichen Antlitze und der Einsicht
Deiner Seele schaute der Vater Deinen ganzen Willen, und daß Du nichts
wolltest, als ihn, noch nach etwas begehrtest, als nach ihm. Deine Ohren waren
gar rein und geöffnet, wie überaus schöne Fenster, als Gabriel Dir meinen
Willen überbrachte und ich, Gott, in Dir Fleisch ward. Deine Wangen waren von
der trefflichen Farbe, nämlich
weiß und rot, weil der Ruf Deiner löblichen Werke und die Schönheit Deiner
Sitten, in denen Du täglich entzündet wardst, mir gefielen. Wahrlich, der
Schönheit Deines Wandels hat sich Gott, der Vater, erfreut und nimmer sein
Auge von Dir abgewendet, und durch Deine Liebe haben alle Liebe erlangt. Dein
Mund war wie eine Leuchte, die inwendig brennt und auswendig leuchtet, weil
die Worte und Regungen Deiner Seele inwendig brennend waren von göttlichem
Verstande und auswendig leuchteten von der löblichen Ordnung Deiner
leiblichen Bewegungen und dem überaus schönen Zusammenklange Deiner
Tugenden. Wahrlich, meine liebste Mutter, das Wort Deines Mundes hat
gewissermaßen meine Gottheit an Dich gezogen, und die Inbrunst Deiner
göttlichen Süßigkeit ließ nie eine Scheidung zwischen Dir und mir zu, weil
Deine Worte süßer sind als Honig und Honigseim. Dein Hals ist in edler Weise
ausgerichtet und sehr schön erhöht, weil Deiner Seele Gerechtigkeit
vollkommen zu mir aufgerichtet und nach meinem Willen beweglich und niemals
sich irgend einer sträflichen Hoffart geneigt war; denn gleichwie der Hals
sich neigt am Haupte, also neigte sich Dein ganzes Sinnen und Wirken nach
meinem Willen. Deine Brust war von jeglicher Lieblichkeit so angefüllt, daß
kein Gutes in mir ist, das nicht auch in Dir wäre; denn Du hast alles Gute
vermöge der Süßigkeit Deiner Sitten an Dich gezogen, als es meiner Gottheit
gefiel, zu Dir einzutreten, und meiner Menschheit, bei Dir zu wohnen und die
Milch Deiner Brust zu trinken. Deine Arme waren schön durch den wahren
Gehorsam und die Ertragung der Arbeiten. Deshalb haben Deine leiblichen Hände
meine Menschheit berührt und ich habe auf Deinen Armen mit meiner Gottheit
ruhig gelegen. Dein Leib war überaus rein wie Elfenbein und wie durch
wertvolle Steine vom höchsten Glanze erfüllt; denn die Beständigkeit Deines
Gewissens und Glaubens war nimmer. lau und konnte auch in der Trübsal nicht
verletzt werden. Die Flächen dieses Leibes, d. h. Deines Glaubens, waren aber
wie gar hellleuchtendes Gold; durch dieselben wird die Stärke Deiner Tugenden
bedeutet, ingleichen Deine Klugheit, Deine Gerechtigkeit und Mäßigkeit samt
der vollkommenen Beharrlichkeit, weil gerade alle Deine Tugenden durch
göttliche Liebe vollendet wurden. Deine Füße waren ungemein rein und
gewaschen,
auch wie mit duftenden Kräutern in Fülle überdeckt, weil Deine Hoffnung und
die Neigungen Deiner Seele auf mich, Deinen Gott, gerichtet waren und zum
Vorbilde und zur Nachahmung anderer Wohlgeruch atmeten. Dieser Wohnplatz
Deines Leibes, des geistlichen sowohl als des leiblichen, war mir so
wünschenswert und Deine Seele so nach meinem Gefallen, daß ich mich nicht
gescheut habe, vom höchsten Himmel hinabzusteigen zu Dir und in Dir meinen
Aufenthalt zu nehmen, ja, ich habe die süßeste Lust daran gehabt. Darum,
meine liebste Mutter, hat jene Krone, welche in mir verwahrt ward (und welche
Krone zwar ich, Gott, bin, der ich Fleisch werden mußte), niemand aufgesetzt
werden dürfen, als Dir, weil Du wahrhaft Mutter und Jungfrau und eine
Kaiserin aller Königinnen bist."
Erste Frage. Abermals erschien der Ordensgeistliche wie oben auf seiner Stufe und sprach: O Richter, ich frage Dich, weil Du der Mächtigste, Schönste und Tugendhafteste bist, weshalb hast Du über Deine Gottheit, welche so unvergleichlich heller ist, als die Sonne, einen solchen Sack, nämlich Deine Menschheit, gezogen?
Zweite Frage: Wie schließt ferner Deine Gottheit alles in sich und wird von keinem eingeschlossen, begreift alles und wird von keinem begriffen?
Dritte Frage: Warum ferner hast Du so lange Zeit im Leibe der Jungfrau liegen mögen, und bist nicht alsbald, nachdem Du empfangen worden, hervorgegangen?
Vierte Frage: Da Du ferner alles vermagst, auch überall gegenwärtig bist, weshalb bist Du nicht sogleich in jener Gestalt erschienen, als da Du das dreißigste Jahr erreicht hattest?
Fünfte Frage: Weshalb hast Du, da Du doch nicht dem Vater nach aus Abrahams Samen geboren worden, beschnitten sein wollen?
Sechste Frage: Wenn Du ohne Sünden empfangen und
geboren worden, weshalb hast Du dann getauft werden wollen? ![]()
auf die erste Frage. Der Richter antwortete ihm:
Freund, ich antworte Dir durch ein Beispiel. Es giebt eine Art Trauben, deren
Wein so stark ist, daß er ohne Zuthun der Menschen aus den Trauben fließt.
Wenn der Besitzer die Zeit der Reife merkt, setzt er ein Gefäß darunter;
aber der Wein wartet nicht auf das Gefäß, sondern das Gefäß auf den Wein;
wenn jedoch mehrere Gefäße untergestellt werden, ergießt sich der Wein in
dasjenige, welches ihm am nächsten ist. Diese Traube ist meine Gottheit,
welche vom Weine der göttlichen Liebe so gefüllt ist, daß alle Chöre der
Engel davon voll sind, und alles, was da ist, daran teilnimmt; der Mensch aber
hat sich durch Ungehorsam derselben unwürdig gemacht. Als nun Gott, mein
Vater, in der von Ewigkeit her vorgesehenen Zeit seine Liebe zeigen wollte,
sendete er seinen Wein, d. i. mich, seinen Sohn, in das Gesäß, welches, ihm
am nächsten gestellt, die Ankunft des Weines erwartete, nämlich in den
Schoß der Jungfrau, welche vor allen Geschöpfen die brünstigste Liebe zu
mir hatte. Diese Jungfrau liebte mich so sehr und verlangte so sehr nach mir,
daß keine Stunde war, wo sie mich nicht suchte und meine Magd zu werden
begehrte; deshalb erhielt sie den auserlesenen Wein. Dieser Wein hatte drei
Eigenschaften. Erstens die Stärke, weil ich ohne Berührung eines Menschen
hinausgegangen bin; zweitens eine sehr schöne Farbe, weil ich, schön an
Gestalt, vom höchsten Himmel herabgestiegen bin, um zu kämpfen; drittens die
beste Lieblichkeit, welche trunken macht durch höchsten Segen. Dieser Wein
also, der ich selber bin, ging deshalb ein in den jungfräulichen Leib, auf
daß ich, der unsichtbare Gott, sichtbar würde, um die Befreiung des
verlorenen Menschen herbeizuführen. Ich hätte allerdings wohl eine andere
Gestalt annehmen können, allein es würde nicht die Gerechtigkeit in Gott
gewesen sein, wenn nicht Gestalt für Gestalt, Natur für Natur und Maß der
Genugthuung nach dem Maße der Schuld gegeben worden wäre. Wer unter den
Weisen hätte wohl glauben und dafür halten können, daß ich, der
allmächtige Gott, mich so weit erniedrigen wolle, den Sack der Menschheit
anzunehmen, wenn nicht jene meine unerdenkliche Liebe gewesen wäre, vermöge
deren ich auf sichtbare Weise mit den
Menschen habe umgehen wollen? und weil ich die Jungfrau in so feuriger Liebe
habe brennen sehen, darum ist die strenge Gerechtigkeit meiner Gottheit
überwunden worden und hat sich die Liebe sehen lassen, auf daß der Mensch
wieder versöhnt würde mit mir. Was wunderst Du Dich? Ich, Gott, der ich die
Liebe selber bin, und der ich nichts von dem hasse, was ich geschaffen, habe
nicht allein verordnet, dem Menschen die besten Gaben zu geben, sondern auch
mich selber zu einem kostbaren Lohne, damit die hoffärtigen Teufel alle zu
Schanden würden.
Antwort auf die zweite Frage: Wie ferner meine Gottheit alles in sich schließt? Ich antworte: Ich, Gott, bin ein Geist; ich spreche, und es ist geschehen; ich befehle, und alles gehorcht mir. Ich bin es wahrlich, der ich allen Geschöpfen Sein und Leben gab, der ich, ehe ich den Himmel, die Berge und die Erde machte, in mir selbst bin, der ich über allem und außer allem und in allem Alles bin, wie in mir alles und ohne mich nichts ist. Und weil mein Geist überall wohnt, wo er will, und alles vermag, wenn er will, auch alles weiß und schneller und beweglicher ist, als alle Geister, indem er jegliche Kraft hat und alles Gegenwärtige, Vergangene und Zukünftige vorsieht; deshalb ist mein Geist, d. i. meine Gottheit, mit Recht unbegreiflich und begreift selber alles in sich.
Antwort auf die dritte Frage: Warum ich ferner solange im Leibe der Jungfrau gelegen? Ich antworte: Ich bin der Schöpfer der ganzen Natur und habe jeglicher Natur die ihr gebührende Weise und die Ordnung und Zeit des Hervorkommens angewiesen. Wenn nun ich, der Schöpfer, sogleich, nachdem ich empfangen worden, den Mutterleib verlassen hätte, würde ich gegen die natürliche Anordnung gehandelt haben, und würde alsdann die Annahme meiner Menschheit wie für zum Scheine geschehen und für unwahr gehalten worden sein. Darum habe ich so lange im Mutterleibe sein wollen, wie andere Kinder, damit ich dasjenige, was wohl gethan war, indem ich die natürliche Anlage ordnete, auch an mir selber erfüllte.
Antwort auf die vierte Frage: Weshalb ich ferner
nicht sogleich zur Zeit meiner Geburt so groß gewesen, wie ich es in meinem
dreißigsten Jahre gewesen? Ich antworte: Hätte ich dieses gethan, so würden
sich alle verwundert und mich gefürchtet haben,
mir auch mehr aus Furcht und wegen der Wunder, die sie gesehen, als aus Liebe
gefolgt sein. Und wie wären alsdann die Sprüche der Propheten erfüllt
worden, welche vorherverkündigt hatten, ich sollte als ein Knabe zwischen die
Tiere in eine Krippe gelegt, von den Königen angebetet, im Tempel dargestellt
und von meinen Feinden verfolgt werden? Um denn die Wahrheit meiner
Menschwerdung und die Erfüllung der Aussprüche der Propheten an mir
darzuthun, wuchs ich mit den Gliedern allgemach, der ich an Fülle der
Weisheit am Anfange meiner Geburt eben so groß war als am Ende.
Antwort auf die fünfte Frage: Ferner auf Deine Frage, weshalb ich mich habe beschneiden lassen? Ich antworte: Obwohl ich väterlicherseits nicht von Abraham meinen Ursprung ableite, so war ich doch mütterlicherseits aus Abrahams Samen, obwohl ohne Sünde. Weil ich nun das Gesetz in der Gottheit verordnet, habe ich es auch in der Menschheit erfüllen wollen, damit meine Feinde mich nicht verleumden und sprechen möchten, ich habe befohlen, was ich selber nicht habe mögen erfüllen wollen.
Antwort auf die sechste Frage: Warum ich ferner habe
getauft werden wollen? Ich antworte: Jeder, welcher einen neuen Weg anlegen
oder beginnen will, muß als Anleger und Anfänger anderen auf dem Wege
vorangehen. Nun war dem alten Volke ein gewisser fleischlicher Weg gegeben
worden, nämlich die Beschneidung zum Zeichen des Gehorsams und der künftigen
Reinigung, welcher in den gläubigen und gesetzestreuen Menschen, ehe die
verheißene Wahrheit, nämlich ich, der Sohn Gottes, kam, eine gewisse Wirkung
der künftigen Gnade und Verheißung äußerte. Als aber die Wahrheit kam,
ist, weil das Gesetz nur gleichsam ein Schatten war, in der Ewigkeit
beschlossen worden, daß der alte Weg, da er seine Kraft verloren, aufgegeben
werden solle. Damit denn nun die Wahrheit erscheinen und der Schatten weichen
und ein leichterer Weg zum Himmel gezeigt werden möchte, so habe ich, Gott,
und ohne Sünde geborener Mensch, aus Demut und anderen zum Vorbilde mich
wollen taufen lassen, um den Gläubigen den Himmel zu öffnen. Und zum Zeichen
dessen that sich, als ich getauft wurde, der Himmel auf, und es ward die
Stimme des Vaters vernommen. Der heilige Geist erschien in Gestalt einer
Taube, und ich, der
Sohn Gottes, ward in Gestalt eines wahren Menschen gezeigt, damit die
gläubigen Menschen wissen und glauben möchten, daß der Vater den getauften
Gläubigen den Himmel geöffnet hat. Der heilige Geist ist mit dem Taufenden
und die Kraft meiner Menschheit in dem Elemente, obwohl des Vaters und mein
und des heiligen Geistes Wirken und Wille nur eins ist. Wie nun also die
Wahrheit kam, d. h. als ich in die Welt kam, der ich die Wahrheit bin,
verschwand sofort der Schatten, die Schale des Gesetzes ward zerbrochen und es
erschien der Kern; die Beschneidung hörte auf und die Taufe ward an mir
selber bestätigt, durch welche Jungen wie Alten der Himmel aufgethan wird und
die Söhne des Zornes Söhne der Gnade und des ewigen Lebens werden.
worin Christus mit seiner Braut, der seligen Brigitta, redet, und sie lehrt, wie sie nicht bekümmert sein soll um den irdischen Reichtum, sie auch unterweist, Geduld zu haben in der Zeit der Trübsal mit der Tugend der vollkommenen Vernichtung und Verdemütigung.
