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Leben
und Offenbarungen der heiligen Brigitta
Unterweisung der Braut durch den Sohn wider den Teufel und Antwort des Sohnes an die Braut, wie er die Bösen nicht eher hinnimmt, als bis sie in Sünde kommen, und wie den Getauften, welche vor den Jahren des Verstandes sterben, das Himmelreich gegeben wird.
Der Sohn redete zur Braut und sprach: "Wenn der Teufel
Dich versucht, so halte ihm drei Worte vor: Gottes Worte können durchaus nur
wahr sein. Gott ist nichts unmöglich. Du Teufel kannst mir keine Inbrunst der
Liebe einflößen, wie sie Gott mir einflößt." Ferner redete der Herr
zur Braut und sprach: "Ich sehe den Menschen auf dreierlei Weise.
Erstlich, den Leib auswendig, wie derselbe beschaffen ist; zweitens, das
Gewissen inwendig, wohin und wie es sich richtet; drittens, was sein Herz
begehrt. Denn wie ein Vogel, welcher einen Fisch im Meere erblickt, auch
zugleich die Tiefe erwägt und die Meereswogen in Anschlag bringt, so kenne
und betrachte ich die Wege aller und gebe acht, was einem jeden gebührt, weil
ich ein schärferes Gesicht und eine tiefere Aufmerksamkeit habe, um besser
wissen zu können, wie es um den
Menschen steht, als er selber sich zu erkennen vermag. Darum, weil ich alles
also sehe und weiß, kannst Du mich fragen, weshalb ich nicht die Bösen
hinwegnehme, bevor sie in der Sünde Tiefe geraten? Hierauf antworte ich Dir
auf meine Frage persönlich: Ich bin der Schöpfer aller Dinge und alles ist
in meiner Voraussicht, ich weiß und sehe alles, was geschehen ist und
geschehen wird. Obgleich ich aber alles kenne und weiß, so thue ich doch
ebensowenig wider die natürliche Beschaffenheit des Leibes, als wider
diejenige der Seele, denn jeder Mensch besteht nach der natürlichen
Einrichtung seines Leibes so, wie sie in meiner Voraussehung ist und von
Ewigkeit her war. Wenn einer ein kürzeres, ein anderer ein längeres Leben
hat, so ist das eine Folge der größeren Stärke oder Schwäche der Natur und
der besonderen Beschaffenheit des Leibes; ist aber einer blind, der andere
lahm oder mit einem anderen Fehler behaftet, so ist das nicht infolge meiner
Voraussicht, weil ich alles auf die Art vorausweiß, daß niemand durch mein
Vorauswissen armseliger wird und Schaden leidet. Es geschieht das nicht nach
dem Laufe oder Stillstande der Elemente, sondern vermöge verborgener
Gerechtigkeit oder wegen Unordnung und Unregelmäßigkeit in der Lebensweise;
denn die Sünde und Unordnung der Natur führen vielfache Mißgestaltung der
Glieder herbei, und es ist dieses nicht eine Folge meines Willens, sondern
weil ich es der Gerechtigkeit gemäß zulasse, daß es geschieht; denn
obgleich ich alles vermag, widerstehe ich doch der Gerechtigkeit nicht. Die
größere oder kürzere Zeit also, welche jemand lebt, ist eine Folge der
schwächeren oder stärkeren Beschaffenheit seiner Natur, welche ich
allerdings vorausweiß und wogegen kein Widerstreben ist. In ähnlicher Weise
wird Dir auch ein Gleichnis Verständnis geben. Gesetzt, es seien zwei Wege
und zu denselben führt nur ein Pfad; in jenen beiden Wegen aber sind
unzählige Gräben, einer gegen den anderen und über dem anderen; das Ende
des einen der beiden Wege geht gerade abwärts, dasjenige des anderen jedoch
aufwärts. Auf der Wegscheide aber steht geschrieben: Wer auf diesem Wege
wandelt, fängt denselben an mit Freude und Wollust des Fleisches, und endet
mit großem Elend und Schande; wer aber auf dem anderen Wege wandelt, beginnt
mit geringer und erträglicher Mühe, und endet mit höchster Freude und
Trost. Derjenige, welcher zuerst
auf dem einen Pfade ging, war ein völlig Blinder. Als er aber an die
Wegscheide kam, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah die Schrift, in
welcher das Ende dieser beiden Wege enthalten ist. Als er diese Schrift
sorgfältig ansah, erschienen alsbald neben ihm die zwei Männer, denen die
Hut der beiden Wege anvertraut war. Als dieselben den Wanderer auf der
Wegscheide erblickten, sprachen sie untereinander: Wir wollen genau acht
geben, welchen Weg er lieber wird einschlagen wollen; er wird demjenigen Herrn
angehören, dessen Weg er erwählt haben wird. Der Wanderer aber dachte bei
sich über die Ziele und Verdienste der Wege nach, faßte einen klugen
Entschluß und wählte den Weg, dessen Anfang geringer Schmerz und dessen Ende
Freude war, vor dem anderen, der mit Freude begann und in Schmerzen endete;
denn er glaubte, es werde erträglicher und heilsamer sein, im Anfange eine
geringe Mühe zu erdulden und am Ende sicher zu ruhen. Weißt Du, was das
bedeutet? Ich will Dir's in Wahrheit sagen. Diese beiden Wege sind das Böse
und Gute, die vor dem Menschen sind. Was er lieber wählen will, ist in seiner
Gewalt und in seinem freien Willen, wenn er in die Jahre des Verstandes kommt.
Zu diesen beiden Wegen, nämlich der Wahl des Bösen oder Guten, leitet ein
Pfad: nämlich das Jünglingsalter, das zu den Jahren des Verstandes führt.
Wer diesen ersten Pfad geht, ist wie blind, da er zwischen Bösem und Gutem,
zwischen Sünde und Tugend, zwischen Gebotenem und Verbotenem nicht zu
unterscheiden weiß. - Wenn daher der Mensch auf diesem Wege allein wandelt,
nämlich im Knabenalter, so gleicht er einem Blinden; kommt er aber an den
Scheideweg, d. h. in die Jahre des Verstandes, dann werden ihm die Augen der
Einsicht aufgethan. Alsdann weiß er zu erwägen, ob es besser sei, einen
geringen Schmerz auszustehen und eine ewige Freude zu erlangen, oder nach
einer geringen Freude einen ewigen Schmerz. Es wird, welchen Weg er auch
erwählt haben mag, nicht an Leuten fehlen, welche seine Schritte sorgfältig
zählen werden. Auf diesen Wegen sind aber viele Gruben, eine wider die andere
und eine vor der anderen, weil im Jugendalter und im Greisenalter einer
früher, der andere später, einer in der Jugend, der andere im Alter stirbt.
Deshalb kann durch Gruben wohl das Ende dieses Lebens bedeutet werden, das
alle erwartet, den einen
so, den andern so, wie die natürliche Ordnung erheischt, und wie es in meiner
Voraussehung ist; denn, wenn ich einen wider die natürliche Ordnung des
Leibes hinwegnähme, dann würde daraus der Teufel sogleich einen Vorwurf
wider mich erheben. Damit nun der Teufel auch im mindesten an mir nichts
finden möge wider die Gerechtigkeit, störe ich ebensowenig die natürliche
Ordnung des Leibes, als die der Seele. Aber betrachte meine Güte und
Barmherzigkeit; denn ich gewähre, wie der Lehrmeister spricht, auch denen
Lohn, welche ohne Verdienst sind, und schenke aus großer Liebe allen, die
getauft sind, und vor den Jahren des Verstandes sterben, das Himmelreich, wie
Lukas XII, V. 32 geschrieben steht: Es hat meinem Vater gefallen, solchen das
Himmelreich zu geben. Auch den Kindern der Heiden erweise ich aus Liebe
Barmherzigkeit. Alle, welche von denselben vor den Jahren der Erkenntnis
sterben, gelangen, weil sie zum Anschauen meines Angesichtes nicht kommen
können, an einen gewissen Ort, den Du nicht wissen darfst, wo sie ohne Pein
sein werden. Diejenigen aber, welche auf dem einen Wege fortgeschritten zu
jenen beiden, d. h. zu den Jahren der Erkenntnis des Guten und Bösen
gelangen, haben es in ihrer Gewalt, das zu erwählen, was ihnen am meisten
gefällt, und je nach dem, wohin sie ihren Willen richten, wird ihnen ihr Lohn
zu teil; denn an dem Scheidewege verstanden sie die Schrift zu lesen, wonach
es besser ist, im Anfange einen geringen Schmerz auszustehen und am Ende
Freude zu haben. Jedoch geschieht es zuweilen, daß manche vor der
natürlichen Ordnung des Leibes hingenommen werden, z. B. durch Totschlag,
Trunkenheit und anderes dergleichen, damit der Sünder nicht, wie es die
Bosheit des Teufels verlangt, eine um so längere Pein ausstehen müßten, je
länger sie lebten. Wenn also Gerechtigkeit und Sünde es verlangen, so werden
manche vor der natürlichen Ordnung des Leibes hinweggenommen, und zwar ist
diese Hinwegnahme von Ewigkeit her von mir vorausgewußt, gegen welche zu
sträuben niemand imstande ist. So werden auch zuweilen die Guten vor der
natürlichen Ordnung des Leibes hinweggenommen wegen der überaus großen
Liebe, die ich zu ihnen habe, sowie auch wegen ihrer inbrünstigen Liebe zu
mir, wodurch sie ihr Fleisch gekreuziget haben; auch sie werden nach meiner
Gerechtigkeit und wie ich es von Ewigkeit vorausgesehen
habe, vor der Zeit hinweggenommen. So thue ich denn ebensowenig wider die
natürliche Ordnung des Leibes, als der Seele."
Des Sohnes Klage über eine zu verdammende Seele in Gegenwart der Braut, und Christi Antwort für den Teufel, weshalb er ihm diese Seele überlasse, und weshalb er gestatte, daß die Bösen seinen wahren Leib berühren, nehmen und empfangen.
Gott erschien zornig und sprach: "Das Werk meiner
Hände, das ich in die höchste Ehre eingesetzt habe, verachtet mich am
meisten. Diese Seele, der ich alle Fürsorge meiner Liebe zugewendet habe, hat
mir dreifaches Unrecht gethan: sie wendet ihre Augen von mir ab und meinem
Feinde zu, sie hat ihren Willen der Welt hingegeben, sie überläßt sich dem
Glauben, wider mich frei sündigen zu können. Darum, weil sie nie daran
dachte, ihren Blick mir zuzuwenden, habe ich ihr unversehens ihr Recht gethan,
und weil ihr Wille allezeit gegen mich war und sie sich einem falschen
Vertrauen überließ, habe ich alles von ihr genommen, was sie
verlangte." Da rief ein Teufel aus und sprach: "Richter, diese Seele
ist mein." Der Richter sprach: "Was hast du wider sie?" Jener
entgegnete: "Deine Klage wider diese Seele ist der Grund meiner Anklage,
nämlich, daß sie Dich, ihren Schöpfer, verachtet hat; deshalb ist sie meine
Dienerin geworden. Wie könnte sie, nachdem sie plötzlich hinweggenommen
worden, Dich nun auch plötzlich besänftigen? Dann auch, als sie in der Welt
in einem gesunden Leibe lebte, diente sie Dir nicht mit aufrichtigem Herzen,
weil sie mit größerer Inbrunst das Geschöpf liebte und ihre Krankheit nicht
geduldig trug. Auch hat sie ihre Werke nicht, wie sie mußte, in Betracht
gezogen. Endlich aber brannte sie nicht im Feuer der Liebe, und weil Du sie
plötzlich hinweggenommen hast, ist sie mein." Der Richter erwiderte:
"Das plötzliche Ende würde nicht verdammen, wenn nicht die bösen Werke
entgegenstünden, auch der Wille, wenn er ohne sorgfältige Überlegung
handelte, würde nicht verdammt." Darauf kam die Mutter Gottes und
sprach: "Mein Sohn, wenn ein nachlässiger Diener einen Freund seines
Herrn zum Freunde hat, wird ihm dieser gute Freund nicht beistehen? Oder wird
er nicht durch ihn, wenn er darum bittet, errettet werden?" Der Richter
antwortete: "Alle Gerechtigkeit muß mit Barmherzigkeit und Weisheit
verbunden sein, mit Barmherzigkeit zur Milderung der Strenge, mit Weisheit,
damit die Billigkeit bewahrt werde. Wenn die Übertretung aber eine solche
ist, daß sie nicht verziehen werden darf, so wird sie doch um der Fürbitte
des Freundes willen, unbeschadet der Gerechtigkeit, milder behandelt werden
können." Darauf sprach die Mutter: "Mein gebenedeiter Sohn, diese
Seele hat mich beständig im Gedächtnisse gehabt und mir Ehrerbietung
erwiesen; es war ihr eine Freude, meine Feste zu feiern, wenn sie auch gegen
Dich kalt war. Darum erbarme Dich ihrer." Der Sohn antwortete wieder:
"Du weißt und siehst, gebenedeite Mutter, alles in mir. Obwohl diese
Seele Dich im Gedächtnisse hatte, so that sie es doch mehr des zeitlichen,
als des geistigen Vorteiles wegen. Meinen reinsten Leib hat er nicht so
behandelt, wie er gesollt hätte. Sein stinkender Mund hat die Hinneigung
meiner Liebe zu ihm verhindert. Die Weltliebe und die Zügellosigkeit haben
ihm mein Leiden verborgen. Das übergroße Vertrauen auf meine Verzeihung und
das Nichtbedenken seines Endes haben sein Leben beschleunigt. Und obwohl er
mich stets genossen, wurde er doch dadurch nicht viel gebessert, weil er sich
nicht vorbereitete, wie er mußte; denn wer einen guten Gast und Herrn
empfangen will, muß nicht nur die Herberge, sondern alle Geräte dazu
vorbereiten. Also hat dieser nicht gethan; denn, wenn er auch das Haus
gereinigt, so hat er's doch nicht gekehrt mit Ehrerbietung und Sorgfalt, noch
den Estrich mit den Blumen der Tugenden bestreut. Ebensowenig hat er die
Gerätschaften seiner Glieder mit Enthaltsamkeit geschmückt. Daher siehst Du
genugsam, was er hätte thun sollen, und was er verdient hat. Denn, obwohl ich
unbegreiflich und unverletzlich, auch durch meine Gottheit allenthalben bin,
so habe ich doch meine Lust an einem reinen Menschen, obwohl ich sowohl beim
Guten, als beim Verdammten einkehre. Die Frommen empfangen diesen meinen Leib,
welcher gekreuzigt und zum Himmel aufgefahren ist, und der im Manna und im
Mehle der Witwe vorgebildet war; ebenso empfangen ihn die Bösen; die Guten zu
größerem Troste, die Bösen aber zu größerer
Gerechtigkeit des Gerichtes, weil sie sich nicht scheuen, unwürdig zu etwas
so Würdevollem heranzutreten." Der Teufel antwortete: "Wenn er so
unwürdig zu Dir getreten und dadurch sein Gericht erschwert ward, weshalb
hast Du ihm verstattet, zu Dir zu kommen, und Dich, den Hochwürdigen, zu
berühren?" Der Richter entgegnete: "Du fragst nicht aus Liebe, die
du nicht hast, sondern weil Du gezwungen wirst durch meine Kraft um dieser
meiner Braut halber, welche dieses hört. Wie mich in meiner Menschheit Gute
und Böse berührt haben, damit die wahre Menschheit und die Demut der Geduld
dargethan würde, so speisen mich Böse und Gute am Altare, die Guten zu
größerer Vervollkommnung, die Bösen aber, damit sie nicht glauben, sie
seien verdammt. und weil sie, nachdem sie diesen meinen Leib genommen, wenn
sie wollen, persönlich ihren Willen ändern und sich bekehren können. Welche
größere Liebe kann ich zeigen, als wenn ich, der Allerreinste, eingehe in
das unreinste Gefäß, wiewohl ich wie die leibliche Sonne von niemand
verunreinigt werden kann? Diese Liebe verachten du und deine Freunde, weil ihr
euch wider die Liebe verhärtet habt." Darauf erwiderte die Mutter:
"O guter Sohn, so oft er zu Dir gekommen, hatte er doch Furcht vor Dir,
obwohl nicht so, wie er hätte haben sollen. Es hat ihn auch gereut, daß er
Dich beleidigt, obwohl nicht vollkommen. Dieses, mein Sohn, möge ihm
meinetwegen zum Nutzen gereichen." Der Sohn erwiderte dagegen: "Ich
bin, wie der Prophet spricht, die wahre Sonne, aber weit besser, als die
materielle Sonne. Die materielle Sonne durchdringt weder die Berge, noch die
Gemüter, ich aber vermag beides. Wenn also der Berg der materiellen Sonne
widersteht, daß sie nicht in die Nähe der Erde kommt, was widersteht mir
anderes, als die Sünde, wodurch diese Seele nicht von meiner Liebe berührt
wird? Wenn ich aber eingegangen sein werde in einen Teil eines reinen
Gemütes, was für einen Trost kann ich haben, wenn vom anderen Teile Gestank
ausgeht? Deshalb muß hinweggethan werden, was unsauber ist, und dann folgt
nach der Schönheit die Süße." Die Mutter antwortete: "Dein Wille
geschehe mit aller Barmherzigkeit." ![]()
Dieser Priester wurde oft wegen seiner Unenthaltsamkeit verwarnt, wollte sich aber nicht bessern. Als er eines Tages auf die Wiese hinausging, um sein Pferd zu besorgen, traf ihn bei einem ausbrechenden Gewitter ein Blitzstrahl, der ihn tötete. Er erschien am ganzen Leibe unbeschädigt, mit Ausnahme der Schamteile, welche ganz verbrannt waren. Hierauf sprach der Geist Gottes: "Dergleichen verdienen jene an der Seele, wie dieser am Leibe, welche sich in dergleichen Wollust und Elend verstricken."
Bewundernde Worte der Mutter Gottes zur Braut, und wie sich in dieser Welt fünf Häuser befinden, deren Einwohner die fünf Stände der Menschen vorstellen, nämlich: die ungläubigen Christen; die verhärteten Juden; die Heiden für sich; die Juden und Heiden zusammen und die Freunde Gottes. Merke in diesem Kapitel vieles Nützliche.
Maria sprach: Etwas Großes ist es, daß der Herr aller
Dinge und der König der Herrlichkeit verachtet wird. Er war wie ein Fremdling
auf der Erde, der von Ort zu Ort wandert, und wie ein Wanderer, welcher an
vieler Thüre klopft, um sich die Aufnahme zu verdienen. Die Welt war wie ein
Grundstück, auf welchem sich fünf Häuser befanden. Als mein Sohn im
Pilgergewande an das erste Haus gekommen war, klopfte er an die Thür und
sprach: "Freund, öffne mir, führe mich in die Ruhe ein und laß mich
bei dir wohnen, damit nicht etwa die wilden Tiere mir Schaden thun, und damit
nicht Regen und Wassergüsse über mich kommen. Gieb mir von deinen Kleidern,
damit ich Frostleidender warm und ich Nackter bedeckt werde. Gieb mir von
deiner Speise, damit ich Hungernder gesättigt werde, von deinem Tranke, damit
ich Dürstender erquickt zu werden verdiene, und empfange den Lohn von deinem
Gotte." Hierauf antwortete derjenige, welcher drinnen war: "Du bist
gar zu unverträglich, deshalb kannst du dich nicht mit uns vertragen und bei
uns wohnen, du bist zu groß, deshalb vermögen wir nicht, dich zu bekleiden,
du bist zu gierig und zu gefräßig, deshalb sind wir nicht imstande, dich zu
sättigen, weil deine Begehrlichkeit bodenlos ist." Der Fremde, welcher
Christus und
draußen war, antwortete: "Freund, laß mich fröhlich und gern ein; denn
ich begnüge mich mit einem engen Ort. Gieb mir von deinen Kleidern; denn in
deinem Hause ist kein Kleid so klein, das nicht hinreichte, mich zu erwärmen.
Gieb mir von deiner Speise; denn auch ein Bissen kann mich sättigen und ein
Tropfen Wasser wird mir Erquickung und Stärkung gewähren." Derjenige,
der drinnen war, antwortete wieder: "Wir kennen dich wohl; du bist
demütig von Worten, aber zudringlich in Bitten, du erscheinst bescheiden und
genügsam, bist aber unersättlich, wenn es ans Füllen geht, sehr kalt bist
du und sehr schwierig, wenn es darauf ankömmt, zu helfen; geh', denn ich
werde dich nicht aufnehmen." Dann tritt der Pilger ans zweite Hans und
spricht: "Freund, öffne und siehe mich an! Ich will dir geben, wessen du
bedarfst; ich will dich gegen deine Feinde verteidigen." Der drinnen war,
antwortete: "Meine Augen sind schwach; es würde nachteilig für sie
sein, wenn ich dich sähe. Ich habe Überfluß in allen Dingen und bedarf der
deinigen nicht. Ich bin mächtig und stark; wer sollte mir schaden
können." Er trat hierauf zum dritten Hause und sprach: "Freund,
neige dein Ohr und höre mich, strecke deine Hände aus und betaste mich,
öffne deinen Mund und koste mich." Der Bewohner des Hauses sprach:
"Rufe lauter, damit ich dich besser hören kann; bist du sanft, so will
ich dich heranziehen; bist du süß, so werde ich dich aufnehmen."
Hierauf ging er zum vierten Hause, dessen Thür fast zur Hälfte geöffnet
war, und sprach: "Freund, wenn du beachten wolltest, wie unnütz du deine
Zeit verbracht, würdest du mich aufnehmen! Wenn du vernähmest und hörtest,
was ich für dich gethan, so würdest du Mitleid mit mir haben. Wenn du
beachtetest, wie sehr du mich beleidigt hast, so würdest du seufzen und um
Verzeihung bitten." Der drinnen antwortete: "Wir sind gleichsam in
Erwartung deiner und im Verlangen nach dir gestorben, habe also Mitleid mit
unserem Elende; wir ergeben uns dir sehr gern. Siehe an unseren Jammer und
bedenke die Angst unseres Leibes, und wir werden zu allem bereit sein, was du
willst." Dann kam er ans fünfte Haus, das ganz offen war, und sprach:
"Freund, hier möchte ich gern eintreten, aber wisse, daß ich eine
weichere Ruhe suche, als Federn gewähren können, eine höhere Wärme, als
die Wolle zu geben vermag, eine frischere Speise, als
eines Tieres frisches Fleisch wird gewähren können." Diejenigen, welche
drinnen waren, antworteten: Hämmer liegen zu unseren Füßen; damit wollen
wir herzlich gern unsere Beine und Schenkel zerschmettern und dir das
herausfließende Mark zur Ruhe geben. Unser Eingeweide, unser ganzes
Inwendiges wollen wir dir öffnen, gehe auch da hinein. Denn, wie du auf
nichts Weicherem ruhen kannst, als auf unserem Marke, so hast du auch kein
besseres Wärmemittel, als unsere Eingeweide. Unser Herz ist frischer, als
alles Tierfleisch; wir wollen dasselbe gern dir zur Speise zerschneiden; tritt
nur ein, denn du bist süß zu schmecken und lieblich zu genießen. - Die
Einwohner der fünf Häuser sind die fünf Stände der Menschen in der Welt.
Die ersten sind die ungläubigen Christen, welche meines Sohnes Gerichte
ungerecht, seine Verheißungen und seine Gebote unerträglich nennen. Diese
sind es, deren Gedanken, Verstand und Lippen lästernderweise zu meines Sohnes
Predigern sagen: "Wenn er allmächtig wäre, würde er das ihm angethane
Unrecht rächen; er ist sehr lang und man kann ihn nicht abreichen; er ist
sehr breit und sehr hoch und kann nicht bekleidet werden; er ist unersättlich
und man kann ihn nicht erquicken; er ist gar ungeduldig und man kann bei ihm
nicht wohnen. Sehr lang nennen sie ihn, weil sie gar klein sind in Werken und
in der Liebe, auch nicht wagen, sich zu seiner Güte zu erheben. Sehr breit
nennen sie ihn, weil ihre Begierde kein Maß kennt. Sie wenden stets einen
Mangel vor, argwöhnen Böses, ehe es vorhanden ist. Der Unersättlichkeit
beschuldigen sie ihn, weil Himmel und Erde ihm nicht genügen und er sogar von
den Menschen die besten Gaben fordert. Alles nach dem Gebote für die Seele
hinzugeben, halten sie für die größte Thorheit, dagegen für den größten
Schaden, wenn nur weniges dem Leibe abgeht. Überaus ungeduldig nennen sie
ihn, weil er das Laster haßt und ihnen zuschickt, was ihrem Willen zuwider
ist. Sie halten nichts für nützlich und schön, als was ihnen ihre leibliche
Wollust eingiebt. Nun aber ist wahrlich mein Sohn . allmächtig im Himmel und
auf Erden, der Schöpfer aller Dinge, von niemand erschaffen, vor allen Dingen
bleibend und nach ihm wird keiner sein. Er ist freilich unter, außer und
über allen Dingen der Längste, Höchste, Breiteste. Wenngleich er aber nun
so mächtig ist begehrt er doch aus Liebe, mit der Dienstbarkeit des
Menschen bekleidet zu werden, er, der eines Kleides nicht bedarf, weil er
alles bekleidet und selber immerdar und unveränderlich mit ewiger Ehre und
Herrlichkeit bekleidet ist. Er begehrt, erquickt zu werden durch die Liebe der
Menschen, er, der das Brot der Engel und Menschen ist und alles erquickt,
selber aber nichts bedarf. Um Frieden bat er den Menschen, er, der der
Wiederhersteller und Gründer des Friedens ist. Wer ihn also mit fröhlichem
Herzen aufnehmen will, wird ihn auch mit einem Bissen Brotes sättigen
können, wenn nur der Wille gut ist. Mit einem Faden kann er ihn kleiden, wenn
die Liebe brennend ist. Mit einem Tropfen kann er seinen Durst stillen, wenn
nur die Zuneigung zu ihm aufrichtig ist. Er vermag ihn in sein Herz
aufzunehmen und mit ihm zu reden, wenn seine Andacht brünstig und beständig
ist. Gott ist ein Geist und will deshalb das Fleischliche verwandeln in
Geistliches und das Vergängliche in Ewiges, auch rechnet er ihm, was seinen
Gliedern erzeigt wird, so an, als ob es ihm selbst geschähe oder erzeigt
werde. Ferner sieht er nicht das Werk und das Vermögen allein an, sondern den
brünstigen Willen und mit welcher Absicht das Werk vollbracht worden. Diese
aber (die ungläubigen Christen) verhärten um so mehr ihren Sinn gegen meinen
Sohn, je mehr derselbe durch geheime Einsprechungen zu ihnen redet, ihnen
zuruft, je mehr er sie in seinen Predigten ermahnt; sie hören ihn nicht, noch
öffnen sie ihm willig ihre Pforte, noch führen sie ihn durch Werke der Liebe
in ihre Herzen ein. Darum wird, wenn ihre Zeit gekommen ist, die Unwahrheit,
auf welche sie sich gestützt haben, zunichte werden, die Wahrheit aber sich
erheben und Gottes Herrlichkeit offenbar werden. - Der zweite Stand sind die
verhärteten Juden. Diese dünken sich in allen Dingen vernünftig zu sein und
halten ihre Weisheit für des Gesetzes Gerechtigkeit. Sie rühmen ihre Werte
und halten dieselben für lobwürdiger, als andere. Wenn diese von meines
Sohnes Thaten hören, kommen ihnen dieselben verächtlich vor; vernehmen sie
seine Worte und Gebote, so ärgern sie sich an ihnen, ja, sie halten sich für
Sünder und für befleckt, wenn sie den Interessen meines Sohnes eine
aufmerksame Beachtung schenken, für noch unglücklicher und elender, wenn sie
seinem Beispiele folgen würden; aber für höchst glücklich, solange sie die
Gunst der Welt besitzen; solange sie gesund sind an Kräften, glau-
ben sie sehr stark zu sein. Deshalb wird ihre Hoffnung in Nichts zerfallen und
ihre Herrlichkeit in Schande sich verwandeln. - Die dritten sind die Heiden,
deren einige spottweis täglich rufen: "Wer ist jener Christus? Ist er
süß im Geben des Gegenwärtigen, dann wollen wir ihn gern aufnehmen, ist er
in Verzeihung der Sünde mild, dann wollen wir ihn noch lieber ehren. Sie
schließen also die Augen ihrer Einsicht so, daß sie weder die Gerechtigkeit,
noch die Barmherzigkeit erkennen, sie verstopfen ihre Ohren, um nicht zu
hören, was der Sohn Gottes für sie und für alle gethan, sie pressen ihren
Mund zusammen und fragen nicht, was ihnen bevorsteht oder nützlich ist, sie
legen ihre Hände in den Schoß, und weigern sich, zu arbeiten und den Weg zu
suchen, um der Lüge zu entfliehen und die Wahrheit zu finden. Weil sie daher
weder erkennen noch sich hüten wollten, obwohl sie es könnten, auch Zeit
haben, werden sie in den Sturz ihres Hauses, welches der Sturm zerstört,
verwickelt werden. - Die vierte Art sind jene Juden und Heiden, welche gern
Christen wären, wenn sie wüßten, auf welche Weise es geschehen könne, wenn
sie wüßten, was meinem Sohne gefällt, und wenn ihnen jemand helfen würde.
Sie hören täglich von ihrer Umgebung und erkennen durch die innerliche
Stimme der Liebe und Zeichen, was mein Sohn gethan und, für alle gelitten
hat. Deshalb schreien sie in ihrem Gewissen zu meinem Sohne und sprechen:
"O Herr, wir haben gehört, wie Du uns versprochen, daß Du Dich uns
geben wolltest; darum warten wir Deiner, komm' und erfülle Deine Verheißung.
Denn wir erkennen und sehen an den Göttern, die wir bisher verehrt haben,
keine Götterkraft, keine Liebe zu den Seelen, keine Keuschheit, sondern wir
finden an denselben nur die Freundschaft der Leiber und die Liebe der Ehre der
gegenwärtigen Welt. Wir vernahmen auch von Deinem Gesetze und hörten von
Deinen großen Thaten in aller Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Wir hören
aus den Reden Deiner Propheten, daß sie Dich, den sie weissagten, erwarteten.
Komm' daher, o liebreichster Herr; denn wir werden Dir uns selber gern geben,
weil wir erkennen, wie in Dir Liebe der Seelen, bescheidener Gebrauch aller
Dinge, vollkommene Reinheit und ewiges Leben ist; komm' daher bald (denn wir
sind vor Erwartung Deiner fast gestorben) und erleuchte uns." Also
schreien diese zu meinem Sohne. Und deshalb ist bei ihnen die
Thür bis zur Hälfte geöffnet; denn sie haben einen vollkommenen Willen zum
Guten, und obwohl sie noch nicht zum Ziele gelangt sind, verdienen sie doch,
meines Sohnes Trost und Gnade zu haben. - Im fünften Hause sind meine Freunde
und Söhne, deren Herzensthüre meinem Sohne ganz offen steht. Diese hören
meinen Sohn gern, wenn er ruft. Sie öffnen ihm nicht allein, wenn er klopft,
sondern eilen ihm, wenn er kömmt, fröhlich entgegen. Diese brechen mit den
Hämmern der göttlichen Gebote alles, was an ihnen verkrümmt ist; sie
bereiten meinem Sohne Ruhe, nicht auf Federn von Vögeln, sondern auf der
Einhelligkeit ihrer Tugenden und auf der Beherrschung der bösen Neigungen,
welche das Mark aller Tugenden ist; sie verschaffen meinem Sohne auch eine
Wärme, welche nicht mit Wolle hervorgebracht wird, sondern aus einer so
brünstigen Liebe hervorgeht, daß sie nicht allein das ihrige, sondern sich
selbst meinem Sohne darbringen. Außerdem bereiten sie meinem Sohne eine
Mahlzeit zu, frischer, als alles Fleisch; dieselbe besteht in einem höchst
vollkommenen Herzen, mit welchem sie nichts begehren, nichts lieben, als ihren
Gott. In ihrem Herzen ist Herr der Herr des Himmels, und von ihrer Liebe wird
Gott erquickt, der selber alles lieblich erquickt. Ihre Augen sind stets auf
die Thore gerichtet, damit der Feind nicht eingehe, die Ohren nach dem Herrn,
die Hände aber gegen den Feind, um zu kämpfen. Diesen folge Du, meine
Tochter, nach, so gut Du vermagst; denn ihre Grundlage ist der festeste
Felsen. Die anderen Häuser aber haben ihren Grund auf Lehm, und werden
deshalb, wenn ein Wind kömmt, erschüttert.
Worte der Mutter Gottes zum Sohne für die Braut, und wie Christus unter Salomo dargestellt ist, und von dem grausamen Urteile gegen die falschen Christen.
Die Mutter Gottes redete zum Sohne und sprach: "Siehe,
mein Sohn, Deine Braut weint, weil Deiner Freunde wenige, der Feinde aber
viele sind." Der Sohn antwortete: "Es steht geschrieben: "Die
Kinder des Reiches werden ausgestoßen werden, und die Kinder, die außerhalb
des Reiches sind, werden das Erbe
empfangen. So steht auch geschrieben, wie eine Königin von den äußersten
Grenzen gekommen, um Salomos Reichtümer zu sehen und seine Weisheit zu
hören. Als sie beides gesehen, hatte sie vor Erstaunen kaum noch Atem.
