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Leben und Offenbarungen der heiligen Brigitta
(Hier ist nach dem Dafürhalten Alfonsos das Ende des vierten Buches.)
Hier beginnen die Offenbarungen der heiligen Brigitta an die Priester und Päpste.
Die folgenden Offenbarungen hat die heilige Brigitta in einem geistlichen Gesichte gehabt, während sie im Gebete war. Dieselben wurden den Päpsten Innocenz VI., Urban V., Gregor XI. übersendet. Dieselben handeln von der Zurückführung des Apostolischen Stuhles und des Römischen Hofes nach Rom und von der Reformation der Kirche nach der Vorschrift Gottes des Allmächtigen.
Worte, welche der Braut auf göttliche Weise geoffenbart und durch den süßesten Mund der glorreichen Jungfrau deutlich und unverhüllt an die Braut gerichtet und verkündigt wurden.
"Ehrwürdiger Vater, ich, eine Witwe, habe Euch zu
vermelden, wie einer Frau bei ihrer Anwesenheit in ihrem Vaterlande, vielerlei
Wunderbares enthüllt wurde, was nach vorgängiger sorgfältiger Prüfung der
Bischöfe und Doktoren in den Klöstern, sowie der Weltgeistlichen, als etwas,
das durch eine wunderbare Erleuchtung des heiligen Geistes und nirgends
andersher hervorgegangen, bewährt und auch vom Könige und der Königin
dieses Reiches aus Wahrscheinlichkeitsgründen anerkannt wurde. Als nun die
gedachte Frau, welche nach der Stadt Rom gewallfahrtet war, eines Tages in der
Kirche Santa Maria maggiore dem Gebete oblag, wurde sie zu einem geistlichen
Gesichte entrückt, während der Leib gleichsam seiner Schwere erlag, aber
doch nicht bis zu einem schweren Schlafe. In dieser Stunde erschien ihr eine
gar ehrwürdige Jungfrau. Voll Erstaunen über dieses Gesicht wurde sie in
Unruhe versetzt, denn ihre Schwäche erkennend, fürchtete sie einen Trug des
Teufels, und flehte die göttliche Liebe inbrünstig an, sie möge nicht
zulassen, daß sie in teuflische Versuchungen falle. Die Jungfrau, welche ihr
erschienen war, sprach: Fürchte nicht, daß dasjenige, was Du jetzt sehen
oder hören wirst, vom bösen Geiste komme. Denn wie die Annäherung der Sonne
vom Licht und von der Wärme begleitet ist, welche mit dem finsteren Schatten
nichts gemein haben, so kommt auf ähnliche Weise mit der Ankunft des heiligen
Geistes das Feuer der göttlichen Liebe und die vollkommene Erleuchtung des
katholischen Glaubens in das Menschenherz. Diese beiden Dinge empfindest Du
jetzt an Dir selber, so daß Du nichts so liebst, als Gott, und Dir an der
Vollkommenheit des katholischen Glaubens auch nicht ein Punkt fehlt. Diese
beiden Dinge aber haben nichts gemein mit dem bösen Geiste, welcher dem
finsteren Schatten ver-
glichen wird. Du sollst aber meine Worte an meiner Statt einem gewissen
Prälaten überschicken. Mit großer Traurigkeit antwortete ihr jene Frau und
sprach: O meine ehrwürdige Jungfrau, er wird mir nicht glauben; ich halte
vielmehr dafür, daß er meine Worte eher für Gespötte, als für göttliche
Wahrheit halten wird. Die Jungfrau antwortete und sprach: Obwohl ich den
Zustand seines Herzens, die Antwort, welche er Dir geben wird, und das Ende
seines Lebens bereits kenne, sollst Du ihm doch nichtsdestoweniger meine Worte
übersenden Ich lasse ihm also wissen, daß auf der rechten Seite der heiligen
Kirche die Grundmauer stark verfallen ist, dergestalt, daß davon das obere
Gewölbe mehrere Risse an sich trägt und so gefährliche Herabfälle
veranlaßt, daß viele von denen, welche unter demselben hinweggehen, ihr
Leben verlieren. Die meisten Säulen derselben, welche emporstreben sollten,
neigen sich schon bis auf die Erde hinab und der ganze Estrich ist
unterwühlt, so daß nicht bloß die Blinden, wenn sie hintreten, sondern auch
die Sehenden über die Löcher im Estrich auf gefährliche Weise fallen
müssen. Um dieser Ursachen willen hat die Kirche Gottes einen gar
gefährlichen Stand, und was für sie hieraus hervorgeht, wird, es läßt sich
erkennen, alsbald in nächster Zeit sich begeben; wenn man ihr nicht durch
eine Erneuerung zu Hilfe kommt, wird sie sicherlich einen Einsturz erleiden
und der Fall wird so groß sein, daß man denselben durch die ganze
Christenheit vernehmen wird. Dies muß aber auf geistliche Weise verstanden
werden. - Ich bin die Jungfrau, in deren Leib, von welchem alle Fleischeslust
ausgeschlossen war, Gottes Sohn mit seiner Gottheit und dem heiligen Geiste zu
kommen sich gewürdigt hat. Und eben dieser Sohn Gottes ist aus meinem
verschlossenen Leibe mit der Gottheit, mit der Menschheit und mit dem heiligen
Geiste zu meinem größten Troste und ohne Schmerz geboren worden. Ich habe
auch neben seinem Kreuze gestanden, als er mit wahrer Geduld die Hölle
siegreich überwand und durch seines Herzens Blut den Himmel öffnete. Auch
auf dem Berge habe ich mich befunden, als derselbe Sohn Gottes der auch mein
Sohn ist zum Himmel auffuhr. Ich habe endlich den ganzen katholischen Glauben,
den er selber verkündet und alle gelehrt hat, welche in das Himmelreich
eingehen wollen, aufs deutlichste erkannt. - Nun stehe ich über der Welt ohne
Unterlaß im Gebete zu meinem teuersten Sohne, wie ein Regenbogen über des
Himmels Wolken, welcher sich auf die Erde herabzuneigen und dieselbe mit
seinen beiden Enden zu berühren scheint. Unter dem Bogen verstehe ich mich
selber, die ich mich hinabneige zu den Bewohnern der Welt, indem ich beide,
Böse wie Gute, mit meinem beständigen Gebete berühre; zu den Guten neige
ich mich hinab, auf daß sie in dem, was die heilige Mutter Kirche befiehlt,
beständig werden; zu den Bösen aber, damit sie nicht fortschreiten in ihrer
Bosheit und nicht noch ärger werden. Denen nun, welchen ich die
gegenwärtigen Worte sende, mache ich bekannt, daß von einer Seite der Erde
schreckliche Wolken aufsteigen wider die Klarheit des Bogens. Unter diesen
verstehe ich diejenigen, welche in ihrem Fleische ein unzüchtiges Leben
führen und unersättlich und ohne Boden sind, wie die Tiefe des Meeres, zur
Geldgier, welche ihre Güter unvernünftig und verschwenderisch, wie ein
Gießbach in seinem Ungestüm sein Wasser ausgießt, für irdische Pracht und
Hoffart vergeuden. Diese drei Laster vollbringen jetzt die meisten Verwalter
der heiligen Kirche; ihre abscheulichen Sünden steigen empor zum Himmel von
der Erde vor Gottes Angesicht wider mein Gebet, wie die scheußlich schwarzen
Wolken wider den klaren Regenbogen am Himmel aufziehen. Ind so reizen
diejenigen, welche mit mir zugleich Gott besänftigen sollten, selber seinen
Zorn wider sich auf eine überaus schwere Weise auf. Solche sollten in der
heiligen Kirche nicht erhöht, sondern erniedrigt werden. Demjenigen dagegen,
welcher seine Sorge darauf wenden will, daß die Grundlage der Kirche fest
werde, und begehrt, den Estrich gerade zu legen, auch den gesegneten Weinberg
zu erneuern, den Gott selber angelegt und mit seinem Blute benetzt hat, mag er
sich auch hierzu für schwach und unzulänglich halten, will ich, die Königin
des Himmels, mit allen Engelscharen zu Hilfe kommen, indem ich die im Sande
stehenden Wurzeln ausreute, die unfruchtbaren Bäume zum Verbrennen ins Feuer
werfe, an ihre Stelle aber fruchtbare Zweige einsetze. Unter dem Weinberge
verstehe ich jedoch die heilige Kirche Gottes, in welcher die Demut und die
göttliche Liebe erneuert werden soll.
Dieses alles nun hat die glorwürdige Jungfrau, welche der
Frau erschienen ist, Euch schriftlich zu übersenden befohlen. Des-
halb mögen Euer Ehrwürden, mein Vater, wissen, wie ich, die ich Euch diesen
Brief übersende, bei Jesu, dem wahren und allmächtigen Gott, und bei seiner
würdigsten Mutter Maria mit dem Wunsche, sie mögen mir am Leibe wie an der
Seele helfen, aufrichtig schwöre, daß ich dieses Schreiben nicht um einiger
Ehre der Welt halber oder aus menschlicher Gunst gesendet habe, sondern weil
unter mehreren anderen Worten, welche der nämlichen Frau in einer geistlichen
Offenbarung gesagt worden, alles, was in diesem kleinen Papiere enthalten ist,
Euerer Würdigkeit geheißenermaßen, kundgethan werden soll."
Eine schöne Belehrung, wie die bösen Menschen und die Teufel einen von der Sünde Auferstandenen vom Guten abzuhalten suchen.
Lob und Ehre sei dem allmächtigen Gott für alle sejne
Werke! Ewige Ehre sei auch demjenigen, welcher angefangen, an Dir Gnade zu
wirken. Wenn die Erde mit Schnee und Frost bedeckt ist, so sehen wir, daß der
Same, welcher Art er auch sein mag, nur an wenigen, von den Sonnenstrahlen
erwärmten Stellen, schossen kann, wo dann durch die wohlthätige Einwirkung
der Sonne Gras und Blumen hervorwachsen und man erkennen kann, von welcher Art
und Kraft sie sind. In wahrhaft ähnlicher Weise scheint mir jetzt die ganze
Welt mit dem Froste der Hoffart, Genußsucht und Üppigkeit bedeckt zu sein,
so daß leider sehr wenige sind, aus deren Worten und Werken man erkennen
kann, daß eine vollkommene Liebe Gottes in ihren Herzen wohne. Darum soll man
wissen, daß, wie die Freunde Gottes sich gefreut haben, daß sie den Lazarus
zur Ehre Gottes vom Tode erweckt sahen, sich auch nun jetzt die Freunde Gottes
freuen können, wenn sie einen von den genannten drei Lastern, welche fürwahr
der ewige Tod sind, auferstehen sehen. Ferner ist zu bemerken, daß, wie der
auferweckte Lazarus nach seiner Auferstehung einem doppelten Hasse verfiel,
also trifft auch diejenigen, welche sich jetzt aus tödlichen Sünden erheben
und Keuschheit bewahren, Hoffart und Begierlichkeit fliehen wollen, ein
doppelter Haß. Auf zweifache Weise wollen die Menschen, welche Gottes Feinde
sind, ihnen leiblich schaden. Erstlich tadeln die Weltmenschen sie mit ihren
Worten; zweitens sind sie, wofern sie es vermögen, ihnen nachteilig mit ihren
Werken, um sich dieselben im Leben und Handeln ähnlich zu machen und von
gutem Beginnen abzuhalten. Allein ein Mensch Gottes, welcher sich neuerlich
zum geistlichen Leben bekehrt hat, kann dergleichen boshafte Menschen am
besten überwinden, wenn er gegen die Worte, welche ihm zuwider sind, Geduld
hat, und wenn er alsdann häufiger und eifriger gute geistliche und göttliche
Werke vor ihren Augen verrichtet.
Auch die Teufel bemühen sich, auf zweifache Weise sie zu
betrügen. Erstlich suchen sie den neuen Diener Gottes in die Sünden
rückfällig zu machen; haben sie solches nicht vermocht, so trachten sie
emsig dahin, daß er seine guten Werke auf unvernünftige und unkluge Art
vernichte, indem er nämlich übermäßig wacht oder unkluge Abstinenz
verrichtet, so daß auf diese Weise seine Kräfte schneller erschöpft werden,
und er in geistlichen Übungen ermatte. Wider das erste ist ein sehr gutes
Mittel die häufige und aufrichtige Beicht seiner Sünden und eine wahre
innere Herzensreue über die begangenen Missethaten. Wider das zweite ist das
beste Mittel eine solche Verdemütigung, daß man lieber irgend einem
erfahrenen Geistlichen gehorchen, als sich selber persönlich in seinen Werken
und vorzunehmenden Bußwerken regieren wolle. Und fürwahr, diese Arznei ist
selbst dann gar nützlich und sehr gut, wenn auch der Erteiler der guten
Ratschläge unwürdiger wäre, als der Empfänger. Sodann steht auch mit
Gewißheit zu hoffen, daß die göttliche Weisheit selber, welche Gott ist,
durch ihre Beihilfe den Ratgeber unterstützen wird, diejenigen Ratschläge zu
erteilen, welche für den Empfänger am nützlichsten werden würden, wenn sie
beide zu Gottes Ehre und Herrlichkeit einen vollkommenen Willen hätten. Nun
aber, geliebter Freund, weil wir beide, nämlich Du und ich,
von den Sünden auferstanden sind, flehen wir Gott an, daß es ihm gefallen
möge, uns beiden seine göttliche Hilfe zu gewähren, mir im Reden, Dir im
Gehorchen. Und um soviel mehr muß Gott hierum gebeten werden, als Du es
warst, der Du, wie reich, edel und weise Du auch bist, die Gnade gehabt hast,
mich Unwürdige, wenig Verständige und Unbekannte um Rat zu fragen. Und
wahrlich, ich hoffe, daß Gott Deine Demut ansehen und Dir thun wolle, was
nach der Seele und dem Leibe nützlich ist, und was ich Dir zu seiner Ehre
schreibe.
Eine von Gott der Braut geoffenbarte sehr kluge und nützliche Unterweisung an einen gewissen Geistlichen über die Weise, leiblich wie geistlich zu leben.
"Erstens nun rate ich Dir, in der Herberge bei Deiner
Kirche zur heiligen Jungfrau Maria zu bleiben, nur einen Diener bei Dir zu
haben; ferner, daß Du alles das, was Du nach Abzug der notwendigen Ausgaben
aus Deinen Einkünften erübrigt haben wirst, sogleich Deinen Gläubigern
wieder erstattest, indem Du dieselben in Bezug auf Deine Schulden vollständig
befriedigest. Denn es ist nicht erlaubt, noch vernünftig, an Freunde und
Verwandte, Arme wie Reiche, viel Geld zu geben, bevor alle Schulden
vollständig bezahlt sind. Und wenn Deine Schulden vollständig bezahlt
worden, dann verteile alles, was nach Abzug aller Ausgaben für Dich und
Deinen Diener übrig bleibt, unter die Armen und Dürftigen. Habe ein ehrbares
und nützliches, geistliches Kleid, und wache sorgfältig darüber, daß nicht
an der Beschaffenheit des Tuches oder an der Form Deiner Kleider irgend eine
Prunksucht und Eitelkeit bemerkt werden könne, sondern nur ehrbares
Bedürfnis und leiblicher Nutzen; denn Du magst mit zwei gleichen Kleidern
zufrieden sein, das eine sei für die Festtage, das andere für die übrigen
Wochentage. Habe auch nicht mehr, als zwei gleiche Schuhe oder Halbstiefel.
Alles, was von der Ausgabe für Deine Kleider übrig ist, das verwende zu
Deinem sonstigen Nutzen oder auf Bezahlung Deiner Schulden. Leinene
Kleidungsstücke lege dieses Jahr hindurch gänzlich ab, bei Nacht sowohl, als
am Tage. Deine Kirche
zur heiligen Maria betrachte während desselben Jahres als eine Klosterkirche,
und zwar aus dreierlei Gründen. Erstens deshalb, damit, wenn Du etwa zuvor
jemals aus Anlaß irgend einer Hoffart darin verweilt hast, Du hinfort im
heiligen Gehorsam zu Ehren der demütigsten Jungfrau Maria darin Dich
aufhaltest. Und wenn Du etwa durch die Domherren und andere Pfründebesitzer
durch unehrbare Worte vom Dienste Gottes zur üblen Weltlust verleitet worden
bist, so bemühe Dich jetzt, mit Gottes Hilfe durch göttliche und geistliche
Reden irgend jemand von der Weltliebe ab- und zur Lust an der Liebe Gottes
hinzuziehen. Und wenn Du vielleicht einigen durch deine unerlaubten Sitten ein
übles Beispiel gegeben hast, so trage von jetzt ab Sorge, durch deine guten
Werke und ehrbaren Wandel ihren Seelen ein nützliches und tugendhaftes
Beispiel zu geben.
Sodann, geliebter Freund, ist notwendig, daß Du die Zeiten
bei Nacht und bei Tag vernünftig und klüglich zum Lobe Gottes ordnest, Denn
ich habe bemerkt, daß die Glocken euerer Kirche genau zu bestimmten Zeiten
angeschlagen werden, und deshalb rate ich, daß Du sogleich, wenn Du dieselben
bei Nacht hörst, Dich aus Deinem Bette erhebst, und mit fünf Kniebeugungen
und fünf Vaterunsern und Ave Marias Dich der fünf Wunden Jesu Christi und
der Schmerzen seiner würdigsten Mutter erinnerst. Hieraus aber beginne die
Matutin von der seligsten Jungfrau und sprich andere Andachten, welche Dir
belieben, bis die Chorherren sich im Chore zum Singen versammeln. Auch ist es
besser, daß Du lieber mit den ersten als mit den letzten zur Kirche kommst.
Wenn nun die Matutin gesungen wird, sollst Du von der Zeit an andächtig und
ehrbar stehen, zuweilen auch sitzen, wie es sich schickt, keineswegs aber
reden, ausgenommen, wenn man Dich um etwas frägt; alsdann aber sollst Du mit
möglichst wenigen und nicht lauten Worten Bescheid geben, wobei jedes Zeichen
des Zornes und der Ungeduld vermieden werden muß. Du würdest Dich ja ehrbar
gebärden, wenn Du in der Gegenwart irgend eines zeitlichen und irdischen
Herrn wärest; darum mußt Du noch weit mehr mit aller Ehrbarkeit,
Bescheidenheit und demütiger, innerer wie äußerlicher Ehrerbietung in der
Gegenwart und dem Dienste des ewigen Königs der Himmel stehen, welcher immer
und überall gegenwärtig ist und
alles sieht. Und wenn Du vielleicht aus Not gezwungen wirst, von wichtigen
Dingen, die Dich und andere betreffen, mitten in den Horen zu reden, dann gehe
hinaus aus dem Chore und sprich, was Du für nötig hältst, mit wenigen
Worten leise außerhalb des Chores, und kehre ohne Verzug zurück an Deine
Stelle im Chor. Kannst Du aber, so verschiebe die Erledigung dieser
Angelegenheit auf einen anderen Ort und eine andere Zeit, damit nicht der
Gottesdienst oder die Ehre Gottes geschmälert oder verhindert werde. Hüte
Dich auch, in der Kirche umherzuschweifen, als ob Du spazieren gingest und
lustwandeltest, während die Horen gesungen werden; denn das zeugt von einem
unbeständigen, umherschweifenden Gemüte und lauen Sinne, sowie geringer
Liebe und Andacht. In der Zwischenzeit zwischen den Horen aber bete oder lies
etwas der Seele Nützliches und beachte fortwährend, daß Du von der Zeit an,
wo Du Dich zur Frühmette von Deinem Lager erhebst, Dich mit Liebe in keine
andere Thätigkeit einlässest, als auf den Gesang, das Lesen, das Gebet oder
Studieren, bis die Hochmesse beendet worden; es sei denn, daß etwa in euerem
Kapitel unter euch etwas über kirchliche Angelegenheiten, oder über
Herbeiführung eines besseren Zustandes oder besserer Anordunng zu verhandeln
wäre. Wenn dann die Hochmesse gefeiert worden, ziemt es sich wohl, von
leiblichen Zukömmlichkeiten und Vorteilen, von ehrbaren und tugendhaften
Tröstungen zu reden, und sich darüber in guter Weise zu unterhalten. - Wenn
Du dann zu Tisch gehst, soll ein Tischgebet gelesen werden und Du mußt, magst
Du nun eines anderen Gast sein oder selbst Gäste bewirten, während des
Auftragens zuerst bei Tische zureden, anfangen von Gott oder seiner
würdigsten Mutter, oder von irgend einem Heiligen zur Erbauung und zum Nutzen
der Tischgenossen und auch der bei Tisch aufwartenden Diener ein oder zwei
Worte zu reden, oder an die anderen von Gott, seiner Mutter oder den Heiligen
Gottes Fragen zu stellen. Und auch dann, wenn Du allein bei Tische bist und
nur der Diener zugegen ist, mache es ähnlich und lies dasjenige, was man den
Brüdern im Kloster, wenn dieselben zusammen zu speisen pflegen, vorzulesen
pflegt. Nach eingenommer Mahlzeit, und nachdem Gott und den Wohlthätern
gedankt worden, rede ein Stündchen lang von Dingen oder Geschäften, die Dich
betreffen, mit ehrbaren Personen, wie es
Dir gefällt. Nachher aber gehe sogleich in Dein Kämmerlein und sprich um der
Wunden unseres Herrn Jesu Christi und der Schmerzen seiner Mutter willen unter
Kniebeugung fünfmal das Vaterunser und fünfmal das Ave Maria. Sodann sollst
Du die Hälfte der Zeit, welche bis zur Vesper verstreicht, zum Studieren,
Lesen oder um ein wenig auszuruhen verwenden, wofern Du nicht etwa durch Deine
Freunde, einiger Ursachen halber, die sie betreffen, verhindert wärest; die
andere Hälfte der gedachten Zeit sollst Du zum Spazierengehen oder zu einem
ebrbaren leiblichen Troste verwenden, auf daß Du Dich zum Lobe Gottes
stärken mögest. Wenn es sodann zur Vesper läutet, dann eile alsbald in den
Chor der Kirche, um die Tagzeit zu singen. Wenn das Complet gesprochen worden,
so lese täglich die Vigilien für die Verstorbenen, nebst drei Lektionen vor
dem Abendessen. Nach diesem übe Dich in derselben Thätigkeit, welche Dir
nach dem Mittagessen empfohlen worden. Nach dem Gratias aber ergehe Dich
lustwandelnd und rede nützliche und trostreiche Worte, bis Du schlafen zu
gehen wünschest. Und auch alsdann, ehe Du zu Bette gehst, knie vor dem Bette
nieder und sprich dort andächtig fünf Vaterunser und fünf Ave Maria zu
Ehren des Leidens Christi; sodann gehe in Dein Bett und wende Deinem Leibe so
viel Schlaf und Ruhe zu, daß Du infolge zu kurzen Schlafes und zu kurzer Ruhe
nicht zu den Zeiten des Wachens zu schlafen genötigt wirst. An jedem Freitage
lies andächtig die sieben Bußpsalmen samt den Litaneien. Spende auch an
diesem Tage fünf Groschen an fünf arme Dürftige aus Ehrerbietung vor den
fünf Wunden Jesu Christi. Außerdem, mein teuerster Bruder und Freund, rate
ich Dir, daß Du die gleich anzugebende Abstinenz dieses Jahr über für Deine
eigenen Sünden halten wollest. Erstens sollst Du die ganze Fastenzeit
hindurch täglich, bis auf eine Mahlzeit in Fischen, fasten, und ähnlich in
der Adventszeit. Sodann faste an allen Vigilien der seligen Maria bei Brot und
Wasser: an den Vigilien der Apostel bei Fischen; alle Mittwoch bis auf eine
Mahlzeit in Käse, Eiern und Fischen; alle Freitag nur in Brot und Wein, und
wenn es Dir vielleicht lieber sein möchte, beim Brote Wasser statt Wein zu
haben, so rede ich Dir davon nicht ab; an jedem Sabbath in Fischen und Öl bei
einer Mahlzeit; am Sonntag aber und Montags, Dienstags und Donnerstags ge-
nieße zweimal des Tages über Fleisch, wofern alsdann nicht von der Kirche
Fasten geboten worden. Merke, geliebter Bruder, daß ich Dir dieses aus
dreierlei Ursachen zu schreiben und zu raten mir vorgenommen. Erstens, damit
der Neid und die Arglist des Teufels Dich nicht bewegen möge, daß Du Dich
selber nicht so schnell gänzlich verzehrst, daß Sinne und Kräfte schnell
abnehmen und Du hernach Dein ganzes übriges Leben hindurch Gott weniger
dienen könntest, als sich gebührt; zweitens damit die Weltleute, wenn sie in
Deinen Sinnen oder Kräften infolge übermäßiger Anstrengung an Dir irgend
einen Mangel wahrnehmen und sehen, daß Du begonnener Arbeiten überdrüssig
wirst, nicht auch Abscheu empfinden und davon zurückschrecken, sich
geistlichen Übungen zu unterziehen; drittens, weil ich hosff, daß Deine
Werke darum Gott besser gefallen, weil Du lieber demütig dem Rate eines
anderen folgen, als Dich persönlich selber nach Deinem eigenen Ermessen
regieren willst."
Antwort der Jungfrau an die Braut in Bezug auf drei Menschen, für welche die Braut bei Gott Fürbitte eingelegt hatte. Welche Thränen verdienstlich sind und welche nicht. Wie die Liebe Gottes sich mehrt beim Nachdenken über die Demut Christi. und wie die Furcht gut ist, wenn sie auch nicht kindlich, noch anfänglich ist.
"Einer, für den Du bittest, ist wie ein Sack voll
Ähren, in welchen, wenn man eine der Ähren herausnimmt, zehn andere hinzu
gethan werden; denn auch dieser giebt eine Sünde auf aus Furcht, fügt aber
zehn hinzu um der Welt Ehre willen. Wegen des anderen Menschen, für welchen
Du bittest, antworte ich Dir, wie es nicht Brauch ist, an faules Fleisch
köstliche Gewürze zu thun. Du bittest, daß ihm leibliche Trübsale zum
Nutzen seiner See!e möchten gegeben werden, allein sein Wille ist Deiner
Bitte entgegen; denn er begehrt der Welt Ehre und verlangt mehr nach Reichtum,
als nach geistlicher Armut, und die Wollust ist ihm süß. Deshalb ist seine
Seele vor mir faul und stinkend, und darum schickt sich für ihn nicht die
köstliche Würze, welche da sind die Trübsale der Ge-
rechtigkeit. Auch in Bezug auf den dritten Menschen, in dessen Augen Du
Thränen erblickst, antworte ich Dir, daß Du den Leib siehst, ich aber das
Herz. Du stehst, wie zuweilen eine dunkle Wolke von der Erde aufsteigt und
sich in den Himmel hinaufzieht unter die Sonne, und wie diese Wolke eine
dreifache Feuchtigkeit aus sich hervorbringt: Regen, dichten Schnee und Hagel,
worauf dann die Wolke verschwindet, welche aus der Unreinigkeit der Erde
entstanden ist. Damit ist jeder Mensch zu vergleichen, der in der Sünde der
Wollust bis an sein Alter genährt worden ist; sobald aber das Alter
herangekommen ist, dann fängt er an, den Tod zu fürchten und an seine Gefahr
zu denken, läßt sich jedoch im Herzen die Sünde angenehm sein. Wie nun die
Wolke die Unreinigkeit der Erde hinaufzieht in die obere Luft, so erhebt sich
aus der Unreinigkeit des Lebens, welche die Sünde ist, das Gewissen eines
solchen Menschen zur Betrachtung seiner selbst und giebt dreierlei Thränen
von sich. Die erste Art ist dem Wasser zu vergleichen und sie entsprechen dem,
was der Mensch fleischlicherweise liebt, z. B., wenn er Freunde oder zeitliche
Güter verliert, was sogar zu seinem Heile dienen soll, dann wird er erbittert
gegen Gottes Fügung und Zulassung und vergießt unklug viele Thränen. Die
zweite Art von Thränen sind dem Schnee zu vergleichen, weil der Mensch, wenn
er über die seinem Leibe drohenden Gefahren, an die Pein des Todes und den
Jammer der Hölle, nachzudenken anfängt, nicht aus Liebe sondern Furcht zu
weinen beginnt. Aber wie der Schnee schnell zergeht, so vergehen auch solche
Thränen bald. Die dritte Art von Thränen sind dem Hagel ähnlich, weil der
Mensch, wenn er an die Süßigkeit der Fleischeslust denkt, und daß er
dieselbe verlieren soll, über seinen Verlust und über seine Verdammnis zu
weinen beginnt; er ist aber nicht besorgt, über die Verunehrung Gottes zu
weinen, welche einträte, wenn Gott eine Seele verlieren müßte, die er mit
seinem Blute erkauft hat. Er kümmert sich auch nicht darum, ob er Gott nach
seinem Tode sehen würde oder nicht, wenn er nur eine Wohnung im Himmel oder
auf Erden hätte, wo er keine Pein empfände, sondern ewig seiner Lust leben
könnte. Darum sind solche Thränen ganz wohl dem Hagel zu vergleichen, weil
das Herz eines solchen Menschen gar zu hart ist und keine Wärme der Liebe zu
Gott hat,
daher ziehen denn solche Thränen die Seele nicht zum Himmel hinauf.
Jetzt aber will ich Dir die Thränen zeigen, welche die Seele gegen Himmel ziehen und dem Taue ähnlich sind. Zuweilen erhebt sich aus der Süßigkeit der Erde ein Dampf, der zum Himmel steigt und sich unter die Sonne zieht, hierauf von der Sonnenwärme aufgelöst zur Erde herabfällt und alles, was auf der Erde wächst, befruchtet. So ist es auch mit einem geistlichen Manne. Wenn er die gebenedeite Erde betrachtet, welche der Leib Christi ist, und die Worte, welche Christus mit eigenem Munde geredet hat, welche Gnade er in der Welt gewirkt, auch welch eine bittere Pein er, von heißer Liebe für unsere Seelen bewegt, ertragen, so wird er alsbald mit der Süßigkeit der Liebe zu Gott erfüllt und sein Herz, das der Sonne zu vergleichen, füllt sich mit göttlicher Wärme. Seine Augen werden mit Thränen angefüllt; er weint, daß er einen so unendlich guten und liebreichen Gott beleidigt, und will jetzt lieber alle Pein leiden zur Ehre Gottes, als alle Freuden haben, aber Gott entbehren. Deshalb werden diese guten Thränen dem fallenden Taue verglichen, weil dieselben die Kraft verleihen, gute Werke zu verrichten, auch Frucht bringen vor dem Angesichte Gottes. Und wie die emporwachsenden Blumen den fallenden Tau an sich ziehen und der Tau sich einschließt in die Blumen, so schließen auch die Thränen, welche aus göttlicher Liebe vergossen werden, Gott ein in die Seele und Gott zieht die Seele an sich.
Hier sind aber zwei Dinge zu bemerken; erstens, daß auch
jene guten Werke, welche aus Furcht geschehen, doch zuletzt ein Fünklein
Gnade in das Herz ziehen, um die Liebe zu erlangen. Dies magst Du aus einem
Beispiele näher erkennen. Gesetzt, es ist da ein Goldschmied. Derselbe legt
reines Gold auf die Wagschalen. Ein Köhler kommt zu ihm und spricht: Herr,
ich habe Kohlen für Deine Arbeit, gieb mir als Preis, was sie wert sind.
Jener antwortete: Die Kohlen sind zu dem Preis abgeschätzt, den sie wert
sind. Nachdem er dem anderen Gold als Kaufgeld gezahlt, rüstet der
Goldschmied die Kohlen für seine Arbeit zu, der andere aber verwendet das
Gold zu seinem Unterhalt. Also ist es auch im Geistlichen. Die ohne Liebe
vollbrachten Werke sind den Kohlen ähnlich, die Liebe aber dem Golde. Daher
hat ein jeglicher, welcher gute Werke aus Furcht
vollbringt, aber das Verlangen hegt, sich das Heil der Seele damit zu
erwerben, obschon er nicht nach Gott im Himmel verlangt, doch aber in der
Hölle zu wohnen fürchtet, nichtsdestominder gute Werke; allein sie sind kalt
und erscheinen vor dem Angesichte Gottes wie Kohlen. Gott aber ist dem
Goldschmiede zu vergleichen, welcher in seiner Gerechtigkeit weiß, in welcher
Weise die guten Werke Lohn verdienen und die Liebe Gottes erwerben. Seine
Vorsehung fügt es, daß aus diesen aus Furcht vollbrachten guten Werken jene
Liebe hervorgeht, welche der Mensch um Heile seiner Seele anwenden wird. Wie
nun ein liebreicher Goldschmied sich der Kohlen zu seiner Arbeit bedient, so
gebraucht Gott die kalten Werke zu seiner Ehre. Zweitens ist zu merken, daß
für so viele aus Furcht der Hölle unterlassenen Sünden der Mensch von eben
so vielen Strafen der Hölle befreit wird; weil er jedoch die Liebe nicht
hatte, besitzt er auch die Gerechtigkeit nicht, um in den Himmel
hinaufzusteigen. Denn wessen Wille ein solcher ist, daß, wofern er könnte,
er immerfort in der Welt leben möchte, in dessen Herzen ist durchaus die
Liebe Gottes nicht, und die Thaten Gottes sind vor ihm gleichsam blind;
deshalb sündigt er tödlich und wird zur Hölle verurteilt. Allein er ist
nicht schuldig, in Peinen zu brennen, sondern in der Finsternis zu sitzen,
weil er die Sünde aus Furcht unterließ; er wird jedoch die Freude des
Himmels nicht empfinden, weil er, so lange er lebte, dieselbe nicht begehrte.
Deshalb wird er als ein Blinder und Stummer dasitzen, wie ein Mensch ohne
Hände und Füße; seine Seele versteht wohl das Übel der Hölle, wenig
indessen von der Freude, welche im Himmel ist."
Diese Offenbarung betrifft drei Kriegsmänner. Der erste
war aus Schonen. Über ihn geschah folgende Offenbarung. Die Frau Brigitta
erblickte eine Seele, welche gleichsam, mit einem zweifach gefärbten
Scharlachkleide angethan, sich zeigte. Sie war wie mit einigen schwarzen
Tropfen besprengt und sobald sie dieselbe gesehen hatte, verschwand sie
sogleich aus ihren Augen. Nach anderen drei Tagen sah sie diese Seele ganz
rot, aber glänzend von einigen Edelsteinen, welche wie goldig dazwischen
leuchteten. Als sich die Frau darüber wunderte, sprach der Geist Gottes:
"Diese Seele war von den Sünden der Welt aufgehalten. Da sie aber den
rechten Glauben hatte, kam sie zu dem
Ablasse in der Absicht nach Rom, um die göttliche Liebe und Huld, sowie den
Willen zu erlangen, nicht ferner wissentlich zu sündigen. Wenn Du nun die
Seele mit doppelt gefärbtem Scharlach bekleidet gesehen, so bedeutet solches,
daß sie vor dem Tode die, wenn auch noch unvollkommene, göttliche Liebe
erhielt. Wenn Du sie aber mit schwarzen Flecken bespritzt sahest, so hat dies
die Bedeutung, daß sie von einiger fleischlichen Lust, die leiblichen
Verwandten und ihr Vaterland zu sehen, bewegt ward. Gleichwohl hat sie ihren
ganzen Willen mir hingegeben. Dadurch verdiente sie gereinigt und zu Höherem
vorbereitet zu werden. Die zwischen Rot hervorleuchtenden Edelsteine aber
bedeuten, daß sie ihres guten Willens halber und infolge der Wirkung jenes
Ablasses der gewünschten Krone näher gekommen ist. Siehe also, meine
Tochter, und erwäge, was für Gutes der Ablaß dieser Stadt bei den Menschen
bewirkt, welche mit heiliger Absicht um seinetwillen hierher kommen. Denn wenn
jemand auch tausend Jahre geschenkt würden, wie sie wegen des Glaubens und
der Andacht derer gegeben werden, welche da kommen, so wäre es doch wenig im
Vergleiche der Gnade der Liebe, welche wahrhaft dieses Ablasses wegen, welchen
meine Heiligen durch ihr Blut verdient haben, geschenkt und verdient
wird."
Vom anderen Kriegsmann in derselben Offenbarung, welcher aus Holland war, sprach der Sohn Gottes: "Was hat Dir jener Großsprecher, jener Windbeutel gesagt? Ist es nicht das, daß viele zweifeln an meinem Schweißtuche, ob es das wahre sei oder nicht? Sage ihm nun beständig vier Worte, die ich Dir sage. Das erste ist, daß viele Schätze sammeln, und wissen nicht, für wen? Zweitens, daß jeder, welcher des Herrn anvertrautes Pfund nicht fröhlich verwendet, sondern unnütz bewacht, ins Gericht fällt. Das dritte ist, daß derjenige, welcher die Erde und das Fleisch mehr liebt, als Gott, nicht in der Genossenschaft derer sein wird, welche nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten. Das vierte ist, daß ein jeglicher, welcher die Rufenden nicht erhört, selber rufen und nicht erhört werden wird. Von meinem Schweißtuche soll er wissen, daß, wie der Schweiß meines Blutes beim Beginn meines Leidens und als ich zum Vater flehte, von meinem Leibe rann, also jener Schweiß von meinem Gesichte wegen der Tugend derjenigen, welche mich bat, den Nachkommen zum Troste geflossen ist."
Der dritte Kriegsmann derselben Offenbarung war aus
Schweden. Über ihn geschah folgende Offenbarung. Der Sohn Gottes sprach:
"Es steht geschrieben: Der Mann wird erlöst durch das gläubige Weib.
(I, Korinth, VII.) So ist das Weib dieses Mannes gelaufen und hat ihren Mann
mit beiden Händen aus des Teufels Rachen herausgerissen. Denn mit der einen
Hand, nämlich: durch Thränen, Gebete und Werke der Liebe, hat sie ihn der
Hand des Teufels entzogen. Mit der anderen Hand hat sie ihn durch Ermahnungen,
ihr Beispiel und Unterweisung losgemacht, so daß er schon dem Wege des Heiles
sich nähert. Darum ist auch dreierlei zu beachten, das im gemeinen Gesetze
geschrieben steht. Es ist darin die Rede von dreierlei Verhältnissen;
das eine heißt Besitzen, das andere wird Verkaufen genannt und das dritte ist
Kaufen. Vom ersten, dem Besitzen, heißt es, daß nichts mit Recht besessen
wird, was nicht auf rechtmäßige Weise erworben wird. Denn wenn man etwas
durch trügliche Erfindungen, durch böse Gelegenheiten um zu geringen Preis
gewinnt, so ist eine solche Erwerbung Gott nicht angenehm. Das zweite
Verhältnis heißt Verkaufen. Bisweilen wird aus Not oder aus Furcht, zuweilen
auch mittels Gewalt oder infolge ungerechter Richtersprüche irgend etwas
verkauft. Ein solches Gewissen muß erforscht werden, wenn anders Mitleid und
Liebe im Herzen sind. Das dritte Verhältnis heißt Kaufen; wer eine Sache
kaufen will, muß forschen, ob die Sache, womit etwas gekauft wird, mit Recht
erworben worden. Nach dem Gesetze wird nämlich nicht zugelassen, daß irgend
etwas durch ungerechte Erpressung erworben werde. Darum soll man die
vorgedachten drei Verhältnisse in seinem Gemüte gründlich erforschen und
sich überzeugt halten, daß mir von allem, auch von dem, was die Eltern
jemand hinterließen, Rechenschaft abgelegt werden muß, wenn davon mehr um
der Welt willen oder über den gebührenden Nutzen, als um Gottes willen
ausgegeben worden. Ein solcher soll auch wissen, daß er mir über seinen
Kriegsdienst Rechenschaft zu geben hat, auch darüber, mit welcher Absicht er
denselben übernommen, wie er denselben gehalten, und wie er das Gelübde, das
er mir geleistet, erfüllt hat."
Christus redet mit der Braut und sagt zu ihr, wie eine andächtige Seele als Braut einen lieblichen Mund, reine Ohren, schamhafte Augen und ein beständiges Herz haben soll. Er giebt über alle diese Glieder eine gar schöne geistliche Auslegung.
Der Sohn sprach: "Du sollst wie eine Braut einen
lieblichen Mund, reine Ohren, schamhafte Augen und ein beständiges Herz
haben. Solches muß die Seele haben: Den Mund des reinen Gemütes, und darin
darf nichts eingehen, als was mir gefällt. Der Mund, d. h. das reine Gemüt,
muß auch lieblich sein im Dufte guter Gedanken und vom beständigen Andenken
an meine Leiden; er soll auch rot sein, d. h. brünstig von göttlicher Liebe;
denn wie keiner danach verlangt, einen bleichen Mund zu küssen, so gefällt
mir auch eine Seele durchaus nicht, wenn sie nicht lediglich aus gutem Willen
gute Werke verrichtet. Das Gemüt muß auch wie der Mund zwei Lippen haben, d.
i. zwei Neigungen, eine, welche das Himmlische begehrt, die andere, welche
alles Irdische
verachtet. Der untere Gaumen der Seele aber muß die Furcht des Todes, durch
welchen die Seele vom Leibe geschieden wird, und die Besorgnis sein, wie sie
dann beschaffen sein werde; der obere Gaumen aber soll die Furcht des
schrecklichen Gerichtes sein. Zwischen beiden soll die Zunge der Seele wohnen.
Was aber ist die Zunge der Seele anderes, als die beständige Betrachtung
meiner Barmherzigkeit? Betrachte also meine Barmherzigkeit, wie ich Dich
erschaffen und erlöst habe, und wie ich Dich trage. Bedenke auch, ein wie
strenger Richter ich bin, der ich nichts unbestraft lasse, und gedenke, wie
ungewiß des Todes Stunde ist. Die Augen der Seele sollen einfältig sein wie
die einer Taube, welche an den Wassern den Habicht erblickt, d. h. Dein
Gedanke soll allezeit bei meiner Liebe und meinem Leiden und bei den Worten
und Werken meiner Auserwählten sein, woraus Du erkennen wirst, wie der Teufel
Dich wird betrügen können, so daß Du niemals Deiner sicher sein kannst.
Deine Ohren sollen rein sein, daß Du nicht verlangen mögest, leichtfertige
und lächerliche Reden zu hören. Das Herz aber soll beständig sein, so daß
Du den Tod nicht fürchtest, indem Du Deinen Glauben bewahrst und Dich wegen
der Verachtung in der Welt nicht schämest. Betrübe Dich um meiner, Deines
Gottes, willen nicht über leiblichen Schaden."
Christus redet mit der Braut und sagt, daß sie ihn wie ein guter Diener seinen Herrn, wie ein guter Sohn seinen Vater, wie eine treue Gattin ihren Gemahl, welcher niemals von ihr geschieden werden darf, lieben soll. Er legt alles Gesagte geistlich und nützlich aus.
