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Leben und Offenbarungen der heiligen Brigitta
Worte des Evangelisten Johannes zur Braut, wie kein Werk ohne Vergeltung ist und die Bibel alle anderen Schriften übertrifft. Von einem Könige, Räuber und Verschwender u. s. w. Vom Rate, den Johannes dem Könige gegeben, und wie er Reichtum und Ehre um Gottes willen verachten soll.
E zeigte sich der Braut die Person eines Mannes, dem man zum
Spotte die Haare ringsum abgeschnitten hatte. Sein Leib war ganz mit Öl
gesalbt und ganz nackt. Er aber schämte sich nicht und sprach zur Braut:
"Die Schrift, die ihr die heilige nennt, sagt, daß kein Werk ohne
Vergeltung sei. Das ist die Schrift, welche bei euch Bibel genannt wird. Bei
uns aber ist sie schimmernd wie eine glänzende Sonne, unvergleichlicher als
Gold, fruchtbar wie ein Same, welcher aus sich hundertfältige Frucht
hervorbringt. Denn wie das Gold alle übrigen Metalle übertrifft, so
übertrifft die Schrift, welche ihr die heilige nennt, alle Schriften, weil in
derselben der wahre Gott geehrt und gepredigt wird. Der Patriarchen Werke
werden erzählt, die Eingebungen der Propheten erklärt. Weil nun also kein
Werk ohne Vergeltung ist, so vernimm, was ich sage: Der König, für welchen
Du bittest, ist vor
Gott ein Räuber, ein Seelenverderber, ein verschwenderischer
Reichtumsvergeuder. Er ist ein Seelenverderber, da er die Ungerechten auf
fleischliche Weise liebt, die Ruchlosen auf ungerechte Weise erhöht, die
Gerechten unterdrückt, und Ausschweifungen, welche zu bessern wären, mit
Stillschweigen übergeht. Er ist ein Räuber an demjenigen, der das Haupt an
seinen Busen gelehnt hat; denn das Volk seines Landes, das gleichsam an seinen
Busen gelehnt war, hat er auf eine klägliche Weise beraubt, hat gestattet,
daß ihm Hab und Gut hinweggenommen und Unerträgliches auferlegt wurde,
während er über das Unrecht, das andere begingen, hinwegsah und die
Gerechtigkeit allezeit nachlässig übte. Er ist ein Dieb, da er, nachdem ihm
alles anvertraut und die Schlüssel übergeben wurden, den Herrn wider dessen
Willen bestiehlt und die Schlüssel der Macht und Ehre ungerecht und
verschwenderisch und nicht zur Ehre Gottes gebraucht. Weil er doch aber
einiges, woran er Gefallen hatte, aus Liebe zu mir unterlassen hat, so gebe
ich ihm einen dreifachen Rat. Erstens, daß er sein soll wie der Mensch im
Evangelium, welcher die Träber der Säue verließ und zu seinem Vater
zurückkehrte; so soll auch er den Reichtum und die Ehren verachten, welche im
Vergleich mit den ewigen Dingen nichts anderes sind, als die Träber der
Säue, und mit Demut und Ergebung zu seinem Vater und Gott zurückkehren.
Zweitens soll er die Toten ihre Toten begraben lassen und den engen Pfad des
gekreuzigten Gottes wandeln. Drittens soll er die schwere Bürde seiner
Sünden ablegen und auf dem Wege dahinwandeln, welcher im Anfange eng, am Ende
aber freudenvoll ist. Du aber, die Du mich siehst, erkennst wohl, wie ich
derjenige bin, der ich die goldene Schrift vollkommen erkannt und durch
Erkenntnis gemehrt habe. Ich ward schmählich entblößt, weil ich aber
geduldig aushielt, bekleidete Gott meine Seele mit einem unsterblichen
Gewande. Ich bin auch eingetaucht in Öl, deshalb freue ich mich wie im Öle
der ewigen Freude. Überdies bin ich nächst der Mutter Gottes mittels des
leichtesten Todes aus der Welt geschieden, weil ich der Hüter der Mutter
Gottes geworden, und mein Leib befindet sich an einem gar ruhigen und sicheren
Orte." ![]()
Ein wunderbares und merkwürdiges Gesicht der Braut. Gott legt dieses Gesicht aus. Nach dieser Auslegung bedeuten die Getauften das Tier, die Heiden den Fisch und die Freunde Gottes die drei Scharen.
Hierauf hatte die Braut ein Gesicht von zwei Wagen, welche
auf der Erde standen, mit ihren Spitzen und Verbindungen aber bis an die
Wolken reichten. Die Ringe aber durchdrangen den Himmel. In der ersten Wage
lag ein Fisch, dessen Schuppen so scharf waren wie ein Reibeisen; sein
Angesicht war wie eines Basilisten; sein Maul wie das eines Einhorns, welches
Gift ausspeit; die Ohren waren wie zwei sehr scharfe Speere und wie eiserne
Klingen. In der anderen Wage befand sich ein Tier, dessen Haut wie ein
Kieselstein war. Der ungeheuere Mund ergoß glühende Flammen. Seine
Augenlider waren wie sehr harte Schwerter. Auch seine Ohren waren sehr hart
und schleuderten überaus scharfe Pfeile von sich, als wie von einem harten
und gespannten Bogen. Sodann erschienen drei Scharen von Völkern auf der
Erde; von denen die erste klein, die zweite kleiner und die dritte ganz klein
war. Darüber ertönte, eine Stimme vom Himmel, welche sagte: "O meine
Freunde, mich dürstet heftig nach dem Herzen jenes wunderbaren Tieres. Wenn
nur jemand wäre, der es mir aus Liebe darbieten möchte! Auch nach dem Blute
des Fisches habe ich ein feuriges Verlangen, wenn nur Ein Mensch sich finden
wollte, der, mir's brächte." Es antwortete aus der einen Schar eine
Stimme und sprach wie aus dem Munde aller: "Vernimm, o unser Schöpfer,
wie können wir Dir das Herz eines so großen Tieres bringen, dessen Fell
härter ist als Kieselstein? Wenn wir uns seinem Munde nähern wollen, werden
wir von der Flamme seines Feuers angezündet; schauen wir seine Augen an, so
werden wir von den Pfeilen ihrer Funken durchbohrt werden. Wenn aber auch
einige Hoffnung da wäre, das Tier zu haben, wer wird den Fisch haschen
können? Seine Schuppen und Flossen sind spitziger als ein Schwert, seine
Augen blenden unseren Blick, sein Mund ergießt über uns unheilbares
Gift." Es antwortete die Stimme
vom Himmel und sprach: "O meine Freunde, das Tier und der Fisch scheinen
euch unüberwindlich, allein beim Allmächtigen ist alles leicht, Wer also
immer den Weg sucht, das Tier zu bekämpfen, dem will ich vom Himmel Weisheit
eingießen und Stärke erteilen. Wer aber für mich zu sterben bereit ist, dem
werde ich mich selbst zum Lohne geben." Die erste Schar antwortete:
"O höchster Vater, Du bist der Geber alles Guten, wir aber, Deine
Geschöpfe, werden Dir gern zu Deiner Ehre unser Herz geben. Weil uns aber der
Tod hart, die Schwäche des Fleisches lästig, die Wissenschaft aber gering
erscheint, so regiere Du uns inwendig und auswendig, und nimm huldvoll, was
wir Dir bieten, und vergilt, was und so viel Dir gefällt." Die zweite
Schar erwiderte: "Wir erkennen unsere Schwächen und nehmen die
Eitelkeiten und Wechsel der Welt wahr; darum werden wir Dir gern unser Herz
geben und unseren ganzen Willen anderen unterwerfen, weil wir lieber unter
anderen stehen, als das mindeste von der Welt besitzen wollen." Die
dritte Schar sprach: "Höre, Du Herr, der Du das Herz des Tieres begehrst
und nach dem Blute des Fisches dürstest, gern werden wir Dir unser Herz geben
und sind bereit, für Dich zu sterben. Gewähre Du Weisheit und wir werden den
Weg suchen, das Herz des Tieres zu finden." Hierauf tönte eine Stimme
vom Himmel und sprach: "O Freund, wenn Du des Tieres Herz finden willst,
so durchbohre mit einem spitzigen Bohrer Deine Hände in der Mitte. Sodann
nimm die Augenlider von einem Walfische und klebe dieselben mit starkem Leim
an Deine Augenlider. Nimm eine Stahlplatte und binde sie fest auf Dein Herz,
so daß die Breite und Fläche des Stahles Dein Herz bedecken, schließe auch
Deine Nasenlöcher, indem Du Deinen Atem in den Hals ziehest. So gehe mit
geschlossenem Munde und eingezogenem Atem kühn vorwärts gegen die Wildheit
des Tieres. Wenn Du nun das Tier selber erreicht hast, so ergreife mit beiden
Händen seine Ohren; ihre Pfeile werden Dir nicht schaden, sondern durch die
Öffnungen in Deinen Händen hindurchgehen. Dazu laufe dem Tiere mit
geschlossenem Munde entgegen, und wenn Du ihm nahe gekommen, blase Deinen
ganzen Atem auf dasselbe ein. Wenn es sich nahet, werden seine Flammen Dir
nicht schaden, sondern auf das Tier selber eindringen und dasselbe anzünden.
Achte sorgfältig auf die Spitzen der Schwerter, welche aus
den Augen des Tieres herausgehen und halte ihnen Deine mit den Augenlidern des
Walfisches beschützten Augen entgegen; stoßen sie gegenseitig aufeinander,
so werden entweder des Tieres Schwerter sich beugen oder in sein eigenes Herz
hineinfahren. Gieb auch aufmerksam acht auf den Herzensschlag des Tieres und
stoße die Spitze des Stahles fest hinein, indem Du die kieselsteinharte Haut
des Tieres durchbohrst. Ist sie durchbohrt, so wisse, daß das Tier sterben
wird, und sein Herz wird mein sein. Ist es ein Talent wert, so werde ich dem
Arbeiter hundert geben. Widersteht aber die Haut dem Stoße und verletzt das
Tier den Menschen, so werde ich ihn heilen, und wenn er tot ist, wieder
erwecken. Wer mir aber den Fisch bringen will, der gehe ans Ufer mit einem
Netze in den Händen, das nicht aus Fäden, sondern aus dem köstlichsten Erze
zusammengesetzt ist. Er gehe aber nicht tiefer ins Wasser, als bis an die
Kniee, damit ihm nicht etwa die Stürme schaden, und den Fuß setze er auf
eine feste, schlammfreie Stelle. Danach verbinde er sich eines seiner Augen
und wende es dem Fische zu, und so wird dessen Basiliskenauge ihm nicht
schaden. Auch mit einem Schilde von Stahl muß er sich waffnen, damit der
Fisch mit den scharfen Zähnen seines Gebisses ihn nicht verwunde. So
gerüstet werfe er kräftig und vorsichtig das Netz über ihn aus und habe
acht, daß er dasselbe mit dem Reibeisen seiner Schuppen nicht zerreiße, noch
daraus zu entweichen vermöge. Wenn er nun das Netz oben über ihn
ausgebreitet und zehn Stunden über dem Wasser gehalten hat, so wird der Fisch
sterben. Er soll ihn dann ans Ufer bringen und mit dem Auge, welches er nicht
verbunden hatte, anschauen, die Hände anlegen und ihn am Rücken öffnen, wo
mehr Blut ist, und dasselbe so seinem Herrn darbieten. Wenn aber der Fisch
entschlüpfen, oder an ein anderes Gestade schwimmen und dem Menschen mit
seinem Gifte schaden möchte, so bin ich mächtig, den Vergifteten zu heilen.
Die Belohnung für das Blut des Fisches wird nicht geringer sein, als die für
das Herz des Tieres." Ferner sprach Gott: "Die beiden Wagen bedeuten
so viel, als wenn einer sagte: Schone und leide, warte und erbarme dich, wie,
wenn jemand des anderen Ungerechtigkeit sähe und ihn beständig ermahnte, vom
Bösen abzustehen. So steige ich, Gott und Schöpfer aller Dinge, zuweilen
nach Art der Wage hinab auf den Menschen, ermahne
ihn, schone seiner und prüfe ihn durch Trübsal. Bisweilen auch steige ich
hinauf, indem ich die Herzen der Menschen erleuchte, entflamme und mit
ungewöhnlicher Gnade heimsuche. Die Wagebänder, welche an die Wolken
reichen, bedeuten, daß ich, der Gott aller Dinge, alle, sowohl Heiden als
Christen, Freunde wie Feinde erhalte, durch meine Gnade erleuchte und
heimsuche, vorausgesetzt, daß sich Leute finden sollten, welche meiner Gnade
entsprechen und ihren Willen samt Neigung vom Bösen abkehren wollten. Das
Tier aber bedeutet diejenigen, welche, nachdem sie die Taufe empfangen und zu
den Jahren der Unterscheidung gekommen, die Worte des heiligen Evangeliums
nicht befolgen, deren Herz und Mund auf das Irdische verfallen sind, und
dasjenige, was geistlich ist, gar nicht beachten. Der Fisch aber bedeutet die
Heiden, die auf den Sturmwogen der Begierlichkeit umhertreiben, und deren
Blut, d. h. der Glaube, gering, sowie ihre Einsicht von Gott klein ist. Darum
begehre ich das Herz des Tieres und das Blut des Fisches, und suche, ob jemand
gefunden würde, der es aus Liebe unternehmen möchte, mir dieselben zu
bringen. Die drei Scharen aber sind meine Freunde. Die erste sind die, welche
sich der Welt auf eine vernünftige Weise bedienen; die zweite diejenigen,
welche das Ihrige verlassen und demütig Gehorsam leisten; die dritte die,
welche für Gott zu sterben bereit sind."
Ein wunderbares Gespräch in Art von Fragen und Antworten zwischen Gott und der Braut über den König und sein Erbrecht im Reiche; von seinen Nachkommen, und wie durch diese Nachkommen einiges zurückbegehrt werden soll, anderes nicht.
"O Herr," sprach die Braut, "werde nicht
unwillig, daß ich frage. Aus der Schrift habe ich vernommen, daß man nichts
mit Unrecht erwerben, auch nichts behalten soll, was wider Recht erworben
worden. Nun aber hat jener König das Land inne, Einige sagen, er besitze es
mit Recht, andere behaupten das Gegenteil, und deshalb ist es wunderbar, wenn
Du an diesem das duldest, was an anderen gemißbilligt wird." Gott
antwortete: "Nach der Sündflut
sind keine Menschen übriggeblieben, als die in der Arche Noahs befindlich
waren. Aus ihnen ging ein Geschlecht hervor, das gegen den Aufgang der Sonne
seinen Weg nahm. Einige davon kamen nach Schweden. Ein anderes Geschlecht
wandte sich nach dem Niedergange; einige daraus Entsprossene kamen nach Dacien.
Diejenigen aber, welche zuerst das Land zu bauen begannen, das mit Wasser
nicht umschlossen war, eigneten sich nichts vom Lande derer zu, welche
jenseits des Wassers und auf den Inseln wohnten, sondern ein jeder war
zufrieden mit dem, was er gefunden, wie von Loth und Abraham geschrieben
worden. Willst Du, sprach dieser, zur Rechten gehen, so werde ich die Linke
behalten. Als wollte er sagen: Alles, was Du Dir zueignest, wird Dein sein und
Deinen Erben gehören. Im Fortgange der Zeit kamen die Richter und die
Könige, welche, mit ihren Grenzen zufrieden, nicht das Land derer in Besitz
nahmen, welche auf den Inseln und jenseits des Wassers wohnten, sondern ein
jeglicher blieb in den Marken und Grenzen der Alten." Sie antwortete:
"Wenn ein Teil eines Reiches durch eine Schenkung von dem Reiche
veräußert worden wäre, sollte das vom Nachfolger nicht zurückgefordert
werden können?" Gott antwortete ihr: "In einem gewissen Reiche ward
die Krone aufbewahrt, welche dem Könige gehörte. Das Volk meinte, es könne
nicht bestehen ohne einen König. Sie wählten sich also einen König und
übergaben dem erwählten Könige die Krone zum Aufheben und Überweisung an
den künftigen König. Wenn nun der also erwählte König einen Teil von der
Krone veräußern oder dieselbe mindern wollte, so könnte und müßte es
wahrlich der künftige König zurückfordern, weil keine Verminderung an der
Krone stattfinden, und der König die Krone des Reiches weder schmälern, noch
veräußern darf, ausgenommen aus einem vernünftigen Grunde auf die Dauer
seiner Tage. Was ist aber die Krone eines Königreiches anders, als die
königliche Gewalt? Was ist das Reich anders, als das ihm unterworfene Volk?
und was der König anders, als der Mittler und Erhalter des Reiches und des
Volkes, also der Bewahrer und Verteidiger der Krone? Weder teilen, noch
schmälern darf er die Krone zum Nachteile des künftigen Königs." Die
Braut fragte weiter: "Wenn nun ein König aus Not oder infolge von Gewalt
genötigt würde, einen Teil der Krone zu veräußern?" Gott sprach:
"Wenn zwei Menschen uneins wären, der eine mächtigere wollte aber keine
Gnade geben, außer es würde dem anderen der Finger abgeschnitten, wem würde
dann der abgeschnittene Finger gehören, als demjenigen, der den Schaden
erlitten? Also ist es auch mit dem Reiche. Wenn ein König in der Not oder in
Gefangenschaft sein Reich um einen Teil verminderte, so wird der künftige
König denselben fürwahr zurückfordern können; denn der König ist nicht
Herr, sondern bloß Träger desselben, und die Not bildet kein Gesetz."
Jene antwortete: "Wenn nun ein König einem Herrn auf die Tage seines
Lebens einen Teil der Krone abgetreten hätte und nach des Königs Tode jener
Herr oder dessen Nachfolger das Eingeräumte als Eigenes zurückbehalten
wollte, müßte dasselbe dann zurückgefordert werden?" Darauf der Herr:
"Allerdings muß das Land an den rechtmäßigen Herrn
zurückkehren." Sie fragte weiter: "Wenn ein Teil der Krone jemand
Schulden halber verpfändet wäre, und dieser, nachdem er viele Jahre die
Früchte erhoben, stürbe, das Land aber geriete nachher in eines anderen
Hand, welcher auf das Land keinen gerechten Anspruch hätte, weil es ihm weder
überlassen, noch verpfändet worden wäre, sondern er hätte es bei irgend
einer Gelegenheit in Besitz genommen und wollte es nicht eher herausgeben, bis
er Geld empfangen hätte, was würde da zu thun sein?" Der Herr sprach zu
ihr: "Wenn jemand eine goldene Kugel in der Hand hielte und sagte einem,
der dabei stünde: Diese Kugel ist dein, wenn du sie wieder haben willst, gieb
nur so und so viel Pfunde, wahrlich, es müßten ihm so viel Pfunde gegeben
werden. Wo also ein Land unter Botmäßigkeit gebracht und friedlich behauptet
worden, da muß es weislich zurückgefordert und mit Anrechnung des Schadens
wieder zurückerworben werden. Wie nun aber ein König, welcher erwählt
worden, auf einem Stein, dem Volke zum Schauspiel, erhoben und damit
angedeutet wird, daß er die Herrschaft und den Besitz in den oberen Teilen
des Reiches habe, so gehört auch dieses Land in seinen unteren Teilen und
vermöge Erbrechtes und Kaufes und Wiederkaufes zum Reiche. Darum soll der
König bewahren, was er erhalten, damit er nicht, wenn er anders handelt, die
Herrschaft verliere und der Krone verlustig gehe." Die Braut redete
ferner: "O Herr, werde nicht unwillig, wenn ich noch einmal frage. Ein
König hat zwei Reiche
und zwei Söhne. In dem einen Reiche wird er König kraft des Erbrechtes, im
anderen aber erwählt durch die Gunst des Volkes. Nun ist aber das Gegenteil
erfolgt; denn der jüngere Sohn ist König geworden im Erbreiche und der
ältere in dem Reiche, in welchem erwählt werden muß." Gott antwortete:
"Bei den Wählern sind drei unziemliche Sachen vorgekommen und das vierte
geht noch darüber: ungeordnete Liebe, erheuchelte Klugheit, die Schmeichelei
der Thoren und Mißtrauen gegen Gott und die Gemeinde. Deshalb war ihre Wahl
wider die Gerechtigkeit, wider Gott, wider die Wohlfahrt des Staates und den
Nutzen der Gemeinde. Um daher für die Erhaltung des Friedens zu sorgen und
dem allgemeinen Nutzen förderlich zu sein, ist es erforderlich, daß der
ältere Sohn das Erbreich in Besitz nehme, der jüngere aber das Wahlreich.
Außerdem und wenn nicht das früher Geschehene zurückgenommen wird, wird das
Reich Nachteil leiden, die Gemeinde betrübt werden, Zwietracht entstehen, die
Tage der Söhne werden in Bitterkeit vergehen, ihre Reiche werden bald nicht
mehr Reiche sein, sondern, wie geschrieben steht: Die Mächtigen werden ihre
Stühle verlassen, und die auf Erden wandelten, werden erhöht werden. Siehe,
ich erzähle Dir das Beispiel von zwei Reichen, in dem einen findet eine Wahl,
im anderen Erbfolge statt; das erste, in welchem eine Wahl stattfand, ist
wüste und betrübt, weil der wahre Erbe nicht erwählt worden, und das haben
die Parteien unter den Wählenden bewirkt und die Begierde derer, welche nach
dem Reiche trachteten. So betrübt denn Gott den Sohn nicht um der Sünden
seines Vaters willen und zürnt nicht ewig, sondern übt und hält
Gerechtigkeit auf Erden und im Himmel. Daher wird jenes Reich nicht eher zum
früheren Ruhme und in einen glücklicheren Zustand gelangen, als bis ein
rechter Erbe entweder aus der väterlichen oder mütterlichen Nachfolge
aufstehen wird." ![]()
Worte Gottes zur Braut in betreff zweier Geister, nämlich des bösen und des guten, und von dem wunderbaren und nützlichen Kriege im Herzen einer Frau, welcher aus den Eingebungen des guten Geistes und den Anfechtungen des bösen Geistes hervorgegangen ist, und was darin zu erwählen sei.
Christus sprach zur Braut: "Von zwei Geistern werden
die Gedanken und Eingebungen in dem Herzen der Menschen herbeigeführt und
eingegossen, nämlich von einem bösen und einem guten Geiste. Der gute Geist
rät dem Menschen, an das künftige Himmlische zu denken, das Zeitliche aber
nicht zu lieben. Der böse Geist rät, zu lieben, was man sieht, und macht die
Sünde zu etwas Leichtem. Er beruft sich auf Schwachheiten und führt
Beispiele von Schwachen an: Wohlan, ich erzähle Dir ein Beispiel, wie beide
Geister das Herz jener Dir bekannten Frau und Königin, von der ich Dir
bereits früher gesagt habe, entflammen. Der gute Geist sagt ihr und giebt
ihren Gedanken folgendes ein: Der Reichtum ist eine Last, die Ehre der Welt
wie Luft und die Lust des Fleisches wie ein Traum. Die Freuden sind
vergänglich und alles Weltliche ist Eitelkeit. Das künftige Gericht ist
unvermeidlich und der Peiniger gar grausam. Deshalb scheint es mir gar hart zu
sein, über die Verwendung des flüchtigen Reichtums sich zu verantworten,
langwierige Trübsal zu erdulden für ein augenblickliches Vergnügen, und dem
Rechenschaft abzulegen, dem alles bekannt ist, ehe es noch geschieht; deshalb
ist es sicherer, vieles fahren zu lassen und nur eine Rechnung über weniges
zu führen, als sich in vieles zu verwickeln und eine lange und schwere
Rechenschaft abzulegen. Auf diese Eingebungen antwortet im Gegenteil der böse
Geist: Laß solche Gedanken fahren, Gott ist gütig und leicht zu
besänftigen. Besitze mutig Güter und spende reichlich, was du besitzest;
denn dazu bist du geboren, daß du gelobt werdest, wenn du dem Bittenden
mitteilst. Wenn du den Reichtum fahren lassest, wirst du denen dienen, welche
dir dienstbar waren, deine Ehre wird vermindert und deine Verachtung wird
vermehrt werden; eine Person, welche arm ist, geht ohne Trost dahin. Es ist
auch hart für dich,
dich in neue Gewohnheiten zu finden, das Fleisch durch dir fremde Sitten zu
zähmen und ohne Bedienung zu leben. Deshalb bleibe stehen in der empfangenen
Ehre, halte deinen Stand königlich fest, versieh dein Haus löblich, auf daß
du nicht, wenn du deinen Stand veränderst, der Unbeständigkeit beschuldigt
werdest; harre vielmehr, aus beim Angefangenen und du wirst Ruhm haben bei
Gott und den Menschen. Hernach erteilt wieder der gute Geist dem Herzen dieser
Frau und Königin Rat, daß sie spricht: Ich weiß, zwei sind ewig, Himmel und
Hölle. Niemand, der Gott über alles liebt, wird in die Hölle kommen, wer
aber Gott nicht liebt, wird keinen Himmel haben. Auf dem Wege zum Himmel
wandelte Gott selber, nachdem er Mensch geworden war, und bestätigte
denselben durch seine Wunder und seinen Tod. Wie herrlich ist das Himmlische,
wie bitter die Bosheit des Teufels und wie eitel das Irdische! Gott selbst
sind seine Mutter und alle seine Heiligen nachgefolgt; sie haben jegliche Qual
aushalten und alles lieber verlieren wollen, ja sich selbst verachtet, um
nicht das Himmlische und Göttliche zu verlieren. Deshalb ist es sicherer, die
Ehre und Reichtum bald aufzugeben, als dieselben bis zum Ende behalten zu
wollen, wo mit der Erinnerung auch der Schmerz über die Sünde zunimmt und
jene, die nach meiner Seligkeit nichts fragen, meinen erworbenen Reichtum an
sich reißen. Die böse Eingebung des Teufels entgegnet hierauf: Laß ab,
hieran zu denken; wir sind schwache Menschen, Christus aber ist Gott und
Mensch; wir dürfen unsere Werke nicht mit denen der Heiligen vergleichen,
welche eine größere Gnade und Freundschaft mit Gott hatten. Es soll uns
genügen, auf den Himmel zu hoffen und in unserer Schwachheit dahinzuleben,
auch unsere Sünden durch Almosen und Gebet loszukaufen; denn es würde
kindisch und närrisch sein, Ungewöhnliches anzugreifen und es nicht
hinausführen zu können. Die gute Eingebung antwortet: Ich bin unwürdig,
mich den Heiligen zu vergleichen; allein es ist gar sicher, allmählich nach
der Vollkommenheit zu streben. Was hindert denn, Ungewöhnliches zu
unternehmen, da Gott Macht hat, Hilfe zu gewähren? Es begiebt sich ja oft,
daß ein Armer den Weg eines mächtigen und reichen Herrn einschlägt und ihm
nachfolgt. Und, wenn auch der Herr eher zur Herberge kommt, zartere Speisen
genießt und auf einem weichen Bette ruht,
so kommt doch der Arme auch bei derselben Herberge an, wenn auch erst spät,
und nimmt teil an den übriggelassenen Speisen des Herrn. Hätte er den Weg
des Herrn nicht eingeschlagen, so hätte er die Herberge des Herrn aufgeben
müssen und die Speisen des Herrn nicht genossen. Daher sage ich denn auch
jetzt, daß, obwohl ich unwürdig bin, mich den Heiligen zu vergleichen, ich
doch ihren Weg hinter ihnen her einschlagen will, damit ich wenigstens an
ihren Verdiensten teilnehmen könne. Denn zweierlei ist's, was mich bekümmert
in meinem Geiste: Erstens, daß, wenn ich in meinem Vaterlande bleibe, die
Hoffart über mich herrscht. Die Liebe zu den Eltern, denen zu helfen ich
verpflichtet bin, drückt mein Gemüt nieder; der Überfluß des Gesindes und
die Kleider sind mir lästig, deshalb erfreut es mich und ist geratener,
herabzusteigen vom Sitze der Hoffart und durch Pilgern meinen Leib zu
demütigen, als im Stande der Ehre zu bleiben und Sünden auf Sünden zu
häufen. Zweitens bekümmert mich die Armut und das Geschrei des Volkes,
welches zu seiner Hilfe meine Gegenwart verlangt. Deshalb bedarf ich eines
guten Rates. Die böse Eingebung und Einflüsterung des Teufels erwidert: Das
Pilgern ist um das Zeichen eines unbeständigen Gemütes, Barmherzigkeit
dagegen ist Gott angenehmer, als jedes Opfer. Wofern du aus deinem Vaterlande
dich hinwegbegiebst, werden genußsüchtige Menschen, wenn sie deinen Ruf
vernommen, dich ausplündern und gefangennehmen. Dann wirst du statt der
Freiheit die Gefangenschaft haben, Armut für Reichtum, Schande für Ehre,
Unruhe statt Ruhe. Der gute Geist entgegnet mittels seiner Eingebung: Ich habe
von einem in einen Turm gesetzten Gefangenen gehört, welcher ein größeres
Vergnügen an der Gefangenschaft und der Dunkelheit fand, als er früher
jemals am Überflusse und zeitlicher Freude gefunden. Wenn es Gott also
gefällt, mich mit Trübsalen heimzusuchen, so wird es mir zum größeren
Verdienste gereichen; denn er ist liebevoll, um uns zu trösten, und zur Hilfe
schnell bereit, namentlich, wenn ich mein Vaterland nur verlasse meiner
Sünden wegen und um mir die göttliche Liebe zu verdienen. Die böse
Eingebung und Einflüsterung des Teufels antwortet weiter: Wie, wenn du des
göttlichen Trostes unwürdig wärest und Demut und Armut nicht ertragen
könntest? Dann wird es dich reuen, dich der Strenge
ergeben zu haben. Alsdann wirst du statt eines Ringes einen Stab in der Hand,
statt einer Krone einen Lappen auf dem Haupte, einen häßlichen Sack anstatt
eines purpurnen Kleides haben. Der gute Geist dagegen spricht: Ich habe
gehört, wie die heilige Elisabeth, eines ungarischen Königs Tochter, obwohl
zärtlich erzogen und edel vermählt, eine große Armut und Verachtung
ausgestanden. In der Armut erhielt sie einen größeren Trost von Gott und
eine höhere Krone, als wenn sie in aller Ehre der Welt und deren Freuden
geblieben wäre. Die böse Eingebung erwidert darauf und spricht: Was wirst du
thun, wenn Gott dich dahingiebt in die Hände der Menschen, oder du
geschwächt wirst an deinem Leibe? Solltest du dann noch bestehen können vor
Scham? Wirst du dich nicht untröstlich beklagen über deine Halsstarrigkeit,
und wird dein ganzes Geschlecht nicht Ärgernis nehmen und trauern? Alsdann
wird fürwahr bei dir die Ungeduld sich erheben und die Angst aufstehen im
Herzen und Undankbarkeit gegen Gott. Dann wirst du wünschen, deine Tage
möchten ein Ende nehmen. Und wenn du in aller Munde verschrieen sein wirst,
dürftest du dich dann wohl sehen lassen? Hierauf entgegnet der gute Gedanke
wiederum: Ich habe aus einer Schrift vernommen, wie die selige Lucia, als sie
in ein Hurenhaus geführt worden, standhaft im Glauben und vertrauend auf die
Güte Gottes gesprochen: Wie sehr mein Leib auch geschändet werden mag,
nichtsdestominder bleibe ich eine Jungfrau, und meine Krone wird verdoppelt
werden. Als Gott ihren Glauben gewahrte, ließ er sie unversehrt bleiben. Also
sage ich denn: Gott, der niemand über seine Kräfte versucht werden läßt,
wird meinen Sinn, meinen Glauben und meinen Willen bewahren. Denn ich ergab
mich ihm völlig; sein Wille geschehe an mir. Weil nun diese Frau von solchen
Gedanken beunruhigt wird, ermahne ich sie in drei Stücken. Erstens soll sie
sich vor das Gedächtnis führen, zu welcher Ehre sie auserwählt worden;
zweitens, was für eine Liebe ihr Gott in ihrem Ehestande erwiesen hat;
drittens, wie voll Güte sie in dieser Sterblichkeit erhalten worden ist.
Dagegen warne ich sie dreifach: Erstens, daß sie Gott Rechenschaft über alle
ihre zeitlichen Güter wird geben müssen bis auf jeden Heller, und wie
derselbe erhoben und ausgegeben worden; zweitens, daß ihre Zeit sehr kurz
ist, und sie nicht vorher weiß, wann sie dahinfällt; drit-
tens, daß Gott der Frau so wenig schont, wie der Magd. Deshalb rate ich ihr
dreierlei: Zuerst, daß sie Reue empfinde über das Begangene, fruchtbar
bessere, was sie gebeichtet und Gott von ganzem Herzen liebe; zweitens rate
ich, vernünftigerweise die Strafe des Fegfeuers zu meiden; denn wie der,
welcher Gott nicht mit ganzem Herzen liebt, eine große Strafe verdient, so
auch ist derjenige, welcher seine Sünden nicht wieder gut macht, wenn er es
kann, des Fegfeuers würdig; drittens empfehle ich, die fleischlichen Freunde
auf eine Zeit lang um Gottes willen zu verlassen und an den Ort zu gehen, von
wo ein kurzer Weg vom Tode zum Himmel führt, um der Strafe des Fegfeuers zu
entgehen, wo sie den Ablaß erhält, welcher eine Erhebung und Erlösung der
Seelen ist, welchen die heiligen Päpste gaben und die Heiligen Gottes mit
ihrem Blute verdienten."
Worte des heiligen Petrus zur Braut über das Verlangen, das er hatte, die Völker zu retten. Wie er die Braut unterweist, das Gedächtnis zu erlangen, und von den großen Wundern, welche noch in der Stadt Rom geschehen und erfüllt werden sollen.
Der selige Petrus redete zur Braut Christi: "Du, meine
Tochter, hast mich mit einem Pfluge verglichen, welcher Furchen zieht und die
Wurzeln ausreißt. Das ist allerdings wahr; denn ich bin so eifernd gegen die
Laster gewesen, daß, wenn ich die ganze Welt zu Gott hätte bekehren können,
ich durchaus weder Leben, noch Arbeit gespart haben würde. Gott war mir süß
im Gedanken, süß in der Rede und süß im Werke, und zwar so sehr, daß alle
Gedanken, außer die an Gott, bitter für mich waren. Aber auch Gott war mir
bitter, nicht durch ihn, sondern durch mich selber; denn so oft ich daran
dachte, wie oft ich mich vergangen und wie ich ihn verleugnet hatte, weinte
ich bitterlich, weil ich schon vollkommen zu lieben verstand, und meine
Thränen waren mir köstlich wie süße Speise. Wenn Du mich aber bittest, ich
soll Dir Gedächtnis geben, so antworte ich Dir: Hast Du noch nicht gehört,
wie vergeßlich ich gewesen bin? Im Wege Gottes, vollkommen
unterwiesen, verpflichtete ich mich durch einen Eid, mit Gott zu stehen und zu
sterben; allein von einem einzigen Weibe aufs Wort gefragt, verleugnete ich
die Wahrheit, und warum? Weil Gott mich mir selbst überließ und ich mich
selber nicht kannte. Allein, was habe ich dann gethan? Ich betrachtete mich
fürwahr selbst, wie ich aus mir selber nichts war, und ich erhob mich und
lief der Wahrheit Gottes nach, der mir ein solches Gedächtnis seines Namens
in mein Herz drückte, daß ich ihn auch weder vor Tyrannen, noch unter
Geißelhieben, noch im Tode vergessen konnte. Also mache auch Du es. Erhebe
Dich durch die Demut zum Meister des Gedächtnisses und begehre von ihm das
Gedächtnis. Denn er allein ist es, der alles vermag. Ich aber werde Dir
helfen, damit Du der Körner teilhaftig wirst, welche ich auf Erden gesäet
habe. Weiter sage ich Dir, daß diese Stadt Rom eine Stadt der Kämpfer war.
Ihre Straßen waren mit Gold und Silber gepflastert. Jetzt aber sind ihre
Saphirsteine in Kot gewandelt, ihrer Bewohner sehr wenige geworden; denselben
ist das rechte Auge ausgerissen und die rechte Hand abgehauen. Es wohnen
Kröten und Nattern bei ihnen; vor ihrem Gifte wagen zahme Tiere sich gar
nicht sehen zu lassen, noch meine Fische das Haupt zu erheben. Deshalb werden
jetzt Fische in ihr versammelt werden, und, wenn auch nicht so viele wie
ehemals, so werden sie doch ebenso süß und kühn sein, daß bei ihrem
Zusammenhalten Kröten, Frösche und Schlangen in Lämmer werden verwandelt
und die Löwen wie Tauben an ihren Schlaglöchern sein werden." Weiter
fügte er hinzu: "Ich sage Dir ferner, wie man noch in Deinen Tagen sagen
wird: Es lebe der Statthalter Petri! Und Du wirst ihn mit Deinen Augen sehen;
denn ich will den Berg der Lüste durchgraben und die darauf Sitzenden werden
herabsteigen. Diejenigen aber, welche nicht gutwillig herabsteigen wollen,
werden wider die Hoffnung aller gezwungen werden. Denn Gott will mit der
Barmherzigkeit und Wahrheit erhöht werden." ![]()
Eine sehr schöne Erzählung des seligen Paulus, wie er aus des seligen Stephanus Gebet von Gott berufen und aus einem Wolfe ein Lamm geworden, und wie es gut ist, für alle zu beten.
Der selige Paulus redete zur Braut Christi und sprach:
"Du, meine Tochter, hast mich mit einem unter Wölfen aufgewachsenen
Löwen verglichen, welcher den Wölfen auf eine wunderbare Weise entrissen
worden. Fürwahr, Tochter, ich bin aber selbst ein räuberischer Wolf gewesen,
den Gott zu einem Lamme gemacht und zwar aus zweierlei Gründen: Erstlich,
wegen seiner großen Liebe, welche aus Unwürdigen ihre Gefäße macht und aus
Sündern ihre Freunde; zweitens infolge der Gebete des seligsten Erzmärtyrers
Stephanus. Ich will Dir zeigen, von welcher Gesinnung ich damals gewesen, als
der heilige Stephanus gesteinigt ward, und wodurch ich sein Gebet verdient
habe. Ich hatte fürwahr keine Freude und kein Ergötzen an der Pein des
seligen Stephanus, auch war ich nicht neidisch auf seinen Ruhm; gleichwohl
wünschte ich, daß er sterben möge, weil ich meiner Ansicht nach erkannte,
daß er nicht den rechten Glauben habe. Als ich nun wahrnahm, daß er über
die Maßen inbrünstig und geduldig sei, sein Leiden zu tragen, that es mir
gar leid, daß er ein Ungläubiger war, während er doch wirklich höchst
gläubig war, ich dagegen völlig blind und ungläubig; ich hatte Mitleid mit
ihm und bat, aus vollem Herzen betend, daß ihm seine bittere Pein zur
Herrlichkeit und Krone verhelfen möchte. Darum war mir sein Gebet zum Heile,
daß ich durch dasselbe vielen Wölfen entzogen und ein sanftes Lamm geworden
bin. Deshalb ist es gut, für alle zu beten; denn des Gerechten Gebet nützt
denen, welche für die Gnade einen empfänglichen Sinn haben. Jetzt aber klage
ich darüber, daß dieser unter den Lehrern seines Volkes so beredte Mann, der
so geduldig unter den Steinwürfen sich verhielt, so sehr vergessen und von
den Herzen vieler vernachlässigt worden ist, hauptsächlich aber von denen,
welche zu seiner Verherrlichung verpflichtet wären; aber diese bringen ihm
zerbrochene, leere, kotige und abscheuliche Gefäße dar; deshalb werden sie,
wie ge-
schrieben steht, mit doppelter Schande erfüllt und hinausgeworfen werden ans
den Häusern der Lust."
Wunderbares und merkwürdiges Gesicht von einer Seele, welche gerichtet werden sollte; von den Anklagen des Teufels und der Fürsprache der glorwürdigen Jungfrau. Über die Auslegung dieses Gesichtes, in welchem unter dem Palaste der Himmel, unter der Sonne Christus, unter dem Weibe die Jungfrau, unter dem Mohren der Teufel, unter dem Krieger ein Engel verstanden wird, und in welchem zwei Peinigungsorte, aus denen Rettung nicht möglich, und drei Orte beschrieben werden, aus welchen Rettung möglich ist; und von noch vielem anderen Wunderbaren, namentlich von der Hilfe.
Einer Person, welche im Gebete wachte, erschien in einem
geistlichen Gesichte das Bild eines Palastes von unermeßlicher Größe. Es
waren darin zahllose in weiße leuchtende Gewänder Gekleidete, deren jeder
einen eigenen Stuhl zu haben schien. In diesem Palaste stand ein Richterstuhl,
auf welchem eine Gestalt wie eine Sonne zu sehen war, und der Glanz, welcher
von der Sonne ausging, war unerfaßlich in der Länge, Tiefe und Breite. Neben
dem Stuhle stand eine Jungfrau mit einer kostbaren Krone auf dem Haupte. Alle
dienten der Sonne, welche auf dem Stuhle saß, und priesen sie in Hymnen und
Liedern. Hierauf erschien ein Mohr, schrecklich von Ansehen, und seinen
Gebärden nach wie erfüllt von Neid und großem Zorn, welcher sprach und
ausrief: "O gerechter Richter, erkenne mir diese Seele zu und vernimm
ihre Werke, da sie nur wenige Zeit zum Leben noch übrig hat. Erlaube mir
auch, den Leib samt der Seele zu bestrafen, bis sie voneinander getrennt
werden." Nach diesen Worten schien es mir als ob einer vor dem Stuhle
stände wie ein bewaffneter Krieger, sittsam und weise in Worten, und
bescheiden in seinen Gebärden; er sprach: "O Richter, siehe, hier sind
seine guten Werke, welche er bis auf diese Stunde vollbracht hat." Und
augenblicklich ging von der Sonne, welche auf dem Stuhle saß, eine Stimme
aus, die da sprach: "Hier ist das Laster größer, als die Tugend, aber
die Gerechtigkeit duldet nicht, daß das Laster mit der höchsten Tugend
verbunden werde." Der Mohr antwortete: "Also ist es Gerechtigkeit,
daß diese Seele mit
mir verbunden werde, wie zu einer Verbindung dieser lasterhaften Seele mit
meiner größten Lasterhaftigkeit." Der Krieger erwiderte: "Die
Barmherzigkeit Gottes folgt einem jeden Menschen bis zum Tode und bis in den
letzten Augenblick, und hernach erfolgt das Gericht, an dem Menschen aber, von
dem wir reden, sind Leib und Seele noch verbunden und der Verstand ist noch in
ihm." Der Mohr entgegnete: "Die Schrift, welche nicht lügen kann,
spricht: Du sollst Gott über alles lieben und deinen Nächsten wie dich
selbst. Siehe nun, wie alle Werke dieser Seele aus Furcht vollbracht sind,
nicht aus Liebe, wie es ihre Pflicht war, und alle ihre Sünden, welche sie
gebeichtet, hat sie, wie Du finden wirst, nur mit geringer Reue gebeichtet;
deshalb hat sie die Hölle verdient, weil sie das Himmelreich verscherzt hat;
alle ihre Sünden sind hier bei der göttlichen Gerechtigkeit offenbar, weil
sie noch niemals aus göttlicher Liebe Reue über dieselben empfunden
hat." Der Krieger antwortete: "In ihm war jedoch der Glaube und die
Hoffnung, vor dem Tode wahre Reue zu erhalten." Ihm entgegnete der Mohr:
"Du hast nun alles vorgebracht, was er Gutes gethan hat, und alle Worte
und Gedanken zum Heile seiner Seele kennst Du. Alles dieses aber, was es auch
sein mag, kann mit der Gnade der Reue aus göttlicher Liebe, heiligem Glauben
und starker Hoffnung nicht verglichen werden und vermag die Sünden nicht
auszutilgen; denn die Gerechtigkeit ist von Ewigkeit her in Gott, daß kein
Sünder den Himmel betreten soll, der keine vollkommene Reue hatte. Und
deshalb ist es unmöglich, daß Gott wider die von Ewigkeit vorausgewußte
Anordnung richte, und muß jene Seele zur Hölle verurteilt und mit mir zu
ewiger Strafe verbunden werden." Auf diese Worte schwieg der Krieger und
antwortete auf seine Rede nichts. Hierauf erschienen unzählige böse Geister,
ähnlich den aus glimmendem Feuer hervorspringenden Funken. Diese riefen mit
Einer Stimme und sprachen zu dem, der wie eine Sonne auf dem Stuhle saß:
"Wir wissen, daß Du Ein Gott bist in drei Personen; Du warst ohne Anfang
und bist ohne Ende, und kein anderer ist Gott, als Du. Du bist fürwahr die
Liebe selber, mit welcher Barmherzigkeit und Gerechtigkeit verbunden sind. Du
bist vom Anfange an in Dir gewesen, und an Dir ist nichts gemindert, noch
gewandelt, wie es Gott geziemt. Außer Dir ist nichts, und ohne
Dich ist nichts, das Freude hat. Deshalb hat Deine Liebe die Engel aus keinem
anderen Stoffe gemacht, als aus der Macht Deiner Gottheit, und Du hast sie
gemacht, wie die Barmherzigkeit angab. Aber nachdem wir inwendig entzündet
worden von Hoffart und Neid und Begierde, da hat Deine Liebe, welche die
Gerechtigkeit liebt, uns mit dem Feuer unserer Bosheit aus dem Himmel in den
unbegreiflichen und finsteren Abgrund geworfen, welcher jetzt Hölle genannt
wird. Also hat Deine Liebe damals gethan; sie wird auch noch jetzt nicht vom
Gerichte Deiner Gerechtigkeit getrennt werden, mag es nun nach der
Barmherzigkeit oder der Billigkeit stattfinden. Wir sagen noch mehr; wenn jene
Person, die Du am meisten liebst, nämlich die Jungfrau, welche Dich geboren,
und die niemals gesündigt, wenn sie eine Todsünde begangen hätte und wäre
ohne göttliche Reue gestorben, so liebst Du die Gerechtigkeit so sehr, daß
ihre Seele niemals den Himmel erlangen, sondern bei uns in der Hölle sein
würde. Wohlan denn, o Richter, weshalb erkennst Du jene Seele nicht uns zu,
damit wir sie nach ihren Werken bestrafen?" Hierauf ward ein Schall
gehört wie einer Trompete; es schwiegen, welche sie hörten, und sogleich
redete eine Stimme und sprach: "Schweiget und höret zu, all ihr Engel,
Seelen und Teufel, was die Mutter Gottes spricht!" Und alsbald erschien
die Jungfrau, von einem weiten, faltenreichen Mantel umgeben, vor dem
Richterstuhle. Sie sprach: "O ihr Feinde, ihr verfolgt die Barmherzigkeit
und liebt mit keiner Liebe die Gerechtigkeit. Wenn auch hier ein Mangel guter
Werke sichtbar wird, um dessenwillen diese Seele den Himmel nicht erlangen
kann, so schaut doch, was ich hier unter meinem Mantel halte." Als die
Jungfrau nun beide Falten ihres Mantels aufgethan hatte, erschien in der einen
eine kleine Kirche, in welcher einige Mönche sichtbar wurden; in der anderen
Falte zeigten sich Weiber, Männer, Ordensgeistliche und Freunde Gottes und
andere, welche alle mit Einer Stimme riefen und sprachen: "Erbarme Dich,
Du barmherziger Herr!" Dann ward eine Stille und die Jungfrau redete und
sprach: "Die Schrift sagt, wer einen vollkommenen Glauben hat, kann
mittels desselben in der Welt Berge versetzen. Was also vermögen die Stimmen
derjenigen, welche sowohl den Glauben hatten, als auch Gott mit brünstiger
Liebe dienten? Und was vermögen jene
Freunde Gottes, welche diese Seele angerufen hat um ihre Fürbitte, daß sie
von der Hölle loskommen und den Himmel erlangen möge, die auch für ihre
guten Werke keinen anderen Lohn gesucht hat, als das Himmlische? Können und
vermögen es nicht ihre Thränen und Gebete, daß sie angeregt und erleuchtet
werde, um vor ihrem Tode göttliche Reue und Leid samt der Liebe zu erhalten?
Außerdem will ich auch mein Gebet hinzufügen samt den Gebeten aller
Heiligen, welche im Himmel sind, und welche diese Seele besonders in Ehren
gehalten hat." Weiter fügte die Jungfrau hinzu und sprach: "O ihr
Teufel, ich gebiete euch kraft der Gewalt des Richters, daß ihr acht habt auf
das, was ihr in der Gerechtigkeit jetzt sehen werdet." Hierauf ward von
der Sonne aus eine Stimme gehört, welche sprach: "Um der Bitten meiner
Freunde willen wird dieser Mensch nun die göttliche Reue vor seinem Tode
soweit erlangen, daß er nicht in die Hölle kommen, sondern mit denen
gereinigt werden wird, welche eine schwerere Pein im Fegfeuer haben werden.
Nachdem aber die Seele gereinigt worden, wird sie im Himmel mit denen den Lohn
empfangen, welche auf Erden Glauben und Hoffnung mit geringer Liebe gehabt
haben." Nach diesen Worten nahmen die Teufel die Flucht. Hiernach kam es
der Braut vor, als würde ein schrecklicher und finsterer Ort aufgethan,
innerhalb dessen ein feuriger Ofen sich zeigte, und das Feuer desselben war
angezündet für Teufel und lebendige Seelen. Über diesem Ofen erschien jene
Seele, deren Urteil bereits im bisherigen vernommen worden. Ihre Füße waren
an den Ofen geheftet und sie stand aufrecht wie eine Person; sie stand aber
weder am höchsten, noch am tiefsten Orte, sondern gleichsam an der Seite des
Ofens, dessen Gestalt wunderbar, aber schrecklich war. Das Feuer des Ofens
schien sich aufwärts zu ziehen unter die Füße der Seele, wie wenn Wasser
durch Röhren aufwärts steigt; es drängte sich mit Gewalt zusammen und stieg
so weit über den Kopf empor, daß die Schweißlöcher wie Adern waren, in
denen brennendes Feuer rinnt. Die Ohren aber erschienen wie Blasebälge der
Schmelzer, und ihr beständiges Blasen hielt das Gehirn in Bewegung. Die Augen
zeigten sich umgekehrt und eingesunken und schienen inwendig am Hinterkopfe
befestigt. Auch der Mund stand offen und die Zunge war hinausgezogen durch die
Nasenlöcher und hing herab auf die
Lippen. Die Zähne aber waren wie eiserne durch den Gaumen geschlagene Nägel.