Diejenigen aber, welche in seinem Reiche waren, hatten weder acht auf seine
Weisheit, noch bewunderten sie seine Reichtümer. Ich bin in jenem Salomo
vorgebildet, aber weit reicher und weiser, als Salomo; denn von mir ist alle
Weisheit, sei auch jemand noch so weise. Mein Reichtum ist das ewige Leben und
unaussprechliche Herrlichkeit. Diese habe ich den Christen versprochen und
gebe es ihnen als (meinen) Kindern, so daß sie dieselbe, wenn sie mir
nachfolgten und meinen Worten glaubten, ewig besitzen würden. Allein sie
merken nicht auf meine Weisheit, verachten meine Werke und meine Verheißung
und achten meine Reichtümer für nichts. Was soll ich ihnen nun thun?
Fürwahr! jetzt werden, weil die Kinder die Erbschaft nicht haben wollen,
Fremde, d. h. die Heiden, dieselbe an sich nehmen; denn wie die fremde
Königin, unter welcher ich die ungläubigen Seelen verstehe, werden sie
kommen und die Reichtümer meiner Herrlichkeit und Liebe so sehr bewundern,
daß sie dem Geiste des Unglaubens widersagen und mit meinem Geiste werden
erfüllt werden. Was soll ich aber den Kindern des Reiches thun? Ich will
ihnen thun wie ein verständiger Töpfer, welcher das Gefäß, das er zuvor
aus Thon bereitet hat, wenn er sieht, daß es nicht schön und tüchtig ist,
auf die Erde wirft und zertritt. Also werde ich auch jenen Christen thun,
welche, obwohl sie mein Eigentum sein sollten, und nach meinem Bilde gestaltet
und mit meinem Blute erlöst sind, doch abscheulich verunstaltet erscheinen,
weshalb sie wie Koth getreten und in die Hölle hinabgestürzt werden
sollen." ![]()
Worte Gottes vor der Braut von seiner Herrlichkeit; von merkwürdigen Vorbildern, da Christus unter David, die Juden, bösen Christen und Heiden unter den drei Söhnen Davids verstanden werden, und wie die Kirche auf den sieben Sakramenten besteht.
Ich bin Gott, aber nicht von Stein und Holz, noch erschaffen
durch jemand, sondern der Schöpfer aller Dinge, bleibend, ohne Anfang und
ohne Ende. Ich bin`s, der in die Jungfrau gekommen, der in der Jungfrau
gewesen ist und doch die Gottheit nicht verloren hat. Vielmehr regierte ich,
da ich mit der Menschheit in der Gottheit war, so daß die Gottheit eins blieb
mit dem Vater und dem heiligen Geiste, im Himmel und auf Erden durch meine
Gottheit. Ich entflammte auch mit meinem Geiste die Jungfrau, nicht so, daß
mein Geist, welcher entflammte, von mir gesondert worden wäre, sondern er,
der entflammte, war zugleich im Vater und in mir, dem Sohne, und in ihm waren
der Vater und der Sohn, und diese sind Ein Gott, aber nicht drei Götter. Ich
bin ähnlich dem Könige David, welcher drei Söhne hatte. Einer von ihnen
hieß Absalom; dieser trachtete seinem Vater nach dem Leben. Der zweite,
nämlich Adonias, hatte sein Verlangen auf das Reich seines Vaters gesetzt.
Der erstere bedeutet die Juden; diese sind es, welche nach meinem Leben und
Tode trachteten und meine Ermahnungen verachteten; darum kann ich jetzt,
nachdem ich gesehen habe, wie ihnen vergolten wurde, sagen, wie David von
seinem toten Sohne gesagt hat: Mein Sohn Absalom, d. h. o! ihr Judenkinder, wo
ist nun euer Verlangen und euere Erwartung? O meine Kinder, wo ist nun euer
Ende? Ich hatte Mitleid mit euch seit der Zeit, wo ihr nach meiner Ankunft
verlangtet, dessen, von dem ihr durch so viele Zeichen vernommen hattet, daß
er gekommen sei, wo ihr begehrtet das Vergängliche, nachdem schon alles
entflohen war. Jetzt aber habe ich noch innigeres Mitleid, und wiederhole wie
David das erste Wort, weil ich euer Ende im Elende des Todes erblicke und noch
einmal aus höchster Liebe spreche ich mit David: Mein Sohn, wer giebt mir,
daß ich sterbe für Dich?
David wußte wohl, daß er mit seinem Tode den toten Sohn nicht wieder würde
zurückrufen können, sondern um die sofort hervortretende Neigung der
väterlichen Liebe und des guten Willens zu zeigen, wenn es möglich wäre,
statt des Sohnes gern den Tod auf sich zu nehmen, obwohl er wußte, daß es
nicht möglich war. So sage ich nun: O ihr Judenkinder, obwohl ihr einen
bösen Willen wider mich gehabt, und, so viel ihr vermochtet, gegen mich
gehandelt habt, ich würde, wofern es möglich wäre und es dem Vater also
gefiele, gern noch einmal für euch sterben, weil mich euer Elend jammert, das
ihr euch vermöge der Gerechtigkeit selber bereitet habt. Meine Werke und mein
Beispiel haben euch gezeigt, was ihr thun müßt; ich bin euch vorangegangen
und wie eine Henne habe ich euch unter den Flügeln der Liebe geschützt,
allein ihr habt alles verachtet, deshalb ist alles, was ihr begehrtet,
enteilt, euer Ende ist im Elende und all' euer Mühen erfolglos. Durch den
zweiten Sohn Davids, welcher wider seinen Vater im Alter sündigte, werden die
schlechten Christen bedeutet; denn er dachte also bei sich: Mein Vater ist ein
alter Mann, seine Kräfte haben nachgelassen; rede ich etwas Arges wider ihn,
so wird er nicht antworten, thue ich ihm etwas zuwider, so wird er's nicht
strafen, und unternehme ich irgend einen Angriff auf ihn, so wird er's
geduldig ertragen, deshalb werde ich thun, was ich will. Nun ging er mit
einigen Dienern seines Vaters David hinauf in einen Wald, worin sich wenige
Bäume befanden, um zu herrschen. Als aber die Weisheit und der Wille seines
Vaters an den Tag kamen, mußte er sein Vorhaben aufgeben und seine Anhänger
ernteten Schande. So machen es jetzt die Christen mit mir. Sie denken bei sich
also: Die Zeichen und Gerichte Gottes sind jetzt nicht so offenbar, wie zuvor.
Wir können reden, was wir wollen; denn er ist barmherzig und giebt nicht acht
darauf. Wir wollen thun, was uns gefällt; denn er verzeiht uns leicht. Sie
glauben nicht an meine Macht, als ob ich jetzt minder vermögend wäre, zu
thun, was ich will, wie zuvor. Sie betrachten meine Liebe mit
Geringschätzung, als wollte ich mich ihrer nicht ebenso erbarmen, wie ihrer
Väter. Sie machen mein Gericht spöttisch und halten meine Gerechtigkeit für
eine eitle Sache. Deshalb steigen sie auch mit einigen Dienern Davids in einen
Wald hinauf, um voll Selbstvertrauen zu herrschen.
Was ist jener Wald, in welchem nur wenige Bäume zu stehen pflegen, anderes,
als meine heilige Kirche, in welcher die wenigen Bäume der sieben Sakramente
stehen? In diese Kirche kommen sie hinein, aber mit einigen Dienern Davids, d.
h. mit wenigen guten Werken, um voll Selbstvertrauen das Reich Gottes zu
erlangen. Denn obwohl sie wenig gute Werke haben, sondern in was immer für
Sünden sich befunden haben und noch immer befinden, so haben sie doch das
Vertrauen, das Himmelreich gewissermaßen als Erbrecht in Besitz zu nehmen.
Allein wie der Sohn Davids, welcher wider den Willen Davids das Reich erlangen
wollte, mit Schande verstoßen (weil er es ohne Recht begehrte und ungerecht
war) und das Reich einem weiseren und besseren gegeben wurde, so werden auch
sie aus meinem Reiche verstoßen werden, und es wird denen gegeben werden,
welche den Willen Davids thun, weil niemand, als wer die Liebe hat, mein Reich
wird erlangen können. Auch nur der Reine, und wer sich nach meinem Herzen
richtet, wird mir, dem Reinsten, nahe kommen können. Der dritte Sohn Davids
war Salomo. Dieser bedeutet die Heiden. Als Bethsabee hörte, daß ein
anderer, als Salomo, dem David die Herrschaft bereits versprochen hatte, von
einigen erwählt worden, trat sie ein bei David und sprach: "Mein Herr,
Du hast mir geschworen, Salomo solle nach Dir herrschen, Nun aber ist ein
anderer erwählt worden. Geschieht es also und wird dieser Erfolg haben, dann
werde ich als eine Ehebrecherin zum Feuer verdammt und mein Sohn ein
unehelicher sein." Nachdem David dieses vernommen, erhob er sich und
sprach: "Ich schwöre bei Gott, Salomo soll auf meinem Throne sitzen und
nach mir herrschen." Und er befahl seinen Dienern, daß sie Salomo auf
den Thron seines Reiches erheben und als den König ausrufen sollten, den
David erwählt habe. Die Diener befolgten den Befehl ihres Herrn und erhoben
Salomo mit großer Macht; alle anderen, welche seinem Bruder angehangen
hatten, wurden zur Flucht genötigt und unterworfen. Wer anders ist jene
Bethsabee, die sich für eine Ehebrecherin achtete, wenn ein anderer zum
König erwählt würde, als der Glaube der Heiden? Denn kein Ehebruch ist
schlimmer, als der Ehebruch von Gott und vom rechten Glauben, und einen
anderen Gott glauben, als den Schöpfer aller Dinge. Wie Beth-
sabee kommen auch unter den Heiden manche mit demütigem und zerknirschtem
Herzen zu Gott und sprechen: "Herr, Du hast uns verheißen, wir sollten
künftig Christen werden, erfülle nun Dein Versprechen. Wenn ein anderer
König, d. h. ein anderer Glaube, sich über uns erhöht, als der Deinige, und
Du Dich von uns sondern wirst, werden wir Elenden verbrannt werden und wie
eine Ehebrecherin, welche statt ihres Ehemannes einen Ehebrecher aufnahm,
getötet werden; Du wirst, obwohl Du ewig lebst, uns sterben und wir Dir, wenn
Du mit Deiner Gnade Dich von unseren Herzen entfernst und wir durch unseren
Unglauben Dir entgegen sind. Darum erfülle Deine Verheißung, stärke unsere
Schwäche und erleuchte unsere Finsternis; denn, wofern Du verziehst, d. h.
wenn Du Dich von uns entfernst, werden wir umkommen." Nachdem ich dieses
vernommen, will ich als ein anderer David mich erheben in meiner Gnade und
Barmherzigkeit. Ich schwöre daher bei meiner Gottheit, welche bei meiner
Menschheit ist, und bei der Menschheit, die bei meinem Geiste ist, und bei
meinem Geiste, welcher bei der Gottheit ist, und bei meiner Menschheit (und
diese drei sind nicht drei Götter, sondern Ein Gott), daß ich meine
Verheißung erfüllen werde; denn ich will meine Freunde senden, welche meinen
Sohn Salomo, d. h. die Heiden, einführen sollen in den Wald, d. h. in die
Kirche, in welcher die sieben Bäume der sieben Sakramente stehen, nämlich:
der Taufe, der Buße, der Firmung, des Altarssakramentes, der Priesterweihe,
der Ehe und letzten Ölung, und sie werden ruhen auf meinem Stuhle im rechten
Glauben der heiligen Kirche. Die bösen Christen aber werden ihre Knechte
werden. Jene werden sich der ewigen Erbschaft und Süßigkeit freuen, welche
ich ihnen bereiten werde; die anderen aber werden seufzen im Elende, das für
sie in der Gegenwart beginnen und ewig dauern wird. Darum dürfen meine
Freunde, weil es jetzt Zeit ist, zu wachen, nicht schlafen, noch mißmutig
werden; denn ein herrlicher Lohn wird ihrer Arbeit folgen. ![]()
Worte des Sohnes vor der Braut von einem Könige, welcher im Felde stand mit seinen Freunden zur Rechten und seinen Feinden zur Linken; wie durch diesen König Christus bedeutet wird, der die Christen zur Rechten und die Heiden zur Linken hat, und wie er die Christen verwirft, seine Prediger aber unter die Heiden sendet.
Der Sohn sprach: "Ich bin wie ein König, welcher im
Felde lag und seine Freunde zur Rechten, seine Feinde aber zur Linken hatte.
Als sie so standen, ertönte die Stimme eines Rufenden zu den auf der rechten
Seite stehenden, die alle wohl bewaffnet waren und mit geschlossenen Helmen
das Gesicht gegen den Herrn wendeten. Die Stimme aber rief also: Wendet euch
zu mir und glaubt mir, ich kann euch Geld geben. Als sie dies hörten,
wendeten sie sich zu ihm und nun sprach die Stimme zum zweiten Male: Wollt ihr
das Geld sehen, so öffnet euere Helme, begehrt ihr es zu besitzen, so will
ich euere Helme wieder zubinden nach meinem Willen. Nachdem sie eingewilligt
hatten, band er ihnen die Helme verkehrt fest, so daß die Augenöffnungen vor
den Hinterkopf kamen und die Rückseite des Helmes die Augen in Finsternis
hüllte, so daß sie nicht sehen konnten. Der Rufende führte sie nun wie
Blinde hinter sich her. Nun zeigten einige Freunde des Königs ihrem Herrn an,
wie seine Leute von seinen Feinden betrogen worden seien und dieser sprach zu
ihnen: Gehet hin zu ihnen und rufet also: Bindet euere Helme los, damit ihr
sehet, daß ihr betrogen seid, wendet euch zu mir, ich will euch aufnehmen in
Frieden. Sie aber wollten nicht hören, sondern redeten zu den Freunden des
Königs in spöttischer Weise. Sobald dem Könige dieses gemeldet wurde,
sprach er zu seinen Freunden: Weil sie mich denn verachtet haben, so geht
eilends zur Linken und sagt denen, die auf der Linken stehen, diese drei
Worte: Der Weg, welcher euch zum Leben führt, ist euch bereitet, die Thür
geöffnet und der Herr will euch in Person und mit Frieden entgegenkommen.
Darum glaubt fest, daß der Weg bereitet ist, und hofft standhaft, daß die
Pforte geöffnet und seine Worte wahr seien. Gehet in Liebe dem Herrn entgegen
und auch er wird euch
mit Liebe und Frieden aufnehmen und zum ewigen Frieden leiten. Als sie diese
Worte hörten, glaubten sie und wurden aufgenommen in Frieden. Dieser König
bin ich, der ich die Christen zu meiner Rechten gehabt und ihnen ein ewiges
Gut bereitet habe. Ihre Helme waren gebunden und ihr Angesicht mir zugewendet,
als sie vollkommen bereit waren, meinen Willen zu thun, meinen Geboten zu
folgen und als ihr ganzes Verlangen dem Himmel zugewendet war. Nun aber rief
die Stimme des Teufels, d. h. die Hoffart erhob sich in der Welt; sie zeigte
ihren Reichtum und die fleischliche Lust, welcher sie sich zuwendeten, als
ihre Neigungen der Hoffart zustimmten. Um ihrerwillen legten sie auch die
Helme ab, als sie ihr Verlangen ins Werk setzten und das Zeitliche dem
Geistlichen vorzogen. Und nachdem sie so die Helme des göttlichen Willens und
die Waffen der Tugenden abgelegt, ist die Hoffart in ihnen also mächtig
geworden und hat sie so abhängig von sich gemacht, daß sie bis ans Ende
sündigen und gern ewig leben möchten, um ewig sündigen zu können. Die
Hoffart hat sie auch also verfinstert, daß die Helmlöcher, durch welche sie
sehen sollten, am Hinterhaupte stehen und vorn an den Augen Finsternis ist.
Was sind die Helmlöcher anders, als die Betrachtung des Zukünftigen und die
fleißige Beachtung des Gegenwärtigen? Durch die erste Öffnung sollten sie
die ewigen Belohnungen betrachten und wie lieblich dieselben sind, desgleichen
die künftigen Strafen und deren Entsetzen, sowie die Gerichte Gottes und
deren Schrecken. - Durch die zweite Öffnung hätten sie betrachten sollen,
was von Gott geboten und verboten worden, auch wie sie von den Geboten Gottes
abwichen und sich bessern könnten. Allein diese Öffnungen befinden sich am
Hinterhaupte, wo sie nichts sehen können, weil ihnen die Betrachtung der
himmlischen Dinge in Vergessenheit gekommen ist. Die Liebe Gottes ist
erkaltet, die Liebe der Welt dagegen wird für so lieblich erachtet und
geherzt, daß dieselbe wie ein wohlgeschmiertes Rad sie führt, wohin sie
will. Weil aber meine Freunde meine Entehrung, den Fall der Seelen und die
Herrschaft des Teufels sehen, rufen sie täglich mit ihrem Gebete zu mir; ihre
Bitten haben den Himmel durchdrungen und sind eingegangen in mein Ohr; durch
ihr Gebet habe ich mich bewegen lassen, jenen Treulosen täglich meine
Prediger zu senden, sie Zeichen sehen zu lassen und meine Gnade gegen
sie zu vermehren. Allein alles haben sie verachtet und Sünden auf Sünden
gehäuft. Deshalb will ich jetzt meinen Dienern sagen und es in Wahrheit
erfüllen: Gehet hin, meine Diener, zur Linken, d. h. zu den Heiden, welche
bisher wie in Verachtung zur Linken gewesen sind. Gehet hin, sage ich, und
sprechet: Der Herr des Himmels und der Schöpfer aller Dinge läßt euch
sagen: Der Weg des Himmels ist euch eröffnet, habt den Willen, mit festem
Glauben einzutreten. Die Pforte des Himmels steht euch offen, hofft standhaft,
und ihr werdet eingehen. Der König des Himmels und das Heer der Engel will
euch persönlich entgegenkommen und den Frieden und ewigen Segen geben. Gehet
ihm entgegen und nehmet ihn auf mit seinem Glauben, den er euch zeigt und
durch welchen der Weg zum Himmel bereitet wird; nehmet ihn auf mit der
Hoffnung, mit welcher ihr hofft, da es ja schon sein Wille ist, euch den
Himmel zu geben; liebt ihn von ganzem Herzen, und erfüllt es durch die That
und schreitet ein durch die Pforten Gottes, von denen die Christen, weil sie
durch dieselben nicht eingehen wollten und sich durch ihre Werke unwürdig
machen, zurückgewiesen werden. Bei meiner Wahrheit sage ich euch, daß ich
meine Worte erfüllen und nichts unterlassen werde. Ich werde euch als Söhne
aufnehmen und werde euch ein Vater sein, den die Christen auf verächtliche
Weise mißachtet haben. Darum, meine Freunde, die ihr in der Welt seid, gehet
hin mit Zuversicht, ruft und verkündigt ihnen meinen Willen, und helft dazu,
daß sie denselben vollbringen mögen. Ich werde in euerem Herzen und euerem
Munde sein. Ich will euer Führer im Leben, euer Erhalter im Tode sein. Ich
werde euch nicht verlassen, schreitet kühn vorwärts; denn durch die Arbeit
wächst der Ruhm. Ich vermöchte freilich alles in einem Augenblicke und mit
einem Worte, allein ich will, daß durch den Kampf euer Lohn sich mehre und
durch euere Mannhaftigkeit meine Ehre zunehme. Verwundert euch nicht über
das, was ich rede. Denn, wenn auch der Weiseste in der Welt bedenken könnte,
wie viele Seelen täglich zur Hölle fahren, er würde sehen, daß darin mehr
seien, als der ungezählte Sand am Meere und die Steine am Ufer. Das ist ja
die Gerechtigkeit, weil sie sich von Gott und ihrem Herrn getrennt haben, um
sich dem Teufel zuzugesellen. Damit also der Anhang des Teufels vermindert,
die Gefahr erkannt
und mein Heer vollzählig werde, rede ich, ob sie vielleicht hören und sich
bekehren möchten."
Worte Christi zur Braut, worin seine Gottheit mit einer Krone verglichen und wie der Stand der Geistlichen und Weltleute durch Petrus und Paulus bedeutet wird. Von der Weise, welche wider Feinde zu beobachten ist, und von den Eigenschaften, welche die weltlichen Kriegsleute haben sollen.
Der Sohn redete zur Braut und sprach: "Ich bin der
König der Krone. Weißt Du, weshalb ich gesagt habe, der König der Krone?
Wahrlich, meine Gottheit war ohne Anfang, sie ist und wird sein ohne Ende.
Diese meine Gottheit ist zu vergleichen einer Krone, weil sie ohne Anfang und
Ende ist. Wie in einem Königreiche die Krone für den künftigen König
bewahrt wird, also ward meine Gottheit bewahrt für meine Menschheit, auf daß
diese damit gekrönt würde. Ich aber habe zwei Diener gehabt, der eine war
geistlich, der andere weltlich; der erste war Petrus, welcher das Amt eines
Geistlichen hatte, Paulus aber war gleichsam ein Laie. Petrus war an den
Ehestand gebunden. Als er aber sah, daß der Ehestand zu seiner Verpflichtung
als Geistlicher sich nicht schicke und erwog, wie die Reinheit seines Gemütes
durch Unenthaltsamkeit in Gefahr gerate, enthielt er sich des fleischlichen
Umganges in der Ehe, obwohl dieser erlaubt war, und hing mir an mit
vollkommenem Herzen. Paulus aber bewahrte die Keuschheit und enthielt sich
unbefleckt des Ehebettes. Siehe, welche Liebe ich diesen beiden erwiesen habe!
Dem ersten, d. h. dem Petrus, habe ich die Schlüssel des Himmels gegeben, so
daß alles, was er auf Erden bände und löste, auch im Himmel gebunden und
gelöst sein sollte. Dem anderen, d. h. dem Paulus, gab ich, daß er dem
Petrus an Ehre und Würdigkeit gleich ward. Denn, wie sie auf Erden gleich und
verbunden waren, so sind sie auch im Himmel in ewiger Herrlichkeit verbunden
und verherrlicht. Obwohl ich aber diese beiden ausdrücklich genannt habe, so
verstehe ich doch unter und mit ihnen auch meine übrigen Freunde. Denn, wie
ich ehedem im alten Gesetze an Israel allein, wie an einen einzelnen Menschen,
meine
Worte richtete, jedoch das ganze jüdische Volk mit diesem Namen bezeichnete.
so verstehe ich nun auch jetzt unter jenen beiden mehrere, die ich mit meiner
Herrlichkeit und Liebe erfüllt habe. Nach Verlauf einiger Zeit begannen die
Übel sich zu mehren, das Fleisch schwach zu werden und mehr, als sonst, zum
Bösen geneigt zu sein. Deshalb habe ich für beide Stände, den geistlichen
sowohl, als den der Weltleute, welche ich unter Petrus und Paulus verstehe,
erbarmend fürgesorgt und den Geistlichen gestattet, daß sie die Güter der
Kirche zum Nutzen des Leibes mäßig gebrauchen dürfen, damit sie desto
eifriger und emsiger sein möchten in meinem Dienste, den Laien habe ich, auch
den Ehestand nach dem Brauche der Kirche erlaubt. Unter den Geistlichen war
ein guter Mensch, welcher bei sich dachte: Das Fleisch reizt mich zu böser
Lust, die Welt blendet meine Augen, der Teufel legt mir vielfache Fallstricke
zur Sünde; darum will ich, um nicht vom Fleische und von der Lust berückt zu
werden, allen meinen Handlungen eine Richtschnur bestimmen und mich mäßigen
im Genuße und in der Ruhe. Ich will eine gebührende Zeit beobachten im
Arbeiten und im Beten, und werde mein Fleisch durch Fasten im Zaume halten.
Zweitens will ich, damit die Welt mich nicht abzieht von der Liebe Gottes,
alles, was der Welt gehört, weil es vergänglich ist, verlassen. Das
Sicherste ist, Christo in der Armut zu folgen. Ebenso will ich, damit mich der
Teufel, welcher stets der Wahrheit die Lüge entgegensetzt, nicht berücke,
mich der Leitung und dem Gehorsame eines anderen unterwerfen; allem eigenen
Willen werde ich, entsagen, und will mich zu allem bereit erweisen, was mir
von den anderen geboten werden wird. Dieser war's, der das erste Kloster
errichtete, rühmlich darin ausharrte und sein Leben anderen zur Nachahmung
hinterließ. Der Stand der Laien war eine Zeit lang wohl geordnet. Einige aus
demselben pflügten das Land und lagen tüchtig dem Ackerbau ob. Andere
segelten auf Schiffen dahin und führten anderen Gegenden Waren zu, damit die
Fruchtbarkeit eines Landes dem Mangel des anderen abhelfe. Andere legten sich
auf Handarbeit und verschiedene Künste. Unter ihnen standen auch mehrere
Beschützer meiner Kirche auf, die man jetzt geistliche Ritter nennt; sie
nahmen die Waffen zur Hand, um die heilige Kirche zu rächen und ihre Feinde
zu überwinden. Unter diesen Rittern trat ein frommer Mann auf,
der mein Freund war und bei sich dachte: Ich bearbeite nicht das Land wie ein
Ackerbauer, ich treibe mich nicht mühsam auf den Wogen des Meeres umher wie
der Handelsherr, ich lege mich nicht auf Handarbeit wie ein trefflicher
Handwerker! Was soll ich also nun thun, oder durch welche Werke meinen Gott
versöhnen? Ich bin ja auch nicht stark in der Arbeit der Kirche. Mein Körper
ist schwach und zu weichlich, um Wunden zu ertragen; meine Hand ist lässig,
den Feind zu schlagen; mein Gemüt verdrossen, an das Himmlische zu denken.
Was ist also nun zu thun? Fürwahr, ich weiß, was ich thun werde. Ich will
mich erheben und mich mit einem festen Eide unter einem weltlichen Fürsten
verpflichten, mit meinen Kräften und meinem Blute den Glauben der heiligen
Kirche zu verteidigen. Dieser mein Freund ging nun zum Fürsten und sprach:
Herr, ich will mich reihen unter die Beschützer der Kirche. Da aber mein
Körper weichlich ist, um Wunden zu ertragen, meine Hand lässig, den Feind zu
schlagen, mein Gemüt zu unstät, um Gutes zu denken und zu wirken, da mir der
eigene Wille gefällt, die Ruhe mir nicht gestattet, tapfer für das Haus
Gottes zu stehen, deshalb verpflichte ich mich durch einen öffentlichen Eid
unter den Gehorsam der heiligen Kirche und den Deinigen, o Fürst! daß ich
sie alle Tage meines Lebens verteidigen will, so daß, wenn etwa Herz und
Wille lässig sein sollten zum Streiten, ich durch meinen Eid gebunden bin und
zum Thätigsein gezwungen werden kann. Der Fürst antwortete ihm: Ich will mit
Dir hingehen zum Hause des Herrn und Zeuge Deines Eides und Deines
Versprechens sein. Als beide an meinen Altar gekommen waren, beugte mein
Freund sein Knie vor meinem Altare und sprach: Ich bin zu schwach an meinem
Fleische, um Wunden ertragen zu können, mein eigener Wille ist mir zu lieb,
meine Hand lässig zum Kampfe, deshalb gelobe ich gegenwärtig Gott und Dir
Gehorsam, der Du das Haupt bist, und verbinde mich mit meinem Eide fest, die
heilige Kirche wider ihre Feinde zu verteidigen, die Freunde Gottes zu
stärken, den Witwen, Waisen und Gläubigen Gottes Gutes zu erweisen, auch
wider die Kirche Gottes und deren Glauben niemals etwas Feindseliges zu
unternehmen. Außerdem, wenn ich in irgend etwas mich verfehlen würde,
unterwerfe ich mich Deiner Rüge, damit ich mich aus Gehorsam vor jeder Sünde
und meinem Eigenwillen hüte
und um so eifriger und lieber den Willen Gottes und den Deinigen vollziehe.
Wisse auch, daß ich viel verwerflicher und schmählicher als andere handeln
würde, wenn ich den Gehorsam überträte und mir herausnähme, Deinen Geboten
entgegenzuhandeln. Nachdem er dieses Versprechen an meinem Altare abgelegt
hatte, bedachte sich der Fürst weislich und verordnete ihm einen Anzug, der
sich von dem der übrigen Weltleute unterschied zum Zeichen der Absagung des
eigenen Willens, und daß er wissen solle, er habe einen Oberen und müsse
diesem gehorchen. Der Fürst gab ihm ferner ein Schwert in die Hand und
sprach: Mit diesem Schwerte sollst Du die Feinde Gottes mindern und töten.
Auch einen Schild gab er ihm an den Arm und sagte: Mit diesem Schilde
verteidige Dich gegen die Geschosse der Feinde; die auf Dich geschleuderten
halte geduldig aus, so daß eher der Schild brechen mag, als Du weichst.
Dieses alles zu thun, hat mein Freund in Gegenwart meines Geistlichen eidlich
versprochen, und von dessen Händen zu seiner Stärkung und damit er aufs
innigste mit mir vereint, niemals von mir getrennt werde, meinen Leib
empfangen. Ein solcher war mein Freund Georgius
und mehrere andere, wie ja jene Ritter von gleicher Gesinnung sein mußten,
welche ihren Namen wegen der Ehre, ihr Kleid wegen ihrer Thätigkeit und der
Verteidigung des heiligen Glaubens tragen sollten.
Nun vernimm, was diejenigen jetzt als meine Feinde thun,
welche einst meine Freunde waren. Ehemals gingen meine Freunde in die Klöster
aus bescheidener Furcht und göttlicher Liebe. Allein diejenigen, welche jetzt
in den Klöstern sich befinden, gehen aus Hoffart und Begehrlichkeit in die
Welt; sie wollen ihren eigenen Willen und ihres Leibes Lüste haben. Die
Gerechtigkeit will, daß jene, welche in einem solchen Willen dahinsterben,
die himmlische Freude nicht empfinden, noch erlangen sollen, sondern nur die
end-
lose Höllenpein. Du sollst auch wissen, wie die Klosterleute, welche gegen
ihren eigenen Willen genötigt werden, aus göttlicher Liebe geistliche
Vorsteher zu werden, in die Zahl jener nicht zu rechnen sind. Auch die
geistlichen Krieger, welche ehemals meine Waffen trugen, waren bereit, ihr
Leben für die Gerechtigkeit hinzugeben und ihr Blut für den heiligen Glauben
zu vergießen, den Armen zur Gerechtigkeit zu verhelfen und die Bösen zu
erdrücken und zu demütigen. Höre aber, wie sie jetzt sich abgewandt haben.
Nun führen sie aus Eingebung des Teufels ihre Kriege für Hoffart,
Begehrlichkeit und Habsucht, statt nach meinen Geboten zu leben, um die ewige
Freude zu erlangen. Darum empfangen sie, wenn sie in solchem Willen
dahinsterben, ihren Lohn nach dem Urteile meiner Gerechtigkeit in der ewigen
Verbindung ihrer Seelen mit dem Teufel; diejenigen aber, welche mir dienen,
sollen in Vereinigung mit den himmlischen Heerscharen einen Lohn ohne Ende
haben. Diese Worte habe ich, Jesus Christus, geredet, wahrer Gott und Mensch,
mit dem Vater und dem heiligen Geiste immerdar Ein Gott."
Christi Worte zur Braut von dem Rückschritte eines gewissen Kriegsmannes vom wahren Krieg, d. h. von der Demut, vom Gehorsame, der Geduld, dem Glauben u. s. w., zum falschen, d. h. zur Hoffart, und dagegen von seiner Verdammnis, und wie man in die Verdammnis sowohl durch bösen Willen, als böse That hineinrennt.
Ich bin der wahre Herr; denn kein Herr ist über mir und
keiner vor mir gewesen, noch wird einer nach mir sein, sondern alle Herrschaft
ist von mir und durch mich. Deshalb bin ich wahrer Herr und niemand ist außer
mir in Wahrheit Herr zu nennen, weil von mir alle Gewalt ist. Ich habe Dir
früher gesagt, wie ich Diener gehabt, deren einer ritterlich ein löbliches
Leben angetreten und noch ritterrlicher vollendet hat, und welchem nachmals in
demselben Leben und demselben Kriegsdienste unzählig viele nachgefolgt sind.