Der Sohn sprach: "Ich liebe Dich wie ein guter Herr
seinen Diener, wie ein Vater seinen Sohn und wie ein Gatte seine Gattin. Der
Herr spricht zu seinem Diener: Ich werde Dir Kleidung, angemessenen Unterhalt
und mäßige Arbeit geben. Der Vater aber spricht zu seinem Sohne: Alles, was
mein ist, gehört Dir. Der Mann dagegen spricht zur Frau: Meine Ruhe ist Deine
Ruhe, mein Trost der Deinige. Was sollen nun diese drei für eine so
große Liebe antworten? Der Diener wird, wenn er gut ist, zum Herrn sprechen:
Weil ich einmal dienenden Standes bin, so will ich lieber Dir, als einem
anderen, dienen. Der Sohn aber wird zum Vater sagen: Weil ich jegliches Gute
von Dir habe, will ich mich von Dir nicht trennen. Die Frau dagegen spricht
zum Manne: Weil ich durch Deine Arbeit unterhalten werde, Wärme an Deiner
Brust und Süßigkeit in Deinen Worten empfange, so will ich lieber sterben,
als getrennt werden von Dir. Ich, der Herr, bin jener Gatte; die Seele ist
meine Braut, welche in meiner Ruhe Trost empfangen, mit der Speise meiner
Gottheit erquickt werden soll; ihr kommt zu, lieber alle Qualen zu erdulden,
als sich von mir zu trennen, weil sie ohne mich weder Trost, noch Ehre hat.
Zum Ehestand aber gehört zweierlei: Erstens Vermögen, womit die Eheleute
ihren Unterhalt bestreiten; zweitens ein Sohn, der ihre Erbschaft hinnimmt,
während der Diener seinen Dienst verrichten soll. So wird von Abraham
gelesen, er sei betrübt gewesen, daß er keinen Sohn hatte. Die Seele hat
aber dann das zum Unterhalt nötige Vermögen, wenn sie mit Tugenden erfüllt
ist. Sie hat auch einen Sohn, wenn sie die Vernunft zum Unterscheiden hat,
nämlich die Tugenden von den Lastern zu unterscheiden, und wenn sie
unterscheidet, solches nach Gott thut. Sie hat auch einen Diener, d. h. die
fleischliche Neigung; derselbe lebt aber nicht nach der Begierlichkeit des
Fleisches, sondern wie es dem Körper zuträglich ist und daß die Seele
vervollkommnet wird. Darum liebe ich Dich wie der Mann die Gattin, weil meine
Ruhe Deine Ruhe ist und Dir steht es zu, lieber alle Trübsal gern zu dulden,
als mich zum Zorne zu reizen. Ich liebe Dich auch wie ein Vater seinen Sohn,
weil ich Dir Unterscheidungsvermögen und freien Willen gegeben habe. Ich
liebe Dich ferner wie der Herr seinen Diener, dem ich vorgeschrieben, mäßige
Bedürfnisse und mäßige Arbeit zu haben. Dieser Diener aber, d. h. der Leib,
ist so unverständig, daß er lieber dem Teufel, als mir, dienen will; denn
der Teufel läßt ihm nie Ruhe von den Sorgen der Welt." ![]()
Christus redet mit der Braut und sagt, es seien ihrer drei betrogen worden durch ein Weib, einer davon ist einem gekrönten Esel vergleichbar, der andere hat ein Hasenherz und der dritte Ähnlichkeit mit einem Basilisken. Darum soll das Weib allezeit dem Manne unterthan sein
Der Sohn sprach: "Von dreien liest man, daß sie durch Weiber betrogen worden sind. Der erste war ein König, dem seine Buhle ins Angesicht schlug, als er ihr nicht zulächelte, weil er so thöricht war, sie nicht zu zügeln, noch um seine Ehre sich kümmerte. Er war einem gekrönten Esel zu vergleichen; einem Esel seiner Narrheit wegen, einem gekrönten in Anbetracht seiner Würde. Der zweite war Samson, welcher, wiewohl der Stärkste, doch von einem Weibe überwunden worden; er hatte ein Hasenherz, weil er ein Weibsbild nicht hat bezwingen können. Der dritte war Salomon, der einem Basilisken ähnlich gewesen, dessen Anblick tötet, selber aber durch einen Spiegel getötet wird. So hat Salomon alle an Weisheit übertroffen, aber das Antlitz eines Weibes hat ihn getötet. Darum ist es nötig, daß das Weib dem Manne unterthan sei."
Christus redet mit der Braut und sagt ihr, daß vor ihm zwei Blätter eines Buches sind; auf dem einen ist die dreifache Barmherzigkeit, auf dem anderen die Gerechtigkeit geschrieben; er ermahnt sie, da sie, da sie noch Zeit habe, sich der Barmherzigkeit zuwenden möge, um nachher nicht durch die Gerechtigkeit bestraft zu werden.
Der Sohn sprach zur Braut: "Ich bin der Schöpfer aller
Dinge. Vor mir habe ich gleichsam zwei Blätter, Auf dem einen ist die
Barmherzigkeit, auf dem anderen die Gerechtigkeit geschrieben. Wer von den
Sünden sich zur Reue wendet und sich vornimmt, dieselben nicht wieder zu
begehen, zu dem spricht die Barmherzigkeit, daß ihn mein Geist entzünden
wird, gute Werke zu thun; wer
sich gern von diesen Eitelkeiten der Welt abwendet, den macht mein Geist noch
inbrünstiger; wer sogar bereit ist, für mich zu sterben, den wird mein Geist
so weit entzünden, daß er ganz in mir sein soll und ich in ihm. Auf dem
anderen Blatte aber ist die Gerechtigkeit geschrieben, welche spricht: Wer
sich nicht bessert, so lange er Zeit hat, und sich wissentlich abwendet von
Gott, den wird der Vater nicht verteidigen, noch der Sohn begnadigen, noch der
heilige Geist entzünden. Betrachte daher, so lange es Zeit ist, fleißig das
Blatt der Gerechtigkeit; denn ein jeglicher, der gerettet wird, muß durch
Wasser oder Feuer gereinigt werden, d. h. entweder durch das Wasser einer
geringen Bußbeschwerde in gegenwärtiger Zeit, oder durch das Fegfeuer in der
zukünftigen, bis er ganz geläutert ist. Wisse auch, daß ich einem Menschen,
den Du kennst, diese beiden Blätter des Buches der Barmherzigkeit und
Gerechtigkeit gezeigt habe; er verlacht nun aber das Blatt meiner
Barmherzigkeit, und was links ist, hält er für rechts, und wie ein Adler
sich über die Vögel erhebt, sucht er über alle emporzusteigen, und deshalb
muß er, wenn er sich nicht fleißig vorsieht, befürchten, daß er lachend
sterben und samt seinen Mitsäufern und Spielern aus der Welt hinweggenommen
werde." - Also ist es später auch geschehen; denn er stand fröhlich vom
Tische auf, ward aber in der Nacht von seinen Feinden getötet.
Die Mutter Gottes redete und sprach, wie sie einer Blume gleiche, aus welcher die Bienen Süßigkeit ziehen. Die Bienen sind die Diener und Auserwählten Gottes, welche aus ihm täglich die Süßigkeit der Gnade ziehen und geistliche Flügel und Füße haben.
Die Mutter sprach: "Ich bin die Königin und Mutter der
Barmherzigkeit. Mein Sohn, der Schöpfer aller Dinge, ist von so süßen
Empfindungen gegen mich ergriffen, daß er mir von allem, das erschaffen
worden, das geistliche Verständnis gewährt hat. Deshalb bin ich einer Blume
gar ähnlich, aus welcher die Bienen vornehmlich Süßigkeit herausziehen. So
viel auch aus derselben gesammelt wird, es bleibt nichtsdestoweniger in ihr
viel Süßigkeit
zurück. Also kann ich für alle Gnade erlangen und behalte noch genug übrig.
Aber auch meine Auserwählten sind den Bienen ähnlich, wenn sie mit ganzer
Andacht für meine Ehre ergriffen sind. Sie haben wie die Bienen zwei Füße,
nämlich einmal ein beständiges Verlangen, meine Ehre zu vermehren; zweitens
arbeiten sie sorgfältig und sind thätig, so viel sie vermögen. Sie haben
auch zwei Flügel, indem sie sich für unwürdig halten, mich zu loben und mir
in allem gehorsam sind, was meine Ehre betrifft. Sie haben auch einen Stachel
und sterben, wenn derselbe ihnen gebricht; das sind die Trübsale der Welt,
welche vor dem Ende des Lebens um der Bewahrung der Tugenden willen nicht von
ihnen genommen werden; ich aber, die ich an Trost Überfluß habe, will sie
trösten."
Christus redet mit der Braut und spricht, wie sie schöne und unbefleckte Glieder haben müsse, wobei er alle Glieder auf geistliche Weise der vollkommenen Liebe Gottes und der Nächsten, besonders der Freunde Gottes, vergleicht. Er schließt damit, daß sie geistlicherweise thun soll, was der Phönix leiblich thut, welcher Holz zusammenträgt und sich selbst verbrennt.
Der Sohn sprach zur Braut: "Ich habe Dir vorhin gesagt,
Du müßtest helle Augen haben, um das Böse zu erkennen, das Du gethan, sowie
das Gute, das Du unterlassen hast. Dein Mund, d. h. Dein Herz, soll rein sein
von aller Makel. Die Lippen aber sind das zweifältige Verlangen, nämlich das
Verlangen, alles um meinetwillen zu verlassen, und der Wille, bei mir zu
bleiben. Diese Lippen nun sollen von roter Farbe sein; diese ist unter den
Farben die schönste und ist am weitesten sichtbar. Die Farbe aber bedeutet
die Schönheit; diese nun ist in allen Tugenden, weil es Gott am angenehmsten
ist, wenn das ihm angeboten wird, was der Mensch am meisten liebt, und wodurch
andere in ihrer Seele am meisten erbaut werden können; deshalb also soll Gott
gegeben werden, was der Mensch am meisten lieb hat, entweder durch Neigung
oder Thätigkeit. Wie Gott sich gefreut, nachdem er seine Werke vollbracht
hatte, so freut sich Gott auch, wenn sich der Mensch ihm
ganz aufopfert, so daß er in Schmerz und Freude zu sein je nach dem Willen
Gottes bereit ist. Die Arme aber sollen gelenkig und biegsam sein zur Ehre
Gottes. Der linke Arm nun ist die Betrachtung des Guten und der Wohlthaten,
welche ich Dir erwiesen, indem ich Dich erschuf und erlöste, und Deiner
Undankbarkeit gegen mich. Der rechte Arm aber ist eine so feurige Liebe zu
mir, daß Du lieber Martern erdulden, als mich zum Zorne reizen möchtest.
Zwischen diesen beiden Armen ruhe ich gern und Dein Herz wird mein Herz sein,
weil ich wie ein Feuer der göttlichen Liebe bin, und deshalb inbrünstig von
Dir geliebt sein will. Die dem Herzen zum Schutz dienenden Rippen sind Deine
Eltern, jedoch nicht die leiblichen, sondern meine Auserwählten, welche Du,
wie mich selber, zu lieben schuldig bist, und mehr, als die leiblichen Eltern.
Sie sind in Wahrheit Deine Eltern, weil sie Dich zum ewigen Leben
wiedergeboren haben. Die Haut muß rein und fleckenlos sein, worunter die
Liebe zum Nächsten zu verstehen ist; liebst Du denselben wie Dich selber, so
wird meine und meiner Heiligen Liebe unverletzt erhalten; hassest Du jedoch,
so wird das Herz verletzt, die Rippen werden bloßgelegt, d. h. die Liebe zu
meinen Heiligen wird geringer an Dir. Darum darf die Haut keinen Flecken
haben, weil Du Deinen Nächsten nicht hassen darfst, sondern alle nächst Gott
lieben sollst; denn alsdann ist mein Herz gesund in Deinem Herzen.
Noch habe ich Dir gesagt, wie ich inbrünstig geliebt werden
will, weil ich das Feuer der göttlichen Liebe bin. In meinem Feuer zeigen
sich drei wunderbare Erscheinungen. Erstens, daß es brennt, ohne jemals
entzündet zu werden; zweitens, daß es niemals verlöscht; drittens, daß es
stets brennt und nimmer verzehrt wird. So war meine Liebe vom Anfange an zum
Menschen in meiner Gottheit, welche bei der Annahme meiner Menschheit stärker
brannte und so sehr brennt, daß sie nie erlöscht, sondern die Seele
inbrünstig macht, dieselbe auch nicht verzehrt, sondern immerfort noch mehr
stärkt, wie Du es am Phönix sehen kannst, welcher, wenn er vom Alter
beschwert ist, auf einem hohen Berge Holz zusammenleset, dasselbe an der Glut
der Sonne entzündet und sich dann in das Feuer hineinstürzt, und wenn das
Feuer ihn getötet hat, wieder auflebt. Also ersteht die Seele, welche vom
Feuer der göttlichen
Liebe entzündet wird, aus demselben wie ein besserer und stärkerer Phönix
wieder auf."
Christus redet mit der Braut und spricht, daß alles, was erschaffen worden, nach seinem Willen sei, nur nicht die Menschen. Er sagt ferner, wie dreierlei Menschen hier aus der Welt sind, die sich mit drei Schiffen vergleichen lassen, welche auf dem Meere dahinfahren, deren erstes in Gefahr gerät und untergeht, deren zweites hin- und wiedertreibt und deren drittes wohl gesteuert wird.
Der Sohn sprach: "Ich bin der Schöpfer aller Geister,
der guten wie der bösen. Ich bin der Beherrscher aller Geister, ingleichen
auch der Schöpfer aller Wesen und Dinge, die da sind und Leben haben, wie
auch derer, die da sind, ohne Leben zu haben. Alles also, was im Himmel, auf
Erden und im Meere ist, ist mir zu Willen, nur allein der Mensch nicht. Wisse
nun, wie einige Menschen einem Schiffe gleichen, das sein Steuerruder und
seinen Mast verloren, und nun hin- und hergetrieben wird unter den Stürmen
des Meeres, bis es an die Gestade der Insel des Todes gelangt; obwohl sie an
ihrer Rettung verzweifeln, ergeben sie sich doch allen Lüsten. Andere sind
wie ein Schiff, das noch Mastbaum und Steuerruder, auch einen Anker mit zwei
Seilen hat; allein der Hauptanker ist zerbrochen und das Steuerruder ist im
Begriffe, auseinanderzugehen, sobald der Wogendrang an das Schiff und
Steuerruder schlägt; mögen sie sich vorsehen, denn so lange Steuerruder und
Schiff zusammenhangen, haben sie wegen ihrer Verbindung gleichsam einige
Wärme gegeneinander. Das dritte Schiff hat noch seine ganze Ausrüstung und
Bewaffnung, und ist bereit, die Segel zu lichten, wenn es Zeit ist. Der
Hauptanker, von dem ich eben sprach, ist die Zucht der Religion; derselbe wird
durch die Geduld und Inbrunst der göttlichen Liebe gezogen und glatt
erhalten. Nun ist er aber zerbrochen, weil die Unterweisung der Väter
unterdrückt ist und ein jeder nach seinem Gutdünken sich seine Religion
macht, so daß er wie ein Schiff zwischen den Fluten schwankt. Der zweite
Anker, welcher noch unverletzt ist, wie ich eben gesagt, ist der Wille, Gott
zu dienen; er ist mit zwei Seilen befestigt, nämlich
mit der Hoffnug und dem Glauben, weil sie an mich, an Gott, glauben und auf
mich ihre Hoffnung setzen, daß ich sie retten wolle, deren Steuerruder ich
bin; so lange ich im Schiffe sein werde, kommen die Sturmwellen nicht in
dasselbe, und es ist gleichsam einige Wärme zwischen mir und ihnen. Alsdann
aber hange ich, Gott, ihrem Schiffe an, wenn sie nichts so wie mich lieben;
ich hefte mich an sie wie mit drei Nägeln, nämlich der Furcht, der Demut und
der Betrachtung meiner Werke; wenn sie aber etwas mehr lieben, als mich, dann
dringt das Wasser der Auflösung hinein, die Nägel geben sich los, d. h. die
Furcht, die Demut und die göttliche Betrachtung; dann bricht der Anker des
guten Willens und reißen die Seile des Glaubens und der Hoffnung; aber die
sich auf diesem Schiffe befinden, sind gar zu unbeständig und richten ihre
Fahrt an gefährliche Stellen. Auf dem dritten Schiffe, von welchem ich
sprach, das die Segel zu lichten bereit war, befinden sich meine
Freunde."
Christus redet mit der Braut und sagt ihr die Weise, welche ein geistlicher Streiter im Treffen beobachten muß, nämlich, daß er auf Gott, nicht aber auf seine eigene Kraft vertrauen soll; er giebt ihm zwei kurze Gebete, die er täglich beten soll, und sagt auch, daß er mit geistlichen Waffen, die hierin mitenthalten sind, gewaffnet sein soll.
Der Sohn sprach: "Ein jeglicher, der da streiten will,
muß beherzt sein und wieder aufstehen, wenn er fällt, auch nicht auf eigene
Kräfte, sondern auf meine Barmherzigkeit sich verlassen. Denn wer in meine
Güte Mißtrauen setzt und bei sich also denkt: Fange ich etwas an, indem ich
entweder das Fleisch mit Fasten zügele oder arbeite mit Wachen, so werde ich
es doch nicht beharrlich hinausführen können, weil Gott mir nicht beisteht,
der verdient es, wenn er fällt. Wer nun also geistlich kämpfen will,
vertraue auf mich, und daß er's unter dem Beistande meiner Gnade
hinauszuführen vermöge. Dann soll er den Willen haben, Gutes zu thun und
Böses zu unterlassen, und so oft wieder aufzustehen, als er gefallen, auch
folgendes Gebet sprechen: Herr, allmächtiger Gott,
der Du alle zum Guten führest, ich Sünder bin gar zu weit abgewichen von Dir
durch meine Missethaten; ich sage Dir Dank, daß Du mich zurückgebracht auf
den rechten Weg; ich bitte Dich, liebreichster Jesu, Du, der Du blutig und
voll Schmerzen am Kreuze gehangen, wollest Dich meiner erbarmen. Und ich bitte
Dich bei Deinen fünf Wunden, bei dem Schmerze, der von Deinen durchbohrten
Adern zum Herzen hindrang, Du wollest mich bewahren diesen Tag, daß ich nicht
in Sünden falle. Gieb mir auch Kraft, den Geschossen des Feindes zu
widerstehen, und mich männlich wieder zu erheben, wofern es mir begegnen
sollte, in Sünden zu verfallen.
Damit aber der Streitende im Guten verharren möge, soll er auf folgende Art beten:
Herr Gott, dem nichts unmöglich ist, und der Du alles vermagst, gieb mir Stärke, gute Werke zu thun und im Guten verharren zu können.
Hierauf soll er das Schwert in die Hand nehmen, d. h. eine
aufrichtige Beicht, die wohl gefeilt und glänzend sein muß; gefeilt, daß er
fleißig sein Gewissen erforsche, wie, wie viel und wo er gefehlt und aus
welcher Ursache; auch glänzend soll sie sein, daß er sich in nichts schäme
oder verberge, noch anders sage, als wie er gesündigt. Dies Schwert muß zwei
scharfe Schneiden haben, nämlich: den Willen, nicht ferner zu sündigen, und
den Willen, das Begangene zu bessern. Die Spitze dieses Schwertes ist die
Reue; mit derselben wird der Teufel getötet, wenn der Mensch, wie er früher
an der Sünde seine Lust gefunden, also jetzt Reue empfindet und darüber
seufzt, daß er mich, Gott, zum Zorne gereizt hat, Dieses Schwert muß auch
einen Griff haben, d. h. die Betrachtung der großen Barmherzigkeit Gottes,
welche so groß ist, daß niemand ein solcher und so großer Sünder ist, der
nicht Verzeihung erhielte, wenn er um dieselbe, mit dem Willen, sich zu
bessern, bittet. Mit dieser Meinung nämlich, daß Gott über alles barmherzig
sei, muß das Schwert der Beicht gehalten werden; damit aber nicht etwa durch
die Schneiden die Hand verletzt werde, muß das Eisen vorstehen, das sich
zwischen Schneide und Griff befindet. Daß aber das Schwert nicht etwa aus der
Hand falle, soll der Knopf verhindern. Ähnlicherweise, soll, wer das Schwert
der Beicht hat
und hofft, daß durch Gottes Barmherzigkeit die Sünden erlassen und gereinigt
werden, sich hüten, daß er nicht falle durch vermessenes Vertrauen auf
Verzeihung und vielmehr fürchten, Gott möge die Gnade hinwegnehmen und wegen
zu großer Vermessenheit seinen Zorn senden. Daß aber die Hand der Arbeit
durch übergroßen Eifer und Unklugheit nicht verwundet und verkürzt werde,
soll das Eisen, das zwischen Hand und Schneide ist, verhindern, d. h. die
Betrachtung der Gerechtigkeit Gottes; obwohl ich so gerecht bin, daß ich
nichts ungestraft und ununtersucht hingehen lasse, bin ich doch so barmherzig
und billig, daß ich nichts über dasjenige hinaus verlange, was die Natur
wohl zu ertragen imstande ist und des guten Willens halber die größte Strafe
und eine große Sünde um einer geringen Genugthuung willen erlasse.
Der Panzer des Kriegsmannes aber ist die Enthaltsamkeit. Wie der Panzer aus vielen kleinen Ketten zusammengesetzt ist, so die Enthaltsamkeit aus vielen tugendhaften Übungen - in der Enthaltsamkeit der Augen vom Anblicke des Bösen und von dessen Genusse mit den übrigen Sinnen, von der Gefräßigkeit, der Unkeuschheit, dem Überflusse in der Nahrung und vielem anderen, was der heilige Benedikt zu unterlassen befohlen. Diesen Panzer kann sich aber niemand persönlich ohne eines anderen Hilfe anthun. Deshalb soll meine Mutter, die Jungfrau Maria, angerufen und geehrt werden, weil in ihr alles Maß des Lebens, jegliche Form der Tugenden gewesen ist. Wird sie beständig angerufen, so wird sie dem Herzen alle vollkommene Enthaltsamkeit zeigen.
Der Helm aber ist die vollkommene Hoffnung; derselbe hat zwei Öffnungen, durch welche der Kriegsmann ausschaut. Die erste Öffnung ist der Gedanke an das, was man thun soll, die zweite ist die Beherzigung dessen, was man unterlassen soll; denn jeder, der auf Gott hofft, denkt immer daran, was er nach Gottes Willen thun, und was er lassen soll.
Sein Schild aber soll die Geduld sein, mittels dessen er
alles, was ihm begegnet, gern trägt." ![]()
Christus redet und sagt, daß seine Freunde wie sein Arm sind, weil er wie ein guter Arzt ihnen das faulende Fleisch wegschneidet, ingleichen alles schädliche, und ihnen gutes Fleisch anfügt, indem er sie in sich umwandelt.
Der Sohn sprach: "Meine Freunde sind wie mein Arm. An
einem Arm sind fünf Stücke: Haut, Blut, Knochen, Fleisch und Mark. Ich aber
bin wie ein weiser Arzt, welcher zuerst alles Unnütze hinwegschneidet,
nachher dem Fleische Fleisch und dem Knochen Knochen ansetzt, dann aber die
Arznei zur Heilung anwendet. So habe ich an diesen meinen Freunden gethan.
Zuerst habe ich von ihnen alle Begierlichkeit der Welt und alle unerlaubten
Lüste des Fleisches hinweggenommen. Darauf habe ich mein Mark mit dem ihrigen
verbunden. Was ist mein Mark anders als die Macht meiner Gottheit? Wie ohne
Mark ein jeder Mensch ein Toter ist, so stirbt, wer nicht Gemeinschaft pflegt
mit meiner Gottheit. Diese habe ich denn ihrer Schwachheit zugesellt, wenn
meine Weisheit ihnen süß ist und Frucht bringt, indem ihre Seele erkennt,
was sie thun und was sie lassen soll. Die Knochen bedeuten meine Stärke;
diese habe ich mit der ihrigen vereintet, wenn ich sie stark mache, Gutes zu
thun. Das Blut aber bedeutet den Willen; diesen habe ich mit dem ihrigen
verbunden, wenn ihr Wollen dem meinigen folgt, und wenn sie nichts begehren,
nichts suchen, als mich allein. Das Fleisch bedeutet meine Geduld; diese habe
ich mit ihrer Geduld verknüpft, wenn sie geduldig sind, wie ich es gewesen,
als ich vom Scheitel bis zur Sohle nichts Gesundes an mir hatte. Die Haut
bedeutet die Liebe; mit dieser habe ich sie an mich gekettet, wenn sie nichts
so sehr lieben, als mich, und unter meinem Beistande gern mit mir sterben
wollen." ![]()
Christus ermahnt die Braut, sie solle sich vierfältig demütigen, nämlich: vor den Mächtigen der Welt, vor den Sündern, vor den geistlichen Freunden Gottes und vor den Armen der Welt.
Der Sohn sprach zur Braut: "Du sollst Dich in vierfacher Weise demütigen. Zuerst vor den Mächtigen der Welt, weil der Mensch, seitdem er es verachtet hat, Gott zu gehorchen, verdient hat, daß er den Menschen gehorchen müsse. Und weil der Mensch ohne Regenten nicht bestehen kann, muß er sich vor den Mächtigen beugen. Zweitens vor den geistlich Armen, d. h. vor den Sündern, indem Du für sie betest und Gott dankst, daß Du vielleicht nicht gewesen, noch jetzt bist, wie sie. Drittens vor den geistlich Reichen, d. h. vor den Freunden Gottes, indem Du Dich für unwürdig hältst, denselben zu dienen und mit ihnen umzugehen. Viertens vor den Armen der Welt, indem Du ihnen beistehst, sie bekleidest, ihnen die Füße wäschest."
Christus ermahnt die Braut, daß sie fortschreite und in den Tugenden ausharre, indem sie dem Leben der Heiligen nachfolge, damit sie sein Arm werde; denn er beweist, daß die Heiligen zum Arme Christi werden.
Der Sohn sprach: "Ich habe Dir vorhingesagt, daß meine
Freunde mein Arm sind. Wahrlich, er ist in ihnen, denn er ist Vater, Sohn und
heiliger Geist und meine Mutter sammt dem ganzen himmlischen Heere. Die
Gottheit ist wie das Mark, ohne das niemand lebt; die Gebeine sind meine
Menschheit, welche stark war, um zu leiden; der heilige Geist aber ist wie das
Blut, das alles erfüllt und erfreut; meine Mutter dagegen ist wie das
Fleisch, in welchem die Gottheit und Menschheit und der heilige Geist war; die
Haut aber ist das ganze himmlische Heer. Wie die Haut das Fleisch bedeckt, so
übertrifft meine Mutter alle Heiligen an Tugend. Denn wie rein auch die Engel
sein mögen, so ist sie noch reiner,
und wie erfüllt auch die Propheten vom Geiste Gottes gewesen, wie vieles auch
die Märtyrer erlitten haben mögen, völliger und feuriger war doch in meiner
Mutter der Geist, und sie war mehr als ein Märtyrer; wenn die Bekenner sich
auch von allem enthielten, so hatte meine Mutter doch eine vollkommenere
Enthaltsamkeit, weil in ihr meine Gottheit samt meiner Menschheit war. Wenn
also meine Freunde mich haben, so ist in ihnen die Gottheit, von welcher die
Seele lebt; es ist in ihnen die Stärke meiner Menschheit, wodurch sie stark
werden bis zum Tode und das Blut meines Geistes, wodurch ihr Wille zu allem
Guten bewegt wird. Auch alsdann ist ihr Fleisch mit meinem Blute und Fleische
erfüllt, wenn sie sich nicht beflecken wollen und unter dem Beistande meiner
Gnade in der Keuschheit erhalten. Meine Haut auch hat sich mit der ihrigen
verbunden, wenn sie Leben und Wandel meiner Heiligen nachahmen. So werden nun
also meine Heiligen recht wohl mein Arm genannt; und auch Du mußt durch den
Willen im Guten fortschreiten, und, indem Du ihnen, soweit Du vermagst,
nachfolgst, ein Glied derselben werden. Denn wie ich sie mit mir durch die
Verbindung meines Leibes verbinde, so mußt Du mit ihnen und mir gerade durch
diesen meinen Leib verbunden werden."
Christus spricht zur Braut und gebietet ihr dreierlei, nämlich: sie soll nichts verlangen, als Nahrung und Kleidung; sie soll das Geistliche nur nach dem Willen Gottes zu haben begehren, und über nichts traurig sein, als über ihre und anderer Sünden. Er sagt ihr auch, wie diejenigen, welche in diesem Leben ihre Sünden nicht durch die Strenge der Buße reinigen und bessern wollen, im göttlichen Gerichte gar schwer bestraft werden.
Der Sohn sprach: "Dreierlei gebiete ich Dir, nämlich:
nichts zu verlangen, außer Nahrung und Kleidung; zweitens, Geistliches nur
nach meinem Willen zu begehren; drittens, über nichts traurig zu sein, als
über Deine und anderer Sünden. Denn wenn Dich Schmerz ergreifen will, so
betrachte die Strenge meines Gerichtes. Dieselbe kannst Du erwägen und
fürchten lernen an einem Menschen, der bereits gerichtet worden. Als derselbe
ins Kloster eintrat,
hatte er dreierlei im Sinne, wie er ohne Arbeit sein und seinen Unterhalt ohne
Sorge haben möchte, und drittens dachte er, wenn mich die Versuchung des
Fleisches erfaßt, werde ich mich bei irgend einer Gelegenheit, ohne mich
fleischlich vermischen zu dürfen, derselben erledigen. Deshalb nun ist er
dreifältig geplagt; denn gerade, weil er ohne Arbeit hat sein wollen, ist er
mit Worten und Schlägen zur Arbeit genötigt worden, zweitens hat er Mangel
an Leibesnahrung, auch Entblößung erlitten; drittens ist er von allen
verachtet worden, und zwar so sehr, daß er an der Wollust keine Freude hat
haben können. Als die Zeit nahte, wo er Profeß thun sollte, dachte er bei
sich also: Weil ich in der Welt doch auch nicht ohne Arbeit werde leben
können, so ist es besser für mich, im Kloster zu sein und für Gott zu
arbeiten. Darum ist unter Mitwirkung solchen Willens meine Barmherzigkeit samt
der Gerechtigkeit zu ihm gekommen, auf daß er gereinigt zur ewigen
Herrlichkeit gelangen möchte; denn nachdem er das Gelübde abgelegt hatte,
ward er alsbald von schwerer Krankheit betroffen und von solchem Wehe
heimgesucht, daß ihm die Augen vor Schmerz übergingen, die Ohren nichts
hörten und ihm alle Glieder versagten, weil er ohne Beschwerde und Arbeit
hatte sein wollen. Er litt auch an größerer Entblößung, als in der Welt,
und wenn er feinere Speise hatte, vermochte er dieselben nicht zu genießen,
wenn aber die Natur dieselben erforderte, hatte er sie nicht. So zehrte sich
seine Natur noch vor dem Tode ab, so daß er wie ein ungeschickter Klotz
wurde. Nachdem er aber gestorben war, kam er vor das Gericht wie ein Dieb,
weil er im Orden hatte sein wollen nach seinem Willen, aber nicht, um frömmer
zu leben; jedoch sollte er nicht verurteilt werden wie ein Dieb, weil er,
obwohl ein Kind und Narr im Verstande und Gewissen, doch auf mich, seinen
Gott, seinen Glauben und seine Hoffnung setzte, und deshalb ward er gerichtet
nach der Barmherzigkeit. Weil aber seine Sünde durch die leibliche Pein nicht
völlig gereinigt werden konnte, wird seine Seele noch schwer im Fegfeuer
gestraft, gleichsam als wenn man die Haut abzöge und die Knochen unter eine
Presse legte, damit das Mark besser herausgedrückt werden könne. Wie werden
nun die leiden müssen, deren ganzer Lebenslauf in der Sünde sich hinzieht,
denen nichts Widerwärtiges begegnet und die solches auch nicht haben mögen?
Wehe ihnen!
denn sie sprechen zu mir: Warum ist Gott gestorben, oder was nützt sein Tod?
So vergelten sie mir, daß ich sie erlöst habe, daß ich sie erhalte, ihnen
Gesundheit und Unterhalt gewähre. Und darum will ich von ihnen das Gericht
fordern, weil sie den Glauben gebrochen, den sie in der Taufe gelobt, und weil
sie täglich sündigen und meine Gebote verachten. Nicht das geringste, wozu
sie im Orden verbunden sind, will ich ungestraft hingehen lassen.
Dieser Bruder hatte eine heimliche Sünde, welche er
niemals hat beichten wollen. Auf Befehl Christi kam die heilige Brigitta zu
ihm und sprach: "Thue aufmerksame Buße; Du hast etwas Geheimes im Herzen
und wirst nicht sterben können, solange Du es verschlossen halten
wirst." Jener antwortete ihr, "er habe nichts, das bei seiner Buße
nicht offengelegt worden." Und sie: "Forsche nach, in welcher
Absicht Du ins Kloster getreten bist, und in welcher Absicht Du darin bisher
gelebt hast, und Du wirst in Deinem Herzen die Wahrheit finden." In
Thränen aufgelöst sprach er nun: "Gebenedeit sei Gott, der Dich zu mir
geschickt hat. Nachdem Du nun einmal von meinem Geheimnisse gesprochen, will
ich denen, die da hören, die Wahrheit sagen. Ich habe allerdings etwas
Heimliches auf dem Herzen, das ich niemals zu verraten wagte, noch auch
vermochte, weil, so oft ich anderer Sünden halber Buße that, rücksichtlich
jener meine Zunge immer gleichsam gebunden war, mich auch übergroße Scham
befiel, so daß ich den verborgenen Gewissensbiß meines Herzens nicht
bekannte. So oft ich also nun meines Herzens Bekenntnis ablegte, erfand ich
mir einen neuen Schluß meiner Beicht mit den Worten: O Vater, ich bekenne
auch meine Schuld in Bezug auf alles, das ich Euch gesagt, und auch
rücksichtlich dessen, was ich nicht gesagt, wobei ich glaubte, daß durch
diesen Schluß alle meine geheimen Sünden vergeben würden. Jetzt aber, Frau,
möchte ich, wofern es Gott gefiele, gern der ganzen Welt sagen, was ich in
meinem Herzen so lange Zeit verheimlicht habe." - Als nun ein Beichtvater
gerufen worden, legte er unter Thrünen vollständig alle jene Sünden dar und
starb noch in der nämlichen Nacht. ![]()
Christus lehrt der Braut schöne Gebete, welche sie sprechen soll, wenn sie sich ankleidet, wenn sie zu Tische und zum Schlafen geht. Auch ermahnt er sie, daß sie in aller Kleidung demütig und an ihren Gliedern ehrbar und bescheiden sein soll.
Der Sohn Gottes redete zur Braut und sprach: "Die äußerliche Schönheit bedeutet die innere, welche der Mensch haben soll. Wenn Du Dir also die Haube aufsetzest, oder den Schleier, mit welchem Du die Haare zusammenfassest, über das Haupt wirfst, so sollst Du sprechen:
O Herr Gott, ich danke Dir, daß Du mich getragen hast in meiner Sünde, und weil ich meiner Unenthaltsamkeit halber nicht würdig bin, Dich zu sehen, so verhülle ich meine Haare."
Und der Herr fügte hinzu: "Die Unkeuschheit ist mir ein solcher Greuel, daß keine Jungfrau, welche auch nur den Willen hat, auszuschweifen, vor mir eine reine Jungfrau ist, es sei denn, daß sie diesen Willen durch die Buße bessert. - Wenn Du aber die Stirn verhüllst, sollst Du sprechen:
O Herr Gott, der Du alles wohl gemacht, und den Menschen, herrlicher als alles, nach Deinem Bilde erschaffen hast, erbarme Dich meiner! Und weil ich nicht die Schönheit meines Angesichts bewahrt habe zu Deiner Ehre, verhülle ich meine Stirn. - Wenn Du aber die Schuhe anziehst, so sprich:
Gebenedeit seist Du, mein Gott, der Du mir befiehlst, Schuhe zu haben, auf daß ich stark und in Deinem Dienste nicht lau sei; tröste mich also, daß ich wandeln könne in Deinen Geboten.
Auch in Deiner ganzen übrigen Kleidung herrsche Demut und in allen Deinen Gliedern züchtige Ehrbarkeit. - Wenn Du aber zu Tisch gehest, so sprich:
O Herr Gott, wenn Du, wie Du kannst, wolltest, daß ich ohne
Speise bestände, würde ich Dich gern darum bitten; nun aber, weil Du mir
befiehlst, bescheidentlich Speise zu mir zu nehmen, bitte ich Dich, gewähre
mir Enthaltsamkeit im Speisen, damit ich durch Deine Gnade essen möge nach
dem Bedürfnisse der Natur,
nicht aber, wie meines Fleisches Begierde verlangt. - Wenn Du Dich zum Schlafe
anschickest, sollst Du sprechen:
Gebenedeit seist Du, Gott, der Du die Wechsel der Zeiten ordnest uns zur Erleichterung und zum Troste des Leibes und der Seele; ich bitte Dich, gieb meinem Körper Ruhe in dieser Nacht und bewahre mich unverletzt vor des Feindes Macht und Täuschung.
Christus redet mit der Braut und erklärt ihr, welche Waffen die ungerechten führen und wie dieselben beschaffen sind; wenn sie sich der Sünde, mit dem Willen, darin zu verharren, rühmen, werden sie durch das Schwert der Strenge der göttlichen Gerechtigkeit getilgt werden.
Der Sohn Gottes sprach: "Ich bin wie ein König, der
zum Kampfe herausgefordert ist. Der Teufel mit seinem Heere steht wider mich.
Ich bin aber in meinen Absichten und meinem Vorhaben so unwandelbar, daß eher
Himmel und Erde, sammt allem, was darunter und darauf ist, einstürzen
würden, bevor ich auch nur in einem Punkte von der Gerechtigkeit abwiche,
wogegen der Teufel so sehr vom Stolze eingenommen ist, daß er, ehe er sich
demütigte, lieber wollte, daß so viele Höllen wären, als Sonnenstäublein,
und einer mit dem anderen ohne Ende leiden müsse. Nun nahen sich einige
meiner Feinde bereits dem Gerichte, und es ist schon nicht mehr Raum, als zwei
Fuß zwischen uns. Ihre Fahne ist aufgerichtet, der Schild schon am Arme, die
Hand an dem Schwert, wenn auch noch nicht gezogen. So groß aber ist meine
Geduld, daß ich nicht schlage, wofern sie nicht zuvor schlagen. Auf ihrer
Fahne steht: Gefräßigkeit, Begierlichkeit und Wollust. Ihr Helm ist die
Härte ihres Herzens, weil sie nicht auf die Strafe der Hölle achten und
nicht bedenken, wie abscheulich mir die Sünde ist. Die Öffnungen des Helmes
sind die Fleischeslust und der Wille, der Welt zu gefallen; mittels dieser
streifen sie überall umher, und sehen, was nicht gesehen werden soll. Ihr
Schild aber ist die Schalkheit, womit sie die Sünde entschuldigen und sie der
Gebrechlichkeit des Fleisches zuschreiben; darum verschmähen sie es, wegen
der Sünden um Verzeihung zu bitten. Ihr Schwert
ist der Wille, in der Sünde zu verharren; dasselbe ist noch nicht gezogen,
weil ihre Bosheit noch nicht erfüllt ist; es wird aber gezogen, wenn sie den
Willen haben, solange zu sündigen als sie leben und sie schlagen damit los,
wenn sie sich der Sünde rühmen und im Stande der Sünde zu bleiben
wünschen. Wenn nun also ihre Bosheit so erfüllt sein wird, dann wird eine
Stimme in meinem Heere rufen und sprechen: Jetzt schlage drein! Und alsdann
wird das Schwert meiner Strenge sie verzehren, und jeder, der also bewaffnet
ist, wird der Strafe unterliegen. Ihre Seelen werden die Teufel an sich
reißen, welche wie Raubvögel Seelen suchen, um sie ohne Unterlaß zu
zerfleischen."
Der Bräutigam erklärt der Braut, was der Zwischenraum von zwei Fuß und das Ausziehen des Schwertes bedeutet, wovon er im nächstvorhergehenden Kapitel gesprochen.
Der Sohn sprach: "Ich habe Dir vorhin .gesagt, wie
zwischen mir und den Feinden nur eine Entfernung von zwei Fuß ist. Der eine
der beiden Fuße ist die Belohnung derjenigen guten Werke, welche sie für
mich gethan haben. Darum wird von diesem Tage an die Schande sich mehren, ihre
Ergötzung wird bitter, ihre Freude hinweggenommen werden, und Trübsal und
Schmerz werden wachsen. Der zweite Fuß ist ihre Bosheit, welche noch nicht
erfüllt ist, sondern wie man zu sagen pflegt, daß, wenn eine Sache
angefüllt ist, dieselbe platzt, so werden, wenn Seele und Leib sich scheiden,
dieselben von dem Richter verdammt werden. Das Schwert aber ist der Wille, zu
sündigen. Dasselbe ist halb ausgezogen; denn wenn die Ehre abnimmt und
Widerwärtigkeiten folgen, wird man stärker geängstigt und zur Sünde
entzündet. Denn Glück und Ehre ließen die Leute nicht viel an die Sünde
denken. Jetzt aber wünschen sie, um ihre Wollust zu vollbringen, länger zu
leben und sündigen nun schon freier. Wehe ihnen! denn wenn sie sich nicht
bessern, naht ihnen bereits ihr Verderben." ![]()
Christus redet mit der Braut von einem gewissen Prälaten, und läßt ihm sagen, daß er, wenn er durch Hoffart, durch Begehrlichkeit und durch weltliche Verwicklungen die Wärme der Andacht und heiligen Betrachtung eingebüßt, sich aber vollkommen vor Gott und dem Nächsten demütigt, die göttliche Wärme und das göttliche Licht wieder erhalten wird, so daß er die göttliche Süßigkeit empfindet.
Der Sohn redete durch die Braut mit einem gewissen Prälaten
und sprach zu ihm: "Du bist einem Mühlrade ähnlich, welches unbeweglich
ist; wenn dasselbe feststeht, und sich nicht bewegt, so werden die Körner in
der Mühle nicht zerrieben. Das Rad nun bedeutet Deinen Willen, welcher
beweglich sein sollte, aber nicht nach Deinem Wollen und Verlangen, sondern
nach dem meinigen; Du solltest Dich auch ganz in meine Hände überlassen.
Allein dieses Rad ist viel zu unbeweglich nach meinem Willen, weil das Wasser
des irdischen Gedankens zu sehr Dein Herz einnimmt. Die Betrachtung Deiner
Werke aber und meiner Leiden ist wie tot in Deinem Herzen, deshalb mundet Dir
die Speise der Seele nicht und ist nicht nach Deinem Geschmacke. Offne deshalb
den verstopften Wasserlauf mit Gewalt, damit das Wasser abfließe, durch
dessen Ablauf das Rad in Bewegung kommt und die Körner leicht zerrieben
werden. Das Hindernis aber, welches das Wasser aufhält, ist die Hoffart des
Herzens und der Ehrgeiz, wodurch die Gnade des heiligen Geistes verstopft, und
alles Gute, wodurch die Seele Frucht bringen soll, verhindert wird. Ergreife
deshalb die wahre Demut in Deinem Herzen; denn mit ihr wird die Süßigkeit
meines Geistes in Deine Seele ein- und das irdische Denken abfließen. Durch
dieselbe wird auch Dein Wille in Bewegung kommen und vollkommen sein nach
meinem Willen. Und alsdann wirst Du anfangen, Deine Werke wie Körner zu
sichten und die meinigen groß zu achten. Wahre Demut ist aber, sich um die
Gunst der Menschen und ihre Widerreden nicht kümmern, auf meinem Wege,
welcher vergessen und vernachlässigt worden, einherwandeln, das
Überflüssige nicht suchen und nach den Einfältigen sich richten. Liebst Du
diesen Weg, dann
schmeckt Dir das Geistliche, dann werden meine Leiden und der Weg meiner
Heiligen Deinem Herzen süß. Alsdann wirst Du erkennen, wie sehr Du Schuldner
der Seelen bist, die Du zu regieren übernommen hast. Weil Du nun also des
Rades Höhe mit den beiden Füßen, d. h. mit der Macht und mit der Ehre,
erstiegen, so ist Dir aus der Macht die Begierde und aus der Ehre die Hoffart
gekommen. Deshalb steige nun herab, demütige Dich im Herzen, und bitte die
Demütigen, daß sie für Dich beten. Denn ich werde Dir meine Gerechtigkeit
wie einen sehr reißenden Fluß senden, und von Dir den letzten Heller,
nämlich: Rechenschaft über Deine Neigung, über Deine Gedanken, über Dein
Reden und Wirken fordern, wie auch die Seelen, welche ich Deiner Fürsorge
anvertraut, und die ich selber mit meinem Blute erlöst habe."