Die Arme waren so lang, daß sie bis auf die Füße herabreichten. Beide
Hände schienen wie Pech brennendes Fett zu halten und zusammenzudrücken. Die
Haut, welche über der Seele zu sehen war, schien die Gestalt der Haut über
dem Leibe zu haben und war wie ein leinenes, mit Zeugungssamen beflecktes
Kleid. Dieses Kleid war so kalt, daß ein jeglicher, der es ansah, zu beben
begann, und von demselben floß es wie Eiter aus einem Geschwür mit
verdorbenem Blute und so üblem Gestanke, daß es keinem noch so argen
Gestanke in der Welt verglichen werden könnte. Als nun diese Trübsal gesehen
worden, ward eine Stimme aus jener Seele hervor vernommen, welche fünfmal Weh
rief unter Thränen und aus allen Kräften. Erstens rief sie: Weh mir, daß
ich Gott wegen seiner Vollkommenheiten und für die mir gewährte Gnade so
wenig geliebt habe! Zweitens: Weh mir, daß ich Gottes Gerechtigkeit nicht,
wie ich gesollt hätte, gefürchtet habe! Drittens: Weh mir, daß ich die Lust
meines Leibes und meiner sündigen Seele geliebt habe! Viertens: Weh mir um
des Reichtums der Welt willen und meiner Hoffart! Fünftens: Weh mir, daß ich
euch, Ludwig und Johanna, jemals gesehen habe! und hierauf sagte ein Engel zu
mir: "Ich will Dir dieses Gesicht auslegen. Der Palast, den Du gesehen,
ist ein Gleichnis des Himmels. Die Menge derer, welche, mit weißen und
leuchtenden Kleidern angethan, auf den Sitzen waren, sind die Engel und die
Seelen der Heiligen. Die Sonne aber bedeutet Christum in seiner Gottheit; das
Weib die Jungfrau, welche Gott geboren; der Mohr den Teufel, welcher die Seele
anklagt; der Krieger den Engel, welcher die guten Werke der Seele meldet, Der
Ofen bedeutet die Hölle, die innen so glühend ist, daß, wenn die Welt mit
allem, was darinnen ist, brennte, sie der großen Glut in jenem Ofen nicht
ähnlich würde, In diesem Ofen werden verschiedene Stimmen vernommen, welche
alle wider Gott reden und alle ihre Rufe mit Weh! beginnen und ihn ähnlicher
Weise endigen; und die Seelen erscheinen wie Personen, deren Gijeder auf eine
untröstliche Weise auseinandergezerrt werden, und welche nimmer Ruhe haben.
Wisse auch, daß das Feuer, welches Dir im Ofen erschien, in der ewigen
Finsternis brennt, die in demselben brennenden Seelen aber
nicht alle gleiche Pein haben. Die Finsternis, welche sich um den Ofen her
zeigte, heißt die Vorhölle, und kommt von der Finsternis her, welche im Ofen
ist, beide jedoch sind nur Ein Ort und Eine Hölle; jeder, der dorthin kommt,
wird nimmer eine Wohnung bei Gott erhalten. Über dieser Finsternis aber ist
die größte Pein des Fegfeuers, welche Seelen erleiden können. Jenseits
dieses Ortes aber ist eine andere Stätte, wo die Pein geringer ist, und nur
in dem Mangel an Kräften, Schönheit und ähnlichem besteht, wie ich durch
ein Gleichnis deutlich machen will. Es ist, wie wenn jemand krank gewesen
wäre, und er, wenn seine Krankheit und Pein aufhörte, keine Kräfte hätte,
bis er dieselben allmählich wieder erlangte. Der dritte Ort aber ist
oberhalb, und daselbst keine andere Pein, als das Verlangen, zu Gott zu
kommen. Und damit Du es in Deinem Gewissen noch besser erkennen mögest, so
sage ich Dir's durch ein Gleichnis: Es ist, als wenn Erz gemischt würde und
im heißesten Feuer mit Gold brennte, und solange geläutert werden müßte,
bis das Erz verzehrt worden und das reine Gold zurückbleibt. Je stärker und
dichter das Gold wäre, eines so heißeren Feuers würde es bedürfen, bis das
Gold wie laufendes Wasser und ganz brennend wäre. Danach bringt der Meister
das Gold in eine andere Stätte, wo es die beste Form erhält, um sich sehen
und greifen zu lassen; dann legt er es an einen dritten Ort, wo es bewahrt und
dem Besitzer zugestellt wird. So verhält es sich auch auf geistliche Weise.
Am ersten Orte, über der Finsternis, ist die größte Pein des Fegfeuers, wo
Du die erwähnte Seele hast reinigen sehen. Hier quälen die Teufel; hier
erscheinen die Gestalten giftigen Gewürms und wilder Tiere; hier ist Hitze
und Kälte; hier Finsternis und Verwirrung, welche aus der Pein hervorkommen,
die in der Hölle ist. Hier haben einige Seelen eine geringere Pein, andere
eine größere, je nachdem die Sünden in der Zeit, wo die Seele noch beim
Leibe war, gebessert waren oder nicht. Dann bringt der Meister, d. h. die
Gerechtigieit Gottes, das Gold, d. h. die Seelen, an andere Orte, wo nichts
anderes ist, als Mangel an Kräften. Hier werden die Seelen so lange weilen,
bis sie entweder durch ihre besonderen Freunde, oder durch die unaufhörlichen
Werke der heiligen Kirche Erquickung erlangt haben werden. Denn je größere
Hilfe die Seele durch ihre Freunde hat, um so schneller
gesundet sie und wird aus diesem Orte befreit. Hiernach wird die Seele an
einen dritten Ort gebracht, wo keine andere Pein, als das Verlangen herrscht,
in die Gegenwart Gottes und sein seliges Anschauen zu gelangen. An diesem Orte
weilen viele und gar lange neben denen, welche in der Welt, solange sie
lebten, kein vollkommenes Verlangen hatten, in die Gegenwart und Anschauung
Gottes zu kommen. Du sollst auch wissen, daß viele in der Welt so gerecht und
unschuldig sterben, daß sie sogleich in die Gegenwart und zur Anschauung
Gottes gelangen. Einige auch haben durch ihre guten Werke ihre Sünden wieder
so gut gemacht, daß ihre Seelen keine Pein empfinden. Wenige aber sind ihrer,
welche nicht an diesen Ort kommen, wo das Verlangen herrscht, zu Gott zu
kommen. Deshalb werden alle Seelen, welche an diesen drei Orten wohnen, des
Gebetes der heiligen Kirche und der guten Werke, welche in der Welt geschehen,
teilhaftig, derer besonders, welche sie vollbracht haben, solange sie lebten,
und derer, welche nach ihrem Tode durch ihre Freunde gethan werden. Wisse
auch, daß, wie die Sünden vielgestaltig und mannigfaltig sind, so auch die
Peinen vielfach und verschiedenartig sind. Wie daher der Hungernde sich der
Speise freut, die an seinen Mund kommt, der Dürstende des Trankes, der
Trauernde der Freude, der Nackte der Kleidung, der Kranke, wenn er ins Bett
gebracht wird, so freuen sich die Seelen und nehmen an dem Guten teil, das
für sie in der Welt gethan wird." Daraus setzte der Engel hinzu: "Gebenedeit
sei der, welcher in der Welt den Seelen mit Gebet, guten Werken und mittels
der Arbeit seines Leibes hilft, weil die Gerechtigkeit Gottes nicht lügen
kann, welche sagt, daß die Seelen entweder nach dem Tode durch die Strafe des
Fegfeuers, oder durch die guten Werke der Freunde schneller erlöst
werden." Hierauf wurden viele Stimmen aus dem Fegfeuer gehört, welche
sprachen: "O Herr Jesu Christe, gerechter Richter, sende Deine Liebe
denen, welche geistlicherweise Gewalt haben in der Welt, dann werden wir
besser als jetzt an ihrem Lesen, Singen, Opfern teilhaben." Oberhalb des
Raumes, aus welchem dieses Rufen vernommen ward, zeigte sich ein Haus, in
welchem viele Stimmen sich hören ließen, welche sprachen: "Lohn sei
denen von Gott, welche uns Hilfe senden für unsere Fehler"' In diesem
Hause ging auch, wie es schien, eine Morgen-
röte auf; unter der Morgenröte zeigte sich eine Wolke, welche nichts vom
Lichte der Morgenröte hatte; aus derselben tönte eine starke Stimme hervor
und sprach: "O Herr Gott, belohne aus Deiner unbegreiflichen Macht alle
diejenigen in der Welt, welche uns mit guten Werken in das Licht Deiner
Gottheit und das Anschauen Deines Antlitzes hinaufheben."
Worte des Engels zur Braut von der großen Pein einer Seele.
Weiter redete der Engel und sprach: "Jene Seele, deren
Zustand Du gesehen, deren Gericht Du vernommen, ist in der größten Pein des
Feuers wegen ihrer Ungewißheit, ob sie nach der Läuterung zur Ruhe kommen
oder verdammt werden wird.
Und dies ist die Gerechtigkeit Gottes. Denn ihr Besitzer hat eine große Gabe
der Unterscheidung gehabt, deren er sich leiblicherweise der Welt gegenüber
bedient, nicht aber geistlicherweise für die Seele, da er Gott gar zu sehr
vergessen und vernachlässigt hat, während er lebte. Deshalb leidet seine
Seele jetzt Hitze vom Feuer und erbebt vor Frost. Sie ist blind vor Finsternis
und furchtsam vor dem Anblicke der bösen Geister, taub vom Geschrei des
Teufels, inwendig hungernd und dürstend und auswendig mit Schande bekleidet;
doch hat ihr Gott eine Gnade nach dem Tode gewährt, daß sie von den Teufeln
keine Qual erleide, weil sie allein um der Ehre Gottes willen ihren Feinden
vergeben, ihnen ihre schweren Beleidigungen verziehen und mit seinem ärgsten
Feinde Freundschaft geschlossen hat. Wisse auch, daß alles, was sie Gutes
gethan und was sie versprochen und von dem wohlerworbenen Reichtume abgegeben
hat, und vorzüglich die Gebete der Freunde Gottes ihre Pein vermindern und
erleichtern, wie es auch in der Gerechtigkeit Gottes beschlossen worden ist.
Andere Güter aber, die minder gut erworben worden, und die sie weggegeben
hat, nützen geistlicher- oder körperlicherweise denen, welche sie vorher mit
Recht besessen, wenn sie es nach dem Ratschlusse Gottes wert sind." ![]()
Worte des Engels zur Braut vom Gerichte der göttlichen Gerechtigkeit wider die obengedachte Seele, und von der Genugthuung, welche in diesem Leben für sie im Fegfeuer geschehen soll.
Weiter redete der Engel: "Du hast vorher gehört, wie
jener Mensch wegen der Bitten der Freunde Gottes kurz vor seinem Tode die Reue
aus Liebe zu Gott wegen der Liebe zu den Sündern erlangt, und wie diese Reue
ihn von der Hölle geschieden hat. Darum hat nach dem Tode die Gerechtigkeit
Gottes geurteilt, daß er im Fegfeuer die sechs Alter hindurch brennen sollte,
welche er von der Stunde an gehabt hat, wo er zuerst wissentlich eine
Todsünde begangen, bis er aus Liebe zu Gott in fruchtbarer Weise Buße gethan,
es wäre denn, daß er von der Welt und den Freunden Gottes früher Hilfe
erlangte. Das erste Alter war, da er Gott nicht geliebt wegen des Todes seines
edlen Leibes und wegen seiner vielfältigen Widerwärtigkeiten, welche
Christus selber aus keiner anderen Ursache ausgestanden, als um des Heiles der
Seelen willen. Das zweite Alter war, daß er nicht seine eigene Seele geliebt,
wie ein Christ es thun sollte, noch Gott für seine Taufe, noch dafür gedankt
hat, daß er kein Jude und kein Heide gewesen. Das dritte Alter ist gewesen,
daß er wohl gewußt hat, was Gott zu thun befohlen, und solches zu
vollbringen schlechte Lust gehabt hat. Das vierte Alter war, daß er wohl
gewußt, was Gott denen verboten, die zum Himmel gehen wollen, aber frech
dawider gehandelt hat, indem er nicht den Stacheln des Gewissens, sondern
seiner fleischlichen Neigung und seinem Gelüsten gefolgt ist. Das fünfte
Alter war, daß er niemals die Gnade und Beicht gebraucht hat, wie es ihm
geziemte, da er so lange Zeit dazu hatte. Das sechste Alter war, daß er den
Leib Christi wenig geachtet, da er denselben nicht oft empfangen wollen, weil
er sich der Sünde nicht enthalten mochte, noch die Liebe gehabt hat, den Leib
Christi vor dem Ende seines Lebens zu empfangen." - Hierauf erschien ein
Mann, dessen Kleider weiß und leuchtend waren, wie die Albe eines Priesters;
umgürtet war er mit einem leinenen Gürtel, mit einer roten Stola am Halse
und unter seinem Arme, welcher also zu reden anhob: "Du, die Du dieses
siehst, habe acht, merke und überantworte Deinem Gedächtnisse, was Du siehst
und was Dir gesagt wird. Ihr fürwahr, die ihr in der Welt lebt, vermögt
nicht, auf die Weise Gottes Macht zu erkennen, wie wir, die wir bei ihm sind,
denn was bei Gott in einem Augenblicke geschieht, das kann bei euch nur mit
Worten und durch Gleichnisse nach der Weltordnung begriffen werden. Wohlan
denn, ich bin einer von denen, welchen dieser zum Fegfeuer verurteilte Mann
mit seinen Geschenken während seines Lebens geehrt hat. Darum hat Gott mir
aus seiner Gnade geoffenbart, daß, wenn jemand nach meinen Worten thun
würde, die Seele dieses Mannes an einen erhabeneren Ort emporgetragen werden
könnte, wo sie ihre rechte Gestalt erhielte, und keine andere Pein empfände,
als derjenige leiden würde, welcher nach einer überstandenen schweren
Krankheit ohne Schmerzen und ohne Kraft daliegt, aber sich freut, da er für
gewiß weiß, daß er zum Leben gelangen werde. Deshalb, wie Du gehört hast,
daß seine Seele fünfmal Weh rief, sage ich Dir fünf Tröstungen. Das erste
Weh war, daß er den Herrn wenig liebte. Damit er nun von demselben befreit
werde, müssen für seine Seele dreißig Kelche dargebracht werden, worin das
Blut Gottes geopfert und Gott selbst mehr geehrt werden soll. Das zweite Weh
war, daß er Gott nicht gefürchtet hat; darum sollen, um ihn davon zu
erlösen, dreißig, nach dem Urteile der Menschen fromme Priester auserwählt
werden, deren jeder dreißig Messen lesen soll, wo möglich neun von den
Märtyrern, neun von den Bekennern und neun von allen Heiligen, die
achtundzwanzigste von den Engeln, die neunundzwanzigste von Maria, der
Jungfrau, und die dreißigste von der heiligen Dreifaltigkeit. Und alle sollen
andächtig für seine Seele bitten, auf daß Gottes Zorn besänftigt und seine
Gerechtigkeit zur Barmherzigkeit bewegt werde. Das dritte Weh war für seine
Hoffart und Begierlichkeit. Um dieses zu beseitigen, soll man dreißig Arme
nehmen, deren Füße in Demut gewaschen werden müssen. Auch soll man
denselben Speisen, Geld und Kleider reichen, damit sie getröstet werden. Ein
jeglicher von ihnen, sowohl der da wäscht, als der da gewaschen wird, soll
Gott demütig bitten, daß er um seiner Erniedrigung und seines bitteren
Leidens willen der Seele die Sün-
den ihrer Hoffart erlassen möge. Das vierte Weh war für die Unkeuschheit
seines Fleisches. Wer daher nach den drei von Gott eingesetzten Ständen eine
Jungfrau, desgleichen eine Witwe ins Kloster und ein Mädchen in eine wahre
Ehe geben möchte, und ihnen soviel von seinen Gütern mitgäbe, daß sie
davon genügend in Nahrung und Kleidung bestehen könnten, dem wird Gott die
Fleischessünden dieser Seele nachlassen. Das fünfte Weh galt seiner Sünde,
wodurch er zur Betrübnis vieler alle Kräfte darangesetzt, daß jene beiden
vorgenannten Blutsverwandten (Ludwig und Johanna) in eine Ehe zusammenkämen.
Und diese Verbindung hat er mehr seiner selbst wegen betrieben, als um des
Reiches willen, ohne Ansuchen beim Papste und wider die löbliche Anordnung
der heiligen Kirche. Für diese That sind viele zu Märtyrern geworden, damit
dergleichen wider Gott und die heilige Kirche oder christliche Sitte nicht
möge geduldet werden. Wenn jemand solche Sünde austilgen will, muß er zum
Papste gehen und sprechen: Es hat jemand (wobei er die Person nicht zu nennen
braucht) eine solche Sünde begangen, jedoch am Ende Reue gehabt und die
Absolution erhalten, ohne die Sünde wieder gutgemacht zu haben. Leget mir
deshalb eine Buße auf, welche ihr wollet, und die ich auszuhalten vermag;
denn ich bin bereit, für jenen diese Sünde wieder gutzumachen. Wahrlich,
wenn diesem auch keine größere Buße auferlegt wäre, als ein einziges
Vaterunser, so würde sie jener Seele zur Minderung ihrer Pein im Fegfeuer
dienen."
Klagende Worte Christi an die Braut über die Römer, und von dem grausamen Urteile, das Christus über sie fällen wird, wenn sie in ihren Sünden dahinsterben.
Der Sohn Gottes redete folgende Worte und sprach: "O
Rom, du vergiltst mir die vielen Wohlthaten mit üblem Lohne. Ich bin der
Gott, welcher alles erschaffen und seine große Liebe durch den überaus
harten Tod seines Leibes geoffenbart hat, den ich aus eigenem Willen für das
Heil der Seelen ausgestanden habe. Es sind
drei Wege, auf denen ich zu dir kommen wollte, du aber hast mich fürwahr auf
allen verleugnen wollen. Auf dem ersten Wege hast du einen großen Stein über
meinem Haupte aufgehangen, der mich erschlagen sollte; auf dem zweiten hast du
einen scharfen Speer gestellt, der mich nicht zu dir kommen lassen sollte; auf
dem dritten Wege hast du mir eine Grube gegraben, damit ich, unversehens
hineingeraten, ersticken möge. Was ich jetzt sage, muß nicht auf leibliche,
sondern auf geistliche Weise verstanden werden, und was ich sage, betrifft
jene Einwohner der Stadt Rom, welche also thun, nicht aber meine Freunde,
welche deren Werken nicht nachfolgen. Der erste Weg also, auf welchem ich zum
Herzen der Menschen zu kommen pflege, ist die wahre Furcht Gottes, über
welche der Mensch einen großen Stein schweben läßt, d. i. die große
Vermessenheit eines harten Herzens; er fürchtet den Richter nicht, dem
niemand widerstehen kann, sondern spricht in seinem Herzen also: Kommt zu mir
die Furcht Gottes, so wird meines Herzens Vermessenheit dieselbe zermalmen.
Der zweite Weg, auf welchem ich komme, ist die Eingießung des göttlichen
Rates, welcher auch sehr häufig in Predigten und Lehren kommt. Es stellt nun
der Mensch auf diesem Wege einen Spieß gegen mich, wenn er mit Lust sündigt
wider meine Gebote, und sich vornimmt, fest in seinem Bösen zu verharren, bis
er keinen Gebrauch mehr davon zu machen vermag. Das ist fürwahr jener Spieß,
welcher nicht zuläßt, daß die Gnade Gottes an ihn herankommt. Der dritte
Weg aber ist die Erleuchtung des heiligen Geistes in jedes Menschen Herzen,
mittels deren der Mensch erkennen und ermessen kann, was und wie Großes ich
für ihn gethan, und wie ich für ihn an mir selber gelitten habe. Auf diesem
Wege gräbt er mir eine tiefe Grube, indem er also in seinem Herzen spricht:
Alles, was mir gefällt, ist mir lieber, als seine Liebe; denn ich habe schon
genug, wenn ich an das denke, was mich in diesem Leben zu denken erfreut; und
so wird die göttliche Liebe zugleich mit meinen Werken wie in einer tiefen
Grube von ihm erstickt. Wahrlich, die Bewohner der Stadt Rom thun mir dieses
alles und zeigen es mir in Wort und That. Meine Worte und Werke achten sie
für nichts, und fluchen mir und meiner Mutter und meinen Heiligen im Ernste
wie im Scherze, in der Freude wie im Zorne, und bringen uns Schimpf, statt
Dank-
sagungen dar. Sie leben ja nicht nach der Christen Brauche, wie die heilige
Kirche vorschreibt, weil sie keine größere Liebe zu mir haben, als die
Teufel, welche lieber ewig ihr Elend tragen und ihre Bosheit beibehalten, als
mich sehen und mir in der ewigen Herrlichkeit anhangen wollen. So sind
fürwahr jene, welche meinen Leib nicht empfangen wollen, der auf dem Altare
aus dem Brote, wie ich selber eingesetzt, geweiht wird, und dessen Empfang
hauptsächlich wider die teuflische Versuchung hilft. Ach! wie elend sind
diejenigen, welche, solange sie gesund sind, eine solche Hilfe mehr wie ein
Gift ausspeien und verabscheuen, weil sie sich von ihren Sünden nicht
enthalten wollen. Daher will ich denn auf einem anderen, ihnen unbekannten
Wege mit der Macht meiner Gottheit zu ihnen kommen und Rache üben an den
Verächtern meiner Menschheit. Und wie sie mir dreierlei Hindernisse auf ihren
Wegen, damit ich dieselben nicht betreten könne, bereitet haben, so werde
auch ich ihnen drei andere bereiten, deren Bitterkeit sie lebendig und tot
empfinden und schmecken werden. Mein Stein also ist ein plötzlicher und
unerwarteter Tod, welcher sie also zermalmen wird, daß alles, was sie zu
ihrer Lust haben, hier bleiben, und allein ihre Seele vor mein Gericht zu
kommen gezwungen werden wird. Mein Spieß aber ist meine Gerechtigkeit, welche
sie von mir also entfernen wird, daß sie niemals meine Güte kosten, obwohl
ich sie losgekauft habe, und nimmer meine Schönheit sehen werden, obwohl ich
sie erschaffen habe. Meine Grube aber ist die finstere Dunkelheit der Hölle,
in welche sie hineinfallen werden, um darin im ewigen Elende zu leben. Alle
meine Engel im Himmel und alle meine Heiligen werden sie verdammen, und alle
bösen Geister und alle Seelen in der Hölle werden ihnen fluchen. Ich meine
aber diejenigen und spreche von denen, welche so beschaffen sind, wie droben
gesagt worden, mögen sie Ordensgeistliche oder Weltgeistliche, Laien oder
Weiber, oder deren Söhne oder Töchter sein, welche zu solchem Alter gelangt
sind, daß sie erkennen, wie Gott alle Sünden verboten habe, die sich aber
dennoch in Sünden einlassen, sich freiwillig ausschließen von der Liebe
Gottes und seine Furcht gering schätzen. Gleichwohl habe ich noch denselben
Willen, den ich hatte, als ich am Kreuze hing, denn ich bin jetzt derselbe,
welcher ich damals war, als ich dem Schächer, welcher um Barm-
herzigkeit bat, alle Sünden erließ und die Pforten des Himmels öffnete. Dem
anderen Schächer, welcher mich verachtete, habe ich die Verschlüsse der
Hölle geöffnet, in welcher er für seine Sünden ewig gemartert wird."
Worte der heiligen Agnes zur glorwürdigen Jungfrau, welche dieselbe preisen und benedeien, und wie sie die Jungfrau für die Tochter bittet. Von der süßen und trostreichen Antwort des Herrn und der Jungfrau an die Braut, und wie diese Welt durch einen Topf bedeutet wird.
Agnes sprach: "O Maria, Mutter und Jungfrau aller
Jungfrauen, Du kannst mit Recht die Morgenröte genannt werden, welche
Christus, die wahre Sonne, erleuchtet hat. Nenne ich Dich aber Morgenröte
wegen Deiner königlichen Abkunft, oder wegen Deines Reichtums und Deiner
Ehren? Keineswegs; sondern mit Recht wirst Du wegen Deiner Demut, wegen der
Erleuchtung Deines Glaubens, wegen Deines besonderen Gelübdes der Keuschheit
eine Morgenröte genannt. Du hast verkündigt und hervorgeführt die wahre
Sonne, Du bist die Freude der Gerechten, der Schrecken der Teufel, der Trost
der Sünder. Also bitte ich Dich um der Hochzeit willen, welche Gott mit Dir
zu jener Zeit gehalten hat, daß Deine Tochter möge verharren können in der
Vermählung und Liebe Deines Sohnes." Die Mutter antwortete: "Wie
verstehst Du diese Hochzeit? Sage es um derer willen, welche hier
zuhört." Agnes antwortete: "Du bist fürwahr beides, Mutter und
Jungfrau. Die schönste Hochzeit ist an Dir zu der Stunde vollzogen worden,
als Gott ohne Vermischung und Minderung seiner Gottheit in Dir sich mit dem
Menschen vereinigte. Jungfräulichkeit und Mütterlichkeit sind in Dir ohne
Versehrung der jungfräulichen Scham verbunden, und Du bist zugleich Mutter
und Tochter Deines Schöpfers geworden, denn Du hast Heute denjenigen in die
Zeit geboren, welcher, vom Vater ewig gezeugt, alles mit dem Vater gewirkt
hat. Der heilige Geist war in Dir und außer Dir und um und mit Dir, und hat
Dich befruchtet, als Du dem Boten Gottes Deine Einwilligung gabst.
Und der Sohn Gottes selber, welcher Heute von Dir geboren worden, war auch in
Dir, bevor sein Verkünder zu Dir kam; thue deshalb Barmherzigkeit an Deiner
Tochter. Denn sie gleicht jenem armen Weiblein, welches, in einem Thale
wohnend, nichts hatte außer wenigem Lebendigen, nämlich: eine Henne oder
Gans, das aber dem Herrn, welcher auf dem Berge des Thales wohnte, so sehr
ergeben war, daß es alles, was es Lebendiges hatte, dem Herrn auf dem Berge
aus Liebe darbrachte. Diesem Weibe antwortete der Herr: Ich habe Überfluß an
allen Dingen und bedarf des Deinigen nicht; vielleicht aber bringst du
geringes dar, damit dir Größeres zu teil werde. Darauf das Weib: Nicht darum
biete ich dir dieses dar, weil du es nötig hättest, sondern weil du mich,
ein so geringes Weib; an deinem Berge hast wohnen lassen und ich von deinen
Dienern geehrt worden bin. Darum biet' ich dir dieses wenige an, damit du
überzeugt werdest, daß ich Größeres bringen würde, wenn ich es
vermöchte, und damit ich nicht undankbar gegen deine Gnade erscheinen möge.
Der Herr antwortete: Weil du mich mit solcher Liebe liebst, werde ich dich auf
meinen Berg erheben und dir und den Deinigen Kleider und jährlichen Unterhalt
gewähren. Ebenso steht es auch mit Deiner Tochter; alles, was sie Lebendiges
gehabt, d. i. die Liebe zur Welt und ihren Kindern, hat sie für Dich
verlassen; deshalb kommt es Deiner Liebe zu, für sie zu sorgen." Die
Mutter antwortete der Braut des Sohnes und sprach: "Tochter, stehe fest.
Ich werde meinen Sohn bitten, welcher Dir jährlichen Unterhalt gewähren, und
Dir auf dem Berge einen Sitz geben wird, wo tausendmal tausend Engel ihn
bedienen; denn, wenn auch alle Menschen gezählt werden, welche geboren sind
von Adam an bis auf den letzten, welcher am Ende der Welt geboren werden wird,
so werden mehr als zehn Engel auf einen Menschen kommen. Die Welt ist nichts
anderes, als ein Topf. Das Feuer unter dem Topfe und die Asche sind die
Freunde der Welt; die Freunde Gottes aber sind gleich der besten Speise in
einem Topfe. Wenn nun der Tisch bereitet sein wird, dann wird dem Herrn süße
Speise aufgetragen werden und er wird sich daran erfreuen, der Topf aber wird
zerbrochen, das Feuer jedoch nicht ausgelöscht werden." ![]()
Worte der jungfräulichen Mutter zur Tochter von der Heimsuchung der Freunde Gottes in dieser Welt bald durch geistliche Trübsal, bald durch Tröstungen. Was geistliche Trübsal und Tröstung ist, und wie die Freunde Gottes sich zeitlich freuen und trösten sollen.
Die Mutter sprach: "Die Freunde Gottes sollen sagen:
Ich habe in der Welt bald in geistlicher Trübsal, bald in geistlicher
Tröstung gelebt. Der geistliche Trost kommt aus der Eingießung des heiligen
Geistes, der Betrachtung der großen Werke Gottes, der Bewunderung seiner
Langmut, und aus der freudigen Erfüllung des göttlichen Willens. Geistliche
Trübsal aber findet statt, wenn wider den Willen unreine und lästige
Gedanken die Seele beunruhigen, wenn das Gemüt Angst empfindet bei der
Verunehrung Gottes und beim Untergange der Seelen, wenn der Geist aus
vernünftiger Ursache genötigt wird, sich in zeitliche Sorgen zu verwickeln.
So können auch die Freunde Gottes zuweilen durch zeitlichen Trost Tröstung
empfangen, z. B. durch erbauliche Worte, durch ein ehrbares Spiel oder durch
andere Werke, in denen nichts Erniedrigendes oder Unehrbares ist, wie Du an
einem Beispiele erkennen magst. Wenn nämlich die Faust immer geschlossen
gehalten wird, werden entweder die Nerven zusammengezogen, oder es wird die
Hand geschwächt werden. So ist es auch im Geistlichen. Wenn der Geist stets
in der Verzückung begriffen wäre, so würde er, sich selbst vergessend, in
Hoffart zusammenschwinden, so daß die Krone seiner Herrlichkeit müßte
vermindert werden. Darum werden die Freunde Gottes zuweilen durch Eingießung
des heiligen Geistes getröstet, zuweilen aber auch nach Gottes Verheißung
durch Trübsale heimgesucht, weil durch Trübsale die Wurzeln der Sünden
vertilgt werden und die Früchte der Gerechtigkeit Wurzel treiben. Doch
mäßigt Gott, welcher die Herzen sieht und alles erkennt, die Versuchungen
seiner Freunde, daß sie ihnen zum Vorteile gereichen, weil er alles gerecht
in Maß und Gewicht thut und zuläßt. Da Du nun erwählt bist, den Geist
Gottes zu haben, so beunruhige Du Dich nicht über die Langmütigkeit Gottes;
denn es steht geschrieben, daß niemand zu Gott komme, den der Vater nicht
gezogen
hat. Wenn der Hirte mit einem Blumenstrauße die Schafe ins Haus zieht und
lockt und nachher das Haus sorgfältig verschließt, werden die Schafe,
obgleich sie in dessen Räumen hin und wieder laufen, doch keinen Ausgang
haben, weil das Haus durch Wände bewahrt und das Dach hoch ist, die Thüren
aber verschlossen sind. Deshalb gewöhnen sich die Schafe, das Heu zu fressen,
bis sie zahm werden und das Heu auch aus der Hand des Hirten fressen. Also ist
es auch mit Dir geschehen; denn was Dir vorher schwer und unerträglich
schien, ist jetzt dergestalt Dir leicht geworden, daß Dich nun nichts so
erfreut, wie Gott."
Worte Christi zur Braut darüber, welche Thränen Gott angenehm sind und welche nicht, und wovon den Armen ein Almosen gemacht und gegeben werden soll für die Seelen der Verstorbenen, und von dem Ratschlusse und der Leitung Christi hinsichtlich der Braut.
Der Sohn sprach: "Du wunderst Dich, weshalb ich
denjenigen nicht höre, welchen Du viele Thränen vergießen und den Armen
sehr vieles zu meiner Ehre spenden siehst." Ich antworte Dir aufs erste:
"Wenn zwei Quellen zusammenfließen, von denen die eine rein, die andere
trüb und schmutzig ist, so wird die trübe Quelle das Wasser der reinen
beschmutzen und wer wird dieses Wasser trinken können? So ist es auch mit den
Thränen vieler Menschen; bei dem einen kommen sie zuweilen aus einer
Demütigung der natürlichen Neigung, zuweilen von der Trübsal der Welt und
aus der Furcht vor der Hölle; solche Thränen sind schmutzig und stinkend,
weil sie nicht aus der Liebe Gottes hervorgehen. Aber die Thränen sind süß
für mich, welche aus der Betrachtung der Wohlthaten Gottes, aus der
Betrachtung der eigenen Sünden und aus der Liebe zu Gott hervorgehen. Solche
Thränen erheben die Seele vom Irdischen zum Himmel und lassen den Menschen
zum ewigen Leben wieder geboren werden. Es giebt eine zweifache Zeugung, eine
fleischliche und eine geistliche. Was fleischlich gezeugt ist, beweint den
Schaden des Fleisches und trägt mit Freuden die Mühsalen der Welt. Der Sohn
solcher Zeugung ist nicht der Sohn der Thränen, weil durch
solche Thränen das ewige Leben nicht erworben wird, die geistliche Zeugung
aber bringt den Sohn der Thränen hervor, da sie das Verderben der Seele
beweint und besorgt ist, daß der Sohn Gott nicht beleidige. Eine solche
Mutter ist dem Sohne näher, als die ihn fleischlich gebiert, weil durch
solche Geburt das selige Leben gewonnen wird. Wegen des anderen, daß er den
Armen Almosen spendet, antworte ich Dir: Wenn Du Deinem Sohne vom Gelde Deines
Dieners einen Rock kauftest, gehörte dann nicht von Rechts wegen der Rock
dem, welcher das Geld besaß? Freilich gehörte er ihm! So ist es auch auf
geistliche Weise; denn wer seine Untergebenen oder Nächsten beschwert, um
mittelst ihres Geldes den Seelen seiner Lieben zu Hilfe zu kommen, reizt mich
mehr zum Zorn, als daß er denselben besänftigt, und das mit Unrecht hinweg
Genommene wird denen zu statten kommen, welche das Gut vorher rechtmäßig
besaßen, nicht aber denen, für welche es ausgegeben wird. Gleichwohl aber
mußt Du dem, welcher Dir wohlgethan, auch wieder Gutes thun, sowohl
geistlicher- als leiblicherweise; geistlicherweise, indem man für ihn Gebete
an Gott richtet; denn niemand kann glauben, wie sehr Gott die Gebete der
Demütigen gefallen, wie ich Dir an einem Beispiele zeigen werde. Wenn jemand
einem Könige ein großes Gewicht an Silber anbieten wollte, so würde von den
Anwesenden gesagt werden: Das ist ein großes Geschenk. Wenn er aber für den
König ein Vaterunser betete, würde er verlacht werden. Bei Gott ist es
gerade entgegengesetzt. Denn wenn jemand für eines andern Seele ein
Vaterunser darbringt, so ist das Gott lieber, als eine schwere Last Goldes.
Also war es an jenem guten Gregor zu sehen, welcher durch sein Gebet selbst
einen ungläubigen Kaiser zu einer höheren Stufe erhoben hat.
Zweitens. sage ihm folgende Worte: "Weil Du mir Gutes erwiesen, bitte ich
Gott, den Allesvergelter, daß er Dir nach seiner Gnade erstatten wolle."
Ferner sprich zu ihm also: "Mein Liebster, eins rate ich Dir, um eins
bitte ich Dich. Ich rate Dir, die Augen Deines Herzens zu öffnen, indem Du
die Unbeständigkeit und Eitelkeit der Welt betrachtest, indem Du wiederholt
erwägst, wie sehr die Liebe Gottes in Deinem
Herzen erkaltet ist, und wie schwer die Strafe und das entsetzliche künftige
Gericht sein werden; ziehe deshalb die Liebe Gottes in Dein Herz herab, indem
Du alle Deine Zeiten, Werke, Neigungen und Gedanken zur Ehre Gottes ordnest.
Auch Deine Kinder übergieb der Fügung und Anordnung Gottes, ohne ihretwegen
an der Liebe Gottes etwas zu mindern. Zweitens bitte Dich ich, Du wollest mit
Deinen Gaben zu erlangen trachten, daß Gott, welcher alles vermag, Dir Geduld
schenke und Dein Herz mit seiner gebenedeiten Liebe erfülle."
Trostworte Christi zur Braut, als sie in Furcht war, sie solle sich vor dem nicht fürchten, was sie gesehen und gehört, weil es vom heiligen Geiste sei. Und wie der Teufel durch eine Schlange und einen Löwen, der Trost des heiligen Geistes durch eine Zunge bedeutet wird, und wie man dem Teufel zu widerstehen hat.
Der Sohn sprach: "Weshalb hast Du Furcht und Besorgnis
davor, daß der Teufel etliches unter die Worte des heiligen Geistes mische?
Hast Du etwa jemals gehört, daß derjenige seine Zunge unversehrt erhalte,
welcher dieselbe zwischen eines grimmigen Löwen Zähne legt? Oder hat wohl
jemals einer aus dem Schwanze einer Schlange süßen Honig gesogen? Mit
nichten! Allein, wer anders ist der Löwe, wer die Schlange, als der Teufel?
Der Löwe wegen seiner Bösartigkeit, die Schlange wegen ihrer List. Was
anders aber ist die Zunge, denn der Trost des heiligen Geistes? Was anders
aber bedeutet es, die Zunge zwischen des Löwen Zähne legen, als die Worte
des heiligen Geistes, welcher in Gestalt einer Zunge erschien, um menschlicher
Gunst und Lobes willen zu mißbrauchen? Wer das Lob Gottes den Menschen zu
Gefallen redet, der wird fürwahr vom Teufel betrogen, weil jene Worte, wenn
dieselben auch Gottes sind, nicht hervorgehen aus dem Munde der Liebe Gottes,
und die Zunge, d. h. des heiligen Geistes Tröstung, wird von ihm genommen
werden. Wer aber nichts begehrt, als Gott, und wem alles Weltliche
beschwerlich ist, wessen Leib nichts zu sehen und zu hören verlangt, als was
Gottes ist; und wessen Seele sich freut in der Eingießung des heiligen
Geistes, ein solcher kann nicht betrogen
werden, weil der böse Geist dem guten Geiste weicht und nicht wagt, ihm zu
nahen. Was anders aber bedeutet es, Honig aus dem Schwanze der Schlange zu
saugen, als den Trost des heiligen Geistes von den Eingebungen des Teufels
hoffen, was doch nicht geschehen kann, weil der Teufel sich eher tausendmal
töten ließe, als daß er der Seele, wenn deren Leben sich seinem Ende
zuneigt, ein Wort des Trostes gäbe? Fürchte daher nichts! Denn Gott, welcher
das Gute bei Dir anfing, wird dasselbe zum guten Ziele vollenden. Wisse aber,
daß der Teufel wie ein von der Koppel losgelassener Jagdhund ist, der, wenn
er sieht, daß Dir der heilige Geist nicht eingegossen worden, mit seinen
Einflüsterungen und Versicherungen hinter Dir herläuft. Hältst Du ihm aber
etwas Hartes entgegen, daß ihn seine Zähne etwa schmerzen oder stumpf
werden, so wird er bald von Dir weichen und Dir nicht schaden. Was ist aber
das Harte, das man dem Teufel entgegenhalten soll, anders, als die göttliche
Liebe und der Gehorsam gegen die Gebote Gottes? Erblickt der Teufel diese auf
vollkommene Weise an Dir, so werden seine Zähne, d. h. seine Unternehmungen
und sein Wille, sogleich wirkungslos, weil er in Betracht zieht, daß Du
lieber alles Widrige zu erdulden geneigt bist, als den Geboten Gottes zuwider
zu handeln."
Worte Christi zur Braut, weshalb die Guten in diesem Leben Trübsale erleiden, die Bösen aber Glück haben, und wie Gott durch ein Beispiel darthut, daß er zuweilen Zeitliches verheißt, worunter das Geistliche verstanden wird, und wie Gott das einzelne nicht bis auf die gewissen Stunden vorhergesagt hat, da ihm alle Stunden und Augenblicke bekannt sind.
Der Sohn Gottes sprach: "Du wunderst Dich, wenn Du
hörst, daß ein Freund Gottes, welcher geehrt werden sollte, Trübsale
erleidet, der Feind Gottes aber, von dem Du glaubtest, er müsse gegeißelt
werben, geehrt wird. Ich antworte Dir: Meine Worte müssen auf geistliche und
auf körperliche Weise verstanden werden. Denn was ist die Trübsal der Welt
anders, als eine Vorbereitung und Erhebung zur Krone? Was aber ist das Glück
der Welt für einen Menschen, welcher die Gnade mißbraucht, anders, als ein
Niedersteigen zum Verderben? In der Welt Trübsale haben, ist also eine wahre
Erhebung zum Leben; in der Welt Glück haben aber ist für einen ungerechten
Menschen ein wahres Niedersteigen zur Hölle. Um nun Deine Geduld in den
Worten Gottes zu unterweisen, so sage ich Dir ein Beispiel. Gesetzt, es sei
eine Mutter, welche zwei Söhne hätte; der eine wäre in einem finsteren
Kerker geboren und wüßte und hörte von nichts, als von Finsternis und
seiner Mutter Milch; der andere aber ist in einer kleinen Hüte geboren und
hat menschliche Nahrung, Ruhe im Bette und Bedienung durch eine Magd. Zu dem,
welcher im Kerker geboren war, sprach die Mutter: O mein Sohn, wolltest Du
hinausgehen aus der Finsternis, so würdest Du eine zartere Speise,
menschliche Nahrung, ein weicheres Lager und eine sichere Stätte haben. Als
der Sohn solches vernommen, ging er hinaus. Hätte die Mutter Höheres
versprochen, z. B. rennende Pferde, elfenbeinerne Häuser oder zahlreiches
Hausgesinde, so würde er's nicht geglaubt haben, weil er nichts kannte, als
Finsternis und Muttermilch. So verheißt auch Gott zuweilen geringes, um
darunter Höheres zu verstehen, auf daß der Mensch lernen möge, unter dem
Zeitlichen sich das Himmlische vorstellen. Zum anderen Sohne aber sprach die
Mutter: O mein Sohn, was nützt Dir's, in dieser schlechten Hütte zu wohnen?
Vernimm also meinen Rat, der Dir von Nutzen sein wird. Ich kenne zwei Städte.
Die Einwohner der ersten leben in endloser, unaussprechlicher Freude und in
Ehren ohne Ende. In der zweiten finden Übungen der Kämpfer statt, und alle,
welche kämpfen, werden Könige, und alle, welche besiegt werden, siegen. Als
der Sohn solches vernahm, ging er hinaus auf die Kampfstätte, kam zurück und
sagte zur Mutter: Ich habe auf dem Kampfplatze ein wunderbares Spiel gesehen.
Einige wurden niedergeworfen und mit Füßen getreten, andere wurden
entblößt und getötet; alle jedoch schwiegen, alle kämpften, und keiner
erhob wider diejenigen, welche ihn niederwarfen, Haupt oder Hand. Die Mutter
entgegnete: Die Stadt, welche Du gesehen, ist nichts anderes, als eine
Vorstadt der Stadt der Herrlichkeit. In dieser Vorstadt will der Herr
diejenigen prüfen, welche geschickt sein mögen, einzugehen in die Stadt der
Herrlichkeit. Diejenigen, welche sich im Kampfe besonders hervorgethan haben,
wird er höher krönen in der Herrlichkeit. Wenn Du
aber die Niedergeworfenen hast entkleidet, gegeißelt werden und schweigen
sehen, so war das darum, weil unsere Kleider von der Finsternis unserer Hütte
befleckt waren und weil großer Kampf und Arbeit vonnöten ist, damit sie rein
werden. Der Sohn antwortete: Es ist aber schwer, sich mit Füßen treten zu
lassen und zu schweigen und ich halte es für besser, in meine Hütte
zurückzukehren. Ihm antwortete die Mutter und sprach: Wenn Du in unserer
Hütte bleibst, so werden aus unserer Finsternis und unserem Gestanke Würmer
und Schlangen entstehen, vor deren Anhören Deine Ohren sich entsetzen werden,
durch deren Biß Deine ganze Kraft erstarren wird, so daß Du lieber nicht
möchtest geboren, als in ihrer Gesellschaft sein. Auf dieses hin, was er von
seiner Mutter, welche unter dem leiblichen Gute das geistliche verstand,
gehört hatte, wurde der junge Mensch mutiger und strebte eifriger nach der
Krone. Also macht es auch Gott. Denn bisweilen verheißt und giebt er
Zeitliches, bisweilen verheißt er Fleischliches, worunter er Geistliches
versteht, damit der Geist durch die empfangenen Gaben zum Eifer Gottes
angeregt und durch das geistliche Verständnis gedemütigt werde, so daß er
nicht auf sich selbst stolz werde, wie Gott auch mit Israel gethan. Denn
zuerst verhieß und gab er ihnen Zeitliches und verrichtete an ihnen Wunder,
damit sie durch dieselben zum Unsichtbaren und Geistlichen erzogen werden
möchten. Als hierauf in ihrem Verstande die Erkenntnis Gottes größer
geworden war, redete Gott mit den Propheten dunkle und schwer verständliche
Worte, indem er einiges Tröstliche und Freudige einmischte, namentlich, als
er dem Volke die Heimkehr in dessen Vaterland, immerwährenden Frieden und
Wiederaufbau in allem, das dem Einsturze drohte, verhieß. Obwohl das
fleischliche Volk alle diese Verheißungen fleischlich verstand und erfüllt
haben wollte, so hat doch Gott zuvor gewußt und geordnet, daß einiges auf
fleischliche, anderes auf geistliche Weise in Erfüllung gehen sollte. Nun
möchtest Du aber fragen: Warum hat denn Gott, dem alle Stunden und
Augenblicke bekannt sind, das einzelne nicht deutlich und auf die einzelnen
Stunden vorausgesagt, oder weshalb hat er ein anderes gesagt und ein anderes
gemeint? Ich antworte Dir: Israel war fleischlich und begehrte allein
Fleischliches und konnte das Unsichtbare nur mittelst des Sichtbaren
begreifen. Deshalb gefiel es Gott, sein Volk auf vielerlei Weise zu erziehen,
damit
diejenigen, welche an die Verheißungen Gottes glaubten, ihres Glaubens wegen
höher gekrönt würden, damit diejenigen, welche im Guten zunehmen, desto
inbrünstiger werden, damit die Übertreter ablassen möchten, ungescheut zu
sündigen, damit die mit Trübsal heimgesuchten ihr Elend desto geduldiger
trügen, damit die Arbeitenden desto freudiger anhielten, und damit die
Harrenden mittelst der dunkeln Verheißung desto höher gekrönt würden;
denn, wenn Gott den Fleischlichen bloß das Geistliche verheißen hätte, so
würden alle lau geworden sein in der Liebe der himmlischen Dinge. Hätte er
aber nur das Fleischliche verheißen, welcher Unterschied fände denn alsdann
statt zwischen dem Menschen und dem Viehe? Aber damit der Mensch, als einer,
der da sterben soll, in Gerechtigkeit seinen Leib beherrsche, hat der
liebreiche und weise Gott ihm das Leibliche gegeben; damit er aber das
Himmlische begehre, hat er ihm himmlische Wohlthaten und Wunder gezeigt, auf
daß er Furcht haben möge, zu sündigen, hat er ihm die schrecklichen
Gerichte gezeigt, desgleichen die Angriffe durch böse Engel, und damit er,
der das Dunkel der Verheißungen erhellt und Weisheit verleiht, erwartet und
begehrt werden möge, ward Dunkles und Zweifelhaftes mit Tröstlichem
vermischt. Also zeigt auch noch heute Gott durch leibliche Gleichnisse
geistliche Bedeutungen an, und wenn er von leiblicher Ehre redet, meint er die
geistliche, damit Gott allein alle Meisterschaft zugeschrieben werde; denn was
ist die Ehre der Welt anders, als Wind und Beschwerde und eine Minderung des
göttlichen Trostes? Was aber ist Trübsal anders, als eine Vorbereitung der
Tugenden? Ist es also nicht, wenn man einem Gerechten die Ehre der Welt
verspricht, ein Raub am geistlichen Vorteile? Aber Trübsale der Welt
verheißen, was ist es anders, als eine Arznei und ein Gegengift gegen große
Schwäche? Darum, meine Tochter, können die Worte Gottes vielfältig
verstanden werden, ohne daß deshalb an irgend eine Wandelbarkeit in Gott zu
denken, sondern seine Weisheit zu bewundern und zu fürchten ist. Denn wie ich
in den Propheten leiblicherweise viele Dinge gesagt habe, welche auch
leiblicherweise vollendet worden, so habe ich auch vieles leiblicherweise
gesagt, das in geistlicher Weise vollzogen oder verstanden worden. Also thue
ich auch jetzt, und wenn dieses geschieht, will ich Dir die Ursache davon zu
wissen thun." ![]()
Worte der Jungfrau zur Tochter, wie der Teufel oft listig unter dem Gewande der Andacht auch einige unter den Dienern Gottes führt, damit er sie beunruhige. Welchen der Ablaß gegeben wird, und wie die Anordnung der Kirche durch eine Gans und Gott durch eine Henne bedeutet wird. Wer würdig ist, Küchlein Gottes genannt zu werden.