Nun will ich Dir sagen, wer von dem Gelöbnisse des von meinem Freunde
gegründeten Kriegsdienstes zuerst abge-
wichen ist. Seinen Namen sage ich Dir nicht, weil Du ihn dem Namen nach nicht
kennst, sondern sein Streben und seine Neigung will ich Dir darlegen und seine
ganze Art und Weise. Er wollte sich dem geistlichen Kriegsdienste widmen und
ging in meine Kirche. Als er hineintrat, hörte er eine Stimme: Willst Du ein
Kriegsmann werden, so mußt Du dreierlei Stücke haben. Zuerst mußt Du
glauben, daß das Brot, welches auf dem Altare gesehen wird, wahrer Gott und
Mensch, Schöpfer Himmels und der Erde ist; sodann mußt Du nach Übernahme
des Kriegsdienstes einen größeren Abbruch Deines Willens üben, als Du zuvor
gewohnt gewesen; drittens mußt Du Dich nicht um der Welt Ehre sorgen; denn
ich werde Dir göttliche Freude und ewige Ehre gewähren. Nachdem er dieses
vernommen, und während er diese drei Dinge bei sich erwog, vernahm er in
seinem Herzen eine andere gar böse Stimme, welche drei ganz entgegengesetzte
Dinge forderte: Wenn Du, so sprach sie, mir dienen willst, werde ich Dir drei
andere Güter geben. Ich werde Dir zu besitzen geben, was Du siehst, zu
hören. was Dich erfreut, zu erlangen, was Du begehrst." Sobald er dies
vernommen, dachte er bei sich also: "Jener erste Herr heißt mich
glauben, was ich nicht sehe, verheißt, was ich nicht kenne, und gebietet,
abzubrechen von den Lüsten, die ich begehre und sehe, er befiehlt, Ungewisses
zu hoffen. Der andere aber verspricht mir die Ehre der Welt, die ich sehe, die
Lust, die ich begehre, er verbietet mir weder anzuhören, noch anzusehen, was
lieblich ist. Fürwahr, es ist besser für mich, wenn ich ihm folge, wenn ich
habe, was ich sehe, und das gebrauche, dessen ich gewiß bin, statt auf
Ungewisses zu hoffen." Während er so dachte, fing er bereits an, den
ersten Rückschritt aus dem wahren Kriegsdienste zu machen. Er verleugnete
sein wahres Gelöbnis und machte sein Versprechen zu Schanden, warf den Schild
der Geduld mir vor die Füße, das Schwert der Verteidigung des Glaubens
schleuderte er aus seinen Händen, und so ging er aus meiner Kirche heraus.
Nun sprach die gar böse Stimme zu ihm: "Willst Du, wie ich gesagt, mein
sein, dann mußt Du in aller Hoffart Dich zeigen, im Feld und auf den
Straßen, so duß, wie jener Herr den Seinigen in allen Dingen die Demut
befahl, Dir keine Art der Pracht und Hoffart fern sein darf. Wie jener (fromme
geistliche Ritter und Freund des Herrn)
sich allem Gehorsame untergeben hat, so leide Du niemand über Dir und beuge
vor niemand aus Demut Deinen Nacken. Nimm das Schwert in die Hände, um Deines
Nächsten und Deines Bruders Blut zu vergießen, damit Du ihren Besitz
erlangst. Lege den Schild an den Arm, um gern Dein Leben darzugeben zur
Erlangung von Ehren. Anstatt des Glaubens liebe Du den Tempel Deines Leibes,
so daß Du Dich keiner Lust, welche Dich erfreut, enthältst." Während
der Mann nun seinen Willen in diesen Absichten befestigte, legte sein Fürst
ihm die Hand an die dazu bestimmte Stelle der Schulter. Wie aber keine Stelle
schadet, wenn der Wille gut ist, so nützt sie auch nicht, wenn die Absicht
übel ist. Nachdem er aber die Worte der Bekräftigung seines Kriegsdienstes
gesprochen, ging er fort und übte seinen Dienst in aller Hoffart der Welt.
Der Elende achtete es gering, daß er zu größeren Dingen, als zuvor, und zu
einem strengeren Leben verpflichtet war. Diesem Kriegsmann folgten und folgen
unzählige Kriegsscharen in der Hoffart nach, und steigen wegen ihres
geleisteten Eides zum geistlichen Kriegsdienste noch tiefer in den Abgrund
hinab. Du kannst aber fragen: "Es wollen viele in der Welt erhöht sein
und groß genannt werden, vermögen es aber nicht. Sollen diese nun wegen
ihres bösen Willens gleich gestraft werden mit denjenigen, deren Wunsch in
allem seinen Fortgang hat?" Hierauf antworte ich Dir: "Wer den
vollen Willen hat und thut, was er vermag, um in der Welt und in der Ehre der
Welt erhöht und mit einem eiteln Namen benannt zu werden, dem ich aber nach
meinem geheimen Ratschlusse die Erfüllung seines Willens nicht gestatte, der
wird, wie ich Dir für gewiß versichere, für seinen bösen Willen so
bestraft werden, wie der, welcher denselben mit der That erfüllt hat, wenn
nicht durch Buße sein Wille gebessert worden. Siehe, von zweien, die den
meisten bekannt sind, sage ich Dir ein Beispiel: "Dem einen derselben
glückte alles nach seinem Willen, und derselbe erhielt fast alles, was er
begehrte. Der andere hatte den nämlichen Willen, erhielt aber nicht, was er
begehrte. Der erste erlangte die Ehre der Welt und liebte den Tempel seines
Leibes in aller Wollust. Er herrschte nach seinem Belieben, und alles, woran
er Hand legte, hatte Fortgang. Der zweite von ihnen war ihm an Willen ähnlich
erIangte aber mindere Ehre. Mit Freuden hätte er hun-
dertmal das Blut seines Nächsten vergossen, um seine Lust vollbringen zu
können, Auch er that, was er vermochte und was sein Wille begehrte. Diese
beiden sind einander gleich in erschrecklicher Strafe. Obwohl sie nicht in
einer Zeit und in einer Stunde starben, so kann ich doch von der Seele des
einen, wie von denen beider reden; denn beider Verdammnis ist eine. Eine
Stimme erscholl bei der Sonderung ihrer Leiber und dem Herausgange ihrer
Seelen. Die aus dem Körper herausgegangene Seele sprach selber also zum
Leibe: "Sage mir, wo ist nun das liebliche Gesicht der Augen, das du mir
versprochen? Wo ist die Lust, welche du mir gezeigt? Wo sind die köstlichen
Worte, deren Gebrauch du mir befohlen?" Alsbald war der Teufel da und
antwortete: "Das versprochene Gesicht ist nichts, als Staub; die Worte
sind nichts, als Luft; die Wollust ist nichts, als Kot und Fäulnis. Das ist
dir zu nichts nütze." Darauf rief die See!e: "Ach! ach! wie
jammervoll bin ich betrogen! Ich sehe dreierlei: Ich sehe denjenigen, welcher
im Abbilde des Brotes verheißen ward, er ist der Könige König, der
Herrschenden Herr. Ich sehe, was er versprochen, und dieses ist
unaussprechlich und undenkbar. Ich vernehme, wie die Enthaltsamkeit, zu der er
geraten, sehr nützlich gewesen." Darauf rief sie noch lauter mit
dreifachem Wehe: "Wehe, daß ich geboren bin! Wehe, daß mein Leben so
lange währte auf Erden! Wehe, daß ich im ewigen Tode leben muß, der nimmer
beendigt werden kann!" Siehe, wie großen Jammer die Elenden für die
Verachtung ihres Gottes und für ein flüchtiges Glück haben werden! Darum,
meine Braut, danke mir, daß ich Dich aus solchem Elende gerufen habe.
Gehorche meinem Geiste und meinen Auserwählten.
Christi Worte zur Braut, worin das vorhergehende Kapitel erklärt wird. Vom Anfalle des Teufels auf den erwähnten Kriegsmann und seiner schrecklichen Verdammung durch die Gerechtigkeit.
"Die ganze Zeit dieses Lebens ist vor mir gleichsam nur
wie eine Stunde. Was ich Dir daher jetzt sage, ist immer in meinem
Vorauswissen gewesen. Ich sagte vorher, es sei einer gewesen,
welcher den wahren Kriegsdienst auf sich genommen, und ein anderer, welcher
von demselben abgewichen. Der, welcher vom wahren Kriegsdienste abwich, warf
mir den Schild vor die Füße und das Schwert auf meine Seite, als er sein
Versprechen und sein heiliges Gelöbnis brach. Was anderes bedeutet aber der
Schild, den er hinwegwarf, als den rechten Glauben, mit dem er sich wider die
Feinde des Glaubens und seiner Seele verteidigen sollte? Was anderes sind
meine Füße, mit denen ich zum Menschen gehe, als die göttliche Lust, mit
der ich den Menschen an mich ziehe, und meine Geduld, womit ich ihn geduldig
ertrage? Den Schild warf er von sich, als er beim Eintritte in meine Kirche
also bei sich dachte: Ich will jenem Herrn folgen, der mir keinerlei
Enthaltsamkeit geraten, welcher mir giebt, wonach mich verlangt, welcher mir
verstattet, zu hören, was die Ohren ergötzt. So warf er den Schild meines
Glaubens hinweg, als er lieber seinem eigenen Willen, als mir, folgen wollte,
da er das Geschöpf mehr, als den Schöpfer liebte. Denn hätte er den rechten
Glauben gehabt, hätte er an mich, den Allmächtigen, den gerechten Richter,
den Geber der ewigen Herrlichkeit, geglaubt, dann hätte er nur nach mir
verlangt, nur mich gefürchtet. Allein er hat meinen Glauben von sich geworfen
und zwar mir vor die Füße, als er in Verachtung und Geringschätzung meines
Glaubens weder nach meiner Freude Verlangen hatte, noch auf meine Geduld
achtete. Dann warf er das Schwert auf meine Seite. Was anderes bedeutet das
Schwert, als die Furcht Gottes, welche der wahre Streiter Gottes beständig in
den Händen haben, d. h. in seinen Handlungen darthun muß? Was anderes
bedeutet meine Seite, als meine Hut und meinen Schutz, unter welchen ich meine
Kinder, wie die Mutter ihre Jungen, wärme und schütze, auf daß der Teufel
nicht schade und keine unerträglichen Gefahren über sie kommen? Er warf aber
das Schwert meiner Furcht hinweg, als er vernachlässigte, meiner Macht zu
gedenken, und meine Liebe und Geduld nicht achtete; er warf es zu meiner
Seite, als wollte er sagen: ich fürchte mich nicht und kümmere mich nicht um
deine Verteidigung; denn was ich habe, verdanke ich meinem Fleiße und meinem
Adel. Er brach das mir geleistete Versprechen. Welch anderes Versprechen aber
ist der Mensch Gott zu leisten schuldig, als das Werk der Liebe, daß er
alles, was er thut, aus Liebe zu
Gott thut. Dieses Werk aber hat er vernichtet, als er die Liebe Gottes zur
eigenen Liebe verkehrt und alle seine Freude der künftigen und ewigen Freude
vorgezogen hat. Siehe, also hat er sich von mir getrennt und ist
herausgegangen aus dem Tempel meiner Demut; denn die Leiber aller Christen, in
denen die Demut herrscht, sind mein Tempel, während diejenigen, die voller
Hoffart sind, nicht mein Tempel, sondern des Teufels Tempel sind, welcher sie
nach seinem Willen zur Begierlichkeit der Welt leitet. Und nachdem er so aus
dem Tempel meiner Demut herausgegangen war und den Schild des heiligen
Glaubens und das Schwert meiner Furcht hinweggeworfen hatte, begab er sich
hoffärtigen Geistes zu Felde, überließ sich aller Wollust und
Begierlichkeit des eigenen Willens, verachtete meine Furcht und nahm zu in
seiner Sünde und Wollust. Nun aber, als er am äußersten Ende seines Lebens
angelangt war und seine Seele aus dem Leibe herausfuhr, traten ihr die Teufel
mit Ungestüm entgegen und es ließen sich drei Stimmen aus der Hölle wider
sie vernehmen. Die erste sprach: Ist es nicht dieser, der von der Demut abwich
und uns in jeglicher Hoffart folgte? Hätte er sich noch zwei Fuß höher
über uns in der Hoffart erheben können, um uns zu übertreffen und den
Vorzug in der Hoffart zu haben, er würde es gern gethan haben. Die Seele
antwortete ihr: Wahrlich, ich bin's. Die Gerechtigkeit antwortete ihr: Das ist
der Lohn deiner Hoffart, daß du von einem Teufel in die Hand eines anderen
fällst, bis du in der äußersten Tiefe der Hölle angelangt bist, und wie
unter den Teufeln keiner war, der nicht gewußt hätte, welche gewisse Strafe
und Pein für jeden unnützen Gedanken und jede unnütze That ihn treffen
werde, also wirst auch du keiner jener Strafen entgehen, welche der Anteil
aller deiner Bosheit und Niederträchtigkeit sein wird. Die zweite Stimme rief
und sprach: Ist es nicht dieser, welcher den Kriegsdienst Gottes, in den er
sich begeben, verlassen und unserem Dienste sich ergeben hat? Die Seele
antwortete: Wahrlich, so stehe ich vor dir. Und die Gerechtigkeit sprach: Dies
ist der Anteil deines Lohnes, daß jeglicher, welcher deiner Bosheit
nachfolgt, durch seine Bosheit und Pein deinen Schmerz und deine Pein
vermehren und dir, wenn er zu dir kommt, gleichsam eine tödliche Wunde
schlagen wird. Elend über Elend wird über dich kommen, Schmerz auf Schmerz
sich er-
neuern, wie eines Menschen, der schon eine grausame Wunde hat und mit Wunden
über Wunden überhäuft wird, bis sein ganzer Leib voll Wunden ist und er mit
unerträglichem Schmerze erfüllt und Wehe über Wehe rufen wird. Deine Strafe
wird nie ein Ende nehmen und dein Weh niemals geringer werden. Die dritte
Stimme rief: Ist es nicht dieser, welcher den Schöpfer verkaufte für das
Geschöpf, die Liebe des Schöpfers für seine eigene Liebe? Die Gerechtigkeit
sprach: Allerdings, er ist es und es sollen in ihm zwei Eingänge offen
stehen, der eine, wo für seine kleinste wie für seine größte Sünde jede
dafür gesetzte Pein eingehen wird, weil er seinen Schöpfer um seine Lust
verkauft hat; der zweite für alle Mühsal und Schande und Trostlosigkeit
durch den Verlust der göttlichen Liebe, weil er sich statt seinen Schöpfer
geliebt hat. Und dieses Leben mit seiner Qual wird ohne Ende dauern, weil alle
Heiligen von ihm ihr Antlitz abwenden. Siehe, meine Braut, wie elend
diejenigen sein werden, welche mich verachten, und wie großen Schmerz sie
für geringe Lust kaufen!"
Christi Rede zur Braut, wie zu Moses aus dem Busche, daß durch Pharao der Teufel, durch das Volk Israel die neuen Kriegsleute und durch den Busch der Leib der Jungfrau bedeutet werde, und wie die Kriegsleute und die Bischöfe in neuerer Zeit dem Teufel Wohnungen bereiten.
Im Gesetze Mosis steht geschrieben, wie Moses, als er in der
Wüste die Schafe hütete, einen Dornbusch sah, welcher in Flammen stand und
doch nicht verbrannte. Er fürchtete sich und verhüllte sein Antlitz. Da
sprach eine Stimme aus dem Busche zu ihm: "Die Trübsal meines Volkes ist
hinaufgestiegen zu meinem Ohr; mich jammert ihrer; denn sie werden mit gar
harter Knechtschaft gedrückt." Ich bin jene aus dem Dornbusche redende
Stimme, ich, der ich jetzt mit Dir rede. Das Elend meines Volkes ist zu meinem
Ohr emporgedrungen. Unter meinem Volke Israel verstehe ich jetzt die Streiter
in der Welt, welche sich in meinen Kriegsdienst begeben haben; sie sollten
mein sein, werden aber vom Teufel über die Maßen versucht. Was nun that aber
Pharao meinem
Volke in Ägypten? Fürwahr dreierlei Böses. Zuerst ward denen, welche am
Aufbau seiner Mauern arbeiteten, kein Stroh gegeben, um die Steine zu formen,
sondern dieselben mußten es sich selber im Lande umher auflesen, wo sie es
fanden; zweitens bekamen die Bauleute keinen Dank für ihre Arbeit, wenn sie
die auferlegte Zahl Steine fertig gemacht hatten; drittens wurden sie von den
Aufsehern heftig angelassen, wenn sie es an der gewöhnlichen Zahl hatten
fehlen lassen. Und dieses mein in so großer Trübsal schmachtende Volk hat
dem Pharao zwei Städte erbaut. Wer ist nun dieser Pharao anderes, als der
Teufel, welcher mein Volk drangsalt, d. h. meine Streiter, welche mein Volk
sein sollen. Wahrlich, ich sage, wenn sie die Ordnung und Verfassung
beobachtet hätten, welche mein Freund zuerst aufgerichtet hatte, sie, hätten
sich mein ganzes Wohlgefallen erworben. Denn wie Abraham, welcher nach Empfang
des Gebotes der Beschneidung mir gehorchte, mein bester Freund ward, und
ebenso alle, welche Abrahams Glauben und seiner Handlungsweise folgten, seiner
Liebe und seines Ruhmes teilhaftig wurden, also haben mir die Streiter in
einigen Orden vorzugsweise gefallen, weil sie mir das Teuerste, das sie
hatten, gelobten, nämlich ihr Blut für mich zu vergießen. Durch dieses
Gelöbnis erwarben sie sich mein Wohlgefallen, wie Abraham bei der
Beschneidung, und solange sie diesem Gelöbnisse treu blieben und meiner
heiligen Liebe, nahmen sie täglich an größerer Reinheit zu. Jetzt aber
liegen sie in schmählicher Knechtschaft des Teufels, der ihnen tödliche
Wunden beibringt und mit viel Pein und Schmerzen sie überhäuft. So sind es
die Bischöfe der Kirche, welche ihm, wie die Kinder Israels dem Pharao, zwei
Städte bauen. Die erste Stadt ist die Arbeit des Leibes und die
überflüssige Sorge um den Erwerb weltlicher Güter; die zweite ist die
Unruhe und Störung des Gemütes, weil er ihnen niemals gestattet, von der
Begierlichkeit der Welt auszuruhen; darum ist auswendig Arbeit und inwendig
Angst und Unruhe, wodurch ihnen alle geistliche Übung beschwerlich ist; denn
gleichwie Pharao meinem Volke weder das, was sie zur Anfertigung von
Ziegelsteinen brauchten, noch mit Getreide gefüllte Scheunen, noch Wein, noch
anderes Nützliche gegeben, sondern es gezwungen hat, sich dieses alles unter
vielen Schmerzen und Beunruhigung des Geistes selbst zu verschaffen,
also macht es der Teufel zu jetziger Zeit mit jenen Bischöfen; denn, obgleich
sie arbeiten und mit aller Anstrengung des Herzens nach der Welt trachten,
kommen sie doch nicht dazu, ihr Vorhaben zu erreichen und den Durst ihrer
Begierde zu löschen, und so werden sie innen von Schmerz und auswendig mit
Arbeit gequält. Darum jammert mich ihr Elend, daß meine Streiter und mein
Volk für den Teufel Wohnungen bauen und ohne Unterlaß arbeiten, daß sie
nicht erreichen können, was sie begehren, daß sie geängstet werden mit
überflüssigen Dingen, und bei aller ihrer Angst ohne segensreiche Frucht
bleiben, sondern die Schande zum Lohne haben. Als Gott den Moses zu seinem
Volke sandte, gab er ihm aus dreierlei Ursachen zu seiner Beglaubigung ein
dreifaches Zeichen mit. Erstens, weil in Ägypten jeder seinen Gott hatte, den
er verehrte, und so einer Unzahl von Götzen göttliche Ehre erwiesen wurde,
war es notwendig, durch ein Wunderzeichen den Glauben an den Einen Gott und
Schöpfer aller Dinge und seine Allmacht, und die Eitelkeit aller
Götzenbilder zu beweisen. Zweitens ward dem Moses ein Zeichen gegeben zum
Vorbilde und als Darstellung meines künftigen Leibes; denn was anderes
bedeutet der brennende und doch nicht verbrennende Busch, als die vom heiligen
Geiste befruchtete Jungfrau, welche ohne Versehrung ihrer Jungfräulichkeit
gebar? Wahrlich, von diesem Busche bin ich ausgegangen, aus dem
jungfräulichen Fleische Marias habe ich meine Menschheit angenommen. Das
dritte Zeichen wurde ihm gegeben in vorbildlicher Weise der zukünftigen
Dinge, damit die Wahrheit Gottes um so zweifelloser erwiesen werde, je
gewisser diese vorbildlichen Zeichen zur bestimmten Zeit in Erfüllung gingen.
Wenn ich nun aber meine Worte an die Kinder Israel, d. h. meine Streiter
sende, so bedürfen sie aus dreifachem Grunde solcher Zeichen nicht. Erstens,
weil bereits Ein Gott und Schöpfer aller Dinge aus der heiligen Schrift und
aus vielfachen Zeichen erkannt und geehrt wird; zweitens, weil sie nicht mehr
auf meine Geburt hoffen; denn sie wissen bereits, daß ich geboren und ohne
alle Befleckung Fleisch geworden bin, weil alle Schrift erfüllt ist; endlich
weil sie keinen besseren und gewisseren Glauben festzuhalten haben, als
denjenigen. welcher von mir und meinen heiligen Predigern öffentlich
verkündigt ist. Aber an Dir habe ich ein dreifaches Zeichen gesetzt, dem
geglaubt werden kann.
Zuerst sind meine Worte wahr und weichen vom wahren Glauben nicht ab; zweitens
ist auf mein Wort der Teufel aus einem besessenen Menschen ausgefahren;
drittens habe ich jemand die Macht gegeben, uneinige Herzen zu gegenseitiger
Liebe zu bewegen; zweifle deshalb nicht, daß sie mir glauben werden.
Diejenigen, welche mir glauben, glauben auch meinen Worten; diejenigen, die an
mir Gefallen haben, haben auch Gefallen an meinen Worten. Wenn nun aber
geschrieben steht, Moses habe aus Anlaß des Gespräches mit Gott sein Antlitz
verhüllt, so brauchst Du Dein Antlitz nicht zu verhüllen; denn ich habe Dir
die geistigen Augen geöffnet, auf daß Du Geistliches schauen könntest, und
die Ohren aufgethan, auf daß Du Geistliches vernehmen möchtest. Ich werde
Dir endlich auch das Bild meines Leibes zeigen, wie derselbe bei und vor
meinem Leiden war, und wie er nach der Auferstehung gewesen, wo Petrus,
Magdalena und andere denselben sahen. Auch meine Stimme wirst Du hören, wie
sie aus dem Busche zu Moses redete. Es ist dieselbe, welche jetzt in Deiner
Seele redet.
Honigfließende Worte Christi zur Braut über den Ruhm und die Ehre eines braven und wahrhaften Kriegers; wie ihm die Engel wunderbar entgegenkommen, und wie ihn die glorwürdige Dreifaltigkeit in liebreichster Weise für seine geringe Mühe zur unaussprechlichen Ruhe an- und aufnimmt.
Ich habe Dir vorher von dem Ende und der Strafe eines
geistlichen Kriegsmannes erzählt, welcher zuerst von dem mir gelobten
Kriegsdienste abgefallen war. Jetzt melde ich Dir unter einem Gleichnisse
(denn anders wirst Du Geistliches nicht begreifen können) von dem Ruhme und
der Ehre eines anderen, der den wahren Kriegsdienst zuerst mannhaft angetreten
hat und noch mannhafter zu Ende führte. Als dieser mein Freund an seines
Lebens Ende anlangte und seine See!e vom Leibe schied, wurden fünf Legionen
Engel ihm entgegengesandt. Mit ihnen kamen unzählige Teufel, um an ihm etwas
zu finden, was sie mit Recht in Anspruch nehmen könnten; denn sie sind voller
Bosheit und lassen von derselben nimmer ab. Da ertönte im Himmel klar und
hell
eine Stimme und sprach: "Ist es nicht dieser, o Herr und Vater, der sich
an Deinen Willen gebunden und denselben vollkommen erfüllt hat?" Da
antwortete er selber persönlich in der Stimme seines Gewissens:
"Wahrlich, ich bin's." Nun wurden drei Stimmen vernommen. Eine von
seiten der Gottheit sprach: "Habe nicht ich Dich erschaffen und Dir Leib
und Seele gegeben? Du bist mein Sohn und hast Deines Vaters Willen gethan;
komm' also zu Deinem allmächtigen Schöpfer und süßesten Vater; denn Dir
gebührt die ewige Erbschaft, weil Du sein Sohn bist, es gebührt Dir die
Erbschaft des Vaters, weil Du ihm gehorcht hast. Komm' also, mein Süßester,
zu mir; ich werde Dich aufnehmen mit Freude und Ehre." Eine zweite Stimme
ward von seiten der Menschheit vernommen; dieselbe sprach: "Mein Bruder,
komm' zu Deinem Bruder, ich habe mich für Dich zum Tode dargeboten, habe mein
Blut für Dich vergossen, komm' zu mir, denn Du hast meinen Willen befolgt;
komm' zu mir, denn Du hast Blut für Blut gelassen; Du warst bereit, Tod für
Tod, Leben für Leben zu geben, deshalb komme, der Du mir in Deinem Leben
gefolgt bist, jetzt in mein Leben und in meine Freude, welche nie enden wird,
und bekenne, daß Du wahrhaft mein Bruder bist." Eine dritte Stimme ward
von seiten des Geistes vernommen, da nicht drei Götter sind, sondern Einer.
"Komm'," sprach sie, "mein Streiter, der Du Dein Herz in so
lieblicher Reinheit bewahrt hast, daß mich bei Dir zu wohnen verlangt hat.
Der Du mannhaft alle Kraft Deines Leibes eingesetzt hast, daß Du wert warst,
von mir beschützt zu werden. Gehe daher für die Unruhe Deines Körpers ein
in die Ruhe, für die Trübsal Deines Herzens gehe ein zum unaussprechlichen
Troste, für Deine Liebe und Dein männliches Streiten gehe ein in mich
selber, ich werde wohnen in Dir und Du in mir. Komm' also, trefflicher
Streiter, zu mir, der Du nichts verlangt hast, als mich; komm', und Du wirst
mit göttlicher Lust erfüllt werden." Hernach ließen sich die fünf
Legionen der Engel wie mit fünf Stimmen vernehmen. Die erste sprach:
"Lasset uns diesem trefflichen Krieger vorangehen und ihm seine Waffen
vorantragen, d. h. lasset uns Gott seinen Glauben, den er unerschüttert
bewahrt und gegen die Feinde der Gerechtigkeit verteidigt hat,
darbieten." Die zweite Stimme sprach: "Lasset uns ihm seinen Schild
vorantragen, d. h.
lasset uns unserem Gott seine Geduld darstellen; obgleich dieselbe Gott
bekannt ist, wird sie doch durch unser Zeugnis herrlicher sein, weil er in
seiner Geduld nicht allein Widerwärtigkeiten gelassen ertragen, sondern für
die Widerwärtigkeiten Gott auch gedankt hat." Die dritte Stimme sprach:
"Lasset uns vorantreten und dem Anblicke Gottes sein Schwert darbieten,
d. h. lasset uns Gott seinen Gehorsam zeigen, womit er Schweres und Leichtes
nach dem Maße seines Gelöbnisses auf sich genommen hat." Die vierte
Stimme sprach: "Kommt, wir wollen Gott sein Streitroß zeigen, d. h.
lasset uns Zeugnis geben von seiner Demut; denn wie das Roß des Menschen Leib
trägt, also trug ihn seine Demut, welche ihm vorausging und nachfolgte zu
jeglichem guten Werke; die Hoffart fand nichts an ihm, das ihr gehörte, und
deshalb ritt er sicher." Die fünfte Stimme sprach: "Kommt und
lasset uns unserem Gott seinen Helm vorlegen, d. h. lasset uns Zeugnis geben
von dem heiligen Verlangen, das er nach Gott trug, da er zu jeglicher Stunde
an ihn im Herzen dachte, ihn im Munde und in den Werken hatte und vor allem
nach ihm verlangte; um seiner Liebe und Ehre willen war er tot für die Welt
und die Welt für ihn. Lasset uns dieses alles dem Herrn, unserem Gott,
darbringen, weil dieser Held würdig ist, für eine geringe Arbeit der ewigen
Ruhe zu genießen und sich mit seinem Herrn zu freuen, nach welchem er so viel
und so oft verlangt hat." Unter solchen Stimmen und von einem wunderbaren
Chore der Engel ward mein Freund in die ewige Ruhe getragen. Als die Seele
dieses sah, jauchzte sie innerlich auf und sprach: "Glücklich ich, daß
ich jemals geschaffen bin! Glücklich ich, daß ich meinem Gott gedient habe,
den ich nun sehe! Glücklich ich daß ich Freude und Herrlichkeit habe, welche
nicht enden wird !" Siehe, so kam mein Freund zu mir und mit solcher
Belohnung ist er beschenkt worden, und obschon nicht alle ihr Blut vergossen
haben in meinem Namen, werden sie gleichwohl denselben Lohn empfangen, wenn
sie den Willen haben, ihr Leben für mich zu geben, wenn die Zeit für sie
gekommen ist und der Glaube eine solche Treue erheischt. Siehe, wie viel der
gute Wille thut! ![]()
Worte Christi zur Braut von der Unwandelbarkeit und Ewigkeit seiner Gerechtigkeit; wie diese Gerechtigkeit nach Annahme der Menschheit in der Liebe durch ihn erleuchtet worden, und wie er seine Barmherzigkeit liebevoll an den Verdammten übt und die vorgedachten Kriegsleute liebreich zur Barmherzigkeit ermahnt.
Ich bin der wahre König, und niemand außer mir ist
würdig, König genannt zu werden; denn von mir erhalten alle Könige Ehre und
Macht. Ich bin es, der den ersten Engel gerichtet hat, der aus Hoffart,
Begehrlichkeit und Neid gefallen ist. Ich bin es, der Adam und Kain und die
ganze Welt gerichtet, indem ich um der Menschen Sünden willen die Sündflut
kommen ließ. Ich bin der, welcher zuließ, daß das israelitische Volk in
Knechtschaft geriet, und der es auf wunderbare Weise unter wunderbaren Zeichen
aus derselben herausführte. In mir ist und war alle Gerechtigkeit. Sie ist
ohne Anfang und Ende und wird nimmer geringer bei mir, sondern bleibt stets
wahr und unwandelbar, und obwohl eben zu gegenwärtiger Zeit meine
Gerechtigkeit etwas milder und Gott als Richter gleichsam geduldiger
erscheint, so ist das doch keine Änderung meiner Gerechtigkeit, welche
niemals eine Änderung erleidet, sondern ein größerer Erweis meiner Liebe.
Denn ich richte jetzt mit derselben Gerechtigkeit und mit derselben Wahrheit
des Urteiles die Welt, mit welcher ich ehemaIs gestattete, daß mein Volk in
Ägypten in der Knechtschaft schmachtete, und kraft welcher ich es in der
Wüste versucht habe. Aber vor meiner Menschwerdung war die Liebe, welche ich
in der Gerechtigkeit hatte, gleichsam ein verborgenes Licht oder wie von einer
Wolke umhüllt. Nach Annahme der Menschheit ward zwar das gegebene Gesetz
geändert, nicht aber die Gerechtigkeit, welche um so klarer und im reicheren
Lichte der Liebe erschien durch den Sohn Gottes, und zwar auf dreierlei Weise.
Erstens durch Milderung des Gesetzes, welches der Ungehorsamen und
Verhärteten halber hart war, auch schwer, um die Hoffärtigen zu zähmen;
zweitens, weil der Sohn Gottes gelitten hat und gestorben ist; drittens, weil
das Gericht aus Barmherzigkeit länger,
als zuvor, verschoben zu werden, auch jetzt milder gegen die Sünder zu sein
scheint. Sehr strenge und scharf zeigte sich die Gerechtigkeit an den ersten
Eltern, in den Wassern der Sündflut, im Tode der in der Wüste Geschlagenen.
Dieselbe Gerechtigkeit ist aber noch bei mir und war es immerdar. Jetzt aber
treten Barmherzigkeit und Liebe, welche meine weise und erbarmende Vorsicht in
der Gerechtigkeit ehemals verborgen hielt, stärker hervor, obwohl sie auch in
dieser Verborgenheit nicht zu verkennen war, da ich niemals meine
Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit geübt habe, noch übe, noch auch Liebe ohne
Gerechtigkeit. Nun kannst Du aber fragen, ob ich, wenn ich bei aller
Gerechtigkeit Barmherzigkeit besitze, auch gegen die Verdammten mich
barmherzig erweise? Ich antworte Dir durch ein Beispiel. Gesetzt, ein Richter
säße zu Gericht, und es käme sein Bruder, um vor Gericht sein Urteil zu
empfangen. Der Richter spricht zu ihm: "Du bist mein Bruder und ich bin
Dein Richter, und obwohl ich Dich innigst liebe, kann und darf ich doch nicht
wider die Gerechtigkeit thun. Du siehst alle Gerechtigkeit in Deinem Gewissen
nach dem, was Du verdient hast und danach muß ich Dich richten. Wäre es
möglich, wider die Gerechtigkeit zu gehen, so würde ich gern für Dich ins
Gericht gehen." - Ich bin nun dieser Richter. Der Mensch ist vermöge
meiner Menschheit mein Bruder. Wenn er zu meinem Gerichte kommt, sagt sein
Gewissen ihm seine Schuld, und er erkennt, welches Urteil über ihn gesprochen
werden muß. Weil ich aber gerecht bin, antworte ich der Seele durch ein
Gleichnis und spreche zu ihr: "Du siehst alle meine Gerechtigkeit in
Deinem Gewissen, sage selbst, was Du verdienst?" Dann antwortet mir die
Seele: "Mein Gericht sagt mir mein Gewissen, und dasselbe ist eine
gerechte Strafe, die ich verdient habe,. weil ich Dir nicht gehorchte."
