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Leben
und Offenbarungen der heiligen Brigitta
beginnt allhier das erste Buch der himmlischen Offenbarungen und Geheimnisse Gottes, der Honig träufenden Liebe und wunderbaren Süße an seine auserwählte Tochter und süßeste Braut.
Worte unseres Herrn Jesu Christi an seine auserwählte, vielgeliebte Braut, worin er sie seiner unübertrefflichen Menschwerdung versichert, auch die Bosheit der Entheiligung und Verletzung des Glaubens, sowie der Taufe, rügt, und wie er seine geliebte Braut auffordert, ihn zu lieben.
Ich bin der Schöpfer Himmels und der Erde, eins in der
Gottheit mit dem Vater und dem heiligen Geiste. Ich bin der, welcher mit den
Propheten und Patriarchen geredet, und auf den sie gewartet haben. Um ihres
Verlangens und meines Versprechens willen habe ich das Fleisch jedoch ohne
Sünde und Begierlichkeit angenommen. Eingegangen bin ich in den
jungfräulichen Leib, wie die Sonne hindurchleuchtet durch das härteste
Glas. Wie die
Sonne beim Hindurchdringen das Glas nicht zerbricht, so ist auch der
Jungfrau Jungfräulichkeit bei Aufnahme meiner Menschheit nicht versehrt
worden. Ich habe aber das Fleisch dergestalt angenommen, daß ich die
Gottheit nicht aufgab. Ich war auch nicht minder in der Gottheit mit dem
Vater und dem heiligen Geiste; ich beherrschte und erfüllte alles, obwohl
ich im Leibe der Jungfrau bei der Menschheit war. Wie der Glanz sich nimmer
scheiden läßt von dem Feuer, so ist auch meine Gottheit niemals von meiner
Menschheit, auch im Tode nicht, geschieden worden. Sodann habe ich gewollt,
daß der von der Sünde ganz und gar unversehrte Leib für die Sünden
aller, von der Sohle bis zum Scheitel, zerfleischt und ans Kreuz geschlagen
würde. Derselbe wird auch noch täglich auf dem Altare geopfert, auf daß
der Mensch mich um so stärker lieben und sich desto öfter meiner
Wohlthaten erinnern möge. Nun bin ich aber gänzlich vergessen,
vernachlässigt und verachtet, auch aus dem Reiche, wo ich König bin,
vertrieben, und an meiner Statt wird der ärgste Bösewicht und Räuber
erwählt und geehrt. Ich habe gewollt, daß mein Reich unter den Menschen
sei, denn ich, sollte über dieselben von Rechts wegen König und Herr sein,
weil ich sie erschaffen und erlöset habe. Nun aber haben sie den Glauben
verleugnet und entheiligt, den sie mir in der Taufe versprochen hatten; auch
haben sie die Gesetze übertreten und verachtet, welche ich ihnen gegeben
hatte. Sie lieben ihren eigenen Willen und verschmähen, mich zu hören. Sie
erhöhen den allerärgsten Räuber, den Teufel, über mich und haben sich
demselben mit ihrem Glauben ergeben. Derselbe ist in der Wahrheit ein
Räuber, weil er des Menschen Seele, welche ich mit meinem Blute erkauft
habe, durch böse Eingebungen und falsche Verheißungen an sich reißt.