Christus redet zur Braut und spricht, daß die Sünder und Lauen mit vier Pfeilen, d. h. vierfachen Strafen, geschossen werben müssen, damit sie zur Reue und Besserung des Lebens demütiglich zurückgeführt werden.
Der Sohn sprach: "Ich will meinen Freunden vier Pfeile
geben. Sie müssen damit erstens auf den schießen, der auf dem einen Auge
blind ist; zweitens auf den, welcher auf dem einen Fuße lahm ist; drittens
auf den, welcher taub ist auf einem Ohre; viertens auf den, welcher auf die
Erde niedergestreckt liegt. Auf einem Auge blind ist derjenige, der die Gebote
Gottes und die Werke meiner Heiligen sieht, aber nicht beachtet, dagegen ein
Auge hat auf die Freuden der Welt und dieselben begehrt. Ein solcher muß auf
die Art geschossen werden, daß man also zu ihm spricht: Du gleichst dem
Luzifer, welcher die höchste Schönheit Gottes schaute, aber, weil er mit
Unrecht begehrte, was er nicht durfte, in die Hölle hinabfuhr, wohin auch Du
fahren wirst, wenn Du nicht dadurch wieder zu Verstande kommst, daß Du die
Vorschriften Gottes erkennst, und einsiehst, wie alles in der Welt
vergänglich ist. Deshalb ist es am besten, daß Du festhältst, was gewiß
ist, und das Vergängliche fahren lassest, auf daß Du nicht fahrest zur
Hölle. Auf dem einen Fuße lahm aber ist derjenige, welcher zwar Reue
und Zerknirschung über die begangenen Sünden empfindet, jedoch sich bemüht,
irdischen Vorteil und Gewinn zu erlangen, welche der Welt angehören. Auf
diesen nun muß geschossen werden, daß ihm gesagt wird: Du bemühest Dich um
den Nutzen des Leibes, den die Würmer gar bald speisen werden; arbeite darum
in fruchtbarer Weise für Deine Seele, welche ewig leben soll. Auf dem einen
Ohre ist aber derjenige taub, welcher zwar meine und meiner Heiligen Worte zu
hören wünscht, das andere Ohr jedoch offen hat für leichtfertiges
Geschwätz und für das, was die Welt angeht. Deshalb soll zu ihm gesagt
werden: Du bist dem Judas ähnlich, der mit einem Ohre die Worte Gottes
hörte, welche aus dem anderen wieder herausgingen. Was nutzte ihm also die
vernommene Rede? Darum verschließe Du Deine Ohren vor dem leichtsinnigen
Hören, auf daß Du mögest zum Gesange der Engel gelangen. Derjenige aber
liegt gänzlich auf der Erde, welcher sich in das Irdische verwickelt, jedoch
daran denkt und es auch wünscht, den Weg zu wissen, auf welchem er sich
bessern könnte. Zu diesem nun soll man also sprechen: Diese Zeit ist kurz wie
ein Augenblick; die Strafe der Hölle und die Herrlichkeit der Heiligen aber
ist ewig. Damit Du denn zum wahren Leben kommen mögest, laß es Dir nicht
beschwerlich sein, etwas Schweres und Bitteres auf Dich zu nehmen; denn wie
Gott liebreich ist, also ist er auch gerecht. Wer nun also geschossen worden,
daß der Pfeil blutig herausgeht aus dem Herzen, d. h. wer aufrichtige Reue
empfindet und den Vorsatz der Besserung faßt, dem will ich das Öl meiner
Gnade eingießen, mittels deren alle seine Glieder gesund werden sollen."
Christus spricht zur Braut und beklagt sich über die Juden, welche ihn gekreuzigt haben, sowie auch über die Christen, welche ihn und seine Gerechtigkeit und Liebe verachten, indem sie vorsätzlich und wissentlich wider seine Gebote sündigen und die Verurteilungen der Kirche in den Bann unter dem Vorwande, daß Gott barmherzig sei, höhnen; deshalb droht er ihnen mit dem Zorne und Grimme seiner Gerechtigkeit.
Die Mutter sprach: "Wie sehr litt mein Sohn in jener
Nacht, als Judas, der Verräter, sich ihm nahete und ihn küßte, zu dem,
der von Statur klein war, er sich hinabneigte und sprach: Freund, zu was bist
Du gekommen? und sogleich rissen ihn einige gewaltsam, andere zerrten ihn bei
den Haaren, andere besudelten ihn mit Speichel." Darauf redete der Sohn
und sprach: "Ich werde erachtet als ein Wurm, der wie tot daIiegt im
Winter, auf den die Vorübergehenden ausspeien und auf dessen Rücken sie
treten. So haben die Juden heute an mir gethan wie an einem Wurm, weil ich als
der Verworfenste, der Unwürdigste von ihnen erachtet bin. So verachten mich
auch die Christen, weil sie alles, was ich aus Liebe für sie gethan und
ertragen habe, für eitel erachten. Sie treten auch gleichsam auf meinen
Rücken, wenn sie den Menschen mehr fürchten und ehren, als mich, ihren Gott,
wenn sie meine Gerechtigkeit für nichts achten und in ihrer Willkür meiner
Barmherzigkeit Zeit und Maß vorschreiben. Sie schlagen mich auch gleichsam an
die Zähne, wenn sie, nachdem sie meine Gebote und meine Leiden vernommen,
sprechen: Lasset uns in der Gegenwart thun, was uns gefällt; wir werden ja
gleichwohl nichtsdestoweniger den Himmel haben; denn wenn uns Gott verderben
oder in Ewigkeit strafen wollte, würde er uns nicht auf so bittere Weise
erlöst haben. Sie werden aber meine Gerechtigkeit empfinden; denn wie selbst
das geringste Gute nicht unvergolten bleibt, also wird auch das geringste
Böse nicht ungestraft bleiben. Auch dadurch verachten sie mich und treten
mich gleichsam, wenn sie die Urteile der Kirche, nämlich den Bann, nicht
achten. Wie die Exkommunizierten öffentlich gemieden werden, also werden sie
abgesondert werden von mir, weil die Strafe des Bannes, wenn man sie kennt und
verachtet, schwerer schadet, als das leibliche Schwert. Darum will ich, der
ich wie ein Wurm scheine, jetzt durch mein schreckliches Gericht wieder
lebendig werden, und so schrecklich werde ich kommen, daß, die es sehen,
sprechen werden zu den Bergen: Fallet über uns vor dem Zorne Gottes." ![]()
Christus redet zur Braut und sagt ihr, daß sie wie eine Schalmei des heiligen Geistes ist, aus der er selbst süßen Ton hinauserschallen lassen wird in die Welt zu seiner Ehre und zum Nutzen der Völker. Deshalb will er sie außen mit gutem Wandel und Weisheit versilbern, inwendig aber vergolden mit wahrer Demut und Herzensreinheit.
Der Sohn sprach zur Braut: "Du sollst sein wie eine
Schalmei, auf welcher der Bläser einen süßen Klang ertönen läßt. Der
Besitzer der Schalmei übersilbert dieselbe von außen, damit sie kostbarer
erscheine, inwendig aber vergoldet er sie mit dauerndem Golde. So mußt auch
Du übersilbert sein mit gutem Wandel und menschlicher Weisheit, auf daß Du
einsehen mögest, was Du Gott und was Du Deinem Nächsten schuldig bist, was
Deiner Seele und was Deinem Körper zum ewigen Heile frommt. Inwendig aber
sollst Du mit Demut vergoldet sein, so daß Du niemand, als mir, zu gefallen
begehrst, Dich auch nicht scheuest, den Menschen um meinetwillen zu mißfallen.
Ferner beobachtet der Bläser an seiner Schalmei eine dreifache Vorsicht:
Erstens wickelt er dieselbe in feines Leinen, daß sie nicht beschmutzt werde;
zweitens macht er einen Deckel darüber, unter welchem sie bewahrt werde;
drittens legt er ein Schloß an den Deckel, damit sie nicht von einem Diebe
entwendet werde. So sollst auch Du Dich einwickeln in Reinheit, daß Du weder
durch sinnliches Verlangen, noch durch Lust ferner befleckt werdest. Arbeite
vielmehr gern und sorge, daß Du allein seiest, weil der Umgang mit Bösen
gute Sitten verdirbt. Das Schloß aber ist die fleißige Hut Deiner Sinne und
alles Inwendigen, indem Du bei allen Deinen Handlungen acht giebst, daß Dich
des Teufels Arglist nicht berücke. Der Schlüssel aber ist der heilige Geist;
derselbe soll Dein Herz öffnen, je nachdem es mir gefällt, zu meiner Ehre
und der Menschen Nutzen." ![]()
Die Mutter Gottes redet und sagt, wie das Herz ihres Sohnes gar lieblich, rein und süß ist, und von Liebe so überfließt, daß auch, wenn der Sünder an den Pforten des Verderbens stände, aber ihn, mit dem Willen, sich zu bessern, anriefe, er sogleich erlöst werden würde. Zum Herzen Gottes gelangt man durch die Demut der wahren Reue und durch die andächtige und häufige Betrachtung seines Leidens.
Die Mutter Gottes sprach: . "Das Herz meines Sohnes ist überaus lieblich wie Honig und gar rein wie die allerreinste Quelle, aus welcher alles, was tugendhaft und gut ist, hervorgeht. Er ist auch der Süßeste. Denn was ist für einen vernünftigen Menschen süßer, als die Liebe meines Sohnes bei der Schöpfung und Erlösung, bei seinen Arbeiten, Lehren, in seiner Freundlichkeit und in seiner Geduld zu betrachten? Seine Liebe ist nicht vorüberfließend wie das Wasser, sondern anhaltend dauerhaft, weil seine Liebe bis auf den letzten Augenblick bei den Menschen bleibt, so daß, wenn der Sünder schon an der Pforte des Verderbens stünde, aber noch von dort, mit dem Willen, sich zu bessern, zu ihm riefe, er demselben entrissen werden würde. Zum Herzen Gottes zu gelangen, sind ferner zwei Wege. Der erste ist die Demut einer wahren Reue, und diese führt den Menschen in das Herz Gottes und in die geistliche Unterredung ein; der zweite Weg ist die Betrachtung des Leidens meines Sohnes, welche die Härte aus dem Herzen des Menschen hinwegzieht, und ihn fröhlich zum Herzen Gottes den Lauf nehmen läßt."
Der Braut wird in einem Gesichte das Gericht der Seele eines Ordensgeistlichen, den Christus richtet, gezeigt, für welchen die selige Jungfrau bittet, während der Teufel ihn wegen schwerer Sünden grausam anklagt.
Die Mutter redete mit dem Sohne und sprach: "Meine
Klage ist groß. Obwohl Du alles weißt, will ich sie doch um deren
willen, welche hier steht, vorbringen." Der Sohn entgegnete: "Mir
ist Gericht über alle gegeben und über einen jeden insbesondere muß ich
Gericht halten. Ein gerechter Richter aber muß neun gute Eigenschaften haben.
Erstens, aufmerksames Anhören; zweitens, das Vorgebrachte entscheiden;
drittens, den Willen, gerecht zu urteilen; viertens, Untersuchung, weshalb
gestritten wird; fünftens, Nachforschung, wie lange der Streit gewährt hat,
weil bei Verlängerung des Streites der Schade größer wird; sechstens,
Erforschung, wie die Zeugen beschaffen sind, ob sie bewährt, ob sie zur
Bejahung sich vereinigen, oder ob einer der Streitenden mehr Zeugen hat;
siebentens, nicht voreilig, noch furchtsam im Gerichte sein, um der Wahrheit
willen nicht Gewalt, noch Schaden, noch Unehre fürchten; achtens, Bitten und
Geschenke, wenn einige damit kommen, nicht achten; neuntens, Billigkeit im
Urteilen, indem man über den Armen so richtet wie über den Reichen, über
den Sohn und Bruder wie über den Fremden und um eines weltlichen Vorteiles
willen nie etwas wider die Wahrheit thut. Sage darum, teuerste Mutter, was ist
Dein Begehren?" Die Mutter antwortete: "Es streiten zwei
miteinander, in denen zwei Geister sind, im einen ein guter, im anderen ein
böser. Sie streiten über den Kauf Deines Blutes, der eine zum Tode, der
andere zum Leben, Im einen ist Liebe und Gehorsam, im anderen Haß und
Hoffart. Halte also Gericht." Der Sohn antwortete: "Wie viele Zeugen
sind auf seiten Deines Freundes, wie viele auf des andern Seite?" Die
Mutter sprach: "Mein Freund hat wenige, der andere aber viele, welche die
Wahrheit wissen, dieselbe jedoch zu hören verachten." Der Sohn
antwortete: "Ich werde ein gerechtes Gericht halten." Und die Mutter
sprach: "Mein Freund klagt nicht, er hat Genüge schon allein an seines
Leibes Dasein. Ich aber, die ich seine Gebieterin bin, klage, damit die
Bosheit nicht obsiege." Der Sohn antwortete: "Ich werde thun, was Du
willst. Wie Du aber weißt, muß das leibliche Gericht dem geistlichen
vorausgehen, und es darf niemand gerichtet werden, bevor nicht die Missethat
begangen ist." Und die Mutter: "O mein Sohn, obwohl wir alles
wissen, frage ich Dich doch um derjenigen willen, welche hier in der Nähe
steht, welches und wie beschaffen an diesem das leibliche und das geistliche
Gericht ist." Und der Sohn sprach: "Das leibliche Gericht ist, daß
seine Seele
schnell vom Leibe scheide und in seiner Hand sein Tod sein wird; das
geistliche Gericht aber ist, daß seine Seele am Galgen der Hölle
aufgeknüpft wird, welcher nicht aus Stricken, sondern aus brennendstem Feuer
besteht; denn er ist ein Schaf, das aus der Art seiner Herde geschlagen
hat." Hierauf sprach einer von des heiligen Augustinus Ordensbrüdern zum
Richter und sagte: "Herr, Du hast an diesem keinen Anteil, denn Du hast
ihn in die Ruhe gerufen und er ist derselben entfremdet, den Gehorsam hat er
gebrochen, sein Name ist hinweggenommen und seine Werke sind nichts." Der
Richter antwortete: "Seine Seele ist nicht gegenwärtig im Gericht, um
sich zu verantworten." Da sprach der Teufel: "Ich will Antwort
geben. Wenn Du ihn aus den Stürmen der Welt in die Ruhe gerufen hast, so habe
ich ihn vom obersten Gipfel oder von der höchsten Höhe in die tiefste Grube
gerufen, denn sein Gehorsam ist gar willig gegen mich, sein Name herrlich bei
mir." Ihm entgegnete der Richter: "Erkläre dich, wie Du das
meinst!" und der Teufel: "Ich will es, obwohl ungern, thun. Du hast
ihn aus den Stürmen der Weltsorge zur Ruhe des geistlichen Lebens berufen wie
in einen guten Hafen; allein er selber achtet das gleichsam für nichts, weil
er mehr verlangt nach den Sorgen der Welt. Die höchste Spitze aber ist gute
Reue und Bekenntnis; wer diese vollkommen hält, der redet mit Dir, der Du der
Mächtigste bist, und gelangt zu Deiner Majestät. Von dieser Spitze, diesem
höchsten Gipfel, habe ich ihn hinabgestürzt, da er sich vornimmt, bis ans
Ende zu sündigen, da er die Sünden für nichts und Deine Gerechtigkeit für
Eitelkeit achtet. Die sehr tiefe Grube aber ist die Gefräßigkeit und die
Begierde, weil, wie eine Grube von sehr großer Tiefe nicht leicht ausgefüllt
wird, also seine Begierde unersättlich ist. Er hat den Namen eines Mönches;
der Name eines Mönches bedeutet die Hut seiner selbst und die Enthaltung auch
vom Erlaubten; diese ist aber in ihm vernichtet und jetzt heißt er Saul. Als
ein Saul ist er vom Gehorsame abgefallen und hat ihn gebrochen und wie zwei
Enden eines zerbrochenen verfaulten Holzstückes sich nicht wieder
zusammenfügen, so können auch weder himmlisches Verlangen, noch göttliche
Liebe, welche wie zwei Enden und Vereinigungen des Gehorsams sind, in seinem
Gehorsame sich zusammenfügen, weil er nur für seinen weltlichen Nutzen und
nach
seinem Willen gehorsam ist, und seine Werke meine Werke sind. Obwohl ich weder
Messe lese, noch singe, noch das übrige thue, wie er, so thut er doch, wenn
er das alles nach meinem Willen thut, meine Werke, und dieselben können meine
Werke genannt werden. Denn wenn er die Messen feiert, tritt er aus
Vermessenheit zu Dir heran, und aus dieser Vermessenheit wird er noch stärker
erfüllt mit meiner Bosheit. Er singt auch für das Lob der Menschen, und wenn
ich ihm meinen Rücken zeige, wendet er seinen Rücken zu mir, und wenn ich
will, wendet er seinen Bauch gegen meinen Bauch, d. h. vollbringt alle Wollust
nach meinem Willen, und alles, was er thut, thut er um des gegenwärtigen
Lebens und des eigenen Willens halber. Deshalb sind seine Werke meine
Werke."
Nun erschien jene Seele blind und zitternd; es folgte ihr
ein Mohr zum Richter, welcher sich, auf dem Throne sitzend und von einer
großen umherstehenden Menge umgeben, sehen ließ. Und der Mohr sprach:
"O Richter, richte mir diese Seele; denn jetzt ist dieselbe persönlich
gegenwärtig und ihr leibliches Gericht ist schon vorausgegangen." Der
Mohr fügte noch hinzu: "Du hast gesagt, in seiner Hand sollte sein Tod
sein. Das ist schon geschehen." Und der Richter sprach: "Dies kann
auf doppelte Weise verstanden werden; entweder, daß sein böses Handeln die
Ursache seines Todes gewesen ist, oder daß seine leibliche Hand das Leben
seines Leibes verkürzt hat." Der Mohr antwortete: "Beides ist die
Wahrheit; denn ein schamloses Leben tötete seine Seele, und die Ungeduld
öffnete die Wunde seines Fleisches, an welcher er gestorben ist." Darauf
sprach der Richter: "Du hast vorher diese Seele angeklagt, daß sie in
allem deinem Willen gefolgt, daß du sie vom höchsten Gipfel herabgestürzt,
und daß sie ihren Bauch dir zugewendet. Laß uns darum hören, was die Seele
selber dazu sagt." Und der Richter wandte sich gleichsam zur Seele und
sprach: "O Seele, Du hast Vernunft gehabt, um Gutes oder Böses zu
unterscheiden, deshalb hast Du den ehrenden Namen des Priestertums unter die
Füße getreten?" Sie antwortete: "Ich habe zwar Vernunft gehabt,
bin aber mehr meinem Willen gefolgt; denn ich glaubte nicht,
daß unter einer so kleinen Gestalt eine solche Größe verborgen sei."
Der Richter sprach zweitens: "Du hast gewußt, daß die Vollkommenheit
der Religion die Demut und der Gehorsam ist, warum bist Du unter der Gestalt
des Wolfes als Wolf eingegangen?" Die Seele entgegnete ihm: "Um der
Schmach der Welt zu entgehen und ein ruhigeres Leben zu führen." Der
Richter antwortete zum dritten Male: "O Bruder, aber nicht meiner! wenn
Du der heiligen Brüder Vorbilder gesehen und der Heiligen Werke gehört hast,
weshalb bist Du denselben nicht gefolgt?" Jene antwortete: "Alles
das Gute, das ich gehört und gesehen habt, war mir verhaßt und lästig, weil
ich mir in meinem Herzen vorgenommen, lieber meinem Willen und meinen Sitten,
als den Sitten der Heiligen nachzuleben." Zum vierten ließ sich jetzt
der Richter also vernehmen: "Hast Du nicht häufig gefastet, gebetet und
gebeichtet?" Die Seele antwortete ihm: "Ja, ich habe oft gefastet
und gebetet, geringes habe ich gethan, um zu gefallen, Großes aber
unterlassen, um kein Mißfallen zu erregen." Ihm erwiderte der Richter:
"Hast Du nicht gelesen, wie ein jeglicher Mensch auch über den Heller,
d. h. über das geringste, Rechenschaft geben soll?" (Matth. V.) Da
sprach die Seele wie unter starkem Heulen: "Wahrlich, Herr, ich habe es
in meinem Gewissen gelesen und gewußt, aber geglaubt, daß Deine
Barmherzigkeit so groß sei, daß Du nicht ewiglich strafen wollest. Darum
habe ich den Willen gehabt, im Alter Buße zu thun; allein Schmerz und Tod
kamen mir so schnell über den Hals, daß, als ich beichten wollte, ich das
Gedächtnis verlor, und meine Zunge wie mit einem Bande gebunden war." Da
rief der Teufel: "O Richter, siehe dieses Wunder, die Seele richtet sich
selber; sie beichtet jetzt auf fruchtlose Weise ihr Böses, gleichwohl wage
ich ohne Deinen Richterspruch nicht, meine Hand an sie zu legen." Der
Richter sprach: "Derselbe ist gefällt und wird vollzogen." Nach
diesen Worten verschwanden der Mohr und die Seele, wie wenn sie aneinander
gebunden wären, und fuhren wie unter lautem Donner hinab. Der Richter fügte
noch hinzu: "Dieses alles ist in einem Augenblicke geschehen; Deinetwegen
aber und damit Du es verstehen möchtest, erscheint es als in der Zeit
geschehen, auf daß Du sehest, wissest und fürchtest die Gerechtigkeit
Gottes." ![]()
Während die Braut Christi betete, schaute sie in einem Gesichte, wie der selige Dionysius zur Jungfrau Maria für Frankreich betete.
Als ich mich im Gebete befand, sah ich, wie der selige Dionysius zur Jungfrau Maria betete und sprach: "Königin der Barmherzigkeit, Du bist es, der alle Barmherzigkeit gegeben worden, und Du bist die Mutter Gottes geworden zum Heile der Armen; erbarme Dich also über Frankreich, Dein und mein Königreich, und zwar Deines, weil seine Einwohner Dich nach ihrem Maße ehren, meines aber, weil ich ihr Schutzpatron bin und sie zu mir Vertrauen haben. Du siehst ja, wie viele Seelen stündlich in Gefahr stehen, wie die Leiber der Menschen gleich Tieren niedergeworfen werden, und wie, was schwerer ist, die Seelen wie Schnee zur Hölle hinabfahren. Tröste sie also und bitte für sie, weil Du ihre Herrin und aller Helferin bist." Die Mutter Gottes antwortete: "Gehe hin zu meinem Sohne, und laß uns um derjenigen willen, welche hier steht, hören, was er antworten wird."
Die Mutter Gottes bittet mit dem seligen Dionysius und anderen Heiligen ihren Sohn für das Königreich Frankreich. Von dem Kriege der beiden Könige, welche zweien, gar wilden Tieren ähnlich sind.
Die Mutter sprach zum Sohne und sagte: "Gebenedeit
seist Du, mein Sohn. Es steht geschrieben, ich sei gebenedeit genannt worden,
weil ich Dich in meinem Leibe getragen, Du aber hast geantwortet, daß auch
der gebenedeit ist, welche Deine Worte hört und bewahrt. (Lukas XI.) So bin
ich denn, mein Sohn, diejenige, welche Deine Worte in meinem Herzen
sorgfältig behalten hade. Deshalb wiederhole ich ein Wort, das Du gesprochen,
als Petrus fragte: Ob er dem Sünder bis siebenmal vergeben soll, und Du
antwortetest: Siebenzigmal siebenmal soll vergeben werden (Matth. XVIII.), um
damit anzuzeigen, daß, so oft jemand sich,
mit dem Willen, sich zu bessern, demütigt, Du ihm Barmherzigkeit zu gewähren
bereit bist." Der Sohn antwortete: "Ich bezeuge Dir, daß meine
Worte in Dir gewurzelt waren wie Samen, der auf fettes Land ausgestreut wird
und hundertfältige Frucht aus sich hervorgehen läßt. So bringen auch Deine
tugendhaften Werke Allen Früchte der Freude, und darum bitte, um was Du
willst." Die Mutter antwortete: "Ich bitte Dich mit Dionysius und
anderen Deiner Heiligen, deren Leiber in der Erde dieses Königreiches
Frankreich ruhen, während die Seelen im Himmel sich befinden, erbarme Dich
dieses Reiches. Denn ich sehe, um derer halben, welche hier im Geiste
gegenwärtig ist, in einem Gleichnisse zu reden, gleichsam zwei überaus,
jedes in seiner Art besonders wilde Tiere. Das eine ist gar begierig, zu
verschlingen, was es zu erlangen imstande ist, und je mehr es frißt, desto
mehr hungert es, und sein Hunger wird nie gestillt; das andere Tier aber
bemüht sich, über alle, sich zu erheben. Diese Tiere haben drei böse
Eigenschaften: Erstens eine schreckliche Stimme; zweitens erfüllt sie ein
furchtbares Feuer; drittens begehrt ein jegliches des anderen Herz zu
verschlingen. Das eine sucht auf dem Rücken des anderen mit den Zähnen in
das Herz desselben sich zu beißen, um es zu töten, das andere aber hat
seinen Rachen an der Brust des anderen, um dort den Eingang ins Herz zu
suchen. Die schreckliche Stimme dieser Tiere wird weithin vernommen. Alle
Tiere, welche mit offenem Maule kommen, werden im Feuer jener Tiere brennen
und deshalb dem Tode verfallen. Diejenigen Tiere aber, welche mit
verschlossenem Munde kommen, werden der Wolle beraubt werden und nackt von
dannen gehen. Unter diesen beiden Tieren sind die beiden Könige von
Frankreich und England zu verstehen, Von diesen Königen wird der eine nimmer
satt, weil sein Krieg eine Folge seiner Begehrlichkeit ist, der andere bemüht
sich, in die Höhe zu kommen; beide sind voll zornigen Feuers und Begierde und
rufen: Nimm Gold und weltlichen Reichtum und schone nicht des Blutes der
Christen. Ein jeder begehrt des anderen Tod und sucht am anderen eine Stelle,
wo er ihm Schaden zufügen kann; der eine vom Rücken aus, da er verlangt,
daß seine Ungerechtigkeit Gerechtigkeit genannt werde und des anderen
Gerechtigkeit Ungerechtigkeit heiße; der andere von der Brust aus, um das
Herz zu töten,
ohne sich um das Verderben und Elend anderer zu bekümmern. In seinem Rechte
hat er keine göttliche Liebe, sondern entehrt seine Gerechtigkeit durch Zorn
und Hoffart; ein geringeres Recht hat der andere, dafür brennt er aber vor
Gier. Die anderen Tiere, welche mit offenem Munde kommen, sind diejenigen,
welche aus Geiz zu ihnen kommen; die Könige werfen Geld und Geschenke in ihre
Rachen, um sie zum Kriege zu entzünden; aber sie verfallen dem Tode, ihre
Güter bleiben zurück, ihre Leiber werden in die Erde aufgenommen, das Herz
zernagen die Würmer und die Teufel ihre Seelen. So machen diese beiden
Könige viele Seelen meinem Sohne durch Verrat abwendig, welche er mit seinem
Blute erkauft hatte. Die Tiere aber, welche ihrer Wolle beraubt werden, sind
die einfältigen Menschen, welche sich an ihren Gütern genügen lassen. Sie
gehen in dieser Absicht in den Krieg, weil sie glauben, daß derselbe ein
gerechter sei, darum werden sie der Wolle, d. h. der Leiber, durch den Tod
beraubt, ihre Seelen aber werden in den Himmel aufgenommen. Darum erbarme
Dich, mein Sohn!" Der Sohn antwortete: "Du siehst zwar alles in mir,
aber sage, was die Gerechtigkeit verlangt, damit diese Könige erhört
werden." Und die Mutter erwiderte: "Ich höre drei Stimmen. Die
erste ist die jener Könige, von denen der eine also denkt: Hätte ich das
Meinige, so würde ich mich nicht darum kümmern, anderes zu haben, aber ich
fürchte mich, alles zu entbehren. Und in dieser Furcht, und weil er die
Schande der Welt fürchtet, wendet er sich an mich und spricht: O Maria, bitte
für mich! Der andere König aber denkt anders! Ach, daß ich in meinem
früheren Stande wäre! Ich bin müde. Darum hat er sich auch zu mir gewandt.
Die zweite Stimme ist die der Gemeinde, welche mich täglich um Frieden
bittet. Die dritte Stimme ist die der Auserwählten, welche rufen und
sprechen: Wir klagen nicht über .die Leiber der Toten, nicht über Schaden,
nicht über Armut, sondern über den Fall der Seelen, welche täglich in
Gefahr schweben. Deshalb, o Frau, bitte Deinen Sohn, daß die Seelen errettet
werden! Darum, o mein Sohn, erbarme Dich ihrer!" Der Sohn antwortete:
"Es steht geschrieben, daß dem Klopfenden geöffnet, dem Rufenden
geantwortet, dem Bittenden gegeben werden soll. (Matth. VII.) Aber wie ein
jeg-
licher, der anklopft, draußen vor der Thüre ist, so auch sind jene Könige,
weil sie mich nicht in sich haben, draußen vor der Thüre; doch soll um
Deinetwillen denen, die da bitten, aufgethan werden."
Christus redet mit der Braut und sagt ihr die Weise, wie der Friede zwischen den Königen von Frankreich und England zu stande gebracht werden soll. Leisten die Könige nicht Folge, so sollen sie gar schwer gestraft werden.
Der Sohn sprach: "Ich bin ein König, den man fürchten
und ehren soll. Darum will ich wegen des Gebetes meiner Mutter ihnen meine
Worte schicken. Ich bin der wahre Friede, und wo der Friede ist, da bin ich
für gewiß. Wollen daher die beiden Könige von Frankreich und England
Frieden haben, so werde ich ihnen dauernden Frieden geben. Den wahren Frieden
kann man aber nicht haben, wenn man nicht die Wahrheit und Gerechtigkeit
liebt. Weil nun unter den Königen bei dem einen das Recht ist, so gefällt es
mir, daß der Friede durch eine Vermählung geschlossen werde und so das Reich
an den rechtmäßigen Erben gelange. Zum andern verlange ich, daß sie Ein
Herz und Eine Seele sein sollen in der Mehrung des heiligen christlichen
Glaubens, wo solches zu gelegener Zeit zu meiner Ehre geschehen kann. Drittens
sollen sie die unerträglichen Auflagen abschaffen und ablassen von ihren
trügerischen Erfindungen, auch die Seelen ihrer Unterthanen lieben. Wofern
aber der König, welcher jetzt das Reich inne hat, nicht gehorchen möchte, so
soll er für ganz sicher wissen, daß er in seinen Thaten kein Glück haben
wird, sondern in Schmerz wird er sein Leben endigen und sein Reich in Trübsal
hinterlassen. Sein Sohn und seine Nachkommen werden im Zorne, in Schmach und
Verwirrung sich befinden, so daß alle sich verwundern werden. Wenn aber der
König, welcher im Rechte ist, wird folgen wollen, so werde ich ihm helfen und
für ihn kämpfen. Gehorcht er aber nicht, so wird er seinen Wunsch nicht
erreichen, sondern noch verlieren, was er bereits erhalten. Den fröhlichen
Anfang wird ein schmerzlicher Ausgang verdunkeln. Wenn aber die Menschen im
Königreich Frankreich die wahre Demut ergreifen möchten, wird das Reich an
den rechtmäßigen Erben und zu gutem Frieden gelangen." ![]()
Christus sagt zur Braut, sie soll sich nicht fürchten, im Gehorsam gegen den geistlichen Vater die Abstinenz zu brechen, weil das keine Sünde ist. Auch ermahnt er sie, beständig zu sein und unausgesetzt den Versuchungen Widerstand zu leisten, und den festen Willen zu haben, im Guten zu verharren nach dem Vorbilde der Jungfrau Maria, Davids und Abrahams.
Der Sohn sprach: "Warum fürchtest Du Dich? Wenn Du
auch viermal am Tage äßest, so wird es Dir nicht zur Sünde angerechnet,
wenn Du es mit Erlaubnis dessen gethan, dem Du. zu gehorchen verpflichtet
bist. Sei also beständig. Du sollst sein wie ein Kriegsmann, welcher, im
Kriege von verschiedenen Wunden verletzt, den Feinden noch viel schlimmere
Wunden zurückgiebt, und um so eifriger zum Streit ist, je stärker er von den
Feinden angegriffen wird. Ebenso sollst auch Du Deinen Feind schlagen,
beständig sein und einen vernünftigen Willen haben, im Guten zu verharren.
Dann aber schlägst Du den Teufel nieder, wenn Du der Versuchung nicht
zustimmst, sondern mannhaft widerstehst, d. h. wenn Du der Hoffart die Demut
und der Gefräßigkeit die Enthaltsamkeit entgegensetzest. Beständig aber
bist Du, wenn Du in der Trübsal wider Gott nicht murrest, sondern in
Heiterkeit alles erträgst, alles Deinen Sünden zuschreibst und Gott dankest.
Vernünftig aber ist Dein Wille alsdann, wenn Du keinen Lohn begehrst, als
nach meinem Willen, und Dich gänzlich meinen Händen überlassest. Das erste
von diesen dreien, den Feind zu schlagen, hat Lucifer nicht gehabt, weil er
sofort seinem Vorhaben zustimmte; darum fiel er unwiederbringlich und wie er
niemand hatte, der ihn zu seiner Bosheit antrieb, so hat er auch niemand, der
ihm das
Verlorene wiederbringt. Das andere, die Beständigkeit, hat Judas nicht
gehabt, sondern er hat verzweifelt und sich erhenkt; das dritte, den guten
Willen, hatte Pilatus nicht, weil er einen eifrigeren Willen gehabt hat, den
Juden zu gefallen und nur für seine Ehre besorgt war, statt mich zu befreien.
Das erste, den Feind zu schlagen, hatte aber meine Mutter, welche, so viele
Versuchungen sie gehabt, so vielfachen Widerstand geleistet und
entgegengesetzt hat; das zweite hatte David, welcher in der Widerwärtigkeit
geduldig war und bei seinem Falle nicht in Verzweiflung geriet; das dritte,
den vollkommenen Willen, hatte Abraham, welcher nicht nur sein Vaterland
verließ, sondern auch seinen eingeborenen Sohn opferte. Diesen folge auch Du
nach Deinen Kräften nach."
Christus leitet die Braut, d. h. die Seele, an, immer die wahre Reue, die göttliche Liebe und den festen Gehorsam zu bewahren; sie soll diejenigen verachten, welche den Gehorsam, die Enthaltsamkeit und die Geduld verachten. Er warnt auch einen geistlichen Menschen, daß er nicht unter dem Scheine des Lichtes allmählich sein Wissen soll verdunkeln und verblenden lassen.
Es erschien ein Engel von wunderbarer Gestalt und mit ihm
wurden noch andere Engel sichtbar, die zu ihm sprachen: "O Freund,
weshalb bietest Du unserem Gott eine leere Nuß an?" Er antwortete:
"Obwohl ihr alles wisset, so rede ich doch um jener willen, welche dort
steht. Ich werde durch die Gegenwart unseres Gottes niemals betrübt, da ich
seinem Willen zur Förderung der Seelen also diene, daß ich niemals seine
Gegenwart entbehre; biete ich ihm auch nicht eine Nuß voller Süßigkeit an,
so biete ich ihm doch etwas Liebliches dar, nämlich: einen Schlüssel vom
reinsten Golde, ein Gefäß von Silber und eine Krone von kostbaren Steinen.
Der Schlüssel bedeutet die reine Reue über die Sünde; sie öffnet das Herz
Gottes und führt den Sünder ein in das Herz Gottes. Das Gefäß aber ist die
göttliche Lust und Liebe, in welcher Gott bei der Seele süß ruht. Die Krone
ist der feste und heitere Gehorsam. Diese drei Dinge verlangt Gott von einer
heiligen Seele. Sieh' nun diese Seele, die meiner Obsorge anvertraut ist;
obwohl sie
diese drei Dinge verachtet, so biete ich doch Gott wiederum das dar, was er
ihr angeboten hat und es wird ihm nicht desto minder zur Ehre gereichen. Der
Schlüssel der Reue ist ihr so beschwerlich, daß sie auch nicht einmal daran
denken mag. Das Gefäß der göttlichen Liebe aber ist ihr so bitter, daß sie
es durchaus nicht riechen mag; denn wie könnte geistliche Süßigkeit ihr
süß schmecken, da die Wollust des Fleisches darin wurzelt, und wie könnten
zwei widerwärtige Dinge sich in Einem Gefäße vertragen? Auch die Krone des
Gehorsams wird ihr zu tragen schwer, weil der Eigenwille ihr so gefällt, daß
es ihr süßer deucht, dem eigenen Willen, als dem Willen Gottes zu
folgen." Hierauf sprach der Engel, indem er sich an Gott wandte:
"Siehe, Herr, hier sind das Gefäß, der Schlüssel und die Krone, deren
diese Seele sich unwürdig gemacht hat. Wenn die Schale zerbricht, sieht man,
wie diejenige inwendig voll Kotes ist, welche mit süßestem Honig angefüllt
sein sollte und wie mitten in der Schale eine Schlange liegt. Die Schale ist
das Herz, das, wenn es durch den Tod zerbricht, angefüllt ist mit den
Begierden der Welt, welche wie Kot sind; die Schlange aber ist die Seele,
welche heller sein sollte, als die Sonne, und feuriger, als die Flamme, jedoch
eine mit Gift angefüllte Schlange ist, nicht zum Schaden anderer, sondern nur
ihr selber zum Verderben." Nun aber redete der Herr zur Braut und sprach:
"Wie dieser beschaffen ist, will ich Dir durch ein Gleichnis von zwei
Menschen zeigen, von welchen der eine steht, der andere im Gehen sich ihm
nähert. Als nun beide Gesicht an Gesicht standen, sprach derjenige, welcher
ging: Herr, durch einen geringen Zwischenraum sind wir getrennt; zeige mir den
Weg, auf dem ich einhergehen soll; denn ich sehe, daß Du ohne Vergleich der
Mächtigste, ohne Bedenken der Süßeste, und überaus gut bist, wie
derjenige, von dem alle Güte ist, ohne welchen keiner gut ist. Jener
antwortete: Freund, ich will Dir einen dreifachen Weg zeigen, welcher aber auf
einerlei Ziel losgeht; folgst Du demselben, so wird er anfangs steinig, am
Ende aber durchaus eben sein. Er ist finster am Eingange, aber hell im
Fortgange; eine Zeit lang bitter, jedoch zuletzt ganz süß. Der andere
antwortete: Zeige mir nur den Weg, und ich will denselben gern verfolgen; denn
ich sehe, wie Gefahr im Verzuge und Schaden beim Verfehlen des Weges, aber
reichlichste Frucht vorhanden ist,
wenn ich den Weg einschlage. Erfülle deshalb mein Verlangen und zeige mir den
wahren Weg. Wohlan denn, ich bin der Schöpfer aller Dinge, ich bin
unveränderlich und in Ewigkeit beständig. Als jener sich mir nahete und,
weil er mich liebte, nichts so sehr gesucht hat als mich, habe ich ihm mein
Angesicht zugewendet und göttlichen Trost in seine Seele gegossen. Der Welt
Freude war ihm nur verhaßt samt aller Lust des Fleisches. Ich habe ihm auch
den dreifachen Weg gezeigt, wobei ich nicht mit der Stimme des Fleisches
sprach, sondern seiner Seele heimliche Eingebungen einflößte, wie ich jetzt
Deiner Seele öffentlich Eingebungen zukommen lasse. Erstens nun habe ich ihm
gezeigt, daß er mir, seinem Gotte und seinem geistlichen Vorgesetzten,
gehorsam sein soll; allein er hat mir innerlich die Antwort gegeben, indem er
in seinem Sinne also dachte: Ich will es nicht thun; denn der geistliche
Vorsteher ist hart und ohne Liebe, und deshalb vermag ich nicht, ihm mit
fröhlichem Willen zu gehorsamen. Ich habe ihm auch den zweiten Weg gezeigt,
nämlich die Flucht vor der Wollust des Fleisches und die Folgsamkeit gegen
meinen Willen, die Flucht vor der Völlerei und die Befolgung der
Enthaltsamkeit. Dies sind zwei Wege, welche zum wahren Gehorsame führen. Er
aber antwortete mir: Mit nichten? Denn meine Natur ist schwach, deshalb will
ich essen und schlafen zur Genüge; ich will reden, um Freude zu haben und
lachen um weltlichen Trostes willen. Ich habe ihm auch einen dritten Weg
gezeigt, nämlich gute Geduld zu haben, um meiner, seines Gottes willen, weil
diese es ist, welche zur Enthaltsamkeit führt und hineinleitet in den
heiligen Gehorsam. Allein er hat mir geantwortet: Ich werde es nicht thun;
denn wenn ich solche, mir schmähliche Dinge erleide, werde ich beschuldigt,
ein Thor zu sein, und gehe ich verächtlicher, als andere gekleidet, umher,
werde ich mich vor allen schämen müssen. Und wenn an meinen Gliedern etwas
Mißgestaltetes sich befindet, so muß ich, um dieses zu ersetzen und gut zu
machen, den Menschen zu Gefallen irgend etwas thun. Da nun spricht der Herr
also: Ich und sein Gewissen stritten miteinander, bis er, sich von mir
entfernend, mir den Nacken zu- und das Angesicht abwendete. Und in welcher
Weise wendete er sich hinweg? weil er nur in den Stücken gehorsam sein
wollte, welche ihm gefielen und geduldig sein wollte, so lange ihm an der
Freund-
schaft der Welt nichts geschmälert würde. Nun aber arbeitet der Teufel, ihn
ganz blind und taub zu machen, mit dem Vorhaben, ihm die Hände zu binden, die
Füße zu verwickeln und ihn in die Finsternis der Hölle hineinzuführen.
Blind aber macht er ihn dann, wenn er also denkt: Gott hat mich durch sein
Leiden erlöst; er wird mich nicht verderben, weil er barmherzig ist. Gott
straft auch die Sünde nicht so strenge, mag ihn der Mensch auch jede Stunde
beleidigen. Hieraus erweist sich, daß sein Glaube nicht beständig ist. Darum
soll er nachsehen in meinem Evangelium, wie ich über die Worte, wieviel mehr
dann über die Werke, Rechenschaft fordern werde. (Matth. XII.) Er soll auch
nachsehen, wie der Reiche nicht um seines Reichtums willen, sondern deshalb in
der Hölle begraben worden, weil er mit dem Verliehenen Mißbrauch getrieben.