Ich antworte ihr dann: "Ich, Dein Richter, habe alle Strafe für Dich auf
mich genommen und habe Dir Deine Gefahr bekannt gemacht, sowie den Weg, den Du
gehen mußtest, um nicht in Strafe zu kommen. Die Gerechtigkeit erfordert
allerdings Genugthuung für Deine Schuld, ohne welche Du den Himmel nicht
betreten durftest; diese Genugthuung habe ich für Dich geleistet, weil Du
persönlich unfähig warst, zu leiden. Ich habe Dir durch die Propheten
gezeigt, was mir begegnen werde und nicht dem geringsten, was die Propheten
von mir geweissagt haben, bin ich aus dem Wege gegangen; ich habe Dir alle
Liebe bewiesen, die ich konnte, auf daß Du Dich zu mir wenden möchtest. Aber
weil Du Dich von mir abgewendet und meine Barmherzigkeit verachtet hast, bist
Du der Gerechtigkeit in die Hände gefallen. Allein dessenungeachtet bin ich
noch so barmherzig, daß ich, wenn es möglich wäre, noch einmal zu sterben
und noch einmal dieselbe Strafe, die ich am Kreuze duldete, zu erdulden,
lieber noch einmal leiden, als Dich nach der Gerechtigkeit verurteilt sehen
möchte. Siehe meine Barmherzigkeit, welche sagt, daß ich, um Dich zu retten,
gerne noch einmal sterben möchte, wenn es möglich wäre, - siehe aber auch
meine Gerechtigkeit, welche sagt, daß es unmöglich ist. Siehe, wie
barmherzig ich auch gegen die Verdammten bin und wie liebreich! Denn, was ich
thue, das thue ich, um Dir meine Liebe zu zeigen; ich habe ja den Menschen von
Anfang an geliebt, auch wenn ich gering erschien, keiner aber achtet meine
Liebe oder kümmert sich darum. Weil ich also gerecht und barmherzig bin,
ermahne ich diejenigen, welche meine Krieger genannt werden, daß sie meine
Barmherzigkeit suchen, damit nicht meine Gerechtigkeit sie finde, welche fest
wie ein Berg, brennend wie Feuer, schrecklich wie Donner, so geschwind wie ein
gespannter Bogen ist. In dreifacher Weise ermahne ich sie. Zuerst wie ein
Vater seine Kinder, daß sie zu mir zurückkehren sollen, weil ich ihr Vater
und Schöpfer bin. Ich will ihnen das Erbe geben, das ihnen nach väterlichem
Rechte gebührt. Sie sollen zurückkehren, weil ich, obwohl ich verachtet
werde, sie doch mit Freude empfangen und ihnen mit Liebe entgegenkommen werde
Zweitens bitte ich sie als ein Bruder, daß sie sich meiner Wunder und Werke
erinnern und zurückkehren sollen, und ich will sie aufnehmen wie ein Bruder.
Drittens bitte ich sie wie ein Herr, daß sie zu ihrem Herrn zurückkehren
mögen, dem sie Treue gelobten, dem zu folgen sie mit einem Eide sich
verpflichtet haben Also, ihr meine Krieger, kehrt zu mir, euerem Vater,
zurück, der euch mit Liebe erzogen hat, betrachtet mich als eueren Bruder,
der sich euch um euretwillen ähnlich gemacht hat, kehrt zu mir, dem
liebreichen Herrn, zurück, denn es ist eine große Unredlichkeit, einem
anderen Herrn Treue und Gehorsam zu erweisen. Ihr habt mir ja Treue gelobt,
daß ihr meine Kirche verteidigen, den Elenden beistehen wolltet, und siehe!
nun leistet
ihr meinen Feinden Gehorsam. Ihr legt meine Fahne nieder und erhebt die Fahne
meines Feindes. Darum, o Kriegsleute, kehrt zu mir zurück mit wahrer Demut,
da die Hoffart euch von mir getrennt hat. Erscheint es euch hartt etwas für
mich zu leiden, so betrachtet, was ich für euch gethan. Ich bin euretwegen
mit blutenden Füßen zum Kreuze gegangen; für euch habe ich mir Hände und
Füße durchbohren lassen, keines meiner Glieder habe ich geschont um
euretwegen, und gleichwohl achtet ihr alles dessen nicht, indem ihr euch von
mir zurückzieht; kehrt also wieder und ich will euch zur Hilfe dreifach Gutes
erweisen; zuerst Stärke wider die leiblichen und geistlichen Feinde; zweitens
Hochherzigkeit, vermöge deren ihr nichts fürchtet, als mich, mittels deren
es euch lieblich erscheint, für mich Trübsale zu leiden; drittens werde ich
euch Weisheit geben, durch welche ihr den wahren Glauben und Gottes Willen
erkennen möget. Kehrt also zurück und steht männlich; denn ich, der ich
euch mahne, bin der, dem die Engel dienen, der euere Väter, die gehorsam
waren, frei machte, die Ungehorsamen richtete und die Hoffärtigen
erniedrigte. Ich bin der erste im Streite, der erste im Leiden gewesen, folgt
mir daher, damit ihr nicht wie das Wachs vom Feuer aufgelöst werdet. Warum
brecht ihr euer Versprechen? Weshalb verachtet ihr den Eid? Bin ich etwa
geringer oder minder wert, als euer weltlicher Freund, dem ihr haltet, was ihr
versprochen? Mir aber, dem Geber des Lebens und der Ehre, dem Erhalter der
Gesundheit, haltet ihr nicht das Versprechen? Darum, o brave Kriegsleute,
löst euer Versprechen, und wenn ihr's nicht vermögt mit der That, so
versucht es wenigstens mit dem Willen; denn mich dauert die Knechtschaft,
womit der Teufel euch drückt; ich will den Willen für die That nehmen. Kehrt
ihr zu mir mit Liebe zurück, arbeitet ihr für den Glauben meiner Kirche, so
will auch ich euch mit meinem ganzen Heere wie ein liebreicher Vater
entgegenkommen. Zum Lohne werde ich euch fünf Güter geben. Erstens wird die
ewige Ehre niemals von euerem Ohre weichen; zweitens werden das Antlitz und
die Herrlichkeit Gottes sich niemals aus euerem Gesichte entfernen; drittens
wird das Lob Gottes nimmer aus euerem Munde weichen; viertens wird euere Seele
alles haben, was sie verlangen wird, sie wird aber nichts anderes verlangen,
als was sie hat; fünftens werdet ihr niemals von euerem
Gott getrennt werden, sondern ohne Ende wird die Freude währen und ohne Ende
wird euer Leben in Freude dahinfließen. Seht, ihr Kriegsleute, so wird euer
Lohn sein, wenn ihr meinen Glauben verteidigt und für meine Ehre mehr, als
für die eurige, arbeitet. Erinnert euch, wenn ihr Verstand habt, wie geduldig
ich gegen euch bin, und daß ihr mir durch euere Untreue eine Schande anthut,
wie ihr sie von den Eurigen selber nicht dulden mögt. Noch schont euch jetzt
meine weise und gütige Barmherzigkeit, obwohl meine Gerechtigkeit euere
Strafe verlangt und ich die Macht dazu habe; deshalb suchet meine
Barmherzigkeit; denn aus Liebe gebe ich dasjenige, um das ich mit Demut
gebeten werden sollte.
Worte der Macht Christi zur Braut wider die Kriegsleute gegenwärtiger Zeit: von der bei Annahme von Kriegsleuten zu beobachtenden Weise, und wie Gott solchen Stärke und Hilfe in ihren Werken gewährt und darreicht.
Ich bin mit dem Vater und dem heiligen Geiste Ein Gott,
dreifältig in den Personen, einer wird aber vom anderen nicht getrennt, noch
gesondert, sondern der Vater ist im Sohne und in dem Geiste, und der Sohn im
Vater und im Geiste, und der Geist in beiden. Meine Gottheit sandte ihr Wort
durch den Erzengel Gabriel an die Jungfrau Maria, nichtsdestoweniger jedoch
war der nämliche Gott, der da sendete, auch der von ihm selbst mit dem Engel
gesendete, bei und vor Gabriel in der Jungfrau. Nachdem das Wort aber vom
Engel ausgesprochen worden, ward das Wort Fleisch in der Jungfrau. Dieses Wort
bin ich, der ich mit Dir rede. Mein Vater sandte mich durch ihn selber samt
dem heiligen Geiste in den Schoß der Jungfrau, jedoch nicht so, daß die
Engel des Anblickes und der Gegenwart Gottes entbehrt hätten, sondern ich,
der Sohn, der ich beim Vater und beim heiligen Geiste im Leibe der Jungfrau
war, war auch ebenso im Himmel beim Vater und beim heiligen Geiste im
Angesichte der Engel, und beherrschte und erhielt alles, obwohl meine
Menschheit, welche von mir, dem Sohne, allein angenommen war, im Leibe Mariens
ruhte. Ich nun, in meiner Gottheit und Menschheit Ein Gott, verschmähe nicht,
zur Erweisung meiner Liebe und zur Stärkung des heiligen Glaubens mit Dir zu
reden. Und obgleich meine Menschheit anscheinend jetzt bei Dir ist und mit Dir
redet, so ist es doch augenscheinlicher, daß Du mit Deiner Liebe und Deinem
Gewissen bei mir und in mir bist; mir ist ja nichts unmöglich und schwer im
Himmel und auf Erden. Ich bin wie ein mächtiger König, welcher mit seinem
Kriegsheere vor eine Stadt zieht und alle Plätze anfüllt und einnimmt; so
erfüllt meine Gnade alle Deine Glieder und stärkt sie alle. Ich bin mit
einem Worte in Dir und außer Dir, und obschon ich mit Dir rede, bin ich doch
derselbe in der Herrlichkeit. Was kann mir schwer sein, der ich durch meine
Macht alles erhalte, mit meiner Weisheit alles anordne und mit meiner Kraft
alles überwinde? Ich also, samt dem Vater und dem heiligen Geiste ohne Anfang
und ohne Ende einiger Gott, der ich für das Heil der Menschen die Menschheit
angenommen habe, ohne daß die Gottheit dadurch versehrt ward, der ich
wahrhaft gelitten habe und auferstanden und aufgefahren bin, rede jetzt
wahrhaftig mit Dir. Ich sprach vorhin über den Kriegsdienst mit Dir, der mir
vor Zeiten, weil durch das Band der Liebe mit mir verbunden, so wohlgefällig
war; denn durch ihren Eid verpflichteten sich meine geistlichen Krieger ihr
Fleisch für mein Fleisch, ihr Blut für mein Blut zu geben, und zu diesem
heiligen Werke hatten sie meine volle Zustimmung und waren mit mir zu einem
Bunde und einer Genossenschaft vereinigt. Nun muß ich aber über sie, die
sich mir eidlich zum Eigentum übergeben haben, Klage führen, weil sie sich
von mir abgewendet haben. Obwohl ich ihr Schöpfer, Erlöser und Helfer bin,
Leib und Glieder ihnen anerschaffen und alles, was in der Welt ist, zu ihrem
Nutzen eingerichtet habe; ja, obwohl ich sie mit meinem Blute erlöst, durch
mein Leiden ein ewiges Erbe ihnen erkauft habe und sie in allen Gefahren
verteidige und Stärke zu ihren Arbeiten gebe, haben sie mir doch den Rücken
gekehrt. Mein Leiden achten sie für nichts, meine Worte, die meiner Seele
Weide und Ergötzung sind, vernachlässigen sie und während sie mich
verachten, hängen sie ihre ganze Herzensneigung an das Lob der Menschen, an
die Erfüllung ihrer Begierden, an weltliche Dinge und teuflische
Einflüsterungen und stehen nicht an, dafür ihr Fleisch hinzugeben, ihr Blut
zu vergießen und zu sterben. Und dennoch, obwohl sie sich
von mir abgewendet haben, ist meine Barmherzigkeit und meine Gerechtigkeit
noch mit ihnen; durch weine Barmherzigkeit behüte ich sie, durch meine
Gerechtigkeit ertrage ich sie in Geduld; denn wenn sie zu mir zurückkehren
wollten, würde ich ihnen mit Freuden entgegenkommen und sie aufnehmen. Sage
also demjenigen, der meinen geistlichen Ritterdienst auf sich nehmen will, in
welcher Weise er mein Wohlgefallen sich erwerben kann. Mit seinem Streitroß
und seiner Waffenrüstung muß er in den Vorhof der Kirche kommen und sie dort
zurücklassen, zum Zeichen, daß das Roß nicht erschaffen ist zur Hoffart des
Menschen, sondern zum Nutzen seines Lebens, zur Verteidigung und Bekämpfung
der Feinde Gottes. Dann soll er seinen Mantel nehmen, das Band desselben aber
über die Stirn legen, zum Zeichen des Gelöbnisses, wodurch er den Gehorsam
des geistlichen Ritterdienstes zur Verteidigung meines Kreuzes auf sich nimmt.
Vor ihm hergehen soll auch die Fahne der weltlichen Gewalt, auf daß er wisse,
wie er in allen Dingen, welche nicht wider Gott sind, der weltlichen Macht zu
gehorsamen habe; hat er den Vorhof der Kirche betreten, so sollen ihm die
Geistlichen mit der Kirchenfahne entgegenkommen, auf welcher mein Leiden und
meine Wunden abgebildet sein müssen, zum Zeichen, daß er die Kirche Gottes
und den Glauben zu verteidigen und den geistlichen Obern zu gehorchen hat;
tritt er aber in die Kirche ein, muß die Fahne der weltlichen Macht draußen
vor der Kirche bleiben und meine Fahne ihm in die Kirche vorangehen, zum
Zeichen, daß die geistliche Gewalt der weltlichen vorgeht, und daß man um
das Geistliche größere Sorge tragen soll, als um Weltliches. Wenn nun die
Messe bis zum Agnus Dei gelesen worden, soll der Obere, der König oder ein
anderer, zum Kriegsmann neben dem Altare hinantreten und sprechen:
"Willst Du ein Streiter Gottes werden?" und wenn jener antwortet:
"Ich will," soll er fortfahren: "So versprich Gott und mir, den
Glauben der heiligen Kirche zu verteidigen und deren Vorstehern in allen
Dingen, welche Gott angehen, zu gehorchen." Wenn jener wieder antwortet:
"Ich will," so soll er ihm das Schwert in die Hand geben und
sprechen: "Siehe, ich gebe Dir das Schwert in Deine Hand, auf daß Du
Deines Lebens für den Glauben und die Kirche Gottes nicht schonst, damit Du
Gottes Feinde überwältigest und seine Freunde verteidigest."
Hernach soll er ihm den Schild überreichen und sprechen: "Siehe, ich
übergebe Dir den Schild, damit Du Dich verteidigest wider die Feinde Gottes,
daß Du den Witwen und Waisen Hilfe gewährest, und in allen Stücken die Ehre
Gottes vermehrest." Hernach lege er ihm die Hand an die Schulter und
spreche: .Siehe, nun bist Du dem Gehorsame und der Macht unterworfen; strebe
daher, daß Du, durch das Gelöbnis gebunden, dasselbe auch durch die That
erfüllest." Hierauf soll er ihm den Mantel und das Band umthun, damit er
täglich im Gedächtnisse habe, was er Gott gelobt, und wie er sich zur
Verteidigung der Kirche Gottes mehr, als andere, im Angesichte der Kirche
anheischig gemacht. Wenn dieses geschehen und das Agnus Dei gesprochen ist,
soll der Priester, welcher die Messe gelesen, ihm meinen Leib reichen, auf
daß er den Glauben der heiligen Kirche verteidige. Ich werde in ihm und er in
mir sein; ich werde ihm Hilfe und Kraft gewähren und ihn mit der Flamme
meiner Liebe entzünden, so daß er nichts will, als mich, und nichts
fürchtet, als mich, seinen Gott. Befindet er sich im Felde und leistet er
dort Kriegsdienst, um meine Ehre und meinen Glauben zu verteidigen, so wird es
ihm um so mehr zum Nutzen gereichen, wenn seine Absicht die rechte war; denn
ich bin vermöge meiner Macht aller Orten, und alle können mir durch rechte
Absicht und guten Willen gefallen. Ich bin die Liebe, und niemand kann zu mir
kommen, als wer die Liebe hat; deshalb befehle ich niemand, das zu thun; denn
sonst würden sie mir aus Furcht dienen; wer aber immer in solcher Absicht den
geistlichen Kriegsdienst auf sich nimmt, erwirbt sich wein Wohlgefallen und
wer immer durch Hoffart sich verleiten ließ, meinen Dienst zu verlassen, dem
geziemt es, daß er durch seine Demut zu erkennen gebe, daß er gewillt sei,
zu seinem eidlich gelobten Ritterdienste zurückzukehren. - (Man hielt dafür,
daß unter diesem Kriegsmanne Karl, der Sohn der heiligen Brigitta, zu
verstehen sei.) ![]()
Wie Christus unter einem Goldschmiede und Gottes Worte unter Gold dargestellt werden, wie diese Worte denen, welche göttliche Liebe, ein aufrichtiges Gewissen und wohlgeordnete Sinne haben, vorgetragen werden sollen, und wie die Prediger Gottes nicht nachlässig, sondern sorgfältig sein sollen, das Gold zu verkaufen, d. h. die Worte Gottes vorzutragen.
Ich bin wie ein guter Goldschmied. Wenn dieser seinen Diener
im Lande umher aussendet, um sein Gold zu verkaufen, sagt er ihm: "Drei
Dinge hast Du zu beobachten. Erstens darfst Du nur denen mein Gold
anvertrauen, welche klare und helle Augen haben; zweitens darfst Du es denen
nicht anvertrauen, welche kein Gewissen haben; drittens sollst Du mein Gold
feilhaben um zehn Pfund doppelt gewogen; denn wer mein Gold zweimal zu wägen
ablehnt, soll es nicht haben. Dann mußt Du Dich vor drei Versuchungen meines
Feindes in acht nehmen. Erstens will er Dich lässig machen, mein Gold
herumzutragen und vorzuzeigen; zweitens will er betrügen und etwas Falsches
unter mein Gold thun, damit diejenigen, welche das Gold sehen und prüfen,
glauben sollen, mein Gold sei Kot und Fäulnis; drittens legt er in den Mund
seiner Freunde die Worte, wie sie Dir widerstreben und beharrlich sagen
sollen, mein Gold sei nicht gut. Siehe, dieser Goldschmied bin ich. Alles, was
im Himmel ist und auf Erden, habe ich geschmiedet, nicht mit Hämmern und
Werkzeugen, sondern mit meiner Macht und Kraft. Alles, was ist, was war und
was sein wird, alles, alles ist von mir vorausgesehen worden; denn auch nicht
der geringste Wurm und das kleinste Korn sind ohne mich, noch können sie ohne
mich bestehen, noch ist etwas so klein. daß es sich vor meiner Voraussehung
verbergen könnte; denn alles ist von mir und so, wie ich es vorausgesehen
habe. Unter allem jedoch, was ich hervorgebracht habe, sind die Worte, die ich
mit meinem Munde geredet, das Edelste, wie das Gold unter den übrigen
Metallen das edelste ist. Deshalb haben meine Diener, durch welche ich mein
Gold auf der Erde umher versende, drei Stücke zu beobachten. Zuerst sollen
sie nicht denen mein Gold anvertrauen, welche keine
hellen und klaren Augen haben. Du kannst aber fragen: Was bedeutet das: einen
klaren Blick haben? Fürwahr, derjenige sieht klar, welcher göttliche
Weisheit samt göttlicher Liebe hat. Allein, wie ist dies zu erkennen? Gewiß,
das ist ganz deutlich. Wer nach dem lebt, was er versteht, wer sich der
Eitelkeit der Welt und der Neugierde entzieht, wer nichts so sehr sucht, wie
seinen Gott, der hat klare Augen und ihm soll mein Gold anvertraut werden.
Derjenige aber, welcher zwar die Wissenschaft hat, aber nicht die göttliche
Liebe, um zu thun, was er versteht, der gleicht einem Blinden, welcher zwar
Augen zu Gott zu haben scheint, aber sie doch nicht hat; denn er wendet sich
der Welt zu, Gott aber seinen Rücken. Zweitens darf mein Gold dem nicht
überlassen werden, welcher kein Gewissen hat. Wer anderes hat ein Gewissen,
als wer dieses Zeitliche und Vergängliche gewissenhaft für das Ewige
verwendet? Wer den Geist im Himmel und den Leib auf Erden hat, wer täglich
darüber nachdenkt, wie er von der Erde scheiden und Gott von seinen Thaten
Rechenschaft geben müsse, diesem soll mein Gold anvertraut werden. Drittens
soll er mein Gold feil haben um zehn Pfund zweimal gewogen. Die Wage, auf
welcher das Gold gewogen wird, bedeutet das Gewissen; die Hände, welche
wägen müssen, bedeuten den guten Willen und die gute Absicht; die
aufzusetzenden Gewichte endlich bedeuten die leiblichen und geistlichen Werke.
Wer also mein Gold, d. h. meine Worte, kaufen und haben will, muß auf der
Wage seines Gewissens prüfen und mit gutem Willen erwägen, daß dafür zehn
Pfunde wohlgewogen nach meinem Willen bezahlt werden müssen.
Das erste Pfund ist die Gabe des sittsamen Gesichtes, welche
den großen Unterschied zwischen leiblichem und geistlichem Gesichte zu
erkennen giebt. Mit diesem Gesichte soll der Mensch sehen, wozu die leibliche
Schönheit des Gesichtes ihm gegeben ist, auch wie groß und herrlich die
Schönheit der Engel und ihrer herrlichen Vorzüge ist, wodurch sie den Glanz
der Gestirne des Himmels überstrahlen und welche Süßigkeit und
Herzensfreude die treue Erfüllung der Gebote Gottes mit sich bringt; auch
spiegelt sich in ihm die Schamhaftigkeit. Es darf aber nicht auf gleicher Wage
gewogen werden, denn das geistliche Gesicht muß schwerer wiegen, als das
leibliche, das heißt, es darf nur aufgethan sein zu der Seele Nutzen und des
Leibes
wahrer Notdurft, muß aber für eitle und thörichte Dinge geschlossen sein.
Das zweite Pfund ist ein gutes Gehör. Der Mensch soll bedenken, wozu thörichte, abgeschmackte und possenhafte Worte nützen, denn sie sind nur Eitelkeit und ein Lufthauch, der dahinfährt; vielmehr soll er hören das Lob Gottes und seine Loblieder, hören die Thaten und Reden meiner Heiligen; er soll hören, was für die Seele notwendig und für den Leib erbaulich ist im Guten. Dies Gehör wird schwerer wiegen auf der Wage, als das Anhören leichtfertiger Dinge; das gute Gehör mit dem anderen auf die Wage gelegt, muß volles Gewicht haben, das andere aber wie leer aufsteigen und verschwinden.
Das dritte Pfund ist die Gabe des Mundes. Der Mensch soll auf der Wage seines Gewissens abwägen, wie nützlich und ehrbar erbauliche und bescheidene Worte sind, dagegen wie schädlich und unnütz eitle und müßige Worte, und soll die eitlen Worte vermeiden, die guten dagegen lieben.
Das vierte Pfund ist der Geschmack. Was ist der Geschmack der Welt anderes, als Elend, im Anfange Arbeit, im Fortgange Schmerz, am Ende Bitterkeit? Also soll der Mensch fleißig den geistlichen Geschmack abwägen mit dem zeitlichen und darauf sehen daß den zeitlichen Geschmack der geistliche überwiege, welcher niemals ein Ende nehmen, nie Ekel erregen und nie sich mindern wird. Dieser Geschmack beginnt im gegenwärtigen Leben mit Zügelung der Wollust und Beobachtung einer bescheidenen Lebensweise, und dauert ohne Ende in den Himmeln im Genusse und in de Süße Gottes fort.
Das fünfte Pfund ist die Gabe der Empfindung. Der Mensch
soll erwägen, welche Bekümmernis und welches Elend er am Leibe, welche
Unruhe von der Welt und welche Widerwärtigkeit er von seinem Nächsten zu
empfinden, wie er überall Elend zu ertragen hat. Er soll erwägen, welcher
Art die Ruhe der Seele und eines wohlgezogenen Gemütes, wie groß die
Süßigkeit ist, um überflüssige Dinge sich nicht zu kümmern, und dann wird
er allenthalben Trost empfinden. Wer daher wohl wägen will, lege auf die Wage
die geistige und leibliche Empfindung, und wäge so, daß die geistige mehr
wiege und schwerer sei, als die leibliche. Diese geistige
Empfindung fängt an und schreitet fort mittels der Gelassenheit in
widerwärtigen Dingen und mittels Beharrens auf den Geboten Gottes, und dauert
ewig in Freude und süßestem Frieden. Wem aber die leibliche Ruhe und die
Empfindung der Welt und deren Freude schwerer wiegt, als die ewige, der ist
nicht wert, mein Gold anzurühren oder meine Freude zu genießen.
Das sechste Pfund sind die Werke des Menschen. Der Mensch soll fleißig die geistlichen und leiblichen Werke in seinem Gewissen erwägen; jene führen zum Himmlischen, diese zur Welt, jene zum ewigen Leben ohne Pein, diese aber zu großer Trübsal mit Pein. Wer aber mein Gold begehrt, dem soll das geistliche Werk, das in meiner Liebe und in meiner Verherrlichung besteht, schwerer wiegen, als das leibliche Werk; die geistlichen Werte bleiben, die leiblichen aber verfallen.
Das siebente Pfand ist die Verwendung der Zeit. Eine Zeit hat der Mensch empfangen, um bloß geistlichen Dingen obzuliegen, eine andere aber zur Pflege des Leibes, ohne welche er nicht bestehen kann, welches aber, wenn es vernünftig betrieben wird, gleichfalls ein geistliches Werk ist; noch eine andere zu nützlicher Übung des Leibes. Weil nun der Mensch Rechenschaft geben soll von seiner Zeit, wie er es auch von seinen Werken muß, so soll die Zeit, welche er für das geistliche verwendet hat, das Übergewicht über die leibliche Arbeit haben; deshalb muß die Zeit so eingeteilt werden, daß auf das Geistliche davon mehr verwendet wird, als auf das Leibliche, und daß man keine Zeit ohne Bedacht und billige Abwägung der Gerechtigkeit vorübergehen lasse.
Das achte Pfund ist die. billige Verteilung der verliehenen
geistlichen Güter, so daß, wer reich ist, soweit sein Vermögen sich
erstreckt, mit göttlicher Liebe den Armen mitteilt. Du kannst aber fragen,
was soll der Arme geben, der nichts hat? Er soll wenigstens den Willen haben
und bei sich denken: Wenn ich etwas hätte, wollte ich gern reichlich davon
mitteilen. Dieser Wille wird ihm für die That angerechnet. Wäre aber sein
Wille so beschaffen, daß er, wie auch die übrigen, gern zeitliche Güter
haben möchte, und wollte er einem anderen Armen nur das Schlechteste davon
geben, so würde ihm ein solcher Wille für ein schlechtes Werk angerechnet
werden. Darum soll der reiche Mensch, der Güter besitzt,
seine Wale mit Liebe verrichten; wer aber nichts besitzt, soll doch den Willen
haben, zu geben, und derselbe wird ihm nützen. Wem aber das Zeitliche
schwerer wiegt, als das Geistliche, wer mir einen Pfennig giebt, der Welt
hundert, sich selber aber tausend, wer so misset, ist nicht wert, mein Gold zu
haben. Denn ich, der ich alles gegeben habe, kann auch alles hinwegnehmen und
bin des besten Teiles würdig. Das Zeitliche aber ist zum Nutzen des Menschen
und seiner Notdurft erschaffen, nicht zum Überflusse.
Das neunte Pfund ist die sorgfältige Erwägung der Zeit, welche vergangen und vorüber ist; denn der Mensch soll erwägen seine Thaten, von welcher Beschaffenheit und Bedeutung sie gewesen, ob und wie sie an Vollkommenheit zugenommen haben; er soll auch darauf achten, ob nicht etwa seine guten Werke geringer waren, als die bösen und wenn er findet, daß die bösen größer waren, als die guten, soll er den vollkommenen Willen fassen, sich zu bessern, und wahre Reue über das Begangene empfinden: ist diese wahr und aufrichtig, so wird sie vor Gott mehr wiegen, als alle seine Sünden.
Das zehnte Pfund ist die Erwägung der zukünftigen Zeit und wie dieselbe zu verwenden sei, was dadurch, geschieht, wenn der Mensch dahin strebt, daß er nichts lieben will, außer was Gottes ist, daß er nichts begehrt, als wovon er weiß, daß es Gott gefällt, wenn er alle Trübsal gern und geduldig umfaßt und selbst die Strafen der Hölle, wenn Gott Freude daran hätte und dieselben der Wille Gottes wären, ertragen wollte. Dieses Pfund übertrifft alles, und vermöge desselben wird alle kommende Prüfung leicht ertragen. Wer nun diese zehn Pfunde hat, der soll mein Gold haben.
Diejenigen, welche mein Gold umhertragen, will, wie ich
gesagt, der Feind auf dreifache Weise hindern. Erstlich will er sie lässig
machen; eine andere ist die leibliche, eine andere die geistliche Lässigkeit.
Eine leibliche ist es, wenn der Leib verdrossen ist zum Arbeiten, Aufstehen
und dergleichen. Geistliche Lässigkeit ist, wenn der geistliche Mensch,
welcher meines Geistes Süße und Gnade empfindet, lieber in dieser Süße
allein ruhen will, als auch anderen behilflich zu sein, daß sie dieser Süße
teilhaftig werden. Gewiß hatten Petrus und Paulus die Süßigkeit meines
Geistes in reichem Maße und wäre es mir angenehm gewesen, so würden sie
lieber im Besitze dieser Süßigkeit am tiefsten Orte der Erde in Verborgen-
heit gelebt haben, als mitten in der Welt. Allein damit auch andere teil
erhalten möchten an ihrer Süßigkeit und an ihrer Erbauung, zogen sie es
vor, hinauszugehen, um auch anderen von ihrem Reichtume mitzuteilen, als
allein zu sein und andere mit der ihnen verliehenen Gnade nicht trösten zu
können. So auch müssen meine Freunde jetzt, obwohl sie lieber allein sein
und sich der Süßigkeit, welche sie haben, erfreuen möchten, doch
hervortreten, damit auch andere ihrer Freude teilhaftig werden; denn wie
jemand, der einen Überfluß an weltlichen Dingen besitzt, sich nicht allein
derselben bedient, sondern dieselben auch anderen mitteilt, so dürfen auch
meine Gnade und meine Worte nicht verborgen gehalten, sondern müssen auch
über andere verbreitet werden, damit dieselben sich daran erbauen. Nun sind
es aber dreierlei Leute, denen meine Freunde zu Hilfe kommen können. Zuerst
den Verdammten, zweitens den Sündern, denen nämlich, welche in Sünde
verfallen und wieder aufstehen, drittens den Guten, welche beständig bleiben.
- Du möchtest aber fragen, wie jemand den Verdammten zu Hilfe kommen könne,
da dieselben der Gnade unwürdig sind, und es ihnen unmöglich ist, zur Gnade
zurückzukehren. Hierauf will ich Dir durch ein Beispiel antworten. An einem
tiefen Abgrunde befinden sich unzählige Gruben, in welche einer, der in den
Abgrund stürzt, notwendig fallen muß. Würde nun aber jemand diese Grube
ausgefüllt haben, so würde der andere nicht so tief fallen können, als wenn
die Grube nicht ausgefüllt worden wäre. So verhält es sich auch mit den
Verdammten. Denn, obwohl sie vermöge meiner Gerechtigkeit und ihrer
andauernden Bosheit zur vorher bestimmten und vorausgewußten Zeit werden
verdammt werden, so würde ihnen doch ihre Strafe leichter werden, wenn sie
jemand vom Bösen in etwas abgehalten und zu etwas Gutem angeleitet hätte.
Siehe, wie barmherzig ich auch gegen die Verdammten bin, obwohl, wenn auch die
Barmherzigkeit ihrer schonen möchte, doch die Gerechtigkeit und ihre Bosheit
sie verdammt. Zweitens können meine Freunde den Sündern zu Hilfe kommen, die
sich wieder erheben wollen, wenn sie dieselben lehren, wie sie wieder
aufstehen, wie sie vorsichtig sein sollen gegen den Fall, wie sie vorwärts
kommen und ihren Begierden Widerstand zu leisten vermögen. Drittens aber
können sie den Gerechten und Vollkommenen nützen. Fallen denn
diese auch? Ja freilich, aber zu ihrem größeren Ruhme und zur Schande und
Beschämung des Teufels. Denn wie ein Kriegsmann, welcher im Kriege leicht
geschlagen worden, durch den Schlag noch stärker angeregt und zum Kriege
schärfer angespornt wird, so werden meine Auserwählten durch die Versuchung
des teuflischen Widerstreites noch mehr zu geistlicher Anstrengung und zur
Demut angeregt, und streben desto eifriger danach, die Krone der Herrlichkeit
zu erlangen. Darum sollen meine Worte vor meinen Freunden nicht verborgen
werden, weil sie nach Vernehmung meiner Gnade noch mehr zur Andacht gegen mich
angeregt werden können. - Was das zweite anbetrifft, daß mein Feind sich
bemüht, mein Gold als unecht hinzustellen und es als Kot erscheinen zu
lassen, so soll derjenige, der die Abschrift zu besorgen hat, zwei
zuverlässige Zeugen zuziehen oder einen von erprobter Rechtschaffenheit, und
nachdem von diesen das Geschriebene geprüft worden, mag er es zustellen, wem
er will, damit nicht etwa, wenn das Geschriebene ohne Zeugnis in die Hände
der Feinde gerät, demselben etwas Falsches hinzugefügt wird, wodurch die
Worte der Wahrheit dem Einfältigen abgeleugnet werden können. - Was das
dritte anbelangt, nämlich: daß mein Feind seinen Freunden es in den Mund
giebt, meinem Golde zu widersprechen, so sollen meine Freunde den
Widersprechenden sagen: In dem Golde der angezeigten Worte sind nur drei
Worte: sie lehren, recht fürchten, fromm lieben und weislich nach dem
Himmlischen verlangen. Prüfet die Worte und seht, und wofern ihr es
anders befindet, dann widersprecht.