Nicht darum aber reißt er sie an sich, weil er etwa mächtiger wäre, als
ich (denn ich bin so mächtig, daß ich alles mit dem Worte vermag, auch so
gerecht, daß ich das geringste nicht wider die Gerechtigkeit thun könnte,
auch wenn alle Heiligen mich darum bitten würden); sondern weil der Mensch,
mit einem freien Willen ausgestattet, freiwillig meine Gebote verachtet und
dem Teufel Beifall giebt. Deshalb ist es recht, daß der Mensch unter seiner
grausamen Herrschaft leide. Zwar ist auch der Teufel selbst von mir gut
erschaffen, aber durch seinen bösen Willen fiel er und ist nun gleichsam
mein
Knecht zur Bestrafung der Bösen. Aber obschon ich jetzt so verachtet werde,
bin ich gleichwohl so barmherzig, daß ich allen, welche meine
Barmherzigkeit angerufen und sich erniedrigt haben, das, was sie begangen
haben, nachsehe und sie vom ungerechten Räuber befreien werde. Diejenigen
aber, welche in der Verachtung meiner verharren werden, will ich mit meiner
Gerechtigkeit heimsuchen, so daß, die es vernehmen, zittern, und die es
erfahren, sagen sollen: Weh uns, daß wir den Herrn der Majestät jemals zum
Zorne gereizt haben! Du aber, meine Tochter, die ich mir erwählet. und mit
welcher ich in meinem Geiste rede, sollst mich von ganzem Herzen lieben,
nicht wie einen Sohn und eine Tochter oder wie Eltern, sondern mehr als
irgend etwas in der Welt; denn ich habe keines meiner Glieder geschont,
damit ich für Dich die Strafe übernahm. Auch jetzt noch liebe ich Deine
Seele so herzlich, daß ich, ehe ich von ihr lassen, sollte, wenn es
möglich wäre, mich noch einmal für sie ans Kreuz heften lassen würde.
Folge meiner Demut nach; denn ich, der König der Herrlichkeit und der
Engel, habe mich in schlechte Lappen gekleidet, habe nackt an der
Geißelsäule gestanden und schmachvolles Hohngelächter mit meinen Ohren
vernommen. Setze auch meinen Willen über den Deinigen, denn auch meine
Mutter, Deine Gebieterin, hat vom Anfange bis zum Ende niemals etwas anderes
gewollt, als ich. Wirst Du dieses thun, so wird Dein Herz sein in meinem
Herzen und entzündet werden von meiner Liebe, gleichwie das Dürre leicht
entzündet wird am Feuer. Also wird Deine Seele erfüllt werden von mir und
ich werde in Dir sein, so daß alles Zeitliche Dir bitter, jede
Fleischeslust wie Gift sein wird. Du wirst im Arme meiner Gottheit ruhen, wo
keine Lust des Fleisches, sondern Freude und Ergötzen des Geistes ist. Die
also erquickte Seele ist innen und außen voll Freude, und denkt und begehrt
nichts, als die Liebe, welche sie hat. Liebe mich also allein und Du wirst
alles haben, was Du willst, und in überflüssiger Fülle. Steht nicht
geschrieben, das Öl der Witwe habe nicht abgenommen, bis der Herr den Regen
auf die Erde gegeben, nach dem Worte des Propheten? Ich bin der wahre
Prophet; wirst Du meinen Worten glauben und dieselben vollziehen, dann
werden Dir Öl, Freude und Frohlocken in Ewigkeit nicht fehlen. ![]()
Worte unseres Herrn Jesu Christi an seine bereits als Braut angenommene Tochter von den Artikeln des wahren Glaubens, von den Zierden und Zeichen der Braut, und welchen Willen die Braut in Bezug auf den Bräutigam haben soll.
Ich bin der Schöpfer des Himmels, der Erde, des Meeres
und von allem, was darin ist. Ich bin eins mit dem Vater und dem heiligen
Geiste, nicht wie die steinernen und goldenen Götter, wie man vor Zeiten
sagte, auch nicht mehrere Götter, wie man damals glaubte, sondern Ein Gott
der Vater, der Sohn und der heilige Geist, dreifaltig in den Personen, Einer
dem Wesen nach, der alles erschafft, aber von niemand erschaffen,
unbeweglich und allmächtig, ohne Anfang und ohne Ende ist. Ich bin's, der
von der Jungfrau Maria geboren, seine Gottheit nicht einbüßte, sondern der
Menschheit zugesellte, so daß ich in Einer Person der wahre Sohn Gottes und
der Sohn der Jungfrau bin. Ich bin's, der am Kreuze gehangen und gestorben
ist und begraben wurde, ohne daß die Gottheit dabei versehrt worden. Denn,