Die Mutter redete zur Braut Christi: ,;Warum habt ihr diesen
Mann aufgenommen, dessen Zunge große Worte redet, dessen Leben aber unbekannt
ist, dessen Sitten weltlich sind?" Sie antwortete und sprach: "Weil
er für fromm gehalten wurde, und damit er nicht zu Schanden werden möchte,
wenn er als Landsmann verschmäht würde. Hätte ich aber zuvor gewußt, daß
es Gott mißfiele, so würde ich ihn ebensowenig, als eine Schlange,
aufgenommen haben." Darauf sprach die Mutter zu ihr: "Dieser Dein
guter Wille hat seine Zunge und sein Herz bewahrt und im Zaume gehalten, daß
er euch nicht beunruhigte und außer Fassung brachte, aber der listige Teufel
hat euch einen Wolf im Schafpelze zugeführt, um Gelegenheit zu finden; euch
Kummer zu bereiten und euch ins Geschwätz zu bringen." Sie antwortete:
"Uns kommt es vor, als sei er andächtig und reumütig, und als besuchte
er die Heiligen und sagte, er wolle sich der Sünde enthalten." Die
Mutter entgegnete: "Wo eine Gans mit Federn ist, sage an, wird da das
Fleisch oder werden die Federn gegessen? Sind nicht die Federn abscheulich
für den Magen, während das Fleisch speist und stärkt? Also ist auf
geistliche Weise die Anordnung und Satzung der heiligen Kirche. Sie ist wie
eine Gans, woran der Leib Christi das frische Fleisch, die Sakramente die
inneren Teile der Gans, die Flügel aber die Tugenden und Thaten der Märtyrer
und Bekenner bedeuten. Die Flaumfedern stellen die Liebe und Geduld der
Heiligen, die Schwingfedern dagegen den Ablaß dar, welchen heilige Männer
gewährt und verdient haben. Jeder also, der zum Ablaß in der Absicht kommt,
von seinen früheren Sünden freigesprochen zu werden, dabei aber in der
früheren lasterhaften Gewohnheit verharren möchte, der hat zwar die
Schwingfedern der Gans, aber die Seele wird durch sie weder gespeist, noch
gestärkt, sondern, wenn sie genommen werden, gereichen sie zur Verwerfung.
Wer aber in der Meinung zum Ablasse kommt, die Sünden fortan abzuwerfen, das
unrecht Hinweggenommene wieder zu erstatten, den ungerecht Verletzten
Genugthuung zu gewähren, nicht einen einzigen Heller mit schändlichem
Gewinne zu erwerben, nicht einen Tag anders, als nach Gottes Willen leben zu
wollen, in Widerwärtigkeit wie im Glück Gott seinen Willen zu unterwerfen,
der Welt Ehren und deren Freundschaften zu fliehen, ein solcher wird
Verzeihung der Sünden erlangen und vor Gottes Antlitze ähnlich sein einem
Engel Gottes." Auf die Worte der Braut: "O Mutter der
Barmherzigkeit, bitte für jenen, daß er Gnade finden möge vor den Augen
Deines Sohnes ," antwortete die Mutter: "Der heilige Geist sucht ihn
heim, aber etwas, wie ein Stein, liegt vor seinem Herzen und verhindert den
Eintritt der Gnade Gottes. Denn Gott ist wie eine Henne, welche ihre Eier warm
hält, aus denen lebendige Junge werden sollen. Alle Eier, welche unter der
Henne liegen, empfangen ihre Wärme, nicht aber andere Dinge, welche in der
Nähe umher sich befinden. Auch bricht nicht die Mutter die Eierschale, in
welcher das Junge empfangen wird, sondern das Junge selbst bemüht sich,
dieselbe mit seinem Schnabel zu durchbrechen. Wenn dieses die Mutter sieht,
bereitet sie dem Küchlein einen wärmeren Ort, wo es bestehen kann. Also
sucht Gott mit seiner Gnade alle heim. Diejenigen nun, welche also denken und
sprechen: Wir wollen uns der Sünde enthalten und, soviel wir vermögen, nach
der Vollkommenheit trachten, besucht der heilige Geist häufiger, auf daß sie
es vollkommener vermögen; jene aber, welche ihren ganzen Willen Gott befehlen
und auch nicht das mindeste wider die Liebe Gottes thun mögen, vielmehr denen
folgen, welche sie nach dem Vollkommeneren streben sehen, auch dem Rate
demütiger Menschen gehorchen und klüglich den Regungen ihres Fleisches
widerstreben, diese nimmt Gott wie eine Henne ihre Jungen unter sich, indem er
ihnen sein Joch leicht macht und sie in ihren schwierigen Lagen tröstet.
Diejenigen dagegen, welche ihrem eigenen Willen folgen, und da denken, das
wenige Gute, das sie thun, sei des Lohnes bei Gott wert, und welche auch nicht
nach einer größeren Vollkommenheit trachten, sondern auf dem beharren,
was das Herz erfreut, und ihre Gebrechlichkeit mit dem Beispiele anderer
entschuldigen und ihre Schuld durch die Verkehrtheiten der anderen leichter zu
machen suchen, solche werden keine Küchlein Gottes, denn sie haben nicht den
Willen, die Härte und Eitelkeit ihres Herzens zu brechen, sondern, wenn sie
könnten, möchten sie gern länger leben, um in der Sünde lange verharren zu
können. Also thaten nicht der gute Zachäus, noch Magdalena, sondern, weil
sie in allen Gliedern Gott beleidigt hatten, gaben sie ihm alle Glieder, um
für die Beleidigungen genug zu thun. Und weil sie zu weltlicher Ehre, die
ihnen zum Tode gereichte, hinaufgestiegen waren, stiegen sie in Demut herab zu
ihrer Verachtung, weil es schwer ist, Gott und die Welt zugleich zu lieben,
wenn man nicht ist, wie jenes Tier, welches vorn und hinten Augen hatte;
gleichwohl wird ein solcher, wie sorgfältig er auch sein mag, Trübsale
leiden. Diejenigen aber, welche solche sind, wie dieser Zachäus und
Magdalena, haben den sicherern Teil erwählt."
Dieser war ein Schirmvogt aus Ostgotland und kam zum
Jubeljahre, von welchem Christus in Rom redet, mehr aus Furcht, denn aus
Liebe. Ein jeglicher, der einer Gefahr entronnen ist, muß sich ein wenig
hüten, daß er nicht in seinen vorigen Zustand zurückfällt; denn auch die
Schiffer im Hafen, welche ein zu großes Vertrauen haben, kommen in Gefahr.
Darum soll jener sich hüten, daß er wieder in den früheren Stand seines
Amtes gerate. Sonst, wenn er sich nicht hütet, wird er verlieren, was
erfreulich ist. Das Gesammelte wird an Fremde kommen. Die Kinder werden nicht
die Erbschaft erhalten und er selber wird nicht ohne Schmerz unter Fremden
sterben. Als er heimgekehrt war, ward er wieder ein Steuerbeitreiber und alles
geschah also. ![]()
Eine sehr gute Unterweisung der heiligen Agnes für die Tochter, gut und löblich zu leben und sich vor einem bösen und gegen Gott undankbaren Leben zu hüten. Hierbei werden die Stärke und Geduld durch einen Wagen und durch die vier Räder folgende vier Tugenden bedeutet: Alles um Gottes willen vollkommen aufzugeben, Demut, und Gott weislich zu lieben und das Fleisch klüglich im Zaume zu halten. Es wird auch einiges andere für Ordensgeistliche hinzugefügt.
Agnes redete zur Braut Christi und sprach: "Sahest Du
heute die hoffärtige Frau auf dem Wagen der Hoffart?" Die Braut
antwortete ihr: "Ich sah sie und verging, weil Fleisch und Blut, Staub
und Kot dort gelobt werden wollen, wo sie sich von Rechts wegen demütigen
sollten. Denn was ist eine solche Pracht, als eine verschwenderische
Aufzehrung der Gaben Gottes, ein Ärgernis des gemeinen Volkes, eine
Betrübung der Gerechten, eine Verheerung der Armen, eine Hervorrufung des
Zornes Gottes, eine Vergessenheit seiner selbst, ein schwereres Urteil für
das künftige Gericht und ein Verlust der Seelen?" Agnes entgegnete:
"Freue Dich, meine Tochter, daß Du solchem entzogen worden, deshalb will
ich Dir einen Wagen beschreiben, worauf Du sicher sitzen magst. Der Wagen,
worauf Du sicher sitzen sollst, ist die Stärke und die Geduld in Trübsalen.
Wenn der Mensch das Fleisch zu bezähmen und seinen ganzen Willen Gott zu
überlassen begonnen hat, dann schleicht sich gern die Hoffart in sein Herz,
welche den Menschen von und über sich erhebt, als ob er Gott oder den
gerechten Menschen ähnlich wäre, oder es überfällt ihn die Ungeduld oder
Unbescheidenheit, daß er entweder wiederkehrt zu seinen alten Gewohnheiten,
oder abnimmt an Eifer, wodurch er ungeschickt wird zur Arbeit Gottes. Deshalb
bedarf es einer bescheidenen Geduld, auf daß er weder ungeduldig
zurückweiche, noch unbescheiden verharre, sondern sich nach den Kräften und
Zeiten richte. Das erste Rad an diesem Wagen aber ist der vollkommene Wille,
alles um Gottes willen zu verlassen und nichts zu begehren, als Gott. Denn es
giebt viele, welche das Zeitliche zu dem Ende verlassen, um den
Widerwärtigkeiten zu entgehen, ohne daß ihnen gleichwohl etwas zum Nutzen
und Vergnügen fehlen darf. Das Rad dieser Leute läßt sich nicht führen,
noch umwenden. Wenn sie die Armut belästiget, begehren sie Wohlstand,
beschwert sie das Unglück, so verlangen sie Glück; versucht sie die
Verachtung, so murren sie über die göttliche Fügung und streben nach Ehren.
Wird ihnen etwas geboten, das ihnen zuwider ist, so suchen sie sich eigene
Freiheiten. Darum gefällt Gott der Wille, welcher weder im Glücke, noch
Unglücke begehrt, etwas von dem Seinigen zu haben. Das zweite Rad ist die
Demut, mittels deren der Mensch sich alles Guten unwert achtet, indem er zu
jeglicher Stunde sich seine Sünden vor Augen hält und sich vor dem Antlitze
Gottes für schuldig erachtet. Das dritte Rad ist, Gott weislich lieb haben.
Derjenige fürwahr hat Gott weislich lieb, welcher, wenn er an sich selber
herumblickt, seine Fehler hasset, welcher bekümmert ist um der Sünden seiner
Nächsten und Verwandten willen, sich dagegen ihres geistlichen Fortschrittes
zu Gott freut, welcher nicht wünscht, daß sein Freund ihm zu Nutzen und
Vorteil lebe, sondern um Gott zu dienen, und mehr sein Emporkommen in der Welt
fürchte, damit er Gott nicht beleidigen möge. Eine solche Liebe ist eine
weise, wenn man die Laster haßt und dieselben nicht um der Gunst und Ehren
willen nährt, und indem man diejenigen am meisten liebt, welche man in der
Liebe Gottes am eifrigsten sieht. Das vierte Rad ist die kluge Abtötung des
Fleisches. Wer im Ehestande ist und denkt also: Siehe, das Fleisch lockt mich
auf unordentliche Weise; werde ich nach dem Fleische leben, so weiß ich auf
das Gewisseste, daß der Schöpfer des Fleisches zürnt, der schlagen und
schwächen kann, welcher töten und richten wird; deshalb will ich um der
Liebe Gottes willen mein Fleisch gutwillig im Zaume halten, leben auf
gebührende und zur Ehre Gottes eingerichtete Weise. Wer also denkt und Gott
um Hilfe bittet, dessen Rad wird Gott angenehm sein. Wenn einer
Ordensgeistlicher ist und denkt also: Siehe, mein Fleisch lockt mich zur
Wollust; es bieten sich Ort, Zeit, Güter und alles dar, um der Lust zu
pflegen, gleichwohl will ich unter Gottes Beistand meiner heiligen
Gelübdeablegung wegen um einer flüchtigen Lust willen nicht sündigen, denn
es ist ein großes Gut, das ich Gott gelobt habe; arm bin ich eingetreten,
noch ärmer will ich hinaus-
gehen; über alles muß ich Rechenschaft ablegen, deshalb will ich, um meinen
Gott nicht zu erzürnen, um meinem Nächsten kein Ärgernis zu geben und mich
selber nicht zum Meineidigen zu machen, enthaltsam sein. Eine solche
Enthaltsamkeit ist großen Lohnes wert. Wenn jemand in Ehren und Wohlleben ist
und denkt also: Siehe, ich habe Überfluß an allen Dingen, dem Armen aber
gebricht's, und doch haben wir alle Einen Gott. Was nun habe ich verdient, und
was hat jener verschuldet? Was aber ist das Fleisch anderes, als eine Speise
der Würmer? Was sind so viele Wollüste, als ekelhafte Krankheiten und
Ursachen der Entkräftung, ein Zeitverderb und eine Anleitung zur Sünde? Also
will ich mein Fleisch im Zaume halten, damit die Würmer nicht ihren Mutwillen
daran auslassen, damit ich kein schweres Gericht zu bestehen habe, damit ich
die Zeit der Buße nicht unnütz vergeude, und wenn vielleicht das
verzärtelte Fleisch nicht leicht wird zur Abhärtung bewogen werden können,
so will ich ihm doch allmählich einiges von dem allzu Zarten entziehen, so
daß es noch wohl bestehen kann und das Notwendige habe, aber keinen
Überfluß. Wer daher so denkt und in seinem Thun leistet, was er vermag, der
kann ebenfalls ein Bekenner und Märtyrer geheißen werden, weil es eine Art
von Martertum genannt werden kann, Lüste zu haben und Lüsten nicht
nachzugehen, in Ehren stehen und die Ehre verachten, groß sein bei den
Menschen, selbst aber von sich das wenigste halten, ein solches Rad gefällt
Gott wohl. Siehe, meine Tochter, ich habe Dir einen Wagen gezeichnet, dessen
Lenker Dein Engel ist, wofern Du seinen Zaum und das Joch von Deinem Halse
nicht abschüttelst, d. h. wenn Du seine heilsamen Eingebungen nicht
ausschlägst, auch Deinem Herzen und Deinen Sinnen nicht den Zügel schießen
lässest nach dem Eitlen und Possenhaften. Nun will ich Dir auch jenen Wagen
auslegen, auf welchem die gedachte Frau gesessen hat. Fürwahr, der Wagen ist
ihre Ungeduld, nämlich gegen Gott, gegen den Nächsten und gegen sich selbst;
wider Gott, indem sie seine geheimen Ratschlüsse ihrem Urteile unterwirft,
wenn es ihr nicht nach Wunsch geht; wider den Nächsten, indem sie Übles an
ihm thut, weil sie seine Güter nicht erlangt; wider sich selbst ist sie voll
Ungeduld, die heimlichen Wünsche ihres Herzens zu offenbaren. Dieses Wagens
erstes Rad ist der Stolz, weil sie sich anderen vor-
zieht und andere richtet, die Demütigen verachtet und nach Ehren ringt. Das
zweite Rad ist der Ungehorsam gegen die Gebote Gottes, welcher in ihr Herz die
Entschuldigung mit ihrer Schwachheit, die Geringachtung ihrer Schuld, den
Dünkel des Herzens und die Verteidigung der Bosheit einführt. Das dritte Rad
ist die Begierde nach weltlichen Dingen, welche bei ihr die Vergeudung im
Ausgeben, die Vernachlässigung und Vergessenheit ihrer selbst, die Angst des
Herzens vor der Zukunft, die Lauigkeit in der Liebe Gottes erzeugt. Das vierte
Rad ist die Liebe ihrer selbst, durch welche sie sich von der Ehrerbietung und
Furcht ihres Gottes ausschließt und auf ihr Ende und Gericht nicht acht hat.
Der Lenker dieses Wagens ist der Teufel, welcher sie zu allem, was er in ihr
Herz schickt, fröhlich und kühn macht. Die beiden Rosse, welche den Wagen
ziehen, sind die Hoffnung eines langen Lebens und der Wille, bis ans Ende zu
sündigen. Der Zügel ist die Scheu vor der Beicht. Diese Scheu führt durch
die Hoffnung eines langen Lebens und den Willen, in der Sünde zu verharren,
die Seele vom rechten Pfade hinweg, und beschwert sie in der Sünde also, daß
sie weder durch Schrecken, noch durch Scham, noch durch-Ermahnung zum
Aufstehen vermocht werden kann, sondern, wenn sie fest zu stehen meint, sinkt
sie, wofern nicht Gottes Gnade hilft, in die Tiefe hinab."
Weiter redete Christus von derselben Frau und sprach:
"Diese ist eine Natter, welche die Zunge einer Hure hat, im Herzen
Drachengalle und im Fleische bitterstes Gift. Darum werden ihre Eier giftig
sein. Glücklich die, welche ihre Last nicht erfahren werden." ![]()
Lobesworte der Tochter zur glorwürdigen Jungfrau und liebliche Antwort der Jungfrau an die Tochter, in welcher der Tochter durch die Jungfrau von ihr, den Aposteln und Heiligen sehr viele Gnaden gewährt werden und vieles andere Gute.
"O süße Maria," sprach die Braut. "Gebenedeit
seist Du mit ewigem Segen, weil Du eine Jungfrau bist vor der Geburt, eine
Jungfrau nach der Geburt, eine Jungfrau beim Gemahle und wahrhaft eine
unzweifelhafte Jungfrau, als der Gemahl zweifelte. Deshalb seist Du gebenedeit,
weil Du Mutter und Jungfrau, weil Du allein Gott die Teuerste, weil Du vor
allen Engeln die Reinste, weil Du allein mit den Aposteln im Glauben die
Vollkommenste, weil Du allein im Herzeleid die am bittersten Heimgesuchte,
weil Du vor den Bekennern in der Enthaltsamkeit die am hellsten Leuchtende,
weil Du vor allen Jungfrauen in der Keuschheit die ausgezeichnetste bist.
Darum soll Dich segnen alles, was unten und was oben ist, weil Gott, der
Schöpfer, durch Dich Mensch geworden ist. Durch Dich findet der Gerechte
Gnade, der Sünder Vergebung, der Tote Leben, der Verbannte Heimkehr in sein
Vaterland." Die Jungfrau entgegnete: "Es steht geschrieben, daß,
als Petrus meinem Sohne Zeugnis gegeben, daß er der Sohn Gottes sei, ihm
geantwortet worden ist: Selig bist Du, Simon; denn Fleisch und Blut haben Dir
das nicht geoffenbart. Also sage ich jetzt: Diesen Gruß hat Dir nicht Deine
fleischliche Seele geoffenbart, sondern der, welcher ohne Anfang war und ohne
Ende ist. Deshalb sei Du demütig, ich werde barmherzig gegen Dich sein.
Johannes der Täufer, wie er versprochen, wird Dir süß sein; Petrus wird Dir
sanftmütig sein, Paulus aber stark wie ein Riese. Johannes wird Dir sagen:
Tochter, setze Dich aus das Knie; Petrus dagegen: O Tochter, öffne den Mund,
und ich werde Dich speisen mit der Speise der Süßigkeit; Paulus wird Dich
bekleiden und mit den Waffen der Liebe bewaffnen. Ich aber, die ich Mutter
bin, werde Dich meinem Sohne darstellen. Gleichwohl, meine Tochter, kannst Du
dieses auch im geistlichen Sinne verstehen.
Durch Johannes, welcher verdolmetscht wird als Gnade Gottes, wird nämlich der
wahre Gehorsam bedeutet; denn Johannes war und ist süß, den Eltern süß
wegen der wunderbaren Gnade, den Menschen süß wegen seiner gar besonderen
Predigt, Gott süß wegen der Heiligkeit seines Lebens und seines Gehorsams;
denn er gehorchte in seiner Jugend, war gehorsam im Glücke wie unter
Widerwärtigkeiten, er gehorchte und blieb niedrig, obwohl er geehrt werden
konnte; er war auch gehorsam im Tode. Der Gehorsam also spricht: Setze Dich
auf das Knie, d. h. steige zum Niedrigen herab, und Du wirst das Hohe haben;
verlaß das Bittere und Du wirst das Süße haben; laß fahren den eigenen
Willen, wenn Du klein sein willst; verachte das Irdische und Du wirst
himmlisch werden; verachte das Überflüssige und Du wirst einen geistlichen
Überfluß haben. Unter Petrus aber wird der Glaube der heiligen Kirche
verstanden. Wie Petrus beständig blieb bis an sein Ende, so wird auch der
Glaube der heiligen Kirche beständig bleiben ohne Ende. Petrus also, d. h.
der heilige Glaube, spricht: Öffne den Mund und Du wirst die beste Speise
empfangen, d. h. öffne die Erkenntnis Deiner Seele und Du wirst in der
heiligen Kirche die süßeste Speise finden, d. h. den Leib des Herrn im
Sakramente des Altars, desgleichen das Alte und das Neue Gesetz, die
Auslegungen der Lehrer, die Geduld der Märtyrer, die Demut der Bekenner, die
Keuschheit der Jungfrauen und die Grundlage aller Tugenden. Deshalb suche den
heiligen Glauben in der Kirche des heiligen Petrus, behalte den gefundenen im
Gedächtnisse und vollende denselben in Deinen Werken. Unter Paulus wird
dagegen die Geduld verstanden. Derselbe war eifrig wider die Anfechter des
heiligen Glaubens, fröhlich in Trübsalen, langmütig in der Hoffnung,
geduldig in den Krankheiten, mitleidig gegen Traurige, demütig in den
Tugenden, gastfrei gegen die Armen, barmherzig gegen die Sünder, Meister und
Lehrer aller und bis ans Ende ausharrend in der Liebe Gottes. Paulus also, d.
h. die Geduld, wird Dich rüsten mit den Waffen der Tugenden, weil die wahre
Geduld in den Vorbildern und der Geduld Christi und seiner Heiligen begründet
und befestigt ist. Sie entzündet die Liebe im Herzen, sie regt den Geist an
zu tapferen Thaten, macht den Menschen demütig, sanft, mitleidig, eifrig für
das Himmlische, besorgt ![]()
für sich selber, beharrlich in dem, was er angefangen hat. Jeden Menschen also, den der Gehorsam auf dem Knie der Demut erzieht, speiset der Glaube mit der Speise der Süßigkeit, bekleidet die Geduld mit der Rüstung der Tugenden. Einen solchen führe ich, die Mutter der Barmherzigkeit, ein bei meinem Sohne, welcher ihn krönen wird mit der Krone seiner Süßigkeit. Denn in ihm ist eine unerdenkliche Stärke, eine unvergleichliche Weisheit, unaussprechliche Tapferkeit, bewunderungswürdige Liebe. Obwohl ich nun, meine Tochter, nur mit Dir rede, so verstehe ich gleichwohl unter Dir alle, welche durch Werke der Liebe dem heiligen Glauben folgen; denn wie unter einem einzelnen Menschen die Israeliten verstanden werden, so werden durch Dich alle wahren Gläubigen bedeutet."
Erhabenes Lob der jungfräulichen Schönheit der Mutter Gottes und wie der Sohn Gottes seine Mutter einem Goldschmiede vergleicht.
"O süße Maria, neue Schönheit, Du hellglänzende
Schönheit, komm' Du mir zu Hilfe, damit meine Häßlichkeit schön und meine
Liebe entzündet werde. Drei Vorzüge giebt Deine Schönheit dem Haupte. Sie
reinigt erstens das Gedächtnis, so daß die Worte Gottes lieblich
hineingehen; zweitens, daß man das Vernommene mit Lust behält; drittens,
daß man es mit glühendem Eifer an den Nächsten ausbreitet. Drei Vorzüge
auch gewährt Deine Schönheit dem Herzen. Erstens nimmt sie die schwere Last
der trägen Verdrossenheit hinweg, wenn Deine Liebe und Demut betrachtet wird;
zweitens giebt sie den Augen Thränen, wenn man auf Deine Armut und Geduld den
Blick richtet; drittens giebt sie dem Herzen die innere Gunst der Süßigkeit,
wenn man aufrichtig das Gedächtnis Deiner liebreichen Güte pflegt. Fürwahr,
Frau, Du bist die allerköstlichste Schönheit, die begehrteste Schönheit,
weil Du den Schwachen als Hilfe, den Betrübten zum Troste, allen zur
Vermittlerin gegeben worden. Daher können alle, welche vernahmen, Du würdest
geboren werden, und diejenigen, welche wissen, daß Du schon geboren worden,
wohl ausrufen: Komm', Du hell-
leuchtende Schönheit, erleuchte unsere Finsternis; komm', Du köstlichste
Schönheit, und nimm unsere Schande hinweg; komm', lieblichste Schönheit, und
mildere unsere Bitternis; komm', mächtigste Schönheit, und löse unsere
Gefangenschaft; komm', Du ehrwürdigste Schönheit, und tilge unsere
Häßlichkeit. Gebenedeit und verehrungswürdig sei daher eine so beschaffene,
eine so große Schönheit, welche alle Patriarchen zu sehen wünschten, von
der alle Propheten sangen, über welche alle Auserwählten sich freuen."
Die Mutter antwortete: "Gebenedeit sei Gott, der meine Schönheit ist und
Dir solche Worte zu reden gegeben. Deshalb sage ich Dir, daß die
allerälteste, ewige und allerschönste Schönheit, welche mich gemacht und
geschaffen hat, Dich stärken wird, die allerälteste und neue Schönheit,
welche alles erneuert, und die in mir war und von mir ausging, wird Dich
Wunderbares lehren, die allerbegehrteste Schönheit, welche alles ergötzt und
erfreut, wird Deine Seele mit ihrer Liebe entzünden. Deshalb vertraue auf
Gott; denn, wenn die himmlische Schönheit erschienen sein wird, wird alle
irdische Schönheit beschämt und für Kot erachtet werden." Dann sprach
der Sohn Gottes zur Mutter: "O gebenedeite Mutter, Du bist einem
Goldschmiede ähnlich, welcher ein schönes Werk zurüstet. Alle, welche es
sehen, freuen sich, und bieten Gold und kostbare Steine dar, auf daß das Werk
seine Vollendung erreiche. Also gewährst Du, geliebte Mutter, jeglichem,
welcher sich bemüht, sich zu Gott zu erheben, Deine Hilfe und lässest
niemand leer von Deinem Troste. Deshalb wirst Du recht wohl das Blut meines
Herzens genannt werden können; denn wie durch das Blut alle Glieder des
Leibes belebt und gestärkt werden, so werden durch Dich alle lebendig gemacht
aus der Sünde und desto fruchtbarer werden für Gott." ![]()
Unterweisung der heiligen Agnes an die Tochter, daß sie weder rückwärts weichen, noch mehr, als sich gebührt, vorwärts schreiten soll. Über die Art, welche beim und nach dem Anfange der Enthaltungen zu beobachten ist, und welche Enthaltsamkeit Gott angenehm ist.
Agnes sprach: "Sei beständig, Tochter, und weiche
nicht rückwärts, weil der Giftzahn der Schlange Deiner Ferse nachstellt.
Gehe aber auch nicht über Gebühr vorwärts, weil die Spitze der scharfen
Lanze vor Dir steht, von welcher Du verwundet werden wirst, wenn Du weiter,
als recht ist, vorwärts gehst. Was aber ist rückwärtsschreiten anderes, als
bei den Anfechtungen es sich gereuen zu lassen, Herbes, aber Heilsames, auf
sich genommen zu haben, zu den alten Gewohnheiten wiederkehren zu wollen und
im Herzen an schmutzigen Gedanken sich zu weiden? Wenn solche Dinge dem
Gemüte behagen, verdunkeln sie alles Gute und ziehen dasselbe allmählich ab
von allem Guten. Auch vorwärtsschreiten darfst Du nicht über die Gebühr, d.
h. Dich nicht über Deine Kräfte peinigen, oder andere über Deine Natur
hinaus in guten Werken nachahmen, weil Gott von Ewigkeit her geordnet hat,
daß für die Werke der Liebe und der Demut den Sündern der Himmel soll
eröffnet werden, wenn man in allen Dingen Maß und Bescheidenheit bewahrt
hat. Nun aber beredet der neidische Teufel den unvollkommenen Menschen, daß
er über seine Kräfte fastet, Ungewöhnliches und Unerträgliches verspricht
und Vollkommenes nachthun will, ohne seine Kräfte und seine Schwachheit in
Betracht zu ziehen, so daß, wenn die Kraft abnimmt, der Mensch das übel
Begonnene entweder mehr aus Scham vor den Menschen, als vor Gott, fortsetzt,
oder desto schneller infolge seiner Unklugheit und Schwäche erliegt. Du mußt
Dich deshalb ganz nach Dir selber abmessen, d. h. nach Deiner Schwäche oder
Deiner Stärke, weil einige von Natur schwächer, andere stärker, einige
durch die Gnade Gottes eifriger, andere durch gute Gewohnheit fröhlicher sind
zum Wirken. So richte denn Dein Leben ein nach dem Rate derer, welche Gott
fürchten, damit Dich nicht bei Deiner Unachtsamkeit die Schlange oder die
Spitze des vergifteten
Spießes verwunde, d. h. die überaus giftige Einflüsterung des Teufels Dein
Herz betrüge, so daß Du entweder für etwas gehalten werden willst, das Du
nicht bist, oder zu sein begehrst, was über Deine Kräfte und Tauglichkeit
hinausgeht. Es giebt solche, welche da glauben, durch ihre Verdienste den
Himmel erlangen zu können. Andere giebt es, welche Gott durch gute Werke für
ihre Ausschreitungen genugthun zu können vermeinen. Alle diese sind im
Irrtum; denn wenn auch der Mensch, er sei, wer er wolle, hundertmal seinen
Leib tötete, so würde er doch Gott auf Tausend nicht Eins antworten können.
Dieser giebt ja das Können wie das Wollen; er giebt Zeiten und Gesundheit; er
erfüllt in den Guten das Verlangen; er giebt Reichtum und Herrlichkeit; er
ist's, der da tötet und lebendig macht, erhöht und erniedrigt, und alles ist
in seiner Hand. Deshalb ist ihm allein alle Ehre zu erweisen, und keinerlei
Verdienste der Menschen kommen bei Gott in irgend einen Betracht. Daß Du Dich
aber über jene Frau gewundert, welche zum Ablaß gekommen und sich hat
entehren lassen, darauf antworte ich Dir: Es sind etliche Weiber, welche in
Enthaltsamkeit leben, ohne sie zu lieben, deren Sinneslust nicht groß und
deren Anfechtung nicht heftig ist, welche, wenn ihnen eine ehrenvolle
Vermählung angeboten würde, dieselbe zwar annehmen möchten, weil aber
Vornehmes ihnen nicht angetragen wird, Niedriges verachten. Und so entsteht
aus der Enthaltsamkeit zuweilen Dünkel und Überhebung, aus deren
Veranlassung, wie Du bereits gehört hast, es sich nach Gottes Zulassung
begiebt, daß sie fallen. Wenn aber eine also gesinnt ist, daß sie um der
ganzen Welt willen, wenn sie ihr dargeboten würde, auch nicht einmal befleckt
werden möchte, so ist es nicht möglich, daß solche sich der Schande
hingäbe. Wenn jedoch Gott vermöge seiner geheimen Gerechtigkeit zuließe,
daß eine solche fiele, so geschähe es ihr mehr zur Erlangung der Krone, als
zur Sünde, wofern es nur wider ihren Willen war. Deshalb sollst Du für
gewiß wissen, daß Gott wie ein Adler ist, welcher von seiner Höhe das
Tiefste schaut. Sieht dieser nun etwas aufsteigen von der Erde, so wirft er es
wie mittels einer Schleuder hinab. Erblickt er aber etwas Giftiges, das ihm
zuwider ist, so schlägt er wie ein Pfeil hindurch, Träuft aber etwas
Unreines nieder, so schüttelt er es stark von sich ab und entfernt es. Also
thut auch Gott. Wenn er sieht, daß die Herzen der Menschen
aus Gebrechlichkeit des Fleisches oder durch die Anfechtungen des Teufels, dem
Willen des Geistes entgegen, sich wider Gott erheben, so vernichtet er dieses
sogleich wie durch eine Schleuder mittelst Eingebung der Reue und des Leids,
und macht, daß der Mensch zu Gott und zu sich selber zurückkehrt. Wenn aber
das Gift der Begierde des Fleisches oder Reichtums in das Herz eingegangen
ist, so durchschlägt Gott das Herz mit dem Pfeile seiner Liebe, damit der
Mensch nicht im Verharren auf der Sünde von Gott sich trenne. Befleckt die
Seele etwas Unreines von Hoffart oder der Kot der Unzucht, so wirft er
dasselbe gleich durch die Beständigkeit des Glaubens und der Hoffnung hinweg,
damit der Geist nicht in Lastern verhärte, oder die mit Gott verbundene Seele
zu ihrem Schaden befleckt werde. Darum, meine Tochter, bedenke bei allen
Deinen Neigungen und Werken die Barmherzigkeit Gottes und habe acht auf die
Gerechtigkeit und das Ende."
Worte der Braut zu Gott über seine Kraft und Herrlichkeit und die Antwort der Jungfrau an die Tochter, welche dieselbe stärkt. Wie die Guten und die Diener Gottes nicht aufhören sollen, zu predigen und die Heiden zu ermahnen, dieselben mögen bekehrt werden oder nicht, was durch ein Beispiel bewiesen wird.
"Gebenedeit seist Du, mein Gott, der Du dreieinig und
Einer bist, dreifältig in den Personen und Einer im Wesen. Du bist die Güte
und die Weisheit und die Schönheit selber und die Macht. Du bist die
Gerechtigkeit und die Wahrheit selbst, durch welche alles ist, lebt und
besteht. Du gleichest fürwahr einer Blume, die auf dem Felde herrlich
wächst, von der alle, welche ihr nahe kommen, Süßigkeit im Geschmack, eine
Erleichterung im Gehirn, Ergötzen für das Auge und Stärkung in den übrigen
Gliedern erhalten. So werden alle, welche sich Dir nahen, dadurch schöner,
daß sie die Sünde verlassen, sie werden weiser dadurch, daß sie deinen
Willen, aber nicht den des Fleisches befolgen, sie werden gerechter, indem sie
den Nutzen der Seele und die Ehre Gottes verfolgen. Deshalb, o Du
liebreichster Gott, gewähre mir, daß ich das liebe, was Dich
erfreut: den Versuchungen mannhaft zu widerstehen, alles Weltliche zu
verachten und Dich beständig in meinem Gedächtnisse zu behalten." Die
Mutter antwortete: "Diesen Ruf hat Dir jener gute Hieronymus verdient,
welcher die falsche Weisheit fahren ließ und die wahre Weisheit fand, welcher
die irdische Ehre verachtete und Gott selber gewann. Glücklich dieser
Hieronymus, glücklich die, welche seiner Lehre und seinem Leben folgen; er
liebte die Witwen, war ein Spiegel derer, welche Fortschritte machen, und ein
Lehrer der ganzen Wahrheit und Reinheit. Aber sprich, meine Tochter, was macht
Dir Bekümmernis in Deinem Herzen?" Und sie sprach: "Es kömmt mir
ein Gedanke bei, welcher sagt: Wenn Du gut bist, so hast Du an Deiner Güte
genug. Was geht es Dich an, andere zu richten und die Besseren zu belehren?
Das ist weder Deines Amtes, noch Standes. Durch diesen Gedanken wird mir das
Gemüt so verhärtet, daß es seiner selbst vergißt und ganz erkaltet in der
Liebe Gottes." Die Mutter antwortete: "Dieser Gedanke zieht viele
von Gott ab, die in der Tugend schon fortgeschritten sind; denn es ist Sache
des Teufels, daß er die Guten verhindert, durch Belehrung die Bösen zur
Buße zu bewegen und die schon Guten zu einer nach und nach höheren Stufe der
Vollkommenheit zu bringen. So wäre jener Verschnittene, welcher den Jsaias
las in die Hölle, wenn auch zu einer geringeren Strafe, gekommen, aber
Philippus kam ihm entgegen, lehrte ihn den kurzen Weg zum Himmel und erhob ihn
zu einer glücklichen Stätte. Also ward auch Petrus zum Cornelius gesandt.
Wäre Cornelius vorher gestorben, so würde er zwar seines Glaubens halber zur
Erquickung gelangt sein, aber Petrus kam und drängte ihn gewaltsam an die
Thüre des Lebens. Auf ähnliche Weise kam auch Paulus zu Dionysius und
führte ihn zur seligen Belohnung. Deshalb sollen die Freunde Gottes nicht
verdrießlich werden im Dienste Gottes, sondern arbeiten, daß der böse
Mensch sich bessere und der gute Mensch zu höherer Vollkommenheit gelange.
Wer den Willen hätte, allen Vorübergehenden zu predigen, daß Jesus Christus
wahrhaft der Sohn Gottes wäre, und danach trachtete, so gut er es vermöchte,
an der Bekehrung anderer zu arbeiten, würde, wenn auch niemand oder nur
wenige bekehrt werden möchten, nichtsdestoweniger dieselbe Gnade erlangen,
als wenn alle bekehrt worden wären. Also sage ich Dir
als Beispiel: Wenn zwei Lohnarbeiter auf Befehl des Herrn einen überaus
harten Berg durchgrüben, und der eine fände auserlesenes Gold, der andere
aber nichts, so würden beide wegen ihrer Arbeit und ihres Willens gleichen
Lohnes würdig sein. Also auch Paulus, welcher mehr bekehrt hat, als die
übrigen Apostel, welche wenigere bekehrten. Alle waren eines Willens, allein
die göttliche Spende ist verborgen. Deshalb soll man nicht ablassen, wenn
auch nur wenige die Worte Gottes annehmen oder niemand es thut. Denn wie der
Dorn die Rose bewahrt und der Esel seinen Herrn trägt, so nützt der Teufel
durch den Dorn der Sünde mittels der Trübsal den Auserwählten wie Rosen und
wie ein Esel trägt er sie zum Troste Gottes und einer größeren Belohnung.
Wie in neueren Zeiten die Bosheit der Menschen die Arglist des Teufels übertrifft, und wie die Menschen jetzt bereitwilliger sind, zu sündigen, als der Teufel zum Versuchen. Vom Urteile, das wider solche gefällt wird. Wie die Freunde Gottes durch Predigen mannhaft und rasch arbeiten sollen, und von der Eingießung der Wissenschaft in seine Freunde.
Der Sohn sprach: "Wenn ich beunruhigt werden könnte,
möchte ich jetzt mit Recht sagen können: Es gereut mich, den Menschen
geschaffen zu haben. Der Mensch ist jetzt wie ein Tier, das freiwillig in die
Netze läuft, wie sehr er auch gewarnt wird, gleichwohl folget er der Neigung
seines Willens. Man kann dem Teufel durchaus nicht beimessen, daß er den
Menschen mit Gewalt ziehe, sondern der Mensch selber kommt seiner Bosheit
zuvor. Wie Jagdhunde, welche zuerst an Koppeln geführt werden, nachdem sie
daran gewöhnt sind, Tiere zu fangen und zu fressen, in der Eile auf die Beute
selbst dem Führer zuvorkommen, so ist auch jetzt der Mensch, welcher an die
Sünde gewöhnt und von ihr bezaubert worden, bereitwilliger, zu sündigen,
als der Teufel zum Versuchen. Das ist auch kein Wunder; denn es ist lange her,
daß der apostolische Stuhl, das Haupt der Welt, Gott durch Heiligkeit des
Lebens und sein Vorbild, wie er zum Anfang gethan, besänftigt hat, und darum
sind die übrigen Glieder schwach und matt geworden. Es wird
auch nicht in Betracht gezogen, weshalb der reiche Gott jetzt dürftig und arm
geworden ist, zu lehren, daß das Vergängliche zu verachten, das Himmlische
aber zu lieben sei, denn weil der von Natur arme Mensch reich geworden ist an
trügerischem Reichtum, giebt es viele, die nur danach mehr trachten, und
wenige, die ihn geringschätzen. Deshalb wird ein Pflüger kommen, den der
Allmächtige sendet und der Allweise stärkt und dieser sucht nicht Länder
und Schönheit der Leiber, scheut nicht die Stärke der Starken, fürchtet
nicht die Drohungen der Fürsten, auch sieht er nicht an die Person der
Menschen; er wird säen das Fleisch der Menschen und zerstören die Häuser
der Geister; die Leiber wird er den Würmern überliefern und die Seelen denen
übergeben, denen sie gedient haben. Darum sollen meine Freunde, zu denen ich
Dich senden werde, tapfer und rasch arbeiten, weil, was ich sage, nicht in den
letzten Tagen. sondern, wie ich vorhin gesagt, in diesen Tagen sein wird. Und
die Augen vieler, die jetzt leben, werden es sehen, damit erfüllt werde, was
geschrieben ist: Ihre Weiber müssen Witwen und ihre Kinder Waisen werden, und
alles, was dem Menschen wünschenswert ist, soll hinweggenommen werden.
Diejenigen aber, welche mit Demut zu mir kommen, die will ich, der barmherzige
Gott, aufnehmen, jenen, welche die Frucht der Gerechtigkeit mit Werken
erfüllt haben, werde ich mich selbst geben, weil es recht ist, daß das Haus
gereinigt werde, in welches der König einziehen will, daß das Glas
gesäubert werde, damit der Trank klar erscheine, daß man ferner das Korn
stark zerreibe, damit es von der Ähre sich sondere, und dasjenige, was in die
Form eingeschlossen wird, fest gedrückt werde, bis es die Ähnlichkeit der
Form erhält. Wie jedoch nach dem Winter der Sommer kommt, so werde ich nach
der Trübsal Trost gewähren denen namentlich, welche klein zu sein begehren,
und welche das Himmlische höher schätzen, als das Irdische. Wie jedoch der
Mensch nicht zu einer und derselben Zeit geboren wird und stirbt, so wird
alles jetzt zu seiner Zeit erfüllt werden. Du sollst auch wissen, daß ich
mit etlichen nach dem gemeinen Sprichworte thun will: Schlag' ihn an den Hals
und er wird laufen, und der Schmerz zwingt, zu eilen. Mit anderen werde ich
thun, wie geschrieben steht: Offne deinen Mund, ich will denselben füllen. Zu
den dritten aber werde ich durch Tröstung und Eingebung
sprechen: Kommt, ihr Ungelehrten und Einfältigen, ich will euch Mund und
Weisheit geben, denen die Schwätzer nicht werden widerstehen können. Also
habe ich schon gethan in diesen Tagen, ich habe die Einfältigen mit Weisheit
erfüllt, und sie widerstehen den Gelehrten; ich habe die Großmäuler und
Mächtigen gerupft, und sie sind plötzlich gestorben. Und das ist kein
Wunder; denn ich habe den Weisen befohlen, sie sollten den Schlangen die
Zungen ausschneiden, wie Du gehört hast, und sie haben nicht gewollt. Auch
die Mutter, welche eine Jungfrau war, hat die Zungen der Gemeinde nicht
vertilgen wollen, um das Feuer der Begierlichkeit zu löschen, das in den
Herzen der Kinder, wie ich gemahnt habe, entzündet war. Darum habe ich ihnen
zur Zeit, da sie im Glücke schwelgten, ihre Zungen abgeschnitten."
Worte Johannis, des Evangelisten, zur glorwürdigen Jungfrau von einem ganz boshaften Heuchler, und die Antwort der Jungfrau, wie ein solcher beschaffen sei. Von des Teufels Verspottungen desselben, und wie aus sieben Zeichen der gute und aus eben so vielen der böse Geist erkannt wird.
Der Evangelist Johannes sprach zur Mutter Gottes:
"Vernimm, Du, Jungfrau und Mutter Eines Sohnes, aber nicht mehrerer
Söhne, Du Mutter des eingeborenen Sohnes Gottes, des Schöpfers und Erlösers
aller, vernimm, sage ich, wie sehr dieser Mann vom Teufel betrogen worden, wie
sehr er sich bemüht, das Unmögliche zu erlangen, wie sehr und in wie vielen
Dingen er vom Geiste der Lüge sich hat unterweisen lassen, und wie weit er
sich auch bei seiner Lammesmiene mit seinem Löwenherzen von Gott entfernt.
Ich habe gelehrt, daß ihrer drei sind, welche Zeugnis geben im Himmel und auf
Erden: der Vater, der Sohn und der heilige Geist. Diesem nun giebt der böse
Geist das Zeugnis einer erheuchelten Heiligkeit, der Vater aber stärkt ihn
nicht mit seiner Macht und der Sohn sucht ihn nicht auf in seiner Weisheit;
der heilige Geist entflammt ihn nicht mit seiner Liebe. Kein Wunder; denn er
trachtet nach einer Macht wider die Macht des Vaters; er will auch weise sein
wider die
Weisheit des Sohnes; er ist entflammt, aber ganz anders, als wie der heilige
Geist entzündet. Deshalb bitte Deinen Sohn, daß er entweder recht bald
hinweggenommen werde, damit nicht noch mehrere verloren gehen, oder daß er
für seine Sünde bald gedemütigt werde." Maria antwortete ihm:
"Höre, Jungfrau in Mannesgestalt, Du bist es, den mit dem leichtesten
Tode aus der Welt abzuberufen Gott gefallen hat, gleich mir, die ich bei der
Trennung der Seele und des Leibes gleichsam eingeschlafen und zu ewiger Freude
erwacht bin. Und kein Wunder! Denn ich habe mehr als alle anderen bei meines
Sohnes Tode gar bitteren Schmerz empfunden, und deshalb gefiel es Gott, mich
durch den schmerzlosesten Tod von der Welt abzutrennen. Du aber warst unter
den Aposteln am meisten in meiner Nähe und hast größere Zeichen der Liebe
erfahren als die anderen, und das Leiden meines Sohnes ist Dir bitterer
geworden, da Du vor den übrigen der nächste Zeuge warst, und weil Du vor
Deinen übrigen Brüdern länger gelebt hast, bist Du gleichsam in ihrer aller
Tod ein Märtyrer gewesen; deshalb gefiel es Gott, auch Dich durch den
leichtesten Tod nach mir aus der Welt zu rufen, weil die Jungfrau einer
Jungfrau empfohlen worden war. Deshalb wird geschehen, was Du gebeten hast,
und nicht hinausgeschoben werden. Jedoch will ich meiner Tochter zeigen, wie
derjenige, von welchem wir reden, beschaffen ist. Er ist fürwahr wie der
Diener eines Münzers, d. h. des Teufels, der seine Münze schmilzt und
schlägt, nämlich den, welcher nach seinen Eingebungen und Versuchungen ihm
dient, bis er ihn nach seinem Willen vollendet hat. Wenn er den Willen des
Menschen verderbt und zur Lust des Fleisches und zur Liebe der Welt geneigt
gemacht hat, drückt er ihm alsbald eine Form und Aufschrift ein, aus welch
äußerlichen Zeichen zu erkennen ist, wen er von ganzem Herzen liebt. Wenn
dann der Mensch die Begierde seines Herzens durch die That erfüllt und sich
mehr in die Welt versenkt, als sein Stand es erfordert, dann wird er sich als
echte Münze des Teufels erweisen. Wisse aber, daß eine andere die Münze
Gottes, eine andere die Münze des Teufels ist. Die Münze Gottes ist eine
goldene d. i. glänzende, schmeidige und kostbare. Also ist jede Seele, welche
das Gepräge Gottes trägt, leuchtend in göttlicher Liebe, schmeidig in
Geduld, köstlich in der Fortsetzung des guten Werkes. So wird
denn eine gute Seele geschmolzen durch die Kraft Gottes und bewährt durch
viele Versuchungen, durch welche die Seele bei Betrachtung ihres Ursprunges,
ihrer Gebrechen und der göttlichen Liebe und Langmut Gott desto kostbarer
wird, je demütiger, geduldiger und sorgsamer für ihr Heil sie sich finden
läßt. Die Münze des Teufels aber ist von Kupfer oder Blei; von Kupfer, weil
sie mit dem Golde Ähnlichkeit besitzt. Auch sie hat Härte und Dehnbarkeit,
jedoch nicht wie das Gold. Also die Seele des Ungerechten; denn sie will
gerecht erscheinen, richtet aber andere und zieht das Ihrige allem vor. Sie
ist unbrauchbar zu Werken der Demut, weich in ihrem Thun, schwer abzubringen
von ihren Einfällen, angestaunt von der Welt, vor Gott aber verachtet. Die
Münze des Teufels ist auch bleiern; denn sie ist mißgestaltet, weich,
biegsam und schwer. So ist des Ungerechten Seele mißgestaltet durch
wollüstige Neigungen, voll weichlicher Begierlichkeit der Welt, wie ein Rohr
biegsam zu allem, was der Teufel dem Herzen eingiebt, ja zuweilen williger zum
Handeln, als der Teufel zum Versuchen. Also ist auch der gedachte Diener des
Münzers beschaffen, welchem es überdrüssig geworden, in der Beobachtung der
Regel zu verharren, zu welcher er sich durch Gelübde verpflichtet hatte; er
hat auf Wege gesonnen, wie er den Menschen durch eine erheuchelte Heiligkeit
gefallen möge, um sein Fleisch desto besser pflegen zu können. Und alsbald
betrog ihn der Teufel durch schwarze Lügen, daß er Unmögliches zu erreichen
glaubte, was nicht in Erfüllung gehen wird. Sein Leben aber wird abgekürzt
werden, und er wird die Ehre, welche er begehrt, nicht empfangen. Wo aber eine
neue Münze gefunden wird, soll man sie gleich zu einem weisen Manne schicken,
welcher eine genügende Kenntnis des Gewichtes und der Form hat. Allein wo
werden wir ihn finden? Und wenn er auch gefunden sein wird, so kümmert er
sich wenig, ja gar nicht darum, ob die Münze eine echte oder unechte ist.