Worte Christi zur Braut von dem Wege zum Paradiese, welcher durch seine Ankunft eröffnet worden, und von seiner uns dadurch gezeigten brünstigen Liebe, daß er von seiner Geburt an bis zu seinem Tode viele Leiden erduldet, und wie nun der Weg zur Hölle weit, der zum Paradiese aber eng ist.
Du wunderst Dich, weshalb ich dergleichen mit Dir rede und
Dir so vieles gezeigt habe! Geschieht es denn Deinetwegen allein? Keineswegs,
sondern anderen zur Lehre und zum Heile. Ehedem war die Welt wie eine Wüste,
in welcher sich nur ein Weg befand,
der zum tiefsten Abgrunde führte. In dem Abgrunde befanden sich aber zwei
Gemächer; das eine war so tief, daß es keinen Grund unter sich hatte, und
die hinabstiegen, kamen nicht wieder hinauf; das zweite aber war nicht so
tief, noch so schrecklich, als das erste, vielmehr hofften diejenigen, welche
hinabfuhren, auf Hilfe. Sie hatten nur einigen Aufschub, aber keinen Jammer;
sie empfanden Finsternis, aber keine Pein. Diejenigen nun, welche in diesem
zweiten Gemache wohnten, riefen täglich nach einer gewissen, herrlichen
Stadt, welche nahe dabei lag, und welche mit allen Gütern und Freuden
angefüllt war, und ganz laut riefen sie danach. Sie wußten zwar den Weg zur
Stadt, den sie gehen sollten, aber die Wüste und der Wald waren so dicht und
verschlungen, daß sie vor dem Dickicht nicht hinein-, noch hindurchzudringen
vermochten; sie waren auch nicht stark genug, um sich den Weg zu bahnen. Aber
was riefen sie? Wahrlich, sie riefen also: "Komm', o Gott, und hilf,
zeige den Weg und erleuchte uns, die wir Dich erwarten; denn in nichts
anderem, als in Dir, ist für uns Heil." Dieses Rufen drang zum Himmel
empor in mein Ohr; dasselbe bewog mich zur Barmherzigkeit und gerührt durch
so langes Rufen, bin ich wie ein Fremdling in die Wüste hinabgegangen. Allein
bevor ich anfing, darin zu wandeln und zu arbeiten, erscholl eine Stimme vor
mir, welche sprach? "Die Axt ist schon an den Baum gelegt." Wer war
diese Stimme anders, als Johannes der Täufer, welcher, vor mir in die Wüste
gesendet, rief: "Die Axt ist schon an den Baum gelegt," als wollte
er sagen: Jetzt soll der Mensch bereit sein; denn die Axt ist schon gerüstet,
um die Wege zu bahnen, denn er selbst war gekommen, um den Weg zur Stadt zu
bereiten und alle Hindernisse auszureuten. Nachdem ich nun aber gekommen bin,
habe ich gearbeitet vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, d. h. von meiner
Menschwerdung an bis zum Kreuzestode habe ich des Menschen Heil gewirkt; ich
floh gleich im Beginne meines Einganges in die Einöde um meiner Feinde
willen, namentlich vor dem verfolgenden Herodes; ich wurde vom Teufel versucht
und erlitt Verfolgungen von den Menschen. Danach habe ich vielfache
Mühseligkeiten ausgestanden, habe gegessen, getrunken und andere Bedürfnisse
der Natur ohne Sünde befriedigt, um zu beweisen, daß ich die wahre
menschliche Natur angenommen. Stacheln und gar spitzige
Dornen haben mein Haupt zerstochen und eiserne Nägel mir Hände und Füße
verwundet, meine Zähne und Wangen wurden zerschlagen. Ich aber habe geduldig
gelitten und bin nicht zurückgewichen, sondern um so eifriger
fortgeschritten, wie ein durch Hunger herabgekommenes Tier, wenn es einen mit
dem Speere auf sich zukommenden Menschen erblickt, aus Begierde nach Speise in
den Speer hineinrennt und den Speer sich tief in den Leib hineintreibt, bis
seine Eingeweide und der ganze Körper durchbohrt sind. Also habe ich mit so
großer Liebe gebrannt nach der Seele, und je gewisser ich die bittersten
Qualen erkannte, die auf mich warteten, ja, je williger der Mensch war, mich
zu töten, um so mehr bin ich entbrannt gewesen, um des Heiles der Seelen
willen zu leiden. So bin ich in dieser Wüste der Welt unter Arbeit und Elend
dahingegangen und habe mit meinem Blute und Schweiße den Weg bereitet. - Und
als meine Freunde diesen Weg und meine harten Arbeiten erblickten und die
Fröhlichkeit meines Gemütes betrachteten, sind viele voll Freuden und lange
Zeit mir gefolgt. Jetzt aber ist die Stimme, welche rief: Bereitet den Weg!
Haltet euch bereit! verstummt; mein Weg ist verwildert, Distel und Dornen
wachsen darauf, und die auf demselben wandelten, haben Halt gemacht. Der Weg
zur Hölle ist offen und weit und sehr viele wandeln auf demselben. Damit aber
mein Weg nicht gänzlich verschlossen und vernachlässigt bleiben möge, gehen
wenige meiner Freunde aus Verlangen nach dem himmlischen Vaterlande noch auf
demselben, wie die Vögel von einem Busche in den anderen fliegen; sie dienen
mir fast heimlich und furchtsam; denn allen erscheint es jetzt als ein Glück
und eine Freude, auf dem Wege der Welt zu wandeln. Deshalb nun, weil mein Weg
enge, derjenige der Welt aber breit ist, rufe ich in der Wüste, d. h. der
Welt, meine Freunde herbei, daß sie von dem Wege, welcher zum Himmel führt,
die Dornen und Disteln ausreuten und ihn denjenigen zeigen, die darauf wandeln
wollen. Denn, wie geschrieben steht: Glücklich sind die, welche mich nicht
sehen und doch glauben, so sind auf ähnliche Weise diejenigen glücklich,
welche jetzt meinen Worten glauben und dieselben durch die That erfüllen;
denn ich bin wie eine Mutter, welche ihrem in die Irre geratenen Sohne
entgegengeht, die ihm auf dem Wege ein Licht reicht, damit er den Pfad sehen
möge. Sie geht
ihm liebevoll auf dem Wege entgegen, verkürzt ihm den Weg, und wenn sie zu
ihm kommt, umarmt sie ihn und wünscht sich Glück. Also will ich allen denen,
welche zu mir zurückkehren und meinen Freunden mit Liebe entgegenkommen, auch
ihr Herz und ihre Seele mit göttlicher Weisheit erleuchten. Ich will sie mit
aller Herrlichkeit samt dem himmlischen Hofe umfangen, wo kein höherer Himmel
und keine Erde drunten ist, sondern das Angesicht Gottes, wo keine Speise ist
und kein Trank, sondern Freude. Den Bösen aber steht der Weg zur Hölle
offen; die darauf Wandelnden werden niemals aufwärtssteigen, sie werden der
Herrlichkeit und Freude entbehren und mit Elend und ewiger Schande erfüllt
werden. Deshalb rede ich diese Worte und zeige meine Liebe, auf daß
diejenigen, welche sich abgewendet haben, zu mir zurückehren und mich als
ihren Schöpfer erkennen mögen, den sie vergessen haben.
Christi Worte zur Braut, weshalb er mehr mit ihr, als mit anderen, die besser sind, redet; von drei Dingen, welche Christus der Braut befiehlt; von drei Geboten; von drei Dingen, die er zuläßt, und von drei Ratschlägen, - eine sehr gute Lehre.
Es wundern sich viele darüber, daß ich mit Dir rede und
nicht mit anderen, welche ein besseres Leben führen und mir längere Zeit
gedient haben. Diesen antworte ich durch ein Beispiel. Es ist ein Herr,
welcher mehrere Weinberge und zwar an verschiedenen Orten der Erde besitzt.
Der Wein aus jedem Weinberge schmeckt nach dem Erdreiche, in welches er
gepflanzt ist. Nachdem nun der Wein gekeltert worden, trinkt der Herr der
Weinberge vom mittelmäßigen und leichteren, aber nicht vom besseren Weine.
Sollte nun etwa einer von denen, die solches sehen und dabei stehen, den Herrn
fragen, weshalb es ihm also zu thun beliebte, so wird der Herr antworten, weil
ihm dieser Wein besser geschmeckt habe, auch zu damaliger Zeit ihm angenehmer
gewesen; deshalb gießt aber der Herr die besseren Weine nicht hinweg und
verachtet dieselben nicht, sondern er bewahrt sie auf zu gelegener Zeit zu
seiner Ehre und seinem Nutzen, jeglichen, wozu er damals tauglich war. Also
habe
ich mit Dir gethan. Ich habe viele Freunde, deren Leben mir süßer ist, als
Honig, köstlicher, als aller Wein, leuchtender vor weinen Augen, als die
Sonne. Allein weil es mir so gefiel, habe ich Dich erwählt in meinem Geiste,
nicht weil Du besser bist, als jene, oder mit ihnen verglichen werden
könntest, oder würdiger bist an Verdiensten, als sie, sondern weil ich es so
will, der ich aus den Thoren Weise, aus den Sündern Gerechte mache. Ich
verachte auch jene nicht, indem ich Dir solche Gnade erwies, sondern ich
bewahre sie, je nachdem meine Gerechtigkeit solches erfordert, zu einer
anderen Ehre, zu einer anderen Verwendung für mich auf. Du aber erniedrige
Dich in allen Stücken und sei über nichts unruhig, als über Deine Sünden;
liebe auch alle, selbst die, welche Dich zu hassen und Dich zu verkleinern
scheinen, weil sie Dir eine bessere Gelegenheit geben, die Krone des Sieges zu
gewinnen. Es sind drei Dinge, welche ich zu thun Dir gebiete, drei, welche zu
thun Dir verbiete, drei, welche zu thun ich Dir gestatte, und drei, welche zu
thun Dir rate. Zuerst gebiete ich Dir, nichts zu begehren, als Deinen Gott,
alle Hoffart und Anmaßung hinwegzuthun, immerdar die Üppigkeit des Fleisches
zu hassen; ich verbiete Dir, eitle und leichtfertige Worte zu lieben, das
Übermaß von Speise und anderen überflüssigen Dingen, die Freude und den
Leichtsinn der Welt; ich erlaube Dir mäßigen Schlaf zu gutem Wohlbefinden,
mäßiges Wachen zur Übung des Leibes, mäßige Speise zur Stärkung und
Erhaltung des Leibes; endlich rate ich Dir Eifer im Fasten und guten Werken,
denen das Himmelreich verheißen ist, das, was Du hast, zur Ehre Gottes
anzuwenden, zweierlei in Deinem Herzen beständig zu erwägen: erstens, was
ich für Dich gethan, indem ich für Dich gelitten und gestorben, - dieser
Gedanke regt die Liebe zu Gott an; zweitens betrachte meine Gerechtigkeit und
das künftige Gericht, das flößt dem Geiste Furcht ein. Nun ist noch ein
viertes, was ich befehle, vorschreibe, rate und empfehle, daß Du gehorchst,
wie Du schuldig bist. Dies schreibe ich Dir vor, weil ich Dein Gott bin; dies
gebiete ich, weil ich Dein Herr bin; dies erlaube ich Dir, weil ich Dein
Bräutigam bin; dies rate ich, weil ich Dein Freund bin. ![]()
Worte Christi zur Braut, wie die Gottheit wahrhaft die Kraft zu nennen ist; von den vielerlei Überlistungen des Menschen durch den Teufel, und von den vielerlei Mitteln zur Hilfe des Menschen, welche Christus hinzugebracht und ergänzt hat.
Der Sohn Gottes redete zur Braut und sprach: "Glaubst
Du fest, daß, was der Priester in den Händen hat, der Leib des Herrn
ist?" Jene antwortete: "Ich glaube es fest, daß, wie das Wort, das
zu Marien gesandt worden, in deren Leibe Fleisch und Blut geworden, so auch
das, was ich jetzt in den Händen des Priesters erblicke, wahrer Gott und
wahrer Mensch ist." Der Herr antwortete ihr: "Ich bin es, der ich
eben mit Dir rede und ewig bei der Gottheit bleibe, auch im Schoße der
Jungfrau Mensch geworden bin, ohne die Gottheit einzubüßen. Meine Gottheit
kann mit Recht Kraft genannt werden; denn in derselben sind zweierlei Dinge,
nämlich: die allermächtigste Macht, von welcher alle Macht ist; zweitens die
allerweiseste Weisheit, von welcher und in welcher alle Weisheit ist. Alles,
was da ist, ist ja in der Gottheit selbst vernünftig und weise geordnet. Es
ist kein Pünktlein im Himmel, das nicht in ihr, nicht von ihr geordnet oder
vorgesehen wäre, es ist kein Stäublein auf Erden, kein Fünklein in der
Hölle, darüber ihre Anordnung hinausginge und das vor ihrer Voraussicht sich
verbergen könnte. Wunderst Du Dich nicht, weshalb ich gesagt habe, kein
Pünktlein am Himmel? .Ja, wie ein Pünktlein zur Vollendung eines Wortes
gehört, so ist das Wort Gottes die Vollendung aller Dinge und zu Ehren aller
Dinge angeordnet. Weshalb anders aber habe ich gesagt, ein Stäublein auf
Erden, als weil alle irdischen Dinge vergänglich sind? Allein keines
derselben, wie gering es auch sei, geht über die Anordnung und Vorsehung
Gottes hinaus. Ich sagte aber: kein Fünklein in der Hölle, weil, wie der
Funke ausgeht vom Feuer, so auch sprühen aus den Flammen der unreinen Geister
fortwährend Funken ihrer Bosheit und ihres Neides, weil sie und ihre Freunde
von Neid beseelt sind und keine Liebe kennen. Weil nun in Gott das Wissen und
die Macht
vollkommen sind, deshalb ist alles und jedes so geordnet, daß die Macht
Gottes durch nichts übertroffen wird und niemals beschuldigt werden kann,
daß es unvernünftig gemacht worden sei; alles ist vielmehr vernünftig
gemacht worden, wie es einem jeden Dinge zukam. Die Gottheit also zeigte, weil
sie wahrhaftig eine Kraft genannt werden kann, ihre größte Kraft in der
Schöpfung der Engel; sie erschuf dieselben sich zur Ehre und ihnen selbst zur
Freude, auf daß sie Liebe und Gehorsam hätten, die Liebe, um mit derselben
nichts zu lieben, als Gott, den Gehorsam, um mit demselben Gott in allem zu
gehorsamen. Es kamen aber viele von ihnen auf böse Irrwege, weil sie ihren
Willen der Liebe und dem Gehorsam entgegensetzten; sie wendeten ihn geradezu
wider Gott, also daß ihnen die Tugend verhaßt und dasjenige, was Gott
zuwider ist, ihnen lieb war. Durch diese ungeordnete Regung haben sie ihren
Fall verschuldet, nicht, daß die Gottheit ihnen denselben geschaffen hätte,
sondern sie selber haben sich durch den Mißbrauch ihrer größeren Erkenntnis
diesen Fall zugezogen. Als Gott nun diesen Verlust in seinem himmlischen Heere
wahrgenommen, der durch dessen eigene Schuld herbeigeführt war, so offenbarte
die Gottheit von neuem ihre Kraft; denn sie erschuf den Menschen mit seinem
Leibe und seiner Seele. Sie gab demselben zugleich zwei Güter, nämlich: die
Freiheit, Gutes zu thun und Böses zu unterlassen; denn, da keine Engel weiter
geschaffen werden sollten, so war es recht, daß der Mensch die Freiheit
erhielt, wenn er wollte, sich zur Würde der Engel zu erheben. Auch der Seele
des Menschen hat Gott zwei Güter gegeben, nämlich: die Vernunft, um sich
entgegengesetzte Dinge voneinander und das Bessere vom Besten zu
unterscheiden; zweitens gab er ihr die Stärke, im Guten zu verharren. Sobald
nun der Teufel diese Liebe Gottes zum Menschen wahrnahm, dachte er aus Neid
bei sich also: Siehe, Gott hat etwas Neues geschaffen, das hinaufkommen kann
an unseren Ort und durch Kampf sich das erwerben kann, was wir nachlässig
verscherzt haben; könnten wir dasselbe bekämpfen und uns unterwerfen, so
würde es vom Kampfe nachlassen und alsdann zu solcher Höhe nicht
hinaufgelangen. So hat er einen lügnerischen Anschlag erdacht und den ersten
Menschen durch seine Bosheit betrogen und ihn durch meine Zulassung
überwunden. Dieses geschah, als der Mensch aus Ungehorsam mein
Gebot übertrat und ihm die Verheißung der Schlange besser gefiel, als der
Gehorsam gegen mein Gebot. Wegen dieses Ungehorsams verdiente er nicht mehr,
im Himmel zu sein, weil er Gott verachtete, aber auch nicht in der Hölle,
weil er ohne Überlegung handelte, und über das, was er begangen, Reue
empfand. Darum hat der starke Gott des Menschen Elend angesehen und ihm einen
Ort der Gefangenschaft angewiesen, damit der Mensch darin seine Schwachheit
erkennen und seinen Ungehorsam büßen solle, bis er wert werden möchte, zur
Würde emporzusteigen, welche er verloren hatte. Auch dieses erwog wiederum
der Teufel und wollte die Seele des Menschen durch Verleitung zur
Undankbarkeit töten. Er warf seinen Kot in die Seele des Menschen und
verfinsterte seinen Verstand, daß er weder Liebe zu Gott, noch Gottesfurcht
hatte, wodurch die Gerechtigkeit Gottes vergessen und sein Gericht verachtet
wurde und der Mensch die Erinnerung an die Güte Gottes und sein Geschenk
verloren hat. Ohne Liebe befanden sich so die Menschen im tiefsten Elend, in
Geistesfinsternis jämmerlich versunken. Aber auch jetzt ermangelte die Kraft
Gottes nicht sich zu offenbaren und seine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zu
zeigen, die Barmherzigkeit, als er den Menschen, zuerst Adam und noch vielen
anderen die Hilfe sehen ließ, welche sie zur bestimmten Zeit erhalten
würden; hierdurch wurde die Inbrunst und die Liebe zu Gott erweckt. Auch
seine Gerechtigkeit hat er erwiesen, nämlich unter Noa durch die Sündflut,
durch welche der Menschen Herzen Furcht eingeflößt ward. Aber auch hiernach
ließ der Teufel nicht ab, den Menschen noch anderweit zu beunruhigen, sondern
griff ihn mit zwei anderen Bosheiten an. Erstlich gab er ihm den Unglauben,
zweitens die Verzweiflung ein; den Unglauben, so daß die Menschen dem Worte
Gottes nicht glaubten, und daß sie seine Wunder dem Zufall zuschrieben; die
Verzweiflung aber, damit sie nicht auf das Heil und die Wiedererlangung der
verlorenen Herrlichkeit hofften. Gegen diese beiden Versuchungen hat der
starke Gott zwei Mittel zu geben nicht unterlassen. Gegen die Verzweiflung
gewährte er die Hoffnung, als er den Namen Abrahams nannte, und versprach,
daß er aus seinem Samen den wolle geboren werden lassen, der ihn und die ihm
im Glauben Folgenden zum verlorenen Erbe zurückbringen solle; außerdem hat
er auch die Propheten gesendet, denen er die Weise der
Erlösung und die Orte und Zeiten seines Leidens zeigte. Wider den Unglauben
hat Gott mit Moses geredet und ihm das Gesetz und seinen Willen gezeigt, auch
seine Worte durch Zeichen und Werke erfüllt. Nachdem dieses erfüllt worden,
hörte die Bosheit des Teufels noch nicht auf, sondern er stachelte den
Menschen zu noch größerer Bosheit auf und legte ihm zwei andere Dinge ins
Herz. Erstlich den Gedanken, daß das Gesetz gar zu unerträglich sei, und er
in dessen Erfüllung beunruhigt werde; zweitens gab er ihm ein, wie es fast
unglaublich scheine und schwer zu glauben sei, daß Gott aus Liebe sterben und
aus Liebe Trübsale dulden wolle. Wider diese beiden Versuchungen gab Gott
abermals zwei Mittel. Erstlich sandte er, damit der Mensch bei der Härte des
Gesetzes nicht ungeduldig werden solle, seinen Sohn in den Schoß der
Jungfrau, und derselbe erfüllte, nachdem er die Menschheit angenommen, das,
was das Gesetz forderte, und hat dann das Gesetz selbst gemildert. Wider das
andere hat Gott die größte Kraft erwiesen; denn der Schöpfer ist für das
Geschöpf gestorben, der Gerechte für die Ruchlosen; der Unschuldige ist bis
zum letzten Augenblicke mit Trübsal überhäuft worden, wie es die Propheten
geweissagt haben. Aber auch nun ließ die Tücke des Teufels noch nicht nach,
sondern er erhob sich abermals wider den Menschen in zweifacher Weise. Erstens
gab er ihm in das Herz, daß meine Worte verhöhnt; zweitens, daß meine Werke
vergessen würden. Doch auch in zweifacher Weise offenbart sich wider seine
Bosheit jetzt die Kraft Gottes, indem meine Worte wieder zu Ehren gebracht und
meine Werke zur Nachfolge hingestellt werden sollen. Darum hat Gott Dich in
seinen Geist geführt und durch Dich seinen Willen seinen Freunden auf Erden
offenbart, um zweier Dinge willen: erstens, damit die Barmherzigkeit Gottes
dargelegt werde, wodurch die Menschen lernen sollen, sich die Liebe und das
Leiden Gottes ins Gedächtnis zurückzurufen; zweitens, damit acht gegeben
werde auf die Gerechtigkeit Gottes, und die Strenge meines Gerichts möge
gefürchtet werden. Deshalb hast Du gesagt, es möge, weil meine
Barmherzigkeit bereits erschienen ist, dieselbe auch zu Tage treten, auf daß
sie die Menschen suchen und vor dem Gerichte sich hüten lernen. Außerdem
sage, daß, obwohl meine Worte geschrieben sind, dieselben doch zuvor müssen
verkündigt werden, um so im Werke erfüllt zu werden.
Durch ein Beispiel wirst Du es verstehen lernen. Als Moses das Gesetz
empfangen sollte, war der Stab zubereitet und die Gesetzestafeln fertig;
dennoch verrichtete er mit dem Stabe keine Wunder, ehe es nötig war und die
Zeit es erforderte; als aber die gelegene Zeit kam, da wurden die Wunder
sichtbar und meine Worte durch Werke verdeutlicht. Ebenso wuchs, als das neue
Gesetz kam, zuerst mein Leib und nahm zu bis zum gehörigen Alter und dann
ließ ich meine Worte vernehmen. Sie hatten aber, obwohl sie gehört wurden,
in sich noch keine Kraft und Stärke, bevor die Werke kamen; sie kamen auch
nicht in Erfüllung, bevor ich durch mein Leiden alles erfüllte, was mir
geweissagt worden war. So ist es noch; denn, obwohl die Worte meiner Liebe
geschrieben sind und in die Welt getragen werden sollen, so werden sie doch
keine Kraft haben, bevor sie verkündigt und vollständig ans Licht gekommen
sind.
Von drei Wundern, welche Christus an der Braut verrichtet, und wie der An- blick der Engel wegen ihrer Schönheit, der Anblick der Teufel aber wegen ihrer Häßlichkeit nicht zu ertragen ist. Weshalb Christus bei der Witwe Brigitta Herberge genommen.
Dreierlei Wunder habe ich an Dir verrichtet. Du siehst mit
geistigen Augen; Du hörst mit geistigen Ohren; Du fühlst mit leiblicher Hand
meinen Geist in Deinem lebendigen Herzen. Du siehst aber nur das Leibliche und
nicht, wie es geistig ist; denn, wenn Du die geistliche Schönheit der Engel
und der heiligen Seelen sähest, würde Dein Leib den Anblick nicht
auszuhalten vermögen, sondern vor Freuden der Seele über das Gesehene
zerspringen wie leicht zerbrechliches Geschirr; sähest Du aber die Teufel wie
sie sind, so würdest Du entweder plötzlich sterben oder in fortwährender
Angst leben, so schrecklich ist der Anblick derselben. Es erscheint Dir aber
das Geistige wie in leiblicher Weise. Die Engel und Seelen zeigen sich Dir
unter dem Bilde von Menschen, welche Leben und Seele haben; die Teufel
erscheinen Dir in einer Gestalt, welche dem Tod unterworfen und sterblich ist,
wie in der Gestalt von Tieren und anderen Geschöpfen, welche eine sterbliche
Seele
haben, weil beim Tode des Fleisches auch die Seele stirbt; die Teufel aber
sterben nicht der Seele nach, wiewohl ihr Leben ohne Ende auch ein Sterben
ohne Ende ist. Das Geistliche also wird Dir unter einem Gleichnisse gesagt;
denn anders kann es Dein Geist nicht fassen. Unter allem aber ist das
Wunderbarste das, daß die Bewegung meines Geistes in Deinem Herzen gefühlt
wird. Hierauf antwortete die Braut: "O mein Herr, Sohn der Jungfrau,
weshalb hast Du Dich herabgelassen, bei einer so niedrigen Witwe Herberge zu
nehmen, die ich arm bin an allen guten Werken, von geringem Verstande im
Geiste und in der Länge der Zeit verzehrt von jeglicher Sünde." Er
antwortete ihr: "Ich sage Dir drei Worte: Zuerst kann ich den Armen
reich, den Thoren und den Menschen von geringem Verstande verständig machen,
habe auch das Vermögen, einen alten Menschen wiederum zu erneuern zur Jugend.
Vom Phönix lerne, wie er, alt geworden, die dürren Zweige eines Baumes
zusammenlegt, welcher von Natur aus äußerlich und innerlich trocken und
heiß ist, so daß, wenn die Sonnenstrahlen darauf fallen, die Zweige sich
entzünden und in Flammen geraten, und wie er dann, von diesen Flammen zu
Asche verzehrt, sich jung wieder aus demselben erhebt, also mußt auch Du
vereinigen neue Tugenden, mit denen Du von den alten Sünden erneuert werden
kannst. Unter denselben mußt Du ein Holz haben, das inwendig heiß und
äußerlich trocken ist, d. h. ein Herz, das rein und dem auswendig alle
Weltfreuden abgetrocknet sind, und das innen angefüllt ist mit aller Liebe,
so daß Du nichts willst und begehrst, als mich. Dann wird erstens in dasselbe
das Feuer meiner Liebe hineinkommen und Du wirst so entzündet werden in allen
Tugenden, daß Du darin verbrannt und von den Sünden gereinigt, Dich erheben
wirst wie der erneuerte Phönix." ![]()
Worte Christi zur Braut, wie Gott mit seinen Freunden durch seine Prediger und durch Trübsale redet, Wie Christus durch einen Bienenvater, die Kirche durch einen Bienenkorb und die Christen durch Bienen bedeutet werden, und wie es gestattet ist, daß die bösen Christen unter den guten leben.
Ich bin Dein Gott. Mein Geist hat Dich eingeführt, zu
hören und zu sehen und zu empfinden; zu hören meine Worte, zu sehen die
Gleichnisse und zu empfinden meinen Geist mit Freude und Andacht der Seele. In
mir ist alle Barmherzigkeit mit der Gerechtigkeit und in der Gerechtigkeit
wiederum die Barmherzigkeit. Ich bin wie einer, der seine Freunde fallen sieht
vor sich auf den Weg, an welchem das erschreckliche Chaos sich befindet, aus
welchem sich zu erheben unmöglich ist. Mit diesen Freunden rede ich durch
diejenigen, welche das Verständnis der Schrift besitzen; ich rede durch
Plagen und warne sie vor ihrer Gefahr. Sie dagegen gehen auf den Abweg und
kümmern sich nicht um meine Worte. Meine Worte sind eigentlich nur ein Wort,
nämlich: Sünder, bekehre dich zu mir. Du gehst einen gefahrvollen Weg, weil
ein Hinterhalt an demselben verborgen ist, und wegen der Verfinsterung deines
Herzens bleibt dir verborgen, von welcher Art derselbe ist. Dieses mein Wort
wird verachtet, diese meine Barmherzigkeit wird vernachlässigt. Obwohl ich
aber so barmherzig bin, daß ich sie warne, wenn sie sündigen, bin ich
dennoch so gerecht, daß, wenn auch alle Engel sie ziehen möchten, diese sie
nicht zur Umkehr bewegen könnten, falls sie selber nicht ihren Willen zum
Guten bewegen möchten. Wenden sie aber ihren Willen zum Guten und stimmen sie
mit Freude mir zu, dann können alle Teufel sie nicht abhalten. Es giebt ein
Insekt, es wird vom Herrn, der es besitzt, die Biene genannt. Diese Bienen
erweisen ihrer Königin eine dreifache Ehrerbietung und empfangen von ihr eine
dreifache Tugend. Zuerst tragen ihr die Bienen alle Süßigkeiten zu, die sie
erlangen können; zweitens sind sie ihres Winkes gewärtig und schwärmen auf
denselben aus; wohin sie aber fliegen, und wohin sie immer gehen, immer sind
sie ihrer Königin mit Liebe und Zuneigung zugethan,
folgen ihr nach und sind ihr in standhafter Anhänglichkeit gehorsam. Für
diese drei Stücke empfangen die Bienen von ihrer Königin ein dreifaches Gut.
Erstens giebt ihnen ihre Stimme die sichere Zeit des Ausfluges und der Arbeit
an; zweitens empfangen sie von ihr Leitung und Gegenliebe und durch diese,
welche sie zu ihnen hat und sie zu ihr haben, werden sie zu gegenseitiger
Liebe geführt und freuen sich ihres gegenseitigen Gedeihens; drittens werden
sie durch die Gegenliebe und Freude ihres Hauptes befruchtet. Denn wie die
Fische im Meere spielend ihre Eier legen, welche, wenn sie ins Meer fallen,
befruchtet werden, so werden die Bienen durch gegenseitige Zuneigung und Liebe
von ihrer Königin fruchtbar; aus ihrer wunderbaren Liebe und meiner Kraft
wird ein gleichsam toter Samen erzeugt, welcher durch meine Liebe Leben
erhalten wird. Der Herr aber, d. h. der Besitzer der Bienen, trägt Sorge um
sie, und redet zu seinem Diener und spricht: "Mein Diener, mich dünkt,
daß unter meinen Bienen einige kronk sind und nicht fliegen." Der Diener
antwortet: "Auf diese Krankheit verstehe ich mich nicht; wenn dem aber
also ist, so frage ich, wie ich dies zu erkennen vermag?" Der Herr
antwortete: "An dreierlei Zeichen wirst Du ihre Krankheit oder Schwäche
abnehmen können. Zuerst, wenn sie schwach und im Fluge matt sind. Das kommt
daher, weil sie ihre Königin verloren haben, von welcher sie Trost und
Stärke hätten haben sollen; zweitens, wenn sie zu ungewissen und
ungeordneten Stunden ausfliegen; das geschieht, weil sie von der Stimme ihres
Oberhauptes kein Zeichen erhalten; drittens, wenn sie keine Liebe zum
Bienenkorbe haben, dann kehren sie leer zurück, fressen sich bloß satt und
bringen nichts Süßes mit, wovon sie in der Zukunft leben könnten. Die
Bienen aber, welche gesund und im guten Stande sich befinden, sind beständig
und stark im Fluge, haben eine bestimmte Zeit zum Aus- und Heimfluge, und
bringen entweder Wachs, um ihre Zellen zu bauen, mit, oder Honig, um denselben
zu sammeln." - Hierauf antwortete der Diener dem Herrn; "Wenn sie
also nun schwach und unnütz sind, weshalb duldest Du sie länger, und weshalb
werden sie nicht getötet?" Der Herr antwortete: "Ich gestatte ihnen
aus dreifachem Grunde, zu leben, weil sie, wenn auch nicht durch ihre eigene
Tüchtigkeit, dreierlei Nutzen schaffen. Zuerst nehmen sie die ihnen
bereiteten Stellen ein, so
daß die BienenwöIfe nicht kommen und die leeren Stellen einnehmen können
und die gesunden und nützlichen Bienen stören; zweitens werden die anderen
Frucht bringenden Bienen wegen der Unthätigkeit der kranken Bienen desto
fruchtbarer und im Arbeiten emsiger; denn, wenn die fruchtbaren Bienen sehen,
daß die unthätigen Bienen nur auf ihren Nutzen bedacht sind, werden sie um
so eifriger sich um ihre Königin scharen und für sie arbeiten; drittens
dienen mit den guten Bienen auch die unthätigen sich zu wechselseitiger
Verteidigung. Es giebt nämlich ein Insekt, das die Bienen zu verzehren
pflegt; wenn die Bienen merken, daß dasselbe kommt, hassen sie es alle
gemeinsam, und obwohl die schlechten Bienen nur um ihr eigenes Leben zu
schützen, ihm feindselig sind, die guten aber aus Liebe und Rechtsgefühl, so
helfen doch die bösen und guten Bienen einander, das Insekt zu bekämpfen.