obwohl ich der Menschheit und dem Fleische nach, die ich, der Sohn allein,
angenommen, gestorben bin, so lebte ich doch in der Gottheit, worin ich mit
dem Vater und dem heiligen Geiste Ein Gott war. Ich bin eben derselbe,
welcher von den Toten auferstanden und zum Himmel aufgefahren, und der ich
auch jetzt mit Dir durch meinen Geist rede. Ich habe Dich erwählt und zu
meiner Braut angenommen, um Dir meine Geheimnisse zu zeigen, weil es mir
also gefällt. Du bist auch gewissermaßen von Rechts wegen mein geworden,
weil Du beim Tode Deines Gemahls Deinen Willen in meine Hände übergeben
und auch nach seinem Tode gedacht und gebeten hast, wie Du arm sein
könntest bei mir. Auch hast Du meinetwegen alles verlassen wollen und bist
dadurch von Rechts wegen mein geworden. Für eine so große Liebe mußte ich
Dir meine Fürsorge widmen und nehme Dich deshalb zu meiner Braut an, zu
meiner eigenen Lust, wie Gott eine solche an einer keuschen Seele haben
darf. Der Braut nun steht es wohl an, sich bereit
zu halten, wenn der Bräutigam Hochzeit halten will, so daß sie gebührend
geschmückt und rein sei. Wohl gereinigt bist Du aber alsdann, wenn Dein
Gedanke allezeit bei Deinen Sünden ist, und wie ich Dich in der Taufe von
Adams Sünde gereinigt und, wenn Du in Sünden verfallen warst, Dich oft
ertragen und geduldet habe. Die Braut muß ihres Bräutigams Zeichen in
ihrem Herzen haben, das heißt: Du mußt die Wohlthaten und Werke, welche
ich für Dich gethan, beachten, namentlich: wie herrlich ich Dich
erschaffen, indem ich Dir Leib und Seele gab; wie edel ich Dich beschenkt,
da ich Dir Gesundheit und zeitliche Güter verlieh; wie lieblich ich Dich
zurechtgeführt, da ich für Dich gestorben bin und Dir Dein Erbteil wieder
zugestellt habe, wofern Du es nur haben willst. Eine Braut muß auch ihres
Bräutigams Willen thun. Was ist aber mein Wille, als daß Du mich über
alles lieben und nichts anderes wollen mögest, als mich? Ich habe alles um
des Menschen willen erschaffen und ihm alles unterworfen. Er aber liebt
alles, nur mich nicht, und hasset nichts, denn mich allein. Ich habe ihm
sein Erbteil zurückgekauft, das er verloren hatte; allein er ist so
entfremdet und abgewandt von der Vernunft, daß er mehr nach der
vergänglichen Ehre verlangt (welche nichts ist, als ein Schaum des Meeres,
der augenblicklich aufsteigt wie ein Berg und nur zu schnell in nichts
herabsinkt), als nach der ewigen Ehre, in welcher das unvergängliche Gut
ist. Du aber, meine Braut, Dir werde ich, wofern Du nach nichts außer mir
Verlangen trägst, und alles um meinetwillen verachtest, nicht nur Kinder
und Eltern, sondern auch Ehre und Reichtum, den köstlichsten und süßesten
Lohn gewähren. Nicht Gold, noch Silber, sondern mich selber will ich Dir
zum Bräutigam und Lohne geben, ich, der ich bin der König der Ehren.
Schämest Du Dich aber, arm und verachtet zu sein, so bedenke, daß Dir Dein
Gott vorangeht, welchen seine Diener und Freunde auf Erden verlassen haben,
weil er nicht irdische, sondern himmlische Freunde suchte. Fürchtest und
scheuest Du die Last der Arbeit und Schwachheit, so gedenke, wie schwer es
ist, im Feuer zu brennen. Was für einen Lohn würdest Du wohl erhalten,
wenn Du einen irdischen Herrn so beleidigt hättest, wie mich? Wie sehr ich
auch Dich von ganzem Herzen liebe, so handle ich doch auch nicht in einem
einzigen Punkte
wider die Gerechtigkeit, auf daß Du, wie Du mit allen Gliedern gesündigt
hast, so auch an allen genugthust. Wegen des guten Willens und des Vorsatzes
aber, Dich zu bessern, wandle ich die Gerechtigkeit in Barmherzigkeit und
erlasse für eine mäßige Besserung sehr schwere Strafen. Unterziehe Dich
also willig einer geringen Mühe, auf daß Du gereinigt desto schneller zu
einem großen Lohne gelangst; denn es ziemt sich, daß die Braut in
Gesellschaft des Bräutigams durch Mühsale geprüft werde, damit sie desto
vertrauensvoller bei ihm ruhe.