Deshalb giebt es unter solchen Umständen nur Einen Rat, den ich Dir durch ein
Beispiel angeben will. Wenn man einem Hunde einen Gulden vorhielte, würde er
gar nicht darauf achten, noch ihn annehmen; wäre derselbe aber stark mit Fett
überzogen, dann würde er solchen ohne Zweifel annehmen. Also ist es auch
jetzt. Kommt man zu einem Weisen und spricht: Der und der ist ein
Ketzer, dann wird nicht darauf geachtet, weil die Liebe Gottes völlig
erkaltet ist. Hieße es aber: Er hat viele Gulden, alsdann würden alle
zugleich herbeieilen. Deshalb wird alsbald geschehen, was Paulus spricht: Ich
will die Weisheit der Weisen zu nichte machen und will sie erniedrigen; die
Niedrigen aber will ich erhöhen. Doch kannst Du, meine Tochter, den heiligen
und den unreinen Geist aus sieben Merkmalen erkennen. Zuerst läßt der Geist
Gottes dem Menschen die Welt gering erscheinen, deren Ehre im Herzen wie Luft
geachtet wird; zweitens macht er Gott der Seele angenehm und alle Lust des
Fleisches erkalten; drittens giebt er Geduld ein und daß man sich Gottes
allein rühme; viertens regt er das Herz zur Liebe des Nächsten und selbst
zur Barmherzigkeit gegen die Feinde an; fünftens begeistert er zur Keuschheit
in allen Dingen, ja selbst in den erlaubten; sechstens bewirkt er Vertrauen
auf Gott in allen Trübsalen und Kraft, sich derselben zu rühmen; siebentens
schenkt er das Verlangen, aufgelöst zu werden und lieber bei Christo zu sein,
als in der Welt Glück zu haben und befleckt zu werden. Der böse Geist
dagegen hat sieben andere Dinge im Gefolge: Erstens läßt er die Welt
lieblich erscheinen und Ekel am Himmlischen entstehen; zweitens bewirkt er,
daß man Ehre begehrt und sich selber vergißt; drittens erregt er im Herzen
Haß und Ungeduld; viertens macht er kühn gegen Gott und halsstarrig in den
Anschlägen seines Gemütes; fünftens läßt er die Sünden leicht erachten
und entschuldigen; sechstens aber giebt er Leichtfertigteit des Geistes und
alle Unreinheit des Fleisches ein; siebentens bläst er die Hoffnung, lange zu
leben, und Scheu vor der Beicht ein. Sei deshalb besorgt um Deine Gedanken,
auf daß Du von jenem Geiste nicht betrogen werdest."
Dieser war ein Priester des Cistercienserordens, welcher
nach achtzehnjähriger Abtrünnigkeit Reue empfand und ins Kloster
zurückkehrte. Er hatte gesagt, es sei unmöglich, daß jemand verdammt werde,
auch rede Gott mit niemand in dieser Welt, und niemand könne das Angesicht
Gottes vor dem Gerichte Gottes sehen. Als Frau Brigitta dieses vernommen,
sprach der heilige Geist zu ihr: "Gehe zu jenem Bruder und sage zu ihm: O
mein Bruder, Du siehst nicht, wie ich es schaue, daß der Teufel noch in
Deinem Alter Dein
Herz inne hat und Deine Zunge gebunden hält; Gott ist ewig und ewig ist auch
seine Vergeltung. Wende Dich daher schnell mit vollkommenem Herzen wieder zu
Gott Und dem wahren Glauben, weil Du ohne Zweifel von diesem Lager nicht
wieder aufstehen, sondern gewißlich sterben wirst. Wenn Du glauben wirst,
wirst Du ein Gefäß sein zur Ehre Gottes." In Thränen aufgelöst,
dankte jener der Frau Brigitta und besserte sein Leben so vollkommen, daß er
in der Stunde seines Todes seine Brüder zusammenrufen ließ und zu ihnen
sprach: "O meine Brüder, ich bin versichert, daß der barmherzige Gott
meine Reue angenommen hat und mir Vergebung gewähren wird. Betet für mich;
denn ich glaube alles, was die heilige Kirche glaubt." So entschlief er,
nachdem er die Sakramente Gottes empfangen hatte.
Worte der Jungfrau zur Tochter von der Weise, wie sich die Diener Gottes gegen die Ungeduldigen zu verhalten haben, und wie die Hoffart durch ein Faß bedeutet wird.
Die Mutter sprach: "Wenn in einem Fasse der Wein warm
wird und anschwellend überläuft, so steigen Dünste und Schaum auf,
bisweilen größer und bisweilen kleiner, und nehmen dann plötzlich wieder
ab. Alle, welche das Faß umstehen, ziehen in Betracht, wie jene
Ausdünstungen bald wieder niedersinken, und daß diese Aufwallungen von der
Stärke des Weines herrühren und dessen Hitze andeuten, weshalb sie geduldig
das Ende und die Vervollkommnung des Biers oder Weins erwarten. Allen aber,
welche um das Faß stehen und die Nasen der Hitze des Fasses allzusehr
nähern, werden entweder ein starkes Niesen oder im Gehirn großen Andrang
leiden. So ist es auch geistlicherweise. Es begiebt sich zuweilen, daß die
Herzen der Menschen von den Regungen der Hoffart oder der Ungeduld
anschwellen; nehmen nun tugendhafte Menschen diese Aufgeblasenheit wahr, so
beachten sie, daß solches entweder aus der Unbeständigkeit des Gemütes oder
einer Regung der Fleischlichkeit herkommt. Sie ertragen deshalb die Worte, die
aus solchen Herzen kommen, geduldig und warten des Endes, da sie wissen, daß
nach dem Ungewitter Ruhe eintritt, und daß die Geduld stärker ist, als
einer, welcher Städte erobert (Sprichw. XVI.), weil sie den Menschen in sich
selber besiegt, was sehr schwer ist. Diejenigen aber, welche gar zu ungeduldig
sind und dem entspre-
chende Worte hören lassen, auch des herrlichen Lohnes der Geduld nicht
achten, noch darauf, wie verächtlich die weltliche Ehre ist, diese verfallen
mit ihren Versuchungen ihrer Ungeduld halber in Schwachheit des Herzens, weil
sie die Nasen dem aufgeregten Fasse zu nahe bringen, d. h. Worte, welche
nichts weiter als Luft sind, ihrem Herzen zu sehr nähern. Wenn ihr daher
seht, daß einige ungeduldig sind, so hütet mit Gottes Beistande eueren Mund
und lasset um ungeduldiger Worte willen das Gute, das ihr angefangen, nicht
fahren, sondern stellt euch, soweit es recht ist, als wüßtet ihr das
Gehörte ebensowenig, als ob ihr's nicht gehört hättet, bis diejenigen,
welche Gelegenheit finden wollen, mit dem Worte alles aussprechen, was sie im
Herzen bemerken."
Ermahnende Worte der Mutter zur Tochter, daß der Mensch keine Sorge auf die Lüste des Fleisches verwenden, sondern den Leib in mäßiger Notdurft erquicken, und wie der Mensch neben, aber nicht in seinem Leibe stehen soll.
Die Mutter sprach: "Du sollst sein wie eine Braut,
welche vor einem Vorhange steht, und die alsbald, sowie der Bräutigam gerufen
haben wird, bereit ist zum Willen des Bräutigams. Dieser Vorhang ist der
Leib, welcher die Seele umhüllt, und welcher stets gewaschen, bewährt und
versucht werden muß Denn der Leib ist wie ein Esel, der mäßiger Speise
bedarf, damit er nicht geil, bescheidener Arbeit, damit er nicht übermütig,
oder einer beständigen Geißel, daß er nicht faul werde. Stehe deshalb neben
dem Vorhange, d. h. neben dem Leibe, nicht im Leibe, wo Du in den Lüsten den
Leib besorgst, sondern erquicke den Leib mit mäßigem Unterhalt. Derjenige
steht neben dem Leibe und nicht im Leibe, der seinen Leib im Zaume hält gegen
die Lust der Speisen, ohne sich das Notwendige zu versagen. Stehe auch hinter
dem Vorhange, indem Du die Wollust des Fleisches verachtest, die Ehre Gottes
wirst und Dich gänzlich für Gott hingiebst. So standen jene, welche ihre
Leiber gleichsam wie Kleider vor Gott niederwarfen, die zu jeder Stunde bereit
waren, auf den Willen Gottes zu achten, wenn es Gott gefallen würde, sie zu
rufen; denn sie hatten keine
weite Reise zu dem, welchen sie immer gegenwärtig hatten; auch drückten
keine schweren Lasten ihre Nacken nieder, weil sie alles verachteten und mit
dem Leibe allein in der Welt waren. Deshalb entflogen sie frei ohne Hindernis
zum Himmel, weil sie nichts verhinderte, als eine dürre, gezüchtigte Hülle,
nach deren Ablegung sie erhielten, was sie wünschten. Also ist dieser
gefährlich gefallen, aber weislich wieder aufgestanden, hat sich mannhaft
verteidigt, standhaft gekämpft und ist beharrlich gestanden. Deshalb wird er
jetzt für ewig gekrönt werden und ist vor dem Angesichte Gottes."
Ermahnende Worte der Jungfrau zur Tochter, welche tugendhaften Werke das ewige Leben verdienen und welche nicht, und von dem gar großen Verdienste des Gehorsams.
"An einem Baume sind viele Blüten; es kommen jedoch
nicht alle zur Vollendung. So giebt es viele tugendhafte Werke; es verdienen
jedoch nicht alle die himmlische Belohnung, wofern sie nicht bescheidentlich
vollbracht werden. Denn Fasten, Beten, Besuch der Stätten der Heiligen sind
tugendhafte Werke; wenn dieselben aber nicht in der Gesinnung geschehen, daß
der Mensch glaubt, er erobere nur durch Demut den Himmel, sei in allen Dingen
ein unnützer Knecht und brauche zu allem Bescheidenheit, so nützen dieselben
für das Ewige wenig. Wohlan, Du siehst zwei Menschen; einer ist unter dem
Gehorsam, der andere in freier Gewalt. Wenn derjenige, welcher frei ist,
fastet, wird er einfachen Lohn haben. Wenn aber derjenige, welcher unter dem
Gehorsam ist, am Fasttage auf Verordnung der Regel und aus Gehorsam Fleisch
ißt, möchte jedoch lieber fasten, wenn der Gehorsam ihn nicht daran
hinderte, so wird er einen doppelten Lohn haben, einen für seinen Gehorsam,
den anderen wegen Verleugnung seines Willens und Geduld in Nichterfüllung
seines Wunsches. Deshalb sollst Du wie eine Braut sein, welche das Brautgemach
zurüstet, ehe der Bräutigam kommt; zweitens wie eine Mutter, welche die
Kleider vorbereitet, bevor das Kind geboren wird; drittens wie ein Baum,
welcher erst Blüten trägt, bevor die Früchte kommen; viertens sollst Du
sein wie ein reines Gefäß, das geeignet ist, den Trank aufzunehmen, bevor er
hineingegossen wird."
Klageworte der Jungfrau zur Tochter über einen falschen Frömmling, den sie mit einem im leiblichen Kriege übel bewaffneten Kämpfer vergleicht.
Die Mutter sprach: "Es ist einer, der da spricht, er habe mich lieb, aber er wendet mir den Rücken, wenn er mir dienen soll. Rede ich mit ihm, so spricht er: Was sagst Du? Und er wendet seine Augen hinweg von mir und schaut nach dem, was ihn mehr ergötzt. Er ist auf eine wunderbare Art bewaffnet, wie ein Mann, der in den Krieg zieht, dessen Helmlöcher aber am Hinterhaupte wären, dessen Schild, welcher an den Arm gelegt werden sollte, auf den Schultern hinge, der sein Schwert weggeworfen und die leere Scheide behalten hätte, dessen Mantel, welcher Leib und Brust schützen sollte, unter ihm auf dem Sattel läge, dessen Riemen um das Pferd aufgelöst wären. Ebenso ist dieser Gewaffnete geistlicherweise vor Gott. Und deshalb weiß er zwischen Freund und Feind nicht zu unterscheiden, auch dem Feinde keinen Schaden beizubringen. Der Geist aber, welcher mit ihm ficht, ist wie jener Schlaue, welcher also denkt: Ich will im Kampfe bei den letzten sein, damit ich das Dickicht aufsuchen kann, wenn die ersten den Kampf verlieren sollten; sollten sie aber gewinnen, dann will ich so schnell vorwärts gehen, daß ich zu den ersten gerechnet werde. Also hat der, welcher in den Kampf ging, nach der fleischlichen Weisheit, nicht aber aus Liebe gehandelt."
Worte der Jungfrau zur Tochter von dreierlei Trübsal, welche durch dreierlei Brot bedeutet wird.
Die Mutter spricht: "Wo ein Teig ist, muß derselbe
stark geknetet und bearbeitet werden. Dem Herrn setzt man Weizenbrot,
dem gemeinen Mann aber schlechteres Brot vor, das dritte, noch schlechtere
Brot wird den Hunden gegeben. Unter dem Kneten wird die Trübsal verstanden,
wo der geistliche Mensch dadurch am meisten betrübt wird, daß Gott keine
Ehre von seinem Geschöpfe hat, und daß in demselben nur eine geringe Liebe
ist. Alle diejenigen nun, welche auf diese Weise betrübt werden, sind jener
Weizen, dessen sich Gott und das gesamte himmlische Heer freut; alle aber,
welche durch die Widerwärtigkeit der Welt betrübt werden, sind gleichsam das
schlechtere Brot; jedoch nützt es vielen, um den Himmel zu erlangen;
diejenigen endlich, welche darum betrübt werden, daß sie nicht all das Böse
thun können, was sie möchten, sind das Brot der Hunde, welche in der Hölle
sind."
Worte der Mutter Maria zur Tochter, wie gewisse Teufel die Menschen in Todsünden stürzen, andere sie vom Guten abhalten, andere sie in der Enthaltsamkeit versuchen wollen, und von der Art, welche wider diese Trübsal zu beobachten ist.
Die Mutter sprach: "Alle diejenigen, welche Du um mich
her stehen siehst, sind euere geistlichen Feinde, nämlich die Geister des
Teufels. Die, welche Stäbe haben, an denen man Stricke bemerkt, sind
diejenigen, welche euch in Todsünden stürzen wollen. Die, welche Du mit
Haken in den Händen erblickst, sind diejenigen, welche euch im Dienste Gottes
aufzuhalten begehren, damit ihr träge werden sollt zum Guten. Die aber,
welche gezahnte Werkzeuge wie Gabeln haben, um das herbeizuziehen, was der
Mensch begehrt, sind diejenigen, welche euch versuchen, daß ihr einiges Gute
über euere Kräfte auf euch nehmen sollt, namentlich im Wachen, Fasten, Beten
und Arbeiten, oder in unvernünftiger Verteilung eueres Geldes. Weil nun also
diese Geister so begierig sind, euch zu schaden, so haltet ihr den Willen,
Gott nicht zu beleidigen, fest, und bittet um die Hilfe Gottes wider ihre
Grausamkeit, und dann werden euch ihre Drohungen nichts schaden." ![]()
Worte der Jungfrau zur Tochter, wie zu kostbare und zu schöne Dinge der Welt den Dienern Gottes nicht schaden, wenn sie sich deren bedienen, wofern es nur zur Ehre Gottes und zwar nach dem Vorbilde des Paulus geschieht.
Es wird geschrieben: "Der gute Apostel Paulus habe gesagt, er wäre ein weiser Mann vor jenem Fürsten, der den Petrus gefangen genommen, und den Petrus habe er einen wahren Armen genannt. Und Paulus hat hierin nicht gesündigt; denn seine Worte waren zur Ehre Gottes. Also ist es auch mit jenen, welche da wünschen und begehren, Gottes Wort zu verkünden und wenn sie nicht anders eingehen können zu dem vornehmen Herrn, als daß sie geziemende Kleider angethan, so sündigen sie nicht, wenn sie dieselben anlegen, wenn sie nur das Gold, die Kleider und die Edelsteine nicht köstlicher im Willen und Herzen tragen, als die gewohnten alten Kleider, weil alles, was köstlich erscheint, Erde ist."
Worte der Jungfrau zur Tochter in einem Beispiele, welche beweisen, daß die Prediger und Freunde Gottes, obschon die Heiden nach ihrer Predigt, wenn dieselbe in rechter Absicht erfolgt war, nicht bekehrt worden, nicht minder vor Gottes Angesicht gekrönt werden, als wenn sie dieselben bekehrt hätten.
Die Mutter Gottes sprach: "Wer einen Taglöhner zum
Arbeiten bringt, indem er ihm sagt: Trage den Sand vom Ufer hinweg, und
forsche in jeglicher Tracht nach, ob du darin etwa ein Körnlein Goldes zu
finden vermöchtest, so wird sein Lohn nicht geringer sein. wenn er nur wenig
fände, als wenn er viel fände. Also ist es auch mit dem, welcher mit Wort
und That aus göttlicher Liebe zur Förderung der Seelen wirkt; denn sein Lohn
wird, wenn er keinen bekehrt, nicht geringer sein, als wenn er viele bekehrt
hätte. Dazu führte ein Lehrmeister ein Beispiel an. Ein Kriegsmann, sprach
er, welcher auf seines Herrn Geheiß, mit dem Willen, tapfer zu streiten,
hinauszöge in den Krieg, aber verwundet zurückkehrte, ohne einen
Gefangenen zu haben, würde nach verlorener Schlacht wegen seines guten
Willens nicht geringeren Lohn erhalten, als wenn er den Sieg erlangt hätte.
So ist es auch mit den Freunden Gottes. Denn für jedes Wort und Werk, das sie
um Gottes willen, und damit die Seelen gebessert werden, verrichten, und auch
für jede Stunde Trübsal, welche sie um Gottes willen leiden, werden sie
gekrönt werden, mögen nun viele oder keiner bekehrt werden."
Worte der Mutter zur Tochter von ihrer unendlichen Barmherzigkeit gegen die Sünder, und auch gegen die, welche sie preisen und ehren.
Die Mutter sprach: "Niemand ist ein so großer Sünder in der Welt, zu dem ich, wenn er im Herzen spricht, daß mein Sohn, der Schöpfer und Erlöser aller, ihm der Liebste und Innerste im Herzen sei, nicht sogleich zu kommen bereit wäre, wie eine liebreiche Mutter zu ihrem Sohne, die ihn umarmt und spricht: Was willst Du, mein Sohn? Hätte dieser nun auch der Hölle tiefste Strafe verdient, aber dabei den Willen, sich weder um die Ehren der Welt, noch um die Wollust des Fleisches, welche die Kirche verabscheut, zu kümmern, und der nichts begehrte, als seinen bloßen Lebensunterhalt, dann würden er und ich sogleich einig miteinander. Und wenn einer mir Lob- und Preisgesang darbringt, nicht seines Lobes und Lohnes halber, sondern um des Lobes dessen willen, welcher wegen aller seiner Werke jeglichen Lobes wert ist, zu einem solchen sage, daß, wie die Fürsten der Welt ihren Lobpreisern den weltlichen Lohn spenden, auch ich ihn geistlicherweise belohnen werde. Ja, wie eine Silbe viele Noten über sich hat, so gefällt es Gott, jenem im Himmel für jede Silbe, welche im Gesange ist, Kronen zu gewähren, und man wird von ihm sagen: Siehe, da kömmt der Sänger, welcher nicht um zeitlichen Gutes willen den Gesang angegeben hat, sondern allein um Gottes willen."
Durch Zweifel über die heilige Dreifaltigkeit versucht,
fiel dieser in eine Ekstase und hatte ein Gesicht von drei Frauen. Die erste
sprach: "Ich bin bei
vielen Hochzeiten gewesen, nirgends aber erblickte ich einen Dreifältigen und
Einen;" die zweite entgegnete: "Wenn Drei sind und Einer, so ist
notwendig der eine voran, der andere hinter ihm, oder beide in Einem;"
und die dritte fügte hinzu: "Sie konnten sich selbst nicht machen, wer
hat sie denn gemacht?" Da sprach der heilige Geist offenkundig: "Wir
wollen zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen." Und als er wieder zu
sich kam, war er von der Versuchung frei. Hierauf sprach Christus zur Frau
Brigitta: "Ich bin der Dreifältige und Eine. Ich will Dir zeigen, was
die Macht des Vaters, was die Weisheit des Sohnes, was die Kraft des heiligen
Geistes ist." Und diese Offenbarung ist erfüllt worden, als sie vom
Redepulte sprach. Ferner sprach Christus: "Sage diesem, daß er mehr bei
mir durch Krankheit, als durch Gesundheit verdienen wird. Denn Lazarus ist
herrlicher geworden durch den Schmerz und Job mehr geliebt durch seine Geduld.
Gleichwohl mißfallen mir meine Auserwählten, welche die Gesundheit haben,
nicht, weil ihr Herz allezeit bei mir ist. Und ihr Leib befindet sich stets in
kluger Enthaltung und gottesfürchtiger Thätigkeit."
Bemerkenswerte Klageworte der Braut über die Stadt Rom, welche vom Troste, der Andacht und Regelmäßigkeit der Römer, sowohl der Geistlichen, als Weltleute von alters her, reden, und wie das alles in Trostlosigkeit, Abscheu und Regellosigkeit verkehrt worden, und wie unglücklich sie leiblicher- und geistlicherweise sei.
"Ehrwürdiger Herr! Unter anderen Mitteilungen möge
man dem Herrn Papste zu verstehen geben, wie kläglich der Zustand der Stadt
ist, welche einst geistlicher- wie leiblicherweise glücklich war. Allein
jetzt ist sie leiblich wie geistlich unglücklich; leiblicherweise, weil ihre
weltlichen Fürsten, welche ihre Verteidiger sein müßten, ihre grausamsten
Räuber geworden sind. Deshalb sind ihre Häuser zerstört und viele Kirchen
völlig verwüstet, in welchen die gesegneten Gebeine der Heiligen enthalten
sind, die mit herrlichen Wunderzeichen leuchten, und deren Seelen im Reiche
Gottes auf erhabene Weise gekrönt werden. Auch sind ihre Tempel, nachdem die
Dächer zerstört und die Schlösser hinweggenommen worden, in Aborte der
Menschen, Hunde und Bestien verwandelt worden. Auf geistliche Weise aber ist
die Stadt unglücklich, weil viele Satzungen, welche heilige Päpste aus
Eingebung des heiligen Geistes zum Preise Gottes
und zum Heile der Seelen in der Kirche aufrichteten, nun vertilgt sind. Dafür
sind leider! viele neue Mißbräuche aus Eingebung des bösen Geistes zur
Verunehrung Gottes und zum Verderben der Seelen entstanden. Eine Satzung der
heiligen Kirche z. B. war es, daß die Geistlichen in heilige Orden sich
begeben, ein seliges Leben führen, Gott anhaltend und voll Andacht dienen und
anderen den Weg zum himmlischen Vaterlande durch gute Werke zeigen. Solchen
gab man die Einkünfte der Kirche. Allein wider diese Gewohnheit der Kirche
entstand ein schwerer Mißbrauch damit, daß man den Laien die Kirchengüter
schenkte, welche, weil sie Kanoniker genannt werden, keine Ehefrauen nehmen,
aber schamlos den Tag über in ihren Häusern, nachts über in ihren Betten
Beischläferinnen haben und dreist sprechen: Uns wird nicht verstattet, in der
Ehe zu leben, weil wir Stiftsherren sind. Auch die Priester, die Diakonen und
Subdiakonen verabscheuten einst die Schande eines unreinen Lebens gar sehr.
Nun aber freuen sich manche von ihnen öffentlich darüber, daß sie ihre
Beischläferinnen mit dickem Bauche unter anderen Frauen dahinwandeln sehen.
Sie schämen sich auch nicht, wenn ihnen von ihren Freunden gesagt wird: Seht,
Herr, es wird Euch bald ein Sohn, eine Tochter geboren werden. Daher mögen
sie mit besserm Rechte Teufelskuppler, als geweihte Geistliche des höchsten
Gottes genannt werden. Die heiligen Väter Benediktus und andere haben mit
Erlaubnis der höchsten Bischöfe Regeln aufgestellt und Klöster erbaut, in
welchen die Äbte mit den Brüdern zu wohnen pflegten, die Nacht- und
Tageszeiten andächtig feierten und die Mönche sorgfältig im guten Leben
unterwiesen. Da war es fürwahr eine Lust, die Klöster zu besuchen, als bei
Tage und bei Nacht Gott im Gesange der Mönche geehrt und verherrlicht ward,
und die Sünder durch deren schönes Leben bekehrt wurden. Auch die Guten
wurden durch die göttliche Unterweisung der geistlichen Vorsteher gestärkt.
Ja, selbst die Seelen im Fegfeuer erlangten um ihrer andächtigen Gebete
willen die selige Ruhe. Damals ward auch der Mönch in höchsten Ehren
gehalten, welcher seine Regel am besten beobachtete, und war vor Gott und
Menschen geehrt. Wer sich aber nicht um Haltung der Regel kümmerte, wußte
unzweifelhaft, daß er in Schaden kommen und Ärgerniß geben würde. Damals
konnte auch jedermann am Kleide unterscheiden und erkennen, wer
ein Mönch sei, Allein gegen diese höchst ehrbare Satzung ist ein
abscheulicher Mißbrauch bei sehr vielen entstanden. Die Äbte halten sich gar
häufig auf ihren Schlössern und wo es ihnen beliebt, in und außer der Stadt
auf. Und so ist es gegenwärtig etwas Schmerzliches, die Klöster zu besuchen,
denn die wenigsten Mönche sieht man jetzt um die Zeit der Horen im Chore
anwesend, und zuweilen gar keine. Es wird dort auch wenig gelesen und zu
Zeiten gar nicht gesungen, auch werden an vielen Tagen keine Messen gelesen.
Die Guten fühlen sich durch den schlimmen Ruf dieser Mönche beschwert, und
die Schlechten werden durch ihren üblen Wandel noch weit schlimmer. Es ist
auch zu fürchten, daß nur wenige Seelen aus den Gebeten solcher Leute in
ihren Peinen einigen Trost erlangen. Viele Mönche haben ihre Wohnungen in der
Stadt; jeder hat ein Haus für sich; und einige unter ihnen herzen, wenn
Freunde zu ihnen kommen, ihre Kinder, und sprechen voll Freude: Seht, das ist
mein Sohn! Jetzt läßt sich ein Mönch kaum an seiner Kleidung erkennen. Denn
der Talar, welcher vor Zeiten die Füße zu berühren pflegte, vermag jetzt
kaum die Kniee zu bedecken. Ihre Ärmel sind jetzt eng und glatt, während sie
sonst ganz anständig und weit zu sein pflegten. Anstatt eines Griffels und
Schreibtäfelchens hängt ihnen ein Schwert an der Seite. Und kaum findet sich
an ihnen ein Kleidungsstück, an welchem der Mönch erkannt werden könnte,
ein Skapulier ausgenommen, das oft so versteckt wird, daß niemand es sehen
kann, als ob es ein Ärgernis sei, irgend ein mönchisches Kleidungsstück zu
tragen. Einige schämen sich auch nicht, einen Panzer und andere Waffenstücke
unter ihren Röcken zu haben, um nach Sonnenuntergang zu thun, was ihnen
gefällt. Ehedem hat es Heilige gegeben, welche großen Reichtum aufgaben und
die Regeln mit Armut begonnen haben, welche alle Begehrlichkeit verachteten
und deshalb etwas Eigenes nicht haben mochten; sie verabscheuten allen
Selbstdünkel und die Pracht der Welt, bedeckten sich mit den armseligsten
Kleidern und trugen aus allen Kräften Abscheu vor der Begierde des Fleisches,
und deshalb führten sie ein reines Leben. Sie und ihre Brüder werden deshalb
Bettelmönche genannt, und ihre Regeln haben die Päpste bestätigt, indem sie
sich freuten, daß sie zur Ehre Gottes und zum Besten der Seelen ein solches
Leben gern übernahmen. Nun aber ist es etwas Trauriges, zu sehen, wie ihre
Regeln so in abscheuliche Mißbräuche umgewandelt und durchaus nicht gehalten
werden, wie Augustinus, Dominikus und Franziskus aus Eingebung des heiligen
Geistes dieselben verordnet, und wie viele Reiche und Leute von hohem Stande
sie lange Zeit hindurch aufs beste befolgt haben. Es werden freilich auch
jetzt viele Menschen gefunden, die man Reiche nennt, die aber trotz Kleinodien
und Geld ärmer sind, als diejenigen, welche sich zur Armut bekannt haben, von
denen viele Eigentum besitzen, obwohl ihre Regeln es verboten haben, und sich
des verabscheuungswürdigen Eigentums mehr freuen, als der heiligen und
glorwürdigen Armut. Sie rühmen sich auch, daß sie zu ihrer Kleidung Tuch
haben, das eben so teuer und kostbar ist, als dasjenige zu den Kleidern
reicher Bischöfe. Ferner sind auch einige Klöster durch den seligen
Gregorius und andere Heilige für weibliche Personen erbaut worden, worin sie
zu so strenger Klausur verpflichtet waren, daß sie selbst am Tage nicht
gesehen werden konnten. Nun aber enthalten dieselben einen großen Mißbrauch
dadurch in sich, daß die Pforten ohne Unterschied für Geistliche wie
Weltleute, denen die Schwestern Einlaß zu geben belieben, auch selbst
während der Nacht geöffnet sind. Deshalb gleichen solche Orte mehr gemeinen
Frauenhäusern, als heiligen Klöstern. Es war auch eine Satzung der Kirche,
daß niemand für das Beichthören Geld annehmen sollte. Für schriftliche
Ausfertigungen sollte aber, wie billig, von Personen, welche der Ausstellung
schriftlicher Zeugnisse bedürften, den Beichtvätern Geld anzunehmen wohl
erlaubt sein. Dagegen findet jetzt ein Mißbrauch derart statt, daß reiche
Personen nach verrichteter Beichte anbieten, soviel ihnen beliebt. Die Armen
dagegen werden genötigt, mit dem Beichtiger, ehe er sie hört, einen Vertrag
zu machen, und fürwahr, während die Beichtväter mit dem Munde die
Absolution aussprechen, schämen sie sich nicht, mit den Händen sich das Geld
in den Beutel zu schieben. Ebenso war in der Kirche festgesetzt, daß jede
Person ihre Sünden beichten und mindestens einmal im Jahre den Leib Christi
empfangen müsse, und zwar soll dies die Laien angehen, denn die Geistlichen
und Klosterleute thun es öfter im Jahre. Eine zweite Verordnung war, daß
diejenigen, welche nicht enthaltsam zu sein vermöchten, in der Ehe leben
sollten. Drittens sollten alle Christen in der Quadragefimalzeit, an den
Quatembern und anderen Festvorabenden fasten, was
fast allen noch wohl bekannt geblieben ist; nur diejenigen waren davon frei,
welche in schwerer Krankheit oder großer Not sich befinden möchten. Eine
vierte Satzung war, daß sich an Festtagen ein jeglicher aller weltlichen
Arbeit enthalten soll. Eine fünfte Verordnung gebot, es soll kein Christ Geld
oder etwas anderes dergleichen durch Zinswucher an sich bringen. Gegen die
eben genannten fünf vortrefflichen Satzungen haben sich fünf schmähliche
und schweren Schaden bringende Mißbräuche eingestellt. Der erste besteht
darin, daß auf eine Person, welche gebeichtet und den Leib Christi empfangen,
mit Ausnahme der Priester, Ordensgeistlichen und einiger Frauen, in Rom wohl
hundert Personen, welche zu den Jahren des Verstandes gekommen sind, sterben,
ohne jemals gebeichtet, den Leib Christi empfangen zu haben, als wären sie
Heiden. Der zweite Mißbrauch ist, daß viele rechtmäßige Ehefrauen nehmen,
und, wenn sie mit den Weibern uneins werden, dieselben verlassen, solange es
ihnen beliebt, ohne daß sie die Kirchengewalt dabei im mindesten in Anspruch
nehmen; statt der Ehefrauen nehmen sie sich Ehebrecherinnen und ehren und
lieben dieselben. Einige haben auch keinen Abscheu dagegen, die Ehebrecherin
samt der Ehefrau im nämlichen Hanse zu haben, und freuen sich, wenn sie
dieselben zugleich in einem und demselben Hause in Kindsnöten kommen sehen.
Der dritte Mißbrauch ist, daß viele gesunde Personen in der Fastenzeit
Fleisch essen, und in dem großen Haufen sind wenige, welche sich mit Einer
Mahlzeit im Tage begnügen. Auch findet man manche, welche den Tag über sich
des Fleisches enthalten und Fastenspeisen zu sich nehmen, aber sich in
heimlichen Wirtshäusern mit Fleisch sättigen. Fürwahr, die Geistlichen
treiben dieses zuweilen zugleich mit den Laien und sind den Saracenen
ähnlich, welche tags über fasten, nachts aber sich in Fleisch sättigen. Der
vierte Mißbrauch besteht darin, daß, wenn auch etliche Handwerksleute sich
an Festtagen der Arbeit enthalten, einige Reiche dagegen nicht anstehen, ihre
Taglöhner zum Arbeiten in die Weinberge, zum Pflügen auf das Feld, zum Hauen
des Holzes in den Wald, um letzteres demnächst nach Hause zu tragen, an
Festtagen auszusenden, und haben daher die Armen an den Festtagen sich keiner
größern Ruhe zu erfreuen, als an den Werktagen. Der fünfte Mißbrauch ist,
daß Christen Zinswucher treiben gleich den Juden, und fürwahr
die christlichen Wucherer noch gewissenloser sind, als die jüdischen. Ferner
war es eine Satzung der Kirche, solche Menschen, wie die bisher aufgezählten,
durch den Bann in Zaum zu halten. Viele scheuen aber den Fluch nicht mehr und
suchen, wenn sie auch wissen, daß sie öffentlich in den Bann gethan worden,
weder die Kirche, noch den Verkehr und die Unterredung mit den Leuten zu
vermeiden und es giebt wenige Priester, welche den im Banne Befindlichen den
Eintritt in die Kirche verweigern. Wenige haben auch einen Abscheu vor dem
Verkehr und der Unterredung mit den Exkommunizirten, sobald sie mit denselben
durch eine Art Freundschaft verbunden sind. Auch wird den Exkommunizirten,
wenn dieselben reich sind, das kirchliche Begräbnis nicht verweigert. Darum
verwundert euch nicht, Herr, wenn ich um solcher und vieler anderer
Mißbräuche willen, welche kirchlichen Satzungen schwer zuwiderlaufen, Rom
eine unglückliche Stadt nannte. Es ist deshalb zu besorgen, der katholische
Glaube werde binnen kurzem untergehen, wenn nicht einer kömmt, welcher mit
ungeheucheltem Glauben Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selber
liebt und alle Mißbräuche abschafft. Habt deshalb Erbarmen mit der Kirche
und ihrer Geistlichkeit, welche Gott mit ganzem Herzen liebt und alle übeln
Gewohnheiten verabscheut, welche durch die Abwesenheit des Papstes gleichsam
verwaist, dennoch wie treue Söhne des Vaters Sitz verteidigt hat, den
Verrätern kräftig widerstand und unter den vielen Trübsalen standhaft
geblieben ist."
Ein Gesicht der Braut von verschiedenen Strafen, welche einer Seele bereitet worden, die noch im Körper weilte, und wie alle jene Arten von Strafen, wenn die Seele sich vor dem Tode bekehrt haben würde, in die höchste Ehre und Herrlichkeit sich verwandeln sollten.
Es deuchte mir, ich sähe Leute stehen, welche Stricke
verfertigten, andere rüsteten Pferde zu, andere machten Zangen zurecht, noch
andere bauten einen Galgen auf. Und während ich dieses schaute, erschien eine
Jungfrau wie betrübt und fragte, ob ich dieses verstände. Als ich es
verneinte, erwiderte sie: "Das alles, was
Du hier siehst, ist eine geistliche Strafe, welche für die Seele dessen
bereitet wird, den Du kennst. Die Stricke sind bestimmt, das Pferd zu binden,
das seine Seele ziehen soll, die Zangen aber sollen Nasen, Ohren, Augen,
Lippen zerreißen und am Galgen aufhängen." Als ich hierüber bestürzt
ward, antwortete die Jungfrau: "Beunruhige Dich nicht; denn noch ist es
Zeit, und er wird, wenn er will, die Stricke zerreißen, die Pferde umkehren,
die Zangen wie Wachs weich machen und den Galgen entfernen können. Dazu wird
er eine so brennende Liebe gegen Gott haben können, daß jene Strafzeichen
ihm zur größten Ehre gereichen werden, und zwar so weit, daß die Stricke,
mit denen er auf verächtliche Weise gebunden werden sollte, sich ihm in
goldene Gürtel verwandeln werden. Statt der Pferde, durch die er über die
Gassen geschleift werden sollte, werden ihm Engel gesendet werden, welche ihn
vor das Antlitz Gottes führen sollen. Für die Zangen aber, mit denen er auf
schmähliche Weise zerrissen werden sollte, wird seiner Nase ein besserer
Wohlgeruch, seinem Munde ein besserer Geschmack, seinen Augen der schönste
Anblick, seinen Ohren die lieblichste Melodie zugeführt werden."
Dieser war des Königs Marschall, welcher nach Rom kam, und
so verdemütigt und zerknirscht ward, daß er unbedeckten Hauptes häufig die
Stationen durchging und Gott bat und bitten ließ, daß er ihn nicht in sein
Vaterland zurückkommen lassen wolle, falls er in die früheren Sünden
zurückfallen sollte. Sein Rufen erhörte Gott. Denn als er nach seiner
Abreise von Rom nach Montefiascone gekommen war, erkrankte er dort und starb,
worüber eine andere Offenbarung erfolgte. "Siehe, Tochter, was die
Barmherzigkeit Gottes wirkt, was der gute Wille Jene Seele war im Rachen des
Löwen, allein ihr guter Wille riß sie aus den Zähnen des Löwen, und nun
ist sie auf dem Wege in ihre Heimat und wird alles Guten teilhaftig werden,
das in der Kirche Gottes geschieht." ![]()
Worte der Braut zu Jesu Christo vom Verlangen nach der Errettung der Seelen und der ihr im heiligen Geiste gewordenen Antwort, daß die Ausschweifungen und der Überfluß an Trank und Speise bei den Menschen den Heimsuchungen des heiligen Geistes, die ihnen gesendet werden, widerstehen.
"O süßester Jesu, Schöpfer alles dessen, was erschaffen worden. Würden doch diese Seelen die Wärme Deines heiligen Geistes sehen und erkennen! denn alsdann würden sie mehr nach dem Himmlischen trachten und das Irdische eifriger verabscheuen." Und alsbald ward mir im Geiste geantwortet: "Ihre Ausschweifungen und ihr Überfluß widerstehen den Heimsuchungen des heiligen Geistes; denn das Übermaß in Speise und Trank mit eingeladenen Freunden verhindert, daß der heilige Geist ihnen süß ist und sie Überdruß erlangen an den Freuden der Welt. Der Überfluß aber an Gold und Silber, an Geschirren und Kleidern und an Einkünften verhindert, daß der Geist meiner Liebe ihre Herzen entflammt und entzündet. Auch der Überfluß an Dienern und Pferden und Tieren ist der Annäherung des heiligen Geistes an sie im Wege; ja, ihre Diener, meine Engel, entfernen sich von ihnen und es treten verräterische Teufel heran. Deshalb kennen sie jene Süße und die Heimsuchung nicht, mittels derer ich, der ich Gott bin, die heiligen Seelen und meine Freunde besuche."
Worte Gottes zur Braut, wie religiöse Menschen vor alten Zeiten aus Furcht und göttlicher Liebe in die Klöster gingen, daß aber nun die Feinde Gottes, d. h. die falschen Religiosen, hinausgehen in die Welt um der Hoffart und der ungerechten Begierde halber; desgleichen von den Kriegern in ihrem Dienste.
"Vernimm nun, was meine Feinde wider dasjenige thun,
was meine Freunde ehemals gethan. Meine Freunde gingen aus kluger Besorgnis
und göttlicher Liebe in die Klöster. Diejenigen aber,
welche sich jetzt in den Klöstern befinden, gehen aus Begierlichkeit und
Hoffart in die Welt hinaus, pflegen ihres eigenen Willens und vollbringen die
Lüste ihres Leibes. Das Gericht derer, welche in einer solchen
Willensverfassung starben, besteht darin, daß sie die himmlische Freude weder
empfinden, noch erlangen, vielmehr nur eine endlose Strafe in der Hölle.
Wisse auch, daß die Klosterleute, welche wider ihren eigenen Willen genötigt
werden, aus göttlicher Liebe geistliche Vorsteher zu werden, nicht unter
dieselbe Zahl zu rechnen sind. Auch die Kriegsleute, welche einst die Waffen
trugen, waren bereit, ihr Leben für die Gerechtigkeit dahinzugeben, und um
des heiligen Glaubens willen ihr Blut zu vergießen. Sie halfen den
Bedürftigen zur Gerechtigkeit und wirkten, daß die Bösen unterdrückt und
gedemütigt wurden. Nun aber höre, wie sie sich verkehrt haben. Jetzt
gefällt es ihnen auf Eingebungen des Teufels hin mehr, im Kriege für die
Hoffart, die Genußsucht und den Neid zu sterben, als nach meinen Geboten zu
leben, um die ewige Freude zu erlangen. Allen, welche in solchem Willen
dahinsterben, wird daher der Lohn nach dem Urteile der Gerechtigkeit
zugeteilt, d. h. sie werden den Teufeln zur ewigen Verbindung mit ihnen in
Sold gegeben werden. Diejenigen aber, welche mir dienen, sollen den Sold mit
dem himmlischen Heere ohne Ende haben."
Worte Christi zur Braut, worin er dieselbe fragt, wie es um die Welt steht. Und von der Antwort der Braut, nämlich: daß sie wie ein ausgespannter Sack sei, in welchen alle unklug hineinrennen. Vom grausamen, aber gerechten Urteile wider solche.
Der Sohn sprach: "Wie steht es jetzt um die Welt, meine
Tochter?" Und sie (entgegnete): "Sie ist wie ein ausgespannter Sack,
in welchen alle hineinrennen, und wie ein Mensch, der da läuft, ohne sich
darum zu bekümmern, was da folgt." Der Herr sprach: "Darum
erheischt die Gerechtigkeit, daß ich mit meinem Pfluge über die Welt, über
Heiden und Christen gehe, und weder des Greises, noch des Jünglings, nicht
des Armen, noch des Reichen schone, sondern ein jeglicher wird gerichtet
werden, nach seinem
Rechte und jeglicher wird in seiner Sünde sterben, und es werden die Häuser
samt den Inwohnern verlassen werden, gleichwohl will ich noch kein Ende
machen." Und jene sprach: "O Herr, zürne nicht, wenn ich rede.
Sende einige von Deinen Freunden, welche sie vor ihrer Gefahr warnen und
sicherstellen." Und der Herr sprach: "Es sieht geschrieben, wie der
Reiche in der Hölle in Verzweiflung an seinem eigenen Heile gebeten, es möge
jemand gesandt werden, seine Brüder zu mahnen, auf daß sie nicht in
ähnlicher Weise umkämen. Und es ward ihm geantwortet: Mit nichten wird das
geschehen; denn sie haben Moses und die Propheten, von denen sie sich belehren
lassen können. So sage ich jetzt, sie haben die Evangelien und die
Aussprüche der Propheten, sie haben die Beispiele und Worte der Lehrer, sie
haben Vernunft und Einsicht; mögen sie also dieselben gebrauchen und sie
werden gerettet werden. Wenn ich auch Dich gesendet habe, so kannst Du nicht
so laut rufen, daß Du gehört würdest und sende ich meine Freunde, so sind
ihrer wenige und würden, wenn sie rufen, kaum vernommen werden. Gleichwohl
will ich meine Freunde zu denen senden, zu denen mir's gefällt, und sie
werden Gott den Weg bahnen."
Worte Christi zur Braut, daß man Träumen nicht glauben, sondern sich vor denselben hüten soll, wie fröhlich oder traurig dieselben auch sein mögen, und wie der Teufel in solchen Dingen Falsches mit Wahrem vermischt, weshalb in der Welt viele Irrtümer aufsteigen. Und wie die Propheten aus dem Grunde nicht irrten, weil sie Gott über alles wahrhaft liebten.
Der Sohn sprach: "Warum üben fröhliche Träume eine
solche Erhebung über Dich aus? Weshalb drücken Dich traurige so nieder? Habe
ich Dir nicht gesagt, daß der Teufel neidisch ist, und daß er ohne Zulassung
Gottes nicht mehr thun kann, als das Stroh zu Deinen Füßen? Ich habe Dir
auch gesagt, daß er der Vater und Erfinder der Lüge ist, und daß er allen
seinen Lügen Wahrheit beimischt. Darum sage ich auch, daß der Teufel nicht
schläft, sondern umhergeht, um eine Gelegenheit wider Dich zu finden. Deshalb
sollst Du Dich vorsehen, daß der Teufel, welcher durch sein
durchdringendes Wissen und aus den äußerlichen Bewegungen das Innere
erkennt, Dich nicht betrüge. Zuweilen sendet er Dir Fröhliches ins Herz,
damit Du eine eitle Freude haben mögest, zuweilen Trauriges, damit Du bei
Deinen Klagen manches Gute unterlassen mögest, das Du hättest thun können,
und damit Dein Elend Dich traurig und kummervoll mache. Zuweilen täuscht der
Teufel die Herzen, welche der Welt gefallen wollen, durch viele Lügen, wie
ein falscher Prophet, der die Menschen hintergeht. Solches begegnet dem
Menschen, welcher anderes mehr liebt, als Gott selber. Daher kömmt es, daß
unter vielen falschen Worten viele wahre gefunden werden, weil der Teufel
nimmer würde betrügen können, wenn er nicht dem Falschen Wahres beimischte,
wie an jenem Besessenen zu schauen gewesen, den Du gesehen hast, welcher,
obwohl er einen Gott bekannte, dennoch durch unzüchtige Gebärden und
fremdartige Äußerungen erkennen ließ, daß der Teufel in ihm Besitzer und
Einwohner war. Nun wirst Du aber fragen können, weshalb ich dem Teufel zu
lügen verstatte? Ich antworte: Dieses habe ich erlaubt und erlaube es um der
Sünden des Volkes und der Geistlichen willen, welche das wissen wollten, was
Gott sie nicht wissen lassen wollte, und da Glück haben wollten, wo Gott sah,
daß es zu ihrem Heile nichts nütze. Deshalb läßt Gott vieles um der Sünde
willen zu, was nicht geschehen würde, wenn der Mensch nicht mit der Gnade und
Vernunft Mißbrauch triebe. Die Propheten aber, welche nichts begehrten, als
Gott, und Gottes Worte nur um Gottes willen reden wollten, wurden nicht
betrogen, sondern sprachen und liebten die Worte der Wahrheit. Wie nun aber
nicht alle Träume anzunehmen sind, so sind auch nicht alle zu verachten; denn
Gott giebt auch den Bösen zuweilen Gutes ein und läßt es erfüllt werden,
damit sie von ihren Sünden wieder zur Besinnung kommen; zuweilen giebt er
auch den Guten Gutes im Schlafe ein, damit sie noch stärker zunehmen in Gott.
Wann und so oft Dir daher solches begegnet, soll es Dein Herz nicht
beschweren, sondern erwäge und besprich es mit Deinen weisen geistlichen
Freunden, oder laß und schließe dasselbe aus Deinem Herzen aus, als sei es
nicht gesehen worden, weil, wer an solchen Dingen seine Freude hat, gar
häufig getäuscht und beunruhigt wird. Deshalb sei standhaft im Glauben an
die heilige Dreifaltigkeit und liebe Gott von ganzem
Herzen; bleibe gehorsam bei Widerwärtigkeit wie im Glück; ziehe Dich in
Deinen Gedanken niemand vor, sondern habe auch bei dem Guten, das Du thust,
Furcht; halte Deine Meinungen nicht für besser, als die Meinung anderer, und
stelle Deinen Willen gänzlich Gott anheim; bereite Dich vor zu allem, was
Gott wollen mag, dann hast Du Dich vor Träumen nicht zu fürchten; sind
dieselben fröhlich, so glaube ihnen nicht und begehre sie nicht, wofern nicht
Gottes Ehre dabei erwogen wird; waren sie aber traurig, so laß Dich nicht
betrüben, sondern setze Dich ganz auf Gott." - Hierauf sprach die
Mutter: "Ich bin die Mutter der Barmherzigkeit und bereite meiner
Tochter, während dieselbe schläft, Kleider, während sie sich ankleidet,
bereite ich ihr Speise, während sie arbeitet, bereite ich ihr die Krone und
alles Gute."
Worte der Mutter zum Sohne von der Braut und Christi Antwort an die Mutter. Ferner Worte der Mutter, was durch den Löwen und das Lamm bedeutet wird, und wie Gott wegen Undankbarkeit und Ungeduld der Menschen ihnen begegnen läßt, was sonst sich nicht ereignen würde.
Die Mutter redete zu ihrem Sohne Jesus und sprach:
"Unsere Tochter ist gleichsam ein Lamm, das seinen Kopf dem Löwen in den
Rachen steckt." Der Sohn antwortete ihr: "Es ist besser, daß das
Lamm seinen Kopf dem Löwen in den Rachen steckt, so daß es mit dem Löwen
Ein Fleisch wird und Ein Blut, als daß das Lamm Blut aussauge aus dem
Fleische des Löwen; denn darüber möchte der Löwe ergrimmen und das Lamm,
dessen Nahrung Heu ist, krank werden. Nun aber, teuerste Mutter, die Du alle
Weisheit und die Fülle der gesamten Klugheit in Deinem Leibe getragen, hilf
ihr erkennen, was der Löwe sei und was das Lamm." Die Mutter antwortete:
"Gebenedeit seist Du, mein Sohn, der Du in Ewigkeit beim Vater bleibend
herabgestiegen bist, Dich aber gleichwohl nie vom Vater getrennt hast. Da bist
der Löwe, aber vom Stamme Juda; Du das Lamm ohne Flecken, auf welches
Johannes hindeutete. Der nun steckt sein Haupt in des Löwen Rachen, der allen
seinen Willen Gott anheimstellt, und denselben, auch wenn er
könnte, nicht vollbringen möchte, wofern er nicht wüßte, daß es Dir
gefiele. Der aber saugt des Löwen Blut, der über Deine Gerechtigkeit und
Fügung ungeduldige Wünsche hegt, und sich bemüht, anderes zu erlangen, als
Du ihm bestimmt hattest, auch in einem anderen Stande sein möchte, als Dir
gefällt und ihm selber nützlich wäre. Durch dergleichen wird Gott nicht
besänftigt, sondern erzürnt. Denn wie des Lammes Speise Heu ist, so soll
sich der Mensch mit niedrigen Dingen und einem geringen Stande begnügen.
Deshalb auch läßt Gott wegen der Undankbarkeit und Ungeduld der Menschen
vieles zu, was dem Heile der Menschen, wenn sie geduldig wären, nicht
widerführe. Deshalb, meine Tochter, übergieb Deinen Willen Gott, und
solltest Du einmal weniger geduldig sein, so erhebe Dich durch die Buße; denn
die Buße ist wie eine Wäscherin, welche die Flecken gut auswäscht, die Reue
aber ist eine treffliche Bleicherin."
Worte Christi zur Braut, welche erklären, was ein christlicher Tod ist. Wie der Mensch übel oder gut stirbt, und wie die Freunde Gottes sich nicht betrüben sollen, wenn sie die Diener Gottes leiblich und auf grausame Weise sterben sehen.