Der Sohn Gottes redete zur Braut und sprach: "Habe
fleißig auf Dich acht." Jene aber antwortete: "Warum?" Der
Herr sprach zu ihr: "Weil die Welt vier Diener an Dich absendet, welche
Dich betrügen wollen. Der erste ist die Sorge um den Reichtum. Diesem
antworte, wenn derselbe kommt: Der Reichtum ist vergänglich. Man muß über
denselben eine um so größere Rechenschaft ablegen, in je größerem
Überflusse derselbe vorhanden ist; deshalb will ich mich um denselben nicht
bekümmern, weil er seinem Besitzer nicht nachsflgt, sondern ihn verläßt. -
Der zweite Diener ist der Verlust des Reichtumes und der Schaden an
verliehenen Gütern. Diesem antworte also: Der die Reichtümer gab, nahm
dieselben auch wieder hinweg; er weiß, was mir nützt; sein Wille geschehe! -
Der dritte Diener ist die Trübsal der Welt. Zu diesem sprich also: Gebenedeit
seist Du, mein Gott, der Du erlaubst, daß Trübsale über mich kommen, denn
durch die Trübsal erkenne ich, daß ich Dein bin, darum suchest Du mich im
gegenwärtigen Leben mit Trübsalen heim, auf daß Du meiner im künf-
tigen schonen mögest; verleihe mir daher Geduld und Stärke im Ertragen. -
Der vierte Diener ist die Verachtung und Schmach. Diesem antworte also: Gott
allein ist gut und ihm gebührt alle Ehre; ich aber, die ich lauter niedrige
und böse Werke vollbracht habe, woher und wozu soll mir Ehre zu teil werden,
die ich vielmehr jeglicher Schande würdig bin, weil mein ganzes Leben Gott
gelästert hat? Oder wozu nützt mir die Ehre mehr, als die Schande, als dazu,
daß sie die Hoffart reizt und die Demut vermindert und Gott vergißt? Darum
sei Gott alles Lob und alle Ehre. Deshalb stehe fest wider die Diener der Welt
und liebe mich, Deinen Gott, von ganzem Herzen."
Erste Frage. Abermals zeigte sich der Ordensgeistliche wie oben auf seiner Sprosse und sprach: O Richter, ich frage Dich, Du bist Gott und Mensch; warum hast Du Deine Gottheit nicht sichtbar gemacht, wie Deine Menschheit? Es hätten alsdann alle an Dich geglaubt.
Zweite Frage: Warum hast Du nicht alle Deine Worte in einem Augenblicke hören lassen? Dann würde es doch nicht nötig gewesen sein, dieselben nach und nach predigen zu lassen.
Dritte Frage: Warum hast Du ferner Deinee Werke nicht alle in einer Stunde gemacht?
Vierte Frage: Warum wuchs Dein Körper allgemach in der Zeit und nicht in einem Augenblicke?
Fünfte Frage: Warum hast Du Dich endlich bei der Annäherung des Todes nicht in der Macht Deiner Gottheit gezeigt? Oder warum hast Du nicht Deine Strenge an dem Feinde sehen lassen, als Du sprachst: Alles ist vollbracht?
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Ich
antworte Dir und nicht Dir. Dir antworte ich, damit anderen die Bosheit Deines
Gedankens bekannt werde; ich antworte aber nicht Dir, weil das nicht zu Deinem
Nutzen gezeigt wird, sondern zum Frommen und zur Behütung gegenwärtig und
zukünftig lebender
Menschen, denn Du denkst nicht darauf, Deine Hartnäckigkeit zu verändern und
deshalb wirst Du auch nicht von Deinem Tode zu meinem Leben übergehen, weil
Du in Deinem Leben das wahre Leben hassest. Andere aber werden, wenn sie Dein
Leben, ja Deinen Tod vernehmen, hinübergehen und auffahren zu meinem Leben,
dieweil geschrieben steht: Den Heiligen gereicht alles zum besten, und Gott
lasset nichts ohne Ursache zu. Ich antworte Dir also nicht wie Leute, die mit
menschlichem Munde reden, da geistliche Dinge unter uns verhandelt werden,
sondern damit das, was Du denkst und begehrst, anderen durch Gleichnisse
ausgedrückt werde. Du frägst also, weshalb ich meine Gottheit nicht ebenso
öffentlich habe sehen lassen, wie meine Menschheit? Der Grund ist, weil die
Gottheit geistlich ist, die Menschheit aber leiblich; gleichwohl sind und
waren die Gottheit und die Menschheit vom Anfange ihrer Verbindung an
unzertrennlich und die Gottheit ist unerschaffen. Und alles, was da ist, ist
in ihr und in ihr alle Vollendung und Schönheit. Wenn denn also eine solche
Schönheit und Vollkommenheit sichtbarlich sich sehen lassen würde, wer
sollte es aushalten, sie mit seinen Augen aus Lehm anzuschauen? Oder wer
vermag auch nur die körperliche Sonne in ihrer Klarheit anzusehen? Oder wen
entsetzte nicht der Anblick des Blitzes und das Krachen des Donners? Wie viel
mehr denn, wenn der Herr der Blitze und der Schöpfer aller Dinge in seiner
Klarheit sich sollte sehen lassen? Deshalb hat sich meine Gottheit aus einem
doppelten Grunde nicht öffentlich gezeigt. Erstens wegen der menschlichen
Schwachheit des Leibes, dessen Bestandschaft Erde ist; denn wenn der Leib
irgend eines Menschen die Gottheit sähe, würde er wie Wachs vor dem Feuer
schmelzen, und seine Seele in solcher Freude aufjubeln, daß der Leib wie
Asche zerfallen würde. Zweitens wegen der göttlichen Güte und ihrer
unwandelbaren Beständigkeit; denn wenn ich leiblichen Augen meine Gottheit
zeigen wollte, welche unvergleichlich heller glänzt, als Feuer und Sonne, so
würde ich wider mich selber handeln, der ich gesagt habe: Kein Mensch sieht
mich und lebt. (Exodus XXXIII, 20.) Aber auch selbst die Propheten erblickten
mich nicht, wie ich in meinem Wesen der Gottheit bin, weil auch sie nur die
Stimme meiner Gottheit vernahmen und einen rauchenden Berg sahen, sich
entsetzten und sprachen:
Moses möge mit uns reden und wir wollen ihn hören. Deshalb habe ich, der
barmherzige Gott, damit der Mensch mich besser erkennen möge, mich ihm in
einer ihm ähnlichen Gestalt gezeigt, welche gesehen und empfunden werden
konnte, nämlich in meiner Menschheit, in welcher auch die Gottheit, aber
gleichsam verschleiert ist, damit der Mensch nicht vor der ihm ungleichen
Gestalt erschrecken möge; weil ich also, soweit ich Gott bin, nicht leiblich
bin, noch leibliche Gestalt habe, konnte ich in meiner Menschheit auf eine
leichter zu ertragende Weise von den Menschen gehört und gesehen werden.
Antwort auf die zweite Frage: Weshalb ich ferner nicht alle meine Worte in einer Stunde geredet habe? Ich antworte: Gleichwie es der körperlichen Beschaffenheit des Leibes entgegen ist, daß er in einer Stunde so viel Speise zu sich nehme, als für viele Jahre zur Sättigung ausreichte, so war es auch wider die göttliche Ordnung, daß meine Worte, die Speise der Seele, in einer Stunde geredet wurden und gleichwie die leibliche Speise allmählich genossen wird, damit dieselbe gekaut und so dem Magen zugeführt werde, so mußten meine Worte nicht in einer Stunde, sondern in Zeitzwischenräumen nach dem Verständnisse derer, die lernen sollen, gesprochen werden, auf daß die Hungernden hätten, wovon sie gesättigt, und die Gesättigten zu Höherem angeeifert würden.
Antwort auf die dritte Frage: Weshalb ich ferner
meine Werke nicht alle in einem Augenblicke vollbracht habe? Ich antworte:
Unter denen, welche mich im Fleische erblickten, waren einige, die mir
glaubten, andere aber glaubten nicht, deshalb bedurften diejenigen, welche
glaubten, der allmählichen Unterweisung in Worten, bisweiliger Aufmunterung
durch Vorbilder und Stärkung durch Werke; diejenigen aber, welche nicht
glaubten, sollten ihre leidenschaftliche Böswilligkeit zeigen können und in
dem Maße geduldet werden, als meine göttliche Gerechtigkeit es zuließ.
Hätte ich nun alle meine Werke in Einem Augenblicke vollbracht, so würden
mir alle mehr aus Furcht, als aus Liebe gefolgt sein; wie aber hätte dann das
Geheimnis der menschlichen Erlösung vollendet werden können? Wie daher im
Anfange der Erschaffung der Welt alles in bestimmten Stunden und Weisen gethan
worden, obwohl alles, was vollbracht werden sollte, damals ohne Wandel in der
Vorher-
sehung meiner Gottheit zugleich vorhanden war, so mußte auch in meiner
Menschheit alles vernünftigerweise und unterschiedlich zu aller Heil und
Belehrung gethan werden.
Antwort auf die vierte Frage: Weshalb mein Leib in einer Anzahl von Jahren gewachsen ist und nicht in Einem Augenblick?r Darauf antworte ich: Der heilige Geist, welcher ewiglich im Vater, und in mir, dem Sohne, ist, zeigte den Propheten, was ich, ins Fleisch gekommen, thun und leiden würde. Deshalb gefiel es der Gottheit, daß ich einen solchen Leib annähme, in welchem ich vom Morgen bis zum Abend und von Jahr zu Jahr bis an das Ziel des Todes arbeiten könne. Damit denn nun die Worte der Propheten nicht vergeblich erscheinen müßten, deshalb habe ich, der Sohn Gottes, einen bis auf die Sünde dem Leibe Adams ähnlichen Leib angenommen, um darin denen ähnlich zu sein, welche ich erlösen wollte, auf daß durch meine Liebe der verirrte Mensch zurückgeführt, der Tote auferweckt und der Verkaufte wieder eingelöst werden möchte.
Antwort auf die fünfte Frage: Weshalb ich ferner
nicht allen die Macht meiner Gottheit, und daß ich wahrer Gott sei, gezeigt
habe, als ich am Kreuze sprach: Es ist vollbracht? Ich antworte: Alles, was
von mir geschrieben war, mußte erfüllt werden, und deshalb habe ich das
alles bis auf den letzten Punkt erfüllt. Weil aber auch vieles über meine
Auferstehung und Himmelfahrt verkündigt worden war, so war es notwendig, daß
auch dieses zur Wirklichkeit gelangte. Wenn nun bei meinem Tode die Macht
meiner Gottheit sich hätte sehen lassen, wer möchte denn gewagt haben, mich
vom Kreuze herabzunehmen und zu begraben? Es wäre endlich etwas höchst
Geringes für mich gewesen, vom Kreuze herabzusteigen und die Kreuziger
niederzuwerfen; wie wäre aber alsdann die Prophezeiung erfüllt worden, oder
wo dann die Tugend meiner Geduld geblieben? Wenn ich jedoch auch vom Kreuze
herabgestiegen wäre, würden dann auch alle geglaubt haben? Würden sie nicht
auch gesagt haben, ich hätte es durch Zauberei gethan? Denn wenn sie unwillig
waren, daß ich die Toten erweckt, die Kranken geheilt habe, so würden sie
noch Schlimmeres gesagt haben, wenn ich vom Kreuze herabgestiegen wäre. Damit
nun der Gefangene frei würde, bin ich, der Freie, gefangen worden;
und damit die Schuldigen erlöst würden, bin ich, der Unschuldige, beharrlich
am Kreuze geblieben und habe durch meine Beständigkeit alles Unbeständige
befestigt und alles Schwache gestärkt.
Christus, der Sohn Gottes, redet mit seiner Braut Brigitta, unterweist dieselbe und sagt, wie im geistlichen Leben durch Mühe und anhaltende Beharrlichkeit, und, indem man mit Demut dem Rate des Älteren folgt, tapfer den Versuchungen Widerstand leistet, die Ruhe des Herzens und die ewige Herrlichkeit erlangt wird. Er führt das Beispiel Jakobs an, welcher für Rachel diente Es kommen, sagt er, einigen sehr starke Versuchungen im Anfange ihrer Bekehrung zu einem geistlichen Leben. Anderen kommen sie in der Mitte und am Ende, und darum soll man sich fürchten und mit Demut in den Tugenden und der Bemühung bis an das Ende verharren
Der Sohn sprach: "Es steht geschrieben, Jakob habe um
Rachel gedient, und es schienen ihm der Größe seiner Liebe halber nur wenige
Tage, weil die Größe der Liebe die Arbeiten erleichterte. Als aber Jakob zu
erlangen gedachte, was er wünschte, ward er hintergangen. Gleichwohl ließ er
jedoch von seiner Arbeit nicht ab, weil die Liebe wegen der Beschwerde nicht
ermattet, bis sie erlangt, was sie wünscht. So ist es auch in geistlichen
Dingen. Viele mühen sich, um das Himmlische zu erlangen, mannhaft in Gebeten
und frommen Bemühungen. Wenn sie aber zur Ruhe der Betrachtung zu gelangen
vermeinen, werden sie in Anfechtungen verwickelt und die Trübsale mehren
sich, und wo sie sich gleichsam für vollkommen hielten, finden sie sich
gänzlich unvollkommen. Und das ist kein Wunder. Denn die Versuchungen sind
es, welche den Menschen bewähren, reinigen und vollkommen machen. Deshalb
mehren sich bei einigen die Versuchungen im Anfange ihrer Bekehrung zu einem
geistlichen Leben, und diese werden zuletzt desto mehr in der Vollkommenheit
befestigt. Andere aber werden in der Mitte am schwersten versucht oder gegen
das Ende; diese sollen sorgfältig auf sich selber achten und sich niemals auf
sich selber etwas einbilden, sondern um so tapferer arbeiten, wie Laban sagte:
Es ist der Brauch, daß man zuerst die ältere Schwester nehme,
als wollte er sagen: Übe Dich zuvor in der Arbeit, und nachher wirst Du die
gewünschte Ruhe haben. Deshalb, meine Tochter, magst Du Dich nicht wundern,
wenn noch im Alter die Anfechtungen zunehmen; denn wie es möglich ist, daß
man lebe, so ist es auch möglich, versucht zu werden, denn der Teufel
schläft nie. Wie die Versuchung ein Anlaß zur Vollkommenheit ist, damit der
Mensch sich nicht überhebe, zeige ich Dir ein Beispiel von zwei Menschen. Der
eine ward im Anfange seiner Bekehrung versucht, und beharrte, nahm zu und
erlangte, was er suchte; der andere erfuhr in seinem Alter schwere
Versuchungen, welche er in seiner Jugend wenig kannte, und in welche er so
verwickelt ward, daß er alle früheren gleichsam vergaß. Weil er aber fest
stand in seinem Entschlusse und von der Arbeit nicht abließ, obwohl er kalt
und lau geworden war, gelangte er zur gewünschten Ruhe des Herzens, indem er
an sich selber erkannte, daß die Ratschlüsse Gottes geheim und gerecht sind,
und wenn jene Versuchungen nicht gewesen wären, wäre er schwerlich zum
ewigen Heile gekommen."
Erste Frage. Abermals erschien der Ordensgeistliche, wie oben auf seiner Stufe stehend, und sprach: O Richter, ich frage Dich, weshalb hast Du lieber von einer Jungfrau, als von einem Weibe, welches keine Jungfrau ist, geboren werden wollen?
Zweite Frage: Weshalb hast Du nicht durch ein sichtbares Zeichen dargethan, daß sie, obwohl Mutter, eine reine Jungfrau war?
Dritte Frage: Weshalb hast Du Deine Geburt so sehr verborgen, daß sie gleichsam sehr wenigen bekannt geworden ist?
Vierte Frage: Weshalb bist Du sodann vor Herodes nach Ägypten entflohen, und weshalb hast Du zugelassen, daß die unschuldigen Kinder getötet worden?