Worte unseres Herrn Jesu Christi an die Braut zur Belehrung über die Liebe und Zuneigung derselben zu dem Bräutigam. Vom Hasse der Ungerechten gegen Gott und ihrer Liebe zur Welt.
Ich bin Dein Gott und Herr, den Du anbetest. Ich bin der,
welcher den Himmel und die Erde mit seiner Macht erhält; denn sie werden
nicht durch andere Dinge, wie etwa durch Säulen, gestützt. Ich bin es, der
ich unter der Gestalt des Brotes täglich als wahrer Gott und Mensch auf dem
Altare geopfert werde. Ich bin der nämliche, der Dich erwählt hat. Ehre
meinen Vater. Liebe mich. Gehorche meinem Geiste. Erweise meiner Mutter, als
Deiner Gebieterin, Ehre. Ehre alle meine Heiligen. Halte den rechten
Glauben, welchen derjenige Dich lehren wird, der selbst den Streit zweier
Geister: der Lüge und der Wahrheit, an sich erfahren, durch meinen Beistand
aber überwunden hat. Bewahre meine wahre Demut. Was ist aber die wahre
Demut anderes, denn so sich zu zeigen, wie man ist, und Gott für das
empfangene Gute loben? Nun aber hassen mich viele und achten meine Thaten
und Worte für Scherz und Eitelkeit, den Ehebrecher aber, das ist den
Teufel, herzen und lieben sie. Alles, was sie für mich thun, geschieht mit
Murren und Bitterkeit. Sie würden auch meinen Namen nicht bekennen, wenn
sie es nicht aus Furcht und Scham vor den Menschen thäten. Die Welt aber
lieben sie so aufrichtig, daß sie Tag und Nacht nicht ermüden in deren
Arbeit und in ihrer Liebe unaufhörlich brennen. Der Dienst dieser ist
mir gerade so angenehm, als wenn jemand seinem Feinde zu dem Ende Geld
gäbe, daß sein eigener Sohn getötet würde. So thun sie, denn sie geben
ein geringes Almosen und ehren mich mit den Lippen zu dem Ende, daß ihnen
das irdische Glück folge und sie bei Ehren und in ihrer Sünde verbleiben
mögen. Daher wird ihr guter Sinn getötet durch die Zunahme irdischer
Güter. Wenn Du mich aber vom ganzen Herzen lieben und nichts, außer mich,
verlangen wirst, dann werde ich Dich durch Liebe an mich ziehen, gleichwie
der Magnetstein das Eisen an sich zieht, und Dich auf meinen Arm nehmen.
Derselbe ist so stark, daß ihn niemand ausstrecken kann, so steif, daß,
wenn er ausgestreckt worden, niemand imstande ist, denselben zu biegen. Er
ist auch so süß, daß er alle Gewürze übertrifft und nicht zu
vergleichen ist mit allen Süßigkeiten der Welt.
Der Mann, der die Braut Christi den rechten Glauben
lehren soll, war der Magister der Theologie, Matthias aus Schweden, Domher
in Linköping, der auch die ganze Bibel vortrefflich glossiert hat. Derselbe
ist auf eine gar feine Weise vom Teufel durch viele ketzerische
Einflüsterungen wider den katholischen Glauben versucht worden, die er
sämtlich mit Christi Hilfe überwand; er konnte vom Teufel nicht besiegt
werden, wie beim Lesen des Lebens der heiligen Brigitta deutlicher erhellen
wird. Eben dieser Magister Matthias hat die Vorrede zu diesen Büchern
verfaßt, welche mit den Worten beginnt: Schrecken und Wunder u. s. w. Er
war ein heiliger Mann und geistlicherweise mächtig in Wort und That. Als
derselbe in Schweden starb, befand sich die Braut Christi in Rom und vernahm
während des Betens eine Stimme, welche also sprach: "O Magister
Matthias, beglückt durch die Krone, welche Dir in den Himmeln bereitet
worden. Komm' daher zu der Weisheit, die nimmer ein Ende nehmen wird."