Der Sohn Gottes sprach: "Fürchte nicht, meine Tochter!
diese Kranke wird nicht sterben, weil mir ihre Werke gefallen." und als
sie gleichwohl gestorben war, sprach der Sohn Gottes wieder: "Siehe,
meine Tochter, wahr ist, was ich Dir gesagt: Sie ist nicht tot, denn ihre
Herrlichkeit ist groß; die Trennung der Seele von dem Leibe ist bei den
Gerechten nur wie ein Traum, weil sie im ewigen Leben erwachen. Das aber ist
ein Tod zu nennen, wenn eine vom Leibe gesonderte Seele im ewigen Tode lebt.
Viele, welche der Zukunft nicht achten, wünschen eines christlichen Todes zu
sterben. Was aber ist ein christlicher Tod, als sterben, wie ich gestorben
bin, unschuldig, freiwillig und geduldig? Bin ich etwa darum zu verachten,
weil mein Tod verächtlich und hart war? Oder sind meine Auserwählten deshalb
Thoren, weil sie Verächtliches erduldeten, oder hat das Schicksal oder der
Lauf der Sterne solches herbei-
geführt? Mit nichten! Sondern darum litten ich und meine Auserwählten
Hartes, um durch Wort und Vorbild zu zeigen, daß der Weg zum Himmel hart ist,
und damit es den Bösen offenbar werde, welcher Reinheit sie bedürfen, wenn
schon die Auserwählten und Unschuldigen so Hartes haben erleiden müssen.
Darum wisse, wie derjenige schmählich und übel stirbt, welcher ungebunden
lebt und im Tode noch den Willen hat, zu sündigen, welcher, wenn er in der
Welt im Wohlstand lebt, länger zu leben wünscht und Gott keinen Dank weiß.
Wer aber Gott von ganzem Herzen liebt und unschuldig durch einen
verächtlichen Tod betrübt, oder durch eine lange Krankheit beschwert wird,
der lebt und stirbt glücklich, weil ein harter Tod sowohl die Sünde, als die
Strafe der Sünde mindert, die Krone aber vergrößert. Siehe, ich bringe Dir
ihrer zwei vor das Gedächtnis, welche nach der Menschen Urteil einen
verächtlichen und bitteren Tod starben, und welche, wenn sie nicht nach
meiner großen Gerechtigkeit einen solchen Tod erlangt hätten, nicht gerettet
worden wären. Weil aber der Herr die, welche zerknirschten Herzens sind,
nicht zweimal straft, kamen sie zur Krone. Deshalb sollen die Diener Gottes
sich nicht betrüben, wenn sie zeitlich gegeißelt werden, oder wenn sie eines
bitteren Todes sterben, weil es das größte Glück ist, eine Stunde lang zu
trauern und in der Welt durch Trübsal heimgesucht zu werden, damit man nicht
in ein schwereres Fegfeuer komme, aus welchem keine Flucht, wo keine Zeit zu
arbeiten mehr sein wird."
Worte der Mutter zur Tochter, daß die Priester, welche auf rechte Weise das Amt erlangt haben, loszusprechen, wie große Sünder sie auch sein mögen, von den Sünden freisprechen können, desgleichen vom Sakramente der Eucharistie.
Die Mutter sprach: "Gehe hin zu dem, welcher das Amt
hat, loszusprechen; denn wie aussätzig ein Pförtner auch sein möge, er
vermag, wenn er die Schlüssel hat, nichtsdestominder die Thür aufzumachen
wie ein Gesunder. Also ist es auch mit der Lossprechung und dem Sakramente des
Altars; denn der Diener (des Herrn) mag sein, wie er will, wenn er nur das Amt
der Los-
sprechung auf rechte Weise empfing, kann er von den Sünden lossprechen.
Deshalb darf man keinen verachten. Doch warne ich ihn in zwei Stücken. Eins
ist, daß er dasjenige, was er fleischlich liebt und wünscht, nicht haben
wird; das andere ist, daß sein Leben gar bald wird gekürzt werden. Und wie
eine Ameise, welche Tag und Nacht das Körnlein trägt, bisweilen, wenn sie
der Öffnung nahe kommt, hinfällt und im Eingange stirbt, das Körnlein aber
draußen bleibt, also wird er, wenn er beginnen wird, zur Frucht seiner Arbeit
zu gelangen, sterben und für seine vergebliche Arbeit zu Schanden und
gestraft werden."
Worte der Mutter zur Tochter, wie die guten Sitten und die Werke der Gerechtigkeit an den Freunden Gottes durch Thürpfosten bedeutet werden. Und wie die Diener sich vor üblen Rachreden hüten sollen.
Die Mutter sprach: "Man sagt, die Freunde Gottes seien
wie zwei Thürpfosten, durch welche andere eingehen sollen. Deshalb soll man
sich sorgfältig hüten, daß denen, welche hineingehen, nichts Rauhes oder
Hartes, oder anderes im Wege sei, wodurch sie abgehalten werden möchten. Was
bedeuten nun die Pfosten anderes, als züchtige Sitten, Werke der
Gerechtigkeit und erbauliche Reden, welche an den Freunden Gottes täglich zum
Vorscheine kommen sollen? Deshalb soll man sich aufmerksam hüten, daß nichts
Hartes, d. h. keine üble Nachrede enthaltendes oder leichtfertiges Wort im
Munde der Freunde Gottes gefunden werde; auch darf in ihren Werten nichts
Weltliches wahrgenommen werden, vor welchem diejenigen, welche eingehen
wollen, zurückfliehen, und wovon sie einen Abscheu vor dem Eintreten
bekommen." ![]()
Worte der Mutter zur Tochter, wie die bösen Hirten einem Wurme verglichen werden, der die Wurzeln eines Baumes zernagt.
Die Mutter sprach: "Gleichwie ein Wurm, welcher beim Anblicke einer guten Saat nichts danach frägt, wie viel Frucht zu Grunde gehe oder abfalle, wenn er nur die Wurzeln, oder was der Erde am nächsten ist, abnagen kann, so fragen auch diese geistlichen Hirten nicht danach, ob die Seelen untergehen, wofern nur sie ihren Gewinn und ihr zeitliches Gut erlangen. Deshalb wird meines Sohnes Gerechtigkeit über sie kommen, und sie werden gar schnell hinweggezogen werden." Die Tochter antwortete: "Alle Zeit ist vor Gott nicht mehr, als gleichsam der Ausschlag einer Wage, wie lang dieselbe für uns auch sein möge; es ist aber groß die Geduld Deines Sohnes, auch mit den Bösen." Die Mutter antwortete: "Wahrlich, ich sage Dir, ihr Gericht wird nicht verschoben werden, sondern es wird schrecklich über sie kommen, und sie werden aus ihren Lüsten hinweggerissen werden in die Schande."
Worte Christi zur Braut, wie der Leib durch ein Schiff, die Welt durch ein Meer bedeutet wird, und wie der Wille die Freiheit hat, die Seelen in den Himmel oder in die Hölle zu führen. Wie die irdische Schönheit dem Glase vergleichbar ist.
Der Sohn Gottes sprach: "Höre, die Du aus den Stürmen
der Welt in den Hafen der Ruhe gelangen willst, daß ein jeglicher, der auf
dem Meere ist, nichts fürchten darf, wenn der ihm zur Seite steht, der den
Winden zu wehen verbieten kann, welcher allem Leiblichen, das da schaden will,
zu weichen heißt, und gebietet, daß die Felsen erweichen, und der den
Stürmen gebieten kann, daß sie das Schiff in einen sicheren Hafen führen.
Also sind leiblicherweise in der Welt einige wie ein Schiff, das den Leib
hinüberführt über die Wasser der Welt, einigen zum Troste, anderen zur
Trüb-
sal, weil der Wille des Menschen frei ist, und einige Seelen in den Himmel,
andere in die Tiefe der Hölle führt. Daher gefällt Gott derjenige Wille,
welcher nichts eifriger zu hören wünscht, als die Ehre Gottes, noch für
etwas anderes zu leben verlangt, als damit er Gott dienen könne; denn in
einem solchen Willen wohnt Gott gern, mildert alle Gefahren der Seele, und
besänftigt die Felsen, an denen die Seele vielmals in Gefahr ist. Was aber
sind die Felsen anderes, als die böse Begierde? Denn es ist anmutig, zu
sehen, was die Welt besitzt, und es selber zu besitzen, sich über seines
Leibes Ehre zu freuen, und alles zu kosten, was das Fleisch erfreut. In
solchen Dingen steht die Seele oft in Gefahr. Wenn Gott aber im Schiffe ist,
verliert alles seine Härte, und die Seele verachtet alle jene Dinge, weil
alle leibliche und irdische Schönheit dem Glase gleicht, das außen bemalt,
inwendig aber voll Erde ist. Wenn das Glas aber zerbrochen ist, hat es nicht
mehr Nutzen, als schwarze Erde, die allerdings zu keinem anderen Zwecke
erschaffen ist, als um damit den Himmel zu erkaufen. Es kann daher jeder
Mensch seiner Ruhe pflegen und einst mit Freuden erwachen, wenn er die Ehre
der Welt ebenso flieht, wie eine giftige Luft und die Wollust des Fleisches
verabscheut, weil Gott in jeglicher Stunde bei ihm ist."
Klageworte der Braut vor der kaiserlichen Majestät
darüber, daß die vier Schwestern, die Töchter des Königs Jesu Christi,
nämlich: die Demut, die Enthaltsamkeit, die Genügsamkeit, die Liebe, jetzt
leider vernichtet sind, die Töchter des Königs Teufel dagegen: Hoffart,
Lust, Überfluß und Simonie, vornehme Frauen genannt werden.
Ich beklage mich nicht bloß meinesteils, sondern von seiten
vieler Auserwählten Gottes vor Euer kaiserlichen Majestät, wie vier
Schwestern gewesen, Töchter eines mächtigen Königs, davon jede einen Sitz
und Gewalt hatte in ihrem väterlichen Erbe. Diejenigen, welche die Schönheit
dieser Schwestern ansehen wollten,
empfingen Trost durch ihre Schönheit und gute Beispiele aus ihrer Andacht.
Die erste Schwester hieß Demut in Anordnung aller auszuführenden Dinge. Die
zweite Schwester hieß Enthaltsamkeit von allem befleckten Wandel. Die dritte
Schwester war genannt Genügsamkeit ohne allen Überfluß. Die vierte
Schwester hieß Liebe bei der Trübsal des Nächsten. Diese vier Schwestern
sind jetzt in ihrem väterlichen Erbe vernichtet, und werden gewissermaßen
von männiglich verachtet. Ihre Sitze haben vier andere uneheliche Schwestern
eingenommen, welche von einem Hurer erzeugt worden, und sich vornehme Frauen
nennen lassen. Die erste heißt Frau Hoffart, welche der Welt zu Gefallen ist.
Die zweite heißt Frau Lust nach dem Gelüsten alles Fleisches. Die dritte
heißt Frau Ungenügsamkeit mit dem Notwendigen. Die vierte heißt Frau
Simonie, vor deren Trug sich fast niemand hüten kann; denn ob, was sie nimmt,
auf gerechte oder ungerechte Weise erworben worden sein mag, nimmt sie alles
mit Begierde an. Diese vier Frauen aber reden wider die Gebote Gottes, wollen
dieselben vernichten, und geben vielen Seelen Anlaß zu ewiger Verdammnis.
Seid daher thätig, Herr, um der Liebe willen, welche Gott gegen Euch gehabt,
und helfet jenen vier Schwestern, welche Tugenden genannt werden, und
ausgegangen sind von der Tugend Jesu Christi, vom höchsten Könige selber.
Denn sie sind jetzt in der heiligen Kirche, welche das Erbe Christi ist,
unterdrückt, auf daß sie bald erhöht werden mögen, und damit die Laster,
welche sich vornehme Frauen in der Welt nennen lassen, unterdrückt werden,
weil sie Verräterinnen an den Seelen, weil sie vom Laster selber, dem
Verräter Teufel, gezeugt sind.
Mahnende Worte der Braut an einen Herrn wegen Zurückerstattung des widerrechtlich Erworbenen. und von der Stimme eines Engels, welcher ein grausames Urteil wider ihn spricht.
"Herr, ich warne Euch vor der Gefahr, die Euerer Seele
droht, indem ich Euch ins Gedächtnis zurückrufe, wie man im Alten Testamente
liest, daß ein König eines Mannes Weinberg begehrt
und für den Weinberg den vollen Wert angeboten habe. Weil es aber dem
Besitzer nicht gefiel, denselben zu verkaufen, ward der König unwillig und
brachte den Weinberg durch Ungerechtigkeit und Gewalt an sich. Zu ihm sprach
nachher der heilige Geist durch den Mund eines Propheten, und fällte über
den König und die Königin das Urteil, daß sie dieser Ungerechtigkeit halber
des schmählichsten Todes sterben müßten. Dasselbe ward auch an ihnen
vollzogen und ihre Kinder haben sich des Besitzes jenes Weinberges nimmer
erfreut. Weil Ihr denn nun ein Christ seid, und auf unversehrte Weise den
Glauben habt, und auf das zuverlässigste wisset, daß Gott noch derselbe ist,
welcher er damals war, und so mächtig und gerecht, wie damals, so könnet Ihr
auf zweifellose Weise erkennen, daß Euch derselbe Gott ein gerechter Richter
und mächtiger Rächer sein wird, wenn Ihr etwas auf unrechtmäßige Weise
oder auch dadurch zu besitzen verlanget, daß Ihr den Eigentümer wider seinen
Willen zum Verkaufe zwingen oder ihm einen beliebigen Preis dafür gewähren
wollet. Ihr habt auch mit Schmerzen zu besorgen, daß ein solches Gericht
über Euch kommen werde, wie man liest, daß es über jene Königin gekommen
ist, und daß Euere Kinder durch das übel Gewonnene nicht reich, sondern
durch Mangel nur desto mehr heimgesucht werden. Ich ermahne Dich also, um des
Leidens Jesu Christi willen, der Deine Seele mit seinem kostbaren Blute
erkauft hat, und warne Dich, Du wollest Deine Seele um einiger vergänglicher
Dinge willen nicht selbst verscherzen, sondern allen, welche von Dir oder um
Deinetwillen auf ungerechte Art beschädigt sind, volle Genüge thun, und
alles, was Du ungerechterweise erworben, denen zum Troste wieder erstatten,
welche jetzt Schmerzen leiden, und anderen zum Vorbilde, wofern Du Dir die
Freundschaft Gottes erhalten willst. Gott ist mein Zeuge, daßt [sic!] ich Dir
dieses nicht aus mir selbst schreibe, weil ich Dich nicht kenne, sondern was
einer gewissen Person widerfahren ist, hat mich genötigt, Gegenwärtiges,
unter göttlichem Mitleid mit Deiner Seele zu schreiben. Jene Person nämlich
hörte, nicht im Schlafe, sondern wachend, während ihrer Gebete, eines Engels
Stimme, welcher sprach: O Bär, o Bär, der Du wider Gott und die
Gerechtigkeit zu kühn bist, Dein Wille hat in Dir Dein Gewissen
überwältigt, so daß es gänzlich schweigt, und Dein Wille redet und
thut. Deshalb wirst Du bald vor Gericht kommen, vor das Gericht Gottes, wo
Dein Wille stillschweigen, Dein Gewissen aber reden, und Dich nach dem rechten
Urteile der Gerechtigkeit selber verdammen wird."
Worte des Sohnes zur Braut, wie wir uns vor des Teufels Versuchungen zu hüten haben. Wie der Teufel durch einen Feind, Gott durch eine Henne, seine Macht und Weisheit durch die Flügel, seine Barmherzigkeit durch die Federn und die Menschen durch die Jungen bedeutet werden.
Der Sohn sprach: "Wenn der Feind an die Thüre klopft,
so müsset ihr nicht sein wie die Ziegen, welche an die Mauer laufen, auch
nicht wie die Widder, welche die Vorderfüße aufheben und sich einander mit
den Hörnern stoßen; sondern ihr sollet sein wie die Küchlein, welche, wenn
sie einen Vogel, der ihnen schadet, in der Luft fliegen sehen, um sich zu
verbergen, unter die Flügel der Mutter fliehen. Wenn sie auch nicht mehr als
eine Feder der Mutter zu ergreifen imstande sind, freuen sie sich, wenn sie
sich auch nur mit dieser bedecken können. Wer anders aber ist euer Feind, als
der Teufel, welcher neidisch ist auf alle guten Werke, dessen Geschäft es
ist, mit Versuchungen an die Seele des Menschen zu klopfen und dieselbe zu
erregen? Er klopft bisweilen an durch den Zorn, durch üble Nachrede,
bisweilen durch Ungeduld und Beurteilung der Ratschlüsse Gottes, wenn nicht
alles nach Wunsch geht; er klopft auch gar häufig an und beunruhigt euch
durch zahllose Gedanken, damit ihr euch dem Dienste Gottes entziehen möget
und euere guten Werke bei Gott verdunkelt werden. Welcher Art nun aber auch
euere Gedanken sein mögen, so dürfet ihr eueren Ort nicht verlassen, noch
wie Ziegen sein, welche an die Mauer laufen, d. h. Herzenshärtigkeit hegen
oder anderer Werke in eueren Herzen beurteilen; denn sehr oft ist, wer heute
böse war, morgen gut. Ihr sollt vielmehr euere Hörner niederbeugen, stehen
bleiben und hören, d. h. euch erniedrigen und Furcht haben, indem ihr Geduld
behaltet und Gott bittet, daß böse Begonnenes in Gutes umgewandelt werde.
Auch dürfet ihr nicht
sein wie die Widder, welche mit den Hörnern stoßen, d. h. Worte mit Worten
erwidern und Unfug häufen auf Unfug, sondern ihr sollet beharrlich feststehen
auf den Füßen und schweigen, d. h. tapfer die Neigungen des Fleisches
bekämpfen, so daß ihr beim Sprechen und Antworten Vorbedacht übet und in
der Geduld euch Gewalt anthut, weil es eines gerechten Mannes Pflicht ist,
sich selbst zu besiegen und auch der erlaubten Rede, um Geschwätzigkeit und
Beleidigung zu vermeiden, sich zu enthalten. Denn wer in der Erregung des
Gemütes seine Gefühle allzusehr offenbart, der hat gewissermaßen den
Anschein, als habe er sich selber gerächt, und die Empfindlichkeit seines
Gemütes zu erkennen gegeben; er wird deshalb der Krone ledig bleiben, weil er
nicht eine Zeit lang hat Geduld haben mögen, durch welche Geduld er seinen
verletzenden Bruder gewonnen, sich selbst aber zu einer wertvolleren Krone
vorbereitet haben würde. Was anders aber sind die Flügel der Henne als die
göttliche Macht und Weisheit? Ich bin also wie eine Henne, und schütze meine
Jungen, welche auf meinen Ruf herbeieilen, d. h. die Beschattung mit meinen
Flügeln begehren, mächtiglich vor den Fallstricken des Teufels, und locke
dieselben durch meine Eingebungen weislich zum Heile. Was sind nun aber die
Federn anders, als meine Barmherzigkeit? Und kann der, welcher dieselbe
erlangt hat, nicht sicher sein, wie das Junge, das unter der Mutter Flügeln
sich wärmt? Seid deshalb wie Küchlein und eilt herbei auf meinen Willen, und
sprechet bei allen Versuchungen und Widerwätigkeiten mit Worten und Werken:
Der Wille Gottes geschehe, weil ich die, welche mir vertrauen, mit meiner
Macht verteidige. Ich erquicke sie durch meine Barmherzigkeit, halte sie in
meiner Macht, suche sie heim mit meinem Troste und erleuchte sie mit meiner
Weisheit. Mit meiner Liebe lohne ich ihnen tausendfältig." ![]()
Worte des Sohnes zur Braut von einem gewissen Könige, wie er Gottes Ehre und Liebe zu den Seelen mehren soll, und von dem Urteile wider ihn, wofern er's nicht gethan haben würde.
Der Sohn Gottes sprach: "Wenn jener König euch ehren wollte, so würde er meine Unehre mindern und meine Ehre mehren; meine Unehre besteht darin, daß meine Gebote, die ich erlassen, und die Worte, welche ich in Person geredet habe, verachtet und von den meisten gleichsam wie nichts geachtet werden. Will er mich also lieben, so trage er fortan eine größere Liebe zu den Seelen aller, für welche ich mit dem Blute meines Herzens den Himmel eröffnet habe. Sucht er aber mehr die Ruhe in Gott zu erlangen, als sein väterliches Erbe zu erweitern, so wird er gewiß mehr Freude und Hilfe von Gott haben, jene Stätte, Jerusalem, wo mein gestorbener Leib gelegen, wieder zu erobern. Sage Du, die Du dieses hörest, noch dazu: Ich, Gott, habe erlaubt, daß er gekrönt werde. Deshalb kommt es ihm zu, daß er meinen Willen mehr befolge und mich über alles ehre und liebe; wofern er dies nicht thut, so werden seine Tage gekürzt werden. Auch diejenigen, welche ihn fleischlich lieben, werden unter Trübsal von ihm getrennt, und sein Reich wird in mehrere Teile zerteilt werden."
Ein Gesicht der Braut unter der Gestalt der Kirche und von dessen Auslegung, welche die Art und Stellung enthält, wonach der Papst in Rücksicht auf sich selber, auf die Kardinäle und andere Prälaten der heiligen Mutter Kirche - und so sehr als möglich in der Demut sich verhalten soll.
Einer Person kam es vor, als befinde sie sich wie in einem
weiten Chore. Und es erschien eine große und leuchtende Sonne, auch waren
zwei Sitze wie Predigtstühle im Chore, einer zur Rechten, der andere zur
Linken, welche von der Sonne in weitem Abstande und Zwischenraume sich
befanden. Von der Sonne aber gingen
zwei Strahlen nach den Stühlen hin aus. Darauf ward eine Stimme von dem
Stuhle her vernommen, welcher zur Linken stand. Dieselbe sprach: Sei gegrüßt
in Ewigkeit, König, Schöpfer, Erlöser und gerechter Richter. Siehe! Dein
Statthalter, welcher auf Deinem Stuhle in der Welt sitzt, hat seinen Sitz
bereits auf seinen frühern alten Standort zurückgebracht, wo der erste Papst
Petrus gesessen, welcher der Fürst unter den Aposteln war. Eine Stimme
antwortete von dem Stuhle zur Rechten und sprach: Wie wird er eingehen können
in die heilige Kirche, an welcher die Öffnungen der Thürangeln voll Rost und
Erde sind? Es neigen sich deshalb auch die Pfosten erdwärts, weil an den
Angeln keine Stelle ist, an welcher die Haken haften, um die Pfosten zu
halten. Die Haken sind auch vollständig gerade gestreckt und haben ihre
Krümmung verloren, um die Pfosten zu halten. Der Estrich ist ganzlich
zerwühlt und in tiefe Gruben verwandelt, nach Art überaus tiefer Brunnen,
welche ganz und gar keinen Grund haben. Das Dach aber ist mit Pech bestrichen
und steht im Brande von Feuer und Schwefel, welcher wie ein dichter Nebel
herniederträuft und der schwarze und dicke Rauch, welcher aus dem brennenden
Dache aufsteigt, hat alle Wände mit Ruß erfüllt. Geziemt es also dem
Freunde Gottes, in einem solchen Tempel seine Wohnung zu haben? Die Stimme vom
Stuhle zur Linken antwortete: Lege geistlich aus, was du leiblich gesagt hast.
Darauf sprach die Stimme: Unter dem Pfosten wird der Papst und unter der Angel
die Demut verstanden, welche jede Hoffart ausschließt, so daß an ihr nichts
erscheinen darf, als was zu dem demütigen Amte eines Bischofs gehört und
daß auch die Öffnung vom# Roste ganz frei sein muß. Jetzt aber sind die
Öffnungen, welche die Demut bezeichnen, angefüllt mit Überflüssigkeiten,
Reichtum und Vermögen, und alle Demut ist in weltliche Pracht umgewandelt,
was so zu verstehen ist, daß der Papst, welcher mit den Pfosten verglichen
wird, sich dem Roste und Kote der weltlichen Dinge zuneigt. Darum soll der
Papst in der wahren Demut bei sich selber beginnen, zuerst in seiner
häuslichen Einrichtung, an den Kleidern, am Golde, Silber und silbernem
Geräte, Pferden und anderen Gebrauchsgegenständen, indem er das
Überflüssige von dem Notwendigen absondert und es den Armen überantwortet,
namentlich denen, welche er als Freunde Gottes hat
kennen lernen. Dann soll er sein Hausgesinde bescheidentlich ordnen, nur die
notwendigen Diener behalten, welche sein Leben hüten, weil, wenn es auch in
der Hand Gottes steht, wann ihn derselbe zum Gerichte rufen will, es doch
recht ist, daß er Diener habe, die Gerechtigkeit zu stärken, und daß er
diejenigen, welche sich wider Gott und der heiligen Kirche Gewohnheit erheben,
zu demütigen vermöge. Unter den Haken aber, welche den Pfosten angefügt
werden, sind die Kardinäle zu verstehen, welche, soweit sie's vermögen, zu
jeglicher Hoffart, Begierlichkeit und Fleischeslust sich ausgestreckt haben.
Deshalb soll der Papst Hammer und Zange in die Hand nehmen, und die Angeln
biegen nach seinem Willen, indem er ihnen nicht mehr an Kleidern, Hausgesinde
und Geräte zu halten gestattet, als was sie zu ihrem Lebensunterhalte
notwendig haben. Er soll sie biegen mit der Zange, d. h. mit sanften Worten,
mit göttlichem Rate und väterlicher Liebe. Wollen sie nicht gehorchen, so
nehme er den Hammer, d. h. zeige ihnen seine Strenge, und thue, was er vermag,
ohne in etwas wider die Gerechtigkeit zu handeln, bis sie sich beugen nach
seinem Willen. Unter dem Estrich sind die Bischöfe und Weltgeistlichen zu
verstehen, deren Begierlichkeit keinen Boden hat, aus deren Hoffart und
üppigem Leben ein Rauch aufsteigt, den alle Engel im Himmel und Freunde
Gottes auf Erden verfluchen. Dieses kann der Papst in vielen Stücken bessern,
wenn er einem jeglichen das Notwendige zu haben erlaubt, aber keinen
Überfluß; auch einem jeglichen Bischofe befiehlt, acht zu geben auf das
Leben seiner Geistlichen, und daß jedem, welcher sein Leben nicht bessern und
in Enthaltsamkeit verharren wollte, seine Pfründe gänzlich entzogen wird,
weil es Gott lieber ist, wenn an einem solchen Orte gar keine Messe gelesen
wird, als wenn unzüchtige Hände den Leib Gottes berühren. ![]()
Ein unbegreifliches Gesicht der Braut vom Gerichte vieler noch lebenden Personen, in welchem sie die Worte vernahm: "Bessern die Menschen ihre Sünden, so will auch ich mein Gericht mildern."
"Es deuchte mir, als ob ein König auf einem Richterstuhle säße und jedwede lebende Person sich vor ihn stellen müsse; jede Person aber hatte zwei neben ihr stehen, von denen die eine die äußere Erscheinung eines bewaffneten Kriegers darstellte, die andere aber sich wie ein schwarzer Mohr zeigte. Vor dem Gerichte aber stand ein Pult, auf welchem ein Buch lag, welches in der Weise eingerichtet war, wie ich es früher geschaut, als ich die drei Könige vor ihm stehen sah (nämlich im XLVIII. Kapitel des 8. Buches). Ich sah auch, wie gleichsam die ganze Welt vor dem Pulte stand, und hörte, wie der Richter zu dem bewaffneten Krieger sprach: Rufe mir die vor das Gericht, denen Du mit Liebe gedient hast! und alsbald fielen diejenigen, welche genannt wurden, nieder. Einige von ihnen blieben längere, andere kürzere Zeit liegen, bevor die Seelen sich von den Leibern gelöst hatten. Ich vermag aber nicht alles, was ich sah und hörte, zu begreifen, weil ich die Urteile über viele noch Lebende hörte, die bald gerufen werden sollen. Doch ward mir vom Richter folgendes gesagt: Wenn die Menschen ihren Wandel zum Bessern wenden, will ich mein Gericht mildern. Ich sah damals auch viele verurteilt werden, einige zum Fegfeuer, andere zum ewigen Wehe."
Ein wunderbares und schreckliches Gesicht der Braut von einer Seele, welche vor den Richter gestellt ward. Von den Vorwürfen Gottes und des Gerichtsbuches wider jene Seele. Von den Antworten der Seele wider sich selber, und den verschiedenartigen erstaunlichen Peinen, die bei ihr zur Reinigung angewendet worden.
"Ich sah ferner, wie eine Seele durch den Krieger und
den Mohren, welche ich vorhin gesehen hatte, vor den Richter gestellt
wurde. Und es ward mir gesagt: Was Du jetzt siehst, ist alles mit dieser Seele
zu der Zeit geschehen, als dieselbe vom Leibe abgelöst ward, - Als die Seele
dem Richter dargestellt war, stand dieselbe allein, denn noch war sie nicht in
den Händen der beiden, welche sie vorstellten; sie stand nackt und klagte,
denn sie wußte nicht, wohin sie kommen würde. Sodann kam es mir vor, als
wenn ein jedes Wort in dem Buche für sich selber auf alles antwortete, was
die Seele redete. Vor dem Ohr des Richters und aller seiner Heerscharen sprach
der bewaffnete Krieger zuerst also: Es ist nicht recht, daß man zur Schande
dieser Seele ihr die Sünden vorrückt, welche durch die Beicht getilgt sind.
- Gleichwohl habe ich, die ich dieses Gesicht hatte, damals ganz wohl und
vollständig erkannt, daß jener Krieger, welcher redete, alles in Gott wußte,
aber nur redete, auf daß ich das Verständnis haben möchte. Darauf kam aus
dem Buche der Gerechtigkeit die Antwort: Diese Seele hat wohl Buße gethan,
aber ihre Reue war ihren Sünden nicht angemessen, auch die Genugthuung war
nicht aufrichtig. Deshalb muß sie jetzt Schmerzen leiden für das, was sie
damals, als sie es vermochte, nicht gebessert hat. Noch diesen Worten begann
die Seele so heftig zu weinen, daß sie fast ganz verging. Doch sah man nur
Thränen, vernahm aber keine Stimme. Darauf redete der König zur Seele und
sprach: Dein Gewissen möge nun diejenigen Sünden darlegen, auf welche keine
würdige Genugthuung gefolgt ist. Darauf erhob die Seele ihre Stimme so hoch,
daß sie fast über die ganze Welt gehört werden konnte, und sprach: Wehe
mir, daß ich nicht gethan habe nach den Geboten Gottes, welche ich gehört
und gekannt habe! und sich selber anschuldigend fügte sie hinzu: Ich habe das
Gericht Gottes nicht gefürchtet. - Aus dem Buche ward ihr geantwortet:
Deshalb mußt du den Teufel fürchten, und sogleich erwiderte die Seele voll
Furcht und zitternd, als wenn sie völlig aufgelöst würde: Ich habe fast gar
keine Liebe zu Gott gehabt; deshalb hab' ich nur wenig Gutes gethan. Sofort
ward ihr aus dem Buche geantwortet: Deshalb erfordert es Gerechtigkeit, daß
du dem Teufel näher kommest, als Gott, weil der Teufel dich mit seinen
Versuchungen angelockt und an sich gezogen hat. Die Seele antwortete und
sprach: Ich erkenne nun, wie alles, was ich gethan, nach den Eingebungen des
Teufels
geschehen ist. Aus dem Buche ward geantwortet: Die Gerechtigkeit erklärt,
daß es das Recht des Teufels ist, dir nach Maßgabe dessen, was du gethan
hast, durch Strafe und Trübsal zu vergelten. Die Seele sprach: Von meinem
Scheitel bis zu meiner Ferse ist nichts gewesen, das ich nicht mit Hoffart
umkleidet hätte; denn etliche eitle und hoffärtige Trachten habe ich in
Person neu erfunden, andere aber habe ich nach der Mode meines Landes
getragen; ich habe auch Hände und Gesicht gewaschen, nicht allein damit sie
rein, sondern als schön von den Menschen gelobt werden möchten. Es ward aus
dem Buche geantwortet. Die Gerechtigkeit spricht: Dem Teufel steht zu, dir
nach Verdienst zu vergelten, daß du dich geschmückt und geziert hast, wie er
es dir eingab und vorschrieb. Weiter sprach die Seele: Mein Mund öffnete sich
oft zu leichtfertigen Worten, wodurch ich anderen gefallen wollte, und mein
Herz verlangte alles, was vor der Welt keine Schande und kein Spott war. Aus
dem Buche ward geantwortet: Deshalb muß deine Zunge herausgestreckt und
gezerrt werden, deine Zähne müssen krumm gezogen, und es muß dir alles
dasjenige vorgesetzt werden, was dir höchlich mißfällt, hinweggenommen
dagegen alles, was dir gefällt. Die Seele sprach: Ich hatte große Freude
daran, daß viele aus meinem Beispiel Anlaß nahmen, es mir gleichzuthun,
meine Sitten nachzuahmen. Aus dem Buche ward geantwortet: Deshalb ist es
Gerechtigkeit, daß jeglicher, der in solcher Sünde überführt wird, wegen
deren du bestraft wirst, auch die nämliche Strafe erleide und daß er dir
beigesellt werde, damit, wenn er zu dir kommt, deine Pein vermehrt werde. Nach
diesen Worten kam es mir vor, als würde der Seele ein Band wie eine Krone um
das Haupt gebunden und so fest zusammengezogen, daß Hinterhaupt und Stirn
zusammenkamen. Die Augen fielen aus ihren Höhlen und hingen an ihren Wurzeln
über die Wangen hinab. Die Haare verdorrten wie vom Feuer verbrannt. Das
Gehirn aber riß auseinander und floß durch Nase und Ohren hervor, die Zunge
ward herausgerissen und die Zähne wurden krumm gedreht. Die Knochen in den
Armen wurden zerbrochen und wie Seile umeinandergewunden. Die Hände wurden
enthäutet und an den Hals gebunden. Brust und Bauch aber wurden so fest an
den Rücken gepreßt, daß die Rippen zerknickten und das Herz samt den
Eingeweiden herausbrach und zer-
platzte. Die Schenkel hingen hinab und die zerbrochenen Gebeine wurden
herausgezogen auf eine Weise, wie ein dünner Faden in ein Knäuel
zusammengewickelt wird. Nachdem ich dieses gesehen, entgegnete der Mohr: O
Richter! die Sünden der Seele sind bereits nach der Gerechtigkeit offen
gelegt, verbinde uns daher beide, mich und die Seele, so daß wir nimmer
wieder getrennt werden. Der bewaffnete Krieger aber sprach: Höre, o Richter,
der Du alles weißt, Dir kömmt es nun auch zu, den letzten Gedanken und die
letzte Neigung zu hören, welche diese Seele am Ende ihres Lebens gehabt. Sie
dachte im letzten Augenblicke also: Ach, wenn Gott mir das Leben fristen
wollte, so wollte ich ja gern meine Sünden bessern und ihm in jeglicher Zeit
meines Lebens dienen, auch ihn niemals wieder beleidigen. Dergleichen, o
Richter! dachte und wollte sie. Gedenke auch, o Herr! wie diese Seele nicht so
lange gelebt, daß sie den Zustand. ihres Gewissens vollständig erkannt
hätte; gedenke deshalb ihrer Jugend und laß ihr Barmherzigkeit widerfahren.
- Nun aber erfolgte aus dem Buche der Gerechtigkeit folgende Antwort: Solchen
Gedanken am Ende gebührt die Hölle nicht. Und der Richter sprach weiter: um
meines Leidens willen wird der Seele der Himmel eröffnet werden, wenn sie
zuvor eine ihren Sünden angemessene Reinigung erlangt hat, es sei denn, daß
sie durch die guten Werke der Lebenden noch eher Hilfe erlange."
Dieses Weib hatte die Jungfräulichkeit in die Hand eines Priesters gelobt, verheiratete sich aber nachmals, geriet alsdann bei der Geburt in Gefahr und starb.
Erschreckliches Gesicht der Braut von einem Manne und einer Frau. Von der Auslegung des Gesichtes der Braut, wie solche durch einen Engel gemacht worden, in welcher vielerlei Wunderbares enthalten ist.
"Es erschien mir ein Mann. Demselben waren die Augen
ausgerissen. Sie hingen aber an zwei Nerven über die Wangen
herab. Er hatte Ohren wie ein Hund, eine Nase wie ein Pferd, sein Mund glich
dem Rachen eines wilden Wolfes. Die Hände waren nach Art eines großen
Stieres, seine Füße wie die eines Geiers. Mir erschien auch ein Weib, das
neben ihm stand, deren Haare wie Dornen waren. Die Augen befanden sich am
Hinterhaupte. Die Ohren waren abgerissen und die Nasenlöcher voll faulenden
Eiters. Die Lippen waren wie Schlangenzähne. An der Zunge befand sich ein
vergifteter Stachel. Die Hände waren wie zwei Fuchsschwänze, die Füße wie
zwei Skorpione. Während ich, wachend und nicht schlafend, dieses sah, sprach
ich: Was ist das? Sofort redete eine lieblich tönende Stimme zu mir, welche
so tröstlich war, daß jeder Schrecken von mir wich. Sie sprach: Wofür
hältst Du wohl das, was Du siehst? Ich antwortete: Ich weiß nicht, ob
diejenigen, welche ich schaue, Teufel sind, oder wilde Tiere, von garstig
tierischer Art geboren, oder von Gott also gebildete Menschen? Die Stimme
antwortete mir darauf: Sie sind weder Teufel, denn diese haben keine Leiber
wie Du an jenen wahrnimmst, noch sind sie von tierischem Geschlechte, weil sie
aus Adams Stamme geboren worden. Auch sind sie so von Gott nicht geschaffen,
sondern sie erscheinen vor Gott in ihren Seelen von den Teufeln also
verunstaltet, wie es Dir in einem leiblichen Bilde erscheint. Ich will Dir nun
zeigen, was es geistlicherweise bedeutet. Jenes Mannes Augen erscheinen Dir
wie herausgerissen; sie hängen an zwei Nerven herab. Unter diesen beiden
Nerven magst Du den Glauben verstehen, den er hatte, erstens, daß Gott
ewiglich lebe, zweitens, daß seine Seele nach des Leibes Tode ewig entweder
im Bösen oder im Guten leben werde. Unter den beiden Augen wirst Du
verstehen, erstens, daß er hätte betrachten sollen, wie er die Sünde
vermeiden könne, zweitens, wie er gute Werke zu verrichten vermöchte. Die
beiden Augen sind deshalb ausgerissen, weil er nicht in Maßgabe des
himmlischen Verlangens nach Herrlichkeit gute Werke verrichtet, noch aus
Furcht vor der Strafe der Hölle die Sünden geflohen hat. Er hat auch
Hundeohren. Denn wie ein Hund weder auf seines Herrn noch irgend eines anderen
Namen so viel achtet, als auf seinen eigenen Namen, wenn er diesen rufen
hört, so hat auch dieser sich nicht so sehr um die Ehre des Namens Gottes
gekümmert, als um die Ehre seines eigenen Namens. Er
hat auch Nasenlöcher wie ein Pferd. Denn wie ein ungezäumtes Pferd an dem
Gestanke seines ausgeworfenen Mistes Wohlgefallen hat, so denkt auch dieser
mit Wohlbehagen an seine vollbrachten Sünden, welche vor Gott wie Mist
erachtet werden. Er hat auch einen Rachen wie ein wilder Wolf, welcher,
nachdem er Wanst und Rachen mit dem gefüllt, was er gesehen, auch noch
anderes Lebendiges, was er sich regen hört, zu verschlingen trachtet. Also
würde auch dieser, wenn er alles besäße, was er mit den Augen gesehen, noch
dasjenige zu besitzen begehren, wovon er hört, daß andere es besitzen. Er
hat auch Hände nach Art der Füße eines starken Stieres, welcher, wenn er
zornig wird, das Tier, welches er überwältigt, in der Heftigkeit seines
Zornes mit seinen Füßen zerreißt, ohne sich um Eingeweide oder Fleisch zu
bekümmern, wenn er ihm nur das Leben nehmen kann. Auf ähnliche Art jener;
denn wenn er im Zorne ist, kümmert es ihn nicht, ob seines Feindes Seele in
die Hölle hinabsteigt, noch wie sein Leib tödlich gemartert wird, wenn er
ihm nur das Leben nehmen könnte. Er hat auch Füße wie ein Geier; denn wie
ein Geier seine Füße so stark auf die Beute setzt, welche er verschlingen
will, bis seine Kräfte ermatten und seine Krallen die Beute müssen fallen
lassen, - so will auch dieser alles, was er auf ungerechte Weise erworben hat,
bis zum Tode behalten, während er, wenn alle Kräfte ihn verlassen, genötigt
sein wird, es fahren zu lassen. Die Haare der Frau waren anzusehen wie Dornen.
Unter den Haaren aber, ist, da dieselben sich oben auf dem Kopfe befinden, und
das Antlitz des Menschen schmücken, der Wille verstanden, , welcher dem
höchsten Gott vor allem zu gefallen begehrt; denn solch ein Wille schmückt
die Seele vor Gott. Weil dieses Weibes Wille hauptsächlich dieser Welt, und
zwar mehr als dem höchsten Gott, zu gefallen trachtet, so erscheinen ihre
Haare wie Dornen. Die Augen aber zeigen sich am Hinterhaupte, weil sie ihres
Herzens Augen von demjenigen abgewendet, was Gottes Güte für sie gethan,
indem er sie erschuf, sie erlöste und in verschiedener Weise nützlich für
sie sorgte. Auf dasjenige dagegen, was vergänglich ist, richtet sie gespannt
ihre Aufmerksamkeit, obwohl es ihr täglich entweicht, bis es aus ihrem
Anblicke gänzlich verschwindet. Die Ohren erscheinen geistlicherweise
abgeschnitten, denn sie kümmert sich gar wenig, die Lehre
oder die Predigt des heiligen Evangeliums zu hören. Die Nasenlöcher dagegen
sind voll stinkenden Eiters; denn gleichwie der Geruch durch die Nasenlöcher
in das Gehirn steigt, um, wenn er süß ist, dasselbe zu stärken, - so sucht
dieses Weib ihre Stärke in jenen sündhaften Neigungen zu den faulen Freuden
der Welt, welche ihr ins Gehirn steigen. Ihre Lippen aber erscheinen wie
Schlangenzähne, und an der Zunge befindet sich ein giftiger Stachel. Denn
obgleich die Schlange die Zähne gar stark zusammendrückt, um den Stachel zu
schützen, damit derselbe nicht etwa durch einen Zufall zerbrochen werde, so
fließt doch zwischen den Zähnen, wo sie Lücken haben, der Geifer hervor. In
ähnlicher Weise schließt diese ihre Lippen vor der wahren Beicht, damit der
Sünde Lust nicht gebrochen werde, welche für ihre Seele der giftige Stachel
ist; doch erscheint der Geifer ihrer Sünde deutlich vor Gott und seinen
Heiligen." - "Du hast die Hände des eben gedachten Weibes wie
Fuchsschwänze und ihre Füße wie Skorpionen gesehen. Dies ist darum, weil
sie in allen Gliedern und Gebärden so ungeordnet war, daß sie durch ihrer
Hände Leichtfertigkeit und den Gang der Füße fleischliche Begierden
hervorrief und des Mannes Seele schwerer stach, als ein Skorpion. Habe ich Dir
von dem Gerichte und von der Verwerfung dieses Ehepaares gesagt, das wider die
Satzungen der Kirche eine Ehe eingegangen hatte, so will ich Dir jetzt
näheren Bericht darüber geben. Und siehe! im nämlichen Augenblicke erschien
der Mohr; er hielt in der Hand einen Dreizack, und hatte am einen Fuße drei
überaus scharfe Krallen; derselbe rief und sprach: O Richter! meine Stunde
ist bereits vorhanden. Ich habe gewartet und geschwiegen. Nun ist es Zeit, zu
handeln. Und sofort erschien mir, während der Richter samt den zahllosen
Heerscharen Platz genommen, der Mann und das Weib, welche nackt waren. Und der
Richter sprach zu ihnen: Saget, obwohl ich alles weiß, was ihr gethan habt.
Der Mann antwortete: Wir haben vom Bande gehört und gewußt, das die Kirche
knüpft, desselben aber nicht geachtet, ja es sogar verachtet. Der Richter
antwortete: Weil ihr dem Herrn nicht habt folgen wollen, so ist es
Gerechtigkeit, daß ihr die Bosheit des Henkers empfindet. und alsbald schlug
der Mohr in die Herzen beider eine Kralle, und drückte sie so fest, daß sie
wie in eine Presse gebracht erschienen.
und der Richter sprach: Siehe, meine Tochter, solches verdienen diejenigen,
welche sich von ihrem Schöpfer wissentlich um des Geschöpfes willen
entfernen. Der Richter sprach dann zu den beiden: Ich habe euch einen Sack
gegeben, um die Frucht meines Wohlgefallens zu sammeln; was bringt ihr mir
nun? Das Weib antwortete: O Richter, wir haben gesucht des Bauches Lüste,
aber nichts davongetragen, als Schande. Darauf sprach der Richter zum Henker:
Gieb, was recht ist. Und sofort heftete dieser seine zweite Kralle in die
Bäuche beider, und verwundete sie so mächtig, daß es schien, als wären
alle Eingeweide durchbohrt. und der Richter sprach: Siehe, solches verdienen
diejenigen, welche das Gesetz übertreten, und statt nach Arznei noch dem
Gifte dürsten. Weiter sprach der Richter zu beiden: Wo ist mein Schatz, den
ich euch gegen Zins geliehen habe? Beide antworteten: Wir haben denselben
unter unsere Füße gelegt; denn wir haben den irdischen, aber nicht den
ewigen Schatz gesucht. Darauf sprach der Richter zum Henker: Gieb, was Du
weißt und schuldig bist. Derselbe schlug sofort seine dritte Kralle in ihre
Herzen, Bäuche und Füße, so daß alles miteinander wie ein Knäuel
erschien. Und der Mohr sprach: Herr, wohin soll ich mit ihnen gehen? Der
Richter entgegnete: Es steht Dir nicht zu, hinaufzusteigen und Dich zu freuen.
Nachdem dieses gesagt worden, verschwanden Mann und Frau seufzend
augenblicklich vor dem Angesichte des Richters. Weiter sprach derselbe: Freue
Dich, Tochter, daß Du von solchen getrennt bist."
Worte der Jungfrau zur Braut, wie sie bereit ist, alle Mütter, Witwen und Jungfrauen zu schützen, von welchen sie steht, daß sie im rechten Vorsatze verharren und ihren Sohn über alles lieben.
"Höre," sprach die Mutter Gottes, "die Du
mit ganzem Herzen Gott bittest, dass Deine Kinder Gott gefallen mögen.
Wahrlich, ein solches Gebet ist Gott angenehm. Denn es ist keine Mutter,
welche meinen Sohn über alles liebt und um dieses für ihre Kinder bittet,
der ich nicht sofort zu helfen bereit wäre, ihre Bitte zu erfüllen. Auch ist
keine Witwe, welche Gott standhaft um Hilfe bittet,
bis an ihren Tod zu Gottes Ehre im Witwenstande zu verharren, deren Willen zu
erfüllen ich nicht sogleich bereit wäre; denn auch ich bin wie eine Witwe
gewesen, da ich einen Sohn auf Erden gehabt, der keinen fleischlichen Vater
hatte. Es ist auch keine Jungfrau . welche ihre Jungfräulichkeit bis an ihren
Tod Gott zu bewahren begehrt, welche zu schützen und zu stärken ich nicht
bereit wäre; denn ich bin wahrhaft selber Jungfrau. Auch sollst Du Dich nicht
wundern, weshalb ich solcherlei rede. Denn es steht geschrieben, David habe
die Tochter Sauls begehrt, als sie noch Jungfrau war. Er bekam sie aber erst,
nachdem sie eine Witwe geworden war.
Dazu auch hat er noch die Gemahlin des Urias gehabt, während ihr Gemahl noch
lebte und er war deshalb nicht ohne Sünde. Die geistliche Lust meines Sohnes
aber, welcher der Herr Davids ist, ist ohne alle Sünde. Wie also nun jenes
dreifache Leben, nämlich der Jungfräulichkeit, des Witwenstandes und der
Ehe, David leiblicherweise gefielen, so gefällt es meinem Sohne, dasselbe in
seiner keuschesten Lust geistlicherweise zu haben. Deshalb ist es nicht
wunderbar, daß ich helfe."
Worte der Mutter zur Tochter von der glücklichen, geistlichen Geburt eines gewissen Mannes, der in den übelsten Sünden erzogen war, und wie er diese Geburt durch die Bitten und Thränen der Diener Gottes erlangt hat.
Schaue den Sohn der Thränen, welcher jetzt neuerlich aus
der Welt geistlicherweise geboren ist, und der zuvor von seiner Mutter
fleischlicherweise hineingeboren. war in die Welt. Denn wie die Hebamme,
welche ein Kind hervorholt aus seiner Mutter Leibe, zuerst den Kopf holt, dann
die Hände und zuletzt den ganzen Leib, bis es auf die Erde fällt, so habe
ich ihm gethan wegen der Bitten und Thränen meiner Freunde. Denn ich habe ihn
aus der Welt insoweit gezogen, daß er jetzt geistlicherweise wie ein
neugeborenes Kind ist. Deshalb muß er erzogen werden sowohl leibl-
licher-, als geistlicherweise. Derjenige, zu welchem ich Dich gesandt hatte,
soll ihn mit seinem Gebete erziehen und mit seinen guten Werken und
Ratschlägen behüten; die Frau aber, von welcher Dir gesagt worden, soll für
ihn bitten und ihn geistlicherweise bewahren, indem sie auch acht darauf giebt,
daß er leiblicherweise seine Nahrung habe, weil er so tief in Todsünden
gefallen war, daß alle Teufel in der Hölle von ihm sagten: Lasset uns den
Mund aufsperren, ob er vielleicht kommt, damit wir ihn mit unseren Zähnen
quetschen und verschlingen. Auch die Hände lasset uns ausgestreckt halten, um
ihn zu zerbrechen und zu zerreißen; auch die Füße lasset uns in
Bereitschaft haben, um ihn zu zertreten und zu zerstampfen. Dir ist deshalb
gesagt worden, daß er jetzt geistlicherweise geboren worden, weil er nun von
der Macht der Teufel befreit worden, wie Du recht gut aus den Worten abnehmen
kannst, welche Du vernommen, daß er Gott mit dem Herzen und Leibe über alles
liebt.