Fünfte Frage: Weshalb lassest Du Dich ferner
lästern und von der Lüge die Wahrheit überwunden werden? ![]()
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: O Freund, deshalb habe ich lieber von einer Jungfrau, als von einem Weibe, das keine Jungfrau ist, geboren werden wollen, weil mir, dem reinsten Gott, alles Reinste gebührt. Denn so lange die Natur des Menschen in der Ordnung ihrer Schöpfung stand, hatte sie keine Mißgestalt; nachdem aber das Gebot übertreten war, trat sofort die Scham hinzu, wie auch den Menschen begegnet, welche, wenn sie wider ihren zeitlichen Herrn sündigen, sich auch der Glieder schämen, mit denen sie gesündigt haben. Als deshalb die Scham zur Übertretung hinzugekommen war, vermehrte sich alsbald die ungeordnete Regung, und hauptsächlich an dem Gliede, das zur Erzeugung mehrerer Frucht bestimmt war; diese Regung aber ward, damit sie nicht leer an Frucht bleiben möchte, durch die Güte Gottes in Gutes gewandelt, und durch Einsetzung eines göttlichen Gebotes ist das Werk der fleischlichen Vermischung gestattet worden, auf daß die Natur Frucht bringen möchte. Weil es aber rühmlicher ist, sich über das Gebot zu erheben und aus Liebe irgend welches Gute, das jemand vermag, mehr zu thun, deshalb gefiel es Gott, zu seinem Werke demjenigen den Vorzug zu geben, das nach einer größeren Reinigkeit und Liebe strebte, und dieses ist die Jungfräulichkeit, weil es tugendhafter und ehrbarer ist, im Feuer der Trübsal sein und nicht brennen, als ohne Feuer sein und dennoch gekrönt werden wollen. Nun aber, weil die Jungfräulichkeit ein überaus schöner Pfad zum Himmel ist, der Ehestand aber wie eine Landstraße, deshalb ziemte es sich für mich, den reinsten Gott, in der reinsten Jungfrau zu ruhen; denn gleichwie der erste Mensch aus Erde gemacht wurde, welche gleichsam, da sie noch nicht befleckt war vom Blute, eine Jungfrau war, so wollte auch ich, Gott; in einem jungfräulichen Gefäße aufgenommen werden, und weil Adam durch den Genuß der verbotenen Frucht die Gesundheit der Natur, die unverdorbene und unversehrte Natur der Zeugung preisgab, so sollte durch meine Güte alles erneuert werden.
Antwort auf die zweite Frage: Weshalb ich nicht durch
sichtliche Zeichen dargethan habe, daß meine Mutter eine Jungfrau und Mutter
gewesen? Ich antworte: Alle Geheimnisse meiner
Menschwerdung habe ich den Propheten eingegeben, damit dieselben um so viel
fester geglaubt werden möchten, je länger sie vorausgesagt worden. Daß aber
meine Mutter vor meiner Geburt und nachher Jungfrau war, dazu reichte das
Zeugnis Josephs aus, der ein Hüter und Zeuge ihrer Jungfräulichkeit war.
Wenn aber auch ihre Keuschheit durch ein augenscheinlicheres Wunder dargethan
worden wäre, würde doch die Bosheit der Ungläubigen keineswegs von der
Gotteslästerung abgelassen haben, da sie einmal nicht glauben, daß eine
Jungfrau durch die Macht der Gottheit empfangen habe, indem sie nicht
achthaben, daß mir, Gott, dieses leichter ist, als der Sonne das Glas zu
durchdringen. Allein es verlangte auch die Gerechtigkeit meiner Gottheit, daß
das Geheimnis der göttlichen Menschwerdung, das zur Zeit der Gnade offenbar
werden sollte, dem Teufel und den Menschen verborgen bliebe. Nun aber sage
ich, daß meine Mutter wahrhaft Mutter und Jungfrau ist, so daß, wie bei der
Erschaffung Adams und Evas der Gottheit Macht wunderbar und mit ihrer
Beiwohnung ein ehrbares Ergötzen verbunden war, der Eingang meiner Gottheit
in den Schoß der Jungfrau eine wunderbare Güte offenbarte, weil meine
unbegreifliche Gottheit in ein verschlossenes Gefäß, ohne dasselbe zu
verletzen, hinabstieg. Auch ich hatte darin angenehm zu wohnen, als ich, Gott,
mit meiner Gottheit überall gegenwärtig, mit meiner Menschheit dort
eingeschlossen war; dann offenbarte sich auch meine bewundernswerte Macht, da
ich, der unkörperliche Gott, aus dem leiblichen Schoße der unversehrt
gebliebenen Jungfrau hervorging. Weil aber der Mensch hartgläubig und meine
Mutter eine Freundin aller Demut ist, so hat es mir gefallen, ihre Schönheit
und Vollkommenheit auf eine Zeit lang zu verbergen, auf daß auch die Mutter
einiges Verdienst habe und desto vollkommener gekrönt werde, und ich, Gott,
desto mehr in der Zeit geehrt werden möchte, in welcher die Verheißungen,
den Frommen zum Verdienst, den Bösen zur Vergeltung, in Erfüllung geben
wollten.
Antwort auf die dritte Frage: Warum ich den Menschen
meine Geburt nicht angezeigt habe? Ich antworte: Obwohl der Teufel die Hoheit
seiner ursprünglichen Würde verloren, hat er doch die Wissenschaft nicht
verloren, welche er zur Bewährung der Frommen und zu seiner eigenen Schande
hat. Damit nun meine Menschheit
aufwachsen und zu einem bestimmten Alter kommen konnte, deshalb mußte das
Geheimnis meiner Barmherzigkeit dem Teufel verborgen bleiben; denn ich habe in
der Verborgenheit kommen wollen, um den Teufel zu überwinden, und mir
vorgesetzt, verachtet zu sein, um die Anmaßung der Menschen zu brechen. Die
Meister des Gesetzes selbst haben den verachtet, von dem sie in ihren Büchern
lasen, weil er demütig gekommen ist. Weil sie hoffärtig waren, haben sie die
wahre Gerechtigkeit nicht hören wollen, welche aus dem Glauben meiner
Erlösung hervorgeht, weshalb sie zu Schanden werden, wenn der Sohn des
Verderbens in seiner Hoffart kommen wird. Wenn ich aber in voller Macht und
Ehre gekommen wäre, wie wäre alsdann der Hoffärtige gedemütigt worden?
Oder soll jetzt der Hoffärtige in den Himmel kommen? Mit nichten! Ich bin
demütig gekommen, auf daß der Mensch die Demut lernen möge, und habe mich
vor den Hoffärtigen verborgen, weil sie weder meine göttliche Gerechtigkeit,
noch sich selber haben verstehen wollen.
Antwort auf die vierte Frage: Weshalb ich ferner nach
Ägypten geflohen? Ich antworte: Vor der Übertretung des Gebotes war zum
Himmel ein einziger breiter und ein in göttlicher Weisheit und dem Gehorsame
eines guten Willens lichter Weg. Nachdem aber der Wille verkehrt worden,
begannen zwei Wege, der eine führte zum Himmel, der andere führte vom Himmel
ab; zum Himmel der Gehorsam, der Ungehorsam von ihm hinweg. Wie nun in des
Menschen freiem Willen die Wahl des Guten und Bösen lag, zu gehorchen und
nicht zu gehorchen, so sündigte er, weil sein Wille anders war, als er nach
dem Willen Gottes hätte sein sollen. Sollte also der Mensch errettet werden,
so war es würdig und recht, daß einer kam, der ihn erlöste, der auch
vollkommenen Gehorsam und Unschuld hatte, und an welchem die einen, wie sie
wollten, ihre Liebe, die anderen ihre Bosheit zeigen konnten. Es durfte aber,
um die Menschen zu erlösen, nicht ein Engel gesandt werden, weil ich, Gott,
meinen Ruhm keinem anderen überlasse, und ebenso ward auch kein Mensch
gefunden, welcher für sich selber mich besänftigen konnte, noch weniger aber
für andere. Deshalb bin ich, Gott, der allein Gerechte, gekommen, um alle zu
rechtfertigen. Daß ich aber nach Ägypten geflohen, darin hat sich die
Schwachheit meiner Menschheit erwiesen und die Weissagung
sich erfüllt. (Osea XI.) Auch habe ich damit meinen zukünftigen Freunden ein
Beispiel gegeben; denn bisweilen muß der Verfolgung um der größeren
Herrlichkeit Gottes halber aus dem Wege gegangen werden. Daß ich von meinem
Verfolger nicht gefunden ward, darin ist der Ratschluß meiner Gottheit
mächtiger gewesen, als der menschliche, weil wider Gott zu streiten nicht
leicht ist; der Kindermord aber war ein Vorzeichen meines künftigen Leidens
und ein bedeutungsvolles Geheimnis derer, welche berufen werden sollten, sowie
der göttlichen Liebe; denn obwohl mir die Kinder nicht mit Stimme und Mund
Zeugnis gaben, legten sie es doch durch ihren Tod ab, gleichwie dies meiner
eigenen Kindheit entsprach. Es war ja vorausgesehen worden, daß auch durch
der Unschuldigen Blut das Lob Gottes würde vollbracht werden; denn, obwohl
der Ungerechten Bosheit dieselben unschuldig getötet hat, hat doch meine
allezeit gerechte und gütige göttliche Zulassung sie nur gerechterweise
dahingegeben, um der Menschen Bosheit zu enthüllen und meiner Gottheit
unerforschlichen Ratschluß und meine Liebe kundzuthun. Wo daher an den
Kindern die Ungerechtigkeit überwallte, da ist auch mit Recht das Verdienst
und die Gnade in ihrer Überfülle hervorgetreten. Und wo es am Bekenntnisse
der Zunge und am Alter gemangelt, da hat das vergossene Blut das vollkommenste
Gut reichlich voll gemacht.
Antwort auf die fünfte Frage: Warum ich mich ferner
lästern lasse? Ich antworte: Es steht geschrieben, daß, als König David vor
der Verfolgung seines Sohnes entwich, ihm einer fluchte. Als seine Diener
denselben töten wollten (II. Könige XVI.), verbot es ihnen David aus einem
doppelten Grunde. - Erstlich, weil er die Hoffnung der Rückkehr hatte,
zweitens, weil er seine eigene Schwäche und Sünde, sowie die Thorheit des
Fluchenden und Gottes Geduld und Güte gegen ihn in Betracht zog. Ich habe in
David mein Vorbild; denn der Mensch verfolgt mich, wie jener Knecht seinen
Herrn, durch seine bösen Werke, und wirft mich heraus aus meinem Reiche, das
heißt aus der Seele, welche ich erschaffen habe und welche mein Reich ist.
Endlich schmält er mich als einen ungerechten Richter und lästert mich, weil
ich geduldig bin. Allein weil ich sanftmütig bin, erdulde ich seine Thorheit,
und weil ich Richter bin, warte ich auf seine Bekehrung bis zum
letzten Augenblicke, und weil der Mensch mehr der Lüge als der Wahrheit
glaubt, und mehr die Welt, als mich, seinen Gott, liebt, so ist es nicht zu
verwundern, wenn der Böse in seiner Bosheit ertragen wird, da er weder die
Wahrheit suchen, noch von seinem Bösen wider zur Besinnung kommen will."
Christus redet mit der Braut und lobt die oftmalige Beicht, damit der Mensch die göttliche Gnade, welche er hat, nicht verliere.
Der Sohn sprach: "Wenn in einem Hause Feuer ist, muß eine Öffnung vorhanden sein, durch welche der Rauch hinauszieht, auf daß der Einwohner an der Wärme sich erfreuen kann. So ist einem jeglichen, welcher meinen Geist und meine göttliche Gnade zu haben begehrt, ein unausgesetztes Beichten nützlich, auf daß mittels desselben der Rauch der Sünden abziehe; denn obwohl mein göttlicher Geist unwandelbar ist, zieht er sich doch von dem Herzen, das von der demütigen Beicht nicht bewacht wird, gar schnell zurück."
Christus redet mit der Braut und sagt, daß das Gebet der Menschen, welche an fleischlichen Lüsten und irdischen Freuden Gefallen finden, während sie das himmlische Verlangen, die Liebe und das Andenken seines Leidens und des ewigen Gerichtes vernachlässigen, wie ein Klang zusammengeschlagener Steine ist, und daß sie vor dem Angesichte Gottes auf eine entsetzliche Weise als eine unzeitige Frucht und wie der schmutzige Lappen eines unreinen Weibes werden verworfen werden.
"Einer hat gesungen: Erlöse mich, Herr, vom
ungerechten Manne (Psalm CXXXIX.). Diese Stimme ist in meinem Ohre wie der
Klang zweier Steine, die man zusammenschlägt; denn sein Herz ruft gleichsam
mit drei Stimmen zu mir. Die erste spricht: Ich will meinen Willen in meiner
Hand haben, will schlafen, aufstehen und reden, wie es mir gefällt; ich werde
der Natur geben, was sie
begehrt, ich wünsche mir Geld in den Beutel und weiche Kleider über den
Leib. Wenn ich dieses und anderes haben werde, halte ich mich für
glücklicher, als wenn ich alle anderen Gaben und geistlichen Tugenden der
Seele hätte. Seine zweite Stimme lautet also: Der Tod ist gar hart, aber das
Gericht ist nicht so hart, wie geschrieben wird; wenn man droht, so geschieht
es, um von der Sünde abzuhalten, die Strafe aber ist geringer der
Barmherzigkeit wegen; habe ich daher nur meinen Willen in gegenwärtiger Zeit,
so mag die Seele in Zukunft dahinfahren, wie sie kann. Die dritte Stimme ist
diese: Gott hätte den Menschen nicht erlöst, wenn er ihm nicht den Himmel
hätte geben wollen; er hätte auch nicht sein Leiden ausgestanden, wenn er
uns nicht heimführen wollte ins Vaterland. Oder warum hat er gelitten, oder
wer hat ihn genötigt, zu leiden? Das Himmlische kenne ich nur vom Hören, und
ob der Schrift zu glauben sei, weiß ich nicht; wenn ich indes meinen Willen
haben könnte, so wäre mir das soviel, wie das Himmelreich. Siehe, so ist
sein Wille. Deshalb ist seine Stimme in meinem Ohre wie der harte Klang von
Steinen. - Aber, o mein Freund, ich antworte Dir auf die erste Stimme: Dein
Weg ist nicht auf den Himmel gerichtet, und das Leiden meiner Liebe ist nicht
nach Deinem Geschmacke; deshalb ist Dir die Hölle geöffnet, und weil Du das
Unterste und Irdische liebst, darum gehe zu dem untersten. Auf die zweite
Stimme antworte ich Dir: Mein Sohn, der Tod wird hart für Dich, das Gericht
unerträglich und die Flucht unmöglich sein, wenn Du Dich nicht besserst. Auf
die dritte Stimme sage ich Dir; Bruder, alle meine Werke habe ich aus Liebe
vollbracht, auf daß Du mir ähnlich werden und, nachdem Du Dich von mir
abgewendet hast, zu mir zurückkehren möchtest. Jetzt aber sind meine Werke
an Dir tot, meine Worte lästig und mein Weg wird vernachlässigt; deshalb
übrigt Dir die Strafe und die Genossenschaft der Teufel, weil Du mir den
Rücken kehrst, die Zeichen meiner Demut unter Deine Füße trittst und nicht
beachtest, wie ich am Kreuze vor Dir und für Dich stand. Ich habe ja in
dreifacher Weise vor Dir gestanden: zuerst wie ein Mensch, dem ein Messer
durch ein Auge dringen möchte, zweitens wie ein Mensch, dessen Herz von einem
Schwerte durchbohrt wäre, drittens wie ein Mensch, dessen Glieder sämtlich
vor dem Schmerze der bevorstehenden Trübsal
erzittern würden; denn mein Leiden war bitterer für mich, als ein Stich ins
Auge, gleichwohl erduldete ich dasselbe aus Liebe; dazu bewegte der Schmerz
meiner Mutter mein Herz mehr, als mein eigener, gleichwohl hielt ich denselben
aus; mein ganzes Innere und Äußere hat bei dem bevorstehenden Leiden und
Schmerzen gezittert, dennoch habe ich nicht abgelassen und bin nicht gewichen.