Von demselben ist auch im ersten Buche im LII. Kapitel die Rede, ferner im
fünften Buche in der dritten Antwort auf die letzte Frage, desgleichen im
LXXV. und LXXXIX. Kapitel des sechsten Buches. ![]()
Worte unseres Herrn Jesu Christi an die Braut, daß sie sich wegen des von ihm ihr Geoffenbarten nicht fürchten, auch nicht denken solle, daß es von bösen Geistern sei; auch woran man den bösen oder guten Geist erkennt.
Ich bin Dein Schöpfer, Dein Erlöser. Weshalb fürchtest
Du Dich vor meinen Worten? Und weshalb bist Du bedenklich, von welchem
Geiste sie wären, ob von einem guten oder einem bösen? Sage mir, was hast
Du in meinen Worten gefunden, daß Dir Dein Gewissen nicht sagte, was zu
thun wäre? Oder habe ich Dir etwa etwas befohlen wider die Vernunft?
Hierauf antwortete die Braut: "Mit nichten, denn das alles ist wahr und
ich habe mich garstig geirrt." Der Geist oder Bräutigam entgegnete:
"Ich habe Dich drei Dinge gelehrt, an denen Du einen guten Geist
erkennen kannst. Ich habe Dich gelehrt, Deinen Gott zu ehren, welcher Dich
gemacht und Dir alles gegeben hat, was Du hast, und es sagt Dir Deine
Vernunft, daß Du ihn ehren sollst vor allem. Ich habe Dich gelehrt, den
rechten Glauben zu halten, zu glauben nämlich, daß ohne Gott nichts
geworden und ohne Gott nichts werden könne. Ich habe Dich auch gelehrt,
eine vernünftige Enthaltsamkeit in allen Dingen zu lieben; denn die Welt
ist um des Menschen willen erschaffen, damit der Mensch sich derselben zu
seiner Notdurft bedienen möge. Ebenso kannst Du durch das Gegenteil dieser
drei Lehren einen unreinen Geist erkennen. Derselbe überredet Dich, nach
eigenem Lobe zu trachten und ob des gespendeten übermütig zu werden. Er
beredet Dich auch zur Treulosigkeit, desgleichen zur Unenthaltsamkeit in
allen Gliedern und in allen Dingen, und feuert hierzu Dein Herz an. Sogar
mit dem Scheine des Guten täuscht er zuweilen. Deshalb habe ich Dir
vorgeschrieben, immerfort Dein Gewissen zu erforschen und dasselbe weisen
Geistlichen zu eröffnen, und alsdann sollst Du nicht zweifeln, daß Gottes
guter Geist bei Dir sei, wenn Du nichts anderes begehrst, als Gott, und Du
von ihm .ganz entflammt bist. Solches kann ich allein bewirken, und dem
Teufel ist es unmöglich, Dir zu nahen. Ja, er kann auch keinem bösen
Menschen nahe kommen, wenn es
nicht entweder wegen seiner Sünden oder irgend eines geheimen, nur mir
bekannten Ratschlusses von mir zugelassen wird. Denn auch dieser ist mein
Geschöpf, wie alles übrige, und von mir gut gemacht worden, allein durch
eigene Bosheit ist er böse, und deshalb bin ich Herr über ihn. Es
beschuldigen mich einige fälschlich, welche sagen, daß diejenigen, welche
mir in übergroßer Andacht dienen, wahnsinnig seien und den Teufel haben.