Stumm macht ihn aber der Teufel alsdann, wenn er von den Vorbildern meiner
Freunde hört und spricht: So wird jetzt niemand leben können. Hieraus wird
erweislich, daß er eine geringe Hoffnung hat; denn ich, der ich meinen
Freunden verliehen habe, so klug und keusch zu leben, habe auch die Macht, ihm
Ähnliches zu geben, wenn er Hoffnung auf mich hätte. Die Hände bindet ihm
der Teufel, wenn er etwas anderes mehr liebt, als mich, wenn er sich feuriger
der Welt, als meiner Ehre hingiebt. Darum soll er achthaben, daß er, während
er sein Augenmerk auf die Welt gerichtet zu haben scheint, nicht durch den
Teufel betrogen werde, weil der Teufel seine Angel auslegt, wo man sich am
wenigsten vor ihm hütet. Die Füße verwickelt er dem Menschen alsdann, wenn
derselbe auf seine Gedanken und Neigungen nicht achtgiebt, wenn er die Art
seiner Versuchungen nicht in Betracht zieht, wenn er so sehr auf den Nutzen
des Nächsten und des Fleisches sieht, daß er auf seiner Seelen Heil nicht
Obacht hat. Darum soll er daran denken, wie ich im Evangelium gesagt habe,
daß der Mensch, welcher seine Hand an den Pflug legt, nicht rückwärts
schauen (Luk. IX.), und wer etwas Nützliches begonnen, nicht zurückgehen
soll. Über sein Herz legt der Teufel alsdann seine Bande, wenn er seinen
Willen so zum Bösen neigt, daß er nur daran denkt, bei der Welt in Ehre zu
stehen und er in solcher Verfassung beharrt. In die Finsternis führt er ihn
auch, wenn er also denkt: Ob ich die Herrlichkeit habe, oder die Pein,
darüber mache ich mir wenig Sorge.
Wehe dem, der in solche Finsternis hineinrennt! Wenn er sich aber zu mir
wenden will, werde ich ihm wie ein Vater entgegenkommen, Aber wie? Er muß den
freien Willen haben, zu thun, soviel er zu thun imstande sein wird; denn wie
es einem Menschensohne nicht erlaubt ist, Eine wider seinen Willen zur Ehe zu
nehmen, so darf es auch der Sohn der Jungfrau nicht. Der Wille ist das
Werkzeug, wodurch die göttliche Liebe eingeführt wird in die Seele, und wie
ein Müller, welcher seine Steine behauen will, zuerst die Ritzen aufsucht, wo
er zuerst die feineren Werkzeuge einsetzt und dann die gröberen, bis der
Stein auseinanderbricht, so suche auch ich den guten Willen, um meine Gnade
hineinzugießen. Wenn dann das Werk wächst und der Wille fortschreitet, so
wächst auch größere Gnade hinzu, bis das steinerne Herz verwandelt wird und
in das fleischerne wächst, das fleischerne aber in ein geistliches
Herz."
Dieser war ein Prior in der Gegend Siciliens, welche nahe am Berge Ätna liegt. Seinetwegen erhielt die Braut die nachfolgende Offenbarung.
Der Sohn Gottes sprach: "Dieser Bruder wundert sich,
daß meine Apostel Petrus und Paulus an diesem Orte solange in den Katakomben
gelegen haben und fast verachtet gewesen. Ich antworte Dir: Die goldene
Schrift spricht: Israel habe lange in der Wüste geweilt, weil die Bosheit der
Heiden, deren Länder die Israeliten in Besitz nehmen sollten, noch nicht
erfüllt war. So war es auch mit meinen Aposteln. Es war noch nicht die Zeit
der Gnade, wo die Leiber meiner Apostel erhöht werden sollten; denn zuerst
muß die Zeit der Prüfung sein und erst nachher die der Krönung kommen, und
sodann waren diejenigen noch nicht geboren, welchen diese Ehre der Erhöhung
der Apostel gebührte. - Nun aber kannst Du fragen: Ob ihre Körper zu der
Zeit einige Ehre gehabt, wo sie in der Cisterne lagen? Ich antworte Dir: Meine
Engel haben dieselben bewacht und die seligen Leiber geehrt. Denn wie die
Stelle fleißig bearbeitet wird, auf der man Rosen und andere Pflanzen säen
will, so wurde diese Stätte der Kata-
komben lange zuvor vorbereitet und geehrt, und Engel und Menschen freuten sich
darüber. Deshalb sage ich Dir: Es giebt in der Welt viele Stätten, wo Leiber
meiner Heiligen ruhen; allein sie haben mit diesen Orten keine Ähnlichkeit.
Wenn die Heiligen gezählt werden sollten, deren Leiber hier beigesetzt
wurden, so würde man es kaum glauben. Wie nun ein kranker Mensch durch guten
Geruch und Speise erquickt wird, so werden die Menschen, welche mit
auftichtigem Sinne an diesen Ort kommen, geistig erquickt und empfangen die
wahre Vergebung der Sünden, ein jeglicher nach seinem Leben und Glauben.
Eben dieser Bruder war durch die Worte der Frau Brigitta zu großer Reue getrieben. Er hörte drei Nächte eine Stimme, welche rief: Eile, eile, komm', komm'! Am vierten Tage ward er krank, empfing die Sakramente und starb zu Rom."
Christus redet mit der Braut und sagt, daß drei Heilige ihm vor den übrigen gefallen, nämlich die Jungfrau Maria, Johannes der Täufer und Maria Magdalena Er lobt auch die Bescheidenheit und Enthaltsamkeit, welche diese drei im Speisen, Schlafen und in der Kleidung beobachteten.
Der Sohn sprach: "Drei Heilige sind es, welche mir vor
allen gefallen haben, nämlich: die Jungfrau Maria, meine Mutter, Johannes der
Täufer und Maria Magdalena. Meine Mutter war, als sie geboren worden, so
schön, daß kein Flecken an ihr war. Die bösen Geister erkannten dies wohl,
hatten aber einen solchen Verdruß darüber, daß, um durch ein Gleichnis zu
reden, gleichsam ein Ruf der Teufel aus der Hölle erscholl, welcher lautete:
Eine Jungfrau geht so tugendhaft und wunderbar hervor, daß sie alle auf Erden
und im Himmel übertrifft und bis an den Sitz Gottes gelangen wird. Wollten
wir uns auch aufmachen wider sie mit unseren Schlingen, sie würde sie doch
alle vernichten, sie würden zerreißen wie Werg und wie alte Stricke
auseinandergehen. Kommen wir aber wider sie mit aller unserer Bosheit und
Unreinigkeit, so haut sie alles ab, wie Heu von der Sichel abgeschnitten wird.
Wollten wir sie mit dem Feuer der Wollust und den Ergötzlichkeiten der
Welt erfüllen, so würde dasselbe leichter ausgelöscht, als ein Funke von
einem Wasserbache.
Johannes der Täufer mißfiel schon, als er geboren ward, den Teufeln, so daß damals gleichsam eine Stimme aus der Hölle ertönte, welche sprach: Ein wunderbarer Knabe ist geboren. Was sollen wir thun? Gehen wir gegen ihn vor mit Hoffart, so verschmäht er es, uns zu hören, und mag unserer Eingebung nicht folgen, halten wir ihm Reichtum vor, so kehrt er uns den Rücken und lehnt es ab, denselben zu sehen, zeigen wir ihm Wollust, so ist er dafür wie tot und kann dieselbe nicht schmecken.
Als aber Maria Magdalena bekehrt worden war, sprachen die Teufel: Wie werden wir sie wieder zurückbringen? Eine fette Beute haben wir verloren; sich wäscht sich dermaßen mit dem Wasser ihrer Thränen, daß wir nicht wagen, unseren Blick auf sie zu heften, sie hat sich mit guten Werken so bedeckt, daß nichts Beflecktes an sie herankömmt, sie ist so feurig und heiß im Dienste Gottes und der Heiligkeit, daß wir uns ihr nicht zu nahen wagen.
Diese drei nun behandelten ihre Seele als den Herrn, ihren
Leib aber als den Knecht. Ihre Seele besaß drei gute Eigenschaften: Erstens
liebte sie nichts so sehr, als mich, ihren Gott; zweitens wollte sie nichts
thun wider mich; drittens wollte sie nichts unterlassen, das göttlich war.
Obwohl sie nun eine solche Seele hatten, so verachteten sie gleichwohl ihren
Leib nicht, und gaben demselben nicht Gift statt der Speise, noch Dornen statt
eines Kleides, legten denselben auch nicht auf einen Ameisenhaufen, sondern
hielten eine mäßige Labung zu meiner Ehre und zum Nutzen der Seele, hatten
auch ein Kleid zur Bedeckung, aber nicht zur Hoffart; des Schlafes pflegten
sie, um auszuruhen, und hatten das Bett zur Erleichterung. Hätten sie gewußt,
daß es mir gefiele, und hätte ich ihnen Gnade gewährt, so würden sie gern
das Allerbitterste zur Speise und Dornen zum Kleide angenommen, auch auf einen
Ameisenhaufen sich niedergelegt haben. Weil sie mich nun in allen Dingen als
gerecht und barmherzig betrachteten, so waren sie, wie sie gegen den Leib
gerecht waren durch Zügelung unerlaubter Regungen, auch barmherzig und
vernünftig in der Nachsicht gegen den Leib, damit durch die Strenge der
Arbeit der Leib nicht dahinfalle und durch die Gewalt der Anstrengung nicht
aufgelöst werde.
Nun wirst Du fragen können, weshalb ich ihnen nicht jene Gnade gereicht habe,
welche die heiligen Einsiedler und alten Väter gehabt haben, daß einige
unter ihnen nur einmal in der Woche aßen, anderen die Speise durch dienende
Engel verschafft wurde? Ich antworte Dir: Diese heiligen Väter haben diese
Gabe des Fastens aus dreifachem Grunde erhalten. Erstens, um meine Gnade und
Macht zu offenbaren, damit die Menschen wissen mögen, daß, wie ich die Seele
ohne leibliche Speise erhalte, ich auch den Leib, wenn es mir gefiele, ohne
Speise zu erhalten vermag; zweitens, um ein Beispiel zu zeigen, damit an ihrem
Vorbilde die Menschen erkennen mögen, wie leibliche Arbeit und Trübsal die
Seele zum Himmel hinaufziehen; drittens zur Vermeidung der Sünde; denn eine
nicht gezügelte Wollust des Fleisches zieht den Menschen in die Qual. Damit
also nun die Menschen Enthaltsamkeit, und die Weise, wie sie leben sollen,
lernen möchten, habe ich selber, Gott und Mensch, obwohl ich in der Welt ohne
Speise hätte leben können, doch Speise und andere leibliche Bedürfnisse
gebraucht, damit der Mensch in allem mir, seinem Gotte, Dank sagen, auch
mäßigen Trost in der Welt und vollkommene Freiheit mit den Heiligen im
Himmel haben möge."
Maria sagt, daß ein geistlicher Mensch, nachdem er durch die Mühe und Arbeit der Buße, Liebe, Reue und Geduld bekehrt worden, die früheren verlorenen Zeiten zu dem Ende wieder auslöse, um Gott keine leeren Nüsse darzubieten.
Maria sprach: "Wo man dem Herrn Nüsse opfert, werden
darunter zuweilen einige leere gefunden. um dieselben dem Herrn angenehmer zu
machen, müssen dieselben ausgefüllt werden. Also ist es auch mit den
geistlichen Werken. Viele vollbringen mehrere gute Werke, um deren willen ihre
Sünde vermindert wird, daß sie nicht in die Hölle fahren. Allein vor und
während dieser guten Werke sind viele an guten Werken leere Zeiten gewesen,
welche alle ausgefüllt werden müssen, so lange Zeit zum Arbeiten ist, wo
nicht,
so ersetzen Reue und Liebe alles. So brachte Maria Magdalena dem Herrn Nüsse,
d. h. gute Werke dar. Unter diesen Nüssen waren etliche leer, da sie lange
Zeit zum Sündigen verwendet hatte, die sie aber, durch die Zeit unterstützt,
durch Geduld und Mühsal wieder ersetzte. Aber auch Johannes der Täufer
brachte Gott gleichsam volle Nüsse dar, da er Gott von Jugend auf diente und
demselben alle seine Zeit opferte. Die Apostel aber haben Gott gleichsam
halbvolle Nüsse geopfert, da sie vor ihrer Bekehrung viel unvollkommene
Zeiten hatten. Ich aber, die ich die Mutter Gottes bin, brachte volle Nüsse
dar, welche süßer waren, denn Honig, weil ich von Jugend auf mit Gnade
erfüllt war und in der Gnade erhalten blieb. Darum sage ich, daß, obwohl dem
Menschen die Sünden erlassen werden, doch die früheren unfruchtbaren Zeiten,
so lange der Mensch Zeit hat, durch Geduld und Liebesarbeit zurückgekauft
werden müssen."
Christus lehrt die Braut, was für ein Unterschied zwischen dem guten Geiste und dem Truge des Teufels ist, und wie man beiden antworten soll.
Der Sohn sprach: "Wie soll man meinen Geist erkennen,
da es zwei Geister giebt, einen guten und einen bösen? Ich will Dir's sagen.
Mein Geist ist warm und thut zweierlei Gutes. Zuerst bewirkt er, daß man
nichts als Gott begehrt; zweitens giebt er höchste Demut und Verachtung der
Welt. Der böse Geist dagegen ist kalt und heiß. Kalt, weil er alles, was
Gott ist, bitter macht; heiß ist er deshalb, weil er dem Menschen die Neigung
zur Wollust des Fleisches und Hoffart der Welt einflößt, und die Begierde
nach Eigenlob anfacht. Er kömmt sanft daher wie ein Freund, ist aber wie ein
bissiger Hund. Er kömmt auch wie ein süßer Tröster, ist aber der ärgste
Fallstrickleger. Kömmt er daher, so sprich zu ihm: Ich will Dich nicht, weil
Dein Ende böse ist. Wenn aber der gute Geist kömmt, sollst Du sagen: Komme,
Herr, als ein Feuer und zünde mein Herz an; denn wiewohI ich unwert bin, Dich
zu haben, so bedarf ich doch meinesteils Deiner, während Du meinetwegen nicht
besser sein wirst, auch des meinigen
nicht bedarfst, sondern ich werde besser werden durch Dich, und ohne Dich bin
ich nichts."
Der Sohn redet mit der Braut von drei Gesetzen, nämlich: der Kirche, des Kaisers und der Gemeinde, ermahnt sie aber nach einem vierten Gesetze, nämlich dem geistlich-göttlichen, zu leben, d. h. in der Demut, dem festen katholischen Glauben und der vollkommenen christlichen Liebe, wobei sie um Gottes willen alles hintansetzt, weil durch jenes Gesetz geistliche Ehre und himmlischer Reichtum in der ewigen Herrlichkeit erworben werden.
Der Sohn redete zur Braut und sprach: "Dreierlei
Gesetze giebt es, ein Gesetz der Kirche, ein Gesetz des Kaisers und ein Gesetz
der Gemeinde. Alle diese Gesetze werden auf die Häute toter Tiere (Pergament)
geschrieben. Es giebt aber noch ein anderes, ein geistliches Gesetz, das nicht
auf Häute, sondern in das Buch des Lebens geschrieben ward, welches nie
verloren geht, noch durch Alter zerstört wird, niemals Überdruß erregt,
noch mit Beschwerde besessen wird. Ein jegliches gute Gesetz also muß
geordnet werden zum Heile der Seele und um Gottes Vorschriften zu vollbringen,
böse Lüste zu fliehen und gute Werke zu suchen, welche verständig begehrt
werden müssen. Nun aber ist in dem Gesetze, das auf Häute geschrieben wird,
ein Wort, welches heißt: Gieb, so wirst du erlangen. Damit einer etwas
erlange, ist von vieren eins nötig. Entweder giebt man einem ein Geschenk,
weil man Liebe und Freundschaft erfahren, oder Erbschafts, oder Teilungs
halber, oder wegen dargebrachter Werke der Demut und Dienstbarkeit. Auf
ähnliche Weise verhält es sich mit dem geistlichen Gesetze. Das geistliche
Gesetz schreibt vor, Gott zu erkennen und lieb zu haben und seiner zu
genießen und zu erlangen in diesem Gesetze ist Ehre und geistlicher Reichtum;
denn es wandelt alles Geschaffene in dem Schöpfer, giebt den eigenen Willen
auf für den Willen Gottes, flößt Liebe zu den Tugenden ein und giebt die
Welt für den Himmel hin. Dieser Reichtum wird auf vierfache Weise erlangt.
Erstens durch die Liebe. Denn wie ein zeitlicher Herr einem aus Liebe
Geschenke macht, obwohl (von dessen Seite) keine Verdienste vorausgingen, so
habe
ich vermöge meiner Güte den Menschen erschaffen und erlöst, ertrage ihn
täglich und ehre ihn trotz seiner Undankbarkeit. Außerdem wird auch jeder,
welcher mich mit ganzem Herzen liebt, und nichts begehrt, als mich, auf Erden
die Tugend haben, welche mit dem Finger Gottes ins Herz geschrieben, und Ehre
im Himmel, die in das Buch des Lebens eingezeichnet wird, welches das ewige
Leben ist. Zweitens wird die geistliche Ehre erlangt mittels Erbschaft. Ich
habe durch Annahme meiner Menschheit und durch mein Leiden dem Menschen durch
Erbrecht den Himmel erkauft und geöffnet. Wie der Mensch gewissermaßen die
göttliche Erbschaft dem Teufel verkauft hat, indem er einen schlechten Apfel
zum Tausche für die ewige Freude, verbotene Speise statt des Baumes des
Lebens, Falsches für Wahres annahm, so habe ich durch Gehorsam gegen meinen
Vater den Brief des Ungehorsams zerrissen, habe durch die Bitterkeit meines
Herzens genuggethan für die Süßigkeit des Apfels, durch meinen Tod dem
Menschen den Baum des Lebens verdient, durch den Glauben an meine Menschheit
den Menschen zurückgebracht und alle Wahrheit festgestellt. Wer also den
Worten meiner Wahrheit glaubt und mir nachfolgt, der wird mittels Erbschaft
geistlichen Reichtum und meine Gnade erhalten. - Drittens wird die geistliche
Ehre durch Teilung erlangt, nämlich, wenn der Mensch scheidet und sich von
aller Freude an fleischlichen Lüsten losmacht, und die Lust des Fleisches in
Enthaltsamkeit, den Reichtum in Armut, die Ehre in Verachtung, den Verkehr mit
den irdischen Eltern in den Umgang mit den Freunden Gottes und den Anblick der
Welt in den Anblick Gottes umwandelt. - Viertens wird die geistliche Ehre
durch Werke der Demut und Dienstbarkeit erlangt, wenn nämlich der Mensch im
Dienste Gottes und in Geduld wie ein starker Kriegsmann im Kriege streitet, in
Demut und Treue dient wie ein Knecht, wenn er das ihm Anvertraute barmherzig
und gerecht wie ein guter Verwalter austeilt und wider die Versuchungen wacht
wie ein guter Wächter. Dieser ist wert, Ehre und geistlichen Reichtum zu
haben, welcher nicht auf Tierhaut geschrieben wird, sondern in die Seele; denn
die Stufen des dreifachen geschriebenen Gesetzes sind nützlich, die
Gerechtigkeit zu vollbringen. Das geistliche Gesetz aber ist süß, die Frucht
zu erlangen. Darum, meine Tochter, suche die geistliche Ehre durch die Liebe
zu erlangen,
indem Du nichts so liebst, wie mich; suche sie durch Erbschaft, indem Du
festiglich das glaubst, was die Kirche gebietet; suche sie durch die Werke der
Demut, indem Du alles zu meiner Ehre thust. Denn Du bist zu meinem Gesetze
gerufen, deshalb bist Du auch gehalten, mein Gesetz zu bewahren; mein Gesetz
aber besteht darin, nach meinem Willen zu leben. Wie ein guter Geistlicher
nach dem Gesetze der Kirche lebt, so lebe auch Du nach dem Gesetze meiner
Demut, indem Du Dich nach meinen Freunden richtest. Jedes zeitliche Gesetz
zielt teils nach der Ehre der Welt, teils nach ihrer Verachtung. Mein Gesetz
aber hat seine Richtung nur auf das Göttliche, weil vor mir und nach mir
niemand vollkommen versteht, welcher Art und wie herrlich die Süße des
Himmelreiches ist, sowie ich und derjenige, dem ich es werde offenbaren
wollen."
Christus redet mit der Braut und spricht, sie solle sich sorgfältig vor dem Laster der Hoffart hüten, damit sie sich nicht der Schönheit ihrer Glieder, oder der Güter, oder der Familie wegen überhebe; der Hoffärtige wird mit einem Schmetterlinge verglichen, welcher breite Flügel, aber einen kleinen Leib hat.
Der Sohn sprach zur Braut: "Laß Dich nicht durch die
Hoffart der Leute beunruhigen; denn sie wird bald vergehen. Es giebt eine Art
Insekten, welche Schmetterlinge heißen. Dieselben haben breite Flügel, aber
einen kleinen Leib, ferner mannigfaltige Farben, endlich fliegen sie wegen der
Leichtigkeit ihres Leibes hoch, aber wenn sie in die Luft emporsteigen, fallen
sie, weil sie nur geringe Kraft im Leide haben, schnell auf den ersten besten
Gegenstand hinab, der in der Nähe ist, mag es nun ein Stein oder Holz sein.
Diese Art Insekten bedeutet die Hoffärtigen, welche breite Flügel und einen
kleinen Leib haben; ihr Herz schwillt auf durch die Hoffart wie eine Haut
durch eingeblasenen Wind; auch glauben sie, alles um ihrer Verdienste willen
zu haben, ziehen sich den übrigen vor, halten sich für würdiger, als die
anderen, und würden, wenn sie vermöchten, ihren Namen über die ganze Welt
ausbreiten. Weil ihr Leben aber kurz ist wie ein Augenblick, fallen sie dahin,
wenn sie nicht daran gedenken. Zweitens haben die Hoffärtigen mannig-
faltige Farben wie der Schmetterling; denn sie sind stolz auf die Schönheit
der Glieder, auf Güter, auf Familie, und verändern ihren Stand nach
jeglicher Eingebung ihrer Hoffart, sind aber, wenn sie sterben, nichts als
Erde. Drittens fallen die Hoffärtigen, wenn sie den höchsten Grad des
Stolzes erstiegen haben, auf gefährliche Weise und in einem Augenblick in den
Tod. Deshalb hüte Dich vor der Hoffart, weil sie das Angesicht Gottes von den
Menschen hinwegzieht, und meine Gnade zu dem nicht eingeht, den sie
eingenommen hat."
Christus ermahnt die Braut, daß sie demütig leben, sich auch nicht um großen Ruhm und Namen kümmern soll, weil er selber zur Predigt des Evangeliums nicht große Lehrer, sondern demütige Fischer auserwählt hat; denn diejenigen, welche danach trachten, sich in dieser Welt einen großen Namen zu erwerben, werden in der Hölle schwer gestraft werden.
Der Sohn sprach: "Lese die Schrift, wer da will, so
wird er finden, daß ich aus einem Hirten einen Propheten gemacht, und mit dem
Geiste der Weissagung Jünglinge und Unwissende erfüllt habe. Obgleich aber
nicht alle meine Worte des Heiles angenommen haben, so sind doch meine Worte,
damit meine Liebe bekannt würde, zu den meisten gelangt. In ähnlicher Weise
habe ich, um das Evangelium zu predigen, nicht Gelehrte, sondern Fischer
auserwählt, auf daß sie sich nicht ihrer Weisheit rühmen, und alle erkennen
sollten, daß, wie Gott in sich wunderbar und unerdenklich, also auch seine
Werke unerforschlich sind, und er in dem Kleinsten das Größte wirkt. Ein
jeglicher Mensch nun, dessen Wandel nach der Welt ist, um deren Herrlichkeit
zu haben und seine Lust zu vollbringen, hat sich eine große Bürde
aufgeladen. Wohlan, ich erzähle Dir ein Beispiel von einem Manne. Dieser ging
mit ganzem Verlangen der Welt nach und hatte sich einen großen Namen erworben
bei der Welt, aber seinem Rücken die größte Sündenbürde aufgeladen. Darum
hat er nun einen großen Namen in der Hölle, eine sehr große Bürde statt
des Lohnes und einen ausgesuchten Ort in der Qual. An diesen Ort sind etliche
hinabgestiegen schon vor ihm,
einige mit und andere nach ihm. Vor ihm sind hinabgestiegen, welche ihn durch
ihre Hilfe und ihren Rat bestärkten, seine Bosheit zu erweitern; mit ihm aber
fuhren hinab die Vergeltungen seiner Werke; nach ihm werden diejenigen
hinabfahren, welche sein Vorbild nachahmen werden. Darum rufen die ersten ihm
zu wie aus einem Preßstock und sprechen: Weil Du unseren Ratschlägen gefolgt
bist, brennen wir desto glutvoller durch Deine Gegenwart. Verflucht seist Du
deshalb und wert, aufgeknüpft zu werden mit einem Stricke, der nicht reißt,
und ewig im Feuer zu brennen; die ärgste Schande werde Dir für Deine Hoffart
und Deinen Ehrgeiz zu teil. Seine Werke aber rufen und sprechen: O Du Elender!
die Erde hat Dich nicht können speisen mit ihrer Frucht. Darum hast Du alles
begehrt; Gold und Silber vermochte Dein Verlangen nicht zu stillen, darum bist
Du leer geblieben von allem. Lebendige Raben werden Deine Seele zerreißen,
welche zerrissen, aber nimmer gemindert, welche zerfließen, aber doch leben
wird. Diejenigen jedoch, welche nach ihm hinabfuhren, rufen: Wehe Dir, daß Du
geboren bist, Deine Wollust wird in Dir in den Haß Gottes verkehrt, so daß
Du nicht mit einem einzigen Worte Gott erfreuen kannst. Wie in der Liebe und
Ehre Gottes aller Trost und alle Freude, Gutes und unaussprechliche Freude
ist, deren auch wir wegen Deiner Nachfolge unwürdig sind, so werde Dir Trauer
und Zwietracht durch der Teufel Gesellschaft, Häßlichkeit für Ehre, Brunst
für Lust, Kälte für Eigenliebe und niemals Ruhe für den Trost des
Fleisches. Außerdem Fluch über Dich um des großen Namens willen, den Du
unwürdig getragen; statt des Sitzes der Herrlichkeit möge Dir die
verächtlichste Stätte zu teil werden. Siehe! dergleichen verdienen, um durch
ein Gleichnis zu reden, diejenigen, welche sich über die Ordnung Gottes
hinaus in solcherlei Dinge verflechten."
Ein Kriegsmann war immer beflissen, neue Weisen zu erdenken,
um durch Worte und Beispiele viele ins Verderben zu ziehen. Derselbe hatte
einen Neid auf Frau Brigitta. Da er aber nicht wagte, sie in Person zu
schmähen, so stiftete er jemand an, welcher sich trunken stellte, um der Frau
Brigitta Schandreden sagen zu
können. Als die gedachte Frau bei Tafel saß, sagte er, so daß es die
(anwesenden) Vornehmen hörten: "O Frau, Dir träumt zu viel, Du wachst
übermäßig; es ist besser für Dich, wenn Du trinkst und mehr schläfst.
Sollte Gott die Gottesfürchtigen verlassen haben, und redet er mit den
Hoffärtigen der Welt? Es ist vergeblich, wenn Du Deinen Worten Glauben zu
verschaffen trachtest." - Als er noch sprach, wollten die Anwesenden ihn
strafen, aber Frau Brigitta wehrte es und sprach: "Lasset ihn reden; denn
Gott hat ihn gesandt. Warum soll ich, die ich in meinem ganzen Leben mein Lob
gesucht und Gott gelästert habe, nicht hören, was ich unrechtes begangen?
Denn jener sagt mir die Wahrheit." Als besagter Herr solches vernahm,
ergriff ihn die Reue, er versöhnte sich mit Frau Brigitta, ging nach Rom und
kam durch ein löbliches Ende zur Ruhe.
Christus ermahnt die Braut, sie soll sich vor dem Umgange mit Weltmenschen hüten, welcher gleichsam des Teufels Braten ist. Die Jungfrau Maria belehrt sie auch, wie sie bei allen ihren tugendhaften Werken die rechte Absicht haben soll, damit die Ehre Gottes gemehrt werde; denn viele dienen Gott mit der That, aber ihre verderbte Absicht verdunkelt jegliches Gute.
Der Sohn sprach: "Hüte Dich achtsam vor des Teufels
Braten, den der Teufel am Feuer der Wollust und Begehrlichkeit zubereitet;
denn wenn man dem Feuer Fett nahe bringt, muß notwendig etwas davon abtropfen
und ebenso gehen aus dem Verkehre und der Gemeinschaft mit den Weltmenschen
Sünden hervor. Obschon Du aber nicht aller Gewissen kennst, so verraten doch
die äußeren Zeichen, was inwendig in der Seele verborgen ist." Ferner
sprach die Mutter: "Jede Deiner Handlungen sei vernünftig und Deine
Absicht eine rechte, damit Du alles, was Du thust, in der Absicht vornimmst,
daß Gottes Ehre vollbracht und der Nutzen der Seele der Lust des Leibes
vorgezogen werde. Viele dienen nämlich Gott mit dem Werke, allein die
verderbte Absicht verdunkelt alles Gute, wie Du an einem Beispiele erkennen
können wirst. Es giebt ein Tier, das man Bär heißt. Wenn dasselbe vom
Hunger heimge-
sucht wird und einen gewünschten Raub ersieht, schlägt es eine Tatze in den
Raub fest, und gebraucht zu deren Hilfe die andere Tatze, damit es um so
stärker die Beute halten könne, daß sie ihm nicht entschlüpfe oder
weggenommen werde, bis er es gefressen hat. Ein solcher Bär hat
ununterbrochen seine Beute im Auge und sucht weder Gold, noch duftende
Kräuter und Bäume, sondern nur einen verborgenen und sichern Ort, oder
irgend einen Hinterhalt, um mit größerer Sicherheit und Zuversicht die Beute
festhalten zu können, welche er bekommen hat. Also dienen ihrer viele mir mit
Beten und Fasten aus einer gewissen Furcht, weil sie ihre entsetzliche Strafe
und meine große Barmherzigkeit in Betracht ziehen. Sie suchen mich auf durch
einige äußere Werke, handeln aber im Willen wider die Gebote meines Sohnes.
Gleichwie der Bär haben auch sie ihre ganze Absicht auf die Fleischeslust und
Begierlichkeit der Welt gerichtet; weil sie aber den Verlust des Lebens und
die künftige Strafe fürchten, deshalb dienen sie mir in der Absicht, daß
sie nicht die Gnade verlieren, noch in die Strafe hineingeraten. Dies geht
ganz deutlich daraus hervor, daß sie niemals das Leiden meines Sohnes
betrachten, das wie das köstlichste Gold ist, noch dem Leben der Heiligen
nachfolgen, welche wie kostbare Sterne sind, auch nicht acht haben auf die
Gaben des heiligen Geistes, als duftende Kräuter, noch thun sie mit
Verleugnung des eigenen Willens den Willen meines Sohnes, sondern wollen nur
eine Stütze haben, um getroster zu sündigen und in der Welt Glück zu haben.
Ihr Lohn wird aber kurz sein, weil ihr Werk ausging von einem kalten Herzen.
Gleichwohl wird, wenn der Wille vollkommen gebessert wird, das Werk gar
schnell erneuert, und der gute Wille, wenn das Werk fehlt, für das Werk
gerechnet."
Dieser war ein Propst, welcher nach seinem Willen lebte. Er
kam nach Rom und besserte sein Leben auf eine löbliche Weise. Als er den Berg
Gargano und San Nicola besucht, und zur Frau Brigitta, deren Rat er gänzlich
befolgte, zurückgekommen war, sagte er unter anderem: Er verwundere sich
sehr, weshalb die große und berühmte Stadt Siponto, wo so vieler Heiligen
Leiber ruhen, zerstört worden. Darauf erschien am folgenden Tage der Sohn
Gottes
und sprach zur Frau Brigitta: "Jener, Dein Freund, wundert sich über die
Stadt, welche zerstört worden. Das haben, meine Tochter, fürwahr die Sünden
ihrer Einwohner verdient, zumal auch andere Städte Ähnliches verdient haben.
Allein einen Freund hatte ich, der in dieser Stadt wohnte. Er besaß
eine vollkommene Liebe zu mir und rügte und schalt beständig ihre Sitten.
Als er aber ihre Halsstarrigkeit wahrnahm, bat er mich unter Thränen, daß
der Ort lieber verwüstet werden möchte, als daß täglich so viele Seelen in
Gefahr ständen. Als ich aber seine Thränen erblickte und wahrnahm, wie sich
niemand vollkommen anschickte, mich zu besänftigen, so ließ ich geschehen,
was man jetzt hört." Darauf jene: "Ach, Herr, es ist zu bejammern,
daß die Überreste und Leiber auch so vieler Guten dort im Unrat und ohne
Grabmal liegen." Christus antwortete: "Gleichwie ich die Seelen
meiner Auserwählten in mir selber habe, so trage ich auch Sorge für die
Überreste meiner Freunde, welche mein Schatz sind, bis sie den zweifachen
Lohn empfangen, der ihnen verheißen worden." Weiter sprach Frau
Brigitta: "Ach, mein teuerster Herr, ich glaube, daß dem Orte Siponto
viele Gnaden und Ablässe von den Päpsten verliehen worden. Sind denn nun,
weil die Mauern zerstört worden, auch die Gnaden vernichtet?" Christus
entgegnete: "Welcher Ort ist heiliger, denn Jerusalem, wo ich, Gott,
selber meine Fußstapfen eingedrückt habe? Welcher Ort ist jetzt
verächtlicher, wird so von Ungläubigen bewohnt und mit Füßen getreten?
Gleichwohl finden diejenigen, welche nach Jerusalem kommen, dieselbe Gnade und
denselben Ablaß wie früher. Ähnlich ist es mit diesem Orte (Siponto). Wer
aus Liebe und mit vollkommenem Willen dahin kommt, wird derselben Gnade,
desselben Segens teilhaftig werden, welche diese Stadt zu der Zeit gehabt hat,
wo sie in ihrer Herrlichkeit stand, und zwar um des Glaubens der Ankommenden
und ihrer Liebesmühe willen." ![]()
Christus redet mit der Braut über die Art der Befreiung eines Besessenen und sagt ihr, daß, wie der Körper äußerlich leiblicherweise Glieder hat, so auch die Seele innerlich geistlicherweise Glieder habe. Und dies erläutert ihr der Herr gar schön.
Der Sohn sprach: "Du bist wie ein Rad, daß dem
vorangehenden nachläuft. Also mußt Du meinem Willen folgen. Ich habe Dir
vorhin von einem erzählt, dessen Seele der Teufel besitzt, jetzt will ich Dir
sagen, an welchem Gliede er gefangen ist. Ich bin gleich einem Manne, welcher
zu seinem Scharfrichter spricht: Drei Gewahrsame sind in Deinem Hause. Im
ersten befinden sich diejenigen, welche wert sind, das Leben zu verlieren; im
zweiten sind die, welche eines Gliedes beraubt werden müßten; im dritten
diejenigen, welche gegeißelt und geschunden werden sollen. Der Scharfrichter
sprach: Herr, wenn einige des Lebens beraubt, andere verstümmelt und
gegeißelt werden sollen, warum wird die Gerichtsvollstreckung aufgeschoben?
Denn wenn sie schneller gerichtet würden, würde ihr Schmerz in Vergessenheit
kommen. Der Herr antwortete: Was ich thue, thue ich nicht ohne Ursache; denn
mit denjenigen, welche das Leben verlieren sollen, muß noch eine Zeit lang
gewartet werden, damit die Guten, wenn sie ihr Elend sehen, noch besser
werden, die Bösen aber Furcht bekommen und hinfort behutsamer werden.
Diejenigen aber, welche verstümmelt werden sollen, müssen zuvor noch
gequält werden, damit sie in ihrem Herzen das Böse, das sie gethan,
widerrufen und über das Begangene Leid haben. Diejenigen, welche gegeißelt
werden sollen, müssen durch Schmerz bewährt werden, damit die im Schmerze
sich kennen lernen, welche sich in der Freude vernachlässigt haben, und sich
um so sorgfältiger hüten, dergleichen zu begehen, je mühevoller sie erlöst
worden sind. Ich nun bin jener Herr und habe den Teufel zum Scharfrichter,
behufs Vollstreckung der Strafe an den Bösen nach dem Verdienste eines jeden;
ihm ist Gewalt über jene Seele gegeben, an welchem Gliede aber, will ich Dir
jetzt zeigen. Gleichwie der Leib auswendig durch Glieder in Ordnung gehalten
ist, so muß die Seele
inwendig auf geistliche Weise zusammengehalten werden; wie der Leib Mark,
Knochen und Fleisch hat, im Fleische aber das Blut und Fleisch im Blute ist,
so muß die Seele Gedächtnis, Gewissen und Verstand haben. Einige sind,
welche hohe Dinge in der Schrift verstehen, sie haben aber keine Vernunft,
diesen fehlt ein Glied; andere sind, welche ein vernünftiges Gewissen, aber
keinen Verstand haben; andere wiederum haben Verstand, jedoch kein
Gedächtnis. Alle diese sind schwer krank. Diejenigen aber sind in der Seele
gesund, welche gesunde Vernunft und gesundes Gedächtnis und Verstand haben.
Ebenso hat der Leib drei Gefäße. Das erste ist das Herz; über demselben ist
ein dünnes Häutlein, welches verhindert, daß etwas Unreines das Herz
berühre; denn wenn der geringste Flecken ans Herz käme, müßte der Mensch
sogleich sterben; das zweite ist der Magen; das dritte sind die Eingeweide,
durch welche alles Schädliche entfernt wird. So muß auch die Seele
geistlicherweise drei Gefäße haben. Das erste ist die göttliche Begierde,
gleichsam das Herz, so daß die Seele nichts brünstiger begehre, als mich,
ihren Gott, sonst wird, wenn auch nur eine, auch noch so geringe, schlechte
Begierde hineinkömmt, die Seele sogleich befleckt. Das zweite, der Magen, ist
die kluge Einrichtung der Zeiten und Werke. Wenn eine jegliche Speise weich
und im Magen verdaut wird, so muß eine jegliche Zeit, jeder Gedanke, jedes
Werk nach der göttlichen Satzung in geordneter Weise nützlich und weislich
eingerichtet werden. Das dritte sind die Eingeweide, d. h. die göttliche
Reue, durch welche das Unreine gesäubert wird und die Speise der göttlichen
Weisheit besser schmeckt. - Noch hat der Leib drei Glieder, welche ihn
fördern: das Haupt, die Hände und die Füße. Das Haupt bedeutet die
göttliche Liebe; denn wie am Haupte alle fünf Sinne sich befinden, also
schmeckt in der göttlichen Liebe der Seele alles süß, was von Gott gesagt,
gehört und gesehen wird, und alles, was verheißen wird, wird beständig
erfüll. Der Mensch ist ohne das Haupt tot; so auch ist die Seele, deren Leben
Gott ist, ohne Liebe tot für Gott. Die Hände der Seele aber bedeuten den
Glauben. Wie an der Hand mehrere Finger sind, so hat der Glaube mehrere
Artikel, obwohl nur Ein Glaube ist. Durch den Glauben wird aller göttlicher
Wille vollbracht, und derselbe muß zu jedem guten Werke behilflich sein; denn
wie durch
die Hände das Werk von außen gethan wird, also wirkt durch den Glauben der
heilige Geist inwendig. Der Glaube ist die Grundlage aller Tugenden, weil, wo
der Glaube nicht ist, die Liebe und das gute Werk vernichtet werden. Die
Füße der Seele aber sind die Hoffnung; denn durch diese geht die Seele fort
zu Gott; wie der Körper auf den Füßen dahinschreitet, so naht sich die
Seele Gott mittels des Schrittes der göttlichen Sehnsucht und Hoffnung. Die
Haut aber, welche alle Glieder bedeckt, bedeutet den göttlichen Trost welcher
die Seele so tröstet, daß sie der Beunruhigung nicht unterwerfen ist. Und
wenn auch dem Teufel verstattet wird, zuweilen das Gedächtnis, andere Male
die Hände und Füße zu beunruhigen, so verteidigt Gott doch die Seele
allezeit wie ein Kämpfer, und tröstet sie wie ein liebreicher Vater, und
heilt sie wie ein Arzt, daß sie nicht stirbt.
So ist denn nun die Seele jenes Menschen, von welchem ich Dir gesagt habe, zu der Zeit gefangengenommen, als sie verdient, wegen der Unbeständigkeit ihres Glaubens der Hände beraubt zu werden, weil sie keinen rechten Glauben hatte. Gleichwohl ist jetzt aus doppeltem Grunde die Zeit des Erbarmens; erstens, wegen meiner Liebe; zweitens, um der Bitten meiner Auserwählten willen. Darum soll mein Freund über ihn die vorher gesagten Worte lesen, Er muß drei Stücke beobachten: Erstens soll er das übel Erworbene erstatten; zweitens sich in Betracht seines Ungehorsams vom römischen Hofe die Lossprechung verschaffen; drittens vor der Lossprechung meinen Leib im Sakramente der Kommunion nicht empfangen."
Christus beklagt sich gegen die Braut über die Heiden und Juden, hauptsächlich aber über die bösen Christen deshalb, weil sie die heiligen Sakramente nicht andächtig und rein, wie es sich geziemt, empfangen, und weil sie die Schöpfung, die Erlösung und den göttlichen Trost vernachlässigen.
Der Sohn redete: "Ich spreche mit Dir durch ein
Gleichnis wie von drei Menschen. Der erste spricht: Ich glaube weder, daß Du
Mensch, noch daß Du Gott bist. Ein solcher ist ein Heide. Der zweite, d. h.
der Jude, glaubt, daß ich Gott, aber nicht Mensch
bin. Der dritte, nämlich der Christ, glaubt, daß ich Mensch und Gott bin,
allein er glaubt meinen Worten nicht. Ich bin aber derjenige, über welchen
des Vaters Stimme vernommen wird: Dieser ist mein geliebter Sohn u. s. w. (Matth.
III.) Darum beklage ich mich seitens meiner Gottheit, daß die Menschen mich
nicht hören wollen. Ich rief und sprach: Ich bin der Anfang, glaubt ihr an
mich, so werdet ihr das ewige Leben haben. Aber sie haben die Worte verachtet.
Sie sahen die Macht meiner Gottheit, als ich die Toten erweckte, und vieles
andere, und doch haben sie nicht acht darauf gegeben. Ich beklage mich auch
seitens meiner Menschheit, weil sich keiner um das kümmert, was ich in der
heiligen Kirche eingesetzt habe. Ich habe nämlich sieben Gefäße in der
Kirche aufgestellt, durch welche alle gereinigt werden sollen. Ich habe die
Taufe zur Reinigung der Erbsünde eingesetzt, das Chrisma zum Zeichen der
göttlichen Versöhnung, das heilige Öl zur Stärkung wider den Tod, die
Buße zur Verzeihung aller Sünden, die heiligen Worte, damit durch dieselben
die Sakramente geheiligt und eingesetzt würden, das Priestertum zur
Würdigung, Erkenntnis und Erinnerung der göttlichen Liebe, die Ehe zur
Einigung der Herzen. Diese soll man empfangen mit Demut, behüten mit Reinheit
und austeilen ohne Begierlichkeit. Jetzt aber werden sie empfangen mit
Hoffart, aufbewahrt in unreinen Gefäßen und ausgespendet mit Begierlichkeit.