So also habe ich vor Dir gestanden, Du aber vergissest, vernachlässigest und
verachtest alles, deshalb wirst Du als eine Fehlgeburt und wie der Lappen
eines unreinen Weibes verworfen werden."
Erste Frage. Wiederum zeigte sich auf seiner Stufe der Ordensgeistliche wie zuvor und sprach: O Richter, ich frage Dich, weshalb wird einigen Deine Gnade so gar bald entzogen und warum werden andere dagegen so lange in ihrer Bosheit geduldet?
Zweite Frage: Weshalb ferner wird einigen in ihrer Jugend Gnade gewährt, anderen aber dieselbe im Alter entzogen?
Dritte Frage: Weshalb werden einige über die Maßen von Trübsalen heimgesucht, und sind andere fast frei von Trübsal?
Vierte Frage: Weshalb ferner wird dem einen Verstand und ein unvergleichlich gelehriger Geist gegeben? Und warum sind andere wie Esel ohne Verstand?
Fünfte Frage: Weshalb werden einige gar sehr verhärtet und andere durch wunderbaren Trost beglückt?
Sechste Frage: Warum ferner wird in der Welt den Bösen ein größeres Glück gewährt, als den Guten?
Siebente Frage: Weshalb endlich wird der eine im Anfange, der andere am Ende berufen?
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Freund,
alle meine Werke sind vom Anbeginne an in meiner Voraussicht, und alles, was
gemacht worden, ist dem Menschen zum Troste erschaffen. Weil aber der Mensch
den eigenen Willen meinem Willen vorzieht, deshalb werden ihm von Rechts wegen
die ihm umsonst gegebenen Güter hinweggenommen, auf daß der Mensch wisse,
wie bei Gott
alles vernünftig und gerecht ist, und weil viele undankbar sind gegen meine
Gnade und, um so unfrommer werden, je mehr ihnen ihre Gaben vervielfältigt
werden; deshalb werden ihnen die Gaben gar bald wieder genommen, damit der
Ratschluß meiner Gottheit um so bälder offenbar werde und damit der Mensch
nicht ihm zum größeren Gerichte meine Gnade mißbrauche. Weshalb ferner
einige in ihrer Bosheit lange geduldet werden? Der Grund ist, weil bei vielen
unter ihren bösen Werken auch einige erträglich gute sind und weil sie
anderen zum Nutzen und zur Behütung vor der Sünde gereichen. So schien Saul,
da er von Samuel beschuldigt wurde, vor dem Angesichte der Menschen wenig
gesündigt zu haben, David aber mehr; gleichwohl ward Saul, da er bewährt
werden sollte, ungehorsam, wich von mir, seinem Gott, ab und befragte die
Zauberin (I. Kön. XXVIII.), David aber war in der Versuchung getreuer, hielt
geduldig aus, was ihm widerfuhr, und war überzeugt, daß ihm dieses um seiner
Sünden willen geschehe. Daran nun, daß ich den Saul geduldig ertragen,
erweist sich Sauls Undankbarkeit und die Geduld meiner Gottheit; in der
Erwählung Davids aber offenbart sich mein Vorauswissen und die künftige
Geduld Davids, sowie seine schmerzliche Reue.
Antwort auf die zweite Frage: Weshalb ferner einigen in ihrem Alter die Gnade entzogen wird? Ich antworte: Allen wird zu dem Ende Gnade gegeben, auf daß von allen der Geber der Gnade geliebt werde. Weil nun viele gegen das Ende wider meine göttliche Gnade undankbar sind, wie Salomo, deshalb ist es gerecht, daß am Ende hinweggenommen werde, was vor dem Ende nicht sorgfältig gehütet worden; denn meine Gaben und meine göttliche Gnade werden bisweilen wegen der Nachlässigkeit des Empfangenden hinweggenommen, weil er nicht beachtet, was er empfangen hat und was er vergelten soll; andere Male aber zur Warnung anderer, damit ein jeglicher, der in der Gnade steht, allezeit fürchte und vor dem Falle der anderen in Furcht stehe, weil auch die Weisen aus Nachlässigkeit fielen, und selbst diejenigen, welche meine Freunde schienen, durch Undankbarkeit unterlegen sind.
Antwort auf die dritte Frage: Weshalb ferner einige
eine größere Trübsal haben? Ich antworte: Ich bin der Schöpfer aller
Dinge; darum kommt keine Trübsal ohne meine Zulassung, wie
geschrieben steht: Ich bin Gott, der Böses schafft, d. i. Trübsal
zuläßt. So widerfährt auch den Heiden ohne mich und ohne vernünftigen
Grund keine Trübsal, und meine Propheten haben auch vieles von den
Widerwärtigkeiten der Heiden vorhergesagt, auf daß durch Geißeln die
Nachlässigen und diejenigen, welche die Vernunft mißbrauchen, belehrt, und
ich, Gott, der ich alles zulasse, bekannt und von allem Volke geehrt würde.
Wenn nun ich, Gott, die Heiden nicht mit den Geißeln verschone, so werde ich
noch minder derer schonen, welche von der Süßigkeit meiner göttlichen Gnade
reichlicher gekostet haben. Wenn also den Menschen, dem eine größere, dem
anderen geringere Trübsal zu teil wird, so geschieht es deshalb, damit sie
sich abwenden von der Sünde und damit sie nach der gegenwärtigen Trübsal
künftig getröstet werden; denn alle, welche gerichtet werden und welche sich
selber in dieser Welt richten, werden nicht in das künftige Gericht kommen,
sie werden, wie geschrieben steht (Job V.), vom Tode zum Leben
hinübergehen. Wenn dann einige von der Geißel verschont werden,
geschieht solches deshalb, damit sie, wenn sie gegeißelt würden, nicht
murren und einem schwereren Gerichte verfallen; denn viele sind, welche nicht
verdienen, im gegenwärtigen Leben gegeißelt zu werden. Es giebt auch manche,
welche in diesem Leben weder von einer leiblichen noch geistigen Beschwerde
belästigt werden und darum so sicher sind, als wäre kein Gott, oder, als ob
Gott um ihrer Werke der Gerechtigkeit willen ihrer schonte; diese sollen in
großer und starker Furcht sein und Leid tragen, auf daß ich, Gott, wenn ich
ihrer im gegenwärtigen Leben schone, nicht unvermutet komme und sie, wenn sie
nicht bereut haben, gar hart verdamme. Etliche sind ihrer auch, welche, obwohl
sie sich der Gesundheit des Leibes erfreuen, an der Seele wegen der Verachtung
Gottes Trübsal leiden; andere erfreuen sich weder der leiblichen Gesundheit,
noch des inneren Seelentrostes, verharren aber nach ihrem Vermögen in meinem
Dienste und meiner Ehre, andere werden auch vom Mutterleibe bis ans Ende mit
Krankheiten gepeinigt. Ihrer aller Trübsale mäßige ich, ihr Gott, also,
daß nichts ohne Ursache und Lohn geschieht, weil vieler Augen in der Trübsal
geöffnet werden, welche vor den Versuchungen schliefen.
Antwort auf die vierte Frage: Warum ferner einige
einen
größeren Verstand haben? Ich antworte: Es nützet der Seele, wie große
Weisheit einer auch habe, nichts zum Heile, es sei denn, daß er durch guten
Wandel leuchte; ja es ist nützlicher, ein geringeres Wissen und ein besseres
Leben zu haben. Deshalb ist einem jeglichen die Vernunft zugeteilt worden,
durch welche er, wenn er fromm gelebt, den Himmel erlangen kann. Doch ist die
Vernunft in vielen nicht gleich, je nach ihrer natürlichen oder geistlichen
Verfassung; denn wie der Mensch durch heiligen Eifer für die Tugend zunimmt
in der Vervollkommnung der Tugenden, so auch verfällt der Mensch durch bösen
Willen, unordentliche Verwendung der natürlichen Anlage und böse Erziehung
auf Eitelkeiten, und die Natur leidet sehr häufig Schaden, wenn man ihr
widerstrebt und sündigt. Es ist also nicht ohne Ursache, wenn die Vernunft,
so groß sie bei einigen ist, dennoch unnütz ist, wie bei denen, welche
Wissenschaft, aber kein gutes Leben haben. Bei einigen also findet sich eine
mindere Wissenschaft, jedoch ein besserer Gebrauch, bei anderen stimmen
Vernunft und Leben überein, bei anderen im Gegenteil stimmen weder Vernunft
noch Leben zusammen. Diese Verschiedenheit nun erfolgt bisweilen aus von mir
angeordneter göttlicher Zulassung, oder zum Nutzen der Menschen, oder zu
ihrer Demütigung und Unterweisung, zuweilen auch wegen der Undankbarkeit und
als Versuchung, andere Male aus Anlaß natürlicher Gebrechen und verborgener
Sünden; zuweilen besteht sie, um die Gelegenheit zu größeren Sünden zu
vermeiden, oder weil die Natur nicht besser geeignet ist, Größeres zu
erfassen. Daher soll denn jeglicher, der die Gnade des Verstandes hat, sich
fürchten, er werde, wenn er fahrlässig wäre, infolge dessen schwerer
gerichtet werden; derjenige aber, welcher keinen Verstand und keinen Geist
hat, soll sich freuen und mit dem Wenigen, das er hat, wirken, soviel er
vermag, weil er von vielen Anlässen der Sünde befreit ist; denn auch der
Apostel Petrus war in seiner Jugend vergeßlich, Johannes aber unwissend, und
doch haben sie im Alter die wahre Weisheit ergriffen, weil sie den Anfang der
Weisheit gesucht haben. Salomo aber war in der Jugend gelehrig und Aristoteles
scharfsinnig; sie haben jedoch den Anfang der Weisheit nicht erfaßt, weil sie
weder den Geber der Wissenschaft geehrt haben, wie sie gesollt hätten, noch
dem nachgekommen sind, was sie gewußt und gelehrt haben,
und nicht für sich selbst, sondern für andere gelernt haben. Ja auch Balaam
hat die Wissenschaft gehabt, ist ihr aber nicht nachgekommen; deshalb strafte
die Eselin seine Thorheit. (IV Mos. XX.) Daniel aber hat in seiner Jugend
(Dan. XIII.) die Alten gerichtet; denn vieles Wissen gefällt mir nicht ohne
den guten Wandel. Es ist also notwendig, daß diejenigen, welche Mißbrauch
mit der Vernunft treiben, sich bessern; denn ich, Gott und Herr aller Dinge,
gebe den Menschen die Wissenschaft und strafe die Weisen und Unweisen.
Antwort auf die fünfte Frage: Warum ferner etliche
verstockt werden? Ich antworte: Daß Pharao verstockt war, ist seine, nicht
meine Schuld gewesen, vermöge deren er meinem göttlichen Willen sich nicht
fügen wollte; denn die Verhärtung ist nichts anderes, als die Entziehung
meiner göttlichen Gnade, die deshalb zurückgezogen wird, weil der Mensch mir
nicht dasjenige, was er frei hat, giebt, nämlich seinen eigenen Willen, wie
Du mittels eines Beispieles verstehen können wirst. Gieb acht auf das
Beispiel vom fruchtbaren und unfruchtbaren Acker. Es war ein Mensch, der
besaß zwei Äcker, von denen der eine unbebaut blieb, der andere aber zu
gewissen Zeiten Frucht brachte. Zu ihm sprach ein Freund: Ich wundere mich, da
Du weise und reich bist, weshalb Du Deine Äcker nicht fleißiger anbauest,
oder anderen zur Bebauung überlässest. Der andere antwortete: Das eine
Ackerstück bringt, wie großen Fleiß ich auch anwende, nichts hervor, als
Unkraut zur Nahrung schädlicher Tiere, welche den Ort verwüsten. Wollte ich
fetten Dünger darauf bringen, damit er anfange zu treiben, so würde er,
wenig an Getreide und darunter nur noch mehr Unkraut hervorbringen,was zu
sammeln ich verschmähe, weil ich nur reines Getreide haben will. Es ist also
ratsamer, diesen Acker unbebaut zu lassen, weil dann die Tiere des Ortes sich
nicht bemächtigen, auch sich in den Kräutern nicht verbergen. Und wenn
einige bittere Kräuter hervorsprossen, ist es nützlich für die Schafe; denn
wenn dieselben davon gekostet, lernen sie, die süßen nicht zu verschmähen.
Der andere Acker aber ist nach Beschaffenheit der Zeiten zugerichtet. Ein Teil
desselben ist steinicht und bedarf fetten Dünger, ein anderer feucht und
bedarf Wärme, ein anderer trocken und benötigt der Feuchtigkeit. Darum will
ich nach Beschaffenheit des Ackers meine
Arbeit einrichten. Ich, Gott, bin jenem Menschen ähnlich. Der erstere Acker
ist die dem Menschen gewährte freie Bewegung seines Willens, den er mehr
gegen, als für mich bewegt, und wenn er auch einiges gethan, das mir
gefällt, so erzürnt er mich doch in mehrerem, weil der Wille des Menschen
und der meinige nicht übereinstimmen. So that auch Pharao, .welcher, da er
aus gewissen Zeichen meine Macht erkannte, nichtsdestoweniger sein Herz gegen
mich verstockte, um in seiner Bosheit zu verharren; deshalb hat er meine
Gerechtigkeit erfahren, denn wer das Kleinste nicht gut anwendet, der darf von
Rechts wegen des Größern sich nicht rühmen. Der andere Acker aber ist der
Gehorsam eines frommen Herzens und die Überwindung des eigenen Willens. Ist
ein solches Herz trocken in der Andacht, so soll es auf den Regen meiner
göttlichen Gnade warten, ist es steinicht durch Ungeduld und Verhärtung, so
soll es gleichmütig die Reinigung und Strafe ertragen, ist es feucht in der
Ausgelassenheit des Fleisches, so soll es sich selber Abbruch zu thun
bestreben und sein wie ein Tier, das zu seines Besitzers Willen bereit ist,
denn durch ein solches Herz werde ich, Gott, sehr verherrlicht. Wenn denn nun
einige verhärtet werden, so thut solches der mir entgegengesetzte Wille des
Menschen; denn obwohl ich will, daß alle selig werden sollen, so erfolgt
solches doch nicht, wofern der Mensch nicht persönlich mitgewirkt hat, indem
er seinen ganzen Willen dem meinigen gleichförmig macht. Wenn aber nicht
allen ein gleicher Fortschritt und gleiche Gnade gewährt wird, so ist das
mein verborgener Ratschluß, der ich wissend bin und einem jeden zuteile, was
ihm frommt und gebührt, auch der Bestrebung des Menschen Beschränkung
auferlege, auf daß er nicht tiefer falle; denn viele haben das Pfund der
Gnade und wären wohl zu wirken imstande, verweigern es aber, andere enthalten
sich der Sünde aus Furcht vor Strafe und weil ihnen die Möglichkeit zu
sündigen fehlt, oder weil die Sünde ihnen kein Vergnügen macht; deshalb
werden etlichen keine größeren Gaben mitgeteilt, weil ich, der ich allein
die Herzen der Menschen kenne, meine Gaben zu verteilen verstehe.