Außerdem würde, wenn alle schlechten Bienen sich zurückzögen und nur die
guten zurückblieben, das Insekt, weil ihrer wenigere sind, schneller über
sie Herr werden. Und deshalb, sagte der Herr, dulde ich die unnützen Bienen.
Wann aber der Herbst kommen wird, werde ich für die guten Bienen sorgen und
dieselben von den schlechten trennen, welche, aus dem Bienenkorbe vertrieben,
vor Kälte und Hunger sterben müssen. Ich, der Herr aller Dinge, ich bin der
Besitzer und Herr jener Bienen. Ich habe mir aus innigster Liebe und mit
meinem Blute den Bienenkorb, d. i. meine heilige Kirche, in welcher sich die
Christen in Einigkeit des Glaubens und gegenseitiger Liebe versammeln und
wohnen sollen, gegründet. Die Zellen derselben sind ihre Herzen, in denen die
Süßigkeit der guten Gedanken und Neigungen wohnen müssen, welche gezogen
werden sollen aus der Betrachtung meiner Liebe bei der Schöpfung und aus
meiner Erlösung und Geduld im Leiden, sowie meiner Barmherzigkeit, wenn ich
die Seelen zu mir zurückrufe und erneuere. In diesem Bienenkorbe, nämlich
der heiligen Kirche, giebt es zweierlei Arten von Menschen, wie zwei Arten von
Bienen. Die eine Art sind die schlechten Christen, welche nicht für mich,
sondern für sich selber sammeln, welche leer zurückkehren und von ihrem
Oberhaupte nichts wissen; denn sie halten den Stachel für Süßigkeit, die
Begierde für Liebe. Die guten Bienen aber, das sind die guten Christen,
erweisen mir eine dreifache Ehrerbietung. Zuerst haben sie mich zum Oberhaupte
und bieten mir, ihrem Herrn, den Honig der Süßigkeit an, d. h. die Werke der
Liebe, welche mir sehr süß und ihnen sehr nützlich sind. Zweitens beharren
sie auf meinem Willen. Ihr Wille richtet sich nach dem meinigen, all ihr
Denken ist auf mein Leiden gerichtet, ihr ganzes Wirken auf meine Ehre.
Drittens folgen sie mir, d. h. sind sie mir gehorsam in allen möglichen
Dingen, sie seien, wo sie wollen, außerhalb oder drinnen, in Trübsal oder in
Freude; allezeit ist ihr Herz bei meinem Herzen. Deshalb haben sie eine
dreifache Tugend von mir. Erstens haben sie durch die Stimme meiner Kraft und
meiner Eingebung eine bestimmte und zweckmäßige Zeit, nämlich die Zeit der
Nacht zur Nacht und die Zeit des Tages zum Tage. Wohl verwandeln sie auch die
Nacht in den Tag, d. h. die Freude der Welt in die ewige Freude, die
vergängliche Freude in ewiges Glück. In allen Dingen sind sie vernünftig;
was sie zur Zeit erwerben, gebrauchen sie zu ihrem Lebensunterhalte, sind
standhaft in Widerwärtigkeiten, vorsichtig im Glücke, mäßig in der Pflege
des Fleisches, besorgt und umsichtig im Handeln. Zweitens haben sie wie gute
Bienen gegenseitige Liebe zu einander und alle einerlei Herz zu mir und lieben
den Nächsten wie sich selbst, mich aber über alles und mehr, als sich.
Drittens werden sie von mir befruchtet. Was ist aber fruchtbar sein anderes,
als meinen heiligen Geist haben und von demselben erfüllt sein? Denn, wer
denselben nicht hat und wer dessen Süße entbehrt, ist unfruchtbar und
unnütz, er fällt und wird zu allem untauglich. Der heilige Geist aber
entzündet den, dem er innewohnt, mit göttlicher Liebe und öffnet ihm den
Sinn des Verständnisses, er vertilgt die Hoffart und Untenthaltsamkeit, regt
das Herz an, Gott zu ehren und die Welt zu verachten. Diesen Geist kennen die
unfruchtbaren Bienen nicht, und deshalb verachten sie das Reich und fliehen
die Einheit und die Genossenschaft der Liebe. Sie sind leer an guten Werken,
verwandeln das Licht in Finsternis, den Trost in Trauer, die Freude in
Schmerz. Allein aus dreifachem Grunde gestatte ich ihnen, zu leben. Erstens,
damit nicht in die zubereiteten Räume die Bienenwölfe, d. h. die
Ungläubigen, eindringen; denn wenn die bösen Menschen auf einmal
hinweggenommen und so nur wenige Gute übrigbleiben würden, so wäre zu
befürchten, daß die Überzahl der Ungläubigen die geringe Zahl
der Guten überwältigen und sie aus ihren Wohnungen vertreiben. Zweitens
werden sie geduldet zur Prüfung der Guten, weil durch ihre Bosheit der Guten
Beständigkeit geprüft wird. In der Widerwärtigkeit zeigt sich, wie
geduldig, im Glücke aber, wie beständig und gemäßigt ein jeder ist. Weil
nun zuweilen bei den Gerechten sich Fehler einschleichen und die Tugenden sich
häufig überheben, so wird den Bösen verstattet, bei den Guten zu wohnen,
damit diese vor allzu großer Freude nicht der Auflösung verfallen oder vor
Lässigkeit einschlafen, und damit sie häufig die Augen auf Gott gerichtet
haben mögen; denn, je geringer der Kampf ist, desto geringer der Lohn.
Drittens werden sie geduldet als Hilfe, damit nicht die Heiden oder andere
ungläubige Feinde schaden, sondern um desto größere Furcht haben mögen, je
größer die Anzahl derer ist, welche sie für gut halten. Und wie die Guten
den Bösen aus Gerechtigkeit mit göttlicher Liebe widerstehen, so thun es
auch die Bösen allein nur, um ihr Leben zu schützen und den Zorn Gottes zu
meiden. und so unterstützen alle Bösen und Guten einander, so daß die
Bösen um der Guten willen geduldet werden, die Guten aber herrlicher gekrönt
werden. Die Hüter der Bienen aber sind die Vorsteher der Kirchen und die
Fürsten der Erde, gute wie böse. Zu den guten Hütern rede ich, indem ich,
ihr Gott und Hüter, sie ermahne, daß sie meine Bienen hüten sollen. Sie
sollen den Ausgang und Eingang derselben in obacht nehmen; sie sollen
aufmerken, ob sie krank oder gesund sind. Könnten sie das vielleicht nicht
unterscheiden, siehe, so will ich ihnen drei Zeichen sagen, an denen sie es
erkennen mögen. Die Bienen sind unnütz, welche zur bestimmten Zeit träge im
Fluge sind und leer heimkehren, ohne Süßigkeit mitzubringen. Im Fluge träg
sind diejenigen, welche sich mehr um das Zeitliche kümmern, als um das Ewige,
mehr den Tod des Leibes fürchten, als den der Seele, und welche also bei sich
sprechen: Warum soll ich Unruhe haben, da ich Ruhe haben könnte; weshalb soll
ich mich dem Tode hinliefern, während ich leben kann? Die Elenden beachten
nicht, daß ich, der Herrlichkeit mächtigster König, die Schwachheit auf
mich genommen. Ich bin der Ruhevollste, ja die Ruhe selber, und gleichwohl
habe ich für sie die Unruhe übernommen und sie auch durch meinen Tod frei
gemacht. Ungeordnet in Bezug auf die Zeit sind die-
jenigen, deren Neigung das Irdische sucht, die leichtfertige Reden führen,
deren Thätigkeit bloß den eigenen Nutzen bezweckt, deren Zeit nur die ist,
welche der Leib begehrt. Diese haben keine Liebe zum Bienenkorbe, bringen auch
keine Süßigkeit zusammen; sie verrichten mir zwar einige gute Werke, aber
nur aus Furcht vor Strafe, ja, sie geben weder ihren eigenen Willen, noch die
Sünde auf; sie laufen, weil sie Gott so dienen wollen, daß sie es mit der
Welt nicht verderben dürfen, auch keinerlei Abbruch und Trübsal leiden
mögen, mit leeren Füßen in den Bienenkorb; sie laufen, allein ohne Bedcht,
sie fliegen, allein ohne die gebührende Liebe. Sie werden aber auch, wenn der
Herbst, die Zeit der Scheidung kommt, von den Guten abgesondert und wegen
ihrer Weltliebe mit ewigem Hunger gepeinigt und wegen ihrer Verachtung Gottes
und ihres Ekels vor dem Guten mit übermäßiger Kälte gequält werden. Vor
ihrer dreifachen Bosheit müssen sich aber meine Freunde in acht nehmen.
Erstens, daß deren Gift nicht in ihre Ohren komme; denn nachdem der Honig
hinweggenommen ist, sind sie der Süßigkeit entledigt, statt deren sie einen
Überfluß bitteren Giftes haben; zweitens sollen ihre Augäpfel sich vor
ihren Flügeln hüten, weil sie überaus spitzig sind wie Nadeln; drittens
sollen sie vor den Schweifen derselben ihren Leib wohl bewahren, weil sie
Stacheln daran haben, mit denen sie gar bittere Stiche versetzen. Was dieses
bedeutet, wissen die Klugen, die auf ihr Sinnen und Treiben wohl acht haben,
zu erklären; die Unverständigen aber sollen ihre Genossenschaft meiden und
vor ihrem Beispiele sich hüten, damit sie nicht durch die Erfahrung lernen,
was sie durch Hören nicht verstehen." Darauf sprach die Mutter: "Gebenedeit
seist Du, mein Sohn, der Du bist, der Du warst und der Du ewig sein wirst.
Deine Barmherzigkeit ist süß und Deine Gerechtigkeit groß. Ich meine, Dich
in einem Gleichnisse mit einer dunklen Wolke vergleichen zu sollen, welcher,
wenn sie am Himmel emporsteigt, ein leichtes Wehen vorangeht. Es stand nun
einer außer seinem Hause und als er die weiche Luft fühlte und die Augen
erhebend die dunkle Wolke erblickte, sprach er bei sich: diese dunkle Wolke
scheint mir einen baldigen Regen anzudeuten; er entschloß sich deshalb, in
die Kammer seines Hauses zu gehen, um sich gegen den Regen zu schützen.
Andere dagegen achteten weder auf die linde Luft, noch auf die
dunkle Wolke, welche jetzt in großer Schnelligkeit sich ausbreitete, den
ganzen Himmel überzog und Feuerstrahlen ausgoß, welche alles, was mit ihnen
in Berührung kam, verzehrten. Diese Worte, mein Sohn, sind Deine Worte,
welche vielen um so dunkler erscheinen und unglaublich vorkommen, je weniger
sie gehört und unverständigen und sorglosen Menschen geboten werden. Vor
diesen Worten geht mein Bitten und Deine Barmherzigkeit her, mit der Du Dich
aller erbarmst und alle wie eine Mutter an Dich lockst. Diese Barmherzigkeit
ist linde, wie eine gar weiche Luft, in der Geduld und dem Ertragen; sie ist
erfinderisch in der Liebe, mit welcher Du diejenigen, welche Dich erzürnen,
zur Barmherzigkeit ermahnst, und denen, die Dich verachten, Liebe anbietest.
Alle also, welche diese Worte vernehmen, sollen die Augen emporheben, um die
Tiefe des Verstandes zu erkennen, aus welchem sie hervorgegangen sind. Und
wenn sie die Wahrheit derselben erkannt haben, sollen sie in die Kammer ihres
Hauses flüchten, d. h. zur wahren Demut mit der göttlichen Liebe; denn, wenn
die Gerechtigkeit erscheinen wird, dann wird vor Furcht die Seele vom Leibe
sich trennen, die Seele aber wird im Feuer innen und außen brennen, aber
nicht verzehrt werden. Deshalb rufe ich, die Königin der Barmherzigkeit, zu
den Bewohnern der Welt, sie sollen ihre Augen emporheben und die
Barmherzigkeit sehen; ich ermahne und bitte wie eine Frau und rate wie eine
Gebieterin, denn wenn die Gerechtigkeit gekommen sein wird, wird es unmöglich
sein, ihr zu widerstehen. Also glaubt fest und seht euch um, bewahrt im
Gewissen die Wahrheit, ändert eueren Willen, und alsdann wird derjenige,
welcher die Worte der Liebe zeigen wird, auch die Werke und Zeichen der Liebe
sehen lassen." Darauf redete der Sohn mit mir und sprach: "Ich habe
Dir vorhin an den Bienen gezeigt, wie dieselben von ihrem Herrn ein dreifaches
Gute haben. Nun aber sage ich Dir, wie diese Bienen die Träger meines Kreuzes
sein sollen über die Grenzen der Christenheit hinaus zu den Heiden; allein
sie sind wider mich, sie kümmern sich nicht um die Seelen und haben kein
Mitleid mit den Leibern derer, welche sich zum katholischen Glauben und zu mir
vom Irrtume bekehrt haben. Sie erdrücken dieselben mit Arbeiten, berauben sie
ihrer Freiheit, unterweisen sie nicht im Glauben, entziehen ihnen die
Sakramente
und schicken dieselben mit größerem Schmerze zur Hölle, als wenn sie in
ihrem gewohnten Heidentume verblieben wären. Sie kämpfen auch nur, um ihre
Hoffart und ihre Begehrlichkeit zu befriedigen. Deshalb wird die Zeit für sie
kommen, wo man ihnen die Zähne zerbrechen, die rechte Hand verstümmeln und
den rechten Fuß lähmen wird, damit sie leben und sich selber erkennen
mögen."
Klagende Worte Gottes über drei Dinge, welche jetzt in der Welt umgehen, und wie Gott vom Anfange an drei Stände erwählt hat, nämlich: die Stände der Geistlichen, Verteidiger und Arbeiter, und von der Strafe, welche den Undankbaren bereitet ist, sowie von der Herrlichkeit, welche den dankbaren Menschen übertragen und gewährt wird.
Es ward ein großes himmlisches Heer sichtbar, zu welchem
der Herr redete und sprach: "Obwohl ihr in mir alles seht und wisset, so
beklage ich mich, weil es mir gefällt, vor euch dennoch über drei Dinge.
Erstlich, weil die gar süßen Bienenkörbe, welche im Himmel von Ewigkeit her
aufgebaut worden, und aus welchen die unnützen Bienen hinausgegangen sind,
leer stehen; zweitens, weil jener unersättliche Abgrund, dem weder Bäume,
noch Steine widerstehen, immer geöffnet steht und die Seelen dahinein
hinabsteigen, wie der Schnee vom Himmel aus die Erde hinab. Und wie vorm
Angesichte der Sonne der Schnee in Wasser sich auflöst, so wird an den Seelen
zur Größe ihrer Pein alles Gute aufgelöst, und werden sie zu jeglicher Pein
erneuert. Drittens klage ich darüber, daß ihrer nur wenige sind, welche acht
haben auf die leergewordenen Stellen, welche die bösen Engel verscherzt
haben, und über den Fall der Seelen. Darum klage ich mit Recht; denn ich habe
vom Anfange an drei Männer erwählt, unter welchen ich einen dreifachen Stand
in der Welt verstehe. Erstens habe ich den Geistlichen erwählt, damit dieser
mit seiner Stimme meinen Willen verkündige und durch seine Werke erweise;
zweitens habe ich mir den Verteidiger erwählt, damit er meine Freunde mit
seinem Leben verteidigen möge und zu jeder Beschwerde für mich bereit wäre;
drittens habe ich den Arbeiter erwählt, damit dieser mit seinen
Händen arbeiten und die Leiber speisen möge mit seiner Arbeit. Der erste,
nämlich der Geistliche, ist aber aussätzig und stumm geworden, so daß
jeder, der am Geistlichen Schönheit der Sitten und Tugenden sehen will,
zurückläuft, vor seinem Anblicke erschrickt und sich scheut, wegen des
Aussatzes seiner Hoffart und Genußsucht, ihm nahe zu kommen; sucht man ihn
aber zu hören, so ist er stumm geworden in meinem Lobe, aber geschwätzig zum
eigenen. Wie soll nun da der Weg sich öffnen, um zu meiner Süßigkeit zu
gelangen, wenn derjenige schwach ist, welcher vorangehen, und derjenige stumm,
welcher rufen sollte? Wie soll da jene himmlische Süßigkeit vernommen
werden? Der zweite, nämlich der Verteidiger, zittert im Herzen, ist leer in
den Händen, weil er sich fürchtet vor der Welt Schande und dem Verluste
seiner Ehre. Leer in den Händen ist er, weil er keine göttlichen Werke
verrichtet, sondern alles, was er thut, thut er für die Welt. Wer also wird
nun mein Volk verteidigen, wenn derjenige, welcher das Haupt desselben sein
sollte, sich fürchtet? Der dritte ist wie ein Esel, welcher den Kopf zur Erde
neigt und auf allen vier Füßen zugleich steht. Fürwahr, wie ein Esel ist
das Volk, das nichts als Irdisches begehrt, das Himmlische dagegen
vernachlässigt und nach Vergünglichem strebt. Dasselbe hat gleichsam vier
Füße, weil es ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne gute Werke ist, und weil
sein Wille auf die Sünde gerichtet ist. Deshalb steht sein Mund immerfort der
Gefräßigkeit und Begierlichkeit geöffnet. Seht, meine Freunde, wie soll
durch solche der unersättliche Abgrund verkleinert, und wie der Bienenkorb
gefüllt werden!" - Darauf antwortete die Mutter Gottes: "Gebenedeit
seist Du, mein Sohn; Deine Klage ist gerecht; ich und Deine Freunde haben vor
Dir keine Entschuldigung für das menschliche Geschlecht, als nur das eine
Wort, in welchem es gerettet werden kann; dieses ist: Erbarme Dich meiner,
Jesu Christe, Du Sohn des lebendigen Gottes! Dieses rufe ich, das rufen auch
Deine Freunde." Der Sohn antwortete: "Deine Worte sind lieblich in
meinen Ohren, sie schmecken köstlich in meinem Munde, sie gehen mit Liebe ein
in mein Herz. Ich habe einen Geistlichen, einen Verteidiger und einen
Arbeiter. Der erste ist lieblich wie eine Braut, nach welcher ein ehrsamer
Bräutigam in göttlicher Liebe mit ganzer Sehnsucht verlangt. Seine Stimme
wird sein
wie der Widerhall vom Rufen und Sprechen in den Wäldern. Der zweite wird
bereit sein, sein Leben für mich hinzugeben. Er wird der Welt Schande nicht
fürchten. Diesen werde ich mit des heiligen Geistes Waffen bewaffnen. Der
dritte wird einen so festen Glauben haben, daß er also sprechen wird:
"So fest glaube ich, daß ich beinahe sehe, was ich glaube; auch hoffe
ich auf alles, was Gott verheißen hat. Er wird den Willen haben, Gutes zu
thun, im Guten Fortschritte zu machen und das Böse zu unterlassen. In den
Mund des ersten dieser drei Menschen werde ich drei Worte legen, welche er
rufen wird. Zuerst wird er rufen: Wer den Glauben hat, vollziehe mit der That,
was er glaubt; zweitens: Wer fest hofft, sei standhaft in allem Guten;
drittens: Wer vollkommen und innig liebt, der verlange inbrünstig nach dem,
was er liebt. Der zweite wird sein wie ein starker Löwe, stark im Bemühen,
sich vor Nachstellungen zu hüten, dabei besorgt und klug sein wie eine
Schlange, welche auf ihrem Schwanze steht und das Haupt zum Himmel emporhebt.
Diese werden meinen Willen erfüllen und ihnen werden andere folgen. Obwohl
ich nur drei nenne, verstehe ich doch darunter mehrere. - Hierauf redete er
zur Braut und sprach: "Sei beständig, bekümmere Dich nicht um die Welt,
nicht um Schmachworte, weil ich, der ich alle Schmachworte vernommen habe,
Dein Gott und Dein Herr bin."
Worte der glorwürdigen Jungfrau zur Tochter über die Art der Abnahme Christi vom Kreuze und von der Bitterkeit und Süßigkeit in des Sohnes Leiden, und wie die Seele durch eine Jungfrau und die Liebe Gottes und der Welt durch zwei Jünglinge bedeutet worden, und von den Eigenschaften, welche die Seele als eine Jungfrau haben muß.
Maria sprach: "Fünf Dinge mußt Du bedenken, meine
Tochter! Erstlich, daß alle Glieder meines Sohnes im Tode erstarrten und
erkalteten, und das Blut, welches während seines Leidens hervorfloß, an
allen seinen Gliedern geronnen klebte. Zweitens, daß er so bitterlich und
unbarmherzig und rief in das Herz gestochen ward, bis die Lanze die Rippe
berührte und beide Teile des Her-
zens an der Lanze hingen. Drittens bedenke, wie er vom Kreuze abgenommen ward.
Die beiden, welche ihn vom Kreuze abnahmen, legten drei Leitern an. Die eine
reichte bis an die Füße; die zweite bis unter die Achseln und zu den Armen;
die dritte den halben Leib hinauf. Nun stieg der eine von ihnen an der zweiten
Leiter hinauf und schlug zuerst den einen Nagel des einen Armes aus; danach
legte er die Leiter um und schlug den Nagel aus der anderen Hand heraus. Denn
die Nägel standen weit über den Stamm des Kreuzes hinaus. Während er dann
die Last des Leibes hielt, und langsam, ein wenig, wie er es konnte,
hinunterstieg, stieg der andere zu der Leiter hinauf, welche bis an die Füße
reichte, und schlug die Nägel aus den Füßen heraus. Als sich der Leib der
Erde nahte, hielt einer denselben am Haupte, der andere an den Füßen, ich
aber, die ich die Mutter war, hielt ihn in der Mitte. Und so trugen wir drei
ihn auf einen Stein, welcher mit reinen Leinen bedeckt war. Ich wußte mit
Gewißheit, daß er im Grabe nicht verwesen würde. Darauf kamen Maria
Magdalena und andere fromme Frauen; auch viele heilige Engel waren anwesend
wie Sonnenstäublein, um ihrem Schöpfer Gehorsam zu leisten. Welche
Traurigkeit mich aber zu jener Zeit erfüllte, das vermag niemand zu sagen.
Ich war wie eine gebärende Frau, der nach der Geburt alle Glieder zittern,
und welche, obwohl sie vor Schmerz kaum atmen kann, doch innerlich die
größtmögliche Freude empfindet, weil sie weiß, daß ihr geborener Sohn in
das Elend, aus dem er eben hervorgegangen, nie wiederkehren werde. So freute
ich mich auch in meiner Seele, obwohl ich über den Tod meines Sohnes eine mit
nichts zu vergleichende Traurigkeit empfand, weil ich wußte, daß mein Sohn
nicht mehr sterben, sondern ewig leben würde, und so mischte sich meiner
Trauer einige Freude bei. Ich kann fürwahr sagen, daß nach Bestattung meines
Sohnes gleichsam zwei Herzen in einem Grabe waren. Heißt es nicht: Wo Dein
Schatz ist, da ist auch Dein Herz? So waren meine Gedanken und mein Herz immer
im Grabe meines Sohnes." Die Mutter Gottes fügte noch hinzu und sagte:
"Ich will Dir nun in einem Gleichnisse die Seele zeigen in ihrer
Vermählung mit ihrem Bräutigam. Es ist, wie wenn eine Jungfrau vermählt
würde und vor derselben ständen zwei Jünglinge, deren einer zu ihr sprach:
"Ich rate Dir, dem-
jenigen nicht zu glauben, dem Du verlobt bist; denn er ist streng in allem
seinem Handeln, langsam im Belohnen, geizig im Schenken. Glaube daher mehr mir
und den Worten, welche ich Dir sage; Du siehst in mir einen anderen, der nicht
hart ist, sondern milde in allen Dingen, welcher Dir sogleich giebt, was Du
begehrst, der Dir auch reichlich gewährt, was Dir gefällt und Dich erfreut.
Nachdem die Jungfrau dies vernommen, dachte sie bei sich und sprach:
"Deine Worte sind süß zu hören. Du selbst bist von Person milde und
schön anzusehen; ich halte es für geraten, Deinen Worten zu folgen. Als sie
nun einen Ring vom Finger zog, um solchen dem Jünglinge zu überreichen,
erblickte sie oben eine Schrift, in welcher drei Sprüche geschrieben waren.
Die erste lautete: Wenn Du den Wipfel eines Baumes besteigst, hüte Dich,
einen dürren Ast des Baumes zu ergreifen, um Dich daran zu halten, auf daß
Du nicht etwa fallest. Der zweite Spruch war: Hüte Dich, von einem Feinde
einen Rat anzunehmen. Der dritte war: Lege Dein Herz nicht zwischen die Zähne
des Löwen. Als die Jungfrau dieses gelesen, zog sie die Hand zurück und
behielt ihren Ring, wobei sie für sich also dachte: Die drei Sprüche, welche
ich sehe, deuten vielleicht an, daß derjenige, welcher mich zur Braut
begehrt, nicht treu ist. Mich dünkt, seine Worte sind eitel, er ist vom Hasse
erfüllt und wird mich töten. Als sie also dachte, sah sie abermals auf und
erblickte eine andere Schrift, in welcher ebenfalls drei Sprüche befindlich
waren. Der erste war: Gieb dem, der Dir gegeben hat. Der zweite Spruch war:
Gieb Blut hin für Blut. Der dritte war: Entfremde dem Besitzer nicht, was
sein Eigentum ist. Nachdem die Jungfrau dieses gesehen und vernommen, dachte
sie wiederum also: Die drei ersten Sprüche haben mich gelehrt, wie ich den
Tod fliehen soll; die drei folgenden, wie ich das Leben erhalte; also ist es
recht, daß ich lieber den Worten des Lebens folge. Die Jungfrau faßte einen
weisen Entschluß und rief den Diener dessen zu sich, der sich zuerst mit ihr
verlobt hatte, und als dieser nahte, suchte der, welcher sie hatte betrügen
wollen, vor ihnen das Weite. So ist die Seele dessen, die ihrem Gotte
vermählt ist. Die beiden Jünglinge, welche vor ihr standen, sind die
Freundschaft Gottes und die Freundschaft der Welt. Die Freunde der
Welt suchen ihr immer näher zu kommen. Sie reden mit ihr von dem Reichtume
und der Ehre der Welt, denen sie schier den Ring ihrer Liebe entgegengestreckt
und in allem zugestimmt hätte. Allein mit Hilfe der Gnade meines Sohnes
erblickte sie eine Schrift, d. h. sie hörte die Worte seiner Barmherzigkeit,
aus denen sie dreierlei erkannte. Erstens, sie solle sich hüten, daß nicht
während des höheren Hinansteigens und Stützens auf hinfällige Dinge ein
schwererer Unfall ihr drohe; zweitens erkannte sie, daß in der Welt nichts
ist, als Schmerz und Sorge; drittens, daß der Lohn des Teufels ein schlimmer
ist. Hierauf erblickte sie eine andere Schrift; d. h. sie vernahm die
tröstenden Worte derselben. Erstens, sie solle das Ihrige Gott geben, von dem
sie alles habe; zweitens, daß sie demjenigen den Dienst ihres Leibes leisten
solle, der sein Blut für sie vergossen; drittens soll die Seele sich ihrem
Gotte, der sie erschaffen und erlöst, nicht entfremden. Nachdem dieses
vernommen und sorgfältig erwogen worden, nahen sich ihr die Diener Gottes und
gewinnen sie, wogegen die Diener der Welt sich von ihr entfernen. Nun aber ist
die Seele wie eine Jungfrau, welche sich eben aus ihres Bräutigams Umarmung
erhoben hat und die dreierlei haben muß. Erstens zierliche Kleider, damit sie
nicht etwa von des Königs Diener verlacht werde, wenn an der Kleidung etwas
Häßliches gefunden wird; zweitens soll sie ehrbar sein nach des Bräutigams
Willen, damit der Bräutigam, wenn in ihren Handlungen etwas Unehrbares
gefunden wird, ihretwegen nicht in Schande gerate; drittens muß sie durchaus
rein sein, damit der Bräutigam auch nicht einen Flecken an ihr finde, um
dessenwillen sie verachtet und verschmäht werden dürfte. Sodann muß sie bis
zum Gemache ihres Bräutigams einen Führer haben, damit sie in den
verschlungenen Gängen, die zu seinem Gemache führen, nicht irre gehe.
Derjenige, welcher Führer sein will, muß dreierlei haben. Erstens muß er
von dem, der ihm nachfolgt, gesehen werden, zweitens muß man hören, was er
lehrt, und muß man sehen, wohin er geht. Wer ihm nachfolgt muß auch
dreierlei haben. Erstens darf er nicht träge und lässig sein in der
Nachfolge; zweitens darf er sich nicht verbergen vor seinem Vorgänger;
drittens muß er fleißig acht geben auf dessen Schritte und demselben
sorgfältig folgen. Damit also die Seele zu des Bräutigams Gemache gelange,
ist erforderlich, daß sie sich
durch einen Führer leiten lasse, welcher sie glücklich zu ihrem Bräutigam
und Gott hinführt.
Lehrende Worte der glorwürdigen Jungfrau zur Tochter über die geistliche und weltliche Weisheit, welcher derselben man folgen soll, und wie die geistliche Weisheit nach geringer Mühe den Menschen zum ewigen Troste führt, die weltliche aber zur ewigen Verdammnis.
Maria redete: "Es steht geschrieben, daß, wer weise
sein will, die Weisheit von einem Weisen lernen soll. Deshalb sage ich Dir
durch ein Beispiel: Gesetzt, jemand wolle die Weisheit lernen; er sieht zwei
Lehrmeister vor sich stehen, zu denen er sagt: Sehr gern möchte ich die
Weisheit lernen, wenn ich wüßte, wohin sie mich führte, welchen Nutzen und
welches Ende sie hat. Einer der Lehrmeister antwortete: Wenn du meiner
Weisheit folgen willst, so wird sie dich auf einen sehr hohen Berg führen;
allein auf dem Wege müssen die Füße auf harten Steinen wandeln und der
Aufgang ist mühsam und steil. Wirst du dich bemühen um diese Weisheit, so
wirst du erreichen, was von außen dunkel, innen aber leuchtend ist, wirst du
sie festhalten, so wirst du haben, was du willst. Sie gleicht einem Ringe,
weil sie dich ohne Ende mehr und mehr süß und süßer an sich zieht, bis du
zu seiner Zeit von allen Seiten mit Freude durchströmt wirst. Der zweite
Lehrmeister spricht: Willst du meiner Weisheit folgen, so wird sie dich in ein
blumenreiches Thal führen, das mit Früchten aller Landstriche geschmückt
ist. Unter den Füßen ist weicher Weg und geringe Mühe macht das
Hinabsteigen. Wenn du auf dieser Weisheit verharrest, wirst du haben, was
auswendig glänzt, was aber vor dir fliehen wird, wenn du es genießen wirst;
auch wirst du haben, was nicht dauert, sondern sogleich ein Ende nimmt, wie
ein Buch, wenn es durchgelesen worden, zugleich mit dem Lesen zu Ende ist und
du wirst leer bleiben. Nachdem er solches vernommen, dachte er bei sich: Ich
vernehme hier zwei merkwürdige Dinge; steige ich auf den Berg, so werden mir
die Füße wund und der Rücken gebeugt und wenn das, was von außen dunkel
ist, - was nützt es mir
und wann werde ich satt sein, wenn das, um was ich mich bemühe, kein Ende
hat? Der andere Meister verspricht, was außen glänzt, aber keine Dauer hat,
eine Weisheit, die nach dem Lesen enden soll. Was habe ich hiervon für einen
Nutzen, wenn es des Bestandes entbehrt? Als er in seinem Herzen also dachte,
stand unversehens ein Mann zwischen den beiden Lehrmeistern und sprach:
Obgleich der Berg hoch und schwer zu ersteigen ist, so steht doch über dem
Berge eine leuchtende Wolke, aus welcher du Erfrischung schöpfen wirst. Wenn
aber, wie versprochen worden, das Äußere finster ist, so kann doch die
Schale zerbrochen werden, und du wirst so den goldenen Kern erhalten, der
inwendig verborgen ist und den du mit Freude ewig besitzen kannst. - Jene
beiden Lehrmeister sind die Weisheit, nämlich die geistliche und die
fleischliche. Die geistliche bestehe darin, den eigenen Willen Gott zu
überlassen und mit ganzem Verlangen und Wirken nach dem Göttlichen zu
streben; denn es kann nicht wahrhaft eine Weisheit genannt werden, wenn nicht
das Werk mit den Worten übereinstimmt. Diese Weisheit führt zum seligen
Leben; allein der Weg zu dieser Weisheit ist steinig und geht jäh hinan.