Worte der Mutter zur Tochter von einem Knaben, den sie lieben und mit geistlichen Waffen ausrüsten will.
Gedenke, wie von Moses geschrieben wird, daß des Königs
Tochter ihn auf dem Wasser fand und ihn lieb gewann wie ihren eigenen Sohn. Es
wird auch in den Geschichten der Schule geschrieben, wie der nämliche Moses
das Land durch Vögel überwand, welche die vergifteten Schlangen verzehrten.
Ich bin die Königstochter aus dem Stamme Davids, und will jenen Knaben lieb
haben, den ich in den Sturmfluten der Thränen gefunden habe, die für das
Heil seiner Seele vergossen sind, die eingeschlossen ist in der Arche seines
Leibes. Diejenigen, von denen ich gesprochen, sollen ihn erziehen, bis er zu
dem Alter gelangt sein wird, in welchem ich ihn bewaffnen und senden will, um
das Land des Himmelskönigs zu überwältigen. Wie solches geschieht, ist Dir
zwar unbekannt, mir aber bekannt. Denn ich werde ihn also ausrüsten, daß man
von ihm sagen wird: Er hat gelebt wie ein Mann, ist gestorben wie ein Riese
und zu Gericht gekommen wie ein guter Kriegsmann. ![]()
Der Sohn Gottes sprach: "Wenn ein hungriges Tier von seiner Beute hinweggejagt worden, wartet es von weitem, bis es Zeit findet, zur Beute zurückzukehren, wo nicht, so geht es in seine Höhle. So habe ich dem Fürsten dieses Landes gethan. Ich habe ihn ermahnt durch meine Wohlthaten; ich habe ihn ermahnt mit Worten und Streichen, allein er ist um so undankbarer und vergeßlicher geworden, je sanfter ich mich gegen ihn gezeigt. Deshalb werde ich jetzt die Krone von ihm nehmen und ihn zu meinem Fußschemel setzen, weil er nicht treu zu seiner Krone stand. Auch werde ich über ihn und seine Schmeichler eine unbarmherzige Schlange, welche von einer Natter und einem listigen Fuchse geboren worden, senden, welche das Land und die Einwohner beunruhigen und die Einfältigen berupfen, welche auf die Gipfel des Landes hinaufsteigen und die Ruhmredigen hinabstürzen und niedertreten wird. Den Knaben aber, welchen meine Freunde ernährt haben, werde ich auf einem anderen Wege führen, bis er zu einer rühmlicheren Stätte gelangen wird."
Ferner sprach der Sohn Gottes: "Noch wird man von
diesem Knaben sagen: Er hat gelebt wie ein Mann, gestritten wie ein tapferer
Krieger; er wird gekrönt werden als ein Freund Gottes. O meine Tochter! was
meinen die Weiber, welche sich rühmen, daß ihre Kinder dahingehen in
Hoffart? Das ist kein Ruhm, sondern eine Schande, weil sie den König der
Hoffart nachahmen. Aber das ist Ehre und der ein Kriegsmann des Ruhmes,
welcher sich dessen rühmt, daß er die Ehre Gottes wirkt, soviel er kann, und
nach Höherem trachtet. Auch ist er bereit, zu leiden, was Gott ihn leiden
lassen will. Ein solcher ist ein Streiter Gottes und wird mit den
Kriegsmännern des Himmels gekrönt werden." ![]()
Worte der Mutter zur Tochter von einem, der sich nicht um des Tadels willen betrüben soll.
Die Mutter sprach: "Weshalb ist jener in Unruhe? Der Vater schlägt ja bisweilen den Sohn mit weichen Halmen. Deshalb soll er sich nicht betrüben."
Worte der Mutter zur Tochter, wie Rom vom Unkraute, erstlich mit schwerem Eisen, zweitens mit Feuer, drittens durch ein Gespann Ochsen gereinigt werden soll.
Die Mutter sprach: "Rom ist wie ein Acker, auf welchem das Unkraut aufwuchs. Deshalb muß es zuerst gereinigt werden durch scharfes Eisen, sodann gereinigt durch Feuer, hernach umgepflügt durch ein Gespann Ochsen. Darum will ich mit euch thun wie jemand, welcher Pflanzen an einen anderen Ort versetzt. Jener Stadt bereitet sich eine solche Strafe vor, als ob der Richter spräche: Schinde die ganze Haut ab; ziehe alles Blut aus dem Fleische heraus; haue alles Fleisch in Stücken und zerbrich ihm die Knochen, so daß alles Mark hinausfließt."
Worte Christi zur Braut unter einem Bilde, welche auseinandersetzen, wie Christus einen Herrn, welcher wallfahrtet, sein Leib einen Schatz, die Kirche ein Haus vorstellt, die Priester aber durch Hüter bedeutet werden, welche Priester er wie ein wahrer Herr mit siebenfacher Ehre geehrt hat. Wie Gott sich beklagt, daß die ungerechten Priester ihn durch siebenfache Unehre verunehren, und wie sie die sieben Kleider, nämlich die sieben Tugenden, welche sie haben sollten, in sieben Laster verwandeln.
Der Sohn sprach: "Ich bin wie ein Herr, welcher
getreulich kämpfte im Lande seiner Pilgerfahrt, und mit Freuden heimkehrte
in das Land seiner Geburt. Dieser Herr besaß einen gar kostbaren Schatz, bei
dessen Anblick triefende Augen verklärt, die Traurigen getröstet, die
Kranken gesund und die Toten auferweckt wurden. Damit aber dieser Schatz
ehrlich und sicher bewahrt werden möge, ward in Herrlichkeit und Ehren ein
Haus erbaut und vollendet, das eine anständige Höhe hatte, nebst sieben
Stufen, über welche man zum Hause und zum Schatze hinaufstieg. Diesen Schatz
nun übergab der Herr seinen Dienern, um danach zu sehen, denselben zu
verwenden und getreulich und unversehrt zu behüten, so daß sowohl die Liebe
des Herrn zu seinen Dienern sich erweisen, als die Treue der Diener gegen
ihren Herrn sichtbar werden möchte. Im Fortgange der Zeit begann der Schatz
in Verachtung zu geraten. Selten war das Haus besucht, die Hüter wurden
lässig und die Liebe zum Herrn ward gemindert. Als hierauf der Herr seine
Freunde um Rat fragte, was bei einer solchen Undankbarkeit zu thun sei,
antwortete einer von ihnen und sprach: Es steht geschrieben, daß der Befehl
bestehe, es sollten nachlässige Richter und Hüter des Volkes an der Sonne
aufgeknüpft werden; allein Dein ist die Barmherzigkeit und das Gericht; Du
schonest aller, weil alles Dein ist und Du Dich aller erbarmst. - Ich bin im
Abbild jener Herr; denn ich erschien in meiner Menschheit wie ein Pilger auf
Erden, während ich doch im Himmel wie auf Erden kraft meiner Gottheit
mächtig war. Auf Erden habe ich einen so mächtigen Kampf gehabt, daß alle
Nerven meiner Hände und meiner Füße wegen meines Eifers um der Seelen Heil
zerrissen wurden. Da ich dann die Welt verlassen und zum Himmel aufsteigen
wollte, von welchem ich übrigens meiner Gottheit nach nie entfernt war,
hinterließ ich der Welt ein köstliches Denkzeichen, nämlich meinen
heiligsten Leib, so daß, wie das Alte Gesetz sich der Lade, des Manna, der
Tafeln des Testamentes und anderer geheimen Gebräuche rühmte, also der neue
Mensch sich des Neuen Gesetzes erfreuen möge, aber nicht wie ehemals des
Schattens, sondern der Wahrheit, nämlich meines gekreuzigten Leibes, der im
Alten Gesetz vorgebildet war. Damit aber mein Leib in Herrlichkeit und Ehre
bleibe, habe ich das Haus der heiligen Kirche aufgerichtet, auf daß er darin
bewahrt und berührt würde. Die Priester sind die besonderen Hüter
desselben, welche gewissermaßen dem Amte nach über den Engeln ![]()
stehen, weil die Priester denjenigen, welchen selbst die
Engel in ehrerbietiger Furcht sich zu berühren scheuen, mit Hand und Mund
berühren. Ich habe auch die Priester durch eine siebenfache, gleichsam
stufenweise Ehre geehrt. Erstlich sollen sie meine Fahnenträger und
besonderen Freunde sein durch Reinheit der Seele und des Leibes; denn Reinheit
ist die erste Stufe zu Gott, den nichts berührt, dem nichts gebührt, das
unrein ist. Wenn auch den Priestern des Gesetzes zu der Zeit, wo sie nicht
opferten, der Umgang mit ihren Weibern gestattet wurde, so war solches kein
Wunder, weil sie nur die Schale, nicht den Kern trugen. Jetzt aber, da die
Wahrheit gekommen, das Bild jedoch zurückgetreten ist, soll man sich der
Reinigkeit aufs höchste befleißen, und zwar um so mehr, je süßer der Kern
als die Schale ist. Und zum Zeichen einer solchen Enthaltsamkeit werden
zunächst die Haare geschoren, auf daß die Lust weder im Geiste, noch im
Fleische herrschen möge. Auf der zweiten Stufe sind die Geistlichen
eingesetzt, daß sie durch alle Demut englische Männer seien, weil mittels
der Demut des Geistes und Körpers der Himmel durchdrungen und der hoffärtige
Teufel überwunden wird. Und zum Zeichen dieser Stufe werden die Geistlichen
angestellt, um die Teufel auszutreiben, weil der demütige Mensch in den
Himmel erhoben wird, aus welchem infolge seiner Überhebung der Teufel durch
Hoffart herabstürzte. Auf die dritte Stufe werden die Geistlichen gestellt,
damit sie durch beständiges Lesen der heiligen Schrift Jünger Gottes seien,
denen auch deshalb von den Bischöfen, wie den Soldaten das Schwert, ein Buch
in die Hand gegeben wird, auf daß sie wissen, was zu thun sei, und mit Gebet
und Nachdenken sich bemühen, den Zorn Gottes für das Volk Gottes zu
besänftigen. Auf die vierte Stufe werden die Geistlichen als die Hüter des
Tempels und die Beschauer der Seelen hingestellt, auf daß sie besorgt sein
mögen um das Heil der Brüder, und sie durch Wort und Vorbild fördern und
die Schwachen zu größerer Vollkommenheit anregen. Auf die fünfte Stufe
werden die Spender und Besorger des Altars und die Verächter der weltlichen
Dinge gestellt, so daß, während sie dem Altar dienen, sie vom Altare leben,
und durchaus nicht mit irdischen Dingen, ausgenommen soweit, als ihre Stufe es
erfordert, sich beschäftigen. Auf die sechste Stufe werden sie gestellt, auf
daß sie apostolische
Männer seien durch die Predigt der evangelischen Wahrheit, und sich in ihrem
Wandel nach ihrer Predigt richten. Auf die siebente Stufe finden sie sich
gestellt, weil sie mittels der Opferung meines Leibes Vermittler sein sollen
zwischen Gott und dem Menschen. Auf dieser Stufe stehen die Priester
gewissermaßen an Würde über den Engeln. Nun aber beklage ich mich, daß
diese Stufen zerschlagen sind, weil die Hoffart vor der Demut geliebt wird;
Unreinigkeit wird statt der Reinheit gepflegt; Vernachlässigung wird sichtbar
an den Altären; die Weisheit Gottes wird für Thorheit erachtet; um das Heil
der Seelen wird keine Sorge getragen. Aber das ist ihnen noch nicht genug,
sondern sie werfen auch noch meine Kleider hinweg und verachten meine Waffen.
Ich habe dem Moses auf dem Berge die Kleider gezeigt, deren sich die Priester
des Gesetzes bedienen sollen; nicht, daß in Gottes himmlischer Wohnung etwas
Leibliches sein sollte, sondern weil das Geistliche nicht anders, als durch
körperliche Gleichnisse gefaßt werden kann. Deshalb habe ich das Geistliche
durch das Leibliche gezeigt, damit man wissen möge, welche Ehrerbietung und
Reinigkeit diejenigen nötig haben, welche die Wahrheit selber, d. h. meinen
Leib besitzen, wenn diejenigen solche Reinheit und Ehrfurcht haben mußten,
welche nur den Schatten und das Abbild besaßen. Weshalb aber habe ich dem
Moses eine so große Schönheit in materiellen Gewändern gezeigt, als daß
dadurch der Schmuck und die Schönheit der Seele erkannt und angedeutet
würde? Denn wie der Priester sieben Gewänder hat, so muß die zum Leibe des
Herrn herantretende Seele sieben Tugenden besitzen, ohne welche kein Heil ist.
Das erste Gewand der Seele ist die Reue und die Beicht, dasselbe bedeckt das
Haupt; das zweite ist die Neigung zu Gott und die Liebe zur Keuschheit; das
dritte ist die Bemühung um die Ehre Gottes und die Geduld in
Widerwärtigkeiten; das vierte besteht darin, daß man kein Augenmerk hat auf
das Lob und die Schmähungen der Menschen, sondern allein auf die Ehre Gottes;
das fünfte ist die Enthaltsamkeit des Fleisches bei wahrer Demut; das sechste
ist die wiederholte Erwägung der Wohlthaten Gottes und die Furcht vor seinen
Gerichten; das siebente ist die Liebe Gottes über alles, und das Verharren im
Guten, das man angefangen.
Jetzt aber sind diese Gewänder verwandelt und verachtet;
denn man liebt statt der Beichte die Entschuldigung und Geringhaltung der
Schuld, für die Keuschheit immerwährende Leichtfertigkeit, statt der
Bemühung für das Heil der Seele die Arbeit zum Nutzen des Leibes, statt der
Ehre und Liebe Gottes den Ehrgeiz der Welt und die Hoffart, statt einer
löblichen Enthaltsamkeit Überfluß in allen Dingen, statt der Furcht Gottes
die Vermessenheit und die Beurteilung der Gerichte Gottes, statt der Liebe
Gottes über alles die Kälte und Undankbarkeit gegen alle seine Wohlthaten.
Darum will ich, wie ich durch den Propheten gesagt habe, kommen im Zorne, und
die Strafe wird ihnen Verstand geben." (Isaias XXVIII.)
Die Mutter der Barmherzigkeit war hierbei zugegen und
antwortete: "Gebenedeit seist Du, mein Sohn, für Deine Gerechtigkeit.
Ich rede zu Dir, obwohl Du alles weißt, um jener Braut willen, welche Deinem
Willen zufolge Einsicht in geistliche Dinge haben soll, die aber doch das
Geistliche nur durch Gleichnisse zu begreifen vermag. Fürwahr, Du hast in
Deiner Gottheit, bevor Du die Menschheit von mir angenommen hattest, gesagt,
daß, wenn zehn gerechte Männer in der Stadt Sodoma gefunden würden, Du Dich
der ganzen Stadt um dieser zehn willen erbarmen wolltest. Nun aber sind noch
unzählig viele Priester, welche Dich durch Opferung Deines Leibes
besänftigen. Also erbarme Dich um ihrer willen derer, welche wenig Gutes
haben; um dieses bitte ich, die ich Dich der Menschheit nach geboren habe, das
bitten alle Deine Auserwählten mit mir." Der Sohn antwortete: "Gebenedeit
seist Du, gebenedeit sei das Wort Deines Mundes! Du siehst, daß ich
dreifältig verschone wegen eines dreifachen Gutes in der Darbringung meines
Leibes. Wie durch die Vermessenheit des Judas dreierlei Gutes an mir offenbar
geworden ist, also kommt durch Darbringung dieses Opfers ein dreifach Gutes in
die Seelen. Erstlich wird meine Geduld gelobt, daß ich, obwohl ich wußte,
Judas sei ein Verräter doch den Verkehr mit ihm nicht zurückgewiesen habe;
zweitens, daß, als der Verräter mit den Seinigen dastand, alle auf ein
einziges Wort von mir zu Boden fielen, wodurch meine Macht sich kund that;
drittens, daß ich alle seine und des Teufels Bosheit zum Heile der Seelen
umgewendet habe, wodurch die göttliche Weisheit und Liebe offenbar wurden. So
geht auch aus der Opferung der Priester dreierlei Gutes hervor. Erstens wird
vom ganzen himm-
lischen Heere meine Geduld gepriesen, weil ich der nämliche bin in den
Händen des guten wie des bösen Priesters, und bei mir kein Ansehen der
Person gilt, auch nicht die Verdienste der Menschen dieses Sakrament bewirken,
sondern meine Worte; zweitens, weil diese Darbringung allen nützt, von
welchem Priester immer sie dargebracht sein mag; drittens, weil sie auch den
Opfernden selber, wie böse sie sein mögen, nützt; denn wie nach einem
Worte: Ich bin's! das ich gesprochen, meine Feinde leiblich zu Boden
stürzten, so weichen nach Aussprechung meines Wortes: Das ist mein Leib! die
bösen Geister, und lassen ab, die Seelen der Darbringenden zu versuchen; auch
würden sie nicht wagen, mit solcher Kühnheit zu denselben zurückzukehren,
wenn die Lust, zu sündigen, nicht hernach wiederum folgte. Deshalb, wenn auch
die Gerechtigkeit Rache verlangt, verschont doch meine Barmherzigkeit alle und
duldet alle. Aber wenn ich auch täglich rufe, antworten nur wenige, wie Du
täglich siehst. Gleichwohl will ich noch einmal senden die Worte meines
Mundes; diejenigen, welche hören, werden ihre Tage in Freude erfüllen,
welche vor Süßigkeit weder ausgesprochen, noch gedacht werden kann. .
Denjenigen, welche sie nicht hören, werden, wie geschrieben steht (Apokal.
XV.), sieben Plagen in die Seele und sieben in den Leib kommen; sie werden
dieselben finden, wenn sie das betrachten und lesen, was geschehen ist, damit
sie nicht erzittern, wenn sie es erfahren."
Worte Christi zur Braut, wie der Priester drei Dinge nötig hat: Erstens den Leib Christi konsekrieren; zweitens Reinheit des Fleisches und des Geistes; drittens Besorgung seiner Pfarrei. Er soll auch haben ein Buch und Öl; und wie der Priester ein Engel Gottes, ja, wie sein Amt größer ist, als eines Engels.
Der Sohn sprach: "Ein Priester hat drei Dinge nötig.
Erstlich muß er den Leib Gottes konsekrieren; zweitens soll er Reinigkeit des
Fleisches und der Seele haben; drittens hat er seine Pfarrei zu versehen. Du
kannst aber fragen: Was hilft es, eine Kirche haben, wenn er keine Pfarrei
hat? Ich antworte Dir: Ein Priester,
welcher den Willen hat, allen zu nützen, und um der Liebe Gottes willen zu
predigen, hat eine so weite Pfarrei, als ob er die ganze Welt hätte, weil,
wenn er mit der ganzen Welt reden könnte, er mit nichten seine Mühe sparen
würde. Deshalb wird ihm der gute Wille angerechnet für die That. Denn Gott
verschont wegen der. Undankbarkeit der Hörenden sehr häufig seine
Auserwählten mit der Mühe, zu predigen; gleichwohl werden sie ihres guten
Willens halber um ihren Lohn nicht betrogen. Ein Priester muß auch ein Buch
und Öl haben; das Buch zur Unterweisung der Unvollkommenen; das heilige Öl,
um die Kranken zu salben. Denn wie in dem Buche die leibliche und geistliche
Lehre enthalten ist so soll im Priester ein weises Verhalten gegen sich selber
sein, daß er sein Fleisch beherrsche, damit es nicht durch die Unmäßigkeit,
woran die Pfarrkinder ein Ärgernis nehmen, zerstört werde, daß er die
Begierlichkeit der Welt, wodurch die Würde der Kirche in Geringachtung kommt,
fliehe, und daß er die Sitten der Weltleute, durch welche die geistliche
Würde geschändet wird, vermeide. Die geistliche Wissenschaft aber ist, die
Unweisen unterrichten, die Leichtfertigen strafen, die Fortschreitenden
anregen. Durch das Öl aber werden die Süßigkeit des Gebetes und die guten
Vorbilder bezeichnet. Denn wie das Öl fetter ist, als Brot, so sind das Gebet
der Liebe und die Vorbilder eines guten Lebens wirksamer, die Menschen zu
ziehen, und schmeidiger, Gott zu besänftigen. Wahrlich, ich sage Dir,
Tochter, daß der Name des Priesters groß ist, weil er ein Engel des Herrn,
ein Vermittler ist. Noch größer aber ist sein Amt, weil er den
unbegreiflichen Gott berührt, und in seiner Hand das Himmlische sich
erniedriget."
Worte der Braut zu Gott von einer angenehmen Weise, seine Bitten vor Gott auszugießen.
"Gebenedeit seist Du, mein Schöpfer und Erlöser.
Zürne nicht, wenn ich zu Dir rede wie ein Verwundeter zum Arzte, wie ein
Betrübter zum Tröster, wie ein Armer zu einem, der reich ist und alles
vollauf hat; denn der Verwundete spricht: O Arzt, habe keinen
Abscheu vor mir Verwundeten, weil du mein Bruder bist. Der Betrübte spricht:
O gütigster Tröster, verachte mich nicht, weil ich in Ängsten bin, sondern
gieb meinem Herzen Ruhe und meinen Gefühlen Trost. Der Arme aber sagt: O du
Reicher, der du an nichts Mangel hast, blicke auf mich, weil ich gefährdet
werde vom Hunger; siehe mich an, weil ich nackt bin, und gieb mir Kleider, mit
denen ich mich wärmen kann. So sage auch ich: O Du allmächtigster und
gütigster Herr, ich betrachte die Wunden meiner Sünden, welche ich seit
meiner Jugend an erhalten habe, und seufze, daß die Zeit ungenützt
verstrichen ist. Die Kräfte reichen nicht aus zur Arbeit, weil sie in
Eitelkeiten erschöpft worden. Darum, und weil Du die Quelle aller Güte und
Barmherzigkeit bist, bitte ich Dich, erbarme Dich meiner. Berühre mein Herz
mit der Hand meiner Liebe, weil Du der beste Arzt bist; tröste meine Seele,
weil Du ein guter Tröster bist."
Wie der Teufel bei der Erhebung des Leibes Christi der Braut erschien, mit ihr geredet und durch Gründe ihr darthun wollte, daß dasjenige, was aufgehoben wurde, nicht der Leib Christi sei. Es erschien ihr aber sogleich ein Engel des Herrn und tröstete sie. Wie Christus erschien und den Teufel gezwungen hat, vor der Tochter die Wahrheit zu sagen. Und daß der Leib Christi wie von den Guten, so auch von den Bösen empfangen wird; und von einem bequemen Mittel in Versuchungen gegen die leibliche Gegenwart Christi.
Es erschien während der Erhebung des Leibes Christi einer,
der ganz schwarz war, und sprach: "Glaubst Du denn, o Närrin, daß
dieses Stücklein Brot Gott ist? Er wäre bereits längst verzehrt, und wenn
er auch der Berg der Berge gewesen wäre. Keiner unter den weisen Juden, denen
von Gott die Weisheit gegeben worden, glaubt dieses. Es soll auch niemand
glauben, daß Gott sich gefallen lassen werde, von einem ganz unreinen
Priester, der ein hündisches Herz hat, sich berühren und lieben zu lassen.
Du sollst auch bestätigen, was ich sage. Dieser Priester ist mein; ich kann
denselben, wenn ich will, zu mir nehmen." Sofort erschien ein guter Engel
und sprach: "Meine Tochter, antworte dem Thoren
nicht nach seiner Thorheit; denn er, der Dir erschien, ist der Vater der
Lüge; halte Dich aber bereit, denn unser Bräutigam ist nahe." Dieser
Bräutigam, Jesus, kam und sprach zum Teufel: "Weshalb beunruhigst du
meine Tochter und Braut? Tochter nenne ich sie deshalb, weil ich sie
erschaffen habe; Braut darum, weil ich sie erlöst und sie mir mittels meiner
Liebe verbunden habe." Der Teufel antwortete: "Ich rede darum, weil
es mir verstattet worden, und damit sie erkalte in Deinem Dienste." Und
der Herr sprach: "Das hat sie in dieser Nacht erfahren, als du ihr die
Augen und die übrigen Glieder gedrückt hast. Du hättest auch noch
Größeres gethan, wäre es dir verstattet gewesen; so oft sie jedoch deinen
Eingebungen widerstanden hat, so oft wird ihre Krone verdoppelt. Doch du,
Teufel, weil du gesagt, ich würde längst aufgegessen sein, auch wenn ich ein
Berg gewesen wäre, antworte mir vor den Ohren meiner Tochter, welche leiblich
ist. Die Schrift erzählt, daß, als das Volk zu Grunde ging, eine eherne
Schlange erhöht ward, durch deren Anblick jeder, welcher von den Schlangen
verwundet war, geheilt ward. Ist nun diese heilende Kraft von der Stärke des
Erzes, oder von dem Bilde der Schlange, oder von der Güte Mosis, oder von
einer verborgenen göttlichen Kraft ausgegangen?" Der Teufel antwortete:
"Diese heilende Kraft ist von nichts anderem, als von der
eigentümlichen, alleinigen Kraft Gottes und dem Glauben des gehorsamen Volkes
hervorgegangen, daß Gott, welcher alles aus Nichts hervorgebracht, auch alles
machen könne, das zuvor nicht gewesen." Weiter sprach Gott: "Sage
an, Teufel, ob der Stab auf Mosis Gebot oder auf den Befehl Gottes eine
Schlange geworden ist? Ob, weil Moses heilig war, oder weil Gottes Wort also
redete?" Ihm entgegnete der Teufel: "Was war Moses sonst, als ein
aus sich schwacher Mann, aber gerecht aus Gott, auf dessen Wort, das Gott
geheißen und hatte hervorgehen lassen, der Stab eine Schlange ward, indem
Gott wahrhaft gebot und Moses als ein Diener gehorchte. Denn vor dem Geheiß
und Worte Gottes war der Stab ein Stab, als Gott aber befahl, wurde der Stab
wirklich eine Schlange, so daß selbst Moses sich fürchtete." Nun sprach
der Herr zur Braut, die dieses sah: "Also ist es jetzt auch auf dem
Altare; denn vor dem Sakramentsworte ist das auf den Altar gelegte Brot nur
Brot, nachdem aber das Wort: Dies ist
mein Leib, gesprochen worden, wird es der Leib Christi, welchen Gute wie Böse
nehmen und berühren, und zwar einer wie tausende mit gleicher Wahrheit, aber
nicht mit gleicher Wirkung, der Gute zum Leben, der Böse aber sich zum
Gerichte. Wenn aber der Teufel gesagt hat, Gott werde durch die Unreinigkeit
des Priesters besudelt, so ist dieses fürwahr ganz unrichtig. Wenn ein
aussätziger Diener seinem Herrn in einer Schüssel eine Speise, oder ein
Kranker ein Gericht von starken Kräutern darreicht, so wird es dem Herrn
nicht schaden, weil, wer immer der Darreichende ist, die Kraft dieselbe bleibt
und ebenso wird auch Gott durch die Bosheit eines schlechten Dieners nicht
schlecht, noch durch einen guten besser, weil er immer unveränderlich und
stets derselbe bleibt. Wenn aber der Teufel von diesem Priester gesagt hat, er
werde gar bald sterben, so weiß er solches vermöge der seinen Beschaffenheit
seines Wesens und aus äußerlichen Ursachen hinwegnehmen aber wird er ihn
nicht können, außer wenn ich es gestatte. Doch ist dieser Priester sein
eigen, wofern derselbe sich nicht bessert, und zwar aus drei Ursachen. Darum
eben hat der Teufel gesagt, er habe stinkende Glieder und ein Hundeherz, indem
er wahrhaft stinkt und fiebert, von außen warm, von innen kalt ist,
unerträglichen Durst, Schlaffheit der Glieder, Ekel vor Brot und Abscheu vor
aller Süßigkeit hat. Er ist warm für die Welt und frostig gegen Gott; er
dürstet nach Fleischeslust und hat einen Ekel vor der Schönheit der
Tugenden; er findet keinen Geschmack an den Geboten Gottes, und glüht für
alles, was des Fleisches ist. Man darf sich deshalb nicht wundern, wenn ihm
mein Leib nicht anders schmeckt, als in einem Backofen gebackenes Brot; denn
er denkt an kein geistliches Werk und es schmeckt ihm auch dasselbe nicht,
sondern nur das fleischliche. Wenn daher das Agnus gesprochen und mein Leib in
seinen Leib genommen worden, so weicht von ihm des Vaters Macht und des Sohnes
süßeste Gegenwart und mit den heiligen Gewändern entweicht des heiligen
Geistes Güte von ihm, welcher da ist das Band der Vereinigung, und nur die
Gestalt und das Gedächtnis des Brotes bleibt ihm. Wenn aber der Teufel sagt,
keiner unter den weisen Juden wolle dies glauben, so antworte ich: Es geht den
Juden gleich denjenigen, welche das rechte Auge verloren haben, deshalb hinken
sie auf beiden geistlichen Füßen; darum eben sind
sie thöricht und werden es bis an ihr Ende bleiben. Es ist also kein Wunder,
daß der Teufel ihre Herzen blendet und verhärtet, und ihnen zu dem rät, was
schamlos und wider den Glauben ist. So oft daher irgend ein solcher Gedanke in
Bezug auf den Leib Christi in Dein Herz kommt, bringe denselben vor Deine
geistlichen Freunde und bleibe im Glauben standhaft, weil Du für gewiß
weißt, daß dieser Leib, den ich vom Fleische der Jungfrau angenommen,
welcher gekreuzigt worden und im Himmel regiert, derselbe auf dem Altare ist,
und diesen Böse wie Gute empfangen. Wie ich mich meinen Jüngern, welche nach
Emmaus gingen, in einer fremden Gestalt zeigte, während ich doch wahrer
Mensch und Gott war und zu den Jüngern bei verschlossenen Thüren eintrat,
also zeige ich mich auch den Priestern in fremder Gestalt, damit der Glaube
ein Verdienst habe und die Undankbarkeit der Menschen offenbar werde. Es ist
auch kein Wunder. Denn ich bin jetzt noch eben derselbe, der die Macht meiner
Gottheit durch schreckliche Zeichen dargethan hat, und doch sprechen die
Menschen noch: Lasset uns Götter machen, welche uns vorangehen. (Exodus
XXXII.) Ich habe auch den Juden meine wahre Niedrigkeit gezeigt, und sie haben
dieselbe gekreuzigt. Ich, eben derselbe, bin täglich auf dem Altare, aber man
spricht: Wir haben Ekel und Widerwillen gegen diese Speise. Was für eine
größere Undankbarkeit kann es nun aber geben, als wenn man durch die
Vernunft Gott begreifen und seine verborgenen Ratschlüsse und Geheimnisse,
die er in seiner Hand hat, zu richten wagen will? Deshalb will ich den
Ungelehrten und Demütigen mittels unsichtbarer Wirkung und in sichtbarer
Gestalt zeigen, was die sichtbare Gestalt ohne die Substanz und was die
Substanz in der Gestalt sei und weshalb ich solche Niedrigkeit und Ungestalt
an meinem Leibe leide, damit sowohl die Demütigen erhöht, als die
Hoffärtigen zu Schanden werden." ![]()
Strafende Worte des Herrn zu einem Priester, der einen begrub, welcher in Geduld im Beisein der Braut gestorben war. Wie Christus mit sieben leiblichen und sieben geistlichen Plagen zu den ungerechten Priestern kommen wird, und wie jener wegen seiner Geduld alle Herrlichkeit erlangt hat.
Als ein Priester einen Toten begrub, welcher drei und ein
halbes Jahr bettlägerig gewesen war, vernahm die Braut, wie der Geist sprach:
"Freund, was thust Du, was unterstehst Du Dich, den Toten zu berühren,
da Deine Hände blutig sind? Weshalb rufst Du für ihn zu dem Allmächtigen,
da Deine Stimme wie die der Frösche ist? Was unterstehst Du Dich, für ihn
den Richter versöhnen zu wollen, da Deine Gebärden und Sitten mehr eines
Gauklers, als eines frommen Priesters zu sein scheinen? Deshalb wird die Kraft
meiner Worte, nicht aber Dein Werk dem Toten förderlich sein, und sein Glaube
und seine lange Geduld werden ihn hinführen zur Krone." Ferner sprach
der Geist zur Braut: "Blutig sind die Hände dieses Priesters, weil alle
seine Werke fleischlich sind; er vermag mit denselben den Toten nicht
anzugreifen; denn er wird ihm nicht helfen können durch seine Verdienste,
sondern durch die Würde des Sakramentes. Die guten Priester nützen den
Seelen auf eine doppelte Weise; einmal durch die Kraft des Leibes des Herrn,
sodann durch die eigene Liebe, in welcher sie brennen. Seine Stimme ist wie
die der Frösche; denn sie ist gänzlich irdischen Werken und der Wollust des
Fleisches gewidmet; deshalb steigt sie nicht auf zu Gott, welcher durch die
Stimme einer demütigen Beicht und Reue besänftigt werden will. Auch sind
seine Sitten wie die eines Gauklers; denn was thut ein Gaukler anderes, als
daß er sich nach den Sitten der Weltleute richtet? Was anderes aber singt er,
als: Lasset uns essen und trinken und in diesem Leben der Lust genießen?
Ebenso macht es dieser; denn er richtet sich in Kleidung und Benehmen nach
allen, um allen zu gefallen, und reizt alle durch sein Beispiel und seine
Ausschweifung zur Verschwendung an, indem er spricht: Lasset uns essen und
trinken, denn daran hat der Herr Freude;
es soll uns genügen, an die Pforte der Herrlichkeit zu gelangen, und obwohl
er mir den Eingang verwehrt, bin ich zufrieden, daß ich neben der Pforte
sitze, ich will nicht vollkommen sein. Das ist eine gefährliche Sprache und
ein strafbares Leben, weil niemand an die Pforte der Herrlichkeit gelangen
wird, als wer vollkommen ist oder vollkommen gereinigt worden, und niemand
wird die Vollkommenheit erlangen, wenn er nicht vollkommen danach verlangt
oder nicht vollkommen sich darum bemüht, wenn er kann. Gleichwohl gehe ich,
der Herr aller Dinge, zu diesem Priester ein, werde aber nicht eingeschlossen,
noch befleckt. Ich gehe ein wie ein Bräutigam, und gehe aus als ein Richter,
der da richten wird, wenn der Empfangende ihn verachtet. Darum werde ich, wie
ich gesagt habe, die Priester mit sieben Plagen heimsuchen. Sie werden alles
dessen beraubt werden, das sie geliebt haben; sie werden verstoßen werden vom
Angesichte Gottes, verurteilt in seinem Zorne; sie werden den Teufeln
überliefert werden und leiden ohne Ruhe, von allen verachtet sein, an allem
Guten Mangel und an allem Bösen Überfluß haben. Ähnlicherweise werden sie
auch mit anderen sieben leiblichen Plagen heimgesucht werden wie die Kinder
Israel. Darum sollst Du Dich nicht wundern, wenn ich die Bösen dulde, oder
wenn an meinem Sakramente sich etwas Unwürdiges zeigt; denn ich leide bis ans
Ende, um meine Geduld und die Undankbarkeit der Menschen an den Tag zu
bringen." Überdies sprach der Geist zur Seele des Toten: "O Seele,
freue dich und juble; denn dein Glauben hat dich losgemacht vom Teufel; deine
Einfalt wird dir den langen Weg des Fegfeuers verkürzen; deine Geduld hat
dich hingeführt an die Pforte der Herrlichkeit; meine Barmherzigkeit wird
dich hineinführen und dich krönen." ![]()
Wie der Teufel der Braut erschienen und dieselbe durch scheinbare Gründe im Sakramente des Leibes Christi hat betrügen wollen, wie aber Christus der Braut zur Hilfe kam und den Teufel nötigte, die Wahrheit vor der Braut zu sagen. Von der Gleichförmigkeit mit einer sehr nützlichen Unterweisung Christi an die Braut über seinen verherrlichten Leib im Sakramente.
Weiter erschien der Braut ein böser Geist mit einem langen
Bauche und sprach: "Was glaubst Du, Weib, und was Großes denkst Du? Ich
weiß auch viel und will mit klaren Gründen Dir meine Worte beweisen; ich
rate Dir aber, abzulassen davon, Unglaubliches zu denken, glaube vielmehr
Deinen Sinnen. Siehst Du nicht mit den Augen, hörst Du nicht mit den Ohren
Deines Fleisches das Brechen der Hostie aus materiellem Brote? Hast Du nicht
gesehen, wie es zerbrochen, berührt und unehrbar auf die Erde geworfen und so
manches damit gethan wird, was ich an mir, nicht dulden würde? Wenn es nun
aber auch möglich sein möchte, daß Gott im Munde des Gerechten sich
befände, wie wird derselbe hinabsteigen zu den Ungerechten, deren Geiz
bodenlos und maßlos ist?" Nun erschien die Menschheit Christi der Braut
und diese sprach zu ihr: "O Herr Jesu Christe, ich danke Dir für alles,
namentlich aber für drei Gnaden. Erstens, daß Du meine Seele kleidest, indem
Du ihr Buße und Reue einflößest, wodurch alle Sünde, wie schwer sie auch
sein möge, abgewaschen wird; zweitens speisest Du die Seele, indem Du ihr
Deine Liebe und das Gedächtnis Deines Leidens eingießest, wodurch die Seele
wie mit der besten Speise erquickt wird; drittens tröstest Du alle, welche
Dich in der Trübsal anrufen. Darum, Herr, erbarme Dich meiner und hilf meinem
Glauben; denn, obwohl ich verdiene, den Verspottungen des Teufels hingegeben
zu werden, so glaube ich doch, daß er ohne Deine Zulassung nichts vermag, und
auch Deine Zulassung ist nicht ohne Trost." Hierauf sprach Christus zum
Teufel: "Weshalb redest du mit meiner neuen Braut?" Der Teufel
antwortete ihm: "Weil sie mir verbunden war, und ich hoffe, sie noch in
mein Netz zu verwickeln; sie aber war mir verbunden, da sie mehr mir und
meinen Ratschlägen zu gefallen sich befliß, als Dir, ihrem Schöpfer. Ich
habe ihre Wege bewacht, und dieselben waren meinem Gedächtnisse noch nicht
entfallen." Der Herr antwortete: "So bist du denn ein Gewinnsucher
und Späher aller Wege?" Ihm entgegnete der Teufel: "Ein Späher bin
ich fürwahr, aber im Finstern, weil Du mich finster gemacht hast." Und
der Herr sprach: "Wann hast du denn gesehen, und wie bist du finster
geworden?" "Ich bin," sprach der Teufel, "sehend gewesen,
als Du mich geschaffen hattest in höchster Schönheit; weil ich aber
vermessen hineinstürzte in Deinen Glanz, bin ich von ihm wie ein Basilisk
verblendet worden. Ich habe Dich gesehen, als mich nach Deiner Schönheit
gelüstete; ich habe Dich gesehen in meinem Gewissen und erkannt, als Du mich
heruntergestürzt hattest; ich habe Dich auch in dem angenommenen Fleische
erkannt, und gethan, was Du mir gestattet hast; ich habe Dich erkannt, als Du
durch Deine Auferstehung mich Deiner Gefangenen beraubtest. Ich erkenne
täglich Deine Macht, mittels der Du meiner spottest und mich zu Schanden
machst." Und der Herr sprach: Wenn du mich kennst und von mir die
Wahrheit weißt, warum lügst du dann meinen Auserwählten, da du doch die
Wahrheit von mir weißt? Habe ich nicht gesagt, daß, wer mein Fleisch ißt,
in Ewigkeit leben wird? Du aber sagst, es sei eine Lüge, und niemand esse
mein Fleisch. Also ist mein Volk ein größerer Götzendiener, als der,
welcher Steine und Götzen anbetet. Wenn ich nun freilich auch alles weiß, so
antworte mir doch, so daß es jene, die hier steht, hört, da sie das
Geistliche nur durch Gleichnisse zu verstehen vermag. Als Thomas mich nach
meiner Auferstehung betastete, war da der Leib, den er berührte, ein
geistlicher, oder ein leiblicher? und wenn ein leiblicher, wie ging er dann
ein durch die verschlossenen Thüren? Wenn aber ein geistlicher, wie war er
den leiblichen Augen sichtbar?" Der Teufel antwortete: "Schwer ist
es, allhier zu reden, wo der Redende allen verdächtig ist, und wider Willen
die Wahrheit zu sagen genötigt wird. Doch will ich, gezwungen, sagen, daß Du
in der Aufestehung sowohl geistlich wie leiblich warst, und darum gehst Du
wegen der ewigen Kraft der Gottheit und des geistlichen Vorzugs des
verherrlichten Fleisches überall ein und kannst überall sein." Gott
sprach ferner: "Als der Stab Mosis in eine Schlange ver-
wandelt ward, sage mir, war er da nur das Bild einer Schlange, oder ward er
durch und durch, außen wie innen, eine Schlange, und sage, ob jene Brotkörbe
oder Brotstücke ganz wahres Brot waren, oder nur Bild von Brot?" Der
Teufel erwiderte: "Der Stab war ganz Schlange, das in den Körben ganz
Brot, und alles ist durch Deine Kraft und Deine Macht geschehen." Und der
Herr sprach: "Soll es mir jetzt etwa schwerer werden, als damals, ein
ähnliches oder ein noch größeres Wunder zu wirken, wenn es mir gefällt?
Oder wenn das Fleisch, seitdem dasselbe verherrlicht worden, durch die
verschlossenen Thüren hineingelangen konnte zu den Aposteln, weshalb soll es
jetzt nicht in den Händen der Priester zu sein vermögen? Oder ist es etwa
für meine Gottheit beschwerlich, das Niederste mit dem Höchsten, das
Himmlische mit dem Irdischen zu verbinden? Mit nichten! Aber du bist wahrlich
ein Vater der Lügen; wie deine Bosheit überaus groß ist, so ist es auch
meine Liebe, und sie wird über allen sein. Wenn es nun auch einem scheinen
möchte, er sähe jenes Sakrament verbrennen, dem anderen, es werde unter die
Füße getreten, so weiß ich allein doch den Glauben Aller und ordne alles in
Maß und Geduld, der ich aus Nichts Etwas und aus dem Unsichtbaren das
Sichtbare mache, der ich mit der Gestalt etwas Sichtbares zeige, was aber
wahrhaft etwas anderes ist, als es scheint." Der Teufel antwortete:
"Daß dieses wahr ist, erfahre ich alle Tage, wenn die Menschen, meine
Freunde, sich von mir entfernen und Deine Freunde werden. Aber was soll ich
weiter sagen? Ein Sklave, der sich selber überlassen ist, zeigt durch seinen
Willen genugsam, was er in der That ausführen möchte, wenn es ihm gestattet
wÜrde." - Darauf entgegnete der Sohn Gottes: "Glaube mir, meine
Tochter, daß ich, Christus, ein Wiederbringer des Lebens und kein Verräter
bin, wahrhaft und die Wahrheit selber, aber kein Lügner, und die ewige Macht,
ohne welche nichts war und nichts sein wird. Denn wenn Du den Glauben
hättest, daß ich in des Priesters Händen bin, so bin ich, auch wenn der
Priester zweifelte, dennoch wegen des Glaubens der Gläubigen und Anwesenden,
und wegen des Wortes, das ich selber persönlich eingesetzt und gesprochen
habe, wahrhaftig in seinen Händen. Jeder, der mich empfängt, empfängt meine
Gottheit und meine Menschheit und die Gestalt des Brotes. Was ist Gott, als
Leben und Süßigkeit, erleuchtendes Licht, erfreuende Güte, eine richtende
Gerechtigkeit und eine errettende Barmherzigkeit? Und was ist meine
Menschheit, als das subtilste Fleisch, eine Verbindung zwischen Gott und
Mensch, das Haupt aller Christen? Also empfängt jeglicher, welcher an Gott
glaubt und meinen Leib empfängt, selber die Gottheit, weil er das Leben
empfängt; er empfängt auch die Menschheit, mittels deren Gott und Mensch
verbunden werden; er empfängt auch die Gestalt des Brotes, weil derjenige in
einer fremden Gestalt genommen wird, welcher unter der Gestalt zur Vermehrung
des Glaubens verborgen ist. Ähnlicherweise empfängt auch der Böse die
nämliche Gottheit, aber nicht die milde, sondern die strafende; er empfängt
auch die Menschheit, aber sie ist ihm minder gnädig; er nimmt auch die
Gestalt des Brotes, weil er unter der sichtbaren Gestalt die verborgene
Wahrheit empfängt, ohne daß ihm aber die Süßigkeit süß wird. Denn wenn
er mich seinem Munde und seinen Zähnen nähert, so entweiche ich nach dem
Empfange des Sakraments mit der Gottheit und Menschheit, und es bleibt ihm nur
die Gestalt des Brotes. Nicht, daß ich nicht wahrhaft dort wäre bei den
Bösen sowohl wie bei den Guten um der Einsetzung des Sakramentes willen,
sondern weil Gute und Böse nicht gleiche Wirkung empfangen. Endlich wird in
der Hostie dem Menschen das Leben dargereicht, nämlich Gott selber, und das
Leben geht in ihn ein, bleibt aber bei den Bösen nicht, weil sie vom Bösen
nicht lassen, und deshalb bleibt ihren Sinnen allein die Gestalt des Brotes,
welche in ihnen ohne Wirkung ist, weil sie beim Empfange nicht anders denken,
als sähen sie und nähmen sie nur die Gestalt des Brotes und Weines wahr, wie
wenn ein mächtiger Herr zu einem Menschen einginge in sein Haus, dessen
Person zwar gesehen, dessen Güte aber nicht empfunden wird." ![]()
Worte der Mutter zur Tochter, wie ihr Sohn einem armen Bauern verglichen wird, und wie die Guten und Bösen Trübsale und Verfolgung treffen, die Guten zur Reinigung und Krönung, die Bösen zur Verdammnis.
Die Mutter sprach: Mein Sohn ist wie ein armer Bauer,
welcher, da er keinen Stier und keinen Esel besaß, in Person das Holz aus dem
Walde herbeischleppte, um andere Werkzeuge, die er zu seinen Arbeiten nötig
hatte, zu vollenden. Unter anderen Werkzeugen trug er auch kleine Ruten,
welche nötig sind, um einen ungehorsamen Sohn zu züchtigen und die Kalten zu
erwärmen. So ist auch mein Sohn, der Herr und Schöpfer aller Dinge, ganz arm
geworden, um alle mit ewigem, nicht mit vergänglichem Reichtume zu
bereichern; er trug auf seinem Rücken die schwere Last, nämlich das bittere
Kreuz, und reinigte und tilgte mit seinem Blute die Sünden aller. Während
seines übrigen Wirkens erwählte er sich Werkzeuge der Tugenden, d. h.
tugendhafte Männer, welche unter Mitwirkung des Geistes Gottes vieler Herzen
zur Liebe Gottes entzünden und den Weg der Wahrheit offenbaren. Er wählte
sich auch Ruten aus, die da sind die Liebhaber der Welt, durch welche die
Kinder und Freunde Gottes gezüchtigt werden, um dieselben zu erziehen, zu
reinigen zu deren größeren Sicherheit und Belohnung. Die Ruten machen die
kalten Kinder warm, und wenn sie feurig geworden sind für Gott, erwärmt sich
auch das Herz Gottes für sie. Aber wie? Ohne Zweifel, wenn die Weltleute den
Freunden Gottes und denjenigen, welche nur aus Furcht vor der Strafe Gott
lieben, Trübsale bereiten. Diese wenden sich dann desto eifriger zu Gott,
nachdem sie die Eitelkeit der Welt betrachtet haben, und Gott hat
Barmherzigkeit bei ihrer Trübsal und sendet ihnen Trost und Liebe. Aber was
wird dann aus den Ruten, wenn die Kinder damit gestrichen sind? Gewiß, sie
werden ins Feuer geworfen und verbrannt werden; denn Gott verachtet sein Volk
nicht, wenn er es den Händen der Gottlosen überläßt, sondern wie ein Vater
den Sohn erzieht, also bedient sich Gott der Bosheit der Gottlosen zur
Krönung der Seinigen" ![]()
Mahnende Worte zur Braut, welche durch ein Beispiel darthun, wie die Freunde Gottes der Arbeit der Predigt nicht überdrüssig werden, noch von derselben ablassen sollen, und vom großen Lohne solcher.