Ich klage auch darüber, daß, nachdem ich für das Heil der Menschen geboren
und gestorben bin, der Mensch, wenn er mich nicht dafür, daß ich ihn
erschaffen habe, lieben wollte, mich nicht wenigstens dafür liebt, daß ich
ihn erlöst habe. Jetzt aber verstoßen mich die Menschen aus ihrem Herzen wie
einen Aussätzigen und verabscheuen mich wie einen unreinen Lappen. Ich
beklage mich auch seitens meiner Gottheit, daß die Menschen den Trost dieser
Gottheit ausschlagen und ihrer Liebe nicht achten." ![]()
Die Braut vernahm, wie Gott denen, welche ihn wahrhaft begehren, selbst entgegeneilt und sie wie ein liebreicher Vater tröstet, ihnen auch das Schwere leicht macht.
Als jemand das Vaterunser betete, vernahm die Braut, wie der Geist sprach: "Freund, ich antworte Dir von seiten der Gottheit, daß Du mit Deinem Vater das Erbe haben; seitens der Menschheit aber, daß Du mein Tempel sein; drittens von seiten des heiligen Geistes, daß Du nicht mehr Versuchungen haben wirst, als Du zu tragen vermagst. Denn der Vater wird Dich beschützen, die Menschheit wird Dir beistehen, der Geist Dich aber entflammen. Wie eine Mutter, wenn sie ihres Sohnes Stimme vernimmt, ihm freudenvoll entgegeneilt, und wie der Vater, wenn er seinen Sohn arbeiten sieht, demselben mitten auf dem Wege zuvorkömmt und ihm seine Last erleichtert, so laufe auch ich meinen Freunden entgegen, mache ihnen alles Schwere leicht und lasse sie es fröhlich tragen. Und wie jemand, welcher etwas Angenehmes sieht, nicht erfreut wird, wenn er demselben nicht näher kömmt, so nahe ich mich denen, die mein begehren."
Christus spricht mit der Braut und sagt, daß der Vater diejenigen zu sich zieht und ihren guten Willen zum Guten vervollkommnet, von denen er sieht, daß sie den bösen Willen mit Freuden und dem Verlangen, sich zu bessern, in den guten Willen verwandeln.
Der Sohn sprach: "Wer mir zugesellt werden will, muß
seinen Willen mir zuwenden und das bereuen, was er begangen hat. Alsdann wird
er von meinem Vater zur Vollkommenheit gezogen. Denn denjenigen zieht der
Vater, welcher seinen bösen Willen in den guten verwandelt, und was er
begangen, gern besser zu machen begehrt. Aber wie zieht der Vater? Sicherlich,
indem er den guten Willen im Guten vervollkommnet. Denn wenn die Neigung
nicht gut wäre, hätte der Vater nichts zu ziehen. Für einige aber bin ich
so kalt, daß ihnen mein Weg in keiner Weise gefällte Für andere jedoch bin
ich so heiß, daß, wenn sie etwas Gutes thun müssen, sie wie im Feuer zu
sein scheinen. Anderen bin ich so süß, daß sie nichts begehren, als mich.
Diesen will ich eine Freude geben, die nimner endigen soll."
Die Mutter zählt hier siebenfach Gutes auf, das in Christo ist, und siebenfach Entgegengesetztes, womit ihm von den Menschen vergolten wird.
Die Mutter sprach: "Mein Sohn hat eine siebenfache Herrlichkeit. Er ist der Mächtigste und wie ein alles verzehrendes Feuer; zweitens der Weiseste, dessen Weisheit niemand zu begreifen vermag, so wenig, als das Meer auszuschöpfen; drittens der Stärkste, wie ein unbeweglicher Berg; viertens der Kräftigste, wie das Immenkraut; fünftens ist er der Schönste und glänzt wie die Sonne; sechstens der Gerechteste, gleichwie ein König, welcher wider seine Gerechtigkeit keinen Menschen schont; siebentens der Liebreichste, wie ein Herr, der sich selber hingiebt für das Leben seines Dieners. Dagegen hat er siebenfach Hartes ertragen; denn anstatt der Macht ist er geworden wie ein Wurm (Psalm XXI.); anstatt der Weisheit ist er für den Unweisesten erachtet; statt der Stärke wie ein mit Windelbändern gebundenes Knäblein; statt der Schönheit für einen Aussätzigen; statt der Kraft stand er nackt und gebunden da; statt der Gerechtigkeit ward er für einen Lügner erachtet; für seine Güte ist er gestorben."
Christus sagt der Braut, daß es zweierlei Art Lust giebt, eine geistliche und eine leibliche. Die geistliche Lust ist vorhanden, wenn die Seele sich an den Wohlthaten Gottes erfreut; die fleischliche aber, wenn bei verlangendem Bedürfnisse eine Erquickung genommen wird.
Der Sohn sprach: "Zwischen mir und jenem befindet sich
etwas wie eine Haut, welche ihn verhindert, an meiner Seele Lust
zu haben, weil ihm etwas außer mir Freude macht." Und die Braut, welche
dieses vernahm, sprach zum Herrn: "Sollte er jemals einige Lust haben
können?" Der Heer antwortete: "Es giebt eine zweifache Lust, eine
geistliche und eine fleischliche. Die fleischliche oder natürliche Lust
findet statt, wenn bei verlangendem Bedürfnis eine Erquickung genommen wird,
wobei der Mensch also denken soll: O Herr, weil Du befohlen hast, daß wir uns
bloß zur Notdurft erquicken sollen, sei Dir Lob; gieb mir Gnade, daß sich
unter dem Genusse keine Sünde einschleiche. Wenn aber eine Freude an
zeitlichen Gütern aufsteigt, soll der Mensch also denken: O Herr, alles
Irdische ist nur Erde und vergänglich, deshalb gewähre mir, dasselbe also zu
gebrauchen, daß ich Dir über alles Rechenschaft zu geben wissen möge. Eine
geistliche Lust findet statt, wenn die Seele an den Wohlthaten Gottes sich
erfreut und das Zeitliche wider Willen gebraucht, und sich damit nur zur
Notdurft beschäftigt. Die Haut aber zerreißt alsdann, wenn Gott der Seele
süß und seine Furcht stets im Herzen ist."
Wie nicht das Gewand, sondern die Tugend des Gehorsams und die Befolgung der Regel den Mönch macht, und wie die wahre Reue des Herzens mit dem Vorsatze der Besserung die Seele der Hand des Teufels entreißt.
Der Teufel erschien und sprach: "Siehe, der Mönch ist
mir entflogen und nur sein Bild ist zurückgeblieben." Und der Herr
sprach zu ihm: "Erkläre dich, wen du meinst." Der Teufel sprach:
"Obwohl ungern, will ich es thun. Ein wahrer Mönch ist Hüter seiner
selbst; sein Gewand ist der Gehorsam und die Beobachtung seines Gelübdes,
denn wie der Leib mit dem Kleide bedeckt ist, so die Seele mit den Tugenden.
Das äußere Gewand nützt also nichts, wenn das innere nicht gewahrt wird,
weil den Mönch nicht das Gewand, sondern die Tugend macht. Dieser Mönch ist
mir entflogen, da er also dachte: Ich erkenne meine Sünde und will mich
fortan bessern, auch mit der Gnade Gottes nimmer wieder sündigen; durch
diesen Willen ward er von mir getrennt und ist nun der Deinige." Ihm
entgegnete der Herr:
"Wie nun bleibt das Bild noch übrig ?" Und der Teufel sprach:
"Wenn er die begangenen Sünden sich nicht ins Gedächtnis bringt und
über dieselben, wie er sollte, keine vollkommene Reue empfindet."
Dieser Bruder erblickte in der Hand des Priesters zur Zeit der Erhebung des Leibes Christi unseren Herrn Jesum Christum in der Gestalt eines Knäbleins, das zu ihm sprach: "Ich bin der Sohn Gottes und der Sohn der Jungfrau." - Derselbe hat auch seinen Tod und dessen Stunde auf ein Jahr vorausgesehen, wovon in vielen Kapiteln in der Legende der heiligen Frau Brigitta zu lesen ist. Dieser Bruder hieß Gerrechinus. Er führte auch ein sehr enthaltsames Leben. Als er im Begriffe war, zu sterben, erblickte er eine goldene Schrift, in welcher die drei Buchstaben P, O und T von Gold enthalten waren. Er erzählte dieses seinen Brüdern und sprach: "Komm', Petrus, eilet. Olaf und Thordo." Nachdem er diese gerufen, entschlief er. Die drei Gerufenen starben in einer Woche und folgten ihm. - Von demselben Bruder ist auch im LV.. Kapitel der Extravaganten die Rede, wo es heißt: "Ein Mönch von heiligem Leben dieses Klosters Alvastra u. s. w."
Wie das Leben eines liederlichen und lauen Menschen einer engen und gefährlichen Brücke gleicht, von welcher er, wenn er nicht schnell umkehrt und in das Schiff der Buße und Tugenden springt, von dem Feinde, dem Teufel, in die Tiefe des Abgrundes hinabgestürzt wird.
"Jener ist mein Hauptfeind, weil er mich verlacht und
verspottet. Er vollbringt allen seinen Willen und alle seine Lust, wie er's
vermag. Er ist wie einer, der auf einer engen Brücke liegt, auf deren linken
Seite ein sehr großer Abgrund ist, aus welchem niemand zurückkömmt, der
hinabfällt. Auf der rechten Seite aber steht ein Schiff, auf welchem er, wenn
er hineinspringt, mühsam entkommen wird, jedoch hat er Hoffnung des Lebens.
Diese Brücke ist sein klägliches und kurzes Leben, in welchem er nicht
steht, wie ein mannhaft streitender Mensch, noch wie ein Wandersmann, welcher
Tag für Tag fortschreitet und auf dem Wege zunimmt, sondern er liegt wie ein
Fauler und begehrt zu trinken vom Wasser der Wollust. Zweierlei steht ihm
bevor. Hat er sich von der
Brücke erhoben, so wird er entweder in den Abgrund, d. h. die Tiefe der
Hölle, hinabfahren, wofern er sich zur Linken, d. h. zu den Werken des
Fleisches wendet, oder er wird, wenn er ins Schiff hinabspringt, mühsam
entkommen, wofern er die Strenge der heiligen Kirche und ihre Unterweisung
annimmt; obwohl es für ihn beschwerlich ist, wird er dadurch gerettet werden.
Möge er sich daher baldigst wenden, damit der Feind ihn nicht von der Brücke
hinabstürze, weil er dann rufen, aber nicht erhört, sondern in Ewigkeit
gestraft werden wird."
Als dieser sah, daß der König seinen Sinn geändert hatte und er nicht in gewohnter Weise mehr bei demselben Gehör fand, faßte er einen Widerwillen gegen die Frau Brigitta, und goß, als sie durch eine enge Straße ging, hoch aus einem Fenster Wasser auf dieselbe hinab. Sie sprach zu denen, welche dabei standen: "Möge Gott seiner schonen und es ihm nicht in der künftigen Welt vergelten." Hierauf erschien Christus der Frau Brigitta in der Messe und sprach: "Jenen Menschen, welcher aus Mißgunst aus dem Fenster Wasser über Dich gegossen, dürstet nach Blut. Er hat Blut vergossen; er begehrt die Erde, aber nicht mich; er redet kühn wider mich; er ehrt sein Fleisch statt meiner, seines Gottes, und hat mich aus seinem Herzen ausgeschlossen. Er möge sich hüten, daß er nicht in seinem Blute sterbe." Danach lebte dieser Mensch nur noch kurze Zeit und starb an einem Blutflusse aus der Nase, wie sie es ihm vorausgesagt hatte.
Christus verteidigt seine Braut Brigitta, d. h. die von der Welt zum geistlichen Leben bekehrte Seele, welche Vater und Mutter, Schwester und Bruder von der Liebe zu ihm und von einer keuschen Ehe abzuwenden sich Mühe gaben.
Der Sohn sprach zur Braut: "Ich bin wie ein Bräutigam,
der sich mit einer Braut verlobt hat, welche Vater und Mutter, Schwester und
Bruder zurückverlangen. Der Vater spricht: Gieb
mir meine Tochter zurück; sie ist von meinem Blute geboren. Die Mutter
spricht: Gieb mir meine Tochter zurück; dieselbe ist mit meiner Milch
genährt. Die Schwester spricht: Gieb mir die Schwester zurück, weil sie mit
mir erzogen ist. Der Bruder spricht: Gieb mir meine Schwester wieder, weil ich
sie leiten muß. Der Bräutigam antwortet ihnen: O Vater, ist sie von deinem
Blute geboren, so muß sie jetzt mit meinem Blute erfüllt werden. O Mutter,
wenn du sie mit deiner Milch ernährt hast, so will ich sie jetzt mit meiner
Lust speisen. O Schwester, ist sie auferzogen nach deiner Weise, so wird sie
nun meine Weise beobachten. O Bruder, hast du sie bis jetzt regiert, so liegt
es mir ob, sie fortan zu regieren. So ist es mit Dir ergangen; denn wenn der
Vater, d. h. die Lust des Fleisches, Dich zurückfordert, so ist es meine
Pflicht, Dich mit meiner Liebe zu erfüllen; wenn die Mutter, d. h. die Sorge
um die Welt, Dich zurückhalten will, so kömmt es mir zu, Dich mit der Milch
meines Trostes zu ernähren; wenn die Schwester, d. i. die Gewohnheit des
weltlichen Verkehrs, Dich heimfordert, so bist Du vielmehr schuldig, meines
Umganges zu pflegen; wenn der Bruder Dich wieder verlangt, d. i. der eigene
Wille, so bist Du verpflichtet, den meinigen zu thun."
Wie die selige Agnes der Braut Christi eine Krone mit sieben Edelsteinen aufsetzt, nämlich der Geduld in der Trübsal u. s. w.
Agnes redete mit der Braut und sprach: "Komm' her,
meine Tochter, und setze Dir die Krone auf, welche aus sieben kostbaren
Steinen gearbeitet ist. Was ist aber die Krone sonst, als die Bewährung der
Geduld, welche in der Trübsal geschmolzen und von Gott mit Kronen geziert
wird? Der erste Stein dieser Krone ist der Jaspis; diesen hat Dir derjenige
eingesetzt, welcher Schmachreden zu Dir sprach und sagte: Er wisse nicht, aus
welchem Geiste Du redetest, und es sei Dir besser nütze, wenn Du nach
Weiberbrauche spinnen, als über die Schrift disputieren wolltest. Wie nun der
Jaspis das Gesicht schärft und des Herzens Freude entzündet, so entzündet
Gott aus der Trübsal Freude im Herzen, er-
leuchtet den Verstand für das Geistliche und tötet in der Seele die
ungeordneten Bewegungen. Der zweite Stein ist der Saphir. Diesen hat Dir
derjenige eingesetzt, welcher ins Angesicht Dir freundlich redete, hinter
Deinem Rücken aber Dir die Ehre abschnitt. Wie nun der Saphir von der Farbe
des Himmels ist und die Glieder in der Gesundheit erhält, so bewahrt der
Menschen Bosheit den Gerechten, so daß er himmlisch wird und die Glieder der
Seele bewahrt, auf daß sie sich nicht in der Hoffart überhebe. Der dritte
Stein ist der Smaragd. Diesen hat Dir jener eingefügt, welcher sprach: Du
habest Dinge gesagt, was Du doch weder gedacht, noch wirklich gesprochen
hattest. Wie nun der Smaragd an sich zerbrechlich, aber doch schön und von
Farbe grün ist, also wird die Lüge gar bald zu nichts, macht aber die Seele
mittels der Belohnung der Geduld schön. Der vierte Stein ist eine Perle.
Diesen hat der eingesetzt, welcher einen Freund Gottes in Deiner Gegenwart
lästerte, eine Lästerung, welche Dir schwerer wehe that, als Deine eigene.
Wie nun die Perle weiß und schön ist und des Herzens Leiden mildert, so
führt der Schmerz der Liebe Gott in die Seele ein und beschwichtigt die
Leidenschaften des Zornes und der Ungeduld. Der fünfte Stein ist ein Topas.
Denselben hat derjenige eingefügt, der Dir Bitteres gesagt, wofür Du ihn
gesegnet hast. Wie nun der Topas goldfarbig ist und die Keuschheit und
Schönheit bewahrt, so ist nichts schöner und Gott angenehmer, als wenn wir
den lieben, der uns verletzt hat, und wenn wir für unsere Verfolger beten.
Der sechste Stein ist der Diamant. Diesen hat Dir der eingefügt, der Dich
leiblich beschädigte, was Du geduldig ertragen, und wofür Du ihn nicht hast
ehrlos machen wollen. Wie der Diamant durch Schläge sich nicht zerbrechen
läßt, sondern durch Bocksblut, so gefällt es Gott, wenn der Mensch den
leiblichen Schaden vergißt und um Gottes willen geringe achtet, auch immer an
das denkt, was Gott um des Menschen willen gethan hat. Der siebente Stein ist
ein Karfunkel. Diesen hat derjenige Dir eingesetzt, welcher Dir die falsche
Nachricht gebracht, Dein Sohn Karl sei gestorben, was Du geduldig hinnahmst,
indem Du Deinen Willen Gott anheimstelltest. Wie nun der Karfunkel im Hause
lenchtet und am Ring gar schön ist, so reizt der Mensch, welcher beim
Verluste einer ihm recht teuren Sache geduldig bleibt, Gott an
ihn zu lieben; er leuchtet im Angesichte der Heiligen und gefällt wie ein gar
köstlicher Stein. Bleib' daher beständig, meine Tochter, weil zur
Erweiterung Deiner Krone noch einige Steine nötig sind. Auch Abraham und Job
sind besser und mehr bekannt oder berühmter durch die Bewährung geworden und
Johannes heiliger durch das Zeugnis der Wahrheit."
Die Mutter Gottes redet mit der Tochter. der Braut Christi, und stellt ein schönes Bild von den sieben Tieren auf, durch welche vier Arten von lasterhaften und drei Arten von tugendhaften Menschen auf eine bemerkenswerte Art bedeutet werden.
Maria sprach: "Es giebt ihrer sieben Tiere. Das erste
hat ungeheuere Hörner, auf welche es stolz ist, und mit denen es gegen andere
Tiere Krieg führt, aber gar bald umkömmt, weil es wegen der ungeheuren
Größe der Hömer im Laufen keine Schnelligkeit besitzt, sondern von Dornen
und Sträuchen aufgehalten wird. Das zweite Tier ist klein, hat ein einziges
Horn und unter demselben einen kostbaren Stein. Dieses Tier kann nur durch
eine Jungfrau gefangen werden. Nachdem es dieselbe erblickt hat, läuft es ihr
in den Schoß und wird so von ihr getötet. Das dritte Tier hat keine
Muskelbänder, und deshalb lehnt es sich, wenn es ruhen will, an einen Baum.
Wenn der Jäger sich diesen gemerkt hat, schneidet er ihn bis auf die Hälfte
durch, und sucht das Tier auf seine Art die Ruhe, so fällt der Baum um und
das Tier wird gefangen. Das vierte Tier scheint ganz zahm zu sein und schadet
niemand weder mit den Füßen, noch mit den Hörnern, wer aber seinen Atem
fühlt, wird aussätzig, weil das Tier seiner Natur nach inwendig ganz
aussätzig ist. Das fünfte Tier fürchtet sich allenthalben und sieht und
argwohnt überall Hinterhalt. Das sechste Tier fürchtet nichts, als sich
selber; wenn es nur sich in seinem Schatten sieht, läuft es sich fast zu Tode
und wünscht nur heimlich zu wohnen und zu bleiben. Das siebente Tier
fürchtet nichts, auch nicht den Tod, weil es den Tod nicht eher fühlt, als
bis derselbe kömmt. Dieses Tier hat vier wunderbare Eigenschaften. Erstens
hat es innerlich einen unaussprechlichen Trost; zweitens kümmert es sich
nicht um die Speise, denn es genießt geringe Dinge der Erde; drittens steht
es niemals, sondern läuft immer; viertens ruht es auch, wenn es einhergeht
und ist bedächtig in seinem Fortgange, Das erste Tier hat Ähnlichkeit mit
dem Menschen, welcher auf seine Würde stolz und aufgeblasen ist; weil er aber
träge und schwer ist zum Laufe nach guten Werken, so wird er alsbald gefangen
werden, wenn er sich nicht vorsieht. Das zweite Tier, das da hoffärtig ist
aus Anlaß des kostbaren Steines, den es unter dem Horne hat, bedeutet den
Menschen, welcher seine Hoffnung und sein Vertrauen in Anbetracht des
köstlichen Steines der Keuschheit auf sich selber setzt, und ärgerlich wird,
wenn man ihn mit Ermahnungen angreift, sich auch andern vorzieht. Damit er nun
von der Hoffart, die ein jungfräuliches Gesicht hat, aber sehr scharf sticht,
nicht gefangen werde, soll er sich sorgfältig in acht nehmen. Das dritte
Tier, welches keine Muskelbänder hat, gleicht dem Menschen, welchem es an dem
Bindemittel geistlicher Empfindungen fehlt, und der, wenn er sicher zu ruhen
wähnt, in dem, worin er sich vergnügt, gefangen wird. Das vierte Tier,
welches inwendig ganz aussätzig ist, bedeutet den von der Hoffart
aussätzigen Menschen, der einen jeden ansteckt, wer ihm durch Zustimmung
anhängt. Die folgenden drei anderen Tiere werden zu ihrer Zeit offenbar
werden. Das erste Tier ist wie ein gottesfürchtig zweifelnder Thomas, wie ein
polierter Quaderstein. Das zweite Tier ist wie Gold im Feuer, wie eine
vergoldete Pfeife, welche in einem sehr guten Futterale verwahrt ist. Das
dritte Tier ist wie eine gemalte Tafel, welche geeignet ist, noch edlere
Farben anzunehmen. Wenn nun jene lasterhaften Menschen, welche unter den
genannten vier Tieren verstanden werden, sich zu mir wenden, will ich ihnen
auf dem Wege entgegeneilen und ihnen ihre Bürde leicht machen; wo aber nicht,
will ich über sie kommen lassen ein Tier, schneller als ein Tiger, das sie
verzehren wird, und wie geschrieben steht, werden ihrer Tage wenige sein und
ihre Söhne ohne Vater und ihre Frauen Witwen, ihre Ehren werden verkehrt
werden in Schande und Schmach." ![]()
Das erste Tier, d. i. der erste Bischof, der sich ob des
Adels überhob, ward bekehrt von den Worten des heiligen Geistes. Er kam nach
Rom und folgte der Frau Brigitta nach Neapel. Als sie in Benevent weilten,
litt er sehr an der Steinplage. Während er so krank war, sprach der heilige
Geist durch Frau Brigitta zu ihm: "Dem kranken Könige Israel ward
befohlen, ein Pflaster über seine Wunde zu legen. (Isai. XXXVIII.) Also soll
auch dieser thun; er soll die wahre Liebe im Herzen zu Gott ergreifen, welche
die beste Arznei ist, und sogleich wird er sich gesund fühlen. Als jener
dieses vernahm, that er ein Gelübde und gesundete an Leib und Seele. Von
diesem Bischofe ist im XII.. Kapitel des dritten Buches die Rede. Das andere
Tier ist ein anderer Bischof von großer Reinheit, von dem im XIII. Kapitel
daselbst gesprochen wird. Das dritte Tier, d. i. ein dritter Bischof, welcher
mit einem Elefanten verglichen wird, hat sich zu einem Besseren bekehrt.
Weiter sprach Christus: "Was hat jener Elefant geraten? War es nicht,
daß die ungesetzliche Vermählung gefeiert wurde, damit die aufgewandten
Unkosten nicht verloren gehen möchten, und weil man die Dispensation vom
Papste leicht zu erhalten glaubte? Aber höre nun, was ich sage. Ein
jeglicher, der wissentlich und mit Fleiß wider Gott sündigt, verfällt dem
Gerichte Gottes und der Trübsal der Welt, wenn nicht eine große Reue
vorausgegangen. Wer aber eines anderen Bürde auf seinen Rücken ladet,
sündigt schwer, weil er weder Furcht hat, noch das Heil der Seele sucht. Ach,
was für eine große Vermessenheit! Ach, was für ein großer Mangel an Liebe
ist es, die Schlüssel des Rechtes in der Hand zu haben, um eines
geringfügigen und vergänglichen Dinges willen aber wider Schlüssel und
Recht sich aufzulehnen! Darum soll er sich bemühen, Gott zu versöhnen und
jene Ehe einer fruchtbaren Buße und schuldigen Lossprechung zuzuführen.
Außerdem werden seine Tage verkürzt werden und er wird meinem Gerichte
verfallen. Der Fall seiner Kirche aber wird so groß werden, daß sie mit
Mühe wieder aufgebaut werden wird, ihre Lust wird zu ihrem Sturze dienen und
sie selber zu Verachtung kommen. Du aber, Tochter, schreibe an die Dir
bekannten Eheleute, daß, wenn sie sich nicht bessern und der Lossprechung
sich würdig machen, sie keine langwährende Frucht erzielen, und ihre Kinder
keine langen Jahre haben werden, dasjenige aber, was sie gesammelt haben, an
Fremde kommen wird." Weiter von demselben Bischofe: "Dieser Bischof
kommt demütig zu mir, wieder, welcher, nachdem er sein Erbe durchgebracht,
Treber aß und demütig zu seinem Vater zurückkehrte. Wahrlich, meine
Tochter, die Dinge dieser Welt sind wie Treber, wenn das Mark der Frucht,
nämlich Gott, aus dem Herzen verstoßen ist, und wenn vergebliche Arbeit und
ohne Frucht begehrt, die Welt aber mehr, als Gott geliebt wird. Weil jener
Bischof aber bereits mich und sich selbst zu erkennen beginnt, will ich es wie
ein Vater mit ihm machen, das Ver-
gangene vergessen, ihm mitten auf dem Wege entgegenkommen, ihm einen Ring an
die Hand, Schuhe auf die Füße und ein Kalb zum Verzehren geben. Denn von
diesem Tage an wird meine Liebe brünstiger sein in seinen Werken, die
göttliche Geduld und Weisheit werden vollkommener mit ihm sein, um seine
Nächsten an ihn zu ziehen. Er wird auch häufiger und sorgfältiger meinen
Leib nehmen und ehren Diese Gabe hat ihm meine Mutter erworben, welche eine
Beschirmerin seiner Kirche ist." - Von diesem Bischofe ist auch im
Anfange des CXXX. Kapitels die Rede. Das vierte Tier, d. i. der Bischof,
welcher in seinem Aussatze verharrte, ist plötzlich hinweggerufen ohne
Sakrament. Über ihn siehe im XCVII. Kapitel des sechsten Buches nach. Das
fünfte Tier, das einem Quaderstein verglichen, war wie ein in allen Stücken
mäßiger und bescheidener Mensch. Von ihm siehe im XXXIII. Kapitel des
dritten Buches. Das sechste Tier, nämlich der sechste Bischof, war ein
gottesfürchtiger Mann und ein Erforscher seines Herzens, welcher seine Kirche
weislich regierte und von vielen Verbindlichkeiten frei machte. Als er
gestorben war, sagte Christus von ihm: "Die goldene Schrift spricht: Der
Anfang der Weisheit ist die Furcht Gottes." (Ekkli. I.) "Das ist
wahr;" aber ich sage, "daß das Ziel der Vollkommenheit gleichfalls
die Furcht Gottes ist, und weil jener Bischof sie hatte, ist er mittels eines
heilsamen Richtweges auf den Pfad des Heiles gekommen." Das siebente
Tier, nämlich der siebente Bischof, war von gar großer Enthaltsamkeit und
hatte den Eifer Gottes; er verschwieg die Wahrheit weder aus Furcht, noch aus
Liebe, noch weil er Schaden davon hatte. Als er sich ins Gebet begeben hatte,
gab er den Geist auf. Über diesen Bischof finden sich viele Offenbarungen im
Leben der Frau Brigitta. Er war der Bischof Hemming von Abo, ein Freund der
seligen Jungfrau Maria, wie zu sehen ist aus dem CIV. Kapitel der
Extravaganten. - Noch eine Offenbarung von dem Bischofe, welcher der
Nachfolger des zweiten Tieres war. Der Sohn Gottes sprach: "Schreibe dem
Bischofe, es seien schlimme Raubvögel ins Land gekommen, um in demselben ihre
Nester anzulegen. Darum soll der Bischof mit seinen Freunden sich Mühe geben,
daß ihre Krallen abgeschnitten werden und sie die Gipfel des Landes nicht
einnehmen, noch auch ihre Flügel ausbreiten zu einer Gemeinde, sonst werden
sie mit ihren Schnäbeln und Klauen das fruchtbare Land vertilgen und
hinfliegen über Höhen und Berge und das Land verwüsten und in eine Einöde
verwandeln." ![]()
Die Jungfrau Maria sprach mit der Braut ihres Sohnes von einem Bischofe, für welchen sie andächtig betete. Sie giebt hier eine bemerkenswerte Lehre und vortreffliche Weise an, wonach die Bischöfe leben und sich und ihre Untergebenen geistlicherweise und andächtig regieren sollen.
Die Mutter der Barmherzigkeit redete mit der Braut Christi
und sprach: "Was sollen wir mit diesem blinden Bischofe thun? Er hat drei
üble Sachen an sich: Er bemüht sich, den Menschen mehr zu gefallen, als
Gott; er liebt den Schatz, nicht denjenigen, welchen die Engel bewachen,
sondern den die Diebe stehlen können und er liebt sich mehr als seinen
Nächsten, und mehr als seinen Gott." Und siehe! in demselben Augenblicke
hatte die Braut ein Gesicht wie von sechs Wagen, von denen drei mit Gewichtern
beschwert waren und von denselben herabgedrückt wurden; die anderen drei
waren aber so leicht, daß sie ganz in die Höhe gingen, weil anscheinend
nichts darauf lag, als etwas wie eine leichte Feder. Und die Mutter sprach:
"Obwohl dieser Bischof die vorgedachten drei Übel an sich hat, so hat er
doch immer Furcht. Wegen dieser Furcht, welche ein Mittel zur Erlangung der
Liebe ist, ist Dir gegeben worden, seinen Zustand zu erkennen. Die drei
beschwerten Wagen bedeuten seine Gott widrigen Werke, welche seine Seele
herabdrücken; dieselben dünken Dich deshalb drei zu sein, weil er mit seiner
Neigung, seinem Worte und seinem Wirken nach Art einer Wage hinabsinkt zur
Welt. Die andern drei Wagen aber scheinen Dir deshalb leicht hinaufzusteigen,
weil er bald in Gedanken, bald im Werke hinaufsteigt zu Gott; jedoch wiegt das
Weltliche mehr, als das Geistliche, weil er sich eifriger und tiefer in jenes
hineinversenkt, und zwar so tief, daß der Teufel ihn schon an den Füßen
zieht und der Strick bereit ist." Die Braut antwortete: "O
Gebieterin der erbarmenden Liebe, lege Du etwas auf die Wagen." Die
Mutter sprach zu ihr: "Agnes und ich haben gewartet, ob vielleicht der
Bischof unserer Liebe gedenken wollte, allein er hat unserer Sorge wenig
geachtet; gleichwohl wollen wir an ihm thun wie drei Freunde, welche am Wege
saßen, den Weg
kannten und ihrem Freunde denselben zeigten. Der erste unter ihnen sprach: O
Freund, der Weg, welchen du gehst, ist nicht der rechte Weg, auch nicht
sicher; wandelst du auf demselben weiter, so werden die Räuber dir Schaden
zufügen, und wenn du dich sicher glaubst, wirst du sterben. Der zweite
spricht: Der Weg, welchen du gehst, scheint angenehm zu sein; allein, was
hilft dir die Lust, wenn am Ende Bitterkeit im Herzen ist? Der dritte aber
sprach: O Freund, ich sehe deine Schwäche, darum laß dir's nicht mißfallen,
wenn ich dir einen Rat gebe, sei auch nicht undankbar, wenn ich eine besondere
Liebe an dir erweise. So haben Agnes und ich jenem Bischofe thun wollen. Hört
er den ersten, so wird der zweite ihm den Weg zeigen, der dritte ihn aber
einführen in die Region, des Lichtes." Nachher ward der Braut gezeigt,
was von Gott gesandt worden, um den gedachten Bischof zu unterweisen, wie
folgt.
Ferner redete die Mutter: "Zu dem Bischofe soll also
gesprochen werden: Obwohl Gott alles zu thun vermag, so muß doch der Mensch
in eigener Person dazu mitwirken, daß die Sünde gemieden und die göttliche
Liebe erlangt werde. Drei Dinge sind es, welche Anleitung geben, die Sünde zu
meiden, und drei, welche die Liebe erwerben helfen. Die ersten drei Stücke,
durch welche die Sünde gemieden wird, sind folgende: Getreulich über alles
Reue empfinden, was am Gewissen nagt; dasselbe nicht wieder mit Absicht
begehen wollen; das Begangene und Gebeichtete nach dem Rate derer, welche die
Welt verachtet haben, stetig bessern. Die anderen drei Stücke, welche
mitwirken, um die Liebe zu erlangen, sind folgende: Erstens, Gott um Hilfe
anrufen, daß die böse Lust hinweggenommen, der Wille aber gegeben werde, das
zu thun, was Gott gefällt. Denn die göttliche Liebe kann nicht erlangt
werden, wenn sie nicht begehrt wird, noch wird das Verlangen ein vernünftiges
sein, wenn es nicht gefestigt ist in der Liebe Gottes. Und darum ist dreierlei
im Menschen, bevor die Liebe eingeht, und dreierlei anderes geht ein, wenn die
Liebe Gottes eingegossen wird. Vor der Eingießung der Liebe Gottes fürchtet
der Mensch die Ankunft des Todes, wird beunruhigt durch die Schmälerung der
Ehren und Freundschaften, über die Widerwärtigkeiten der Welt und durch die
Schwäche des Fleisches. Nachdem er aber die Liebe erlangt, geht
die Freude über die Trübsale der Welt, welche sie leidet, in die Seele ein,
das Herz wird geängstigt durch den Besitz der Welt, und freut sich, Gott die
Ehre zu erweisen und für die Ehre Gottes Trübsale zu leiden. Das zweite
Anleitungsmittel zur Liebe ist: von dem Überflüssigen Almosen zu spenden.
Wenn ein Bischof Geschirre und Kleider hat, wie es einem demütigen Prälaten
geziemt nur zur Notdurft, aber nicht zum Prunke und zum Überflusse, so mag er
sich an diesem genügen lassen, und von dem, was er übrig hat, Almosen geben;
denn wenn durch die Güter und den zeitlichen Besitztum der Seelen die armen
Hausgenossen der Prälaten reich werden und üppig leben, dann werden andere
wirkliche Arme desto lauter Rache über sie rufen. Das dritte Anleitungsmittel
zur Liebe ist die Arbeit der Liebe; denn wenn einer auch nicht mehr als ein
Vaterunser betete, um die Liebe zu erlangen, so würde dieses Gott gefallen
und die göttliche Liebe würde sich ihm alsbald nahen."
Ferner sprach die Mutter zu Christus, ihrem Sohne: "Gebenedeit seist Du, Jesus Christus, Du herrlichster Held, der Du gar hurtig gewesen bist, zu laufen den Weg (Psalm XVIII.), und gar stark, auszuhalten den Kampf. Es steht geschrieben, David sei ein großer, tapferer Held gewesen, aber keineswegs war er Dir gleich. Denn David lief von weitem heran und schleuderte den Stein auf den Feind, Du aber hast Dich dem Feinde mit den Füßen genaht und ihm den Rücken gebrochen. David nahm auch, nachdem der Feind niedergeworfen war, demselben das Schwert hinweg und hieb ihm das Haupt ab. Du aber hast dem Feinde sein Schwert genommen, als derselbe stand, den lebendigen Feind mit Deiner Geduld überwunden und des Starken Stärke mit Deiner Demut gebrochen. Darum bist Du aber der Kämpfer aller Kämpfer, dem keiner ähnlich war, noch ähnlich sein wird. Denn aus einem starken Vater ist ein gar starker Sohn erstanden, ein Sohn, welcher den Vater und die Brüder erlöst hat. Darum bitte ich Dich, barmherzigster Held, Du wollest Dir gefallen lassen, diesem Bischofe die Wissenschaft des Kämpfens zu gewähren und Stärke, zu laufen auf der Streitbahn der Kämpfer, daß er sitzen möge bei den wahren Helden, welche ihr Leben für das Leben gaben und für Dein Blut ihr Blut darboten."
Der Sohn antwortete: "Das Gebet der Liebe wird nicht
verschmäht. Denn die Schrift spricht: Es kommt niemand zu mir, wofern der
Vater denselben nicht zieht. (Joh. VI.) Wenn daher derjenige, der zieht, zwar
stark, dasjenige aber, was gezogen wird, allzu schwer ist, wird das Werk bald
zerstört und vernichtet werden. Ist aber das, was gezogen wird, gebunden, so
kann demjenigen nichts helfen, welcher zieht, noch jenem selber, das am Boden
liegt; und ist es noch dazu unrein, so wird sein Ziehen ekelhaft. Deshalb muß,
wer gezogen werden soll, und wer gezogen zu werden wünscht, zuvor gereinigt
und geziemend vorbereitet werden, bis er zugsam und angenehm mit den Händen
zu ziehen sein wird. Um dem Gebete meiner Mutter willen wird diesem Bischofe,
wenn er den Weg sucht, der rechte Weg gewiesen werden." Darauf setzte die
Mutter hinzu und sprach zur Braut: "Höre Du, der es gegeben worden,
Geistliches zu hören. Ich habe Dir zuvor gesagt, daß, wenn der Bischof den
Weg sucht, ihm derselbe gezeigt werden wird. Wenn dieser Bischof den Weg
wandeln will, von welchem das Evangelium spricht, und einer sein will von den
wenigen, die auf diesem Wege wandeln, so muß er beim Antritt des Weges drei
Stücke beobachten. Er muß erstlich die ihn umgebende Last ablegen, welche
ihn beschwert, d. i. die Begierlichkeit der Welt und den Geldsack, indem er
die Welt nicht zum Überflusse und zur Hoffart liebt, sondern von ihr nur das
Notwendige nach dem anständigen und bischöflichen Erfordernisse nimmt. Alles
andere aber soll er zur Ehre Gottes ordnen. So hat auch jener gute Matthäus
gethan; er legte die schwere Last der Begierlichkeit ab, deren Schwere er
jedoch nicht erkannte, bevor er die leichte und liebliche Last Gottes auf sich
genommen hatte. Zweitens muß er gegürtet und bereit sein zum Wandeln, wie
die Schrift von dem Engel sagt, den Tobias, vom Vater nach dem Felde
geschickt, aufgeschürzt und reisefertig fand. Wen anders bedeutet dieser
Engel, als den Priester des Herrn und den Bischof, welcher rein sein muß in
Fleisch und Begierden, weil der Weissagung zufolge der Priester ein Engel des
Herrn der Heerscharen ist (Malach. II.) weil er den nämlichen Gott
konsekriert und empfängt, den die Engel schauen und anbeten. Weshalb aber
erschien der Engel dem Tobias reisefertig und geschürzt, als weil jeglicher
Priester und Bischof mit dem Gürtel der göttlichen Gerechtigkeit gegürtet
und bereit sein muß, sein Leben für seine Schafe dahinzu-
geben, bereit in Worten, die Wahrheit zu reden, und bereit, in den Werken an
sich selber, den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, bereit auch, für die
Gerechtigkeit und Wahrheit zu leiden, ohne dieselbe wegen Drohung und Schmach
verkürzen zu lassen, ohne etwas aus falscher Freundschaft zu verschweigen
oder nach dem Rate anderer etwas zu verheimlichen. Zu einem jeglichen Bischofe
nun, welcher also bekleidet ist mit der Gerechtigkeit, daß er nicht auf sich,
sondern auf Gott vertraut, wird Tobias, d. h. der gerechte Mensch, kommen und
die gerechten Menschen werden ihm folgen, weil gute Beispiele und Werke mehr
ausrichten, als bloße Worte. Drittens soll er Brot und Wasser genießen, wie
man von Elias liest, daß er neben seinem Haupte Brot gefunden und durch einen
Engel zu essen ermahnt worden, weil ihn noch ein langer Weg übrig blieb. Was
ist das Brot, von welchem Elias gegessen und wodurch er so getröstet ward,
anders, als ein leibliches und geistliches Gut, das ihm gegeben ward? Denn das
leibliche Brot ward ihm, anderen zum Exempel, bereitet, damit man wissen
solle, es gefalle Gott, wenn man die mäßige Notdurft zur Erquickung des
Fleisches habe; durch das geistliche Brot aber wurde ihm die Gabe der
Weissagung und zeitliche Kraft verliehen, damit, weil er vierzig Tage einen
mühevollen Weg hatte, man wissen sollte, daß der Mensch nicht allein vom
Brote, sondern von einem jeglichen Worte Gottes lebe. (Lukas IV.) Denn wenn
ihm Gott nicht den Trost der Weissagung eingegossen hätte, würde er gewiß
aus eigener Schwachheit erlegen sein, weil der Mensch von sich selbst schwach,
aber stark ist durch Gott und weil ein jeglicher, welcher steht und stark ist,
stark und männlich ist durch Gott. Weil nun dieser Bischof schwach ist, so
verordnen wir ihm einen Bissen Brotes, d. h., Gott über alles auf geordnete
Weise, rein, wahrhaft und vollkommen zu lieben. Auf geordnete Weise,
daß er die Welt liebe, aber nicht zum Überflusse; rein, so daß er
keine Sünde an sich, noch an seinem Nächsten liebe, noch böser Gewohnheit
nachfolgen wolle; wahrhaft, so daß er keine Sünde im Vertrauen auf
seine guten Werke zulasse, sondern weislich sieh selbst beherrsche, damit er
nicht unterliege in zu großem Eifer, oder sich der Sünde aus Kleinmut, in
Nachahmung des Bösen oder aus Geringschätzung der Schuld zuneige; vollkommen,
so daß nichts ihm so süß schmeckt, als Gott. Wir ermahnen ihn,
neben dem Brote der Liebe das Wasser zu haben. Was anders kann dieses Wasser
sein, als der beständige Gedanke an die Bitterkeit des Leidens Jesu Christi?