Schwer ist es und scheint steinhart zu sein, seinen Neigungen zu widerstehen;
es ist jäh, seine gewohnten Freuden mit Füßen zu treten, die Ehre der Welt
nicht zu lieben. Obwohl es aber so schwer ist, so wird doch demjenigen,
welcher bei sich bedenkt, wie kurz die Zeit und wie vergänglich die Welt ist,
und seinen Geist fest auf Gott richtet, über dem Berge die Wolke, d. h. die
Tröstung des heiligen Geistes erscheinen, und der wird zuletzt des Trostes
würdig werden, der keinen anderen Tröster sucht, als Gott allein. Denn wie
hätten alle Erwählten Gottes so schwere und bittere Werke beginnen können,
wenn an dem guten Willen der Menschen der heilige Geist nicht wie an einem
guten Werkzeuge mitgewirkt hätte? Diesen Geist aber führte ihnen der gute
Wille zu und lud die göttliche Liebe ein, welche sie zu Gott hatten, weil sie
mit dem Willen und der Neigung arbeiteten, bis sie durch das Handeln stark
wurden. Nachdem sie aber den Trost des Geistes erlangt hatten, ward auch bald
das Gold der göttlichen Freude und Liebe erlangt, mittels dessen sie nicht
allein viele Widerwärtigkeiten ertrugen, sondern im Leiden beim Hinblicke auf
die Belohnung Freude empfanden. Diese Freude erscheint den Lieb-
habern der Welt finster, weil sie die Finsternis lieben. Für die Liebhaber
Gottes aber ist sie glanzvoller, als die Sonne, und heller leuchtend, als
Gold, weil sie die Finsternis der Laster durchbrechen und den Berg der Geduld
ersteigen, wobei sie die Wolke des Trostes betrachten, welche kein Ende hat,
sondern anfängt in dieser Zeit und endlos wie ein Ring sich umwendet, bis sie
zur Vollkommenheit gelangt. Die Weisheit der Welt aber führt in das Thal
dieses Elendes, welches blühend erscheint im Überflusse der Dinge, angenehm
in den Ehren und weich in der Wollust. Diese Weisheit wird ein schnelles Ende
nehmen und hat weiter keinen Nutzen, als was man kurze Zeit gesehen und
gehört hat. Darum, meine Tochter, suche die Weisheit bei dem Weisen, d. h.
bei meinem Sohne, denn er ist die Weisheit, von welcher alle Weisheit stammt,
er ist der Kreis, welcher niemals endet. Daher rufe ich zu Dir wie eine Mutter
zu ihrem Sohne: Suche die Weisheit, welche inwendig wie Gold ist, auswendig
aber verächtlich; inwendig brennend von Liebe, auswärts mühsam und mit
Arbeit fruchtbar, und wenn Dich die Last beunruhigt, wird Gottes Geist Dein
Tröster sein. Tritt heran und mache Versuche wie ein Mensch, der
ausschreitet, bis er's gewohnt ist; mache keinen Rückschritt, bevor Du den
Gipfel des Berges erreicht hast. Denn nichts ist so schwer, daß es bei
vernünftiger und beharrlicher Übung nicht leicht werden sollte. Nichts ist
im Anfange des Angriffes so ehrbar, das nicht durch die Unvollkommenheit des
Endes verdunkelt würde. Übergieb dich also der geistlichen Weisheit, die zu
leiblichen Mühsalen, zur Verachtung der Welt, zur geringen Trübsal, aber zum
ewigen Troste leitet. Der Welt Weisheit ist trügerisch und reizend; sie wird
Dich anleiten zur Aufhäufung zeitlicher Güter und Ehren, am Ende aber ins
höchste Unglück führen, wofern man sich nicht sorgfältig vorsieht und
hütet." ![]()
Worte der glorwürdigen Jungfrau zur Tochter, worin sie derselben ihre Demut erklärt, und wie die Demut durch den Mantel bedeutet wird. Von den Bedingungen der wahren Demut und von deren wunderbaren Frucht.
Viele wundern sich, weshalb ich mit Dir rede. Fürwahr
deshalb, damit meine Demut sich zeige. Denn wie man sich eines kranken Gliedes
am Leibe nicht freut, bis es die Gesundheit wieder erlangt hat, aber nach
wiedererlangter Gesundheit sich desselben um so mehr freut, so bin ich, wie
sehr ein Mensch auch sündigen mag, wenn er mit ganzem Herzen und wahrer
Besserung zu mir zurückgekehrt sein wird, sogleich bereit, den
Wiederkehrenden zu empfangen. Auch gebe ich nicht acht darauf, wieviel er
gesündigt hat, sondern mit welcher Absicht, welchem Willen er zurückkehrt.
Ich werde von allen Mutter der Barmherzigkeit genannt. Fürwahr, meine
Tochter, meines Sohnes Barmherzigkeit hat mich barmherzig gemacht und der
Anblick seiner Barmherzigkeit mitleidig. Deshalb wird derjenige elend sein,
welcher, wenn er kann, zu meiner Barmherzigkeit nicht seine Zuflucht nimmt.
Darum, Du, meine Tochter, komm' und verbirg Dich unter meinem Mantel. Dieser
scheint von außen verächtlich zu sein, ist aber von innen nützlich aus drei
Gründen. Erstens gewährt er Schutz vor stürmischem Wetter; zweitens
schützt er vor der brennenden Kälte; drittens hält er den Regen aus den
Wolken ab. Dieser Mantel ist meine Demut; dieselbe erscheint den Liebhabern
der Welt sehr verächtlich, und sie halten es für eine Thorheit, derselben
nachzufolgen. Denn, was ist der Welt verächtlicher, als eine Närrin genannt
und nicht zornig zu werden und keine Widerrede zu thun? Was ist
verächtlicher, als alles zu verlassen und an allem Mangel zu haben? Was
fällt den Weltleuten schmerzlicher, als das ihnen zugefügte Unrecht zu
verbergen und sich für unwürdiger und niedriger zu halten als alle anderen?
Der Art war meine Demut, o Tochter! das war meine Freude, das mein ganzes
Wollen, die ich an nichts dachte, als meinem Sohne zu gefallen. Diese Demut
gewährt allen, die mir nachfolgen, einen dreifachen Nutzen. Zuerst nützt sie
gegen die ver-
dorbene stürmische Luft, d. h. wider die Schmach und Verachtung der Menschen.
Denn wie eine stürmische und rauhe Luft auf den Menschen von allen Seiten
eindringt und ihn erkältet, also wirft die Verachtung der Welt einen
Menschen, der wenig Geduld besitzt und nicht an das zukünftige Leben denkt,
zu Boden und sieht sein Gemüt von der Liebe ab. Wer aber emsig auf meine
Demut achtet, der soll bedenken, was ich, die Gebieterin aller Dinge, hören
mußte, und soll meine Ehre, aber nicht die seinige suchen. Er soll acht
haben, wie die Worte nichts sind, als Luft, und er wird alsbald Erquickung
haben. Denn warum sind die Weltmenschen so ungeduldig gegen Worte und
Schmachreden, als weil sie mehr ihre eigene Ehre, als die Ehre Gottes suchen?
Darum, obwohl das geschriebene Gesetz spricht, daß Schmähreden nicht ohne
Ursache angehört und ertragen werden sollen, ist es doch Tugend und
Verdienst, dieselben um Gottes willen anzuhören und zu ertragen. Zweitens
schützt meine Demut vor der brennenden Kälte, d. h. vor der fleischlichen
Freundschaft- Denn es giebt eine Freundschaft, welche liebt, so lange die
Gegenwart dauert, nach Art derjenigen, welche sprechen: Speise du mich jetzt,
wie ich dich, denn mich kümmert nicht, wer dich nach dem Tode speisen wird;
ehre du mich, wie ich dich ehre; denn ich achte es gering, welche künftige
Ehre folgen wird. Das ist eine kalte Freundschaft, ohne die Wärme Gottes,
hart wie gefrorener Schnee in der Liebe und im Mitleide gegen den darbenden
Nächsten, unfruchtbar zur Belohnung; denn nachdem die Gesellschaft aufgelöst
und die Tafel aufgehoben worden, da ist auch die Freundschaft aus und ihre
Frucht verloren. Wer aber meiner Demut nachfolgt, thut allen, Feinden sowohl
wie Freunden, um Gottes willen wohl, den Freunden, weil sie in der Ehre Gottes
beständig bleiben, den Feinden aber, weil sie Gottes Geschöpfe sind,
vielleicht auch zukünftige Fromme. Drittens schützt die Betrachtung meiner
Demut wider Regen und schmutziges Wasser, das aus den Wolken herabkommt. Denn
woher kommt die Wolke anders, als aus der Feuchtigkeit und den Dünsten,
welche aus der Erde kommen, und die, auf der Wärme in den Himmel
hinaufsteigend, in den oberen Regionen sich verdichten und auf diese Art
entweder zu Regen, oder zu Hagel, oder zu Schnee werden? Diese Wolke bedeutet
des Menschen Leib, welcher aus Unreinigkeit her-
vorgeht; denn auch am Leibe sind, wie an der Wolke, drei Merkmale zu sehen,
nämlich das Gesicht, Gehör und Gefühl. Weil der Leib das Gesicht hat,
begehrt er zu sehen, was ihm vorkommt, er sieht Güter, schöne Gesichter und
weite Besitzungen. Was anderes aber ist das alles, als ein Regen, welcher
hervorgeht aus der Wolke der Begierlichkeit, der das Gemüt besudelt durch das
unordentliche Verlangen nach ungemessenem Besitz, es beunruhigt durch Sorgen,
zerstreut durch unnütze Gedanken und betrübt durch den Verlust des
Zusammengehäuften? Und weil der Leib das Gehör hat, hört er gern die eigene
Ehre, die Freundschaft der Welt, er hört alles, was dem Leibe angenehm, der
Seele schädlich ist. Was ist das alles anderes, als wie ein Schnee, der gar
bald schmelzen wird, der die Seele gegen Gott erkältet und gegen die Demut
verhärtet? Und weil der Leib Gefühl hat, empfindet er gern seine Wollust und
des Leibes Gemächlichkeit. Was ist dieses anderes, als ein gleichsam aus dem
Wasser der Unreinlichkeit zusammengefrorener Hagel, welcher die Seele
unfruchtbar macht im Geistlichen, stark für das Weltliche und weichlich für
des Leibes Ergötzlichkeiten? Wer sich daher vor dieser Wolke zu schützen
verlangt, nehme seine Zuflucht zu meiner Demut und ahme dieselbe nach. Durch
dieselbe wird er vor der Begehrlichkeit des Gesichtes geschützt, damit er
nichts Unerlaubtes begehre; er wird geschützt gegen die Lust des Gehöres, so
daß er nichts wider die Wahrheit hört; er wird geschützt vor der Wollust
des Fleisches, so daß er nicht in unerlaubte Dinge verfällt. Wahrlich, ich
sage Dir, daß die Betrachtung meiner Demut wie ein guter Mantel ist, welcher
diejenigen erwärmt; die ihn tragen, diejenigen nämlich, welche denselben
nicht bloß in Gedanken, sondern auch in der That tragen, sowie auch ein
leiblicher Mantel nur wärmt, wenn er getragen wird. So nützt auch meine
Demut denen nicht, die bloß daran denken, ohne sich zu bemühen, dieselbe
nachzuahmen. So ziehe denn Du, meine Tochter, den Mantel dieser Demut an nach
Deinen Kräften, nicht wie die Weiber der Welt ihre Mäntel tragen der Hoffart
wegen, die ihnen nutzlos sind. Diese Kleider sollst Du gänzlich meiden; denn
wenn Du nicht zuvor die Liebe der Welt verachtest, wenn Du nicht stets die
Barmherzigkeit Gottes gegen Dich und Deine Undankbarkeit gegen ihn bedenkst,
wenn Du nicht immer an das denkst, was Du ge-
than hast und noch thust, und welches Urteil im Gerichte Du dafür verdienst,
so wirst Du den Mantel meiner Demut nicht ergreifen können. Denn warum habe
ich mich so sehr gedemütigt, oder woher habe ich solche Gnade verdient, als
weil ich dachte, weil ich wußte, daß ich nichts von mir selbst sei und habe?
Deshalb habe ich auch nicht mein, sondern allein des Gebers und Schöpfers Lob
gewollt. Darum, meine Tochter, flüchte Dich in den Mantel meiner Demut und
glaube, daß Du eine größere Sünderin seist, als alle; denn obwohl Du
manche böse Menschen siehst, so weißt Du doch nicht, wie es morgen mit ihnen
sein wird, Du weißt auch nicht, ob sie absichtlich oder wissentlich Böses
thun, ob aus Schwachheit oder mit Fleiß. Darum sollst Du Dir vor keinem den
Vorzug geben, keinen in Deinem Herzen richten.
Ermahnende Worte der Jungfrau zur Tochter, welche eine Klage über die geringe Zahl ihrer Freunde aussprechen, und wie Christus zur Braut redet und spricht, daß unter den Blumen seine heiligen Worte zu verstehen seien, und worin solche Worte Frucht bringen sollen.
Die Jungfrau sprach zur Braut: "Stelle Dir irgendwo
einen großen Haufen von Menschen vor. An demselben geht jemand vorüber, der
den Rücken und die Arme mit einer schweren Last beladen, die Augen aber voll
Thränen hat. Er schaut nach den vielen Menschen, ob nicht jemand etwa wäre,
der ihm die Last erleichtern möchte. Das bin ich gewesen; denn von der Geburt
meines Sohnes an bis zu dessen Tode bin ich voll Trübsal gewesen. Auf meinem
Rücken und auf meinen Armen trug ich die größte Last, da auf mir mehr als
auf irgend einer anderen Kreatur Trübsal, Angst und Schmerzen lagen, die ich
als göttliches Werk geduldig ertragen habe. Meine Augen waren mir angefüllt
mit Thränen, wann ich an den Gliedern meines Sohnes die Nägelstellen und
sein künftiges Leiden betrachtete, und wann ich an ihm alles in Erfüllung
gehen sah, was ich in den Weissagungen der Propheten gehört hatte. Jetzt aber
wende ich meinen Blick auf die hin, welche in der Welt sich befinden, ob
vielleicht etliche sind,
die da Mitleiden mit mir empfinden und an meinen Schmerz denken, aber ich
finde sehr wenige, welche meiner Trübsale und meines Schmerzes gedenken.
Darum, meine Tochter, vergiß Du mich doch nicht, da ich von vielen vergessen
und vernachlässigt bin; siehe meinen Schmerz und folge mir darin nach, so gut
Du vermagst. Betrachte meine Schmerzen und Thränen und klage, daß der
Freunde Gottes so wenige sind. Stehe fest; denn siehe! mein Sohn kommt."
Und alsbald kam er und sprach: "Ich, der ich mit Dir
rede, bin Dein Gott und Herr; meine Worte sind wie Blüten eines guten Baumes,
und obwohl alle Blüten aus der einen Wurzel des Baumes hervorkommen, so
gelangen doch nicht alle Blüten zur Hervorbringung der Frucht. So sind meine
Worte gleichsam Blumen, welche aus der Wurzel der göttlichen Liebe
hervorgehen; viele nehmen dieselbe zwar auf, allein nicht bei allen bringen
sie Frucht und nicht bei allen gelangen sie zur Reife; einige nehmen dieselben
auf und behalten sie eine Zeit lang, werfen sie aber nachher ab, weil sie
undankbar sind gegen meinen Geist, andere nehmen dieselben auf und behalten
sie, weil sie von Liebe erfüllt sind, und diesen bringen sie die Frucht der
Frömmigkeit und des heiligen Wirkens. Darum, o meine Braut, weil Du mit
göttlichem Rechte mein geworden bist, mußt Du drei Häuser haben: im ersten
mußt Du haben, was Du für den Leib brauchst, im zweiten, was ihn bedeckt, im
dritten die zum Hausgebrauch notwendigen Wertzeuge. Im ersten mußt Du haben:
Brot, Trank und Speise, im zweiten: Leinen, Wollenes, Seidenes, im dritten:
Werkzeuge und Gefäße, die mit Flüssigkeit zu füllen sind; lebendige
Werkzeuge, womit körperliche Dinge in Bewegung gesetzt werden, z. B. Pferde,
Esel und dergleichen, endlich Werkzeuge, welche durch lebende Wesen in
Bewegung kommen. ![]()
Ermahnende Worte Christi zur Braut über den Vorrat, welcher in den drei Häusern bereitet werden soll, und wie der gute Wille durch das Brot, die göttliche Vorbedacht durch den Trank, die göttliche Weisheit durch die Speise bedeutet wird, und wie die göttliche Weisheit nicht in der Gelehrsamkeit, sondern im Herzen und im guten Leben ist.
Ich, der ich mit Dir rede, bin der Schöpfer aller Dinge und
von niemand erschaffen. Vor mir war nichts, noch wird nach mir etwas sein
können, weil ich von Ewigkeit her war und von Ewigkeit bin. Ich bin auch der
Herr, dessen Macht niemand wird widerstehen können und von dem alle Macht und
alle Herrschaft herkommt. Ich rede mit Dir, wie ein Mann mit seiner Frau
redet, wenn er sagt: Frau, wir müssen drei Häuser haben. In dem einen muß
Brot, Trank und Speise sein. Du kannst aber fragen: Was bedeutet das Brot?
Meine ich das Brot, welches auf dem Altare ist? Dieses ist allerdings das
vornehmste, denn es ist mein Leib; er ist Brot, allein wenn das Wort
gesprochen worden, ist es nicht mehr Brot, sondern mein Leib, den ich von der
Jungfrau angenommen, und welcher am Kreuze wahrhaft gekreuzigt worden. Diesen
meine ich aber hier nicht, vielmehr ist das Brot, welches wir in unser Haus
sammeln sollen, der gute und aufrichtige Wille. Das leibliche Brot hat, wenn
es rein ist, ein zweifaches Gute. Erstens stärkt es und giebt allen Adern,
Arterien und Nerven Kraft; zweitens zieht es alle inneren schlechten Säfte an
sich, geht mit diesen ab und sondert sich im natürlichen Ausgange, und der
Mensch wird dann rein. So stärkt auch zuerst der reine Wille. Denn, wenn der
Mensch nichts will, als was Gottes ist, nur arbeitet zur Ehre Gottes, mit
ganzem Verlangen, aus der Welt zu scheiden und bei Gott zu sein sich sehnt, so
stärkt dieser Wille den Menschen im Guten und mehrt seine Liebe zu Gott; er
macht ihm die Welt verächtlich, stärkt seine Geduld und kräftigt seine
Hoffnung auf Erlangung der Herrlichkeit dergestalt, daß er alles, was da
kömmt, heiter annimmt. Zweitens zieht der gute Wille alle schlechten Säfte
aus. Was anderes aber sind die schlechten Säfte der Seele,
als die Hoffart, die Begierlichkeit und die Üppigkeit? Wenn aber die Fäule
der Hoffart oder irgend eines anderen Lasters in das Herz gekommen, so weicht
sie von dannen, wenn der Mensch also denkt: Die Hoffart ist eitel, weil der
Empfänger sich nicht des empfangenen Guten, sondern des Gebers rühmen muß;
die Begierlichkeit ist eitel, weil alles Irdische verlassen werden muß; die
Üppigkeit ist nur ein Gestank, darum will ich sie nicht, sondern will lieber
dem Willen meines Gottes folgen, dessen Belohnungen nimmer enden werden,
dessen Güte nie altern. Alsdann weicht alle Versuchung zur Hoffart,
Begierlichkeit und Üppigkeit von dannen und der gute Wille verharrt im Guten.
Der Trank, den wir in unseren Häusern haben müssen, ist das auf Gott
gerichtete Vorbedenken bei allen Handlungen. Der leibliche Trank hat zweierlei
Gutes. Erstens bewirkt er eine gute Verdauung. Wer immer etwas Gutes zu thun
sich vornimmt, muß, ehe er handelt, bei sich erwägen und sorgfältig
bedenken, welche Ehre für Gott daraus hervorgeht, welcher Nutzen für den
Nächsten, welcher Vorteil für die Seele, und er wird etwas nicht thun, wenn
er erwägt, daß nicht einiger geistlicher Nutzen aus seinem Thun hervorgehen
wird. So wird das Werk einen guten Fortgang haben, gleichsam eine gute
Verdauung, Sollte hierbei einige Unvollkommenheit vorkommen, so wird sie
schnell erkannt, oder etwas Verkehrtes, wird es schnell gebessert, und sein
Werk wird recht, vernünftig und auferbaulich sein vor den Menschen. Wer aber
bei seinen Werken nicht diesen auf Gott gerichteten Vorbedacht hat und nicht
den Vorteil der Seele und die Ehre Gottes sucht, dessen Werk wird, wenn es
auch eine Zeit lang Fortgang haben sollte, schließlich, wenn nicht die
Absicht sich ändert, zu nichte werden. Zweitens: Der Trank löscht den Durst.
Welcher Durst ist schlimmer, als die Sünde der bösen Begierde und des
Zornes? Wenn der Mensch voraus bedenkt, wie jammervoll das Ende ist, wenn er
diesem Durste nachgiebt, welch großer Lohn ihm durch die Gnade Gottes
gewährt wird, wenn er ihm Widerstand leistet, so wird der böse Durst
gelöscht, die Glut der göttlichen Liebe und des guten Verlangens tritt
hinzu, Freude, daß er der Versuchung nicht nachgegeben, erfülle ihn. Und
wenn er bedenkt, um was er ohne diese weise Vorsicht betrogen worden wäre,
wird er immer sorgfältiger werden, sich vor solchem Betruge zu hüten.
Dieses, meine Braut, ist der Trank, den wir uns in unseren Schatz sammeln
sollen. Drittens bedarf es der Speise. Diese bewirkt zweierlei. Erstens
bewirkt sie im Munde einen besseren Geschmack und bekömmt dem Leibe besser,
als wenn das Brot allein wäre; zweitens macht sie das Fleisch zarter und das
Blut besser, als wenn Brot und Trank allein wären. Also wirkt auch die
geistliche Speise. Was für eine Speise aber ist dies? Fürwahr, die
göttliche Weisheit. Denn, wer den guten Willen hat und nichts will, als was
Gottes ist, und wer mit weisem Vorbedacht nichts thut, als worin er zuvor die
Ehre Gottes erkannt hat, dem schmeckt die Weisheit sehr gut. Jetzt kannst Du
fragen: Was ist göttliche Weisheit? Viele sind einfältig und wissen nur
eins, nämlich das Vaterunser, und das kaum recht. Andere sind von
großer Gelehrsamkeit und tiefer Wissenschaft. Ist das etwa die göttliche
Weisheit? Mit nichten; denn die götlIiche Weisheit ist nicht gerade in der
Gelehrsamkeit, sondern im Herzen und im guten Leben. Wer emsig an den Weg zum
Tode denkt, an die Beschaffenheit des Todes selber und an das Gericht nach dem
Tode, der ist weise. Wer die Eitelkeit der Welt und das Überflüssige von
sich wirft, wer sich an dem bloß Notwendigen genügen läßt und in der Liebe
Gottes arbeitet, so viel er kann, der hat die Speise der Weisheit, wozu ihn
der gute Wille führt und die Erwägung der zukünftigen Dinge. Denn, wenn der
Mensch an den Tod denkt und an die Entblößung im Tode, wenn der Mensch das
schreckliche Gericht Gottes erwägt, bei welchem nichts verborgen, nichts
unbestraft bleibt, wenn er ferner an die Unbeständigkeit und Eitelkeit der
Welt denkt, wird er sich dann nicht freuen und einen süßen Geschmack im
Herzen haben, daß er seinen Willen Gott überlassen und sich der Sünden
enthalten hat? Wird nicht alsdann das Fleisch gestärkt und das Blut
verbessert, d. h. alle Schwäche der Seele, nämlich die Trägheit und alle
Leichtfertigkeit in den Sitten verdrängt und das Blut der göttlichen Liebe
frischer, wenn er bedenkt, es sei vernünftiger, das zu lieben, was ewig ist,
als das Hinfällige. Die göttliche Weisheit ist also nicht geradezu in der
Gelehrsamkeit, sondern im Gutesthun. Viele sind weise nach der Welt und ihren
Begierden, aber ganz thöricht in Bezug auf den Willen Gottes und seine Gebote
und in Bezug auf die Abtötung ihres Leibes. Diese nun sind nicht die
Weisen, sondern Thoren und Blinde, weil sie nur das wissen, was vergänglich
und nur für den Augenblick nützlich ist, das Ewige aber verachten und
vergessen. Andere sind thöricht für die Freuden der Welt und ihre Ehre, aber
weise im Betrachten dessen, was Gottes ist, und feurig im Gehorsam gegen ihn.
Diese sind wahrhaft weise; denn sie haben Geschmack am Gebote Gottes und
dessen Willen. Diese sind wahrhaft erleuchtet und haben die Augen offen, weil
sie immerfort darauf denken, wie sie zum wahren Leben und zum wahren Lichte
gelangen mögen. Andere aber wandern in der Finsternis, und der Aufenthalt in
der Finsternis dünkt ihnen lieblicher, als die Erforschung des Weges, auf
welchem sie zum Lichte gelangen mögen. Deshalb, meine Braut, wollen wir in
unsere Häuser diese drei Dinge zusammenbringen: guten Willen, auf Gott
gerichtete Vorbedacht und göttliche Weisheit; daran sollen wir Freude haben.
Obwohl ich aber nur Dich ermahne, so verstehe ich doch unter Dir alle meine
Erwählten in der Welt, weil eines jeden Gerechten Seele meine Braut ist; ich
bin ihr Schöpfer und Erlöser.
Ermahnende Worte der Jungfrau an die Braut, wie sie leben soll, und Worte Christi zur Braut von den Kleidern, welche im zweiten Hause befindlich sein sollen, und wie durch solche Kleider der Frieden Gottes und des Nächsten, die Werke der Barmherzigkeit und die reine Enthaltsamkeit bedeutet werden; eine sehr gute Erklärung von allen diesen Dingen.
Maria sprach: "Drücke Deinem Herzen ein das blutige
Leiden meines Sohnes, wie der heilige Laurentius es an sich gethan oder es
täglich gethan hat, da er sprach: Mein Gott ist mein Herr, ich aber bin sein
Knecht- Der Herr Jesus Christus ist entblößt und verlacht worden, wie
geziemt sich's also, daß ich, der Knecht, in zarte Kleider mich kleiden soll?
Er ward gegeißelt und an das Holz geheftet, darum ziemt es sich nicht, daß
ich, der ich Knecht bin, wenn ich es wahrhaft bin, ohne Schmerz und Trübsal
sei. Als er nun über die Kohlen ausgestreckt ward, das flüssige Fett auf das
Feuer hinabrann und das Feuer alle seine Glieder in Flammen setzte, blickte er
mit den Augen gen Himmel und sprach:
Gebenedeit seist Du, mein Gott und mein Schöpfer, Jesus Christus; ich
erkenne, wie ich in meinen Tagen nicht gut gelebt habe; ich erkenne auch, wie
ich zu Deiner Ehre noch wenig gethan habe; darum bitte ich Dich, weil Deine
Barmherzigkeit gar groß ist, daß Du mit mir thun mögest nach Deiner
Barmherzigkeit. Bei diesem Worte trennte sich seine Seele vom Leibe. Siehe,
meine Tochter, derjenige, welcher meinen Sohn also geliebt und soviel zu
dessen Ehre geduldet, hat sich noch unwürdig erklärt, den Himmel zu
erlangen. Wie können nun diejenigen dessen würdig sein, welche nach ihrem
eigenen Willen leben? Deshalb betrachte immerdar das Leiden meines Sohnes und
seiner Heiligen, welche nicht ohne Grund so Schweres erduldet haben, sondern
anderen ein Beispiel geben und zeigen wollten, wie sie leben sollen und welch
eine große Rechenschaft mein Sohn, der auch für die kleinste Sünde
Genugthuung verlangt, von ihnen fordern wird."
Hieraus redete der Sohn mit der Braut und sprach: "Ich
habe Dir zuvor gesagt, was in unseren Häusern sein muß. Unter anderen mußt
Du daselbst dreierlei Kleider haben. Erstens Kleider von Leinen, das aus der
Erde hervorkömmt und wächst; zweitens Kleider von Pelz, welche von Tieren
genommen sind; drittens aus Seide, welche von Würmern gemacht wird. Das
leinene Kleid hat zweierlei Gutes. Erstens ist es weich und linde auf dem
bloßen Leibe; zweitens verliert es seine Farbe nicht, sondern je öfter es
gewaschen wird, desto reiner zeigt es sich. Das zweite Kleid, nämlich
dasjenige aus Tierhaaren, hat auch zwei Eigenschaften. Erstens bedeckt es die
Häßlichkeit; zweitens wärmt es gegen die Kälte. Auch das dritte, das
seidene Kleid, hat zwei Eigenschaften. Erstens hat es ein schönes und zartes
Ansehen; zweitens ist es sehr teuer zu kaufen. Das leinene Gewand, das auf dem
bloßen Leibe bequem ist, bedeutet den Frieden und die Eintracht. Frieden muß
eine fromme Seele mit Gott haben, indem sie nichts anderes oder auf eine
andere Weise will, als was Gott will; sie darf ihn nicht erbittern durch
Sünde, weil zwischen Gott und der Seele kein Frieden ist, solange vom
Sündigen nicht abgelassen und die Begierlichkeit nicht gezügelt wird. Auch
mit dem Nächsten soll sie Frieden halten, indem sie ihm nichts Böses
zufügt, ihm zu Hilfe eile, wenn er dessen bedarf, und ihn erträgt, wenn er
sich gegen
sie vergangen hat; denn was stört diesen Frieden mehr, als das beständige
Gelüste, zu sündigen und nimmer daran genug zu haben, sondern zu begehren
und nimmer zu ruhen? und was verwundet eine Seele schmerzlicher, als der Zorn
gegen den Nächsten und der Neid um die Güter, die er besitzt? Deshalb muß
die Seele Frieden haben mit Gott und dem Nächsten, weil es nichts Ruhigeres
geben kann, als Ruhe zu haben vor der Sünde und sich um die Welt nicht zu
kümmern, und nichts Lieblicheres, als sich über des Nächsten Glück zu
freuen und ihm zu wünschen, was man sich selber wünscht. Dies leinene Kleid
muß auch aus dem bloßen Leibe getragen werden, weil dem Herzen, in welchem
Gott ruhen will, der Frieden, die erste aller Tugenden, am nächsten und
vorzüglichsten anhängt, und der Friede ist die Tugend, welche Gott in das
Herz einführt, und wenn er eingeführt worden, darinnen erhält. Dieser
Friede kommt und wächst wie der Flachs aus der Erde hervor, weil der wahre
Friede und die wahre Geduld aus der Betrachtung der eigenen Schwäche
hervorgehen; denn der Mensch, welcher von der Erde ist, soll acht haben auf
seine Schwachheit, nämlich: wie leicht erzürnt er wird, wenn man ihn
beleidigt, wie er sogleich klagt, wenn er verletzt wird. und wenn er also
denkt, soll er einem anderen nicht thun, was er selbst in Person nicht zu
tragen vermag; er soll bei sich denken: wie ich so schwach bin, ist es auch
mein Nächster; wie ich dergleichen nicht leiden mag, kann er es auch nicht.
Alsdann verliert der Friede seine Farbe, d. h. seine Beständigkeit, nicht,
sondern wird um so beständiger, weil die Betrachtung der Schwäche des
Nächsten an sich selber den Menschen bewegt, das ihm Zugefügte gern zu
ertragen. Wenn aber durch Ungeduld der Friede etwas befleckt worden, wird er
wieder um so weißer bei Gott, je häufiger und bälder er durch Reue wieder
gewaschen wird; er wird auch um so fröhlicher und behutsamer im Ertragen,
wenn er häufig gestört immer wieder hergestellt wird; denn er freut sich der
Hoffnung der Belohnung, welche er für die Zukunft um des Friedens willen
hofft, und hütet sich um so sorgfältiger, aus Ungeduld zu fallen. Das zweite
Kleid, aus Pelz gefertigt, bedeutet die Werte der Barmherzigkeit. Diese
Kleider sind aus den Fellen der Tiere gemacht, unter welchen meine Heiligen zu
verstehen sind, welche so einfältig sind wie die Tiere. Mit
ihren Häuten muß die Seele sich bedecken, d. h. sie muß die Werke ihrer
Barmherzigkeit nachahmen, welche zwei Wirkungen haben. Erstens bedecken sie
die Häßlichkeit der sündigen Seele und reinigen sie, daß sie vor meinen
Augen nicht befleckt erscheint; zweitens schützen sie die Seele vor der
Kälte, unter welcher die Verhärtung der Seele gegen meine Liebe zu verstehen
ist. Die Werke der Barmherzigkeit vertreiben diese Kälte, sie bekleiden die
Seele, damit sie von der Kälte nicht aufgerieben wird, und führen Gott zur
Seele und die Seele zu Gott. Das dritte Kleid, nämlich das seidene, welches
von Würmern bereitet und im Kaufe für sehr teuer gehalten wird, bedeutet die
reine Enthaltsamkeit. Diese ist schön vor den Augen Gottes, der Engel und der
Menschen; sie ist auch teuer im Ankaufe, weil es den Menschen schwer dünkt,
seinen Mund von vielem und eitlem Geschwätz abzuhalten, es kömmt ihn hart
an, die Begierlichkeit seines Fleisches von großem Überflusse und seiner
Annehmlichkeit abzuhalten und wider den eigenen Willen zu streben. Aber,
obgleich es hart ist, ist es gleichwohl in aller Weise nützlich und schön.