Die Mutter sprach: "Du sollst sein wie ein leeres
Gefäß, das geeignet ist, gefüllt zu werden, das nicht zu weit ist für
seine Füllung, aber auch nicht so tief, daß es keinen Boden habe. Dieses
Gefäß nun ist Dein Leib, welcher alsdann leer ist, wenn er frei ist von
wollüstigen Begierden. Er ist nicht zu weit, wenn das Fleisch bescheiden
kasteit wird, so daß die Seele geschickt sei, das Geistliche zu verstehen,
und der Leib stark, um zu arbeiten. Ohne Boden aber ist das Gefäß alsdann,
wenn das Fleisch durch keinerlei Abstinenz im Zaume gehalten wird, und wenn
dem Leibe nichts versagt wird, was der Geist begehrt. Aber nun höre, was ich
sage. Mein Diener hatte ein leichtfertiges Wort ausgestoßen, indem er sagte:
Was soll ich von demjenigen reden, was meinen Stand nicht berührt? Ein
solches Wort ziemt einem Diener Gottes nicht; denn ein jeglicher, welcher die
Wahrheit hört und weiß und verschweigt dieselbe, der versündigt sich und
verdient alle Verachtung. - Es war nun einmal ein Herr, der besaß ein festes
Schloß, in welchem er einen vierfachen Schatz hinterlegt hatte, nämlich:
eine unverwesliche Speise, welche allen Hunger stillt; ein heilsames Wasser,
das allen Durst löscht; einen wohlduftenden Geruch, der alles Giftige
vertreibt, und notwendige Waffen, welche jeden Feind schwächen. Während nun
der Herr anderswo beschäftigt war, ward das Schloß belagert und als er
dieses vernahm, sprach er zu seinem Diener, dem Herolde: Gehe und rufe mit
lauter Stimme meine Kriegsleute und sage ihnen meine Worte: Ich, der Herr,
will meinem Schlosse Entsatz bringen; wer immer mir folgt mit gutem Willen,
der wird mit mir in der Herrlichkeit und mir an Ehre ähnlich sein; wer aber
im Kampfe fällt, den will ich zu einem Leben erwecken, worin es keinen Mangel
und keine Angst giebt, und ich werde ihm immerwährende Ehre und nie
mangelnden Reichtum geben. Als der Diener also den
Befehl empfangen, rief er; allein er war im Rufen nicht eifrig genug, so daß
der Ruf nicht an den tapfersten der Kriegsleute gelangte und derselbe am
Kampfe sich nicht beteiligen konnte. Was wird nun der Herr mit dem Kriegsmanne
thun, welcher wohl gern kämpfen wollte, aber des Herolds Stimme nicht
vernahm? Ohne Zweifel wird er ihn belohnen nach seinem Willen, aber der faule
Herold wird nicht straflos bleiben. Dieses Schloß nun stellt die heilige,
durch das Blut meines Sohnes gegründete Kirche dar, in welcher sein Leib, der
allen Hunger stillt, das Wasser der evangelischen Weisheit, der Geruch der
Vorbilder seiner Heiligen und die Waffen seines Leidens sich befinden. Es ist
aber jetzt von Feinden belagert, weil in der heiligen Kirche sich viele
finden, welche mit der Stimme meinen Sohn predigen, in ihren Sitten aber nicht
mit ihm übereinstimmen. Ja, wenn sie auch mit dem Worte dem Herrn zusagen, so
widersprechen sie doch mit dem Willen und kümmern sich nicht um ihr
himmlisches Vaterland, wenn sie nur ihre Sinnlichkeit befriedigen können.
Damit also die Feinde Gottes sich mindern, sollen die Freunde Gottes nicht
lässig werden, weil die Vergeltung nicht eine zeitliche, sondern eine solche
ist, welche kein Ende weiß."
Worte der Mutter zur Tochter, wie die zeitlichen Güter, wenn man dieselben mit Bescheidenheit besitzt, nicht schaden, wenn nicht die Begierde zu deren Besitze eine ungeordnete ist.
Die Mutter sprach: "Was schadet es, wenn jemand mit
einer Nadel oder einem Degen in den Mantel gestochen wird, wofern nur das
Fleisch nicht verletzt wird? Also schaden auch die zeitlichen Güter nicht,
wenn man dieselben bescheiden besitzt und die Neigung zum Besitze nicht eine
ungeordnete ist. Gieb darum acht auf Dein Herz, auf daß Deine Absicht eine
gute sei, weil durch Dich die Worte Gottes unter anderen ausgegossen werden
sollen. Denn wie das Schutzbrett an einem Mühlengraben das Wasser aufhält
und wieder laufen läßt, so oft es gut ist, so mußt Du, wenn mannigfache
Gedanken und Versuchungen auf Dich einströmen,
sorgfältig acht geben, daß das, was eitel und weltlich ist, hingegeben
werde. Was aber göttlich ist, soll fortwährend im Gedächtnisse behalten
werden, wie geschrieben steht (Jos. III.), daß die unteren Wasser abliefen,
die oberen aber standen wie eine Mauer. Die unteren Wasser sind die Gedanken
des Fleisches und unnützen Begierden, welche ablaufen und nicht beachtet
werden müssen; die oberen Wasser aber sind die Eingebungen Gottes und die
Worte der Heiligen; diese sollen stehen bleiben im Herzen wie eine Mauer, so
daß sie durch keine Versuchungen aus dem Herzen weggerissen werden
können."
Worte Christi zur Braut, welche seine Herrlichkeit darlegen, und wie alles nach seiner Ordnung bleibt mit Ausnahme der elenden Seele des Sünders, und wie der Wille in den Werken gehütet werden soll.
Der Sohn sprach zur Braut: "Ich bin mit dem Vater und
dem heiligen Geiste Ein Gott. In der Vorsehung meiner Gottheit ist alles vom
Anfange an und vor aller Zeit vorhergesehen und festgestellt worden. Alles,
Leibliches wie Geistliches, folgt einer gewissen Fügung und Ordnung, und
alles steht oder läuft dem gemäß, was in meinem Vorwissen geordnet und
vorgewußt ist. Das kannst Du aus drei Beispielen sehen. Erstlich an dem
Leben, das vom Weibe kommt und nicht vom Manne; zweitens an den Bäumen, denn
Süßes trägt süße Frucht und Bitteres seine Frucht; drittens an den
Gestirnen, denn Sonne, Mond und alle Himmelskörper verrichten ihren Lauf
demgemäß, was in meiner Gottheit vorbestimmt ist; so sind auch die
vernünftigen Seelen in meiner Gottheit vorgewußt und vorher erkannt, wie sie
werden sollen; mein Vorherwissen war für sie aber in keiner Art hinderlich
und ist es auch noch nicht; denn ich habe ihnen die freie Regung des Willens
gegeben, d. h. die freie Willkür und Macht, zu wählen, was sie gelüstet.
Wie nun die Frau gebärt, aber nicht der Mann, so muß auch die Seele, als
Gott vermählt, mit der Hilfe Gottes gebären, weil die Seele dazu erschaffen
worden, daß sie in den Tugenden zunehme und fruchtbar wachse durch den Samen
der Tugenden
und komme in die Arme der göttlichen Liebe. Die Seele aber, welche abartet
von ihrem Ursprunge und ihrem Schöpfer, und demselben keine Frucht bringt,
handelt wider die Anordnung Gottes, und ist deshalb der Süßigkeit Gottes
unwürdig. Zweitens zeigt sich die unwandelbare Anordnung Gottes an den
Bäumen; denn süße Bäume tragen Süßes, und im Gegenteil diejenigen,
welche bitter sind, Bitteres; in der Dattel ist beides: Süßigkeit und ein
bitterer Kern. Ebenso ist von Ewigkeit her vorhergesehen, daß, wo der heilige
Geist Einwohner ist, alle weltliche Lust verächtlich, alle weltliche Ehre
lästig ist. In solchem Herzen sind auch die Stärke des Geistes Gottes und
seine Festigkeit so groß, daß es durch keine Ungeduld gebrochen, durch keine
Widerwärtigkeit niedergeworfen, durch kein Glück über sich erhoben wird. So
ist auch von Ewigkeit her vorgesehen, daß, wo des Teufels Dorn ist,
äußerlich die Frucht rot, inwendig aber Fülle der Unreinigkeit und Stacheln
ist. Auch in der Freude des Teufels ist eine augenblickliche und scheinbare
Süßigkeit; allein sie ist mit Dornen und Trübsalen gefüllt und je mehr
sich jemand hineinflicht in die Welt, mit einer desto schwereren Last der
Verantwortung beladet er sich. Wie daher jeglicher Baum solche Frucht
hervorbringt, wie der Stamm und die Wurzel sind, so wird ein jeglicher Mensch
nach der Absicht seines Thuns gerichtet. Drittens, alle Elemente bleiben in
ihrer Ordnung und Bewegung, wie es von Ewigkeit her vorgesehen worden, und
bewegen sich nach dem Willen des Schöpfers. So soll denn auch jedes
vernünftige Geschöpf bereit sein, sich nach der Einrichtung des Schöpfers
zu bewegen. Wenn es aber das Gegenteil thut, so ist klar, daß es seinen
freien Willen mißbraucht, und während die unvernünftigen Geschöpfe ihre
Schranken innehalten, artet der vernünftige Mensch aus und zieht sich ein
schweres Gericht zu, weil er die Vernunft nicht gebraucht. Darum muß des
Menschen Wille sich in Hut halten, weil ich dem Teufel ebensowenig unrecht
thue, als meinen Engeln, weil, wie Gott von seiner keuschen Braut jene
unaussprechliche Süßigkeit verlangt, so der Teufel bei seiner Braut Dornen
und Stacheln sucht. Doch wird der Teufel in niemand die Oberhand gewinnen,
wenn der Wille nicht verderbt war." ![]()
Worte der Mutter zur Braut von einem Fuchse. Wie der listige Teufel einem Fuchse gleich durch verschiedene und mannigfache Arten der Versuchungen die Menschen betrügt und zu betrügen bemüht, diejenigen vorzugsweise, welche er im Guten zunehmen sieht.
Die Mutter sprach: "Es giebt ein kleines Tier, man nennt es Fuchs; dasselbe ist sorgsam und aller List voll, um sich alle seine Bedürfnisse zu verschaffen. Es stellt sich zuweilen, als schliefe es und wäre gleichsam tot, damit es die Vögel, welche sich auf ihm niederlassen, desto freier fangen und verschlingen möge, je unbehutsamer sie sich auf ihm niederließen. Der Fuchs giebt auch auf den Flug der Vögel acht, und diejenigen, welche er vor Ermattung auf der Erde oder unter einem Baume sich niederlassen sieht, raubt und verzehrt er; diejenigen aber, welche auf ihren beiden Flügeln davonfliegen, beschämen ihn und vereiteln seine Bemühungen.
Dieser Fuchs ist der Teufel, welcher die Freunde Gottes
beständig verfolgt, und besonders diejenigen, welche die Galle seiner Bosheit
und das Gift seiner Nichtswürdigkeit nicht haben. Er stellt sich auch
gleichsam, als schliefe er und sei tot; denn bisweilen läßt er den Menschen
frei von schwereren Versuchungen, um ihn, wenn er im geringsten nicht auf der
Hut ist, desto freier zu betrügen und zu verwickeln. Zuweilen auch läßt er
das Laster eine Tugend scheinen und im Gegenteile die Tugend ein Laster, damit
er den Menschen in Verwirrung bringe, und wenn ihm vorsichtige Klugheit nicht
hilft, zu Grunde richte. Du wirst dies durch ein Beispiel verstehen lernen.
Die Barmherzigkeit ist zuweilen ein Laster, nämlich, wenn sie, um den
Menschen zu gefallen, geübt wird. Die kräftige Übung der Gerechtigkeit ist
Ungerechtigkeit, wenn sie aus Eigennutz und Ungeduld erfolgt. Die Demut aber
ist Hoffart, wenn sie aus Prunksucht und um von den Menschen bemerkt zu
werden, hervortritt. Die Tugend der Geduld kann sich zeigen, ohne es wirklich
zu sein, wenn sie, wofern es sein könnte, sich wegen erlittenen Unrechtes
rächen möchte, dasselbe aber duldet, weil eine zur Rache geeignete Zeit sich
nicht findet. Zu-
weilen auch läßt der Teufel Trübsale und Sorgen hereinbrechen, damit der
Mensch im Übermaße der Traurigkeit aufgelöst werde; zuweilen auch schüttet
der Teufel Ängsten und Sorgen ins Herz, damit der Mensch lau werde im Dienste
Gottes, oder damit der Mensch, wenn er unbehutsam im kleinsten ist, in
größeres verfalle. So ist der, von dem ich rede, vom Fuchse hintergangen.
Als er im Alter alles nach Wunsch hatte und schon sagte, er sei glücklich und
wünsche zu leben, ward er hinweggerissen, ohne Sakramente und ohne
Rechenschaft gegeben zu haben über seine Werke und sein Vermögen, denn er
hatte wie eine Ameise Tag und Nacht gesammelt, aber nicht in die Scheuer des
Herrn, und als er sein Vorratshaus eröffnete, um seine Körner einzuführen,
starb er und hinterließ anderen die Frucht seiner Mühe. Denn wer zur Zeit
der Ernte nicht auf fruchtbare Weise sammelt, wird sich des Samens nicht
erfreuen. Deshalb sind die Vögel des Herrn glücklich, welche nicht schlafen
unter den Bäumen der Lüste der Welt, sondern auf den Bäumen des himmlischen
Verlangens, und wenn sie die Versuchung des Fuchses, des ungerechten Teufels,
erfaßt, gar schnell auf beidenn Flügeln, nämlich: der Demut in der Beicht
und der Hoffnung der himmlischen Hilfe, davonfliegen."
Christus, der Sohn Gottes, sprach: "Dieser Propst hat
die Anlage zu einem Bischofe. Wer also den Baum der süßen Frucht ersteigen
und süße Früchte abnehmen will, muß leicht und ohne Last sein, umgürtet
und stark, zu sammeln, und muß ein reines Gefäß haben, um die Früchte
hineinzulegen. So muß auch dieser sich von nun an befleißigen, seinen Leib
mit Tugenden zu schmücken, indem er demselben das Notwendige, nicht aber das
Überflüssige reicht, die Gelegenheit der Unenthaltsamkeit und Begehrlichkeit
flieht, sich als einen reinen Spiegel zeigt und für die unvollkommenen
Menschen als ein Vorbild. Sonst wird ihn ein furchtbares Ende, jäher Fall und
der Schlag meiner Hand treffen." - Also ist das alles auch eingetroffen. ![]()
Worte Christi zur Braut, wie der gute Wandel und die guten Werke der Geistlichen durch klare Gewässer, und der üble Wandel und die bösen Werke durch häßliches und trübes Gewässer bedeutet wird.
Der Sohn sprach: "Aus dreierlei Gründen läßt sich
abnehmen, wenn das Wasser eines Quells nicht gut ist. Erstens, wenn dasselbe
nicht die gehörige Farbe hat; zweitens, wenn es schmutzig ist; drittens, wenn
das Wasser beständig steht, nicht in Bewegung ist und allen hineinkommenden
Schmutz aufnimmt, ohne denselben wieder auszuwerfen. Unter diesem Wasser
verstehe ich den Wandel und die Herzen der Geistlichen, welche wie Quellen, um
getrunken zu werden, in der Lieblichkeit des Wandels süß, auch wider allen
Schmutz des Lasters verschlossen sein müssen. Darum ist die eigentümliche
Farbe des Geistlichen wahre Demut, so daß er sich in Gedanken und Werken um
so mehr demütigt, je mehr er die Verpflichtung an sich erkennt, für Gott
arbeiten zu müssen. Die Hoffart aber ist die Farbe des Teufels. Und wie die
Hand eines Aussätzigen, wenn sie aus einem Quell Wasser schöpft, das Wasser
für die, welche es sehen, ekelhaft macht, so giebt die Hoffart eines
Geistlichen zu erkennen, daß seine Werke befleckt sind. Schmutzig aber ist
das Wasser alsdann, wenn der Geistliche genußsüchtig ist und sich mit dem
Notdürftigen nicht begnügt; dieser ist, wie er sich selber unnütz ist und
keine Ruhe hat, so auch anderen durch das Beispiel seiner Begierlichkeit
schädlich. Drittens ist das Wasser unrein, wenn es den Schmutz aufnimmt, aber
nicht auswirft; das geschieht, wenn es keinen Auslauf und Mangel an Bewegung
hat. So ist der Geistliche unrein, welcher die Wollust des Fleisches im Herzen
und am Leibe liebt, und durch wahre Reue nicht alles Unreine von sich
auswirft, das ihm begegnet. Denn wie ein Flecken am Leibe überall häßlich
ist, hauptsächlich aber im Gesichte, so soll die Unreinigkeit allen verhaßt
sein, vorzüglich aber denen, welche zu etwas Herrlicherem berufen sind. So
sollen denn diejenigen Geistlichen zu meinem Werke auserlesen werden, welche
nicht einen Überfluß an wortreicher Wissenschaft haben, sondern an Demut
und Reinheit, welche sich selber geistlich leben und andere durch Wort und
Beispiel erziehen; denn auch eine aussätzige Hand ist nützlich für mein
Werk, wenn nur die Gesinnung gut ist und die geistliche Hand nicht
mangelt."
Worte der Mutter zur Tochter, in welchen sie das Leiden ihres gebenedeiten Sohnes nach der Ordnung erzählt, und von der Gestalt und der Schönheit des Leibes ihres gedachten Sohnes.
Die Mutter sprach: "Als sich das Leiden meines Sohnes
nahte, standen in der Furcht vor dem Leiden Thränen in seinen Augen, Schweiß
auf seinem Leibe; bald ward er meinem Anblicke entzogen, und ich sah ihn nicht
mehr, bis er zur Geißelung geführt ward. Hier aber war er an der Erde
dahingeschleift und so grausam gestoßen und niedergeworfen, daß das Haupt
erschüttert ward und die Zähne zusammenschlugen, und so heftig war der
Schlag an den Hals und auf die Wange, daß der Ton bis zu meinem Ohre drang.
Darauf zog er auf Befehl des Henkers sich selbst die Kleider ab, umarmte
freiwillig die Säule, ward fest daran gebunden und sein ganzer Leib mit
spitzigen Geißeln, deren Spitzen hineingeschlagen und zurückgezogen wurden,
zerfurcht und zerfleischt. Auf den ersten Schlag kam ich, wie ins Herz
geschlagen, von Sinnen und erblickte, nach einiger Zeit erwacht, seinen Leib
zerrissen; denn er war am ganzen Leibe entblößt, als er gegeißelt ward. Da
sprach seiner Feinde einer zu den dastehenden Henkern: Wollet ihr diesen
Menschen ohne Urteil töten und die Schuld seines Todes auf euch nehmen? Bei
diesen Worten zerschnitt er die Bande. Nachdem mein Sohn von der Säule
losgemacht worden, wendete er sich zuerst nach seinen Kleidern, doch
gestattete man ihm keine Zeit, dieselben anzulegen, sondern während er weiter
geschleppt ward, steckte er erst die Arme in die Ärmel. Seine Fußstapfen
waren, seitdem er an der Säule gestanden, voll Blut, so daß ich alle Tritte,
die er beim Gehen gemacht hatte, an den Blutspuren zu erkennen imstande war;
das von seinem Gesichte herabfließende Blut trocknete er mit seinem Rocke ab.
Nach seiner
Verurteilung wurde er, sein Kreuz tragend, hinausgeführt; aber unterwegs ward
ihm ein anderer als Träger beigegeben. Nachdem man an den Ort der Kreuzigung
gekommen war, siehe! da waren ein Hammer und vier spitzige Nägel bereit; er
that auf Geheiß alsbald seine Kleider von sich und umband seine Blöße mit
einem kleinen leinenen Tuche, und ging nun wie getröstet hin, um sich binden
zu lassen. Die Gestalt des Kreuzes war so, daß die Kreuzesarme in die Höhe
ragten, so daß die Schultern meines Sohnes an die Stelle zu liegen kamen, wo
die Kreuzesarme mit dem geraden Kreuzesbalken sich verbanden und das Kreuz dem
Haupte nirgends eine Stütze bot. Die Tafel mit dem Titel war an die beiden
Kreuzarme, die sich über das Haupt emporhoben, angeheftet. Als es ihm nun
also geheißen ward, legte er sich mit seinem Rücken auf das Kreuz und
streckte zuerst den rechten Arm aus; hierauf wurde die andere Hand, da sie bis
zum andern Flügel nicht hinreichte, herangezerrt. In ähnlicher Weise wurden
auch die Füße bis zu den Nagellöchern hinab- und von den Schienbeinen
abwärts auseinandergezogen und mit zwei Nägeln durch den festen Knochen, wie
es auch an den Händen geschehen war, ans Kreuz geheftet. Beim ersten
Hammerschlag kam ich vor Schmerzen außer mir, und erblickte, nachdem ich
wieder erwacht war, meinen Sohn gekreuzigt, hörte auch die Menschen
untereinander, den einen zum anderen, sagen: Was hat dieser begangen, einen
Diebstahl, einen Raub, eine Lüge? Einige antworteten, er sei ein Lügner. Und
nun ward die Dornenkrone, welche bis zur Hälfte der Stirn herabreichte, ihm
so fest auf das Haupt gedrückt, daß das Blut ihm über das Gesicht hinabrann
und Augen, Haare und Bart anfüllte, so daß das Ganze fast nur wie ein
Blutstrom aussah und er mich nicht zu sehen vermochte, wie ich am Kreuze
stand, wenn er nicht durch Zusammendrücken der Augenlider das Blut
hinauspreßte. Nachdem er mich dann seinem Jünger empfohlen hatte, schrie er
mit aus der Tiefe der Brust hervordringender Stimme, erhobenem Haupte und gen
Himmel gerichteten und mit Thränen gefüllten Augen und rief: Gott, mein
Gott, warum hast Du mich verlassen? Diesen Ruf habe ich bis zu meiner Auffahrt
in den Himmel nimmer vergessen können, doch hat er denselben mehr aus Mitleid
gegen mich, als aus eigenem Leide erschallen lassen. Dann trat die Totenfarbe
auf die Teile, welche das Blut noch sehen ließ, und die Wangen hingen über
die Zähne herab. Die Rippen waren gemagert und konnten gezählt werden. Der
Unterleib drängte sich, nachdem die Feuchtigkeiten verzehrt waren, nach dem
Rücken zurück, die Nase war spitz und dünn, und als das Herz nahe am
Brechen war, erzitterte sein ganzer Leib; sein Bart legte sich auf die Brust.
Entseelt stürzte ich zu Boden. Nachdem sich, sobald er verschieden war, der
Mund geöffnet hatte, konnten die Zunge, die Zähne, das Blut im Munde von den
Zuschauern gesehen werden; die halbverschlossenen Augen waren abwärts
gekehrt, und der bereits tote Leib hing niederwärts. Die Kniee hatten sich
nach der einen Seite gebogen, die Füße um die Nägel wie um Thürangeln
herum nach der anderen Seite gewendet. Unterdessen sprachen einige Leute,
welche zugegen waren, wie zum Spotte: O Maria, nun ist Dein Sohn tot ! Andere,
welche ein tieferes Gefühl hatten, sprachen: O Frau, nun hat sich die Qual
Deines Sohnes aufgelöst in die ewige Herrlichkeit. Kurze Zeit darauf ward die
Seite geöffnet, und nachdem die Lanze herausgezogen war, erschien das Blut an
der Spitze wie bräunlich, damit hieraus erkannt werden möchte, wie das Herz
durchbohrt worden. Dieser Stich durchdrang auch mein Herz, und es war ein
Wunder, daß dieses selbst nicht brach. - Als nun die übrigen sich
zurückzogen, vermochte ich nicht wegzugehen. Aber ich war nun wie getröstet,
daß ich seinen jetzt vom Kreuze abgenommenen Leib berühren und in meinen
Schoß nehmen, seine Wunden untersuchen und das Blut abtrocknen konnte. Meine
Finger schlossen ihm den Mund, und ebenso drückte ich ihm die Augen zu. Die
starr gewordenen Arme vermochte ich jedoch nicht zu beugen, um dieselben über
der Brust zusammenzulegen, nur über den Bauch konnte ich sie bringen. Auch
die Kniee konnten nicht gerade gestreckt werden, sondern standen empor, wie
sie am Kreuze starr geworden waren." - Weiter sprach die Mutter:
"Meinen Sohn, wie derselbe im Himmel ist, vermagst Du nicht zu sehen; wie
er aber dem Leibe nach in der Welt war, das vernimm. Von Gesicht war er so
schön, daß niemand ihm ins Antlitz schaute, den sein Anblick nicht
tröstlich erfreut hätte, auch wenn er von Herzen betrübt war. Die Gerechten
aber wurden durch geistlichen Trost gestärkt. Ja, auch die Bösen wurden
während der Zeit, wo sie ihn sahen, von der
Traurigkeit der Welt frei, weshalb auch die Trauernden zu sagen pflegten:
Lasset uns gehen und den Sohn Mariens sehen, daß wir wenigstens solange ohne
Trauer sind. Im zwanzigsten Jahre seines Alters war er in männlicher Größe
und Stärke vollendet. Unter den Leuten mittlerer Größe in gegenwärtiger
Zeit groß, war er nicht fleischig, aber muskelstark, von kräftigem
Knochenbau. Seine Haare, seine Augenbraunen und sein Bart waren bräunlich;
die Länge des Bartes war eine Hand breit; seine Stirn war weder hervorragend
noch eingedrückt, sondern erhob sich aufrecht; seine Nase war ebenmäßig,
weder klein, noch zu groß; seine Augen aber waren so rein, daß auch seine
Feinde eine Freude daran hatten, ihn anzusehen; seine Lippen waren nicht dick,
aber von hellem Rot; das Kinn trat nicht hervor, war auch nicht zu lang,
sondern lieblich in schönem Ebenmaße; seine Wangen zeigten eine mäßige
Fleischesfülle, ihre Farbe war hellweiß mit frischem Rote gemischt; seine
Haltung aufrecht und an seinem ganzen Leibe kein Flecken, wie auch diejenigen
bezeugten, welche ihn ganz entblößt gesehen hatten, und ihn, als er an die
Säule gebunden war, geißelten."
Anmutige Fragen, welche von Christo der Braut vorgelegt worden, und demütige Antworten der Braut an Christum, und wie Christus der Braut drei löbliche Stände zur Auswahl hinstellt, nämlich: den jungfräulichen, den ehelichen und den Witwenstand.
Der Sohn Gottes sprach zur Braut: "Antworte mir auf
vier Fragen. Wenn jemand einem Freunde einen fruchtbaren Weinstock gäbe,
welchen er aber bei seinem Hause behalten wollte, weil er durch den Anblick
und den Geruch desselben erfreut würde, was müßte er dem Beschenkten sagen,
wenn dieser den Weinstock forderte, um denselben auf eine andere Stelle zu
pflanzen, wo er reichlichere Frucht tragen könnte?" Die Braut
antwortete: "Wenn er aus Liebe gegeben hat und seinem Freunde Gutes
wünscht, so würde er gewiß dem Freunde gestatten, mit dem Weinstocke zu
machen, was er wollte, indem er zu ihm spräche: O mein Freund, obwohl ich den
Weinstock gerne in meiner Nähe hätte, so freue ich mich,
da ich seine Frucht nicht genießen kann, doch darüber, daß du denselben,
wenn du willst, an einen fruchtbareren Ort versetzen kannst." - Der Herr
fragte zweitens: "Wenn Eltern einem Jünglinge ihre Tochter, eine
Jungfrau, gegeben, und die Jungfrau dem Jünglinge ihre Einwilligung erklärt
hätte, der Jüngling nun aber, von seinen Eltern gefragt, ob er die Jungfrau
haben wolle oder nicht, ihnen keine Antwort gäbe, wäre da die Jungfrau ihm
verlobt oder nicht?" Jene antwortete: "Wie mir scheint, ist die
Jungfrau, weil der Mann seinen Willen nicht ausgedrückt hat, nicht
verlobt." Der Herr sprach drittens: "Ein edler Jüngling stand
zwischen drei Jungfrauen und machte ihnen den Vorschlag, daß diejenigen von
ihnen, welche ihn durch ihre Worte zur heißesten Liebe entflammen würde,
dasjenige erhalten soll, was er am inbrünstigsten liebe. Hierauf sagte die
erste: Ich liebe diesen jungen Mann so heiß, daß ich, ehe ich mich mit einem
anderen beflecken ließe, lieber sterben wollte. Die zweite sprach: Bevor ich
ein einziges Wort redete wider seinen Willen, oder zu seiner Beleidigung,
würde ich lieber alle Pein leiden. Die dritte sagte: Ehe ich seine geringste
Verachtung oder seinen Schaden sehen möchte, wollte ich lieber selber mir
allen Schaden und Pein zu leiden wünschen. Sage mir also nun, sprach der
Herr, welche unter den drei Jungfrauen hat den Jüngling am meisten geliebt,
und welcher gebührt der Vorzug in seiner Liebe?" Jene antwortete:
"Wie mich dünkt, haben alle gleich heiß geliebt, weil alle Eines
Herzens gegen ihn waren, und deshalb waren sie alle gleich würdig, seine
Liebe zu haben." Der Herr sprach viertens: "Es war einmal ein
Freund, welcher einen anderen um Rat fragte; ich habe, sprach er, ein sehr
fruchtbares Weizenkorn; wird dasselbe in die Erde eingesäet, so wird eine
große Saat daraus. Nun bin ich aber sehr hungrig, was scheint dir geratener,
wenn ich das Korn verzehre, oder aussäe in die Erde? Der Freund antwortete:
Dieser Hunger kann auf andere Weise gestillt werden, es nützt dir aber
besser, wenn es in die Erde gesäet wird." Der Herr setzte hinzu:
"Dünkt es Dich nicht ebenso, meine Tochter, daß der, welcher Hunger
leidet. denselben ertragen müsse, das Korn dagegen, das vielen nützen wird,
gesäet werde?"
Weiter sprach der Herr: "Diese vier Sprüche gehen Dich
an; denn Deine Tochter ist wie ein Weinstock, welchen Du mir zuge-
sagt und geschenkt hast. Jetzt aber, wo ich einen angenehmeren Ort für
denselben weiß, will ich die Umpflanzung vornehmen, wo es mir gefällt. Du
darfst Dich aber darum nicht kümmern, weil Du in die Verpflanzung gewilligt
hast." Noch weiter sprach der Herr: "Du hast mir Deine Tochter
gegeben, aber ich habe Dir noch nicht eröffnet, was mir angenehmer ist, ihr
Verharren im jungfräulichen Stande, oder ihre Vermählung, noch ob mir Dein
Opfer gefallen hat, oder nicht. Nachdem ich nun die Gewißheit erkannt habe,
kann das, was in der Ungewißheit geschehen ist, verbessert und abgeändert
werden." Ferner sprach der Herr: "Die Jungfräulichkeit ist gut und
das Höchste, weil sie den Engeln ähnlich macht, wofern sie vernünftig und
ehrbar bewahrt wird. Ist aber eines ohne das andere, nämlich die
Jungfräulichkeit des Fleisches ohne die Jungfräulichkeit des Herzens, so ist
es eine mißbildete Jungfräulichkeit. Eine demütige und fromme Verehelichte
ist mir angenehmer, als eine hochmütige und schamlose Jungfrau. Eine
eingezogen und nach ihrem Stande in der Furcht des Herrn lebende Verehelichte
kann von gleichem Verdienste sein, wie eine keusche und demütige Jungfrau.
Wenn es auch etwas Großes ist, im Feuer der Bewährung sein und nicht
brennen, so ist es doch ebenso groß, außerhalb des Feuers eines Ordens sein,
und lieber wollen im Feuer sein und mit einer größeren Inbrunst für Gott
brennen außerhalb des Feuers, als der da ist im Feuer. Siehe, ich will Dir
ein dreifaches Beispiel vorlegen. Es waren drei Frauen: Susanna, Judith und
Thekla. Die erste war eine Ehefrau, die andere eine Witwe und die dritte eine
Jungfrau. Diese hatten ein nicht gleiches Leben und eine nicht gleiche
Absicht, gleichwohl aber sind sie nach dem Verdienste ihres Wandels einander
gleich. Susanna wollte zuletzt, als sie von den Ältesten versucht und
fälschlich angeklagt wurde, aus göttlicher Liebe lieber sterben, als sich
wider ihre Pflicht beflecken lassen und weil sie mich als den überall
Gegenwärtigen gefürchtet hat, deshalb verdiente sie erlöst und nach der
Erlösung verherrlicht zu werden. Als Judith meine Mißachtung und den,
Schaden ihres Volkes wahrgenommen, ward sie dermaßen betrübt, daß sie aus
göttlicher Liebe nicht allein der Schande und dem Schaden sich aussetzte,
sondern auch bereit war, Pein für mich zu leiden. Thekla aber, welche eine
Jungfrau
war, hat lieber bitteres Leiden erdulden mögen, als auch nur ein Wort wider
mich reden. Diese drei kommen, obwohl sie nicht einerlei Wandel geführt
haben, überein im Verdienste. Ehefrau, Jungfrau oder Witwe, alle werden mir
auf gleiche Weise gefallen können, wenn nur ihr ganzes Verlangen nach mir
steht und das Leben gut ist."
Außerdem sprach der Herr noch: "Mag Deine Tochter nun im jungfräulichen Stande bleiben, oder sich vermählen, so ist es mir gleich angenehm, wenn sie sich nur in meinen Willen fügt. Denn was nützte es ihr, wenn sie vielleicht mit dem Leibe eingeschlossen würde, mit dem Sinne aber draußen wäre? Oder was ist rühmlicher, sich selber leben oder anderen nützen? Ich aber, der ich alles weiß und voraussehe, thue nichts ohne Ursache; deshalb wird sie nicht mit der ersten Frucht an den bestimmten Ort kommen, wenn sie aus Furcht handelte, noch mit der zweiten, wenn sie in Lauigkeit lebte, sondern sie wird in die Mitte kommen, nach dem Maße der Wärme in der Liebe und der Frucht der Ehrbarkeit. Derjenige aber, der sie bekommen wird, muß drei Stücke haben: ein Haus, Kleider und Nahrung, damit er sie empfange."
Der Sohn sprach: "Du wunderst Dich, weshalb diese
Jungfrau nicht auf diese Weise zur Verehelichung gelangt ist, wie Du gehofft
hattest. Ich antworte Dir mittels eines Gleichnisses. Einer von Adel beschloß,
seine Tochter einem armen Manne zur Ehe zu geben. Als dieser Arme nun zur
Vermählung mit der Jungfrau kommen sollte, übertrat er die Gesetze der Stadt
und ward deshalb mit Schanden von den Bürgern verstoßen, erhielt auch die
Jungfrau nicht, welche er begehrte. Also habe ich es mit dem Herrn dieses
Landes gemacht; ich hatte ihm verheißen, große Dinge zu thun, er hing aber
meinen Feinden zu fest an und ist deshalb nicht zu dem gelangt, was ich ihm
verheißen hatte. Du möchtest aber fragen, ob ich denn nicht das Zukünftige
vorausgeschaut hätte? Freilich habe ich das gethan, wie auch von Moses und
seinem Volke zu leben ist; aber deshalb habe ich vieles eröffnet und eröffne
vieles, damit die Menschen sich zum Guten rüsten mögen, auch wissen, was zu
thun sei, und geduldig warten. Doch sollst Du wissen, daß ein Weh vorüber
ist, das zweite aber kommen wird über die Undankbaren dieses Landes. Danach
wird kommen mein Segen über die Demütigen, welche um meine Barmherzigkeit
bitten werden, Wisse auch, wie es dieser Jungfrau nützlich
sein würde, wenn sie meinem und der Weisen Rate folgen wollte." - Diese
Jungfrau ist, wie man glaubt, Cäcilia, die Tochter der heiligen Brigitta,
gewesen.
Worte Christi zur Braut von den beiden Schwestern und Lazarus, dem Auf- erweckten. Und wie die Braut und ihre Tochter durch die Schwestern, die Seele durch den Bruder Lazarus bedeutet werden, und wie ihnen Gott größere Barmherzigkeit geübt, als den Schwestern des Lazarus. Wie diejenigen, welche vieles zu sprechen, aber wenig zu thun wissen, sich über die, welche gut handeln, erzürnen."
Der Sohn sprach zur Braut: "Es waren zwei Schwestern,
Martha und Maria. Diese hatten einen Bruder, den Lazarus, den ich ihnen vom
Tode erweckte; er diente mir nach seiner Auferweckung noch eifriger, als
vorher; ebenso thaten die Schwestern, obwohl dieselben auch vor des Bruders
Auferweckung freundlich und mir zu dienen emsig waren. Sie ließen sich
nachher jedoch viel emsiger und andächtiger finden. Auf ähnliche Art habe
ich jetzt geistlicherweise mit euch gethan; denn ich habe euch eueren Bruder,
d. h. euere Seele auferweckt, welche vier Tage hindurch tot und stinkend sich
mir durch Übertretung meiner Gebote und durch böse Begierde und Freude an
der Sünde entfremdet hatte. Es waren aber vier Ursachen, welche mich zur
Auferweckung des Lazarus bewogen. Erstens, weil er, so lange er lebte, mein
Freund war; zweitens die Liebe seiner Schwestern; drittens, weil die Demut
Mariens, als sie meine Füße wusch, sich ein solches Verdienst erworben hat,
daß, wie sie sich im Angesichte der Tischgäste um meinetwillen erniedrigt
hatte, sie also vor dem Angesichte vieler erfreut und geehrt werden mußte;
viertens, damit die Herrlichkeit meiner Menschheit offenbar würde. Diese vier
Stücke sind aber an euch nicht gewesen, weil ihr die Welt mehr liebt, als
Lazarus und seine Schwestern. Deshalb ist meine Barmherzigkeit gegen euch, die
ihr durch keine Verdienste mein Mitleid verdient habt, größer, als gegen
jene Schwestern, und zwar gerade um so viel größer, als der geistliche Tod
gefährlicher ist, denn der leibliche, und die Auferstehung der Seele
herrlicher, als die leibliche.
Weil nun also meine Barmherzigkeit eueren Werken vorausgegangen ist, so nehmet
mich wie jene Schwestern mit der inbrünstigsten Liebe in das Haus eueres
Gemütes auf, indem ihr nichts so liebt, als mich, und euer ganzes Vertrauen
auf mich setzet, euch demütigt mit Maria und täglich euere Sünden beweint.
Schämet euch niemals, unter Hoffärtigen demütig und enthaltsam unter
Unenthaltsamen zu leben, und zeiget äußerlich, wie sehr ihr mich innerlich
liebt. Ihr sollet auch Eine Seele und Ein Herz sein wie jene Schwestern, stark
in der Verachtung der Welt und wacker zum Lobe Gottes. Und wenn ihr also
werdet gethan haben, dann will ich, da ich eueren Bruder, d. h. die Seele,
auferweckte, dieselbe verteidigen, damit sie von den Juden nicht getötet
werde. Denn was hätte es dem Lazarus genützt, vom gegenwärtigen Tode
auferstanden zu sein, wenn er nicht infolge eines ehrbareren Wandels im
gegenwärtigen Leben herrlicher zum zweiten und bleibenden Leben auferstanden
wäre? Wer aber sind die Juden, welche den Lazarus zu töten suchen, anders,
als diejenigen, welche unwillig darüber sind, daß ihr besser lebt, welche
hohe Dinge reden und geringe zu thun gelernt haben, welche nach des Menschen
Gunst streben und mit um so größerer Verachtung die Thaten ihrer Vorgänger
verachten, je weniger sie sich herbeilassen, Wahres und Höheres zu erkennen?
Es giebt ihrer viele, welche über Tugenden zu disputieren, aber nicht
dieselben durch einen tugendhaften Wandel zu bewahren wissen. Deshalb laufen
aber auch ihre Seelen Gefahr, weil es gar viele Worte giebt, aber Thaten nicht
zum Vorscheine kommen. Haben meine Prediger etwa so gehandelt? Keineswegs. Sie
ermahnten fürwahr die Sünder nicht in hochtrabenden, sondern mit wenigen und
liebevollen Worten, indem sie bereit waren, ihre Seelen für die Seelen aus
Liebe hinzugeben. Denn das Feuer des Lehrers unterrichtete besser, als Worte
den Geist des Hörers. Nun aber reden sehr viele von mir schwere und hohe
Dinge, allein es folgt keine Frucht, denn das Blasen allein entzündet nicht
das Holz, wenn nicht ein Fünklein kleinen Feuers mitwirkt. Vor diesen Juden
nun will ich euch beschützen und behüten, damit ihr nicht durch ihre Worte
und Thaten von mir abfallt; aber nicht so will ich euch verteidigen, daß ihr
nichts leiden sollt, sondern daß ihr nicht unterliegt in Ungeduld. Ihr sollet
den
Willen gebrauchen, und ich werde mit meiner Liebe euer Wollen
entzünden."
Worte der Jungfrau zur Braut, daß sie sich nicht bekümmern soll um einen Kriegsmann, der totgesagt und ihr um Hilfe bittend angezeigt wurde.
Ein Kriegsmann, welcher noch lebte, ward tot gesagt. Derselbe ward auch der Braut in einem geistlichen Gesichte als tot und Hilfe bittend gezeigt. Als die Braut über den Tod desselben betrübt war, sprach die Mutter der Barmherzigkeit zu ihr: "Meine Tochter, ob dieser Kriegsmann tot sei oder nicht, wirst Du zu seiner Zeit erfahren, wir aber wollen dahin wirken, daß er besser leben möge."
Worte Christi zur Braut und Johannes des Täufers zu Christo, worin er ihn preist und vor seinem Angesichte für die Christen bittet, hauptsächlich für einen Krieger. Auf seine Bitten wird der Kriegsmann durch seine eigenen und von der glorwürdigen Jungfrau und Petri und Pauli Händen mit geistlichen Waffen, d. i. mit Tugenden, gerüstet und geehrt. Was durch jede körperliche Waffe insbesondere bedeutet wird, und vom guten Gebete.
Der Sohn Gottes redete zur Braut und sprach: "Du hast
heute geschrieben, es sei besser, selber zuvorzukommen, als sich zuvorkommen
zu lassen. So bin ich Dir denn zuvorgekommen mit der Süße meiner Gnade,
damit der Teufel Deine Seele nicht beherrsche." Alsbald erschien Johannes
der Täufer und sprach: "Gebenedeit seist Du, Gott, der Du vor allen
Dingen bist, neben welchem nie ein anderer Gott gewesen, und außer welchem
kein anderer ist und sein wird; denn Du bist und warst ewiglich Ein Gott. Du
bist die von den Propheten verheißene Wahrheit, über welche ich, als ich
noch nicht geboren war, freudig aufhüpfte, und die ich, indem ich auf sie
wies, vollständiger erkannte. Du bist unsere Freude und unsere Herrlichkeit.
Du bist unsere Lust und
unser Genuß. Denn Dich anschauen, füllt uns mit unaussprechlicher
Lieblichkeit, welche niemand erkennt, als wer sie kostet. Du bist auch allein
unsere Liebe. Auch ist es kein Wunder, daß wir Dich lieben, weil, da Du die
Liebe selbst bist, Du nicht allein diejenigen liebst, welche Dich lieben,
sondern, da Du der Schöpfer aller Dinge bist, auch Deine Liebe denen
erweisest, welche Dich zu erkennen verschmähen. Nun aber, mein Herr, weil wir
reich sind von Dir und in Dir, bitten wir Dich, Du wollest von diesem unserem
geistlichen Reichtume denen mitteilen, welche keinen Reichtum haben, so daß,
wie wir uns in Dir unserer Verdienste freuen, auch diese teilhaftig werden
unserer Güter." Christus antwortete: "Fürwahr, Du bist das
höchste Glied nach und neben dem Haupte; doch ist der Hals noch näher und
trefflicher. Bin ich das Haupt aller, so ist meine Mutter gleichsam der Hals,
danach kommen die Engel, Du aber und meine Apostel sind gleichsam die
Rückgratsgelenke, weil ihr mich nicht allein liebt, sondern auch diejenigen,
welche mich lieben, ehrt und fördert. Deshalb besteht fest, was ich gesagt
habe: Die Werke, welche ich thue werdet auch ihr thun (Joh. XIV.), und euer
Wille ist mein Wille. Denn wie das leibliche Haupt sich nicht bewegt ohne die
Glieder, also kömmt es auch in euerer geistlichen Verbindung und Vereinigung
nicht vor, daß das Wollen ohne Können sei; sondern alles ist Können, was
ein jeglicher unter euch will, deshalb soll auch geschehen, was Du
begehrst." Nach diesen Worten brachte Johannes einen Kriegsmann hervor,
der wie halbtot war, und sprach: "Siehe, Herr! Siehe, der hier steht,
hatte Dir seinen Kriegsdienst gelobt. Er bemüht sich auch, zu kämpfen, aber
vermag nicht obzusiegen, weil er unbewaffnet und schwach ist. Ich aber bin aus
doppeltem Grunde verpflichtet, ihm zu helfen, teils wegen der Verdienste
seiner Eltern, teils um der Liebe willen, welche ihn für meine Ehre beseelt.
Um Deiner selbst willen also gieb ihm Kleider zum Kriegsdienste, damit nicht
die Schande seiner Entblößung offenbar werde." Der Herr antwortete:
"Gieb ihm, was Du willst, und kleide ihn, wie es Dir gefällt."
Darauf sprach Johannes: "Komm', mein Sohn, und empfange von mir das erste
Kleid Deines Kriegsdienstes; nachdem Du dieses erlangt, wirst Du leichter die
übrigen Kriegsgewänder empfangen und tragen können. Nun steht es einem
Kriegs-
manne zu, zunächst auf dem Leibe das zu haben, was weich ist, nämlich den
weichen Doppelmantel. Diesen werde ich Dir anlegen, weil es Gott also
gefällt. Denn wie ein leiblicher Mantel der Art weich und linde ist, so ist
es auch der geistliche, süß in der Wirkung, nämlich: Gott in der Seele lieb
zu haben und die Süßigkeit kommt aus zwei Dingen her, nämlich aus der
Betrachtung der Wohlthaten Gottes und aus der Erinnerung an die begangenen
Sünden. Dies beides hatte ich, da ich noch ein Knabe war. Denn ich habe
betrachtet, mit welcher Gnade mir Gott zuvorgekommen, als ich noch nicht
geboren war, mit welchem Segen er mich nach meiner Geburt gesegnet. Bei dieser
Betrachtung seufzte ich darüber, wie ich meinem Gott würdig wieder vergelten
möchte. Auch über die Unbeständigkeit der Welt habe ich meine Betrachtungen
gehabt und mich deshalb eilends in die Wüste begeben, wo mir mein Herr Jesus
so süß ward, daß mir alle Lust der Welt zum Ekel und lästig zu begehren
war, wenn ich daran dachte. Komm' darum, o Kriegsmann, und bekleide Dich mit
diesem Doppelmantel; das übrige wird Dir zu seiner Zeit gegeben werden."
Darauf erschien der selige Apostel Petrus und sprach: "Jobannes gab Dir
ein Doppelgewand, ich aber, der ich schwer gefallen, jedoch mannhaft wieder
aufgestanden bin, werde für Dich einen Panzer erlangen, d. h. die göttliche
Liebe. Wie ein aus vielen eisernen Ringen bestehender Panzer beschirmt diese
Liebe wider des Feindes Geschosse und macht den Menschen gleichmütiger,
einbrechende Übel zu ertragen. Sie macht ihn behender für die Ehre Gottes
und eifriger zur göttlichen Arbeit, unbesiegt in Widerwärtigkeiten,
langmütig in der Hoffnung, beharrlich in Unternehmungen. Dieser Panzer muß
leuchten wie Gold und stark sein wie Feuerstein und Eisen; denn ein jeglicher
Mensch, welcher die Liebe hat, muß sich ziehen lassen wie das Gold durch die
Geduld wider Unfälle; er soll auch leuchten durch Weisheit und Klugheit,
damit er nicht eine Ketzerei annehme statt des unversehrten Glaubens und
Zweifelhaftes für Gewisses. Der Panzer muß auch stark sein wie Eisen, daß,
wie das Eisen alles bezwingt, also auch der Mensch, welcher sich der Liebe
befleißigt, sich beeifern soll, diejenigen zu demütigen, welche dem Glauben
und den guten Sitten widerstehen. Er soll nicht zurückweichen vor den
Widerreden; er soll sich nicht beugen lassen durch
die Rücksicht auf Freunde; er soll nicht lau werden ob des zeitlichen
Nutzens, und sich nicht um der Ruhe des Fleisches willen verstellen. Er soll
sich nicht fürchten vor dem Tode, weil niemand das Leben nehmen kann, wenn
Gott es nicht erlaubt. Wenn aber nun auch der Panzer aus vielen Ringen
besteht, so sind es doch vorzüglich zwei Ringe, durch welche der Panzer der
Liebe zusammengehalten wird. Der erste Liebesring ist die Erkenntnis Gottes
und die häufige Betrachtung der göttlichen Wohlthaten und Gebote, damit der
Mensch wisse, was er Gott, was dem Nächsten und was er der Welt zu gewähren
habe. Der andere Ring ist die Zügelung des eigenen Willens um Gottes willen;
denn jeglicher, der Gott vollkommen und aufrichtig liebt, behält von seinem
eigenen Willen nichts, was wider Gott ist. Siehe, Sohn, diesen Panzer giebt
Dir Gott, und ich habe Dir denselben verdient, indem ich Dir durch die Gnade
Gottes zuvorkam." - Hierauf erschien der heilige Paulus und sprach:
"O mein Sohn, der oberste Hirte der Schafe, Petrus, gab Dir einen Panzer;
ich aber werde Dir aus Liebe Gottes einen Harnisch geben, welcher die Liebe zu
dem Nächsten ist, d. h. die Bereitwilligkeit, unter Mitwirkung der Gnade
Gottes zum Heile des Nächsten gern zu sterben. Wie an einem Harnisch viele
Blechstücke verbunden und mit Nägeln zusammengefügt sind, so kommen in der
Liebe des Nächsten viele Tugenden zusammen. Ein jeglicher, welcher seinen
Nächsten liebt, ist schuldig, Schmerz darüber zu empfinden, daß alle,
welche durch das Blut Jesu Christi erlöst worden, Gott mit Liebe nicht
vergelten; daß die heilige Kirche, die Braut Gottes, nicht in ihrer
löblichen Ordnung beharrt; daß sehr wenige sind, welche sich in bitterer
Trauer und Liebe des Leidens Gottes erinnern; er ist schuldig, acht zu geben,
daß man seinen Nächsten nicht durch sein übles Beispiel verderbe, daß man
seinem Nächsten mit Freuden sein Gutes gebe und Gott für ihn bitte, daß er
in jeglichem Guten zunehme und vollendet werde. Die Nägel, welche die
Blechstücke verbinden, sind die Worte Gottes. Wenn ein nach diesen Worten mit
Liebe erfüllter Mensch seinen Nächsten in Trübsal erblickt, soll er ihn mit
liebreichen Worten trösten, den wider Recht Angegriffenen soll er
beschützen, die Kranken besuchen, die Gefangenen auslösen, der Armen sich
nicht schämen, allezeit die Wahrheit lieben, nichts über die Liebe Gottes
setzen,
von der Gerechtigkeit sich nie entfernen. Mit diesem Harnisch war ich angethan,
der ich schwach war mit den Schwachen, der ich vor dem Angesichte von Königen
und Fürsten mich nicht schämte, die Wahrheit zu sagen, auch bereit war, für
das Heil des Nächsten zu sterben."