Denn wer vermöchte auf würdige Weise an die Ängsten der Menschheit Christi
denken, welche er erlitt, als er bat, daß der Kelch der Leiden an ihm
vorübergehen möge, und als Blutstropfen aus seinem Leibe drangen? Wohl war
jener Schweiß blutig, weil das Blut der Menschheit Gottes von der
natürlichen Furcht verzehrt ward, welche er litt, um zu beweisen, daß er ein
wahrer Mensch, nicht bloß ein vermeintlicher und vom Leiden freier sei. So
möge denn der Bischof dieses Wasser trinken, und bedenken, wie Gott vor
Herodes und Pilatus gestanden, wie er war heimgesucht von Schmerzen und
verächtlich am Kreuze, wie seine Seite durch die Lanze eröffnet worden und
Wasser und Blut herausging. Wenn nun der Bischof die gedachten drei Dinge
haben wird, dann ist es ihm nützlich, die Ordnung seiner Zeiten vom Anfange
des Tages bis zur Nacht zu wissen. Wenn der Bischof in der Nacht zuerst
aufwacht, soll er sogleich Gott für seine Liebe bei der Schöpfung und für
seine Leiden bei der Erlösung danken, sowie für die Geduld, womit er so
lange seine Sünden und seinen Wandel ertragen. Wenn er dann aus dem Bette
steigt und seine Kleider anzieht, soll er also sprechen: Erde muß bekleidet
werden mit seiner Erde, und Asche muß sein bei seiner Asche. Weil ich aber
durch Gottes Vorsehung ein Bischofsamt zum Spiegel für andere habe, so
bekleide ich dich, Esel, der du mein Leib bist, mit Asche und Erde, nicht aus
Hoffart, sondern zur Bedeckung, auf daß du nicht nackt erscheinst; auch
bekümmere ich mich nicht darum, ob dein Kleid besser oder geringer sei, als
nur soweit, daß um der Ehre Gottes willen das bischöfliche Kleid erkannt und
das bischöfliche Ansehen am Kleide von anderen zur Besserung und Unterweisung
der Schwachen ersehen werde. Deshalb bitte ich Dich, liebreichster Gott, der
Du mich aus Deiner Gnade berufen hast, Du wollest mir ein Gewissen ins Herz
geben, damit ich nicht auf den großen Wert der Asche stolz werde, auch mich
nicht in unnützer Weise der Farbe rühme. Verleihe mir vielmehr die Stärke
der Tugenden, daß, gleichwie das bischöfliche Gewand wegen des göttlichen
Ansehens vor anderen geehrt ist, so das Gewand der Seele vor Dir tugendhafter
sei, auf daß ich nicht wegen der unbescheiden
gebrauchten Macht tiefer herabgedrückt, oder wegen des ehrwürdigen Gewandes,
daß ich unwürdig trage, um so schmählicher zur Verdammnis entblößt werde.
Nach diesem soll der Bischof die Tageszeiten lesen oder
singen, wofern er kann. Denn je höher einer geehrt ist, desto mehr ist er
Gott zu ehren verpflichtet; jedoch gefällt ein reines und demütiges Herz
Gott im Schweigen ebenso wie im Gesange. Dann soll er nach Lesung der Messe
oder vorher seiner bischöflichen Pflicht nachkommen, es sei in leiblicher
oder geistlicher Weise, auch in allen seinen Werken Barmherzigkeit üben und
die Ehre Gottes vor Augen haben, damit er vor den Schwachen nicht den Anschein
habe, als trage er größere Sorge für zeitliche Güter, als für die
geistlichen. Wenn er aber zu Tische geht, soll er also sprechen: O Herr Jesus
Christus, der Du willst, daß der Leib durch leibliche Speise erhalten werde,
ich bitte Dich, hilf mir meinem Leibe also seine Notdurft zu geben, , daß er
nicht Überdruß spüre von dem Übermaße der Speisen, auch nicht
herunterkomme durch kärgliche Speisung, sondern gieb mir das zusagende Maß
ein, damit, wenn die Erde von der Erde lebt, der Herr der Erde von seiner Erde
nicht zum Zorne gereizt werde. - Wenn er nachher zu Tische sitzt, soll er mit
seinen Tischgenossen eine mäßige Erquickung sich erlauben, so jedoch, daß
üble Nachrede und leichtfertiges Geschwätz vermieden werde. Er soll sich
auch die höchste Mühe geben, daß er keine Reden führe, wodurch andere in
ihren Lastern bestärkt werden oder Gelegenheit zur Sünde erhalten; denn wer
anderen leuchten soll, ist schuldig, in Betracht zu ziehen, was sich schickt
und was vor Gott erlaubt ist, was andere erbauet und was zum Heile nützt. Wie
aber am leiblichen Tische alle Speise unschmackhaft ist, wenn das Fleisch und
der Wein fehlen, so wird an der geistlichen Tafel für die Seele alles
unschmackhaft sein, wenn der Wein der geistlichen Freude und das Brot der
Lehre Gottes fehlt. Deshalb soll der Bischof über Tisch etwas zu Ehren Gottes
reden, wodurch die Tischgenossen in der Seele gestärkt werden, oder etwas
Erbauliches lesen lassen, damit bei der leiblichen Mahlzeit zugleich der Leib
erquickt und die Seele geistlich unterwiesen werde. Nach der Mahlzeit aber,
und wenn die Danksagung gebetet ist, soll der Bischof reden, was nützlich
ist, und thun, was das bischöfliche Amt zu
thun erfordert; entweder mag er, wenn es für seine Natur zusagend ist, einen
Schlaf machen, oder in Büchern lesen, welche ihn zu Geistlichem erwecken
können. Nach dem Abendessen kann er sich mit seinen Freunden auf eine ehrbare
Weise vergnügen und dieselben trösten, weil der Bogen, wenn derselbe zu
stark gespannt wird, gar schnell zerbricht. Darum ist eine mäßige Freude um
der Schwachheit des Fleisches willen Gott angenehm. Wie eine Mutter, wenn sie
ihr Kind von ihrer Milch entwöhnen will, ihre Brust mit Asche einreibt oder
Bitteres daraufstreicht, daß das Kind sich an feste Speisen gewöhnt, so soll
der Bischof den Seinigen gegenüber klug und vorsichtig sein, damit er in der
Freude die Bescheidenheit und bei der Beschränkung die Liebe bewahre; deshalb
soll er die Seinigen zuerst durch Worte der Furcht Gottes und durch Demut zu
Gott ziehen. Danach soll er sie lehren, Gott zu ehren und zu lieben, wodurch
er sowohl durch sein göttliches Ansehen ein Vater seiner Freunde, als auch
durch gütige Unterweisung ihre Mutter und Amme sein wird. Weiß er aber, daß
einer der Seinigen eine Todsünde begeht und sich weder nach harten, noch nach
gelinden Worten bessert, so soll er sich von demselben losmachen und ihn von
sich lassen, sonst wird er, wenn er ihn um des Nutzens und fleischlicher und
zeitlicher Gunst willen behalten möchte, nicht frei sein von seiner Sünde.
Wenn er dann zu Bette geht, soll er sein Herz vor Gott beugen und überdenken,
welche Gedanken und Empfindungen er den Tag über gehabt, und was er gethan
und geurteilt; auch soll er Gott um Hilfe und Erbarmen bitten, indem er den
festen Willen faßt, sich zu bessern, soviel er vermag. Wenn er dann ins Bett
gegangen, soll er also beten: O Herr, mein Gott, der Du meinen Leib
erschaffen, siehe mich an mit Deiner Barmherzigkeit und gewähre mir Deine
Hilfe, daß ich im Überflusse des Schlafes nicht träge werde zu Deinem
Dienste, noch auch aus Mangel an Schlaf nachlasse in Deinem Dienste. Mäßige
vielmehr meinen Schlaf, den Du zur Erleichterung der Zeiten und des Leibes zu
haben befiehlst, auf daß der Feind dem Leibe nicht schade, noch nach Deinem
verborgenen Ratschlusse über die Seele herrsche. Wenn er nachmals von dem
Lager sich erhebt und ihm nachts etwas Unziemliches begegnet war, soll er es
abwaschen durch die Beicht, damit der Schlaf der folgenden Nacht nicht mit den
Sünden der
vorigen beginne, wie geschrieben steht: Lasset die Sonne nicht untergehen
über euerem Zorne (Ephes. IV.), also auch nicht über eueren Gedanken und
Täuschungen, weil zuweilen eine Sünde, welche läßlich und gering ist,
durch Vernachlässigung und Verachtung eine Todsünde wird. Ich gebe auch den
Rat, daß er alle Freitag in demütiger Bußübung seinem Priester beichte,
und zwar mit dem Willen, sich zu bessern, sonst hilft die Beicht nichts."
Dann fügte die Mutter Gottes hinzu: "Hat nun der Bischof diesen Weg
eingeschlagen, so mache ich ihn auf dreierlei aufmerksam. Das erste ist, daß
der Weg enge; zweitens, daß er dornenvoll und stachlicht; drittens, daß er
uneben und felsig sein wird. Wider diese drei Dinge will ich ihm drei Mittel
angeben: Erstens, daß er Kleider anzieht; zweitens, daß er seine zehn Finger
vor das Gesicht hält und durch dieselben hinausschaut wie durch ein Gitter,
damit die Dornen nicht plötzlich und leicht in die entblößten Augen
eindringen; drittens muß er die Füße vorsichtig auf den Boden setzen und
bei jedem Tritte sorgfältig tasten, ob der Fuß feststehe, auch nicht
voreilig beide Füße zugleich setzen, wenn er sich nicht zuvor des Weges
vergewissert, ob derselbe schlüpfrig oder fest ist. Was bedeutet nun, daß
der Weg eng ist, anderes, als die Bosheit der Schlechten und die
Widerwärtigkeit der Welt, welche den Gerechten auf dem Wege der Gerechtigkeit
verhindert und ängstigt? Darum soll der Bischof sich dawider kleiden in die
Gewänder der Geduld und Standhaftigkeit, weil es eine große Ehre ist,
Schmach um der Gerechtigkeit und Wahrheit willen zu leiden. Was bedeuten aber
die zehn Finger, welche vor die Augen gehalten werden sollen, anderes, als die
zehn Gebote, über welche der gerechte Mensch täglich seine Betrachtungen
anstellen soll, daß, so oft der Dorn der Schmach sticht, die Liebe Gottes in
Betracht gezogen, so oft aber der Dorn der Bosheit sticht, die Liebe des
Nächsten geübt wird; so oft jedoch die Liebe der Welt und des Fleisches
erfreut, auf das geachtet wird, was da geschrieben steht: Du sollst nicht
begehren, lege vielmehr deiner Begierde den Zügel und Maß an. Wo die
göttliche Liebe ist, da ist Geduld in Trübsalen, Freude in Schwachheit,
Schmerz ob des Überflusses, Furcht vor der Ehre, Demut bei der Macht, und
Verlangen, die Welt zu verlassen. Was aber bedeutet es, daß er bei jedem
Tritte tasten muß, ob die Füße feststehen, als daß er allent-
halben verpflichtet ist, auf vernünftige Weise Furcht zu haben? Denn der
Gerechte muß zwei geistliche Füße haben, nämlich Verlangen nach dem Ewigen
und Ekel am Weltlichen. Im ersten soll er weise Vorsicht zeigen, damit er das
Ewige nicht zu seiner eigenen Ehre mehr, als zur Ehre Gottes begehre; er soll
darum sein ganzes Verlangen auf den Willen und die Ehre Gottes richten. Im
anderen Fuße soll Vorsicht sein, auf daß die Unlust an der Welt weder aus
Ungeduld des Lebens, noch wegen widriger Zufälle, noch wegen der Trägheit in
der geistlichen Arbeit unvernünftig sei, sondern vielmehr, daß die Unlust an
der Welt eine Folge werde vom Verlangen nach einem besseren Leben und von dem
Abscheu vor der Sünde. Wird nun der Bischof diese beiden Füße haben und
auch Furcht, daß, was er gebessert hat, vielleicht nicht gut gebessert
worden, und ist er auch auf dem engen und dornenvollen Wege fortgeschritten,
dann warne ich ihn vor drei Feinden, welche auf dem Wege sind. Der erste Feind
flüstert ihm in die Ohren; der zweite steht vor ihm und ist bereit, ihm in
die Augen zu stechen; der dritte liegt ihm vor den Füßen und ruft laut,
hält auch einen Strick bereit, um seine Füße zu verstricken, wenn sie auf
sein Rufen sich erheben wollen. Der erste Feind nun sind die Menschen oder die
teuflischen Eingebungen, welche dem Bischofe folgendes einflüstern: Weshalb
wandelst Du so demütig und eingezogen? Weshalb nimmst Du solche Mühe auf
Dich? Willst Du etwa heiliger sein, als andere, so daß Du thust, was niemand
thut? Wende Dich lieber auf den mit Blumen besetzten Pfad, auf welchem mehrere
wandeln, auf daß Du nicht verächtlich erliegest. Was geht es Dich an, ob die
Menschen wohl oder übel leben? Was nützt es Dir, wenn Du diejenigen
verletzest, von welchen Du Liebe und Ehre erlangen kannst, wenn sie nur Dich
und die Deinigen nicht verletzen? Was geht es Dich an, wenn sie Gott
beleidigen? Gieb ihnen lieber Geschenke und nimm solche an, gebrauche Deine
Ehre und die Freundschaft der Menschen, auf daß Du gleicherweise die Ehre bei
Menschen wie das Himmlische erlangen mögest. Siehe, so flüstert und hat der
erste Feind in die Ohren der Menschen geflüstert, und deshalb sind viele
Leuchten, welche da leuchten sollten in der Finsternis, selber Finsternis
geworden, und das beste Gold ist in Kot umgewandelt. Der andere Feind, welcher
in die Augen
sticht, ist die Schönheit der Welt, das Besitztum an Länderei, der Vorrat an
Sachen und Kleidern, der Menschen Gunst und Ehren. Denn weil alles dies
begehrt und angeboten wird, so verblendet es dergestalt die Augen der Seele
und der Vernunft, daß man es für süßer hält, mit Samson in der Mühle der
weltlichen Sorge zu stehen, als bei der Braut, der Kirche, in Ausspendung der
Hirtensorge. Außerdem erkaltet die Liebe Gottes, wo sie einigermaßen
gewesen, alsdann mehr, die Sünde wird zuversichtlich begangen, und die
begangene im Vertrauen auf die innehabende Gewalt leicht genommen. Daher soll
der Bischof, wenn er seinen notwendigen Unterhalt hat, und die Anzahl seines
Hausgesindes so festgestellt ist, daß er die Ehre seines Standes und sein
Ansehen behaupten kann, sich genügen lassen, wie geschrieben steht: Euer
Wandel sei ohne Geiz; seid zufrieden mit dem, was ihr jetzt habt. (Hebr. XIII,
5.) Denn kein Streiter Gottes verwickelt sich in weltliche Geschäfte (II.
Timoth. II, 4.), als wider seinen Willen und zur Ehre Gottes. Der dritte Feind
hat einen Strick und ruft also: Weshalb demütigst Du Dich so, der Du vor
anderen geehrt sein könntest? Bemühe Dich also, höher zu steigen, alsdann
wirst Du vollauf haben und reichlicher spenden können. Sei ein Priester, auf
daß Du neben den Ersten sitzest. Werde ein Bischof und später ein Erzbischof
oder etwas noch Höheres, auf daß Du eine noch größere Ruhe, einen höheren
Dienst und noch größere Ehren erlangen mögest. Alsdann wirst Du anderen
helfen, von anderen gefürchtet und von noch mehreren getröstet werden
können. Und wenn das Gemüt durch solche Eingebungen getäuscht wird, dann
streckt sich der Fuß alsbald unvorsichtig nach der Begehrlichkeit aus, und es
wird nach Mitteln gesucht, in einen höheren Stand hinaufzukommen. Dann aber
wird der Geist so in die Stricke der Begehrlichkeit und der zeitlichen Sorge
verwickelt, daß er sich kaum zu erheben vermag. Kein Wunder! Denn die Schrift
sagt, daß, wer das Bischofsamt oder Priesteramt begehrt, ein gutes Werk
begehrt. (I. Timoth. III.) Was ist nun das Gute daran? Fürwahr, für die
Seele zu arbeiten und für die Ehre Gottes, zu arbeiten für das Ewige und
nicht Vergängliche. Nun aber begehren alle die Ehre, aber nicht die Arbeit,
obwohl jene keine Ehre, sondern Trübsal ist; denn wo keine Last der
göttlichen Arbeit ist, da folgt auch keine Ehre der Seele
bei Gott nach. Deshalb soll der Bischof keine höhere Stufe, oder eine andere,
als er hat, begehren, weil der Strick am Boden und eine Falle auf dem
Fußpfade des Wandelnden verborgen ist. (Job VIII.) Deshalb ist es ihm
nützlich, in dem Stande zu verharren, den er einnimmt, bis es Gott gefällt,
anders für ihn zu sorgen, oder der oberste geistliche Vorsteher der Kirche
etwas anderes zur Ehre Gottes gebietet. Das eben Gesagte ist ein Rat und eine
liebreiche Warnung. Nun aber wollen wir sagen, was der Bischof thun soll in
Bezug auf Gott. Er ist fürwahr schuldig, die bischöfliche Inful auf seinen
Armen genau verwahrt zu halten, dieselbe nicht für Geld zu verkaufen, noch
anderen aus Freundschaft zu überlassen, noch auch dieselbe aus Lauheit und
Vernachlässigung verloren gehen zu lassen. Denn was bedeutet die Krone oder
bischöfliche Inful anders, als die bischöfliche Gewalt, nämlich: die
Geistlichen zu weihen, die Irrenden zu bessern und durch Wort und Vorbild die
Unwissenden zu unterweisen? Was dagegen ist die genaue Verwahrung der Inful
anders, als das fleißige Nachdenken darüber, wie er die Gewalt erhalten und
wozu er dieselbe erhalten, wie er sie geführt und was seine Frucht sein wird?
Wenn er also daran denken wollte, wie er sie erhalten, soll er zuerst darauf
achten, ob er sie seinetwegen oder um Gottes willen verlangt; war es
seinetwegen, so soll er eine vernünftige Furcht haben, wenn aber um Gottes
willen, so war's verdienstlich und geistlich. Wendet er jedoch seine
Aufmerksamkeit darauf, wozu er seine Würde und Gewalt erhalten, so will ich's
ihm gewiß sagen, dazu nämlich, daß er für jene Seelen, von deren Almosen
er lebt, ein Tröster und Befreier durch seine Verdienste werde, daß er ein
Nährvater der Armen, auch ein Vater der Reichen, ein Helfer Gottes in
geistlichen Dingen und ein Eiferer für Gott sei. Will er aber den Nutzen der
Gewalt wissen, so erklärt Paulus solches gut, indem er spricht: Wer wohl
dient, wird eine doppelte Ehre haben, eine geistliche und eine leibliche. Wer
aber das bischöfliche Kleid, jedoch nicht das bischöfliche Leben hat, wer
die Ehre sucht, die Arbeit aber versäumt, wird zweifacher Schande wert sein.
Was aber bedeutet es, daß die Gewalt nicht verkauft werden soll, als daß der
Bischof nicht wissentlich ein Pfründenverkäufer sein, noch solches an
anderen dulden soll, wenn er es erfährt? Daß er keinen um Geld weihen oder
befördern, sein Amt nicht um der Ehre der Menschen, noch um Gunst üben, auch
nicht wegen fleischlicher Fürbitte diejenigen erhöhen soll, von welchen er
weiß, daß sie unwürdig und argen Lebens sind? Was anders aber heißt es,
anderen seine Gewalt nicht aus Freundschaft zuzuwenden, als daß er nicht den
Sünden anderer aus falschem Mitleid nachsehen, nicht aus Freundschaft
schweigen, nicht aus sinnlicher Zuneigung auf seinen Rücken die Sünden
anderer laden soll, welche er bessern kann und zu bessern verpflichtet ist?
Denn der Bischof ist ein Wächter des Herrn, und deshalb wird das Blut der
Toten von des Wächters Hand gefordert, wenn er die Gefahr gesehen und nicht
gerufen oder wenn er geschlafen hat, und sorglos gewesen ist. Daß aber der
Bischof seine Krone oder Inful nicht aus Nachlässigkeit verlieren darf, das
bedeutet, daß der Bischof nicht anderen das zu thun gestatten soll, was er
persönlich zu thun verpflichtet und zu thun imstande ist; ferner soll er um
einer lauen Ruhe willen das nicht unterlassen, was er persönlich mit
reichlicherer Frucht, als andere, erfüllen kann. Auch darf ihm das Leben
derer nicht unbekannt sein, denen er seine Dienstverrichtungen überträgt,
sondern er soll insgeheim und offen nach dem Leben derer forschen, denen er
sie anvertraut, und wie sie die Gerechtigkeit bewahren, weil das Bischofsamt
kein Amt der Ruhe, sondern der Sorge und Arbeit ist. Wenn nun ein Bischof, wie
ich gesagt, die Inful wohl bewahrt, so muß er auch unter seinen Armen einen
Blumenstrauß haben, durch welchen die von ihm fernen und die ihm nahen Schafe
herbeigelockt werden. Denn ein guter Hirte pflegt seine Schafe durch Blumen
und Heu hinter sich her zu ziehen. Was ist dieser Blumenstrauß anders, als
die Predigt des göttlichen Wortes, welche dem Bischofe zugehört? Was ferner
sind die beiden Arme anders, als die doppelte Thätigkeit, nämlich:
öffentlich gute Werke zur Anregung anderer verrichten und Gutes insgeheim in
der Furcht Gottes und zum Beispiele der Nächsten thun? Wenn also die Predigt
mit diesen beiden Werken verbunden wird, wird daraus der schönste
Blumenstrauß werden, hinter welchem die Schafe, welche seiner bischöflichen
Hirtensorge nahe sind, freudig herlaufen werden. Auch die Schafe, welche ihm
entfremdet sind, werden, wenn sie seinen Ruhm hören, gern nach ihm verlangen,
sowohl wegen der guten Werke, als der Liebeswerke, welche den Worten folgen
werden.
Sehr liebliche Blumen, um die Schafe herbeizulocken, sind: die Verrichtung
tugendhafter Werke und die Unterweisung anderer darin nicht mit wortreicher
Wissenschaft, sondern in wenigen und liebevollen Worten. Denn es ziemt sich
nicht, daß ein Herold Gottes stumm, noch daß ein Wächter Gottes blind sei.
- Noch mangelt dem Bischofe Eines. Denn wenn er an die Pforte kommt, ziemt
sich's, daß er dem höchsten Könige etwas darbringe. Deshalb raten wir ihm,
daß er dem Könige das Gefäß, das ihm das Teuerste ist, darbringe, und zwar
leer und wohl geziert. Das Gefäß, das dem Bischofe das Teuerste ist, ist
sein Herz, und dies soll er Gott darbieten und schenken, ganz mit Tugenden
geziert, aber leer von eigenem Willen und der Liebe des Fleisches. Und wenn
dann der Bischof sich der Pforte naht, wird ihm ein glänzendes Heer
entgegentreten. Er selbst, Gott und Mensch wird ihn empfangen. Auch die Engel
werden sagen: O Herr Gott! siehe, hier ist der Bischof, welcher rein gewesen
ist im Fleische, lauter im Priestertum, apostolisch in der Predigt, ein in
seinem Amte wachsamer Bischof, kraftvoll im Wirken, demütig in der Gewalt.
Siehe, er ist der, welchen wir begehrt haben wegen seiner Reinheit, und
deshalb bieten wir Dir denselben dar, weil er um Deiner Liebe willen nach Dir
verlangt hat. Dann werden auch die heiligen Seelen, welche im Himmel sind,
sagen: Siehe, Herr Gott, unsere Freude ist in Dir, jedoch freuen wir uns auch
dieses Bischofes. Denn derselbe trug eine Blume im Munde, womit er gar viele
Schafe gerufen hat, eine Blume auch trug er in den Händen, womit er die
herannahenden Schafe erquickte; denen, die sich von ihm ferne halten, hat er
Blumen gesendet, womit er die schlafenden erweckt hat. Und darum, weil er mit
den Blumen seiner Worte unseren Chor vermehrt hat, freuen wir uns in ihm.
Erfreue auch Du, Herr Gott, Dich an diesem Menschen und an seiner Ehre, weil
er Dich über alles begehrt hat. Dann wird auch der Herr, der Geber der Ehre,
zum Bischofe sprechen: O Freund, Du bist gekommen, mir das Gefäß Deines
Herzens zu schenken, leer von Dir selber, und hast begehrt, mit mir angefüllt
zu werden. Deshalb komm' und ich will Dich mit mir selber erfüllen. Du sollst
in mir sein und ich in Dir; Deine Herrlichkeit und Freude werden nimmer ein
Ende haben." - (Ein Teil dieser Offenbarung ist wörtlich enthalten im I.
Kapitel des dritten Buches.)
Die Jungfrau Maria giebt der Braut, welche für einen Eremiten, einen bereits verstorbenen Freund, betet, zu erkennen, daß, bevor sein Leib zur Erde bestattet werde, seine Seele in die Herrlichkeit werde eingeführt werden.
Als die Braut für einen alten Priester, einen Eremiten von ausgezeichnetem Leben und großer Tugend, ihren Freund, welcher jüngst aus diesem Leben geschieden war, und bereits, um begraben zu werden, in der Kirche auf der Bahre stand, betete, erschien ihr die Jungfrau Maria und sprach also: "Vernimm, Tochter, und erfahre, daß die Seele dieses Eremiten, meines Freundes, sogleich mit ihrem Austritte aus dem Leibe in den Himmel eingegangen sein würde, wenn sie nicht beim Tode des vollkommenen Verlangens entbehrt hätte, in die Gegenwart und. vor das Antlitz Gottes zu kommen. Darum wird sie jetzt aufgehalten in jenem Fegfeuer der Sehnsucht, wo keine Strafe, sondern nur das Verlangen stattfindet, zu Gott zu kommen. Wisse jedoch, daß, bevor sein Leib unter die Erde kömmt, seine Seele in die Herrlichkeit wird eingeführt werden."
"Sage jenem alten Ordensbruder ferner: "Du bist
lange in der Wüste gewesen und hast Frucht gebracht, die mir gefallen, indem
Du wilde Tiere in Schafe und Löwen in Lämmer verwandelt hast. Bleibe nun
beständig in der Stadt, in welcher die Straßen mit dem Blute meiner Heiligen
gepflastert sind; denn Du wirst hören das Gericht und Deine Vergeltung
schauen. Nachdem er solches gehört, ward er krank und entschlief nicht lange
darauf in Frieden. Dieser Bruder, ein Benediktiner, hatte die Frau (Brigitta)
gebeten, sie möge Gott ersuchen, daß er möge wegen seines Gewandes
versichert sein; denn er war sehr bekümmert um der Menge der Mißbräuche
willen, welche in der Kleidung des Ordens des heiligen Benedikt eingerissen
waren. Als nun die Frau im Geiste war, sprach der Sohn Gottes zu ihr:
"Ich habe Dir früher
(Kap. XX und XXII im dritten Buche) gesagt, daß mein Diener Benedikt seinen
Leib wie einen Sack behandelte. Er hatte fünferlei Kleider. Das erste war ein
rauher Rock. Mit diesem zähmte er das Fleisch und die unordentlichen
Regungen, auf daß sie nicht mutwillig werden und ihr Ziel überschreiten
möchten. Das zweite Kleid war eine einfache Kutte, nicht mit Sorgfalt
gefertigt, noch mit Falten versehen, welche das Fleisch nur decken, zieren und
wärmen sollte, daß es den Blicken nicht Abscheu errege. Das dritte war ein
Skapulier, auf daß er zur Handarbeit desto behender und anstelliger gefunden
werden möge. Das vierte Kleidungsstück war eine Fußbedeckung, damit er
desto beweglicher und demütiger wäre im Wandeln auf dem Wege Gottes. Das
fünfte war der Gürtel der Demut, um durch dessen Anlegung das Überflüssige
zu beschränken und die auferlegte gewohnte Arbeit mit Leichtigkeit zu
verrichten. Jetzt aber suchen seine Brüder Kleider, welche Üppigkeit
erregen, und haben einen Abscheu vor Rauhigkeit; sie suchen Kleider, welche
den Menschen gefallen und das Fleisch zu Fleischlichem reizen. Statt der Kutte
legen sie einen so faltenreichen, weiten und langen Mantel an, daß sie
vielmehr als übermütige Liebhaber der Pracht sich sehen lassen, als
demütige Ordensbrüder sein wollen. Statt des Skapuliers haben sie hinten und
vorn ein kurzes Tüchlein und bedecken das Haupt mit einer Kapuze, wie sie die
Weltleute tragen, um sich den Weltlingen gleichförmig zu machen. So sind sie
aber weder den Weltmenschen gleich, noch arbeiten sie mit den demütigen
Dienern Gottes. Die Füße jedoch verwahren sie dergestalt und umgürten sich
also mit dem Gürtel, wie Leute, welche sich zu einer Hochzeit rüsten, nicht
aber, um auf dem Kampfplatze der Arbeit zu streiten. Darum soll der Mönch,
welcher gerettet zu werden begehrt, acht haben, wie die Regel meines Benedikt
das Notwendige mit Mäßigkeit, das Nützliche ohne Überfluß, das Ehrbare,
das Förderliche, alles Demütige, aber nichts Prunkvolles zuläßt. Denn was
bedeutet die Kutte anders, als eine größere Demut vor anderen voraus zu
haben? Was aber bedeutet die verächtliche Kapuze an der Kutte, als eine
gewisse Verachtung gegen die weltlichen Sitten haben? Warum wird jedoch jetzt
von den Ordensbrüdern eine weltliche Kapuze angenommen, als weil sie sich
demütiger Dinge schämen, und um mit den Weltleuten gleichförmig
zu werden? Was für eine Zierde oder anderen Nutzen aber hat die geschweifte
Kapuze, als Pracht und mit der Schönheit der Religion in Widerspruch tretende
Sorgfalt? Was jedoch bewirkt der Vorzug des faltenreichen Mantels vor der
Kutte, als daß der Mönch für einen Landstreicher, für zu leichtfertig und
zu ruhmsüchtig gehalten und angesehen wird? Wenn nun aber auch ein demütiger
und sauberer Mantel einer löblichen Notwendigkeit halber getragen würde, so
möchte das den guten Sitten noch nicht zuwider sein, anständiger aber würde
die Kutte der Demut sein, damit jeglicher an seinem Kleide, und zu welchem
Orden er sich bekenne, ersehen werden möge. Wenn jedoch ein Mönch am Haupte
schwach wäre oder an Kälte litte, so würde er nicht sündigen, wenn er eine
angemessene und demütige Bedeckung unter der Kapuze der Kutte trüge, aber
nicht außen, weil daraus der Vorwurf der Leichtfertigkeit und Eitelkeit zu
machen sein würde." Die Frau antwortete: "O Herr zürne mir nicht,
wenn ich frage. Sündigen auch die Brüder, welche ein solches Gewand mit
Erlaubnis der geistlichen Vorsteher und nach der Gewohnheit der Satzungen der
Vorfahren tragen?" Ihr antwortete Gott: "Die Erlaubnis ist
gerechtfertigt, wenn sie aus guter Absicht hervorgeht. Denn etliche erteilen
die Erlaubnis aus dem Eifer der Gerechtigkeit, andere aus falschem Mitleid und
unkluger Zulassung, andere infolge der Leichtfertigkeit ihrer eigenen Sitten,
und aus Begierde, den Menschen zu gefallen; andere vernachlässigen, was Recht
ist, weil sie leer sind von göttlicher Liebe. Allein vor mir ist diejenige
Erlaubnis angenehm, welche der Demut nicht zuwider ist, und diejenige
Zulassung ist gerechtfertigt, welche das Notwendige klüglich erlaubt und das
Überflüssige auch im geringsten verdammt." Ferner fragte die Frau:
"O Herr, mein Gott, wenn nun etliche nicht wissen, was besser oder nach
der Regel schicklicher ist, sündigen dann diese auch?" Christus
antwortete: "Wie kann einem, der eine Regel bekennt, die Regel unbekannt
sein, welche täglich gelesen und vernommen wird? In derselben wird ja doch
der Mönch angewiesen, sich zu demütigen und zu gehorchen, auch ein Kleid von
schlechterem, nicht von weicherem Stoffe, ingleichen ein solches nach der
Regel, aber kein Prachtgewand zu tragen. Oder wessen Gewissen ist so
abgestumpft, daß er nicht einsehen sollte, er sei ein Bekenner der Demut und
aller Armut?
so ist denn der ein Mönch Benedikts, welcher mehr der Regel, als dem Fleische
gehorcht, der weder in der Kleidung, noch im Wandel jemand anderem, als Gott,
zu gefallen begehrt, der täglich zu sterben verlangt und sich auf den Ausgang
aus dieser Welt vorbereitet, und besorgt ist, wie er Rechenschaft geben möge
von der Regel Benedikts."
Antwort der jungfräulichen Mutter an die Braut des Sohnes, welche für einen alten Einsiedler betete, der im Zweifel war, ob es Gott angenehmer sei, daß er der Süße des geistigen Trostes genieße, indem er niemals aus der Wüste ginge, oder ob er zuweilen hinausgehen solle, um die Seelen der Nächsten zu erbauen.
Die Mutter sprach: "Sprich mit jenem Priester, dem
alten Einsiedler, meinem Freunde, welcher gleichsam wider seinen Willen und
den Frieden seiner Seele, gezwungen durch den Glauben und die Andacht seiner
Nächsten, zuweilen die Zelle der Einsamkeit und die Ruhe der Betrachtung
verläßt, und, von Liebe bewegt, aus seiner Einöde zu den Leuten herausgeht,
um ihnen geistlichen Trost zu gewähren, und durch dessen Vorbild und
heilsamen Rat viele Seelen zu Gott bekehrt werden, die schon bekehrten aber zu
höheren Graden in den Tugenden fortschreiten. Bei der Schlauheit und dem
Truge des Teufels hat er Dich mit demütigem Zweifel in Demut um Rat gefragt
und gebeten, Du möchtest für ihn bitten, darum nämlich: ob es Gott mehr
gefiele, wenn er allein der Süßigkeit der Betrachtung obläge, oder ob ,Gott
die erwähnte Liebe zu seinem Nächsten angenehmer wäre. Sage ihm nun
meinerseits, wie es Gott allerdings besser gefällt, wenn er, wie gedacht
worden, zuweilen hingeht, solche Werke der Liebe an den Nächsten zu üben,
wenn er ihnen die Kräfte und Gnaden mitteilt, die er für sich von Gott hat,
auf daß sie dadurch selber bekehrt werden, Gott eifriger anhängen und seiner
Herrlichkeit teilhaftig werden, als wenn er in der Zelle seiner Einsamkeit nur
seinem innerlichen Troste obläge. Sage ihm auch, wie er aus solcher Liebe
meist größeres Verdienst der Belohnung in den Himmeln haben werde, wofern er
nur, um solche Liebe zu üben, immer mit dem Rate und Willen seines älteren
geist-
lichen Vaters hingeht. Sage ihm ferner, wie ich will, daß er zu seinen
geistlichen Kindern, um sie unter seinem Rate zu regieren, alle Einsiedler und
alle Klosterfrauen und Reklusen annehmen solle, welche einst die geistlichen
Töchter meines Freundes, jenes bereits verstorbenen Einsiedlers waren. Er
soll sie alle auf geistliche und tugendsame Weise mit seinem liebenden Rate
leiten, wie jener sie bei seinem Leben geleitet und regiert hat; denn also
gefällt es Gott. Und wenn sie ihn zu einem geistlichen Vater annehmen und ihm
im geistlichen und einsiedlerischen Leben folgsam sein werden, so wird er
ihnen ein Vater und werde ich ihnen eine Mutter sein. Wenn aber jemand ihn zu
einem geistlichen Vater nicht würde annehmen, noch ihm gehorchen wollen, dann
wird es für einen solchen Ungehorsamen besser sein, daß er sogleich aus
ihrer Gesellschaft scheidet, als daß er länger bei ihnen weile. Gleichwohl
soll mein gedachter Freund so oft zu ihnen gehen und zu seiner Zelle
zurückkehren, wie es ihm gut deucht, jedoch allezeit mit Rat und Willen
seines älteren Vaters."
Zwei Jahre, nachdem die Braut das Gesicht von dem Tiere und dem Fische gehabt hatte, das im XI. Kapitel des gegenwärtigen vierten Buches enthalten ist, erschien ihr Christus und legte jenes sehr dunkle Gesicht ihr sehr deutlich und verständlich aus, indem er sagte, daß unter dem Tiere und dem Fische die Sünder und Heiden, aber die gerechten und tugendhaften Menschen unter denen verstanden werden, die ihn fangen.
Der Sohn sprach zur Braut: "Ich habe früher gesagt,
daß mich nach dem Herzen des Tieres und dem Blute des Fisches verlange. Was
ist aber das Herz des Tieres, als die geliebte und unsterbliche Seele der
Christen, welche mir besser gefällt. als alles Wünschenswürdige, das in der
Welt zu sehen ist? Was ferner ist das Blut des Fisches anderes, als die
vollkommene Liebe zu Gott? Darum soll mir das Herz mit ganz reinen Händen,
das Blut aber in einem geschmückten Gefäße gereicht werden, weil die
Reinigkeit Gott und den Engeln angenehm ist, und wie der Edelstein dem Ringe,
so geziemt sich höchlich die Reinheit jedem geistlichen Werke.
Die göttliche Liebe aber soll in einem geschmückten Gefäße gereicht
werden, weil die Seele der Heiden als ein Gefäß leuchten und in heißester
Liebe zu Gott brennen soll, durch welche die Gläubigen und Ungläubigen wie
ein Leib mit ihrem Haupte Gott vereinigt werden. Wer mir also das Herz eines
in der Sünde verhärteten Christen darzureichen begehrt, welcher gleichsam
wie ein Tier ist, das ohne das Joch des Gehorsams in den Lastern umherrennt
und seinen Lüsten lebt, soll seine Hände mit einem scharfen Bohrer
durchstechen, weil hier weder Schwerter, noch Pfeile etwas ausrichten werden.
Was aber sind die Hände des gerechten Mannes anders, als seine leiblichen und
geistlichen Thätigkeiten? Die leibliche Hand, nämlich arbeiten und den Leib
erhalten, ist notwendig; die geistliche Hand aber ist Fasten, Beten und
ähnliches. Damit nun jegliche Thätigkeit des Menschen gemäßigt und
bescheiden sei, soll sie von der Furcht Gottes durchdrungen sein; zu jeder
Stunde soll der Mensch daran denken, daß Gott immer gegenwärtig ist, und
soll in Furcht sein, damit die ihm gegebene Gnade nicht hinweggenommen werde,
weil der Mensch ohne die Hilfe Gottes nichts, mit seiner Liebe aber alles
vermag. Wie nun ein Bohrer die Löcher zurichtet, in welche etwas
hineingesteckt werden soll, so befestigt die Furcht Gottes alle Werke,
bereitet den Weg für die göttliche Liebe und bewegt Gott zur Hilfe. Darum
soll der Mensch in allen seinen Werken furchtsam und klug sein, weil, obwohl
beiderlei Arbeit, die leibliche sowohl, als die geistliche, notwendig ist, sie
doch ohne Furcht und Klugheit ohne Nutzen ist; Unklugheit und Vermessenheit
verderben und verwirren vielmehr alles und heben das Gut der Beständigkeit
auf. Wer also des Tieres Härte zu überwinden verlangt, soll unbeugsam sein
in den Werken bescheidener Klugheit und beständig in der Furcht und Hoffnung
auf die göttliche Hilfe, soll sich bemühen, soviel er vermag, und Gott wird
Hilfe leisten, indem er das verhärtete Herz bricht. Mein Freund muß seine
Augen auch mit den durch ganz starken Leim befestigten Augenlidern von einem
Walfische schützen, um nicht vom Anblicke des Basilisken zu sterben. Was sind
eines gerechten Mannes Augen anders, als die zweifache Betrachtung, welche er
täglich anstellen soll, nämlich die Betrachtung der Wohlthaten Gottes und
die Erkenntnis seiner selbst? Denn indem er über die Wohlthaten
Gottes und dessen Barmherzigkeit nachdenkt, soll er seine eigene Nichtigkeit
und seine Undankbarkeit gegen die Wohlthaten Gottes erkennen, und wenn seine
Seele fühlt, daß sie das Gericht verdiene, so soll sie die Augen ihrer
Betrachtung mit den Augenlidern des Walfisches, d. h. mit dem Glauben, der
Hoffnung, der Güte Gottes, verwahren, damit sie nicht lau werde, wenn sie die
Barmherzigkeit Gottes erwägt, und nicht verzweifle, wenn sie an das Gericht
Gottes denkt. Wie die Augenlider des Walfisches nicht weich sind wie Fleisch,
noch hart wie Knochen, so soll der Mensch zwischen der Barmherzigkeit und dem
Gerichte Gottes sich im Gleichgewichte halten, daß er beständig die
Barmherzigkeit hofft und das Gericht klüglich fürchtet, daß er sich freut
ob der Barmherzigkeit und wegen der Gerechtigkeit zunimmt von einer Tugend zur
anderen. Wer also täglich zwischen der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in
Hoffnung und Furcht verharrt, hat sich vor des Tieres Augen nicht zu
fürchten. Was anders aber sind diese Augen des Tieres, als die weltliche
Weisheit und das zeitliche Glück? Die Weisheit der Welt, welche dem ersten
Auge des Tieres zu vergleichen, ist wie das Gesicht eines Basilisken; denn sie
hofft das, was sie sieht, und da sie Vergängliches begehrt, hat sie auch
ihren Lohn dahin. Die göttliche Weisheit aber hofft das, was sie nicht sieht;
sie achtet nicht auf das Glück der Welt; sie liebt die Demut und Geduld, und
sucht keinen anderen Lohn, als den ewigen. Das zweite Auge des Tieres ist das
Glück der Welt, welches die Bösen begehren, während sie das Himmlische
vergessen und verfolgen, und sich wider Gott verhärten. Jeglicher Mensch
also, welcher des Nächsten Heil begehrt, muß seine Augen klüglich mit den
Augen des Tieres, d. h. des Nächsten, dadurch verbinden, daß er ihm die
Wohlthaten der Barmherzigkeit Gottes und sein Gericht vorhält, indem er ihm
mit einfältigen Worten die Worte der Weisheit Gottes offenbart und den
unenthaltsamen Menschen ein andauerndes Leben der Enthaltsamkeit zeigt, indem
er Reichtum und gegenwärtige Ehre um der Liebe Gottes willen verachtet,
unaufhörlich predigt und, was er predigt, auch erfüllt; denn das geistliche
Leben bewährt die Worte, und heilige Vorbilder nützen mehr, als eine
wortreiche Beredsamkeit ohne Thätigkeit in Werken. Wer die Wohlthaten Gottes
und seine Gerichte stets im Herzen trägt, wer Gottes Worte beständig im
Munde hat und dieselben in der That erfüllt, auch fest auf Gottes Güte
hofft, der wird nicht durch die Spitzen der feindlichen Schwerter verwundet,
d. h. durch die trügerischen Erfindungen weltlicher Menschen, sondern er wird
zunehmen und um der Liebe willen die Irrenden zur wahren Liebe Gottes
bekehren. Wer aber Hoffart treibt mit der Gnade und Gewinn sucht aus der
Wohlredenheit, der stirbt lebendig. Es muß auch ein Stahlblech auf das Herz
gebunden werden, weil die Liebe Gottes immer dadurch vor Augen behalten werden
soll, daß man bedenkt, wie Gott Mensch geworden, sich erniedrigt hat, wie er
bei seinem Predigen Hunger, Durst und Beschwerde ausgestanden, wie er ans
Kreuz geschlagen und gestorben, auferstanden und gen Himmel gefahren ist.