Deshalb, meine Braut, unter der ich alle Gläubigen verstehe, laß uns in
unser zweites Haus den Frieden mit Gott und unseren Nächsten sammeln, sowie
auch die Werke der Barmherzigkeit, indem wir Mitleid zeigen, den Elenden zu
Hilfe kommen und Enthaltsamkeit von den Begierden üben. Gleichwie dieses
Kleid teurer ist, als das andere, so ist es auch schöner, als das andere, und
ohne dasselbe erscheint keine andere Tugend schön. Diese Enthaltsamkeit muß
von den Würmern erzeugt werden, d. h. aus der Erinnerung an die Beleidigungen
Gottes, aus meiner Demut und meiner Enthaltsamkeit, der ich um des Menschen
willen dem Wurme gleich geworden bin. Es soll der Mensch bedenken in seinem
Gemüte, wie sehr und wie oft er wider mich gesündigt und wie er es wieder
gut gemacht, und er wird bei sich finden, wie keine Enthaltsamkeit und keine
Mühe hinreichen, um gut zu machen, was er so häufig wider mich gesündigt
hat. Er soll auch meine und meiner Heiligen Pein bedenken und warum wir so
gelitten haben, und soll erkennen, welche Strenge, nachdem ich eine solche von
mir und meinen Heiligen gefordert habe, die mir gehorsam waren, ich von denen
fordern werde, die mir nicht gehorchen. So mag denn eine fromme Seele gern die
Enthaltsamkeit annehmen,
mag gedenken, wie böse ihre Sünden sind, die wie Würmer an der Seele nagen,
und so wird er von verachteten Würmern köstliche Seide sammeln, d. h. in
allen seinen Gliedern reine Enthaltsamkeit. Gott und das ganze himmlische Heer
freut sich derselben und, wer sie sammelt, wird um ihrer willen ewige Freude
verdienen, während er ohne sie ewige Trauer gehabt haben würde.
Christi Worte zur Braut über die Geräte, welche in das dritte Hans gelegt werden sollen, und wie durch diese Geräte gute Gedanken, wohlgezogene Sinne und rechte Beicht bedeutet werden, nebst einer sehr guten Erklärung von diesem allen und von dem allgemeinen Verschlusse dieser Häuser.
Der Sohn Gottes redete zur Braut und sprach: "Ich habe
Dir zuvor gesagt, wie im dritten Hause ein Hausgerät von dreierlei Art sein
müsse. Erstens die Gefäße, wohinein man die Flüssigkeiten gießt; zweitens
Werkzeuge, womit die Erde draußen zubereitet wird; als: Rechen, Beil u. dgl.,
womit man Zerbrochenes wiederum herstellt; drittens lebendigen Hausrat, wie
Esel, Pferde und ähnliches, womit man Lebendiges und Totes fortbewegt. Im
ersten Hause, worin die Flüssigkeiten sich befinden, müssen zweierlei Arten
von Gefäßen sein. Erstens Gefäße, in welche die dünnen und süßen
Flüssigkeiten hineingegossen werden, wie Wasser, Öl, Wein u. dgl.; zweitens
Gefäße wohinein bittere oder dicke Flüssigkeiten geschüttet werden, wie
Senf, Mehl u. dgl. Kannst Du wohl verstehen, was das bedeutet? Die
Flüssigkeiten bedeuten die Gedanken der Seele, böse und gute. Ein guter
Gedanke ist süß wie Öl, lieblich wie Wein. Ein böser Gedanke aber ist wie
bitterer Senf, welcher die Seele bitter und trübe macht. Aber wie der Mensch
zuweilen dicker Flüssigkeiten bedarf, die, obwohl sie zur Erhaltung des
Leibes wenig beitragen, doch zur Reinigung und Gesundheit des Leibes und
Gehirns nützlich sind, so giebt es auch böse Gedanken, welche, obwohl sie
die Seele nicht stärken und sättigen wie das Öl der guten Gedanken, doch
die Reinigung der Seele fördern, wie der Senf die Reinigung des Gehirns.
Denn, wenn ihn nicht zuweilen böse Gedanken versuchten, dann wäre der Mensch
ein Engel, aber
kein Mensch, und er würde glauben, alles durch sich selbst zu haben. Damit
der Mensch nun seine Schwäche erkenne, die er von sich selber hat, und die
Stärke, welche er von mir hat, läßt es meine Barmherzigkeit zu, daß ihn
zuweilen böse Gedanken versuchen, welche, wenn der Mensch ihnen seine
Zustimmung nicht giebt, ihm zur Reinigung seiner Seele und zur Bewahrung
seiner Tugenden dienen. Obwohl sie bitter sind wie Senf, so machen sie doch
die Seele gesund, daß sie viel zu tragen vermag, und führen sie zu ewigem
Leben und Gesundheit, welche ohne Bitterkeiten nicht zu erwerben sind. Darum
sollen die Gefäße der Seele, in welche die guten Gedanken gegossen werden,
mit Fleiß in Ordnung gehalten und beständig gereinigt werden; denn es ist um
der Prüfung und des Verdienstes willen nützlich, daß auch döse Gedanken
hinzukommen; die Seele aber soll sorgfältig streben, denselben ihre
Zustimmung nicht zu geben oder Gefallen daran zu finden, sonst wird sich die
Süßigkeit verlieren, die Bitterkeit zurückbleiben und so die Seele in ihrem
Wachstum zurückbleiben. Im zweiten Hause muß auch Hausrat von doppelter Art
sein. Erstens Werkzeuge zu auswärtigem Gebrauche, womit das Land draußen zur
Saat vorbereitet wird und die Dornen ausgerottet werden, z. B. Pflüge und
Rechen; zweitens Gerätschaften, die sowohl in als außer dem Hanse nützlich
sind, z. B. das Beil und anderes ähnliches dergleichen. Die Werkzeuge, welche
zum Landbau dienen, bedeuten die Sinne des Menschen und müssen zum Nutzen des
Nächsten, wie der Pflug für die Erde, in Ordnung erhalten werden. Dies
geschehe um der bösen Menschen willen, welche wie die Erde sind, weil sie
immer an Irdisches denken, und innerlich so ausgetrocket sind, daß sie nicht
die mindeste Reue über ihre Sünden fühlen und sie für nichts achten. Sie
sind kalt in der göttlichen Liebe, weil sie nur ihren eigenen Willen suchen,
sie sind langsam, Gutes zu thun, weil sie hurtig sind für die Ehre der Welt.
Deshalb soll der fromme Mensch sie durch seine äußeren Sinne erbauen, wie
auch der gute Landmann die Erde mittels Pfluges bearbeitet. Erstens soll er
sie durch seinen Mund erbauen, indem er ihnen für die Seele Nützliches sagt
und sie unterweiset im Wege des Lebens; sodann, indem er so viel Gutes thut,
als er vermag, damit der Nächste unterwiesen und angeregt werde durch Worte
zum guten Handeln.
Er soll auch mit seinen übrigen Gliedern durch sein Beispiel seinen Nächsten
erbauen, auf daß er fruchtbar werde in der Einfalt der Augen, damit er nichts
Unzüchtiges anschaue und der unzüchtige Nächste Zucht lerne für alle seine
Glieder; er soll ihn erbauen mit seinen Ohren, auf daß er nichts Läppisches
anhöre, und mit seinen Füßen, damit er behende sei zum Werke Gottes. Sodann
will ich dieser Erde, wenn sie also angebaut worden, den Regen meiner Gnade
verleihen, und der Bebauer wird sich seiner Mühe und der Frucht der vorher
trockenen Erde erfreuen. Die Werkzeuge aber, welche erforderlich sind, um das
Innere in Ordnung zu halten, wie die Axt und dergleichen, bedeuten die
bescheidene Meinung und die Erforschung seiner Absicht bei seinen Handlungen;
denn was immer für Gutes der Mensch auch thut, so soll er es nicht thun, um
von den Menschen geehrt und belobt zu werden, sondern aus göttlicher Liebe
zur ewigen Belohnung. Deshalb soll der Mensch seine Handlungen fleißig
prüfen, mit welcher Absicht und für welchen Lohn er dieselben gethan, und
wenn er in seinem Thun einige Hoffart findet, soll er dieselbe sogleich mit
dem Beile der Bescheidenheit abhauen, so daß er, wie er draußen seinen
Nächsten erbaut, welcher wegen seiner bösen Thaten wie außerhalb des
Hauses, d. h. außerhalb der Genossenschaft meiner Freunde zu betrachten ist,
also auch drinnen durch die göttliche Liebe sich selber fruchtbar mache. Denn
wie die Mühe eines Landmannes, dem die Werkzeuge zum Ausbessern zerbrochener
Geräte fehlen, eine vergebliche sein wird, also wird es auch ein Mensch, wenn
er nicht mit kluger Vorsicht seine Werke prüft, um sie zu verbessern, wenn
sie mangelhaft oder böse sind, niemals zu einiger Vollkommenheit bringen. Man
soll also nicht allein nach außen wirksam arbeiten, sondern auch inwendig
fleißig betrachten, wie und mit welcher Absicht gearbeitet wird. - Im dritten
Hause muß lebendiger Hausrat sein, durch welchen Totes und Lebendiges in
Bewegung gesetzt wird, nämlich Pferde, Esel und anderes dergleichen. Diese
Geräte sind die aufrichtige Beicht, welche Lebendiges und Totes in Bewegung
setzt. Das Lebendige bedeutet die Seele, welche durch meine Gottheit
erschaffen worden und unsterblich ist und durch aufrichtige Beicht Gott
täglich näher gebracht wird. Denn wie das Tier, je besser und häufiger es
gefüttert wird, desto stärker zum Tragen wird und schöner an-
zusehen ist, also fördert auch die Beichte um so mehr die Seele, je häufiger
und sorgfältiger dieselbe sowohl über das Geringste und das Größte
abgelegt wird, und ist bei Gott so wohlgefällig, daß sie sogar die Seele in
das Herz Gottes einführt. Was bedeutet aber das Tote, das die Beicht auch in
Bewegung setzt, anderes, als die guten Werke, welche durch Todsünde sterben?
Denn eben die guten Werke, welche in Todsünden sterben, sind bei Gott tot,
weil Gott nichts Gutes gefallen kann, wenn nicht zuvor die Sünde entweder
durch vollkommenen guten Willen oder durch die That gebessert worden. Können
sich denn in einem Gefäße Wohlriechendes und Stinkendes miteinander
vertragen? Wenn aber jemand seine guten Werke durch Todsünden tötet, jedoch
eine wahre Beicht über das Begangene ablegt, und dabei den Willen hat, sich
zu bessern und vor der Sünde sich zu hüten, so werden alsbald durch die
Beicht und die Tugend der Demut die guten Werke, welche vorher tot waren,
wieder lebendig und werden ihm zum ewigen Heile helfen; stirbt er, ohne zuvor
gebeichtet zu haben, so werden ihm die guten Werke, welche nicht sterben, noch
vernichtet werden, gleichwohl aber der Todsünde wegen ihm das ewige Leben
nicht werden verdienen können, eine gelindere Strafe erwerben oder anderen
zum Heile gereichen, wofern er sie mit guter Absicht und zur Ehre Gottes
vollbracht hat; hat er sie aber um der Ehre der Welt und seines eigenen
Nutzens willen gethan, dann werden diese Werke mit seinem Tode sterben, weil
er seinen Lohn von der Welt, für welche er gearbeitet hat, schon empfangen
hat. Deshalb, meine Braut (unter Dir verstehe ich alle meine Freunde), laß
uns in unser Haus dasjenige sammeln, woran Gott mit einer heiligen Seele sich
geistlicherweise vergnügen will. In das erste Haus zuerst das Brot des
lauteren Willens, indem man nichts anderes will, als was Gott will; zweitens
den Trank des göttlichen Vorbedachts, indem man nichts thut, als wobei an
Gottes Ehre gedacht worden; drittens die Speise der göttlichen Weisheit,
indem man immer an die Zukunft und daran denkt, wie das Gegenwärtige zu
ordnen. In das zweite Haus wollen wir erstlich den Frieden mit Gott sammeln
durch Lossagung von der Sünde und den Frieden mit dem Nächsten durch den
Haß des Streites und der Zwietracht; zweitens Werte der Barmherzigkeit,
mittels deren wir auch durch die That dem Nächsten
nützlich werden; drittens vollkommene Enthaltsamkeit, mittels deren wir das
abhalten, was den Frieden stören will. Ins dritte Haus wollen wir
vernünftige und gute Gedanken einsammeln, um unser Haus inwendig zu
schmücken; zweitens wohlgezogene und mäßige Sinne, um unseren Freunden
außen vorzuleuchten; drittens aufrichtige Beichte, damit wir, wenn wir krank
werden, wieder gesund werden können. - Aber wenn man nun auch die Häuser
hat, so kann man doch das darin Eingesammelte nicht aufbewahren, wenn es keine
Thüren giebt, und die Thüren können nicht hangen ohne Thürangeln und nicht
geschlossen werden ohne Schloß; damit also nun das Gesammelte geborgen
bleibe, muß eine Thür im Hause angebracht werden, nämlich die feste
Hoffnung, die von keinerlei Widerwärtigkeiten zerbrochen werde. Diese
Hoffnung muß zwei Thürangeln haben, den einen, daß der Mensch nicht
verzweifle, die Herrlichkeit zu erlangen und der Strafe zu entgehen, den
anderen, daß er in jeglicher Widerwärtigkeit immer auf Gottes Barmherzigkeit
vertraue und Besseres hoffe. Das Schloß der Thür aber soll die göttliche
Liebe sein, welche die Thür verwahrt, daß der Feind nicht eindringe. Denn
was hilft es, eine Thür haben ohne Schloß, was Hoffnung ohne Liebe? Denn,
wenn jemand auf das Gegenwärtige, als wie auf etwas Ewiges und auf Gottes
Barmherzigkeit hofft, und Gott nicht liebt, noch fürchtet, so hat er zwar
eine Thür, allein gleichsam ohne Schloß, so daß der Hauptfeind, wenn er
will, hineingehen und töten kann. Die rechte Hoffnung aber ist die, daß, wer
hofft, auch so viel Gutes thut, als er vermag; ohne dieses kann er das
Himmlische nicht erlangen, vorausgesetzt, daß er Gutes zu thun wußte und
vermochte, aber nicht wollte. Bemerkt aber jemand, daß er ausschweifte oder
nicht thätig gewesen ist, wo er konnte, so soll er den guten Willen haben,
das Gute zu thun, was er kann, auch was er nicht wird können; und er soll
fest hoffen, daß er auch durch den guten Willen und die Liebe zu Gott kommen
könne. Darum soll die Thür, d. i. die Hoffnung, durch die göttliche Liebe
befestigt werden, so daß, wie ein Schloß inwendig viele Riegel hat, damit
der Feind nicht öffnen könne, auch die Liebe mit aller Sorgfalt sich hüte,
Gott zu beleidigen, - durch den Riegel der Furcht, welche in der Liebe sein
soll, damit sie nicht von ihm weiche, des Eifers, welcher feurig fein soll,
Gott zu lieben, der
Sorge, wie man ihm nachfolge, des Schmerzes, daß man nicht soviel zu thun
vermag, als man möchte, der Demut, daß sich der Mensch seiner Sünden wegen
für nichts achtet. Mit diesen Riegeln soll das Schloß verwahrt werden, damit
der Teufel nicht so leicht das Schloß der Liebe öffne, um seine Liebe
hineinzuschmuggeln. Der Schlüssel aber, womit das Schloß geöffnet und
zugemacht wird, soll das Verlangen nach Gott allein sein, das übereinstimmt
mit der göttlichen Liebe und dem göttlichen Werke, so daß der Mensch, auch
wenn er könnte, nichts anderes haben will, als Gott, und dieses um seiner
sehr großen Liebe willen. Dieses Verlangen schließt Gott in die Seele ein
und die Seele in Gott, weil beide einerlei Willen haben. Den Schlüssel aber
sollen Mann und Frau, d. h. Gott und die Seele, allein haben, damit Gott, so
oft er hineingehen und sich an den Gütern, d. h. den Tugenden der Seele,
ergötzen will, mittels des Schlüssels des standhaften Verlangens freien
Zutritt habe, die Seele aber auch, so oft sie eingehen möchte in das Herz
Gottes, solches frei thun könne, weil sie nichts begehrt, als Gott. Dieser
Schlüssel wird gehütet von der Wachsamkeit der Seele und durch die Hut ihrer
Demut, mittels deren sie Gott alles Gute zuschreibt, das sie hat; auch wird
dieser Schlüssel bewacht durch die Macht und die Liebe Gottes, damit die
Seele nicht betrogen werde durch den Teufel. Siehe, meine Braut, welcher Art
die Liebe Gottes zur Seele ist. Stehe also fest und thue meinen Willen."
Worte Christi zur Braut von seiner Unwandelbarkeit, wie auch von der Vollkommenheit seiner Worte, wenn auch nicht die Werke sogleich darauf folgen, und wie unser Wille in allen Stücken dem göttlichen Willen anheimgestellt bleiben soll.
Der Sohn redete zur Braut und sprach: "Warum bist Du so
beunruhigt darüber, daß jemand gesagt hat, meine Worte seien falsch? Werde
ich etwa schlechter durch seinen Tadel, oder sollte ich besser werden, wenn er
mich lobt? Ich bin unwandelbar und kann nicht vermindert, noch vermehrt
werden, noch bedarf ich des
Lobes, der Mensch aber, welcher mich lobt, nützt durch sein Lob nicht mir,
sondern sich selbst. Niemals auch ist aus meinem Munde, der ich die Wahrheit
bin, eine Unwahrheit hervorgegangen, noch kann eine solche daraus hervorgehen;
denn alles, was ich durch die Propheten oder durch andere meiner Freunde
geistlicher oder leiblicherweise geredet, wird so in Erfüllung gehen, wie es
damals in meiner Meinung gewesen ist. Es war auch darin keine Unwahrheit, wenn
ich einiges einmal, ein anderes zweimal, einiges ganz deutlich, das andere
etwas dunkel gesagt habe, was nach der verschiedenen Wirksamkeit meines
Geistes von Guten und Bösen auf verschiedene Weise gut oder böse verstanden
werden kann, so daß es jedoch jedem Menschen, was immer für einem Stande er
angehören mag, heilsam und dienlich ist, sich im Guten zu üben. Denn, wie
ich in meiner Gottheit meine Menschheit angenommen habe zu Einer Person, so
habe ich zuweilen geredet seitens meiner Menschheit, insoweit sie meiner
Gottheit unterworfen war, andere Male aber seitens meiner Gottheit, insofern
dieselbe die Schöpferin meiner Menschheit war. Es war auch nicht ohne
Absicht, daß ich einiges dunkel vorgetragen habe; denn also erforderte es die
Gerechtigkeit, daß mein Ratschluß zuweilen ein wenig vor den Bösen
verborgen gehalten würde, der Fromme jedoch inbrünstig meine Gnade erwarte
und für sein Warten seinen Lohn empfinge; wäre mein Ratschluß für eine
bestimmte Zeit angekündigt worden, so hätten vielleicht viele von der
Erwartung und Liebe um der langen Zeit willen abgelassen; sodann habe ich
vieles, was ich versprochen, den Undankbaren in gegenwärtiger Zeit entzogen,
was ich ihnen gewährt haben würde, wenn sie von ihrer Bosheit abgestanden
wären. Deshalb darf es Dich nicht beunruhigen, wenn meine Worte von meinen
Feinden Lügen gestraft werden, wenn auch meine Freunde sich wundern, weshalb
meinen Worten die Erfüllung nicht folgte. Dies geschieht nicht ohne Ursache.
War nicht auch Moses an Pharao gesandt, ließ aber gleichwohl nicht sofort
seine Zeichen sehen? Warum? Weil, wenn sogleich die Zeichen und Thaten
gekommen wären, weder die Verhärtung Pharaos, noch die Macht Gottes, noch
die Wunder wären offenbar geworden. Nichtsdestoweniger aber wäre Pharao
wegen der bewiesenen Bosheit verdammt worden, wenn auch Moses nicht gekommen
wäre, obwohl seine Verhärtung
alsdann nicht so offenbar ward. So wird es auch jetzt geschehen. Deshalb
stehet mannhaft. Wie der Pflug, obwohl von den Ochsen gezogen, doch nach dem
Willen des Lenkenden regiert wird, so werden auch meine Worte, obwohl ihr
dieselben hört und wisset, nicht nach euerem Willen gehen und vollbracht
werden, sondern nach dem meinigen; ich weiß, wie die Erde beschaffen ist und
wie dieselbe gebaut werden muß. Ihr aber sollt eueren gesamten Willen mir
anheimstellen und sprechen: Dein Wille geschehe.
Ermahnende Worte des Täufers Johannes zur Braut in einem Bilde, in welchem Gott durch den Vogel Elster, und zwar durch die Jungen die Seele, durch das Nest der Leib, durch wilde Tiere die Lüste der Welt, durch Raubvögel die Hoffart, durch eine Schlinge die Freude der Welt bedeutet werden.
Johannes der Täufer redete zur Braut Christi und sprach:
"Der Herr Jesus hat Dich aus der Finsternis zum Lichte gerufen, aus der
Unreinigkeit zur vollkommenen Reinheit, aus der Enge in die Weite. Wer
vermöchte es darum, genügend darzuthun, wie sehr Du ihm dafür zur
Dankbarkeit verpflichtet bist? Thue gleichwohl, was Du vermagst. Es giebt
einen Vogel, welcher Elster genannt wird. Derselbe liebt seine Jungen, weil
die Eier, aus welchen die Jungen hervorgekommen, zuvor in seinem Leibe waren.
Dieser Vogel baut sich aus Lehmstücken ein Nest aus drei Ursachen; zuerst, um
der Ruhe willen; zweitens, um einen Zufluchtsort vor dem Regen und zu großer
Hitze zu haben; drittens, um seine Jungen zu nähren, welche aus den Eiern
entstehen. Auf die Eier setzt sich die Mutter aus Liebe und brütet die Jungen
aus, und lockt sie, wenn sie geboren sind, zum Fluge heraus; erstens durch
Darreichung der Speise; zweitens durch stetiges Schreien; drittens durch das
Beispiel des eigenen Flugs. Weil nun die Jungen ihre Mutter lieben und an ihre
Speise gewohnt sind, so erheben sie sich, wenn sie die Mutter voranfliegen
sehen, allmählich aus dem Neste und fliegen, wie ihre Kräfte wachsen, immer
weiter, bis sie durch Gewohnheit und Kunst vollkommen geworden. Dieser Vogel
ist Gott, welcher ewiglich ist und sich niemals verändert, und aus dem
Leibe seiner Gottheit gehen alle vernünftigen Seelen hervor. Einer jeglichen
Seele aber wird ein Nest bereitet aus Lehm, weil der Seele ein Leib aus Erde
zugesellt wird, in welchem Gott die Seele mit der Speise guter Neigungen
ernährt. Er verteidigt sie gegen die Vögel böser Gedanken und gewährt Ruhe
und Schutz vor dem Regenschauer böser Handlungen. Weil aber eine jegliche
Seele auf diese Weise deshalb mit dem Leibe verbunden wird, nicht um von
demselben regiert zu werden, sondern um den Leib zu regieren, und um ihn zur
Arbeit anzutreiben und auf vernünftige Weise für denselben zu sorgen, darum
lehrt Gott, wie eine gute Mutter, die Seele, um Fortschritte zum Bessern zu
machen, er unterweist sie, wie sie aus dem engen Neste in die Weite fliege.
Zuerst durch Speise, indem er einem jeden nach Fähigkeit Verstand und
Vernunft giebt und der Seele zeigt, wovor sie fliegen soll; denn wie die
Mutter ihre Jungen zuerst vom Neste erhebt, so lernt der Mensch zuerst das
Himmlische denken, denken aber auch, wie eng und niedrig das Nest des Leibes
ist, wie glänzend dagegen das Himmlische und wie lieblich das Ewige sei. Dann
lockt die Stimme Gottes die Seele heraus, da er ruft: "Wer mir folgt,
wird das Leben haben, und wer mich liebt, wird nicht sterben." Diese
Stimme führt zum Himmel, wer sie aber nicht hört, ist taub oder undankbar
gegen die Liebe der Mutter. Zuletzt führt Gott die Seele hinaus durch das
Beispiel seines Fluges, d. i. durch das Vorbild seiner Menschheit. Diese
glorwürdige Menschheit hatte gleichsam zwei Flügel; der erste, der ihre
tadellose Reinigkeit, der zweite, der ihre guten Werke bedeutet - und auf
diesen beiden Flügeln flog die Menschheit Gottes in die Welt. Derselben soll
die Seele nachfolgen, so gut sie vermag, und wenn sie es nicht mit der That
kann, soll sie es mindestens mit dem Willen wagen. Wenn aber das Junge
ausfliegt, muß es sich vor drei Gefahren hüten. Erstens vor wilden Tieren,
daß es sich nicht neben dieselben auf die Erde niedersetze, weil es nicht so
stark ist wie sie; zweitens hat es sich zu hüten vor den Raubvögeln, weil es
im Fliegen noch nicht schnell ist, wie diese, weshalb es sicherer ist,
verborgener zu bleiben; drittens soll es sich hüten, sich nach einer
Lockspeise gelüsten zu lassen, welche an einer Schlinge hängt. Die wilden
Tiere, von denen ich sprach, sind die Lüste und Begierden der Welt; vor
diesen soll sich
das Junge in acht nehmen; denn sie gewähren anscheinend eine süße
Empfindung, einen guten Besitz und einen schönen Anblick. Wenn man aber
glaubt, sie zu halten, verschwinden sie schnell, und wenn man glaubt, durch
sie erfreut zu werden, verwunden sie erbärmlich. Zweitens soll es sich hüten
vor den Raubvögeln. Diese sind Hoffart und Ehrgeiz. Sie sind es, welche immer
höher und höher zu steigen und andere Vögel zu überholen begehren,
während sie die schwächeren verachten. Vor diesen soll sich das Junge hüten
und begehren, in der Verborgenheit der Demut zu weilen, um sich wegen der
empfangenen Gnaden nicht zu überheben; es soll die Schwächeren und die mit
minderer Gnade Ausgerüsteten nicht verachten, auch nicht denken, besser zu
sein, als andere. Drittens soll es sich in acht nehmen vor der Lockspeise,
welche an einer Schlinge hängt; denn diese ist der Welt Freude. Es scheint
wohl gut zu sein, das Lachen im Munde und Wollust am Leibe zu haben; allein in
diesen Freuden ist ein Stachel verborgen, unmäßiges Lachen und Wollust des
Leibes bringt Unruhe und Traurigkeit entweder im Tode, oder schon vorher in
Trübsal. Beeile Dich also, Tochter, öfter durch das Verlangen nach dem
Göttlichen aus Deinem Neste herauszugehen, hüte dich dann vor den wilden
Tieren der Begierden und vor den Vögeln der Hoffart und fliehe den Köder der
eiteln Freude. - Hierauf redete die Mutter zur Braut und sprach: "Hüte
Dich vor dem Vogel, der mit Pech bestrichen ist; denn alle, welche ihn
anrühren, werden besudelt. Die Freundschaft der Welt ist ein Pechvogel,
unbeständig wie die Luft, launenhaft bei Austeilung ihrer Gunst und lieblos
im Umgange. Sorge Dich nicht um Ehren, achte nicht auf Gunst und siehe nicht
auf Lob oder Tadel; denn daraus entsteht Unruhe des Gemütes und Verminderung
der göttlichen Liebe. Stehe fest; denn Gott, der angefangen hat, Dich aus dem
Neste zu ziehen, wird Dich speisen bis an Deinen Tod, nach dem Tode aber wirst
Du keinen Hunger haben. Er wird Dich auch vor jedem Schmerze bewahren, Dich im
Leben beschützen und nach dem Tode wirst Du nichts mehr fürchten." ![]()
Das Gebet der Mutter Gottes an ihren Sohn für die Braut und einen anderen Heiligen; von der Annahme des Gebetes der Mutter durch Christum und von der wahren oder falschen Heiligkeit des Menschen in diesem Leben.
Maria redete zum Sohne und sprach: "Gieb, mein Sohn,
Deiner neuen Braut, daß Dein hochwürdiger Leib in ihrem Herzen wurzle, daß
sie sich verwandle in Dich und erfüllt werde mit Deiner Freude." Darauf
sprach sie: "Dieser Heilige
ist, als er in der Welt lebte, im heiligen Glauben fest wie ein Berg gewesen,
den keine Widerwärtigkeit gebrochen, keine Lust verrückt hat, er war biegsam
nach Deinem Willen wie bewegliche Luft, wohin ihn der Ungestüm Deines Geistes
gezogen hat, er war brünstig in Deiner Liebe wie ein Feuer, das die
Frierenden wärmt und die Ungerechten verzehrt. Jetzt aber ist seine Seele bei
Dir in der Herrlichkeit, das Gefäß seines Wirkens jedoch ist zerbrochen und
liegt an einem Orte, der für seine Verdienste nicht würdig genug ist. Darum,
mein Sohn, erweise auch seinem Leibe die ihm gebührende Ehre, ehre ihn, wie
er Dich nach seinen Kräften geehrt hat, erhebe ihn, wie er sich, so gut er es
vermochte, bemühte, Dich zu erheben." Es antwortete ihr hierauf der
Sohn: "Gebenedeit seiest Du, die Du nichts unberührt lassest, was zu
Deiner Freude beiträgt. Wisse, es geziemt sich nicht, daß man den Wölfen
die beste Speise vorsetze, oder daß man den Saphir, der die Glieder gesund
erhält und die kranken stärkt, in den Kot werfe, oder daß man den aus
Selbstliebe Verblendeten Licht anzünde. Dieser Mann nun war mir wie eine in
aller Geduld und Trübsal wohl zubereitete Speise, da er fest im Glauben,
inbrünstig in der Liebe, und in der Enthaltsamkeit mir willfährig war, und
wie schon sein Wille und alle seine Neigungen mir süß und schmackhaft waren,
so war es noch mehr sein männliches Fortschreiten im Guten und seine treue
Pflichterfüllung. Es geziemt sich aber nicht, daß eine solche Speise den
Wölfen vorgesetzt werde, deren Begierlichkeit keine Sät-
tigung kennt, die nicht gelüstet nach den heilsamen Pflanzen der Tugenden,
sondern nach faulem Fleische, deren Arglist für viele verderblich ist. Er war
mir auch wie ein Saphir an einem Ringe durch die Reinheit seines Rufes und die
Liebe seines Lebens, welcher ihn als einen Bräutigam seiner Kirche, als einen
Freund seines Herrn, als eine Säule des Glaubens und Verächter der Welt zu
erkennen gab. Es geziemt sich aber nicht, teuerste Mutter, daß der Liebhaber
so großer Güte, dieser so reine Bräutigam, von unreinen Händen, der Freund
so großer Demut von den Liebhabern der Welt berührt werde. Endlich war er
mir ein auf den Leuchter gestelltes Licht, ein treuer Vollbringer meiner
Gebote, ein Lehrer heiligen Lebens, eine Stütze für die Stehenden, daß sie
nicht fielen, und den Wankenden eine starke Hand, um sie aufzuheben. Dieses
Licht zu schauen sind diejenigen nicht würdig, die durch ihre Selbstliebe
verblendet kein Verständnis dafür haben, weil sie hoffärtigen Geistes sind;
sie vermögen auch dieses Licht nicht zu berühren, weil sie an ihren Händen
aussätzig sind, und weil sie es wegen ihrer Augen-und Fleischeslust hassen.
Es müssen also, wenn er zu der ihm gebührenden Ehre erhöht werden soll, die
Unreinen zuerst gereiniget, die Blinden zuerst erleuchtet werden. Wenn aber
die Menschen jemand für heilig halten, so giebt es drei Merkmale, woraus zu
erkennen, daß er nicht heilig ist, wenn er in seinem Leben das Leben der
Heiligen nicht nachahmte, wenn ihm der freudige Wille fehlte, für Gott das
Martyrtum auszustehen, und wenn ihm die Demut und feurige Liebe meiner
Heiligen mangelte, ebenso giebt es drei Ursachen, warum mancher von dem Volke
schon für einen Heiligen gehalten wird: Lüge und Betrug derjenigen, welche
sich gefällig erweisen wollen, Leichtgläubigkeit der Thoren und das
Verlangen und die Nachgiebigkeit der geistlichen Vorsteher, welche in der
Prüfung der Sache den notwendigen Fleiß nicht anwenden; ob ein solcher in
der Hölle oder im Fegfeur ist, darfst Du jetzt noch nicht wissen, bis die
Zeit zu reden gekommen ist." ![]()
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
Tel.: +49 (07251) 9761-0, Fax: +49 (07251) 9761-12, e-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.
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