Antwort auf die sechste Frage: Weshalb ferner die
Bösen zuweilen mehr Glück in der Welt haben als die Guten? Ich antworte: Das
ist ein Zeichen meiner großen Geduld und Liebe und
eine Bewährung der Gerechten; denn wenn ich nur meinen Freunden zeitliche
Güter gäbe, würden die Bösen verzweifeln und die Guten übermütig werden;
zeitliche Güter werden vielmehr allen deshalb gegeben, auf daß ich, Gott,
der Geber und Schöpfer aller Dinge, von allen geliebt werden möge, und
damit, wenn die Guten zum Übermute sich neigen, sie durch die Bösen zur
Gerechtigkeit unterwiesen werden; denn alle sollen erkennen, daß man das
Zeitliche nicht lieben, noch mir, ihrem Gott, vorziehen, sondern es zum
notwendigen Unterhalte allein haben solle; auch sollen sie um so brünstiger
sein, mir zu dienen, je weniger sie in dem Zeitlichen etwas Beständiges
finden.
Antwort auf die siebente Frage: Weshalb ferner der eine im Anfange, der andere am Ende gerufen wird? Ich antworte: Ich bin wie eine Mutter, welche, wenn sie des Lebens Hoffnung an den Kindern sieht, einigen Stärkeres, anderen Gelinderes giebt. Mit denen aber, die ihr diese Hoffnung nicht geben, fühlt sie auch Mitleid und thut, was sie vermag. Es giebt aber Kinder, welche auf das Heilmittel nur schlimmer werden - und was nutzt da die Arbeit? Also thue ich dem Menschen, dessen Willen im voraus als brünstiger, dessen Demut und Beständigkeit als stetiger erkannt werden, solchem fällt die Gnade im Anfange zu und folgt sie am Ende; ein anderer aber, der, während er Böses thut, sich noch bemüht und bestrebt ist, besser zu werden, der verdient, gegen das Ende gerufen zu werden. Wer aber undankbar ist, ist nicht wert, zu den Brüsten der Mutter zugelassen zu werden.
Christus redet mit seiner Braut Brigitta und zeigt ihr, wie sie dem Hause der Welt und der Laster bereits entzogen worden und wie sie nunmeher geführt ist, ihre Wohnung zu nehmen im Hause des heiligen Geistes; deshalb ermahnt er sie, daß sie sich in Übereinstimmung mit demselben Geiste bringen und immer rein, demütig und fromm verbleiben möge.
Der Sohn sprach zur Braut: "Du bist diejenige, welche,
in einem armen Hause erzogen, in die Gesellschaft vornehmer Leute gekommen
ist. In einem armen Hause befinden sich drei Miß-
stände: schmutzige Wände, lästiger Rauch und Ruß, der sich überall
anhängt. Du aber bist in ein Haus geführt worden, wo die Schönheit ohne
Makel herrscht, wo Wärme ohne Rauch, Lieblichkeit ohne Überdruß ist. Das
arme Haus ist die Welt, die Wände desselben sind der Dünkel, die
Vergessenheit Gottes, der Überfluß der Sünde und die Nichtbetrachtnahme des
Zukünftigen. Diese Wände sind voll Schmutz; denn sie machen die guten Werke
zunichte und verbergen dem Menschen das Antlitz Gottes. Der Rauch ist aber die
Liebe der Welt; diese schadet den Augen, weil sie den Verstand der Seele
verdunkelt und bewirkt, daß sie sich überflüssige Sorgen macht. Der Ruß
ist die Wollust; denn wenn dieselbe auch auf eine Zeit lang vergnügt,
sättigt sie doch niemals und erfüllt auch nicht mit ewiger Güte. Von diesem
bist Du nun abgezogen und in die Wohnung des heiligen Geistes geführt,
welcher in mir ist, wie ich in ihm bin, welcher auch Dich in sich schließt;
denn er ist ganz rein und gar schön, auch von sehr großer Beständigkeit,
weil er alles unterhält. Bilde Dich also nach dem Bewohner des Hauses und
bleibe rein, demütig und fromm."
Erste Frage. Abermals zeigte sich der Ordensgeistliche wie früher auf seiner Sprosse und sprach! O Richter, ich frage Dich: weshalb leiden die Tiere Ungemach, da sie doch das ewige Leben nicht haben werden, noch den Gebrauch der Vernunft haben?
Zweite Frage: Weshalb ferner werden alle mit Schmerzen geboren, da doch in aller Geburt keine Sünde ist?
Dritte Frage: Weshalb trägt das Kind die Sünde des Vaters, ungeachtet es doch nicht zu sündigen weiß?
Vierte Frage: Warum ferner geschieht am häufigsten, was nicht vorhergesehen wird?
Fünfte Frage: Weshalb endlich stirbt der Schlechte
einen guten Tod wie ein Gerechter, und der Gerechte bisweilen einen bösen Tod
wie der Ungerechte? ![]()
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Freund, obwohl Deine Frage nicht aus Liebe geschehen, so antworte ich Dir doch den anderen zuliebe. Du frägst, weshalb die Tiere Krankheiten auszustehen haben? Das ist deshalb der Fall, weil an ihnen, wie an anderen Dingen, alles ungeordnet ist; denn ich bin der Schöpfer aller Wesen und habe einem jeden seine natürliche Beschaffenheit und jene Ordnung gegeben, in welcher ein jedes sich bewegen und leben soll. Allein nachdem der Mensch, um dessenwillen alles erschaffen ist, seinem Freunde, das ist, mir, seinem Gott, sich widersetzt hat, begann auch alles übrige in Unordnung zu geraten, und alles, was ihm hätte Ehrfurcht erweisen sollen, begann, sich ihm zu widersetzen und entgegenzutreten, so daß Menschen und Tiere viel Beschwerden und Widerwärtigkeiten gemeinsam haben. Übrigens leiden die Tiere auch zuweilen wegen der Unmäßigkeit ihrer Natur, bisweilen aus Anlaß der Bezähmung ihrer Wildheit und der Reinigung ihrer Natur selber, zuweilen wegen der Sünden der Menschen, damit, wenn sie gepeinigt werden und dem Menschen genommen wird, was er lieb hat, der Mensch selber aufmerksam darauf werde, welcher Strafe er, der einer größeren Vernunft sich erfreut, würdig sei; denn wenn der Menschen Sünden es nicht erheischten, würden die Tiere, welche dem Menschen zur Hand sind, nicht so absonderlich geplagt; doch leiden auch sie nicht, ohne meine große Gerechtigkeit offenbar zu machen, denn entweder wird es ihnen das Ende ihres Lebens beschleunigen oder das Mühsal ihres Elendes vermindern und die Stärke der Natur verzehren, oder es ist eine Folge vom Wechsel der Zeiten, oder der Nachlässigkeit der Menschen, welche von der Mühe ihretwegen herrührt. Daher soll der Mensch vor den übrigen mich, seinen Gott, fürchten, und um so milder gegen meine Kreaturen sein und gegen die Tiere, deren er sich auch um meiner, ihres Schöpfers, halber erbarmen soll; denn deshalb habe ich, Gott, dem Menschen das Gebot wegen des Sabbaths gegeben, weil ich für alle meine Geschöpfe Sorge trage.
Antwort auf die zweite Frage: Weshalb ferner alle
Geschöpfe mit Schmerzen geboren werden? Ich antworte: Als der Mensch die
schönste Lust verachtete, geriet er sofort in ein beschwerliches
Leben, und weil die Unordnung im Menschen und durch denselben ihren Anfang
nahm, so erfordert es meine Gerechtigkeit, daß auch die anderen Geschöpfe,
welche um des Menschen willen da sind, einige Bitterkeit kosten in der
natürlichen Anlage ihres Triebes und in der Sorge für ihre Nahrung. Daher
wird der Mensch mit Schmerz geboren und schreitet fort in Mühseligkeit, damit
er sich bemühe, zur wahren Ruhe zu eilen; er stirbt aber nackt und arm, damit
er seine ungeordneten Regungen zähme und Furcht vor dem künftigen Gerichte
in sich erwecke. Die Tiere gebären deshalb mit Schmerzen, damit die
Bitterkeit ihre Wildheit mäßige und sie selber Teilnehmer der Mühsale und
des Schmerzes der Menschen werden. Je edler daher der Mensch als das Tier ist,
desto feuriger soll er mich, seinen Gott, lieben.
Antwort auf die dritte Frage: Weshalb ferner das Kind die Sünden des Vaters trägt? Ich antworte: Alles, was aus einem unreinen Samen kommt, wie kann es rein sein? Als daher der erste Mensch jene Schönheit der Unschuld infolge seines Ungehorsams verloren, ward er aus dem Paradiese der Freude verstoßen und versank in den Pfuhl der Unreinigkeit. Diese Unschuld wieder zu erwerben, ist niemand aus sich selber genügend befunden; deshalb bin ich, der barmherzige Gott, selber im Fleische gekommen, habe die Taufe eingesetzt, durch welche das Kind von aller Unreinheit der Sünde befreit wird, und deshalb wird der Sohn die Sünde des Vaters nicht tragen, sondern ein jeglicher um seiner Sünde willen sterben. (I. Mos. III.) Allein gleichwohl begiebt es sich häufig, daß die Kinder die Sünden der Eltern nachahmen, und deshalb werden zuweilen die Sünden der Eltern an den Kindern bestraft, nicht als ob die Sünden der Eltern an diesen selbst unbestraft bleiben sollen, wenn auch diese Strafen auf eine Zeit lang verschoben werden, es wird vielmehr ein jeglicher in seiner Sünde sterben und bestraft werden, Bisweilen werden auch die Sünden der Väter, wie geschrieben steht, heimgesucht bis in das vierte Glied (II. Mos. XX.), weil meine göttliche Gerechtigkeit es erfordert, daß, wenn die Kinder weder für sich, noch ihre Eltern meinen Zorn zu besänftigen beflissen sind, sie samt den Eltern bestraft werden, denen sie wider mich gefolgt sind.
Antwort auf die vierte Frage: Warum ferner am häu-
sigsten geschieht, was nicht vorhergesehen wird? Ich antworte: Es steht
geschrieben, daß der Mensch durch das gestraft wird, wodurch er sündigt. (Weish.
XI.) Wer wird den Rat Gottes begreifen können? Weil nun viele mich suchen,
jedoch nicht, um weise zu werden, sondern um der Welt willen, andere sich mehr
fürchten, als recht ist, noch andere sich zuviel herausnehmen, wieder andere
in ihren Entschlüssen vermessen sind, so lasse ich, Gott, der ich aller Heil
wirke, bisweilen dasjenige eintreffen, was der Mensch am meisten fürchtet,
zuweilen wird ihm auch dasjenige genommen, was mehr, als recht ist, geliebt
wird, bisweilen wird ihm entrückt, was mit zu großer Sorge vorgesehen und
begehrt wird, damit der Mensch vor allem stets mich, seinen Gott, fürchte,
liebe und erkenne.
Antwort auf die fünfte Frage: Weshalb ferner ein
böser Mensch eines guten Todes stirbt wie der Gerechte? Ich antworte: Die
Bösen haben bisweilen etwas Gutes und verrichten einige Werke der
Gerechtigkeit, wofür sie im gegenwärtigen Leben belohnt werden müssen.
Ähnlicherweise thun auch die Gerechten zuweilen einiges Böse, wofür sie in
dieser Zeit gezüchtigt oder erwartet werden müssen. Weil also in
gegenwärtiger Zeit alles ungewiß ist und alles auf die Zukunft vorbehalten
wird, und weil alle einerlei Eingang haben, so müssen auch alle einerlei
Ausgang haben, zumal nicht der Ausgang, sondern das Leben den Menschen selig
macht. Daß jedoch den Bösen ein Ausgang zu teil wird wie den Gerechten, dies
geschieht kraft meiner göttlichen Gerechtigkeit, weil sie nach einem solchen
Ausgange selber verlangt haben; denn der Teufel, welcher den Ausgang seiner
Freunde voraussieht, kündigt ihnen zuweilen, zu ihrer Vermessenheit, zu ihrer
eiteln Ruhmbegier und zu ihrem Truge die Zeiten ihres Todes an, wie in den
Büchern, welche die Apokryphen heißen, zu finden ist, damit sie nach dem
Tode als Gerechte gelobt werden. Den Gerechten im Gegenteil widerfährt
bisweilen ein kläglicher Ausgang zu ihrem größern Verdienste, damit die,
welche in ihrem Leben stets in den Tugenden eifrig gewesen, durch einen
verächtlichen Tod frei gen Himmel fliegen mögen, so daß nicht der geringste
unreine Makel zu finden wäre, welche der Reinigung bedürfte; denn es sieht
geschrieben: daß ein Löwe den ungehorsamen Propheten getötet, aber von dem
Leichnam nichts genossen, denselben vielmehr aufbewahrt habe (III. Kön.
XIII);
was wird nun damit, daß der Löwe den Leib getötet, anderes angedeutet, als
meine göttliche Zulassung, damit des Propheten Ungehorsam bestraft würde?
Daß aber der Löwe vom Leichnam des Propheten nichts fraß, ist ein Hinweis
auf die guten Werke des Propheten gewesen, daß er, allhier gereinigt, in
Zukunft gerecht befunden würde. Deshalb soll sich ein jeglicher fürchten,
über meine Ratschlüsse zu urteilen; denn wie ich unbegreiflich bin in meiner
Kraft und Macht, so bin ich in meinen Ratschlüssen und Gerichten schrecklich,
und etliche, die mich haben in ihrer Weisheit begreifen wollen, sind in ihrer
Hoffnung betrogen worden.
Christus redet mit der Braut und ermahnt dieselbe, daß sie sich nicht beunruhigen solle, wenn zuweilen seine göttlichen Worte, die ihr in den Offenbarungen gesagt worden, dunkel, bisweilen zweifelhaft und zuweilen ungewiß befunden würden, weil solches aus gewissen, hier angegebenen Ursachen und vermöge der verborgenen göttlichen Gerechtigkeit geschieht. Er rät jedoch, daß man allezeit mit Geduld, Furcht und Beharrlichkeit der Demut der Ausgänge und der Verheißungen seiner Worte gewärtig sein wolle, damit nicht aus Anlaß der Undankbarkeit die verheißene Gnade zurückgenommen werde. Er sagt auch, daß viele Dinge leiblicherweise gesprochen sind, welche nicht leiblich, sondern geistlich vollbracht werden.