Jener Stahl, nämlich die Liebe, ist breit und eben, wenn das Herz bereit ist,
gern die kommenden Widerwärtigkeiten zu erdulden, wenn es über keinerlei
Ratschluß Gottes murrt, noch sich durch Trübsale in Ängsten setzen läßt,
sondern den eigenen Willen und den ganzen Leib dem Willen und der Fügung
Gottes überläßt. O Tochter, ich war der stärkste Stahl, als ich, am Kreuze
ausgestreckt und gleichsam meiner Leiden und meiner Wunden vergessend, für
meine Freunde betete. - Man soll auch die Nasenlöcher schließen und mit
verschlossenem Munde hinlaufen zu dem Tiere; denn wie durch die Nasenlöcher
der Atem ein- und ausgeht, so geht durch die Begierden des Menschen Leben und
Tod in die Seele des Menschen. Und darum soll man sich vor den bösen
Begierden wie vor dem Tode hüten, auf daß sie nicht eindringen in die Seele,
und wenn sie eingegangen, nicht darin weilen. Wer sich nun Schweres zu
überwinden vorgenommen hat, möge auf seine Versuchungen acht geben und sich
hüten, daß nicht durch ungeordnete Begierden der Eifer Gottes vermindert
werde; denn man soll mit ganzem Verlangen und göttlichem Eifer und mit aller
Geduld gelegen und ungelegen dem Sünder nachlaufen, damit derselbe bekehrt
werde, und wo der Gerechte nichts ausrichtet mit Reden oder Ermahnen, da muß
Eifer angewendet und im beharrlichen Gebete fortgefahren werden. Außerdem
soll man mit beiden Händen nach dem Tiere greifen. Das Tier hat nämlich zwei
Ohren; mit dem einen hört es gern, was ihm angenehm ist, das andere verstopft
es, um nicht zu hören, was seiner Seele förderlich ist. So ist es auch für
den
Freund Gottes nützlich, zwei geistliche Hände zu haben, wie er zuvor
leibliche gehabt, aber er soll sie durchbohrt haben. Die eine Hand muß die
göttliche Weisheit sein, damit er dem Sünder zeige, wie alle Dinge dieser
Welt hinfällig und vergänglich sind, und wer sich daran vergnügt, wird
verführt und nicht gerettet; denn nur für notwendige Bedürfnisse, nicht zum
Überflusse ist ihm alles zugestanden. Die zweite Hand soll das Beispiel guter
Handlungen sein, weil der gute Mensch thun soll, was er lehrt, damit die
Hörenden durch sein Vorbild gestärkt werden; denn viele lehren, geben aber
kein Beispiel; diese sind diejenigen, welche ohne Mörtel Steine in ihrem
kalten Gemüte aufrichten und bei herandringendem Sturme schnell über den
Haufen geworfen werden. Die Haut des Tieres, welche wie ein Kiesel ist, muß
mit Hammer und Feuer angegriffen werden; durch die Haut wird die Anmaßung und
die Gleißnerei der Gerechtigkeit bezeichnet; denn die Bösen, obwohl sie
nicht gut sein wollen, begehren dennoch, für gut angesehen zu werden, und
weil sie wünschen, für lobwürdig gehalten zu werden, obwohl sie nicht
lobwürdig leben, zeigen sie äußerlich Heiligkeit und heucheln
Gerechtigkeit, welche sie keineswegs im Herzen haben, und darum werden sie
über den Anschein der erheuchelten Gerechtigkeit so stolz und verhärtet wie
ein Kieselstein, daß sie weder durch Schelten, noch durch klare Gründe
erweicht werden. Deshalb soll der Diener Gottes wider solche den Hammer der
harten Ansprache und das Feuer des göttlichen Gebetes anwenden, auf daß er
die Bösen überwinde und in ihrer Härte erweiche durch das Wort der
Wahrheit, auch durch seine Privatgebete entzünde zur eigenen Erkenntnis und
zur Erkenntnis Gottes, wie Stephanus gethan. Dieser redete nicht, was den
Juden gefiel, sondern die Wahrheit, nicht Schmeichelhaftes, sondern Herbes;
außerdem bat er Gott für sie, und deshalb hat er Nutzen geschafft und viele
haben sich um seinetwillen bekehrt. Wer also mit der Furcht Gottes die Werke
seiner Hände durchbohrt und die Augen seiner Betrachtung durch Mäßigkeit
befestigt, auch mit dem Stahlbleche sein Herz deckt, seine Nasenlöcher
verstopft und mir so des Tieres Herz darbietet, dem werde ich, Gott, einen
höchst erfreuenden Schatz geben, dessen Lust das Auge nicht ermüdet, von
dessen Süße das Ohr nicht erschlafft, durch dessen Genuß der Geschmack
nicht gesättigt wird, bei dessen
Empfindung kein Schmerz gefühlt, sondern die Seele Freude und ewige Fülle
genießen wird. Der Fisch aber bedeutet die Heiden, deren Schuppen sehr stark
sind, weil Sünden und Bosheit sie verhärtet haben; denn wie die aufeinander
liegenden Schuppen festen Widerstand leisten und den Wind nicht durchlassen,
also rühmen sich die Heiden der Sünde und befestigen und wehren sich, in
eitler Hoffnung lebend, gegen meine Freunde, geben Sekten den Vorzug,
verbreiten Schrecken und drohen mit Todesstrafen. Wer daher mir das Blut des
Fisches zu reichen begehrt, der werfe über ihn sein Netz, d. h. seine
Predigt, aus, das nicht aus den faulen Fäden der Philosophen und geziert
sprechenden Redekünstler, sondern aus der Einfalt der Worte und Demut der
Werke zusammengesetzt sein muß, weil die einfältige Predigt des Wortes
Gottes wie ein Erz vor dem Angesichte Gottes klingt, und stark ist, die
Sünder zu Gott zu ziehen. Darum hat meine Kirche ihren Anfang auch nicht
durch beredte Magister, sondern durch demütige und unwissende Männer
genommen und ist durch sie gefördert worden. Der Prediger muß sich auch in
acht nehmen, daß er nicht weiter, als bis an die Kniee ins Wasser gehe,
ferner nirgends anders wohin, als wo fester Sand liegt, den Fuß setze, auf
daß nicht, wenn etwa die Sturmwellen über die Kniee sich erheben, die Füße
schwanken. Was ist aber das gegenwärtige Leben anders, als gleichsam ein
bewegliches und unbeständiges Wasser, vor welchem man das Knie der
geistlichen Stärke nur aus Notwendigkeit beugen soll? Und darum soll der Fuß
des menschlichen Verlangens auf festen Sand, d. h. auf die Festigkeit der
göttlichen Liebe und auf die Betrachtung der zukünftigen Dinge gesetzt
werden. Denn diejenigen, welche die Füße ihrer Neigungen und ihre Stärke
nach dem Zeitlichen ausstrecken, sind nicht beständig genug, um Seelen zu
gewinnen, sondern werden von den Sturmwellen zeitlicher Sorgen verschlungen.
Der Gerechte muß auch das Auge, das er dem Fische zuwendet, blind machen; es
giebt nämlich ein zweifaches Auge, ein menschliches und ein geistliches.
Durch das menschliche Auge geht die Furcht ein; denn das Gemüt, das seine
Schwäche betrachtet und die Macht und Grausamkeit der Tyrannen erkennt,
fürchtet sich zu reden; dieses Auge der Furcht nun muß blind gemacht und vom
Gemüte ausgerissen werden durch die Betrachtung der göttlichen
Güte, sowie durch den festen Glauben, daß jeglicher Mensch, welcher seine
Hoffnung auf Gott setzt und um Gottes willen den Sünder zu gewinnen sucht,
Gott selber zum Beschützer haben wird. Mit dem geistlichen Auge des
Verstandes aber muß der Sünder, oder einer, der zu Gott bekehrt worden,
angesehen werden, damit man sorgfältig, so gut man vermag, acht gebe, wie er
sich in den Trübsalen verhalte, auf daß er nicht etwa ungewöhnliche Dinge
auf sich nehme und den Beschwerden erliege, oder damit es ihn nicht gereue, um
der Trübsal willen zu Hartes auf sich genommen zu haben. Es soll auch der
Gerechte, er sei, wer er wolle, in Betracht ziehen, wie ein Ungläubiger, der
sich zum Glauben bekehrt hat, leiblicherweise sein Fortkommen habe, damit er
nicht entweder bettle, oder durch einen harten Dienst zu sehr gedrückt, oder
seiner löblichen Freiheiten beraubt werde; auch soll fleißig darauf gesehen
werden, daß ein solcher Bekehrter beständig im heiligen katholischen Glauben
und in den heiligen Vorbildern der Tugenden unterwiesen werde; denn dieses
gefällt mir, daß die bekehrten Heiden heilige Beispiele schauen und Worte
der Liebe hören. Wenn nun viele Christen, welche zu den Heiden kommen
ungeordneten Wandels und zuchtlos, sich rühmen, daß sie deren Leiber töten
und deren zeitlichen Güter gewinnen, so gefallen sie mir ebensowenig, als
diejenigen, welche in der Wüste dem gegossenen Kalbe opferten. Darum soll
der, welcher mir, wenn er zu den Heiden geht, zu gefallen begehrt, sich zuerst
das Auge der Begierlichkeit und der weltlichen Furcht ausreißen, indem er das
Auge des Mitleids und des Verstandes offen hält, ihre Seelen zu gewinnen,
indem er nichts begehrt, als für Gott zu sterben, oder nach Gott zu leben.
Außerdem soll der Gerechte einen stählernen Schild haben, d. h. wahre Geduld
und Beharrlichkeit, daß er weder durch Worte, noch durch Werke von der Liebe
Gottes abgezogen werde, aber auch nicht verdrossen sei wegen menschlicher
Zufälle, noch auch murre über die Ratschlüsse Gottes; denn wie ein Schild
zum Schirme dient und die Schläge der Kämpfer aufnimmt, so beschirmt die
wahre Geduld in den Versuchungen, sie lindert die Trübsale und macht den
Menschen geschickt zu allem Guten. Dieser Schild der Geduld soll aber nicht
verfertigt sein aus faulen Stoffen, sondern aus sehr starkem Erze; denn die
wahre Geduld soll durch die Betrachtung meiner Geduld
ihre Gestalt und Bewährung finden, wie ich ein gar starker Stahl gewesen bin,
da ich lieber den Tod leiden, als die Seelen verlieren, auch lieber alle
Schmach. anhören, als vom Kreuze herabsteigen wollte. Wer also die Geduld zu
haben begehrt, folge meiner Beständigkeit nach; denn wenn ich unschuldig
gelitten habe, was ist es da wunderbar, wenn der Mensch, der des Gerichtes
würdig ist, leidet? Wer nun auf diese Weise, mit der Geduld bewaffnet, das
Netz über den Fisch ausbreitet und ihn zehn Stunden über dem Wasser
gehalten, wird das Blut des Fisches erlangen. Jene zehn Stunden aber sind
nichts anderes, als zehn Ratschläge, die man einem bekehrten Menschen geben
soll. Der erste ist, daß er meinen zehn Geboten glaube, die ich meinem Volke
Israel vorgeschrieben; der zweite, daß er die Sakramente meiner Kirche
empfange und ehre; der dritte, daß er über die begangenen Sünden Schmerz
empfinde, und den vollkommenen Willen habe, dergleichen nicht wieder zu
begehen; der vierte, daß er schuldig ist, meinen Freunden in allem zu
gehorchen, wenn sie ihm auch wider seinen Willen etwas vorschreiben mögen;
der fünfte, daß er alle seine bösen Gewohnheiten verachte, welche wider
Gott und die guten Sitten sind; der sechste, daß er das Verlangen habe, alle,
so viele er vermag, zu Gott zu ziehen; der siebente, daß er die wahre Demut
in seinen Merken zeige und die bösen Beispiele fliehe; der achte, daß er
Geduld habe in Widerwärtigkeiten und nicht murre wider die Ratschlüsse
Gottes; der neunte, daß er diejenigen nicht höre oder bei sich habe, welche
Widersacher des heiligen christlichen Glaubens sind; der zehnte, daß er Gott
bitte und sich persönlich bestrebe, das Vermögen zu haben, in der Liebe
Gottes zu verharren. Jeglicher also nun, der sich vom Bösen abwendet und
diese zehn Ratschläge befolgt und bewahrt, wird der Liebe der Welt absterben
und lebendig werden in der Liebe Gottes. Wenn aber der Fisch, d. h. der
Sünder, aus den Wassern der Wollust herausgezogen, sich vorgenommen, an
diesen zehn Ratschlägen festzuhalten, so muß er am Rücken geöffnet werden,
wo des Blutes die Fülle ist. Was aber bedeutet der Rücken anders, als gutes
Handeln bei einem guten Willen, der sich nach dem Willen Gottes richten muß?
Bei manchem Menschen erscheint das Handeln gut, aber ihre Absicht und ihr
Wille ist nicht gut. Der Gerechte also, welcher sich abzuwenden
begehrt von der Sünde, muß erforschen, in welcher Meinung er ein gutes Werk
thut, und in welcher Meinung zu verharren, er sich vornimmt. Findet er in
einem geistlichen Werke eine fleischliche Regung entweder für die Verwandten
oder für zeitlichen Gewinn, so muß er sich beeilen, dasselbe aus dem Herzen
hinauszuschneiden, denn wie das böse Blut Krankheit verursacht, seinen Lauf
und seinen Zugang zum Herzen hemmt, und die Lust zum Essen benimmt, so
unterdrückt der böse Wille und die verkehrte Richtung die Liebe Gottes, ruft
die Trägheit hervor, verschließt Gott den Eingang zum Herzen und macht alles
geistliche Gut zum Abscheu. Mich verlangt nach frischem Blut, das den Gliedern
Leben verschafft. Dies ist der gute Wille und die geordnete Liebe zu Gott; sie
bereitet den Zugang zum Glauben, den Sinn zum Verständnis, die Glieder zur
Thätigkeit, und Iockt Gott an, zu helfen. Dieser Wille wird durch meine Gnade
vorbereitet und eingegossen, durch Beten und meine Güte gemehrt, und durch
gute Thätigkeit und meine Süßigkeit vollzogen. Siehe, auf diese Art soll
mir das Blut des Fisches dargereicht werden. Wer mir denselben auf diese Weise
darreicht, wird den besten Lohn haben. Denn der Strom aller Süßigkeit wird
sich in seinen Mund ergießen, seine Seele aber ein ewiger Glanz erleuchten
und sein Heil sich ohne Ende erneuern."
Vergleiche, was im vierten Buche der Offenbarungen im II. Kapitel Christus Wunderbares von einem Fische und einem Tiere zu reden anhebt. In diesem CXXIX. Kapitel erläutert er, was jenes bedeutet.
Die folgende Offenbarung geschah zu Amalfi
,
wo der heilige Matthäus ruht. "Gebenedeit seist Du, heiliger Apostel
Matthäus, weil Du ein sehr guter Wechsler gewesen bist! Denn Du hast das
Irdische hinweggegeben im Tausche und das Ewige gefunden; Du hast Dich selbst
verachtet und Gott erhalten; Du hast
die eitle Klugheit fahren lassen, hast die Ruhe des Fleisches verachtet und
eine harte Arbeit übernommen. Darum bist Du jetzt auf würdige Weise herrlich
vor dem Angesichte Gottes." Der heilige Matthäus antwortete: "Gebenedeit
sei Gott, welcher Dir diesen Gruß eingegeben hat. Weil es aber Gott so
gefällt, will ich Dir zeigen, wie beschaffen ich vor meiner Bekehrung und wie
ich war, als ich das Evangelium schrieb, und wie ich jetzt in der Belohnung
bin. Ich habe ein öffentliches Amt gehabt, das ich ohne öffentlichen Gewinn
nicht verwalten konnte. Jedoch war mein Wille zu jener Zeit so, daß ich
niemand betrügen mochte, sondern den Weg zu finden wünschte, auf welchem ich
mich von jenem Amte losmachen und mit ganzem Herzen Gott allein anhängen
könnte. Als daher mein Liebhaber Jesus Christus predigte, da wurde wie Feuer
das Wort seiner Berufung in meinem Herzen entzündet, und seine Worte
schmeckten mir so lieblich, daß ich ebensowenig weiter an Reichtum und Ehre
dachte, als an Spreu; ja, es gefiel mir besser, zu weinen und mich zu freuen,
daß mein Gott einen so elenden und großen Sünder hatte wollen zur Gnade
rufen. Ich hängte mich an meinen Herrn und begann, mir seine Worte
inbrünstiger ins Herz zu drücken, und dachte nachts an dieselben, wie wenn
ich die süßeste Speise genöße. Nach Vollendung des Leidens meines Herrn
schrieb ich das Evangelium nach dem, was ich gesehen und gehört, und wobei
ich mich anwesend befunden hatte, nicht zu meinem Lobe, sondern zum Ruhme
meines Erlösers und zur Förderung der Seelen. Und als ich dasselbe schrieb,
hielt eine solche Inbrunst göttlicher Liebe in mir an, daß, wenn ich hätte
schweigen wollen, ich es vor Größe der Inbrunst nicht vermocht hätte. Jetzt
aber unterstehen sich viele, was ich in Liebe und Demut geschrieben habe, zu
verkehren und durch ihre Auslegung verhaßt zu machen, indem sie sich rühmen,
hohe und himmlische Dinge zu wissen, wenn sie Widersprechendes finden, indem
sie lieber über das Evangelium disputieren, als nach dessen Willen leben
wollen. Deshalb werden die Kleinen und Demütigen eingehen in den Himmel, die
Hoffärtigen und Klugen aber draußen stehen. Denn wie kann der vermessene und
hoffärtige Mensch glauben, daß der Gott aller Weisheit nicht seine Worte
also habe stellen können, daß die Menschen durch dieselben nicht geärgert
würden? Aber es ist recht, daß Ärger-
nisse kommen müssen (Matth. XVIII.), und daß diejenigen am Irdischen kleben,
welche das Himmlische verdrießt. Von meiner Vergeltung aber sollst Du wissen,
daß dieselbe wahrhaft ist, wie geschrieben steht, daß kein Herz sie fassen,
keine Zunge aussprechen kann."
Viele Jahre nachher, seitdem die Braut das Gesicht von den sieben Tieren gehabt, von welchen im CXXV, Kapitel dieses Buches die Rede gewesen, erschien ihr Christus und legte ihr einiges aus, was am gedachten Gesichte noch auszulegen fehlte, wie folgt.
Der Sohn sprach: "Ich habe Dir früher von sieben Tieren gesagt, deren eines (einen Bischof bedeutend) wie ein Elefant war, der nicht darauf achtet, daß der Baum durchgesägt ist, noch daß er eine kurze Zeit hat, und deshalb mit dem Baume hinstürzen wird, während er zu stehen vermeint. Die Mauern seiner Kirche werden im Feuer und im Wasser (der Trübsale) zergehen, so daß niemand sein wird, der sie wieder aufbaut, weil sie aus Ungerechtem gebaut sind; das Land wird verheert werden; die Einwohner werden sich den Tod wünschen; er aber wird vor ihnen fliehen und die Ruchlosen werden herrschen über die Gerechten. Dies ist alles also eingetroffen. Wisse auch, wie das andere Tier (ein Einhorn, gleichfalls einen Bischof bedeutend), das über den Stein der Keuschheit hoffärtig ward, nun die Hörner eines Lammes angenommen hat; darum will ich es lehren, wie es über die Mauern springen, und wie es in Ehre stehen soll. Denn mir gefällt dieses Tieres Demut, und darum sage ich ihm, daß seine Kirche schon die höchste Stufe erstiegen hat und lange in der Hoffart gestanden ist. Deshalb soll er selbst daran arbeiten, daß die Geistlichkeit in größerer Enthaltsamkeit lebe, die Unmäßigkeit im Trinken mindere, die Habsucht ablege und Furcht annehme, sonst wird sie durch Trübsale gedemütigt, und ihr Fall so schwer und groß sein, daß er auch in anderen Ländern vernommen werden wird.
Nach dem Tode des gedachten Bischofs aber und der Wahl
seines Nachfolgers redete der Herr zu mir und sprach: "Wisse, daß
dieser Bischof, ein Nachfolger des zuerst genannten Bischofes, der jetzt zur
bischöflichen Würde emporgestiegen ist, einer von den fünf Dienern war,
welche der König nicht hören mochte, wofern sie nicht hellere Augen
erhielten. Dieser Bischof ist nun hinaufgestiegen; aber er soll wohl
aufmerken, und wird bei meinem Gerichte sehen, wie er hinaufgestiegen ist.
Doch warne ich ihn vor dem Falle Joabs. Dieser war voll Haß gegen diejenigen,
welche besser waren, als er; er verließ sich auf seine eigenen Ratschläge;
seine Kühnheit war groß, und deshalb vermaß er sich über seine Kräfte und
zog seinen Erwählten demjenigen vor, den Gott erwählt hatte. (III. Kön.
III. und II. Kön. III.) Ein Rat aber ist nützlich für diesen Bischof,
nämlich: daß er seiner Klugheit ein Maß setze, und allezeit acht gebe,
nicht, was er vermag, sondern was sich ziemt." Als er in Zweifel stand,
ob es ratsam sei, behufs Vergebung seiner Sünden nach Rom zu gehen, fragte er
mich, und während ich betete, antwortete mir die Mutter Gottes und sprach:
Wenn dieser Bischof in seinem Herzen meint, er bedürfe der Hilfe der
Heiligen, dann mag er nach Rom zum Ablasse kommen; denn es wird die Zeit
erscheinen, wo es ihm ersprießlich sein wird. Er soll auch acht haben, daß
den schon eingedrungenen Raubvögeln die Klauen abgeschnitten werden, damit
sie nicht die höchsten Spitzen der Felsen bewohnen mögen, weil sie alsdann
der Gemeinde des Volkes mehr schaden werden, auch er selber nicht frei bleiben
wird von Trübsal. Deshalb sollst Du wissen, daß das Tier, von dem ich Dir
gesagt, daß es sich fürchte, wenn es seinen Schatten sieht, und im Laufen
seinen Vorteil sieht, jenen (Bischof) bezeichne, der Eifer für das Heil der
Seelen hat, der über den Reden der Widersacher den Mut nicht verliert, noch
durch die Reden der Wohldiener und Schmeichler zum Hochmut sich verleiten
läßt, der auch bereit ist, sterbend aus der Welt zu gehen, bereit aber auch,
wenn es mir gefällt, wegen meiner Ehre zu leben. Deshalb werde ich ihm auch
mitten auf dem Wege entgegeneilen, wie ein Vater seinem Sohne, und will ihn
herausnehmen aus seinem Gefängnisse wie ein barmherziger Richter, damit er
nicht das zukünftige Übel sehe. Derjenige aber, welcher in seinem Aussatze
verharrt, wird mit denen sterben, welche sich den Bauch gefüllt haben und mit
ihnen begraben, auch mit
den Aussätzigen gerichtet werden, und nicht bei denen sitzen, welche die Welt
richten."
(Hier ist nach dem Dafürhalten Alfonsos das Ende des vierten Buches.)
Noch eine Offenbarung von der Herrlichkeit der Engel, welche auf dem Berge Gargano geschehen.
Frau Brigitta sah auf dem Berge Gargano eine Menge Engel,
welche sangen und sprachen: "Gebenedeit seist Du, unser Gott, der Du
bist, sein wirst und warst ohne Anfang und ohne Ende. Du hast uns Geister zu
Deinem Dienste, wie auch zum Troste und zur Hut der Menschen erschaffen. Wir
werden aber also zum Frommen der Menschen gesandt, daß wir niemals Deiner
Süße, Deines Trostes und Deines Anblickes entbehren. Weil wir aber den
Menschen wie unbekannt erscheinen, so hast Du an diesem Orte Deinen Segen und
unsere Würde zeigen wollen, die uns von Dir gegeben worden, auf daß der
Mensch lernen möge, Dich zu lieben und unsere Hilfe zu begehren. Nun aber ist
dieser lange in Ehren gehalten gewesene Ort von vielen verachtet, und die
Einwohner des Landes nahen sich mehr den unreinen Geistern, als uns, weil sie
ihren Eingebungen mit größerem Eifer nachkommen." Die Frau (Brigitta)
antwortete: "O Herr, mein Schöpfer und Erlöser, hilf ihnen, daß sie
abstehen von den Sünden und von ganzem Herzen nach Dir verlangen." Da
sprach Gott zu ihr: "Sie sind an Schmutz gewöhnt und lassen sich nur
durch Schläge erziehen. Möchten sie doch in der Zucht sich erkennen und zur
Besinnung kommen!" ![]()
Hier beginnen die Offenbarungen der heiligen Brigitta an die Priester und Päpste.
Christus redet von fünf guten Gaben, welche den Priestern gewährt worden, und von fünf entgegengesetzten Dingen, welche die bösen Priester thun.
"Ich bin wie ein Mensch, welcher von der Welt scheiden
will, und das Beste, das er hat, seinen teuersten Freunden überantwortet. So
habe ich den Priestern, welche ich vor allen Engeln und Menschen erlesen,
dasjenige anvertraut, das mir das Teuerste ist, als ich von der Welt
hinwegging, und habe ihnen fünf Gaben gewährt. Zuerst, meinen Glauben;
zweitens, die beiden Schlüssel zu Himmel und Hölle; drittens, aus dem Feinde
einen Engel zu machen; viertens, daß sie meinen Leib konsekrieren können,
was keiner von den Engeln vermag; fünftens, daß sie meinen allerreinsten
Leib mit ihren Händen berühren dürfen. Jetzt aber verfahren sie mit mir wie
die Juden, welche leugneten, daß ich den Lazarus auferweckt habe, sondern das
Gerücht verbreiteten, ich beabsichtige, König zu werden, hätte die Steuer
verweigert und wolle den Tempel in drei Tagen wieder aufbauen. Also reden auch
die Priester nicht von meinem wunderbaren Leben, noch lehren sie meine Lehre,
sondern die Liebe der Welt, predigen ihre Wollust, und erachten das für
nichts, was ich für sie gethan habe. Zweitens haben sie den Schlüssel
verloren, womit sie den Elenden den Himmel öffnen sollten; den aber, womit
die Hölle geöffnet wird, lieben sie und halten ihn aufbewahrt
in feiner Leinwand. Drittens machen sie einen Ungerechten aus einem Gerechten,
aus einem Einfältigen einen Teufel, aus einem Gesunden einen Verwundeten,
weil jeglicher, der mit drei Wunden zu ihnen tritt, von ihnen die vierte
empfangen wird; kommt er mit vieren zu ihnen, so verläßt er sie mit fünfen;
denn wenn der Sünder das üble Vorbild der Sünder gesehen, so faßt er sich
ein Herz, zu sündigen, und fängt an, sich der Sünde, welche er zuvor für
schändlich hielt, zu rühmen. Deshalb werden sie mehr als andere verflucht,
weil sie sich durch ihr Leben zu Grunde richten und andere durch ihr Beispiel
verletzen. Viertens verkaufen sie mich, anstatt mich zu heiligen, mit ihrem
Munde. Sie sind schlimmer als Judas. Judas hat seine Sünde erkannt und
bereut, wenn auch auf unfruchtbare Weise; sie nennen sich gerecht, und stellen
sich, als wären sie es. Judas hat das Sündengeld den Käufern
zurückgebracht; diese aber verwenden es zu ihrem Nutzen. Judas verkaufte
mich, bevor ich die Welt erlöst hatte; diese haben, nachdem ich die Welt
erlöst, kein Mitleid mit meinem Blute, das mehr um Rache schreit, als
dasjenige Abels. Judas hat mich allein um Geld verkauft; diese thun's um jeden
Lohn, weil sie nur dann zu mir kommen, wenn sie sich einige Frucht
versprechen. Fünftens behandeln sie mich wie die Juden. Was haben diese
gethan? Sie haben mich auf das Holz gelegt; diese aber legen mich unter die
Presse und pressen mich mit aller Gewalt. Du kannst jedoch fragen: wie? da
meine Gottheit nicht fähig ist, zu leiden, auch keine Widerwärtigkeit und
kein Schmerz auf Gott fallen kann. Nichtsdestoweniger thun die Priester wegen
des Willens, den sie haben, in der Sünde zu verharren, mir so viel bitteres
Leid und Widerwärtiges an, als wenn sie mich, wofern es möglich wäre, unter
eine Presse legten; denn sie haben zwei Sünden: Unzucht und Habsucht und
zwischen diese legen sie mich; denn hätten sie auch darüber Buße gethan, so
haben sie doch, kaum daß sie ihr Amt verrichtet haben, wieder den Willen, zu
sündigen, wodurch sie mich wie in einer Presse drücken. Sie unterhalten
verfluchte Weiber, und bringen dieselben an einen sicheren Ort, um ihre
Wollust zu befriedigen und mich zurückzuweisen. Diesen schmeicheln sie und
haben ihre Lust daran; mich aber, von dem sie sind, wollen sie nicht sehen.
Seht, meine Freunde, wie die Priester beschaffen sind; seht, meine Engel,
denen ihr dienet. Läge ich vor euch, wie ich auf dem Altare vor ihnen liege,
so würde niemand unter euch mich zu berühren wagen, sondern ihr würdet euch
entsetzen. Sie aber verraten mich wie Diebe und Verräter, sie berühren mich
wie Huren, sie sind unreiner als Pech, sie schämen sich nicht, mir nahe zu
kommen, der ich Gott und der Gott der Herrlichkeit bin. Daher wird geschehen,
was zu Israel gesagt wurde: Ich werde euere Strafen siebenfach mehren (Levit.
XXVI, 18.), und ebenso werden fürwahr diese sieben Plagen über die Priester
kommen."
Christus vergleicht sich mit Mosis, welcher die Kinder Israel durch das rote Meer aus Ägypten führte, wobei die Wasser auf beiden Seiten wie eine Mauer standen. Wie Israel, d. h. die argen Priester, Christum vernachlässigen und das goldene Kalb, d. i. die Welt, anbeten, und wie Christus die Priester mit einem siebenfachen Ordo geehrt hat, von dem sie sich siebenfach abgewendet haben.
Die Mutter sprach: "So gierig waren die Feinde meines
Sohnes nach seinem Blut, daß sie ihn auch nach seinem Tode verwundet haben.
Mache Dich also bereit, weil mein Sohn mit einem großen Heere kommen wird,
mit Dir zu reden." Darauf kam er selber und sprach: "Ich habe mich
früherhin bildlich mit Moses verglichen, welcher das Volk herausführte,
wobei das Wasser wie eine Mauer zur Rechten und Linken stand. Ich bin fürwahr
jener Moses im Abbilde; ich habe das christliche Volk herausgeführt, d. h.
ich habe ihnen den Himmel geöffnet, und ihnen den Weg gezeigt, auf welchem
sie wandeln sollten, indem ich sie vom Pharao, d. h. von dem Teufel befreite,
welcher sie unterdrückt gehalten hatte. Sie gingen aber wie zwischen zwei
Mauern des Meeres zur Rechten und Linken, deren eine nicht vorrückte, wie die
andere nicht zurückwich, sondern beide standen auf diese Weise fest. Diese
beiden Mauern waren die beiden Gesetze. Die erste war das alte Gesetz, das
nicht weiter vorrückte; die zweite war das neue Gesetz, das nicht
zurückging. Zwischen diesen beiden Mauern, nämlich den feststehenden
Gesetzen, ging ich zum Kreuze wie durch das rote Meer, weil durch mein Blut
mein ganzer Leib gerötet ward. Es wurde
auch das zuvor weiße Holz gerötet und gerötet die Lanze, und ich erlöste
mein gefangenes Volk, auf daß es mich lieben möchte. Nun aber verachtet mich
Israel, d. h. die Priester, und lieben einen anderen Gott. Sie lieben, wie ich
schon früher gesagt, das goldene Kalb, weil ihre ganze Neigung gerichtet ist
auf die Welt, welche süß ist in ihrer Wollust und ihre Begierlichkeit in
Flammen setzt und fest steht dieses Kalb vor ihnen mit den Füßen und dem
Haupte und dem Schlunde seiner Gefräßigkeit. Dazu halten sie mich für einen
Götzen und schließen zu vor mir, auf daß ich nicht Eingang finde. Sie
opfern mir Weihrauch, allein derselbe gefällt mir nicht, weil sie es nicht
für mich, sondern für sich thun. Sie beugen vor mir das Knie der Demut und
ihres Willens, aber nach ihrem Begehren, damit ich ihnen etwas Zeitliches
spende. Sie rufen, allein meine Ohren hören nicht, weil sie es nicht aus
Andacht und in guter Meinung thun. Hört, meine Heerscharen und alle -Engel!
ich habe die Priester auserwählt vor allen Engeln und Gerechten, und ihnen
allein die Macht gegeben, meinen Leib zu berühren. Denn wofern ich gewollt,
hätte ich wohl irgend einen Engel zu solchem Amte erwählen können; allein
ich habe die Priester so lieb gehabt, daß ich nur ihnen eine so große Ehre
verliehen und bestimmt habe, daß sie vor mir wie in siebenfacher Ordnung sein
sollten. Sie sollten sein geduldig wie die Schafe, standhaft wie eine Mauer
von guter Grundlage, beherzt wie Krieger, klug wie Schlangen, schamhaft wie
eine Jungfrau, rein wie ein Engel, brünstig vor Liebe wie eine Braut nach der
Kammer ihres Bräutigams. Nun haben sie sich aber ganz ins Gegenteil verkehrt.
Sie sind wild wie reißende Wölfe, welche in ihrem Hunger und ihrer Begierde
keinem weichen, keinem Ehre erweisen und keines Dinges sich schämen; zweitens
sind sie unbeständig wie ein Stein in einer wankenden Mauer, weil sie kein
Vertrauen haben auf die Grundlage, d. h. Gott, daß er nicht imstande sei,
ihnen ihren notwendigen Unterhalt zu gewähren, oder sie nicht erhalten wolle.
Drittens sind sie in der Finsternis wie die Diebe; denn sie wandeln in der
Finsternis der Laster, und sind auch nicht kühn wie Krieger zum Kampfe für
die Ehre Gottes oder im Unternehmen eines männlichen Werkes. Viertens stehen
sie wie ein Esel, welcher seinen Kopf erdwärts hängt. So sinnen sie in ihrer
Thorheit und Un-
klugheit immer Irdisches und das Gegenwärtige, niemals das Künftige.
Fünftens sind sie unverschämt wie die Huren, kommen zu mir im Hurenkleide
und haben alle Glieder zur Üppigkeit. Sechstens sind sie wie mit Pech
häßlich besudelt und alle, welche ihnen nahe kommen, werden verunstaltet.
Siebentens sind sie abscheulich wie Ausgespieenes, ja, es sollte mir leichter
ankommen und besser dünken, mich ihrem Auswurfe zu nähern, als lieblichen
Verkehr mit ihnen zu pflegen. So abscheulich sind sie, daß das ganze
himmlische Heer sie verabscheut. Was könnte wohl schändlicher sein, als wenn
ein nackter Mensch seinen Mund an die unteren Glieder seines Leibes brächte
und seinen Kot fräße und seinen Harn tränke? So schandbar sind diese vor
meinen Augen. - Wenn sie aber ihre Priestergewänder anlegen, welche
bildlicherweise die Kleider ihrer Seele vorstellen, wie dieselbe sein sollte,
so legen sie dieselben wie wahre Verräter an. Denn wie einer, welcher dem
Feinde seines Herrn seine Treue zugewendet hat, wenn er mit seinem Herrn gegen
denselben kämpfen soll, alle seine Waffen stumpf macht, damit sie dem Feinde
nicht schaden, also ist bei diesen, wenn sie die Priestergewänder anlegen,
welche im Bilde die Kleider der Seele sind, mit denen sie wider den Teufel
sich verwahren sollten, alles stumpf gemacht, damit es dem Teufel nicht schade
und er sich davor nicht fürchte. Allein die Frage ist: wie? Ohne Zweifel sind
die Waffen der Keuschheit, wenn sie dieselben anlegen, stumpf gemacht durch
die Geilheit; deshalb verwunden sie den Teufel nicht. Wenn sie sich aber mit
den Waffen der Liebe umgeben, schaden diese nichts, weil sie durch Bosheit
stumpf gemacht sind. Diese Waffen, d. h. die Kleider, welche sie anthun,
dienen also nicht zur Verteidigung des Herrn, sondern nur zum Scheine, nach
Art der Verräter, welche anderes thun, anderes erscheinen lassen. So nun, o
meine Freunde, treten jene verfluchten Priester heuchlerischerweise zu mir wie
Verräter. Ich aber, der nämliche, der ich nur Gott und euer, wie aller
Geschöpfe im Himmel und auf Erden, Herr bin, komme zu ihnen und liege vor
ihnen auf dem Altare, wahrer Gott und wahrer Mensch, nachdem sie die Worte: Das
ist mein Leib, gesprochen haben. Ich komme zu ihnen wie ein Bräutigam,
auf daß ich mit meiner Gottheit einen wonnevollen Verkehr mit ihnen pflege,
aber ich finde an ihnen den Teufel. Daher, wenn sie mich ihrem Munde
nähern, weiche ich mit meiner Gottheit und Menschheit von ihnen, und der
Teufel, welcher, erschreckt vor des Herrn Gegenwart, die Flucht ergriff, kehrt
vergnügt zurück. Hört weiter, meine Freunde, welche Würde ich den
Priestern vor allen Engeln und Menschen verliehen habe. Ich habe ihnen fünf
Vollmachten gegeben. Zuerst die Macht, im Himmel und auf Erden zu lösen und
zu binden; zweitens habe ich ihnen gegeben, daß sie aus dem ärgsten Feinde
meinen Freund, aus dem Teufel meinen Engel machten; drittens habe ich ihnen
Macht gegeben, meine Worte zu predigen; viertens die Macht, meinen Leib zu
konsekrieren und zu heiligen, was unter den Engeln niemand zu thun vermag;
fünftens, meinen Leib zu berühren, den keiner von euch, wenn ich vor euch
läge, zu berühren wagen würde. Jetzt beklage ich mich über fünf
Beleidigungen, die sie mir zufügen. Erstens, daß sie die Hölle öffnen, und
den Himmel denen, die hineintreten, verschließen; zweitens machen sie aus dem
Freunde einen Feind, und demjenigen, welcher mit einer Wunde zu ihnen kommt,
bringen sie deren zwei bei; denn wenn dieser das verwegene Leben der Priester
erblickt, denkt er bei sich also: Wenn dieser das thut, kann ich es um so eher
thun; drittens machen sie meine Worte zu nichte, bekräftigen ihre Lüge und
leugnen meine Wahrheit; viertens verkaufen sie mit ihrem Munde mich, den sie
heiligen sollten; fünftens kreuzigen sie meinen Leib bitterer als die Juden.
Seht, wie meine Freunde, welche ich auserwählt und so sehr geliebt habe, mir
vergelten. Ich habe sie mir durch meinen Leib verbunden, sie aber lösen unser
Band auf. Deshalb werden sie als Verräter, nicht als Priester gerichtet
werden, wenn sie sich nicht bekehrt haben."
Christus sagt, er habe die Priester vor allen Menschen und Engeln geehrt, sie aber erzürnen ihn vor den übrigen; ihre Verdammnis wird an der ewig verdammten Seele eines Priesters geoffenbart.
Maria sprach: "Gedenke des Leidens meines Sohnes; er
kommt bereits daher." Und siehe! es erschien der heilige Johannes der
Täufer und sprach zur seligen Jungfrau Maria: "In tausend
Jahren war der Zorn Gottes über die Welt nicht so groß." Und als der
Sohn gekommen war, sprach er zur Braut: "Eine Stunde ist es bei mir seit
Anbeginn, und so viele Zeiten bei euch sein mögen, diese sind bei mir nur
gleichsam Eine Stunde. Ich habe Dir vorhin von den Priestern gesagt, wie ich
sie unter allen Engeln und Menschen erlesen habe; nun sind sie mir aber vor
den anderen vorzugsweise unerträglich." Und siehe! es erschienen Teufel;
diese hatten eine Seele in den Händen und sprachen untereinander: "Seht,
da ist der Kämpfer!" Der Richter antwortete: "Obwohl die Leiblichen
nicht hören, was des Geistes ist, auch das leibliche Auge das Geistliche
nicht zu sehen vermag, so sollt ihr doch um dererwillen, welche hier anwesend
ist, und welcher ich die Augen des Verständnisses öffne, sagen, mit welchem
Rechte ihr diese Seele habt." Sie antworteten: "Neunfach ist unser
Recht und ihre Übertretung. Dreifach war sie unter uns, dreifach gleich uns
und dreifach über uns. Fürs erste, daß sie auswendig gut und inwendig böse
war, daß sie bisweilen angefüllt war mit Begehrlichkeit und Gefräßigkeit,
zuweilen sich aber zu des Leibes Nutzen oder wegen dessen Schwäche enthielt,
und daß sie bisweilen streng war in Worten und Werken, während ihre Bosheit
in dieser Strenge nur auf ihren Vorteil sah. Wir haben jedoch das nicht, weil
wir auswendig ebenso sind, als inwendig, allezeit streng in der Bosheit,
allezeit begierig auf das Böse. Dreifach war sie uns gleich, die wir dreifach
gefallen sind: Durch Hoffart, Begehrlichkeit und Neid; diese drei hat sie auch
gehabt. Dreifach war sie über uns, und größer an Bosheit, als wir, sie, die
ein Priester war und mit Deinem Leibe umging. Erstens, weil sie ihren Mund
nicht bewahrte, mit dem sie Deine Worte reden sollte, sondern, wie ein Hund
bellt, Deine Worte wie ein Hund vorbrachte. Und als sie Deine Worte redete,
fürchteten wir uns wie einer, der irgend einen schrecklichen Ton hört;
plötzlich erschreckt, wichen wir vor ihr zurück. Sie selbst aber blieb ohne
Furcht und Scham stehen. Zum anderen bewahrte sie ihre Hände nicht, mit denen
sie Deinen reinsten Leib berührte, sondern befleckte dieselben mit jeglicher
Lust. Und als sie Deinen Leib mit ihren Händen berührte, welcher nach dem
Aussprechen des Wortes der nämliche war, der im Leibe der Jungfrau sich
befunden hatte und gekreuzigt ist, fürchteten wir uns wie ein
Mensch, der am ganzen Leibe von Furcht geschüttelt wird, freilich nicht aus
inniger Liebe, sondern aus Furcht vor Deiner Macht und vor der Größe Deiner
Kraft. Sie aber stand unerschrocken und kümmerte sich um nichts. Und als sie
Dich an ihren Mund brachte, welcher wie ein mit jeglichem Schmutze besudeltes
Gefäß war, waren wir wie Menschen, deren Kräfte aufgelöst sind, und wie
einer, dem alle Kraft fehlt, auch gleichsam tot vor Furcht, während wir doch
unsterblich sind; sie aber fürchtete sich nicht, entsetzte sich auch nicht
vor Deiner Berührung. Weil es jedoch dem Herrn der Herrlichkeit nicht
geziemt, in ein so schandbares Gefäß einzugehen, bist Du mit Deiner Gottheit
und Menschheit zurückgetreten, und während sie allein zurückblieb, kehrten
wir, die wir aus Furcht eine Zeit lang hinweggegangen waren, mit Wut zurück.
In allem dem übertrifft sie uns an Bosheit, und deshalb besitzen wir sie mit
Recht. Weil Du nun ein gerechter Richter bist, so sprich uns Dein Urteil über
dieselbe aus." Der Richter antwortete: "Ich höre, was ihr verlangt;
du aber, elende Seele, sprich so, daß diese es hört, was für einen Willen
hast du bei deinem Ende, da du noch im Genusse deiner Vernunft und der Stärke
deines Körpers warst, gehabt?" Jene antwortete: "Mein Wille war,
unaufhörlich zu sündigen und niemals davon abzulassen; weil ich aber wußte,
daß ich nicht allezeit leben würde, so nahm ich mir vor, bis zum letzten
Augenblick zu sündigen, und in solcher Absicht ging meine Trennung vom Leibe
vor sich." Darauf sprach der Richter: "Dein Gewissen ist dein
Richter. Also sprich in deinem Gewissen, was für ein Urteil du
verdienst?" Die Seele antwortete: "Mein Urteil ist die bitterste und
ärgste Pein, welche ohne Ende und ohne alle Barmherzigkeit dauern wird."