Hierauf erschien die Mutter und sprach zu dem Kriegsmanne:
"Mein Sohn, was mangelt Dir noch?" Er sprach: "Mein Haupt hat
keinen Helm." Darauf sprach die Mutter der Barmherzigkeit zum Schutzengel
seiner Seele: "Was hat seiner Seele Dein Schutz genützt, oder was hast
Du unserem Herrn anzubieten?" Der Engel antwortete: "Ich habe
einiges, wiewohl es wenig ist. Zuweilen hat er Almosen gespendet und aus Liebe
zu Gott etliche Gebete gelesen, zuweilen auch den eigenen Willen um Gottes
willen aufgegeben; er hat Gott aufrichtig gebeten, er möge ihm die Welt
verächtlich werden lassen, und Gott möge ihm über alles teuer sein."
Die Mutter antwortete: "Es ist gut, daß Du solches für ihn bringen
kannst und so wollen wir thun, wie es ein guter Goldschmied macht, welcher,
wenn er ein großes Werk von Gold ausführen will, aber in Not ist und an Gold
Mangel hat, bei reichen Freunden Hilfe sucht. Alle, die Gold haben, helfen
ihm, damit sein Werk vollendet werde. Wer wird aber einem, der ein Werk ans
Lehm ausführt, von seinem Golde geben, da der Lehm nicht wert ist, unter das
Gold gemischt zu werden? Wohlan, alle Heiligen, welche reich sind an Gold,
werden Dir mit mir den Helm verdienen, den Du haben wirst. Dieser Helm aber
ist der Wille, Gott allein zu gefallen; denn wie der Helm das Haupt vor
Wurfgeschossen und Schlägen schirmt, so beschützt der gute, allein auf Gott
gerichtete Wille die Seele, daß keine teuflische Versuchungen sie
überwältigen, er führt Gott in die Seele ein. Diesen Helm haben der gute
Georg und Mauritius und mehrere andere, ja sogar der am Kreuze hängende
Schächer gehabt; ohne denselben wird niemand einen guten Grund legen, noch
zur Krone gelangen. In diesem Helme müssen auch zwei Öffnungen vor den Augen
sein, durch welche man sich vor dem, was da naht, vorsehen mag. Diese sind die
Klugheit in dem, was man zu thun, und Vorsicht in dem, was man zu unterlassen
hat, weil ohne Klugheit und Vorbedacht vieles am Ende übel ist, was im
Anfange gut zu sein schien."
Ferner sprach die Mutter zum Kriegsmanne: "Was fehlt Dir nun noch, mein
Sohn?" Er antwortete: "Meine Hände sind noch entblößt und haben
keine Wehr." Die Mutter entgegnete ihm: "Ich werde Dir behilflich
sein, daß die Hände nicht entblößt bleiben. Wie es zwei Hände von Fleisch
giebt, so giebt es auch zwei geistliche Hände. Die rechte Hand, womit das
Schwert gehalten werden soll, bedeutet das Werk der Gerechtigkeit, an welchem
fünf Tugenden sein sollen wie fünf Finger. Die erste, daß ein jeglicher
Gerechter für sich selbst gerecht sei, indem er sich hütet, im Reden, Thun
oder Vorbilde etwas sehen zu lassen, das den Nächsten beleidigen könnte,
damit er nicht, was er aus Gerechtigkeit an anderen tadelt, oder sie lehrt,
durch ungeordneten eigenen Wandel zerstöre; die zweite ist die Gerechtigkeit
oder die Werke der Gerechtigkeit, nicht aus Menschengunst oder Liebe zur Welt,
sondern aus Liebe zum einigen Gott zu vollbringen; die dritte ist, niemand
fürchten wider die Gerechtigkeit, auch nichts aus Freundschaft verschweigen,
und für Arme und Reiche, für Freund oder Feind sich nicht abbringen lassen
von der Gerechtigkeit; die vierte ist, auch gern sterben wollen für die
Gerechtigkeit; die fünfte ist, nicht allein die Gerechtigkeit thun, sondern
auch dieselbe weislich lieben, damit im Gerichte auch Barmherzigkeit und
Gerechtigkeit sei und anders gestraft werde, wer weniger, und anders, wer
schwerer sündigt, anders, wer aus Unwissenheit, und anders, wer mit Fleiß
oder aus Bosheit sündigt. Wer aber diese fünf Finger hat, soll sich hüten,
daß er das Schwert nicht schärfe in Ungeduld, noch daß die weltliche Lust
dasselbe abstumpfe, oder Unvorsichtigkeit dasselbe zerbreche, noch
Leichtfertigkeit der Gesinnung dasselbe mit Rost anlaufen lasse.
Die linke Hand aber ist das göttliche Gebet, das ebenfalls
fünf Finger haben soll. Der erste ist, fest an die Artikel des Glaubens von
der Gottheit und Menschheit, und wirklich und in der That alles glauben, was
die heilige Kirche, die Braut Christi, bekennt; der zweite ist, nicht
wissentlich sündigen wollen wider Gott, und alle begangenen Sünden durch
Reue und Genugthuung bessern wollen; der dritte, Gott bitten, daß die Liebe
des Fleisches sich in geistliche Liebe wandle; der vierte, zu nichts anderem
in der Welt leben wollen, als um Gott zu ehren und die Sünden zu vermindern;
der fünfte ist, nicht auf sich selbst vermessentlich vertrauen,
sondern allezeit Gott fürchten und des Todes in jeglicher Stunde gewärtig
sein. Siehe, mein Sohn, das sind die beiden Hände, welche Du haben mußt: die
rechte, womit das Schwert der Gerechtigkeit wider die Angreifer derselben
geschwungen werden muß, die linke aber des Gebetes, mit welcher von Gott
Hilfe erbeten werden soll, auf daß Du Dich niemals auf Deine Gerechtigkeit
verlassen mögest, noch Dich stolz erbeben wollest wider Deinen Gott."
Abermal erschien die selige Maria und sprach zu dem
Kriegsmanne: "Was fehlt Dir noch, mein Sohn?" Er antwortete:
"Die Bewehrung der Füße;" und jene sprach: "Vernimm Du, einst
ein Kriegsmann der Welt, jetzt aber der meine, alles, was im Himmel und auf
Erden ist, hat Gott erschaffen. Unter allem was hienieden ist, ist das
würdigste und schönste Geschöpf die Seele, deren Gedanken von dem guten
Willen regiert werden. Denn wie von einem Baume viele Schößlinge ausgehen,
so geht aus der geistlichen Übung und Thätigkeit der Seele alle Deine
Vollkommenheit hervor. Damit nun die geistliche Bewehrung der Füße erlangt
werde, muß unter dem Beistande der Gnade Gottes der gute Wille den Anfang
machen. Derselbe muß eine doppelte Betrachtung enthalten wie zwei Füße auf
goldenen Grundlagen. Der erste Fuß einer vollkommenen Seele nun ist eine
Betrachtung dieser Art, daß er nicht wider Gott sündigen wolle, auch wenn
keine Strafe darauf folgte; der zweite Fuß ist die Verrichtung guter Werke,
wegen der großen Geduld und Liebe Gottes, selbst wenn man wüßte, daß man
verdammt werden soll. Die Kniee der Seele aber sind die Fröhlichkeit und die
Stärke eines guten Willens. Wie die Kniee beim Gebrauche der Füße gekrümmt
werden und sich beugen, so muß der Wille der Seele sich der Vernunft gemäß
nach dem Willen Gottes beugen und zügeln, denn es steht geschrieben, daß
Fleisch und Geist einander entgegen sind. Deshalb spricht Paulus (Galat, V.):
Ich thue nicht das Gute, was ich will; als wollte er sagen: Der Seele nach
will ich mancherlei Gutes, allein ich vermag es nicht wegen der Schwäche des
Fleisches, und wenn ich es auch zuweilen zu thun vermag, so kann ich's doch
nicht mit Fröhlichkeit. Wie also nun? Ist etwa der Apostel deshalb des Lohnes
verlustig geworden, weil er wohl wollte, aber nicht konnte? oder weil er zwar
Gutes vollbrachte, aber nicht mit Fröhlichkeit? Mit nichten, sondern die
Krone wird
ihm vielmehr doppelt gemehrt; erstlich vom äußeren Menschen, denn es war ihm
wegen des Widerstandes des Fleisches gegen das Gute beschwerlich, zu arbeiten;
zweitens vom inneren Menschen, weil er nicht immer geistlichen Trost hatte.
Darum mühen sich viele Weltmenschen zeitlicherweise ab, aber werden dafür
nicht gekrönt, weil sie auf Anregung des Fleisches arbeiteten; denn wäre
dieses Arbeiten ein Gebot Gottes, so würden sie beim Arbeiten nicht so
heißen Eifer zeigen. Diese beiden Füße der Seele also, nämlich: nicht
sündigen wollen gegen Gott und gute Werke verrichten wollen, selbst wenn
Verdammnis folgen sollte, müssen mit doppelter Wehr bewaffnet werden,
nämlich: mit klugem Gebrauche des Zeitlichen und mit dem klüglichen
Verlangen und Streben nach dem Himmlischen. Der kluge Gebrauch der zeitlichen
Dinge besteht aber darin, Güter zu seinem mäßigen Unterhalte, aber nicht
zum Überflusse zu haben. Ein klügliches Verlangen nach dem Himmlischen ist
vorhanden, wenn man das Himmlische durch gute Werke und Arbeit verdienen will,
denn weil der Mensch sich durch Undankbarkeit und Lässigkeit abgewendet hat
von Gott, so muß er deshalb durch Mühen und Demut zu Gott zurückkehren.
Weil Du denn, mein Sohn, das nicht gehabt hast, so wollen wir die heiligen
Märtyrer und Bekenner, welche an solchem Reichtume Überfluß haben, bitten,
daß sie Dir helfen mögen."
Alsbald erschienen die Heiligen und sprachen: "O gebenedeite Frau, Du hast den Herrn in Dir getragen, und Du bist die Gebieterin von allem; was giebt es, das Du nicht vermöchtest? Denn was Du willst, das ist geschehen. Dein Wille ist stets unser Wille. Du bist mit Recht die Mutter der Liebe, weil Du männiglich heimsuchest mit Liebe."
Abermals erschien die Mutter und sprach zum Kriegsmanne:
"Mein Sohn, es fehlt uns noch ein Schild. Zu einem Schilde gehört nun
zweierlei: nämlich Tapferkeit und das Zeichen des Herrn, unter dem Du
streitest. Der geistliche Schild bedeutet die Betrachtung des bitteren Leidens
Gottes. Dieser muß am linken Arme nahe beim Herzen sein, daß, so oft die
Seele an des Fleisches Lust Freude empfindet, die Wunden Christi betrachtet
werden sollen. So oft aber die Verachtung und Widerwärtigkeit der Welt das
Gemüt beunruhigt und betrübt, soll man sich der Armut und Schmach
Christi erinnern. So oft aber die Ehre und langes Leben des Fleisches
vergnügen will, soll man des bitteren Todes und des Leidens Christi gedenken.
Ein solcher Schild muß die Stärke der Beharrlichkeit im Guten und die Breite
der Liebe haben. Das Zeichen des Schildes hat aus zwei Farben zu bestehen,
weil nichts deutlicher und weiter gesehen wird, als was aus zwei schimmernden
Farben zusammengesetzt worden. Die beiden Farben aber, mit denen der Schild
der Betrachtung des göttlichen Leidens geschmückt wird, sind die
Enthaltsamkeit von ungeordneten Neigungen und die Reinheit und Zügelung der
Regungen des Fleisches. Durch dies beides wird der Himmel erleuchtet, und die
Engel, welche es sehen, freuen sich, jubeln und sprechen: Seht das Zeichen der
Reinheit und unserer Genossenschaft; wir sind schuldig, diesem Kriegsmanne zu
helfen. Die Teufel aber, welche den Kriegsmann mit diesem Zeichen des Schildes
geschmückt sehen, werden rufen: Was sollen wir thun, o Gesellen? Dieser
Kriegsmann ist schrecklich im Streite, zierlich in den Waffen. An seiner Seite
hat er die Waffen der Tugenden, hinter sich die Heerlager der Engel. Zur
Linken hat er einen sehr wachsamen Hüter, nämlich Gott; ringsum ist er voll
Augen, mit denen er unsere Bosheit anschaut. Angreifen können wir ihn zwar,
allein zu unserer Schande, weil wir ihn durchaus nicht überwältigen können.
Ach, wie glücklich ist so ein Kriegsmann, den die Engel ehren und in dessen
Furcht die Teufel erzittern? Weil Du nun aber, mein Sohn, diesen Schild noch
nicht erlangt hast, so wollen wir die heiligen Engel, welche leuchten in
geistlicher Reinheit, bitten, daß sie Dir helfen mögen."
Weiter sprach die Mutter: "Sohn, noch fehlt uns ein
Schwert. Zu einem Schwerte gehört zweierlei: Erstens muß es zwei Schneiden
haben; zweitens muß dasselbe wohl geschärft sein. Das geistliche Schwert
aber ist das Vertrauen auf Gott im Kampfe für die Gerechtigkeit. Dieses
Vertrauen muß zwei Schneiden haben, nämlich die aufrichtige Gerechtigkeit
gleichsam auf der rechten Seite und die Danksagung im Unglücke gleichsam auf
der linken Seite. Ein solches Schwert führte der fromme Job, der im Glücke
Opfer dar- brachte für seine Kinder, welcher ein Vater der Armen, und dessen
Thür dem Wanderer geöffnet war, der nicht wandelte in Eitelkeit und nicht
Fremdes begehrte, sondern Gott fürchtete, wie wenn er
säße auf den Wellen des Meeres. (Job XXXI.) Er hat auch im Unglücke
Danksagung dargebracht, als er nach Verlust seiner Kinder und Güter,
geschmäht von seinem Weibe und geplagt mit übelstem Geschwür, geduldig
aushielt und sprach: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, er sei
gepriesen. Dieses Schwert muß auch wohl geschärft sein, um, wie Moses und
David, diejenigen aufzureiben, welche die Gerechtigkeit angreifen, und um den
Eifer des Gesetzes zu haben wie Phinees, um standhaft zu reden wie Elias und
Johannes. O, wie Vieler Schwert ist jetzt über die Maßen stumpf, die, wenn
sie mit dem Worte reden, den Finger nicht regen, weil sie die Freundschaft der
Menschen suchen, die Herrlichkeit Gottes aber nicht beachten! Weil Du denn ein
solches Schwert nicht gehabt hast, so wollen wir die Patriarchen und Propheten
bitten, welche ein solches Vertrauen gehabt haben, und es wird uns ohne Sorge
gegeben werden."
Abermals erschien die Mutter und sprach zu dem Kriegsmanne: "Mein Sohn, Du bedarfst noch einer Bedeckung über Deine Waffen, welche die Waffen gegen den Rost und vor der Befleckung durch Regen schützt. Diese Bedeckung ist die Liebe, in welcher man für Gott sterben, auch wofern es, ohne Gott zu beleidigen, möglich wäre, um des Heiles der Brüder willen sich von Gott scheiden lassen möchte. Diese Liebe bedeckt alle Sünden, erhält die Tugenden, besänftigt den Zorn Gottes, macht alles möglich, schreckt die bösen Geister ab, ist die Freude der Engel. Diese Decke aber muß inwendig weiß, außen jedoch leuchtend sein wie Gold. Denn wo der Eifer der göttlichen Liebe ist, da wird beiderlei Reinheit nicht vernachlässigt. An dieser Liebe hatten die Apostel Überfluß, und deshalb müssen sie angerufen werten, daß sie Dir helfen."
Wiederum erschien die Mutter und sprach: "Mein Sohn, Du
bedarfst noch eines Rosses und Sattels. Unter dem Rosse wird geistlicherweise
die Taufe verstanden. Denn wie das Pferd den Menschen fortschafft, wenn er
einen Weg zurücklegen will, und wie es vier Füße hat, so führt die Taufe,
welche unter dem Rosse verstanden wird, den Menschen vor das Antlitz Gottes
und hat vier geistliche Wirkungen. Die erste besteht darin, daß die Getauften
von den bösen Geistern befreit und zu den Geboten und dem Dienste Gottes
verpflichtet werden; die zweite ist, daß sie von der
Erbsünde gereinigt werden; die dritte ist, daß sie Kinder Gottes und
Miterben Gottes werden; die vierte ist, daß ihnen der Himmel aufgethan wird.
Aber ach, es sind viele, welche, wenn sie zu den Jahren des Verstandes kommen,
dem Rosse, der Taufe, die Zügel anlegen und dasselbe auf einem falschen Wege
von dannen führen. Der Weg der Taufe ist dann der richtige und wird richtig
innegehalten, wenn der Mensch vor den Jahren des Verstandes unterwiesen und in
den guten Sitten erhalten wird, und wenn der, Mensch, zu den Jahren der
Unterscheidung gekommen, eifrig darüber nachdenkt, was am Taufborne
versprochen worden, auch den Glauben und die Liebe Gottes unverletzt erhält.
Abgeführt vom rechten Wege wird es und ein Zaum alsdann ihm angelegt, wenn
Welt und Fleisch Gott vorgezogen werden. Der Sattel des Rosses, d. h. der
Taufe, ist die Wirkung des bitteren Leidens und Todes Jesu Christi, durch
welchen die Taufe ihre Kraft bekommen hat. Das Wasser der Taufe ist nur das
Eine Element; nachdem aber das Blut Gottes vergossen worden, ist zum Elemente
des Wassers das Wort Gottes und die Kraft des vergossenen Blutes Gottes
hinzugekommen, und so ist das Wasser der Taufe durch Gottes Wort die
Versöhnung Gottes mit den Menschen, die Pforte der Barmherzigkeit, die
Austreibung der bösen Geister, der Weg zum Himmel, die Verzeihung der Sünden
geworden. Wer sich also der Kraft der Taufe rühmen will, soll zuerst die
Bitterkeit der Einsetzung der Taufwirkung bedenken, so daß, wenn das
menschliche Herz sich aufbläht wider Gott, der Mensch daran denke, wie bitter
er erlöst worden, wie oft er auch das Taufgelübde übertreten, und was er
für so viele Rückfälle verdient hat. Damit nun ferner der Mensch fest im
Sattel der Taufwirkung sitzen möge, sind zwei Striegeln nötig, d. h. eine
zweifache Betrachtung im Gebete. Erstens soll er also beten: O Herr,
allmächtiger Gott, gesegnet seist Du, weil Du mich erschaffen und erlöst
hast, und, während ich der Verdammnis würdig war, in meinen Sünden geduldet
und zur Buße geführt hast. Ich erkenne, Herr, vor Deiner Majestät, daß ich
alle Güter, welche Du mir zum Heile gegeben, unnütz und auf verdammliche
Weise verschwendet, nämlich die Zeit meiner Buße in Eitelkeit, den Leib in
Überfluß, die Taufgnade in Hoffart. Ünd alles habe ich mehr geliebt, als
Dich, meinen Schöpfer, Erlöser,
Nährer und Erhalter; und deshalb bitte ich um Deine Barmherzigkeit, weil ich
von mir selber elend bin, und weil ich Deine gütige Geduld gegen mich nicht
anerkannt habe. Ich habe Deine schreckliche Gerechtigkeit nicht gefürchtet.
Ich habe nicht beachtet, wie ich Dir Dein unzählbares Gute wieder vergelten
möchte, sondern habe vielmehr von Tag zu Tag durch meine Bosheit Dich zum
Zorne gereizt; deshalb habe ich denn nichts, als ein Wort zu Dir, nämlich:
Erbarme Dich meiner, Gott, nach Deiner großen Barmherzigkeit!
Das andere Gebet dagegen soll also lauten: O Gott, allmächtiger Gott, ich weiß, daß ich alles von Dir habe, daß nichts von mir ist, ich auch nichts vermag, als allein das, was ich selber gemacht habe nach meiner Sünde. Deshalb bitte ich demütig Deine Liebe, Du wollest nicht an mir thun nach meinen Sünden, sondern nach Deiner großen Barmherzigkeit. Sende mir auch Deinen heiligen Geist, daß er mein Herz erleuchte oder auf dem Wege Deiner Gebote befestige, auf daß ich in dem, was ich kraft Deiner Eingebung erkannt, zu verharren vermöge, und durch keinerlei Versuchungen von Dir getrennt werde.
Wohlan, mein Sohn, weil Dir dieses noch abgeht, so laß uns
diejenigen bitten, welche das Leiden Gottes bitterer in ihr Herz gefestigt
haben, daß sie Dir von ihrer Liebe mitteilen." Nach diesen kam eine
Erscheinung wie ein Pferd, gerüstet mit goldenem Schmucke. Und die Mutter
sprach: "Dieser Schmuck des Pferdes bedeutet die Gaben des heiligen
Geistes, welche in der Taufe gespendet werden. Denn in der Taufe, mag dieselbe
nun durch einen guten oder bösen Diener verrichtet werden, wird die Erbsünde
erlassen, die Gnade vermehrt und alle Sünde nachgelassen. Es werden gegeben
der heilige Geist zum Unterpfande, die Engel zu Hütern, der Himmel zum Erbe.
Siehe, mein Sohn, das ist der Schmuck eines geistlichen Kriegsmannes! Wer
damit bekleidet ist, wird jenen unaussprechlichen Sold empfangen, mit welchem
die ewige Freude, die ehrenvollste Ruhe, ewiger Überfluß, ein Leben ohne
Ende erkauft werden." - (Dieser Kriegsmann war Herr Karl, der Sohn der
heiligen Brigitta.) ![]()
Gebetsworte der Braut an Christum und zur Jungfrau, worin sie das beste Lob anstimmt. Tröstliche Antwort der Jungfrau an die Tochter, worin sie durch Beispiele darthut, daß Gott mittels eines gerechten Ratschlusses häufig die Lüge des Teufels zuläßt, damit die Kraft Gottes desto offenbarer werde, und wie die Trübsale Anleitung zu geistlichen Gütern geben.
"Gebenedeit seist Du, mein Gott, mein Schöpfer und
Erlöser. Du bist das Lösegeld, mit welchem wir aus der Gefangenschaft
losgekauft sind, durch welchen wir zu allem Heil geleitet, durch den wir der
Einheit und Dreifaltigkeit zugesellt werden. Daher freue ich mich, obwohl ich
meiner Häßlichkeit mich schäme, gleichwohl, daß Du, der Du Einmal für
unser Heil gestorben bist, nie wieder sterben wirst. Denn Du bist fürwahr
derjenige, welcher auch vor der Welt gewesen. Du allein bist gut und gerecht,
Du allein allmächtig und furchtbar. Deshalb seist Du gesegnet in Ewigkeit.
Aber was soll ich von Dir sagen, gebenedeite Maria, Du ganzes Heil der Welt?
Du bist demjenigen ähnlich, welcher dem Freunde, welcher betrübt war um den
Verlust einer Sache, das Verlorene wieder sehen ließ, wodurch der Schmerz
gelindert ward, die Freude wuchs und das ganze Herz entzündete. Also hast Du,
süßeste Mutter, der Welt ihren Gott, den die Menschen verloren hatten,
gezeigt, und hast den in die Zeit geboren, welcher vor aller Zeit gezeugt war,
und über dessen Geburt sich erfreute, was im Himmel und auf Erden war.
Deshalb, süßeste Mutter, bitte ich Dich, stehe mir bei, auf daß mein Feind
sich nicht freue über mich, noch mit seinen Arglisten mich
überwältige." Die Mutter antwortete: "Ich werde Dir helfen. Aber
weshalb bist Du betrübt, daß Du Leibliches, was Du gehört hattest, in
geistlicher Weise gesehen hast, da Dir jener Kriegsmann, welcher dem Leibe
nach lebt, als geistlich tot und geistlicher Hilfe bedürftig gezeigt wurde?
Vernimm aber nun die Gewißheit der Auslegung. Alle Wahrheit ist von Gott und
jegliche Lüge vom Teufel, weil dieser der Vater der Lüge ist. Obwohl nun
also die Wahrheit aus Gott ist, wird doch durch des Teufels Bosheit und Lüge,
welche Gott bisweilen nach einem ge-
heimen Ratschlusse zuläßt, die Kraft Gottes desto offenbarer, wie ich Dir
durch ein Beispiel von einer gewissen Jungfrau zeigen werde. Dieselbe liebte
ihren Bräutigam gar zärtlich und er hinwiederum sie in ähnlicher Weise.
Durch ihre Liebe ward Gott herrlich geehrt, und es freuten sich die
beiderseitigen Eltern darüber. Als ihr Feind solches betrachtete, dachte er
also: Ich weiß, daß der Bräutigam und die Braut auf dreifache Art sich
einander nähern: durch Briefe, durch wechselseitige Gespräche oder
körperliche Vereinigung. Damit nun die Boten und Briefträger keinen Zugang
haben mögen, werde ich alle Wege mit Pfählen, Dornen und Widerhaken
anfüllen; damit sie sich ferner einander nicht zum Wechselgespräche nähern,
will ich ein Geräusch verursachen, wodurch sie im Reden gestört werden.
Damit sie aber nicht zur Vereinigung im Fleische zusammenkommen, will ich
Wächter bestellen, welche eine jede Ritze beobachten sollen, damit sie keine
Gelegenheit finden, zu einander zu gelangen. Als nun der Bräutigam, welcher
klüger war, als der Feind, dies erkannte, sprach er zu seinen Dienern: Mein
Feind stellt mir in dem und dem nach. Gebt ihr acht an jenen Orten, und wenn
ihr es also befindet, so lasset ihn arbeiten, bis er die Schlingen gelegt hat.
Nachher erhebet euch, tötet ihn aber nicht, sondern spottet seiner und rufet
ihn an, daß euere Mitdiener, wenn sie des Feindes Arglist erkennen, achtsamer
im Wachen und in der Hut sein mögen. Auf ähnliche Weise verhält stch's auch
in geistlichen Dingen. Die Briefe, mittels deren der Bräutigam und die Braut,
d. i. Gott und die gute Seele, einander sich nähern, sind nichts anderes, als
die Gebete und Seufzer der Frommen; denn wie ein leidlicher Brief die Neigung
und den Willen dessen anzeigt, der denselben abschickt, so gehen die Gebete
der Frommen zum Herzen Gottes und verbinden die Seele mit Gott in ein Band der
Liebe. Allein der Teufel verhindert zuweilen die Herzen der Menschen, daß sie
nicht um das bitten, was zum Heile der Seele gereicht, oder der fleischlichen
Lust entgegen ist. Er verhindert es auch, daß sie, wenn sie für andere
Sünder bitten, erhört werden. weil diese Sünder für sich nicht um das
bitten, was der Seele zum ewigen Nutzen gereicht. Was aber sind die
Wechselgespräche, mittels deren Bräutigam und Braut Ein Herz und Eine Seele
werden, anderes, als Buße und Reue? Bei denselben aber erhebt der Teufel
bisweilen ein so großes Geräusch, daß sie sich gegenseitig nicht hören.
Das sind seine bösen Eingebungen, welche dem Herzen, das auf fruchtbare Weise
Buße thun will, einflüstern und zu ihm sprechen: O du zarte Seele, es ist
hart, Ungewohntes und Ungewöhnliches anzugreifen! Können denn alle
vollkommen sein? Es genügt dir, zu sein, wie viele andere; was unternimmst du
mehr? Weshalb thust du, was niemand thut? Du kannst es ja nicht ausdauernd
durchführen, du wirst von allen verspottet, wenn du dich zu sehr demütigst
und erniedrigst. Durch solche Eingebungen wird die Seele hintergangen und
denkt bei sich: Es hält schwer, aufzugeben, was man gewohnt ist; deshalb will
ich das Vergangene beichten, aber dann genügt es für mich, den Weg der
Mehrzahl zu verfolgen; ich vermag nicht, vollkommen zu sein; Gott ist ja
barmherzig, und er würde uns nicht erlöst haben, wenn er wollte, daß wir zu
Grunde gingen. Durch solches Geräusch verhindert der Teufel die Seele, damit
Gott sie nicht höre; nicht, als ob Gott nicht alles hörte, sondern weil
Gott, wenn er dergleichen hört, keine Freude hat, wenn die Seele lieber ihrer
Versuchung, als der eigenen Vernunft zustimmt. Die fleischliche Vereinigung
des Bräutigams und der Braut bedeutet die innige Vereinigung der Seele mit
Gott durch das himmlische Verlangen und die reine Liebe, in denen die Seele
brennen soll alle Stunde. Allein diese Liebe wird auf vierfache Weise
verhindert. Zuerst giebt der Teufel der Seele ein, etwas wider Gott zu thun,
wodurch die Seele, wenn sie daran Vergnügen hat und es wenig beachtet, sich
die Feindschaft Gottes zuzieht. Zweitens giebt der Teufel der Seele ein, etwas
Gutes zu thun, um sich den Menschen gefällig zu bezeigen, auch zuweilen
Gutes, das sie thun könnte, um der Ehre und der Furcht der Welt willen zu
unterlassen. Drittens läßt der Teufel die Seele auf das Gute vergessen und
Ekel daran empfinden, wodurch das Gemüt fortgerissen und überdrüssig wird,
Gutes zu thun. Viertens regt der Teufel die Seele auf durch Sorge für
weltliche Dinge oder durch Freude, durch überflüssigen Schmerz oder
schädliche Furcht. Durch dergleichen werden die Briefe und die Gebete der
Gerechten, sowie die Wechselgespräche des Bräutigams und seiner Braut
verhindert. Obwohl aber der Teufel listig ist, ist Gott doch noch weiser und
stärker und zerreißt die Stricke des Feindes, damit die abgesandten
Briefe an den Bräutigam gelangen können. Die Fallstricke zerreißen aber
alsdann, wenn Gott der Seele eingiebt, das Gute zu verlangen und im Herzen den
Willen zu haben, zu fliehen, was böse ist, und zu thun, was Gott gefällt.
Das Geräusch, das der Feind verursacht, wird hintertrieben, wenn die Seele
bescheidentlich Buße thut und den Willen hat, in die gebeichteten Sünden
nicht mehr zurückzufallen. Wisse auch, wie der Teufel nicht allein die Feinde
Gottes mit Geschrei und Lärmen überfällt, sondern auch Gottes Freunde, wie
Du an einem Beispiele wirst erkennen lernen. Gesetzt, es sei da eine Jungfrau,
die mit einem Manne ein Gespräch führt. Vor ihr ist ein Vorhang, den zwar
der Mann sah, die Jungfrau aber nicht. Nachdem ihr Gespräch beendet war,
schlug die Jungfrau die Augen auf, erblickte den Vorhang und dachte furchtsam
bei sich selber: Möge Gott verhüten, daß ich nicht etwa durch die
Fallstricke des Feindes hintergangen sei. Als der Mann die Jungfrau betrübt
sah, zog er den Vorhang hinweg und zeigte ihr die ganze Wahrheit. Also werden
auch vollkommene Menschen heimgesucht durch göttliche Eingebungen; der Teufel
verwirrt sie dann durch ein Blendwerk; daß sie entweder in plötzlicher
Hoffart sich erheben, oder durch zu große Furcht daniedergeworfen werden,
oder durch ungeordnete Nachsicht die Sünden anderer dulden, oder im Übermaß
von Freude oder Leid vergehen.
In ähnlicher Weise ist es mit Dir geschehen. Denn der
Teufel hat etliche angeregt, Dir zu schreiben, daß jener Kriegsmann, obwohl
er noch lebte, tot sei, wovon Du schweren Schmerz empfangen. Gott aber zeigte
Dir seinen geistlichen Tod, so daß das, was die Schreiber leiblicherweise
falsch berichtet, von Gott Dir geistlicherweise zum Troste als wahr gezeigt
ward. Es ist also wahr, wenn es heißt, die Trübsale führen zu geistlichen
Gütern. Denn wenn Du aus Anlaß der gehörten Lügen nicht betrübt worden
wärest, wäre Dir eine so große Kraft und Schönheit der Seele nicht gezeigt
worden. Deshalb war, damit Du die geheime Absicht Gottes erkennen möchtest,
ein gewisser Vorhang zwischen Deiner Seele und Gott, als er redete, sowohl,
weil die Seele in der Gestalt eines Hilfsbedürftigen erschien, als auch, weil
Gott in aller seiner Rede Dir zu sagen vorbehielt, daß Du zu seiner Zeit
erfahren werdest,
ob er tot sei oder lebe. Nachdem Dir aber die Schönheit der Seele und ihr
Schmuck gezeigt worden, womit die Seele für den Eintritt in den Himmel
ausgerüstet sein muß, ist der Vorhang hinweggethan und die Wahrheit gezeigt
worden, nämlich, daß jener Mensch leiblich lebte und geistlich tot war, und
mit solchen Tugenden muß ein jeglicher sich waffnen, welcher in sein
himmlisches Vaterland eingehen will. Des Teufels Absicht ging aber nun dahin,
Dich durch die Lügen zu prüfen und zu beunruhigen, um Dich durch den Schmerz
über die Hinwegnahme eines so teuren Freundes von der Liebe Gottes
hinwegzuziehen. Nachdem Du aber gesagt: Möge Gott verhüten, daß dies nicht
etwa eine Täuschung sei, auch gesagt hast: Gott, hilf mir! da ist die Decke
hinweggenommen und Dir von Gott sowohl die leibliche, als geistliche Wahrheit
gezeigt worden. Siehe, wie auch dem Teufel verstattet wird, die Gerechten in
Betrübnis zu versetzen, damit ihre Krone möge erhöht werden."
Worte der Jungfrau zur Tochter, welche sie belehren, wer die Freunde Gottes sind, und wie wenige derselben in der neueren Zeit gefunden werden, wenn man jeglichen Stand, sowohl den der Laien, als der Geistlichen, durchforscht. Was die Ursache ist, weshalb der reiche Gott die Armut geliebt, und wie er die Armen und nicht die Reichen auserwählt hat, und zu welchem Ende der Reichtum der Kirche verliehen worden.
Die Mutter sprach zur Braut Christi: "Warum bist Du
bekümmert, meine Tochter?" "Weil ich," antwortete sie,
"fürchte, zu den Verhärteten gesendet zu werden." Die Mutter
entgegnete: "Woran erkennst Du die Verhärteten oder die Freunde
Gottes?" Und sie sprach: "Ich weiß sie nicht zu unterscheiden, wage
auch nicht, über irgend einen zu urteilen, weil mir zuvor zwei Menschen
gezeigt sind, deren einer nach der Menschen Urteile sehr demütig und ganz
heilig sich darstellte, der andere aber freigebig und ehrgeizig. Doch waren
ihre Absicht und ihr Wille mit ihrer That nicht in Übereinstimmung, was
meinen Verstand heftig erschreckt hat." Die Mutter antwortete:
"Über das Böse, welches sich öffentlich zeigt, ist es erlaubt zu
urteilen, wenn man nämlich die Absicht
hat, den Bösen zu bemitleiden und zu bessern. Über Zweifelhaftes aber, wovon
nicht gewiß ist, in welcher Absicht es geschieht, ist es sicher, nicht zu
urteilen. Darum will ich Dir zeigen, welche Leute Freunde Gottes sind.
Wisse also, diejenigen sind Freunde Gottes, welche, wenn sie
von Gott Gaben empfangen haben, besorgt sind, Gott dafür zu jeder Stunde zu
danken, nichts Überflüssiges zu begehren, und mit dem, was ihnen gegeben
worden, zufrieden zu sein. - Allein wo werden solche Leute gefunden? Lasset
uns zuerst in der Gemeinde nachsuchen. Wer ist es, der da sagen möchte: Es
ist genug; ich suche nichts Größeres? Lasset uns suchen unter den
Kriegsleuten und anderen Herren. Wer unter denselben denkt also: Die Güter,
welche ich besitze, habe ich durch Erbschaft erworben; hievon verlange ich
meinen mäßigen Unterhalt nach meinem Stande, wie er Gott und den Menschen
entsprechend ist, das übrige will ich Gott und den Armen mitteilen. Sollte
ich aber erfahren, daß diese ererbten Güter übel erworben seien, so würde
ich dieselben entweder erstatten, oder auf den Rat auserwählter geistlicher
Diener Gottes fahren lassen. O Tochter, ein solcher Gedanken ist selten auf
Erden. Wir wollen auch suchen unter den Königen und Heerführern, wer von
ihnen in seinem löblichen Stande verharrt. Wo ist jener König, der in seinem
Wandel wie Job, in seiner Demut wie David, im Eifer fürs Gesetz wie Phinees
und wie Moses in der Sanftmut und Langmut ist? Wo ist jener Heerführer,
welcher des Königs Heer regiert und dasselbe zum Kriege unterweist, der
Vertrauen zu Gott und Furcht hat wie Josua, der mehr seines Herrn Nutzen, als
seinen eigenen sucht wie Joab, welcher den Eifer des Gesetzes und den Vorteil
des Nächsten liebt wie Judas Machabäus? Ein solcher Heerführer ist dem
Einhorne ähnlich, das ein spitziges Horn auf der Stirne hat und unter
demselben einen kostbaren Stein. Was anders aber ist des Heerführers Horn,
als ein männliches Herz, tapfer zu streiten und die Feinde des Glaubens zu
schlagen? Der Stein unter des Heerführers Horn aber ist die göttliche Liebe,
welche, wenn sie fortwährend im Herzen bleibt, dasselbe behende und
unbesieglich macht in allen Dingen. Jetzt aber sind die Heerführer mehr
mutwilligen Böcken ähnlich, als den Einhörnern; denn überall streiten sie
für das Fleisch, nicht für die Seele, noch für
Gott. Sehen wir uns unter den Königen um! Wer unter ihnen beschwert seine
Unterthanen nicht um seiner Hoffart willen? Wer bemißt seinen Stand nach den
Einkünften der Krone? Wer erstattet zurück, was die Krone ungerecht
festhält? Wer ist es, der sich anderer Thätigkeit begiebt, um die
Gerechtigkeit um Gottes willen zu thun? Wollte Gott, meine Tochter, daß in
der Welt solche Könige zum Vorschein kämen, damit Gott verherrlicht würde!
Laß uns ferner suchen unter den Geistlichen, deren Pflicht
es mit sich bringt, die Enthaltsamkeit, die Armut und Andacht zu lieben;
fürwahr, auch diese sind vom Wege abgewichen. Was anders sind die
Geistlichen, als Arme und Almosenempfänger Gottes? Sie sollen von dem Gott
Dargebrachten leben, um desto demütiger und eifriger für Gott zu sein, je
weiter entfernt von den Sorgen der Welt sie sich halten müßten. Deshalb hat
sie auch zuerst die Kirche aus Trübsal und Armut erhoben, damit Gott ihre
Erbschaft wäre, und sie sich nicht der Welt und des Fleisches, sondern Gottes
rühmen möchten. Aber, meine Tochter, hätte er nicht Könige und Heerführer
zu Aposteln wählen können, damit durch sie die Kirche durch irdische
Erbschaft bereichert worden wäre? Gekonnt hätte er es wohl. Aber der reiche
Gott kam arm in die Welt, um durch sein Beispiel zu beweisen, wie das Irdische
vergänglich sei, und damit der Mensch seines Herrn Armut lernen und sich
ihrer nicht schämen, sondern dem wahren und himmlischen Reichtume sich
eilends zuwenden möchte. Deshalb bediente er sich bei der überaus schönen
Einsetzung der Kirche eines armen Fischers und setzte denselben an seine
Stelle, damit er vom Anteile des Herrn, nicht aber von der Erbschaft in dieser
Welt leben sollte. Aus drei guten Dingen also nahm die Kirche ihren Ursprung;
erstens von dem Eifer im Glauben; zweitens von der Armut; drittens aus der
Wirksamkeit der Tugenden und Wunder. Diese drei Dinge waren auch beim heiligen
Petrus. Er besaß Glaubenseifer, als er mit freier Stimme seinen Gott
bekannte, und kein Bedenken trug, für ihn zu sterben; die Armut hat er
gehabt, als er umherzog und um Almosen ansprach und von seiner Hände Arbeit
sich nährte. Er war aber gleichwohl reich an geistlichen Gütern, was das
Größere ist, als er z. B. den Lahmen, dem er nicht Gold und Silber geben
konnte, gehend machte, was keiner unter den Fürsten vermocht hätte.
Sollte aber Petrus, der einen Toten auferweckte, nicht auch haben Gold
erlangen können, wenn er gewollt hätte? Allerdings; allein er hatte die
Bürde des Reichtums abgeworfen, um leicht in den Himmel einzugehen, und um,
als Meister der Schafe, den Schafen ein Beispiel der Demut zu geben, weil
Demut und Armut, geistliche wie leibliche, der Eingang zum Himmel ist.
Drittens hatte er die Kraft, Wunder zu wirken, weil, abgesehen von den
höheren Wundern, auch durch den Schatten Petri die Kranken geheilt sind. Weil
er denn nun die Vollkommenheit der Tugenden besaß, welche darin besteht, sich
mit dem Notwendigen zu begnügen, so ist auch seine Zunge deshalb der
Schlüssel zum Himmel geworden und sein Name im Himmel und auf Erden gesegnet.
Diejenigen aber, welche ihre Namen berühmt gemacht haben auf Erden, und den
Kot, d. h. das Irdische, liebten, werden auf Erden verachtet und stehen im
Buche der göttlichen Gerechtigkeit auf schreckliche Weise geschrieben.
Gleichwohl aber wollte Gott zu erkennen geben, daß die
Armut Petri und der anderen Heiligen keine erzwungene, sondern eine
freiwillige war. Deshalb regte er die Herzen vieler an, ihnen reichlich zu
spenden. Sie rühmten sich aber mehr der Armut, als der Dornen des Reichtums.
Deshalb vermehrte sich auch, je größeren Überfluß an Armut sie hatten,
desto reichlicher ihre Andacht. Was Wunder? Denn wie wird Gott denen fern sein
können, die ihn zu ihrem Teil und ihrer Freude gesetzt haben? Wie kann aber
denen, welche nach der Lust der Welt verlangten, Gott süß sein? Er war ja
ein Fremdling in ihren Augen. Inzwischen aber sind im Fortgange der Zeit,
damit die Freunde Gottes um so eifriger und bereitwilliger sein möchten, das
Wort Gottes zu predigen, und damit man wissen möge, wie Reichtümer nicht
böse sind, sondern nur deren Mißbrauch, unter Sylvester und anderen, der
Kirche zeitliche Güter gegeben worden, welche heilige Männer in einer langen
Zeit nur zum Unterhalte der Kirche und der Freunde Gottes und der Armen
gespendet haben. Solche, wisse denn, sind Freunde Gottes, welche sich der
Fügung Gottes freuen. Sind sie Dir auch nicht bekannt, so sieht sie doch mein
Sohn. Denn in einem zarten Metalle wird oftmals Gold gefunden und aus einem
harten Kieselstein wird häufig ein Feuerfunken herausgezogen. Gehe denn
also sicher dahin; denn man soll zuerst rufen und hernach handeln, da auch
nicht einmal mein Sohn, während er im Fleische weilte, das ganze Judäa
zugleich bekehrte, noch die Apostel zugleich und auf einmal das Heidentum,
sondern man muß längere Zeit haben, um die Werke Gottes zu vollenden."
Worte der Braut zu Christo, welche die Barmherzigkeit, die Christus an ihr offenbarte, preisen. Worte Christi zur Braut, welche dieselbe Gerechtigkeit an der Braut bestätigen, und wie er sie zu einem Gefäße erwählt hat, das mit Wein gefüllt werden soll, den sie selber den Dienern Gottes zuzutrinken hat, und von einer lieblichen und demütigen Frage der Braut an Christum.
"Ehre sei dem allmächtigen Gott für alles, was
erschaffen worden. Schmuck und Dienst werde ihm wiedervergolten für alle
seine Liebe. Ich unwürdige Person, die ich von meiner Jugend auf vieles wider
Dich, meinen Gott, gesündigt hatte, ich danke Dir, mein süßester Gott, am
meisten aber dafür, daß keiner so lasterhaft ist, daß Du ihm Deine
Barmherzigkeit versagtest, wenn er mit Liebe und wahrer Demut Barmherzigkeit
von Dir fordert, und sich dabei vornimmt, sich zu bessern. O Du liebster, vor
allen süßester Gott! wunderbar ist allen, die es hören, was Du an mir
gethan hast. Denn wenn es Dir gefällt, schläferst Du meinen Körper ein,
jedoch nicht mit einem leiblichen Schlafe, sondern mit einer geistlichen Ruhe.
Meine Seele erweckst Du dann aber gleichsam vom Schlafe auf, um auf geistliche
Weise zu sehen, zu hören und zu empfinden. O Herr Gott! wie süß sind die
Worte Deines Mundes! Mich dünkt aber, daß, so oft ich Deines Geistes Worte
vernehme, meine Seele dieselben mit einer gewissen Empfindung
unaussprechlicher Süße in sich verschlingt, wie die lieblichste Speise,
welche zu großer Freude und unaussprechlichem Troste in das Herz meines
Leibes zu fallen scheint. Wunderbar aber scheint zu sein, daß, während ich
Deine Worte höre, ich gesättigt sowohl, als hungrig, werde; gesättigt
deshalb, weil mir dann nichts anderes gefällt, als jene Worte, hungrig aber
darum, weil stets meine Begierde danach sich
vermehrt. Sei darum gebenedeit, mein Gott Jesu Christe und gieb mir, o Herr,
Deine Hilfe, daß ich an allen Tagen meines Lebens zu vollbringen vermöge,
was Dir gefällig ist."
Christus aber antwortete und sprach: "Ich bin ohne
Anfang und ohne Ende, und alles ist durch meine Macht erschaffen und durch
meine Weisheit geordnet; alles auch wird nach meinem Ratschlusse regiert,
nichts ist mir unmöglich, und fürwahr, alle meine Werke sind mit Liebe
geordnet. Deshalb ist jenes Herz gar zu hart, das mich nicht lieben, noch mich
fürchten will, da ich doch beides bin, nämlich aller Menschen Ernährer und
Richter. Sie thun aber den Willen des Teufels, welcher mein Henker und ihr
Verräter ist, denn er hat der Welt ein so verderbliches Gift vorgesetzt, daß
die Seele, welche davon mit Wohlgefallen gekostet, nicht leben kann, sondern
tot in die Hölle hinabsinkt, um ewig in Jammer zu leben. Dieses Gift aber ist
die Sünde; diese schmeckt freilich vielen süß . wird jedoch am Ende auf
schreckliche Weise bitter. Fürwahr, dieses Gift aus des Teufels Hand wird mit
Lust stündlich getrunken. Wer hat jemals dergleichen oder noch Wunderbareres
vernommen? Denn den Menschen wird das Leben dargereicht, sie jedoch wählen
und umfangen freiwillig den Tod. Ich aber, der ich mächtig bin über alles,
habe Mitleid mit ihrem Elende und ihrer großen Bedrängnis. Ich habe gethan
wie ein reicher und liebevoller König, welcher seinen vertrauten Dienern in
einem Gefäße einen kostbaren Wein sandte und sagte: Setzt den Wein auch noch
mehreren, als euch allein, vor, weil derselbe sehr heilsam ist; er giebt
Kranken ihre Gesundheit wieder, gewährt den Traurigen Trost und den gesunden
Menschen ein männliches Herz. Also habe auch ich meinen Dienern meine Worte
gesendet, welche mit sehr gutem Weine verglichen werden, und sie sollen
dieselben anderen geben, weil sie heilsam sind. Mit dem Gefäße aber meine
ich Dich, die Du meine Worte hörst; denn Du hast beides gethan, und die Worte
sowohl gehört, als weiter verkündigt; Du bist ja mein eigenes Gefäß, das
ich fülle, wenn ich will, und aus dem ich schöpfe, so lange es mir gefällt.
Deshalb wird mein Geist Dir zeigen, wohin Du geben und was Du reden, auch wie
Du niemand fürchten sollst, außer mir. Freudig aber mußt Du gehen, wohin
ich Dich senden werde, und unverzagt sagen, was ich Dir
auftragen werde, weil mir niemand widerstehen kann und ich bei Dir bleiben
will."
Darauf redete die Braut: "Ich," sprach sie,
"die ich diese Stimme vernommen, habe mit Thränen also geantwortet: O
mein Herr, Gott, die ich, gleichsam der geringste Wurm, in Deiner Gewalt bin,
bitte Dich, daß Du mir Erlaubnis giebst, Dir zu antworten." Die Stimme
aber antwortete und sprach: "Ich habe Deine Antwort früher gewußt, als
Du dieselbe gedacht hast, Gleichwohl erteile ich Dir die Erlaubnis, zu
reden." Darauf sprach die Braut: "Ich frage, warum Du, o König
aller Herrlichkeit, und der Du alle Weisheit eingießest und alle Tugenden
wirkst und selber die Tugend bist, mich zu diesem Dienste annehmen willst, die
ich meinen Leib verzehrt hatte in der Sünde, die ich an Weisheit einem Esel
ähnlich und mangelhaft bin zur Übung von Tugenden? Zürne mir nicht darob,
mein süßester Gott Jesu Christe, daß ich Dich also gefragt habe; denn man
soll sich nicht über Dich verwundern, weil Du alles thun kannst, was Du
willst; über mich aber verwundere ich mich gänzlich, weil ich Dich in vielem
beleidigt, mich jedoch gar wenig gebessert habe." Die Stimme antwortete
und sprach: "Ich will Dir durch ein Gleichnis antworten. Einem reichen
und mächtigen Könige wurden verschiedene Münzen dargeboten; der König
ließ solche nachher schmelzen und daraus machen, was ihm beliebte, z. B.
Kronen und Ringe aus der goldenen Münze, Schüsseln und Trinkgefäße aus der
silbernen Münze, Kessel und Pfannen aus der kupfernen Münze, und der König
bediente sich derselben aller zu seiner Gemächlichkeit und Ehre. Wie Du Dich
nun darüber nicht verwunderst, so mußt Du Dich nun auch ebensowenig wundern,
daß ich meiner Freunde Herzen, welche mir von ihnen selber dargebracht sind,
gern annehme und daraus mache, was mir gefällt. Und wenn auch etliche einen
größeren Verstand, andere einen geringeren haben, so gebrauche ich doch,
indem sie mir ihre Herzen schenken, einige zu dem einen und andere zum andern,
alle aber zu meiner Herrlichkeit und Ehre, weil das Herz des Gerechten eine
Münze ist, welche mir höchlichst gefällt; und darum kann ich über
dasjenige, was mein ist, verfügen, wie ich will, und weil Du mein bist,
sollst Du Dich über das nicht wundern, was ich mit Dir vornehmen will. Sei
aber nur beständig und standhaft im Erdulden,
und willig, alles zu thun was ich Dir befehlen werde. Denn ich bin allerorten
mächtig, Dir zu geben, was Du bedarfst."
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