Der Sohn sprach zur Braut: "Laß Dich nicht
beunruhigen, wenn ich ein Wort dunkler, ein anderes deutlicher rede, oder wenn
ich jemand jetzt meinen Diener, Sohn oder Freund nenne und danach das
Gegenteil sich findet, weil meine Worte einer verschiedenartigen Auslegung
fähig sind. So habe ich Dir von einem gesagt, seine Hand solle sein Tod
werden, und von einem anderen, er solle nicht ferner zu meinem Tische treten.
Dieses wird deshalb gesprochen, weil ich Dir entweder sagen will, weshalb ich
also geredet habe, oder Du in der That am Ende die Wahrheit sehen wirst, wie
an diesen beiden offenbar ist. Zuweilen sage ich auch etwas auf dunkle Weise,
damit Du Dich fürchtest und freuest. Fürchten sollst Du, daß es ob meiner
göttlichen Geduld (da ich die Wandelbarkeit der Herzen kenne) auf eine andere
Weise geschehen werde; freuen sollst Du Dich, daß mein Wille allezeit
erfüllt werde.
So habe ich denn auch im alten Gesetze vieles gesagt, das mehr auf geistliche
als auf leibliche Weise verstanden werden muß, so z. B. vom Tempel, von
David, von Jerusalem, auf daß die fleischlichen Menschen das Geistliche zu
begehren lernen möchten; denn zur Bewährung der Standhaftigkeit des Glaubens
und der Sorgfalt meiner Freunde habe ich vieles gesagt und verheißen, damit
es nach der verschiedenen Wirksamkeit meines Geistes auf verschiedene Weise
von Guten und Bösen verstanden werden könne, und damit in den verschiedenen
Ständen die einzelnen etwas haben möchten, wodurch sie von mir unterwiesen,
geübt und bewährt werden könnten. Wenn aber etliches dunkel gesagt worden,
so war es vermöge meiner Gerechtigkeit, damit mein Ratschluß verborgen
würde und ein jeglicher geduldig meine Gnade erwarten möchte, auf daß nicht
etwa, wenn mein Ratschluß immer zu bestimmter Zeit angekündigt würde, alle
in der Erwartung lau werden möchten. Ich habe auch vieles verheißen, das um
der Undankbarkeit der Menschen willen zurückgezogen worden ist. Vieles ist
auch in leiblicher Weise gesagt worden, welches in geistlicher Weise vollzogen
werden wird, wie von Jerusalem, von Sion; [sic!] denn die Juden sind, wie
geschrieben steht, ein blindes und taubes Volk des Herrn."
Erste Frage. Wiederum zeigte sich der Ordensgeistliche wie oben auf seiner Sprosse stehend und sprach: O Richter, ich frage Dich: Weshalb ist so vieles geschaffen worden, das von keinem Nutzen ist?
Zweite Frage: Warum werden die Seelen, wenn sie im Leibe bleiben oder aus dem Leibe hinausgehen, gemeiniglich nicht gesehen?
Dritte Frage: Weshalb ferner werden Deine Freunde, wenn dieseben bitten, nicht allezeit erhört?
Vierte Frage: Warum wird vielen, welche böse handeln wollen, solches nicht gestattet?
Fünfte Frage: Weshalb widerfährt etlichen Böses, die solches nicht verdienen?
Sechste Frage: Warum sündigen ferner solche, welche
den Geist Gottes haben?
Siebente Frage: Warum endlich hängt etlichen der Teufel an und ist
immer bei ihnen, bei anderen aber niemals?
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Wie
meiner Werke viele sind, so sind dieselben auch wunderbar und unbegreiflich,
und obschon ihrer viele sind, so ist doch keines ohne Grund; denn der Mensch
ist ähnlich einem Knaben, welcher im Gefängnisse und in der Finsternis
erzogen worden. Wenn diesem gesagt würde, was Licht und Sterne sind, würde
er's nicht glauben, weil er nicht sieht. Ähnlicherweise gefällt es dem
Menschen, nachdem er das wahre Licht verlassen, nur in der Finsternis, nach
dem gemeinen Sprichworte: Wer sich an das Böse gewöhnt, dem scheint das
Böse gut zu sein. Obschon ich nun dem menschlichen Verstande verdunkelt bin,
so ist doch in mir keine Verdunklung noch Wandlung, da ich alles so gemessen,
ehrbar und weise ordne und geordnet habe, daß nichts ohne Grund und Nutzen
gemacht ist, auch der höchste Berg nicht, noch Wüste und See, und auch
wildes Getier und giftiges Gewürm nicht; sondern wie für den Nutzen des
Menschen, so habe ich auch für den Nutzen aller Geschöpfe gesorgt. Ich bin
ähnlich einem Manne, welcher gewisse Räume hat, um sich auszubreiten, andere
zur Aufhebung der Gerätschaften, noch andere für zahme und wilde Tiere,
andere zu den Veränderungen und Geheimnissen seines Rates, andere für
zweckmäßige Anordnungen für sein Land, und noch andere zur Bestrafung der
Menschen. So habe ich, Gott, alles auf vernünftige Weise geordnet: Etliches
zum Nutzen und zur Freude der Menschen, einiges für den Aufenthalt wilder
Tiere und der Vögel, anderes zur Übung und zur Bezähmung der menschlichen
Begierde, einiges zur Harmonie der Elemente, anderes zur Bewunderung meiner
Werke, anderes zur Bestrafung der Sünder, zum Ausgleich der Höhe und der
Tiefe, anderes aus mir allein bekanntem und vorbehaltenem Grunde. Denn siehe,
die kleine und winzige Biene weiß, um den Honig zu bereiten, vielerlei aus
vielen Dingen herauszuziehen, gleichwie auch andere kleine und große
Geschöpfe, welche den Menschen in Emsigkeit, Kenntnis der Kräuter und der
Abwägung ihres Nutzens übertreffen, und vielerlei ist für sie nützlich,
was dem Menschen schadet; was Wunder also, wenn des Men-
schen Sinn schwach ist, meine Wunder zu erkennen und zu unterscheiden, da er
selbst von den kleinsten Geschöpfen übertroffen wird? Siehe, was ist
häßlicher, denn ein Frosch und eine Schlange? Was ist verächtlicher, als
eine Klette und Nessel und ähnliches? Gleichwohl aber sind diese Dinge gar
gut für diejenigen, welche meine Werke zu unterscheiden wissen. Und also ist
alles, was da ist, zu einigem Nutzen, und jegliches, das bewegt wird, weiß,
wie seine Natur bestehen und gestärkt werden kann. Weil also nun meine Werke
wunderbar sind, und alles mich preist, so soll der Mensch wissen, daß er, je
schöner und mehr er vor anderen Kreaturen bevorzugt ist, um so mehr sich
verpflichtet achten soll, mich zu ehren. Wenn das Ungestüm der Gewässer
nicht durch einige von den Bergen gebildete Schranken gebändigt würde, wo
würde dann der Mensch eine sichere Wohnung haben? Und wenn die wilden Tiere
keinen Zufluchtsort hätten, wie würden sie der unersättlichen Begierde der
Menschen entgehen? Wenn aber der Mensch alles hätte nach seinem Begehren,
würde er dann wohl noch das Himmlische suchen? Wenn aber die Tiere weder
arbeiten noch sich fürchten müßten, würden sie entweder übermütig oder
kraftlos werden. Deshalb sind meine meisten Werke im Verborgenen, auf daß
ich, der wunderbare und unbegreifliche Gott, erkannt und von den Menschen
geehrt würde mittels Bewunderung meiner Weisheit bei Erschaffung meiner so
vielen Geschöpfe.
Antwort auf die zweite Frage: Weshalb ferner die Seelen von den Menschen nicht gesehen werden? Ich antworte: Die Seele ist von weit edlerer Natur als der Leib, weil sie aus der Kraft meiner Gottheit und unsterblich ist, Gemeinschaft hat mit den Engeln, vortrefflicher als alle Planeten, und edler als die ganze Welt ist. Weil nun also die Seele von edelstem und feurigem Wesen ist und dem Körper Leben und Wärme giebt, und weil sie geistig ist, so kann sie von leiblichen Wesen keineswegs und nur durch körperliche oder bildliche Vorstellung gesehen werden.
Antwort auf die dritte Frage: Weshalb ferner meine
Freunde, wenn sie mich in ihren Gebeten bitten, nicht allezeit von mir erhört
werden? Ich antworte: Ich bin wie eine Mutter, welche, wenn sie den Sohn um
etwas wider sein Heil bitten sieht, die Erhörung seiner Bitte aufschiebt und
sein Weinen durch einen
gewissen Unwillen beschwichtigt, welcher Unwille aber kein Zorn, sondern
große Barmherzigkeit ist. So erhöre ich, Gott, meine Freunde nicht allezeit,
weil ich besser sehe, was ihnen zum Heile am nützlichsten ist, als sie selber
sehen. Haben nicht Paulus und andere wirksam gebetet und sind gleichwohl nicht
erhört worden? Weshalb aber? Weil meine Freunde unter vielen Tugenden auch
einige Schwachheiten haben, welche gereinigt werden müssen und deshalb nicht
erhört werden, auf daß sie um so demütiger und mir feuriger ergeben sein
mögen, mit je größerer Liebe sie in den Versuchungen zur Sünde von mir
beschützt und unverletzt bewahrt werden. Es ist also ein Zeichen großer
Liebe, wenn meine Freunde in ihren Gebeten zu ihrem größeren Verdienste und
zur Bewährung ihrer Standhaftigkeit nicht immer erhört werden; denn
gleichwie der Teufel sich, wofern er könnte, bemüht, das Leben des Gerechten
durch irgend eine Sünde oder einen schmählichen Tod zu beflecken, damit sie
so in ihrer Standhaftigkeit wanken, so erlaube ich nicht ohne Grund, daß der
Gerechte bewährt werde, damit seine Standhaftigkeit anderen bekannt und er
selber auf eine erhabenere Weise gekrönt werde. Und wie der Teufel sich nicht
scheut, die Seinigen zu versuchen, weil er sieht, daß sie gar sehr zum
Sündigen bereit sind, so verschone ich zu Zeiten meiner Auserwählten nicht,
weil ich sie zu allem Guten bereit sehe.
Antwort auf die vierte Frage: Warum ferner etlichen nicht gestattet wird, Böses zu thun, welche es doch möchten? Ich antworte: Wenn einer zwei Söhne hat, einen gehorsamen und einen ungehorsamen, so widersteht der Vater dem ungehorsamen, soviel er vermag, damit er nicht ausschreite in der Bosheit; den gehorsamen aber lobt er und treibt ihn zu Größerem an, damit durch dessen Eifer auch der ungehorsame Sohn zum Besseren Anregung erhalte. So erlaube auch ich oft nicht, daß die Bösen sündigen, da sie unter ihrem Bösen auch manch Gutes thun, wodurch sie sich und anderen nützen. Daher verlangt die Gerechtigkeit, daß sie nicht alsbald dem Teufel überantwortet werden, noch auch immer imstande sind, ihren Willen zu erfüllen.
Antwort auf die fünfte Frage: Weshalb ferner
etlichen, die es nicht verdient haben, Übles begegnet? Ich antworte:
jeglicher, der gut ist, ist mir, Gott, allein bekannt, sowie, was er ver-
dient; denn vieles erscheint schön, was es nicht ist. Auch bewährt das Feuer
das Gold. Der Gerechte muß aber zuweilen Trübsal leiden, damit er anderen
ein Beispiel werde, ihm selber es jedoch zur Krone gereiche. So ward auch Job
geprüft, welcher vor meiner Heimsuchung gut war, aber unter und nach
derselben den Menschen noch mehr bekannt wurde. Wer möchte jedoch gleichwohl
beurteilen wollen, weshalb ich ihn heimgesucht habe, oder wer möchte solches
wissen können, außer mir selber, der ich ihm mit meinen Segnungen
zuvorgekommen bin und ihn bewahrt habe, auf daß er nicht sündigte, auch in
den Versuchungen festhielt? und wie ich ihm ohne sein Verdienst mit meiner
Gnade zuvorgekommen bin, so habe ich ihn auch mit meiner Gerechtigkeit und
Barmherzigkeit bewährt, weil niemand vor meinen Augen gerechtfertigt werden
wird, es sei denn durch meine Gnade.
Antwort auf die sechste Frage: Weshalb ferner diejenigen, welche meinen Geist haben, sündigen? Ich antworte: Der Geist meiner Gottheit ist nicht gebunden, sondern er wohnt, wo er will, und wann er will, weicht er zurück; er wohnt auch nicht in einem der Sünde unterworfenen Gefäße, sondern in dem, welcher die Liebe hat; denn ich, Gott, bin die Liebe, und wo ich bin, ist die Freiheit. Wer also meinen Geist empfängt, kann sündigen, wenn er will, weil jeder Mensch einen freien Willen hat. Wenn nun aber der Mensch seinen Willen wider mich regt, so weicht mein Geist, der in ihm ist, von ihm, oder der Mensch wird gezüchtigt, auf daß er seinen Willen bessere. Also hat Balaam meinem Volke fluchen wollen, allein ich habe es ihm nicht gestattet (IV. Mos. XXII.); denn obwohl er ein böser und ehrsüchtiger Prophet war, redete er doch zuweilen Gutes, aber nicht aus sich, sondern aus meinem Geiste; denn sehr oft wird Guten und Bösen die Gabe meines Geistes gewährt, sonst würden jene großen Redner nicht über so hohe Dinge sich ausgelassen haben, wenn sie meinen Geist nicht gehabt hätten; sie hätten aber auch nicht so wahnwitzig wider mich sprechen können, wenn sie mir nicht feindlich gesinnt gewesen wären und sie dem Hochmute sich nicht zugewendet und mehr hätten wissen wollen, als sich's gebührte.
Antwort auf die siebente Frage: Weshalb ferner der
Teufel bei einigen sich öfter einfindet und sich an sie hängt? Ich
antworte: Der Teufel ist gleichsam ein Peiniger und Bewährer der Gerechten.
Deshalb peinigt er mit meiner Zulassung bei einigen die Seelen, die Gewissen
anderer verfinstert er; einige plagt er auch an den Leibern. Er peinigt aber
die Seelen derjenigen, welche beim Sündigen wider die Vernunft sich jeglicher
Unreinigkeit und jedem Unglauben ergeben; er plagt dagegen die Gewissen und
Leiber derjenigen, welche wegen etlicher Sünden im gegenwärtigen Leben
gereinigt und gestraft werden; dergleichen Peinigung widerfährt selbst
Kindern beiderlei Geschlechtes, heidnischen wie christlichen, entweder wegen
der Sorglosigkeit der Eltern, oder infolge eines Naturfehlers, oder zum
Schrecken und zur Demütigung anderer, oder wegen etlicher Sünden, indem
meine Gerechtigkeit barmherzigerweise es also verordnet, damit diejenigen,
denen die Gelegenheit zum Sündigen entzogen wird, entweder nicht schwerer
bestraft, oder herrlicher gekrönt werden. Ähnlicherweise begegnet auch den
Tieren vieles dergleichen, entweder zur Strafe für andere, zur Abkürzung
ihres Lebens, oder infolge der Unmäßigkeit ihrer Natur. Wenn der Teufel also
etlichen anhängt und näher ist, so geschieht es durch meine Zulassung und es
bezweckt entweder eine größere Demütigung, oder Vorsicht, oder die
Verleihung einer schöneren Krone und Eifer, mich zu suchen, oder die
Reinigung von den Sünden in der Gegenwart, oder es geschieht, weil es manche
verdienen, daß die ohne Ende währende Pein schon hier anfange.