Darauf fuhren die Teufel, nachdem sie deren Urteil vernommen, mit ihr ab. Der
Herr sprach darauf: "Siehe, Braut, was meine Priester thun; ich habe sie
vor allen Engeln und Menschen erwählt und über alle geehrt; sie aber
erzürnen mich vor allen Juden und Heiden und vor allen Teufeln am
allermeisten." ![]()
Christus zeigt, welche Liebe er den Priestern erwiesen. Sie aber sind undankbar und verachten wie eine Ehebrecherin Christum, indem sie drei andere Liebhaber, die Welt, das Fleisch und den Teufel, lieben. Dieses legt er dar an der Seele eines jüngst verstorbenen Priesters, welcher auf ewig verdammt worden.
"Ich bin wie ein Bräutigam, welcher seine Braut mit
aller Liebe in sein Haus einführt. So habe ich die Priester mit meinem Leibe
verbunden, daß sie in mir und ich in ihnen sein möchte. Sie begegnen mir
aber wie eine Ehebrecherin, die zu ihrem Gatten spricht: Deine Worte gefallen
mir nicht, Dein Reichtum ist eitel, Deine Lust wie Gift. Ich habe drei andere,
welche ich mehr lieben und denen ich lieber folgen will. Ihr antwortete der
Mann sanftmütig: Meine Braut, höre mich und warte lieber; denn Deine Worte
sollen mein sein und mein Wille der Deinige, mein Reichtum der Deinige und
Deine Lust die meinige. Allein sie will durchaus nicht hören und geht zu
jenen dreien. Und nachdem sie so weit hinweggegangen, daß der Bräutigam
nicht mehr zu sehen war, sprach der erste von ihnen, die Welt: Hier scheiden
sich die Wege; ich kann ihr nicht weiter folgen, darum will ich ihren ganzen
Reichtum haben. Der zweite, nämlich der Leib, sprach: Ich bin sterblich und
werde eine Speise der Würmer werden, sie aber ist unsterblich, darum will ich
sie hier verlassen. Der dritte, d. i. der Teufel, sprach: Ich bin unsterblich
und werde es ohne Ende bleiben; weil sie hat ohne ihren Mann sein wollen, wird
sie mir ohne Aufhören folgen. Ebenso thun mir jene verfluchten Priester. Sie
sollten mein Glied sein und sich so auszeichnen vor den übrigen wie der
Finger an der Hand; sie sind aber ärger, als der Teufel, und werden deshalb
tiefer, als alle Teufel, in die Hölle versenkt werden, wenn sie sich nicht
bessern. Ich rufe sie wie ein Bräutigam. Alles, was ich vermag, thue ich für
sie; allein je mehr ich sie rufe, desto weiter entfernen sie sich. Meine Worte
gefallen ihnen nicht, mein Reichtum ist ihnen zur Last, meine süßen Worte
verabscheuen sie wie Gift. Ich laufe ihnen nach und mahne sie wie ein
liebender Vater, trage sie wie ein gütiger Herr, ziehe sie durch Geschenke an
mich wie ein guter Bräutigam; allein je mehr ich rufe, desto weiter wenden
sie sich ab. Drei Freunde lieben sie mehr, als mich, d. i. die Welt und den
Leib; deshalb wird der dritte, d. h. der Teufel, sie in Empfang nehmen und
nimmer schlafen. Darum wehe ihnen, daß sie jemals Priester und meine Glieder
geworden sind. Der Priester, welcher eben gestorben ist, hat dreifach
gesündigt: Erstens durch Hoffart, weil er sich wie ein Bischof gekleidet;
zweitens hat er sich loben lassen wegen seiner Weisheit; drittens hat er
seinen Willen zu allem, was er wollte und dem Körper gefiel, hingewendet. Er
enthielt sich um der Gesundheit des Leibes willen, und that, was ihm gefiel,
nur nicht meinen Willen. Allein, was hat ihm das nun genützt? Deshalb ist er
für seine Hoffart vor mir wie ein halbverwester und stinkender Mensch, voll
Geschwüre und von verdorbenem Fleische. Statt des Lobes wird er von mir und
von den Menschen vernachlässigt werden. Anstatt des eigenen Willens nehmen
die Würmer seinen Leib ein und die Seele die Teufel, welche sie unaufhörlich
peinigen. Siehe, was diese Elenden lieben, und was sie thun! Wo sind nun seine
Freunde, wo seine Güter, wo Ehre und Ruhm? Statt alles dieses wird er nun
ewige Schande haben. Sie erkaufen etwas Kleines, nämlich weltliche Ehre, und
geben das Große, nämlich die ewige Freude, auf. Wehe solchen, daß sie
jemals geboren worden! denn sie fallen tiefer in die Hölle, als irgend ein
anderer."
______
Die folgenden Offenbarungen hat die heilige Brigitta in einem
geistlichen Gesichte gehabt, während sie im Gebete war. Dieselben wurden den
Päpsten Innocenz VI., Urban V., Gregor XI. übersendet. Dieselben handeln von
der Zurückführung des Apostolischen Stuhles und des Römischen Hofes nach
Rom und von der Reformation der Kirche nach der Vorschrift Gottes des
Allmächtigen. ![]()
Worte Christi an die Braut, welche des Papstes Innocenz VI. Erwähnung thut, der auf Klemens VI. folgte.
Der Sohn redete zur Braut und sprach: "Dieser Papst Innocenz ist von besserem Erze, als seine Vorgänger, und ein Stoff, der geeignet ist, die besten Farben anzunehmen. Allein die Bosheit der Menschen erheischt, daß er bald aus ihrer Mitte hinweggenommen werde; sein guter Wille wird ihm zur Krone und Mehrung der Herrlichkeit gerechnet werden. Wenn er aber meine Worte der Bücher, welche Dir gegeben worden, hörte, würde er noch besser werden, und die, welche ihm die Worte überbrächten, würden auf eine noch erhabenere Weise gekrönt werden."
Offenbarung, welche den Papst Urban berührt, und welche die Braut Christi zu Rom in betreff der Bestätigung der Regel des Erlöserordens, sowie über die Ablässe zu Petrus Ketten hatte, welche von Christo dem Kloster der seligen Jungfrau zu Wadstena verliehen worden.
Der Sohn Gottes sprach zur Braut: "Wer ein von Faden
gewickeltes Knäuel hat, in welchem sieh das beste Gold befindet, hört nicht
auf, abzufädeln, bis er das Gold gefunden hat. Nachdem dasselbe gefunden
worden, bedient sich sein Besitzer desselben zu seiner Ehre und seinem Nutzen.
So ist dieser Papst Urban Gold, das geschmeidig ist zum Guten; er ist aber
umgeben von den Sorgen der Welt. Darum gehe und sage ihm von meiner Seite:
Deine Zeit ist kurz, stehe auf und gieb acht, wie die Dir anvertrauten Seelen
gerettet werden mögen. Ich habe Dir die Regel des Ordens überbracht, welcher
gegründet und angefangen werden soll am Orte Wadstena in Schweden. Dieselbe
ist aus meinem Munde hervorgegangen. Nun aber will ich, daß dieselbe nicht
allein durch Dein Ansehen bestätigt, sondern auch durch Deinen Segen, der Du
mein Statthalter auf Erden bist, gestärkt werde. Ich habe dieselbe
diktiert und mit einer geistlichen Mitgift ausgestattet, indem ich die
Ablässe bewilligte, welche die Kirche zu den Ketten des heiligen Petrus in
Rom hat. Bestätige Du nun also vor den Menschen, was vor meinen himmlischen
Heerscharen angeordnet ist. Begehrst Du aber ein Zeichen, daß ich dieses
rede, so habe ich Dir ein solches bereits sehen lassen, weil, als Du zuerst
meine Worte vernommen hast, Deine Seele bei der Ankunft meines Boten auf
geistliche Weise getröstet ist. Begehrst Du jedoch ein weiteres Zeichen, so
wird es Dir gegeben werden, aber nicht wie Jonas, dem Propheten.
Dir aber, meine Braut, der ich die gedachte Gnade erwiesen habe, soll, wenn Du nicht die Bulle und Gnade des Papstes, noch das Siegel der Bestätigung für den gedachten Ablaß ohne vorgängige Geldabgabe wirst erlangen können, meine Gnade genügen. Denn ich will mein Wort bewähren und bestätigen, und alle meine Heiligen werden Dir Zeugen, meine Mutter aber wird Dir das Siegel sein, mein Vater der Bestätiger und mein Geist der Tröster derer, welche zu Deinem Kloster kommen."
Dies ist die Offenbarung, welche die Braut Christi über denselben Papst Urban in Rom hatte, bevor jener im Jahre des Herrn 1370 nach Avignon zurückkehrte. Es ward ihm dieselbe zu Montefiascone übergeben.
Als die gedachte Person nachts im Gebete wachte, schien es
ihr, als ob eine Stimme redete, welche aus einem Glanzkreise wie aus einer
Sonne hervorging. Diese Stimme sprach folgende Worte zu ihr: "Ich bin die
Mutter Gottes, weil es ihm also gefiel; ich bin auch eine Mutter aller, welche
in der Freude droben sind. Wenn auch die Kinder, was sie bedürfen, nach ihrem
Willen haben, so wird ihnen zur Vermehrung ihrer Fröhlichkeit die Freude
erhöht, wenn sie das Antlitz ihrer Mutter freundlich sehen. So gefällt es
Gott, alle im himmlischen Hofe mit Freude und Jubel über die Reinheit meiner
Jungfräulichkeit, über die Schönheit meiner Tugenden zu erfüllen, obwohl
sie durch die Macht derselben Gottheit auf unbegreifliche Weise alles Gute
haben. - Ich bin auch eine Mutter aller, welche im Fegfeuer sich befinden,
weil alle Strafen,
welche denen gebühren, die für ihre Sünden gereinigt werden sollen,
stündlich um meines Gebetes willen etlichermaßen gemildert werden; denn so
gefällt es Gott, daß einige von den Strafen, welche sie nach der Strenge der
göttlichen Gerechtigkeit verschuldet haben, ermäßigt werden. Ich bin die
Mutter aller Gerechtigkeit, die in der Welt ist. Diese Gerechtigkeit hat mein
Sohn mit vollkommenster Liebe geliebt. Wie nun die mütterliche Hand allezeit
bereit ist, sich den Gefahren zur Verteidigung des Sohnes ihres Herzens zu
widersetzen, wofern jemand auf dessen Verletzung ausgehen möchte, so bin ich
unaufhörlich bereit, die Gerechten, welche in der Welt sind, zu verteidigen
und vor jeder geistlichen Gefahr zu befreien. Ich bin auch gleichsam eine
Mutter aller Sünder, welche sich bessern wollen, und welche den Willen haben,
nicht weiter gegen Gott zu sündigen; auch bin ich willig, selbst den Sünder,
wie eine liebreiche Mutter, wenn sie sieht, daß die Feinde mit scharfen
Schwertern auf ihren Sohn eindringen, in Schutz zu nehmen. Würde sich diese
in einem solchen Falle nicht männlich den Gefahren entgegenwerfen, um ihren
Sohn den Händen seiner Feinde zu entreißen und ihn mit Freuden in ihrem
Schoße bewahren? Also thue auch ich und werde allen Sündern thun, welche
meinen Sohn mit wahrer Reue und göttlicher Liebe um Barmherzigkeit bitten
werden. Höre Du, und gieb fleißig acht auf das, was ich von meinen zwei
Söhnen sagen werde, die ich Dir nennen will. Der erste, den ich nenne, ist
mein Sohn Jesus Christus, der zu dem Ende aus meinem jungfräulichen Fleische
geboren worden, um seine Liebe zu offenbaren und die Seelen zu erlösen.
Deshalb hat er körperliche Beschwerden nicht gescheut, noch das Vergießen
seines Blutes. Auch hat er nicht verschmäht, Schmachreden anzuhören und die
Pein seines Todes auszustehen. Er ist Gott selber und allmächtig in ewiger
Freude. Der zweite, den ich für meinen Sohn erachte, ist derjenige, welcher
auf dem päpstlichen Stuhle seinen Platz hat, nämlich dem Stuhle Gottes in
der Welt, wofern er seinen Geboten gehorsam und ihm mit vollkommener Liebe
zugethan ist. Nun will ich etwas reden von diesem Papste, welcher Urban
heißt. Um meiner Bitten willen erhielt er die Erleuchtung des heiligen
Geistes, daß er durch Italien nach Rom zu keinem anderen Zwecke sich wenden
solle, als um Barmherzigkeit zu üben, den katholischen Glauben zu stärken,
den Frieden zu befestigen und so die heilige Kirche zu erneuern. Wie eine
Mutter ihr Kind hinführt, wohin sie es haben will, wenn sie demselben ihre
Brust zeigt, so habe ich den Papst Urban durch mein Gebet und das Werk des
heiligen Geistes, ohne daß ihm irgend eine leibliche Gefahr zugestoßen, von
Avignon nach Rom geleitet. Was hatte er mir gethan? Jetzt wendet er mir den
Rücken zu und sein Angesicht von mir ab und gedenkt, von mir zu weichen, wozu
ihn der böse Geist mit seinem Truge anleitet; denn es verdrießt ihn die
göttliche Arbeit, und er hat Gefallen an seinem leiblichen Vorteile. Es zieht
ihn auch der Teufel mit weltlicher Lust, weil er nach weltlicher Gewohnheit
sein Vaterland viel zu lieb hat. Er wird auch gezogen durch den Rat der
weltlichen Freunde, welche mehr ihre Liebe und ihren Willen, als Gottes Ehre
und Willen, oder die Förderung und das Heil ihrer Seelen im Auge haben.
Gelingt es ihm, in das Land zurückzukehren, wo er zum Papste gewählt ward,
so wird er in kurzer Zeit einen Schlag oder einen Backenstreich erhalten, daß
seine Zähne zusammenschlagen und klappern werden, das Gesicht wird finster,
werden und sich verdunkeln, und am ganzen Leibe werden ihm die Glieder
zittern, die Glut des heiligen Geistes wird allmählich in ihm erkalten und
zurücktreten; die Gebete aller Freunde Gottes, welche unter Seufzen und
Thränen für ihn zu bitten sich vorgenommen, werden erstarren, und die Herzen
anfangen, in seiner Liebe Frost zu empfinden, und für zweierlei wird er Gott
Rechenschaft geben müssen. Zuerst für das, was er auf dem päpstlichen
Stuhle gethan; zweitens für das, was er von denenigen unterlassen, was er zu
Gottes Ehre in seiner großen Majestät hätte thun können." (Urban
starb noch im selben Jahre 1370.)
Die folgende Offenbarung ist die erste, welche an den Herrn Papst Gregor XI. durch den Herrn Latino Orsini geschickt worden.
Eine Person, welche wachte und nicht schlief, sondern im
Gebete verharrte, ward im Geiste hingerissen. Und nun schienen alle Kräfte
ihres Geistes gleichsam schwach zu werden; allein ihr Herz
ward entflammt und jubelte auf in der Glut der Liebe; ihre Seele ward
getröstet und ihr Geist durch eine gewisse göttliche Kraft gestärkt, auch
ihr ganzes Gewissen mit einem geistlichen Verständnisse erfüllt.
Dieser Person erschien damals folgendes Gesicht. Sie vernahm
eine süßtönende Stimme, welche sie also anredete: "Ich bin diejenige,
welche Gottes Sohn, den wahren Gott Jesum Christum, geboren. Nachdem ich ein
anderes Mal Dir einige Worte mitgeteilt habe, welche dem Papste Urban gemeldet
werden sollten, so sage ich Dir jetzt wieder solche, welche an den Papst
Gregor zu senden sind. Damit sie aber besser verstanden werden, werde ich Dir
dieselben unter einem Gleichnisse sagen. Wie eine liebevolle Mutter, welche
ihr geliebtes Kind nackt und kalt am Boden liegen sieht, das keine Kräfte
hat, um sich aufzurichten, sondern aus Verlangen nach der mütterlichen
Liebkosung und Milch mit kläglichen Tönen und Geschrei weint, in zärtlicher
Liebe sich erbarmt, eilends auf den Sohn zuläuft, und, damit er vor Kälte
nicht ohnmächtig werde, ihn mit liebreicher Mutterhand emporhebt, alsbald
sanft hätschelt, mit der mütterlichen Wärme ihrer Brust ihn mildiglich
erwärmt und mit der Milch ihrer Brüste süß tränkt, so will ich, die
Mutter der Barmherzigkeit, mit dem Papste Gregor verfahren, wenn er nach Rom
und Italien, in der Absicht zu bleiben, zurückkehren und den Willen haben
wird, daselbst wie ein liebevoller Hirte unter Seufzern und Thränen der
Barmherzigkeit das ewige Verderben der ihm anvertrauten Schafe und ihre
Schäden und schmerzlichen Verluste zu beweinen, wenn er sich ferner
vorgenommen haben wird, mit Demut und schuldiger Hirtenliebe die Kirche in
einen besseren Stand zu versetzen. Dann will ich, eine liebende Mutter, ihn
wie einen nackten, frierenden Knaben von der Erde emporheben, d. h. ihn und
sein Herz gänzlich losmachen von jeglicher irdischen Lust und aller
weltlichen Liebe, welche wider Gottes Willen sind, ihn auch mit der
mütterlichen Wärme meiner Liebe, die in meiner Brust ist, sanft erwärmen.
Ich werde ihn auch sättigen mit meiner Milch, d. h. meinem Gebete, das der
Milch ähnlich ist. Ach, wie zahllos sind jene, welche durch die Milch meines
Gedetes erhalten werden und süße Nahrung empfangen! Mit dieser Milch werde
ich ihn sättigen, d. h. mit meinem Gebete,
das ich für ihn an den Herrn, meinen Gott, welcher mein Sohn ist, richten
werde, daß es ihm gefallen möge, sich zu erbarmen und seinen heiligen Geist
mit dem innersten Herzensblute dieses Papstes Gregorius zu vereinigen. Alsdann
aber wird er mit der wahren Sättigung vollkommen so weit gesättigt werden,
daß er zu nichts anderem weiter in dieser Welt zu leben begehren wird, als,
um Gottes Ehre mit allen seinen Kräften vermehren zu können. Siehe, ich habe
ihm schon die mütterliche Liebe gezeigt, die ich ihm erweisen werde, wenn er
gehorchen wird, weil es Gottes Wille ist, daß er in Demut seinen Sitz nach
Rom verlege. Nun aber, damit er für die Folge sich nicht mit Unwissenheit
entschuldigen möge, kündige ich ihm warnend in mütterlicher Liebe das an,
was folgen wird, nämlich, daß, wenn er dem vorher Gesagten nicht folgt, er
unzweifelhaft die Rute der Gerechtigkeit, d. h. den Zorn meines Sohnes,
fühlen wird, weil ihm dann sein Leben gekürzt und er vor das Gericht Gottes
gerufen werden wird. Alsdann wird ihm keine Macht weltlicher Herren Beistand
leisten. Auch Weisheit und Wissenschaft der Ärzte werden ihm nicht nützen,
noch wird ihm die Luft im Lande seiner Geburt förderlich sein, sein Leben
auch nur um ein weniges zu verlängern. Auch wenn er nach Rom kommen, aber das
Gesagte nicht thun würde, wird ihm das Leben gekürzt werden und werden ihm
die Ärzte nicht helfen, auch nach Avignon wird er nicht zurückkommen, daß
ihm die vaterländische Luft zuträglich sein könnte, sondern er wird
vielmehr sterben."
Es folgt das zweite Gesicht, welches der Herr Graf von Nola an denselben Papst Gregor überbrachte.
Lob und Dienst sei Gott für alle seine Liebe und Ehre der
heiligsten Maria, seiner kostbaren jungfräulichen Mutter, um des Erbarmens
willen, das er mit allen hat, welche ihr Sohn mit seinem kostbaren Blute
erkauft hat! Heiliger Vater, es geschah, daß es einer gewissen Person, welche
Euch wohlbekannt ist, während des Wachens, als sie sich im Gebete befand,
begegnete, daß sie ihr ganzes Herz durch die Glut der göttlichen Liebe und
von einer Heimsuchung des heiligen Geistes entflammt werden fühlte. Die
Person hörte dann eine Stimme, welche ihr sagte: "Höre Du, die Du das
Geistliche siehest, sprich das, was Dir jetzt befohlen wird, und schreibe dem
Papste Gregor die Worte, welche Du jetzt vernehmen wirst: Ich, die ich zu Dir
rede, bin diejenige, welche Gott zu seiner Mutter sich zu erwählen die Gnade
gehabt hat, und aus deren Fleische er seinen menschlichen Leib annahm. Er,
mein Sohn, hat an dem Papste Gregor ein großes Werk der Barmherzigkeit
geübt, als er ihn durch mich seinen heiligsten Willen verkündigen ließ, den
ich ihm in der früheren, ihm übersandten Offenbarung ausführlicher zu
erkennen gegeben habe. Dieses ist mehr um der Gebete und der Thränen der
Freunde Gottes willen geschehen, als infolge einiger seiner vorausgegangenen
Verdienste. Deshalb haben wir, ich und der Teufel, sein Feind, einen schweren
Kampf um ihn gehabt. Denn ich habe in dem anderen Schreiben denselben Papst
Gregor ermahnt, er möge sich in Demut und göttlicher Liebe eilends nach Rom
oder Italien begeben und seinen Sitz daselbst aufschlagen, auch bis an seinen
Tod daselbst verbleiben. Der Teufel aber und andere Ratgeber, welche er hatte,
rieten ihm, zu zögern, und in der Gegend, wo er sich jetzt befindet, zu
weilen, und zwar aus irdischer Liebe und weltlichem Trost an den Verwandten
und fleischlichen Freunden. Darum hat der Teufel jetzt größeres Recht und
mehr Gelegenheit, ihn zu versuchen, weil er mehr dem Rate des Teufels und der
fleischlichen Freunde, als Gottes und meinem Willen gehorsam gewesen. Weil
aber der Papst selber begehrt, über den Willen Gottes noch ausführlichere
Gewißheit zu erhalten, darum ist es recht, daß solches sein Begehren
erfüllt werde. So soll er denn auf das unzweifelhafteste wissen, daß, was
hiernach folgt, der Wille Gottes sei, nämlich, daß er ohne jeglichen Verzug
nach Italien oder Rom komme, solches unfehlbar thue und seine Reise also, um
eilig zu kommen, beschleunige, daß er im Monat März oder spätestens mit
Anfang kommenden Aprils in Person in vorgedachter Stadt oder einer Provinz
Italiens angekommen sein muß, wenn er mich je zur Mutter haben will. Wofern
er aber im Vorgedachten ungehorsam sein würde, so möge er auf wahrhafte
Weise sich überzeugt halten, daß er in dieser Welt niemals mehr mit solchem
Troste, d. h.
einem anderen Besuche oder einer anderen Offenbarung, heimgesucht werden, nach
dem Tode aber vor der göttlichen Gerichtigkeit Rede darüber zu stehen haben
wird, weshalb er den Geboten Gottes nicht hat gehorchen wollen. Hat er aber in
vorgedachter Weise gehorcht, dann will ich ihm auch erfüllen, was ich ihm in
jener, von mir zuerst für ihn bestimmten Offenbarung versprochen habe. Ich
mache diesem Papste auch bekannt, wie niemals ein so fester und ruhiger Friede
in Frankreich sein wird, daß die Bewohner desselben sich voller Sicherheit
und Eintracht einigermaßen erfreuen können, bevor das Volk in diesem Reiche
nicht Gott, meinen Sohn, durch einige große Werke der Liebe und Demut
besänftigt haben wird, nachdem es ihn durch seine vielen bösen Werke und
seine Beleidigungen bisher zum Unwillen und Zorn gereizt hat. Deshalb möge er
wissen, wie die Fahrt jener bewaffneten Männer nach dem heiligen Grabe meines
Sohnes, welche lasterhaften Gesellschaften angehören, diesem meinem Sohne,
dem wahren Gott, ebensowenig gefällt, als das Gold, welches das Volk Israel
ins Feuer warf, und aus welchem der Teufel das gegossene Kalb bildete; denn in
ihnen steckt Hoffart und Begierlichkeit, und wenn sie einigen Willen haben,
nach dem gedachten Grabe zu gehen, so ist es mehr aus Hoffart und Geldgier,
als um der Liebe und Ehre Gottes halber." Nach diesen Worten verschwand
das Gesicht. Hierauf aber fügte die Mutter Gottes diese Worte hinzu:
"Desgleichen sage dem Bischofe, meinem Einsiedler, daß er diesen Brief
verschließe und siegele und nachher auf anderem Papier eine Abschrift davon
nehme, welche er offen jenem Abte, dem Nuntius des Papstes, und dem Grafen von
Nola zu zeigen hat, damit sie solche lesen und wissen, was darin enthalten
ist. Nachdem diese die Abschrift gelesen haben, soll er ihnen den vorgedachten
verschlossenen und versiegelten Brief lassen, den sie ohne Verzug dem Papste
Gregor zu übersenden haben. Die offene Abschrift aber soll er ihnen, wenn sie
solche gelesen haben, nicht belassen, sondern ich will, daß er sie vernichte
und vor ihren Augen in Stücke zerreiße. Denn wie der Brief, so wie er jetzt
ganz ist, in viele Stücklein zerrissen werden wird, so werden, wenn der Papst
nicht in vorbestimmter Zeit und Jahre nach Italien kommt, die Kirchen des
Landes, die unter seinem Gehorsame und in seiner Unterwürfigkeit ihm jetzt
folgen,
unter den Händen der Feinde in gar viele Teile zersplittert werden. Wisse
auch für ganz sicher, daß der Papst zur Erhöhung seiner Trübsal nicht
allein selber vernehmen, sondern auch mit eigenen Augen sehen wird, daß, was
ich sage, wahr ist, und er wird mit der gesamten Hand seiner Macht die
vorgedachten Länder der Kirche nicht in den früheren Zustand ihres Gehorsams
und Friedens zurückzuführen imstande sein. Die Worte aber, welche ich Dir
jetzt sage, dürfen jenem Abte noch nicht gesagt, noch geschrieben werden,
weil der Same in der Erde verborgen wird, bis er zur fruchtbringenden Ahre
[sic!] emporwächst."
Folgende Offenbarung ist der vorgedachten Braut Christi in Neapel für den nämlichen Papst am Feste des heiligen Polykarp zu teil geworden, als sie aus Jerusalem zurückkehrte. Sie hat diese Offenbarung dem Papste nicht übersandt, weil es ihr von Gott nicht befohlen war.
Christus erschien seiner Braut, der Frau Brigitta, als
dieselbe für den Papst Gregor XI. betete, und sprach zu ihr: "Gieb acht
auf die Worte, welche ich rede, meine Tochter! Wisse, daß dieser Papst Gregor
einem Gichtbrüchigen gleicht, welcher seine Hände nicht zum Arbeiten und
seine Beine nicht zum Gehen rühren kann; denn wie die Krankheit der Gicht aus
dem Blute und verdorbenen Säften und der Kälte entsteht, so hält diesen
Papst die ungemäßigte Liebe seines Blutes und die Kälte und Lauheit seiner
Gesinnung für mich hindernd fest. Du sollst aber wissen, wie er mit Hilfe des
Gebetes meiner Mutter schon Hände und Füße in Bewegung zu setzen beginnen
wird, indem er in Erfüllung meines Willens und meiner Ehre nach Rom kommt.
Wisse demnach aufs bestimmteste, daß er nach Rom kommen, und den Weg zu
einigem künftigen Guten zwar beginnen, aber nicht zu Ende bringen wird."
- Hierauf antwortete die Frau Brigitta: "O Herr, mein Gott, die Königin
von Neapel und viele andere sagen mir, es sei unmöglich, daß er nach Rom
komme, weil der König von Frankreich, die Kardinäle und sehr viele andere
Leute seinem Kommen Hindernisse in den Weg legen. Ich habe auch gehört, wie
viele wider
ihn aufstehen, welche sagen, sie hätten den Geist Gottes und göttliche
Offenbarungen und Gesichte, und daß diese kommen und ihm unter diesem
Vorwande vom Kommen abraten. Darum fürchte ich sehr, daß seine Ankunft
verhindert werden wird." Gott antwortete: "Du hast lesen hören, wie
Jeremias in jenen Tagen unter Israel war, welcher den Geist Gottes hatte zum
Weissagen, wie aber auch damals viele waren, welche den Geist der Träume und
der Lüge hatten. Ihnen glaubte der ungerechte König, und deshalb kam er und
mit ihm sein Volk in Gefangenschaft. Hätte der König dem Jeremias allein
geglaubt, so wäre mein Zorn von ihm abgewendet worden. So ist es auch jetzt;
denn mögen sich jetzt entweder Weise, oder Träumer, oder Freunde, nicht des
Geistes, sondern des Fleisches, des Papstes Gregorius erheben und ihm raten
oder widerraten, so bin ich, der Herr, ihnen gleichwohl nichtsdestoweniger
überlegen, und nicht zu ihrem Troste will ich den Papst nach Rom führen. Ob
Du ihn aber kommen sehen wirst oder nicht, das zu wissen ist Dir nicht
verstattet."
Folgende Offenbarung ward der vorgenannten Braut Christi im Monat Februar für denselben Papst Gregor gezeigt. Diesem überbrachte sie ein gewisser Einsiedler, welcher ein Bistum aufgegeben hatte.
"Heiliger Vater! Die Person, welche Euer Heiligkeit
wohl bekannt ist, befand sich wachend im Gebete; sie ward in einer
Geistesverzückung ist eine Betrachtung hineingerissen und erblickte im Geiste
das Bild eines Thrones. Auf demselben saß das Bild eines Menschen von
unschätzbarer Schönheit und ein Herr von unbegreiflicher Macht. Und im
Umfange des Thrones stand eine große Menge von Heiligen und ein unzählbares
Heer von Engeln. Vor dem auf dem Throne Sitzenden stand in einiger Entfernung
ein Bischof, angethan mit bischöflichen Kleidern und Schmuck. Der Herr aber,
welcher auf dem Throne saß, redete mich an und sprach also: Mir ist alle
Gewalt im Himmel und auf Erden von meinem Vater gegeben, und obwohl ich Dir
wie mit Einem Munde zu
reden scheine, so rede ich doch nicht allein; denn der Vater und der heilige
Geist reden mit Dir, und obgleich drei Personen sind wir doch eins in dem
Wesen der Gottheit. Darauf redete er mit jenem Bischofe und sprach: Vernimm,
Papst Gregor XI., die Worte, welche ich mit Dir spreche, und gieb fleißig
acht auf das, was ich Dir sage. Weshalb hassest Du mich so? Weshalb sind Deine
Vermessenheit und Kühnheit wider mich so groß? Dein weltlicher Hof plündert
meinen himmlischen. Du aber beraubst mich übermütigerweise meiner Schafe,
und erpressest gegen Deine Pflicht die Güter der Kirche, welche mein Eigen
sind, und die Güter der Untergebenen meiner Kirche, nimmst dieselben hinweg
und schenkst sie Deinen zeitlichen Freunden. Du nimmst auch und eignest Dir
ohne Recht an die Güter meiner Armen, und giebst und verteilst dieselben
unziemlicherweise an Deine Reichen, weshalb Deine Kühnheit und Vermessenheit
so übergroß sind, weil Du verwegen eingehest in meinen Hof, und das nicht
verschonst was mein Eigen ist. Was habe ich Dir gethan, Gregorius? Ich habe
doch geduldig zugegeben, daß Du zur höchsten päpstlichen Würde
emporstiegest, Dir auch durch Zuschriften, welche ich Dir infolge göttlicher
Offenbarung nach Rom übersandte, meinen Willen vorausgesagt, indem ich Dich
durch dieselben an das Heil Deiner Seele mahnte und Dich vor Deinem großen
Verluste gewarnt habe. Wie vergiltst Du mir nun für so viele Wohlthaten, und
weshalb lassest Du zu, daß an Deinem Hofe die höchste Hoffart, eine
unersättliche Begier, eine Schwelgerei, die mir ein Greuel ist, und auch die
garstigste, bodenloseste, abscheulichste Simonie herrschen? Außerdem raubst
und nimmst Du mir zahllose Seelen als Beute hinweg; denn fast alle, welche an
Deinen Hof kommen, bringst Du in das höllische Feuer, weil Du nicht fleißig
auf dasjenige achtgiebst, was Deinen Hof angeht, während Du doch ein
Vorsteher und Hirte meiner Schafe bist. Und eben darum ist es Deine Schuld,
wenn Du nicht gewissenhaft bedenkst, was für ihr geistliches Wohl zu thun und
zu bessern ist. Und obschon ich Dich nach dem Vorgedachten in Gemäßheit
meiner Gerechtigkeit verdammen könnte, mahne ich Dich doch in meiner
Barmherzigkeit noch einmal an das Heil Deiner Seele, nämlich, daß Du so
schnell als möglich nach Rom kommen wollest auf Deinen Stuhl. Die Zeit
überlasse ich Deinem Belieben; wisse jedoch,
daß, je mehr Du zögerst, um so mehr der Fortschritt Deiner Seele in allen
Tugenden gemindert werden wird. Je bälder Du aber nach Rom kommen wirst,
desto schneller werden Deine Tugenden und die Gaben des heiligen Geistes
wachsen, und Du wirst vom göttlichen Feuer meiner Liebe entzündet werden.
Komm' also und zaudere nicht. Komm' nicht mit der gewöhnlichen Hoffart und
weltlichen Pracht, sondern mit Demut und heißer Liebe. Und wenn Du so
gekommen sein wirst, so vertilge, reiß' aus und zerstöre alle Laster an
Deinem Hofe. Entferne auch von Dir die Ratschläge Deiner weltlichen und
fleischlichen Freunde und befolge demütig die geistlichen Ratschläge meiner
Freunde. Greife darum an und fürchte Dich nicht; erhebe Dich mannhaft und
lege vertrauensvoll die Stärke an; fange an, meine Kirche zu erneuen, die ich
mir mit meinem eigenen Blute erworben habe; sie muß auch erneuert und
geistlicherweise zu ihrem früheren, heiligen Stande zurückgeführt werden;
denn jetzt wird ein Freudenhaus mehr in Ehre gehalten, als die heilige Mutter
Kirche. Wirst Du aber meinem vorgedachten Willen nicht Folge leisten, so
sollst Du festiglich wissen, daß Du mit solchem Urteile und geistlicher
Gerechtigkeit vor meinem ganzen himmlischen Hofe verdammt werden wirst, wie
ein Prälat, der degradiert, öffentlich seiner geweihten, geistlichen
Ehrenkleider mit Schande und unter Verfluchung beraubt und mit Schmach und
Scham überhäuft, verdammt und zeitlich bestraft wird. So werde ich an Dir
thun. Ich werde Dich verstoßen vom himmlischen Hofe, und alles, was jetzt
Deinen Frieden und Deine Ehre ausmacht, wird Dir zu Fluch und ewiger Schande
gereichen. Und ein jeglicher Teufel in der Hölle wird, wie unsterblich und
unzerstörbar sie auch sein mag, einen Bissen von Deiner Seele empfangen, und
statt des Segens wirst Du mit ewigem Fluche erfüllt werden. So lange ich Dir
Deinen Ungehorsam nachsehen werde, so lange wirst Du Glück haben. Gleichwohl,
mein Sohn Gregor, ermahne ich Dich noch einmal, daß Du demütig zu mir
zurückkehren wollest, gehorche meinem, Deines Vaters und Schöpfers, Rate.
Denn wenn Du mir in vorbemeldeter Art folgst, werde auch ich wie ein
liebreicher Vater Dich aufnehmen. Betritt also mannhaft den Weg der
Gerechtigkeit, und Du wirst Glück haben. Verachte nicht den, der Dich liebt;
denn wenn Du gehor-
sam bist, werde ich an Dir Barmherzigkeit üben, und Dich auch segnen und
bekleiden und mit den kostbaren bischöflichen Gewändern des wahren Papstes
schmücken, werde Dich mit mir selbst anziehen, so daß Du in mir sein wirst
und ich in Dir und Du ewiglich gerühmt werden wirst." - Nachdem
Vorstehendes gesehen und gehört worden war, verschwand dieses Gesicht.
Vierte Offenbarung, welche die selige Brigitta an den Herrn Papst Gregor im Monat Juli des Jahres unseres Herrn 1373 übersandte. Sie schrieb auch an einen Einsiedler, welcher einst Bischof gewesen war, und sich damals in dieser Angelegenheit beim Herrn Papste zu Avignon befand.
"Unser Herr Jesus Christus, Herr Bischof, sagte mir,
ich sollte nachfolgende Worte an Euch schreiben, auf daß Ihr dieselben dem
Papste vorzeigen möchtet. Der Papst begehrt ein Zeichen; saget ihm: Auch die
Pharisäer hätten ein Zeichen begehrt. Diesen habe ich geantwortet: Wie Jonas
drei Tage und drei Nächte im Bauche des Walfisches, so bin ich, der Sohn der
Jungfrau, drei Tage und drei Nächte tot in der Erde gewesen (Matth. XII.) und
wieder auferstanden und aufgefahren zu meiner Herrlichkeit. Also wird dieser
Papst Gregorius das Zeichen meiner Mahnung, die Seelen zu retten, erhalten.
Darum soll er die Werke thun, welche meine Ehre betreffen, und dahin trachten,
wie die Seelen erhalten werden, und daß meine Kirche wieder in ihren
früheren Stand und in eine bessere Ordnung komme, und dann wird er das
Zeichen und die Frucht des ewigen Trostes erfahren. Das zweite Zeichen wird er
erhalten, daß, wenn er nicht meinen Worten gehorsam ist und nach Italien
kommt, er nicht allein das Zeitliche, sondern auch das Geistliche verlieren
und Trübsal des Herzens empfinden wird, so lange er lebt. Und wenn auch
zuweilen sein Herz einige Erleichterung zu haben scheinen möchte, werden ihm
doch die Gewissensbisse und die innerliche Trübsal verbleiben. Das dritte
Zeichen ist, daß ich, Gott, wunderbare Worte mit einem Weibe spreche. Wozu
das und zu welchem Nutzen, als zur Frucht und zum Heile und Frommen der
Seelen, und auf daß die Bösen ge-
bessert und die Guten noch besser werden? Was aber den Zwist zwischen dem
Papste und Barnabo betrifft, so antworte ich, daß mir derselbe über die
Maßen verhaßt ist, weil zahllose Seelen dadurch in Gefahr geraten. Deshalb
ist es mir ein Gefallen, wenn Eintracht wird. Denn wofern auch der Papst von
seinem Stuhle vertrieben wäre, so würde es besser sein, wenn er sich
demütigte und Eintracht, in welcher Weise es auch geschehen möchte,
stiftete, als wenn so viele Seelen in ewige Verdammnis gerieten. Von der
Besserung des Reiches Frankreich wird er aber nicht eher etwas zu erfahren
bekommen, als bis er persönlich nach Italien gekommen sein wird. Daher, wenn
ein Galgen dastünde und an diesem ein Strick hinge, woran auf einer Seite
zahllose Leute zögen, auf der anderen aber nur einer, also steht die
Verdammnis der Seelen offen, und schier der größte Teil arbeitet daran.
Darum soll dieser Papst auf mich allein sehen, und, wenn auch alle ihm
abraten, nach Rom zu kommen, und Widerstand thun. soviel sie können, soll er
doch auf mich, den einen, vertrauen, und ich werde ihm helfen und niemand soll
die Oberhand über ihn gewinnen. Wie aber die jungen Vögel im Neste bei
Ankunft der Mutter sich erheben und schreien und sich freuen, so will ich ihm
mit Freuden entgegeneilen, ihn erheben und an Leib und Seele ehren."
Noch sprach der Herr: "Weil der Papst zweifelt, ob er nach Rom kommen solle, um den Frieden und meine Kirche wiederherzustellen, so will ich, daß er durchaus im nächstfolgenden Herbste komme. Und er soll auch wissen, daß er mir nichts Angenehmeres erweisen könne, als daß er nach Italien kommt."
Gesicht, welches die Braut Christi über das Gericht der Seele eines verstorbenen Papstes gehabt.
Die Braut sah eine Person wie eines Bischofes mit dem
Skapulier bekleidet. Dieselbe stand, mit Gassenkote besprengt, in einem Hause.
Das Dach dieses Hauses lag wie gepreßt auf dem Gehirne besagter Person.
Schwarze Mohren mit Haken und anderen Werkzeugen zum Schädigen umgaben das
Haus, mochten aber jene
Person nicht berühren, obwohl sie dieselbe mit dem höchsten Schrecken in
Furcht setzten. Da vernahm ich eine Stimme, welche zu mir sprach: "Dies
ist die Seele des Papstes, den Du kennst. Dieses Haus ist seine geistliche
Vergeltung. Denn er befaßte sich mit verschiedenen weltlichen Dingen, und
deshalb ist seine Belohnung noch nicht entschieden, bis er im Fegfeuer
gereinigt und durch geistliche Gebete und die Liebe Gottes rein gemacht wird.
Daß aber das Dach gleichsam sein Gehirn drückt, ist das Zeichen eines
Geheimnisses; denn das Dach bedeutet die Liebe Gottes, und je größer diese
ist, desto breiter und höher ist dieselbe für geistliche Dinge und zur
Inbrunst Gottes. Weil aber die Liebe dieser Seele in etlichen weltlichen
Werken brannte und mehr dem eigenen Willen folgte, so ist ihr das Dach,
welches für die Auserwählten Gottes leuchtend und hoch ist, eng, bis es
durch das Blut des Sohnes Gottes und die Fürbitte des himmlischen Hofes
erweitert wird. Daß aber die Seele mit einem Skapulier bekleidet erscheint,
ist ein Zeichen, daß sie sich beflissen, den Regeln des Mönchsordens und
ihrem Berufe gemäß zu leben; allein sie hat sich nicht so weit bemüht, daß
sie ein Vorbild der Fortschreitenden und ein Muster der Vollkommenen sein
könnte. - Nun aber wird Dir verstattet, von drei Werken zu wissen, welche
dieser in seinem Leben vollbrachte, und um deren willen er jetzt Strafe
leidet. Das erste ist, daß er gegen Gott und sein Gewissen einigen Ungehorsam
begangen, wobei er Reue und Gewissensbisse empfand; das zweite ist, daß er in
einigen Fällen um menschlicher Liebe willen Dispens erteilte, und darin
seinem Willen folgte; das dritte ist, daß er manches nachgesehen hat, um die
nicht zu beleidigen, welche er liebte, während er wohl hätte bessern
können. Gleichwohl sollst Du wissen, wie diese Seele nicht zu denen gehört,
welche in die Hölle fahren, auch nicht zu denen, welche in schwerere
Prüfungen des Fegefeuers kommen, sondern zu denen, welche täglich und
eilends der Gnade und dem Angesichte der Majestät des allmächtigen Gottes
nahen." ![]()
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
Tel.: +49 (07251) 9761-0, Fax: +49 (07251) 9761-12, e-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.
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