Der Sohn Gottes redet mit seiner Braut, der seligen Brigitta, und sagt derselben, weshalb und wann er angefangen, ihr die Worte der göttlichen Offenbarungen im geistlichen Gesichte zu gewähren. Auch sagt er ihr, daß vorbesagte Worte der Offenbarungen, welche in diesen Büchern enthalten sind, vorzüglich folgende vier vortreffliche Eigenschaften haben: sie sättigen geistlicherweise denjenigen, welcher nach der wahren Liebe dürstet: sie erwärmen die Kalten, erfreuen die Betrübten und machen die schwachen Seelen gesund.
Der Sohn Gottes sprach: "Durch natürliche Mittel kann
ein heilsamer Trank bereitet werden, nämlich aus kaltem Eisen, hartem Steine,
dürrem Baume und aus bitterem Kraute. Aber wie? Wahr-
lich, wenn Stahl mit Gewalt auf einen Berg von Schwefel fiele und aus dem
Stahl Feuer ausginge, so müßte der Berg in Feuer versetzt werden. Durch
seine Hitze würde der nahestehende, wenn gleich außerhalb dürre, aber
inwendig saftige Ölbaum so stark zu fließen beginnen, daß auch das unterm
Ölbaum stehende bittere Kraut vom herabfließenden Öle süß und daraus ein
heilsamer Trank werden könnte. So habe ich geistlicherweise an Dir gethan;
denn Dein Herz war kalt wie Stahl in der Liebe zu mir; es hat sich darin
jedoch ein mäßiger Funke der Liebe zu mir geregt, nämlich als Du gedacht
hast, ich sei über alle der Liebe und Ehre würdig. Dieses Dein Herz aber
fiel alsdann auf einen Berg von Schwefel, als Dir die weltliche Herrlichkeit
und Lust zuwider wurden und Dir Dein Gemahl, den Du vor allen
fleischlicherweise geliebt hattest, durch den Tod genommen ward. In Wahrheit,
die weltliche Lust und Ergötzung werden füglich einem Schwefelberge
verglichen, weil sie die Aufgeblasenheit des Herzens, den Gestank der
Begierlichkeit und die Glut der Strafe mit sich führen. Und als beim Tode
eben dieses Deines Ehemannes Dein Herz schmerzlich mit Betrübnis geschlagen
ward, da begann ein Funke meiner Liebe, welcher gleichsam verschlossen und
verborgen war, hervorzugehen; denn nachdem Du die Eitelkeit der Welt erkannt,
hast Du Deinen ganzen Willen mir überlassen, indem Du mich über alles
begehrt hast. Dieser Liebesfunken hat den dürren Ölbaum, das ist, die Worte
der Evangelien und Deiner Lehrer zum Fließen gebracht, so daß Du an der
Enthaltsamkeit Gefallen gefunden und verkostet hast, wie nun alles, was zuvor
bitter erschien, Dir süß zu werden begann. Und als der Ölbaum zu fließen
anfing und meine Worte der Offenbarungen im Geiste über Dich kamen, rief
einer, der auf dem Berge stand und sprach: Durch diesen Trank wird der Durst
gelöscht, der Kalte erwärmt, der Betrübte erfreut, der Schwache gestärkt.
Nun aber bin ich, Gott, selber es, der ich rufe; meine Worte, welche Du in
geistlichen Gesichten häufig von mir hörest, sättigen wie ein guter Trank
diejenigen, welche nach der wahren Liebe dürstet; zweitens erwärmen sie die
Kalten, drittens erfreuen sie die Betrübten, viertens heilen sie diejenigen,
welche an der Seele krank sind. ![]()
Erste Frage. Abermals zeigte sich wie früher der Ordensgeistliche auf seiner Leiter stehend und sprach: O Richter, ich frage Dich: Weshalb werden nach dem Spruche des Evangeliums die Böcke zu Deiner Linken, die Schafe aber zu Deiner Rechten gestellt werden? Hast Du an dergleichen ein Gefallen?
Zweite Frage: Wenn Du ferner der Sohn Gottes und gleichen Wesens bist mit dem Vater, weshalb steht dann geschrieben, daß weder Du, noch die Engel die Stunde des Todes wissen?
Dritte Frage: Wenn weiter Dein heiliger Geist zu den Evangelisten gesprochen hat, weshalb ist der Mangel an Übereinstimmung in dem Evangelium so groß?
Vierte Frage: Wenn ferner dem ganzen menschlichen Geschlechte ein so großes Heil in Deiner Menschwerdung widerfuhr, warum hast Du dann so lange Zeit gezögert, Mensch zu werden?
Fünfte Frage: Wenn schließlich des Menschen Seele besser ist als die ganze Welt, weshalb sendest Du nicht allenthalben und allezeit Deine Freunde und Deine Prediger?
auf die erste Frage. Der Richter antwortete: Freund,
Du fragst nicht, damit Du wissest, sondern damit Deine Bosheit kundbar werde.
In der Gottheit ist durchaus nichts Fleischliches, noch fleischlich
Gestaltetes, weil meine Gottheit ein Geist ist, und Gute und Böse nicht
zugleich bei mir wohnen können, ebensowenig als Licht und Finsternis
nebeneinander. Allein weder eine Rechte noch eine Linke sind in meiner
Gottheit wie leiblich gestaltet, ja es werden die zu meiner Rechten nicht
glücklicher sein, als die zur Linken; jene Worte sind vielmehr gleichnisweise
geredet; denn unter der Rechten wird die Höhe meiner göttlichen Herrlichkeit
verstanden, unter der Linken aber die Entziehung und der Mangel alles Guten.
Es sind aber auch weder Schafe noch Böcke(leiblich nach) in dieser meiner
wunderbaren Herrlichkeit, wo nichts körperlich, nichts unrein oder wandelbar
ist. Unter Gleichnissen und Bildern der Tiere werden sehr
häufig sittliche Eigenschaften der Menschen dargestellt, wie unter dem Schafe
die Unschuld, unter dem Bocke die Zügellosigkeit, d. h. der unenthaltsame
Mensch gedacht wird, der zur Linken gestellt werden soll, wo Mangel an allem
Guten ist. Wisse darum, daß ich, Gott, zuweilen menschliche Worte und
Gleichnisse gebrauche, damit der Kleine habe, woran er sauge, und die
Vollkommenen, wodurch sie vollkommener und erfüllt werde die Schrift, daß
der Sohn der Jungfrau ist gesetzt zum Widerspruche, damit die Gedanken vieler
Herzen offenbar werden (Luk. II, 34).
Antwort auf die andere Frage: Weshalb ich, Gottes Sohn, ferner gesagt habe, ich wisse die Stunde des Gerichtes nicht? Ich antworte: Es steht geschrieben (Luk. II), daß Jesus wuchs, stark und voll Weisheit ward. Alles, was wächst und abnimmt, hat Wandelbarkeit, Gott aber ist unveränderlich. Wenn nun ich, der Sohn Gottes, der mit dem Vater gleich ewig ist, gewachsen bin, so ist solches an meiner Menschheit geschehen. Wenn ich etwas nicht wußte, so wußte ich dieses nach meiner Menschheit nicht; nach meiner Gottheit aber, wußte und weiß ich alles, denn der Vater thut nichts, was nicht auch der Sohn thue. Oder weiß der Vater etwas, das nicht ich; der Sohn, und der heilige Geist auch wüßten? Mit nichten! Sondern allein der Vater, mit welchem ich, der Sohn, und der heilige Geist Ein Wesen, Eine Gottheit und Ein Wille bin, weiß jene Stunde des Gerichts, nicht aber die Engel, noch irgend eine andere Kreatur.
Antwort aus die dritte Frage: Warum ferner, wenn der
heilige Geist zu den Evangelisten geredet, eine solche Abweichung unter
denselben stattfindet? Ich antworte: Es steht geschrieben (I. Korinth. XII;
6), daß der heilige Geist verschiedenartig ist in seinen Wirkungen, weil er
seine Gaben an seine Auserwählten austeilt. Der heilige Geist selber ist wie
ein Mensch, der eine Wage in der Hand hat, und sich damit vielfach zu schaffen
macht, um die Wagbalken ins Gleichgewicht zu bringen, bis das Zünglein in
Ruhe kömmt. Ein geübter Mann geht mit der Wage auf andere Weise um, als ein
ungeübter, ein schwacher anders als ein starker. Ebenso steigt auch der
heilige Geist in den Herzen der Menschen nach Art einer Wage bald auf und bald
nieder; er steigt auf, wenn er das Herz erhebt mittelst der Schärfe des
Verstandes, der
Andacht des Geistes und der Entzündung des geistlichen Verlangens; er geht
nieder, wenn er das Herz in Schwierigkeiten verwickelt werden, um
Überflüssiges sich kümmern und durch Trübsale beunruhigt werden läßt.
Wie nun eine Wage das rechte Gewicht erst anzeigt, wenn das darauf Gelegte
abgemessen ist und auch die Hand dessen, der sie lenkt, mitwirkt, so ist auch
beim Wirken des heiligen Geistes ein Bemessen, ein guter Wandel, Einfalt der
Absicht und klügliches Unterscheiden im Wirken und in den Tugenden
erforderlich. Darum habe ich, der Sohn Gottes, sichtbar im Fleische, an
verschiedenen Orten Verschiedenes gepredigt, auch verschiedene Nachfolger und
Zuhörer gehabt; etliche folgten mir aus Liebe, andere aus Neugier und
Gelegenheit zu haben, mich zu sehen; einige von denen, welche mir folgten,
waren scharfsinnigen, andere einfältigen Geistes. Deshalb habe ich
Einfältiges geredet, wodurch die Einfältigen unterwiesen wurden. Ich habe
auch Höheres geredet, worüber die Weisen sich verwunderten. Zuweilen sprach
ich auch in Gleichnissen und dunkel, woraus einige Anlaß nahmen, mich zu
fragen, zuweilen wiederholte ich das Gesagte, oder ich erweiterte oder
beschränkte es. Deshalb ist es kein Wunder, wenn diejenigen, welche die
Erzählung der Evangelien in Ordnung brachten, verschiedenes, aber doch
wahres, geschrieben haben; einige unter ihnen haben Wort für Wort angegeben,
einige den Sinn der Worte und nicht die Worte selbst, andere schrieben, was
sie gehört, nicht was sie gesehen hatten, andere früher, was später
geschehen, einige mehr über meine Gottheit, ein jeglicher aber, wie der
heilige Geist ihm gab zu reden. Du sollst aber wissen, daß allein diejenigen
als Evangelisten anzunehmen sind, welche meine Kirche angenommen hat, weil
mehrere gewagt haben, zu schreiben, welche zwar Eifer hatten, aber nicht nach
meinem Wissen. Denn siehe, ich habe, wie heute gelesen worden, gesagt: Brechet
diesen Tempel ab und ich werde denselben wieder aufrichten (Joh. II).
Diejenigen, welche diese Worte vernommen und bezeugt haben, sind wahr gewesen
in Bezug auf das vernommene Wort, waren aber dennoch falsche Zeugen, weil sie
nicht auf den Sinn meiner Worte acht gegeben, da ich jenes Wort als von meinem
Leibe zu verstehen gesagt habe. Aehnlicher [sic!] Weise sind viele bei meinen
Worten: Wofern ihr nicht mein Fleisch esset, werdet ihr das Leben nicht haben,
von mir weggegangen, weil sie
den Schluß meiner Rede: Meine Worte sind Geist und Leben, d. h. dieselben
haben einen geistlichen Verstand, eine geistliche Kraft, nicht verstanden
haben. Kein Wunder, daß sie irrten, weil sie mir nicht aus Liebe gefolgt
waren. Daher steigt der heilige Geist nach Art einer Wage auf in den Herzen
der Menschen, indem er bald leiblicher, bald geistlicherweise redet. Er geht
aber nieder, wenn des Menschen Herz gegen Gott sich entweder durch Ketzereien
verhärtet oder in weltliche Dinge sich verwickelt und sich verdunkeln läßt.
- Im nämlichen Augenblicke sprach der Richter zu dem fragenden
Ordensgeistlichen, welcher auf der Stufe der Leiter stand: Freund, Du hast
mich nun so oft um Feinheiten befragt; jetzt aber frage ich Dich um meiner
Braut willen, welche hier steht: Weshalb liebt Deine Seele, welche den
Verstand und die Unterscheidung des Guten und Bösen hat, mehr das
Vergängliche, als das Himmlische, und weshalb lebt sie nicht nach dem, was
sie erkennt? Der Ordensgeistliche antwortete: Weil ich wider die Vernunft
handle und die Sinne des Fleisches über die Vernunft mächtig werden lasse.
Und Christus sprach: Darum wird Dein Gewissen Dein Richter sein. Hierauf sagte
Christus zur Braut: Siehe, meine Tochter, wie viel über den Menschen nicht
allein die Bosheit des Teufels, sondern auch ein böses Gewissen vermag, und
das kommt daher, weil der Mensch seiner Versuchung nicht Widerstand leistet,
wie er müßte. Also hat aber nicht jener Dir bekannte Lehrer gethan; denn mit
ihm stieg der Geist nieder und versuchte ihn so stark, daß beinahe alle
Ketzereien vor ihm standen und fast mit Einem Munde redeten: Wir sind die
Wahrheit. Er selber aber glaubte seinen Sinnen nicht, ging auch mit seinem
Gefühle nicht über sich hinaus, deshalb ward er befreit und ward wissend
vom: "Im Anfange" bis zum "A und O", wie es ihm
verheißen worden.
Das ist von jenem ersten Worte in der Bibel an, das da
anfängt: "Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde," bis zur
Offenbarung Johannis, wo vom A und O geschrieben steht. Und jener Lehrer war
der Magister Matthias, ein Domherr zu Linköping und Beichtvater der heiligen
Brigitta. Von ihm ist im III. und LII. Kapitel des ersten Buches und im LXXV.
und LXXXIX. Kapitel des sechsten Buches der Offenbarungen die Rede. ![]()
Antwort auf die vierte Frage: Weshalb ich ferner so lange Zeit gezögert habe, Fleisch zu werden? Ich antworte: Fürwahr, notwendig ist meine Menschwerdung gewesen; denn durch dieselbe ward der Fluch gelöst und alles im Himmel wie auf Erden zum Frieden gebracht. Es war jedoch notwendig, daß der Mensch vorher durch das natürliche Gesetz unterwiesen ward, sodann durch das geschriebene; denn durch das natürliche Gesetz ist sichtbar geworden, wie groß und welcherlei Art die Liebe des Menschen gewesen, durch das geschriebene Gesetz aber hat der Mensch seine Schwäche und sein Elend erkannt und dann angefangen, nach einer Arznei zu fragen. Es war also billig, daß dann der Arzt kam, als die Schwachheit groß geworden war, und daß, wo die Krankheit überhand genommen, auch an Arznei Überfluß wäre. Doch waren sowohl unter dem natürlichen als unter dem geschriebenen Gesetze viele Gerechte und hatten viele den heiligen Geist, sagten vieles voraus, erzogen andere zu einem ehrbaren Leben und erwarteten mich, den Erlöser. Diesen ist meine Barmherzigkeit nahe und die ewige Strafe erreicht sie nicht.
Antwort auf die fünfte Frage: Weshalb werden ferner,
da die Seele besser ist, als die Welt, die Prediger nicht allezeit und
allenthalben hingesendet? Ich antworte: Wahr ist, daß die Seele würdiger und
edler ist als die ganze Welt, und beständiger, denn alles; sie ist würdiger,
weil sie geistlich und den Engeln gleich zur ewigen Freude erschaffen worden,
edler aber ist sie deshalb, weil sie nach dem Bilde meiner Gottheit
erschaffen, unsterblich und ewig ist. Weil denn nun der Mensch edler und
würdiger ist als alle Geschöpfe, deshalb soll er ein edleres Leben führen,
denn alle, da er vor anderen durch Vernunft reich gemacht worden. Wenn aber
der Mensch die Vernunft und meine göttlichen Gaben mißbraucht, was ist es da
Wunder, wenn ich zur Zeit der Gerechtigkeit strafe, was zur Zeit der
Barmherzigkeit unterlassen worden. Deshalb werden nicht überallhin noch
allezeit Prediger gesendet, weil ich, Gott, der ich die Härte vieler Herzen
im voraus sah, meinen Auserwählten die Beschwerden ersparen will, damit sie
nicht vergeblich Mühsal haben und weil viele mit Fleiß und festem Wissen
sündigen, auch entschlossen sind, lieber in den Sünden zu verharren, als
sich zu bekehren; darum sind sie nicht wert, die Boten des Heiles
zu hören. Aber, Freund, nun werde ich mit der Beantwortung Deiner Gedanken
ein Ende machen und Du wirst Dein Leben enden. Jetzt wirst Du erfahren, was
Dir Deine wortreiche Beredsamkeit und die menschliche Gunst genützt haben. O
wie glückselig wärest Du, hättest Du Deine Profeß und Dein Gelübde in
acht genommen!
Ingleichen sprach der Geist zur Braut: Meine Tochter, dieser welcher den Anschein hatte, solcherlei und so große Dinge zu fragen, lebt noch im Leibe, wird aber nicht einen Tag lebendig bleiben; seine Gesinnung und die Gedanken seines Herzens sind Dir in Bildern gezeigt worden, nicht ihm zu einer größeren Schande, sondern zum Heile anderer Seelen. Aber siehe! Mit seinen Gesinnungen und Gedanken wird auch sein Leben und seine Hoffnung enden.
Christus redet mit seiner Braut Brigitta und sagt, sie solle sich nicht dadurch beunruhigen lassen, daß er nicht sogleich über einen Mann, der ein großer Sünder war, Gerechtigkeit übe; denn er schiebe sein Urteil auf, damit seine Gerechtigkeit, wenn er dasselbe fällt, anderen offenbar werde. Er sagt auch, daß seine göttlichen Worte, welche in diesem Buche der göttlichen Offenbarungen enthalten sind, zuvörderst wachsen, bis zur vollen Zeitigung Frucht bringen müssen und demnächst ihre Wirkung und Kraft in der Welt hervorbringen werden. Diese Worte sind wie das Öl auf der Lampe, d. h. in einer tugendhaften Seele; diese wird durch jene angefettet, und sie bewirken, daß die Seele, wenn der heilige Geist dazu kommt, brennt und mit einem wunderbaren Glanze leuchtet. Er setzt auch hinzu, wie die gedachten Worte der Offenbarungen hinaufsteigen und anderwärts, als im Reiche Schweden, wo sie derselben Braut geoffenbart zu werden anfingen, Frucht bringen werden.
Der Sohn Gottes sprach: "Weshalb beunruhigst Du Dich,
daß ich jenen Mann so geduldig ertrage? Du weißt nicht, wie schwer es ist,
ewig zu brennen, und deshalb dulde ich ihn bis zum letzten Augenblicke, auf
daß in ihm meine Gerechtigkeit anderen offenbar werde. Wenn Farbenkräuter
gesäet, aber vor ihrer Zeit abgeschnitten worden, so taugen sie zum Färben
einer Sache nicht so gut, als wenn sie zur gebührenden Zeit abgeschnitten
werden.
So müssen auch die Worte meiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit offenbar
werden und bis zur Fülle der Reife wachsen, damit sie Frucht bringen, der
Sache, für welche sie gegeben werden, dienen und meiner Kraft geeignete Farbe
verleihen. Weshalb bekümmerst Du Dich übrigens darüber, daß jener meinen
Worten nicht traut, wofern ihm nicht deutlichere Zeichen gewiesen werden? Hast
Du ihn etwa gezeugt, oder kennst Du sein Inneres, wie ich? Er ist fürwahr wie
eine brennende und leuchtende Lampe, in welche man, wenn das Öl dazukommt,
einen fest daranhängenden Docht steckt. So ist er eine Lampe der Tugenden,
eine Lampe bequem zur Aufnahme meiner göttlichen Gnade. Sobald man derselben
meine Worte eingießt, werden dieselben auf vollkommenere Weise flüssig
werden und in das Innere des Herzens hinabsteigen; was Wunder auch, wenn das
Fett zergeht und die Lampe brennen macht? Denn das Feuer ist mein Geist,
welcher in Dir ist und redet, und derselbe Geist ist und redet auch in ihm,
obwohl auf eine verborgenere und ihm gar nützliche Weise. Dieses Feuer
zündet die Lampe seines Herzens an, um zu meiner Ehre zu arbeiten. Es zündet
auch die Seele an, um das Fett der Gnade und meiner Worte zu empfangen, von
denen die Seele süß aufgenommen und völliger durchfettet wird, um gute
Werke zu thun.
Darum fürchte Dich nicht, sondern stehe fest im Glauben. Wenn diese Worte von Deinem Geiste oder vom Geiste dieser Welt herkämen, würdest Du Dich mit Recht zu fürchten haben; weil sie aber aus meinem Geiste sind, den die heiligen Propheten hatten, deshalb hast Du Dich nicht zu fürchten, sondern zu freuen; es wäre denn, daß Du Dich mehr vor dem eitlen Namen der Welt fürchtetest, als vor der Offenbarung meiner göttlichen Worte.
Höre außerdem, was ich sage: Dieses Reich ist mit einer
großen, lange ungestraft gebliebenen Sünde behaftet. Darum können meine
Worte daselbst noch nicht aufgehen und Frucht bringen, wie ich Dir jetzt,
durch ein Gleichnis redend, erklären werde. Gesetzt, es wäre ein Kern in die
Erde gepflanzt. Auf diesen wird etwas Schweres gelegt, so daß er nicht in die
Höhe kommen kann. Ist dieser Kern von guter kräftiger Beschaffenheit, so
sucht er, wenn er vor dem oben herabdrückenden Gewicht nicht aufwärts kommen
kann, um die Erde herum seinen Aufgang an der Stelle, wo eine
mindere Beschwerung stattfindet. Hier wurzelt er so tief und fest ein, daß er
nicht allein sehr schöne Frucht bringt, sondern der Stamm auch, wenn er fest
aufwächst, alles, was den Aufgang hemmt, vernichtet und sich über dasjenige
ausdehnt, was ihn beschwert. Dieser Kern bedeutet meine Worte. Dieselben
vermögen beim Wuchern der Sünde in diesem Lande jetzt keinen geeigneten
Aufgang zu finden und werden eher anderswo aufgehen, und Nutzen schaffen, bis
die bei abnehmender Barmherzigkeit stattfindende Härte dieses Landes sich
aufthut."
Gott der Vater redet mit der seligen Brigitta und zeigt ihr auf feinsinnige Weise die Kraft von fünf bestimmten Stellen in Jerusalem und Bethlehem, sowie die Gnade, welche die Pilger empfangen, welche diese Stätten in frommer Demut und mit wahrer Liebe besuchen. Er sagt, wie an den gedachten Orten ein Gefäß sich befunden, das verschlossen und nicht verschlossen war, wie daselbst ein Löwe geboren worden, welcher sichtbar und zugleich unsichtbar gewesen, wie dort ein Lamm sich befunden, das geschoren und zugleich nicht geschoren war, eine Schlange daselbst hingelegt worden, welche da lag und nicht dalag, daselbst endlich auch ein Adler war, welcher flog und zugleich nicht flog. Er legt in diesem Bilde auch alles aus.
Gott der Vater sprach: "Es war einmal ein Herr, zu dem
sprach sein Knecht: Siehe, dein Brachfeld ist umgepflügt, die Wurzeln sind
ausgerottet; wann soll nun der Weizen gesäet werden? Der Herr sprach zu ihm:
Obwohl die Wurzeln ausgerottet zu sein scheinen, so sind doch noch veraltete
Strünke und Stöcke zurückgeblieben, welche im Frühlinge von Regen und Wind
aufgelöst werden müssen. Deshalb harre geduldig der Zeit der Aussaat. Der
Knecht antwortete ihm: Was soll ich in der Zeit zwischen dem Frühlinge und
der Ernte thun? Der Herr erwiederte ihm: Ich kenne fünf Orte. Ein jeder der
dahin kömmt, wird fünffach Frucht erhalten, wenn er rein und frei von
Hochmut und brennend in Liebe dahin kömmt. Am ersten Orte war ein Gefäß,
das verschlossen und nicht verschlossen, klein und wiederum nicht klein war;
ein Gefäß, zugleich leuchtend und nicht leuchtend, leer und zugleich nicht
leer, ein Gefäß rein und nicht rein. Am zweiten Orte wurde
ein Löwe geboren, welcher gesehen und nicht gesehen, gehört und nicht
gehört, berührt und nicht berührt, erkannt und nicht erkannt, gebunden und
nicht gebunden werden konnte. Am dritten Orte befand sich ein geschorenes
Lamm, das auch nicht geschoren, verwundet und gleichzeitig nicht verwundet
war, das da rief und nicht rief, wie ein Lamm sterbend und nicht sterbend war.
An den vierten Ort ist eine Schlange gelegt worden, welche lag und auch nicht
lag, sich bewegte und nicht bewegte, hörte und auch nicht hörte, sah und
nicht sah, fühlte und unempfindlich war. Am fünften Orte war ein Adler,
welcher flog, zugleich aber auch nicht flog und der an einen Ort kam, von
dannen er nie wieder gekommen ist, welcher ruhte und nicht ruhte, welcher sich
erneute und auch nicht erneute, sich freute und nicht freute, geehrt und auch
nicht geehrt wurde."
Der Vater sprach: "Das Gefäß, von welchem ich Dir
sagte, war Maria, Joachims Tochter, die Mutter der Menschheit Christi, Denn
sie war ein verschlossenes und nicht verschlossenes Gefäß, verschlossen dem
Teufel und nicht Gott. Wie ein Gießbach, welcher in ein ihm vorgehaltenes
Gefäß eindringen möchte, es aber nicht vermag, und andere Eingänge und
Ausgänge sucht, so begehrte der Teufel, gleichsam ein Gießbach der Laster,
mit allen seinen Zumutungen sich dem Herzen Mariens zu nähern. Allein er hat
niemals ihren Sinn zu irgend einer kleinsten Sünde hinzuneigen vermocht, weil
dasselbe gegen die Versuchungen verschlossen war und der Gießbach meines
Geistes in ihr Herz eingeströmt war und sie mit besonderer Gnade erfüllt
hatte. Zweitens war Maria, die Mutter meines Sohnes, ein kleines und ein nicht
kleines Gefäß, klein und gering in ihrer demütigen Erniedrigung, groß und
gar nicht klein in der Liebe meiner Gottheit. Drittens war Maria leer und
nicht leer; leer von aller Lust und Sünde, nicht leer, sondern erfüllt von
der göttlichen Süße und jeglicher Güte. Viertens war Maria leuchtend und
nicht leuchtend; leuchtend, weil jegliche Seele schön von mir erschaffen
worden und weil ihre Seele so sehr zu aller Vollkommenheit des Lichtes wuchs,
daß mein Sohn sich in
ihrer Seele befestigte und an ihrer Schönheit Himmel und Erde sich erfreuten;
jenes Gefäß war aber nicht leuchtend vor den Menschen, weil es die Ehren und
den Reichtum der Welt verachtete. Fünftens war Maria ein reines und nicht
reines Gefäß; rein war sie, weil ganz schön und weil nicht soviel Unreines
an ihr gefunden ward, daß daran die Spitze einer Nadel hätte gesteckt werden
können. Sie war aber auch nicht rein, weil sie von der Wurzel Adams
ausgegangen ist und von Sündern geboren, obwohl ohne Sünde empfangen
worden, damit mein Sohn von ihr ohne Sünde geboren würde. Wer daher nun
an jenen Ort, nämlich dahin kommt, wo Maria geboren und erzogen worden, wird
nicht nur gereinigt werden, sondern auch ein Gefäß zu meiner Ehre sein. Der
zweite Ort ist Bethlehem, wo mein Sohn wie ein Löwe geboren ist, welcher in
seiner Menschheit gesehen und festgenommen ward, in der Gottheit aber
unsichtbar und unbekannt war. Der dritte Ort ist Kalvaria, wo mein Sohn wie
ein unschuldiges Lamm der Menschheit nach verwundet und gestorben ist,
während er der Gottheit nach dem Leiden nicht unterworfen und unsterblich
war. Der vierte Ort war der Garten mit dem Grabe meines Sohnes, in welches er
hineingelegt ward wie eine verächtliche Schlange und seiner Menschheit nach
lag, während er der Gottheit nach überall war. Der fünfte Ort war der
Ölberg, von welchem mein Sohn seiner Menschheit nach wie ein Adler aufflog in
den Himmel, wo er mit der Gottheit immer war. Er erneute sich und ruhte seiner
Menschheit nach, während er der Gottheit nach allezeit in Ruhe und derselbe
war. Wer nun also rein, mit gutem und vollkommenem Willen an diese Orte kommt,
der wird zu sehen und zu kosten bekommen, wie süß und lieblich der Herr,
ich, Gott, bin. Wenn Du aber an diese Orte gekommen sein wirst, will ich Dir
noch mehr zeigen." ![]()
[Es folgt das Inhaltsverzeichnis des zweiten Bandes auf den Seiten 371-389 (hier jeweils vor die einzelnen Bücher gestellt) und drei Seiten Werbung auf den Seiten 390-392. Der dritte Band der Buchausgabe beginnt mit den Seiten:]
Sammlung der vorzüglichsten mystischen Schriften aller katholischen Völker
Leben und Offenbarungen der heiligen Brigitta.
Regensburg.
Regensburg. Verlags-Anstalt vorm. G. J. Manz.
1888. ![]()
Buchdruckerei der Verlags-Anstalt vorm. G. J.
Manz in Regensburg. ![]()
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
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