Sie stellen mich einem Manne gleich, der ein keusches Weib besitzt, das zu
ihm ein rechtschaffenes Vertrauen hat, er aber führt sie einem Ehebrecher
in die Arme. Ein solcher würde ich sein, wenn ich zugäbe, daß ein
gerechter Mensch, welcher ein liebevolles Gemüt gegen mich hat, dem Teufel
übergeben werde; weil ich aber getreu bin, wird in keiner Seele, welche mir
in Frömmigkeit dient, der Teufel seine Herrschaft haben. Wenn aber auch
meine Freunde zuweilen wie von Sinnen erscheinen, so ist dies doch keine
Folge eines Leidens durch den Teufel, noch weil sie aus inbrünstiger
Andacht mir dienen, sondern die Folge eines Gehirnleidens oder einer anderen
verborgenen Ursache, welche ihnen zur Demütigung gereichen soll. Es kann
auch zuweilen geschehen, daß der Teufel über das Fleisch guter Menschen zu
deren Belohnung Gewalt von mir erhält, oder daß er ihre Gewissen
überschatte; allein über die Seelen derjenigen, welche Glauben an mich und
Liebe zu mir haben, kann er nimmer herrschen."
Worte der höchsten Liebe an die Braut Christi unter dem Bilde einer wunderbaren, edlen Burg, unter welcher die streitende Kirche verstanden wird, und wie durch die Bitten der glorreichen Jungfrau und der Heiligen die Kirche Gottes wieder aufgebaut werden soll.
Ich bin der Schöpfer aller Dinge. Ich bin der König der
Herrlichkeit und der Herr der Engel. Ich habe mir eine edle Burg aufgeführt
und meine Auserwählten hineingesetzt. Meine Feinde aber haben die
Grundmauern derselben durchgraben und eine solche Überhand über meine
Freunde gewonnen, daß aus den Füßen meiner Frenude, welche in den Stock
geklemmt sind, das Mark herausdringt. Ihr Mund wird mit Steinen geschlagen
und sie werden
mit Hunger und Durst gequält. Obenein verfolgt man ihren Herrn. Nun
begehren meine Freunde unter Seufzen Hilfe, die Gerechtigkeit schreit nach
Rache, die Barmherzigkeit aber empfiehlt Schonung. Da sprach Gott selber zu
den himmlischen Heerscharen, die um ihn her standen: "Was dünkt euch
von denen, welche in meine Burg eingedrungen sind?" Wie mit einer
Stimme antworten alle: "Herr, in Dir ist alle Gerechtigkeit und in Dir
sehen wir alles. Du bist ohne Anfang und ohne Ende der Sohn Gottes, Dir ist
gegeben alles Gericht, Du bist ihr Richter." Und er sprach: "Wenn
ihr auch alles in mir sehet und wisset, so sprechet doch wegen der Braut,
welche hier steht, ein gerechtes Urteil." Und sie sprachen: "Die
Gerechtigkeit erfordert, daß diejenigen, welche die Mauer durchgraben
haben, wie Diebe bestraft und, wenn sie in der Bosheit verharren, wie
Angreifer gezüchtiget werden, die Gefangenen aber müssen frei gemacht, und
die Hungrigen gesättigt werden." Nun sprach die Mutter Gottes, Maria,
welche bei der früheren Rede geschwiegen, also: "Mein Herr und
geliebtester Sohn, Du warst unter meinem Herzen wahrer Gott und Mensch; Du
hast mich, die ich ein irdisches Gefäß war, durch Deine Erwählung
geheiligt. Ich bitte Dich, erbarme Dich der Sünder noch einmal."
Hierauf antwortete Gott seiner Mutter: "Gesegnet das Wort Deines
Mundes. Dasselbe steigt gleichwie ein süßester Duft zur Gottheit empor. Du
bist die Ehre der Engel und aller Heiligen, Du bist Königin; von Dir ist
die Gottheit getröstet, und alle Heiligen sind durch Dich erfreuet worden.
Und weil Dein Wille vom Anbeginne Deiner Jugend der meinige war, so will ich
noch einmal thun, was Du willst." Zu den Heerscharen aber sprach er:
"Weil ihr mannhaft gestritten habt, will ich mich um euerer Liebe
willen noch einmal versöhnen lassen. Sehet, wegen euerer Bitten werde ich
meine Mauer wieder auferbauen; ich will diejenigen erretten und heilen, die
durch Gewalt unterdrückt sind, und werde sie hundertfach für die Schmach
ehren, welche sie erlitten haben. Den Gewaltthätigen selbst will ich, wenn
sie mich gebeten haben werden, Frieden und Barmherzigkeit gewähren; ich
werde es aber diejenigen, welche meine Gerechtigkeit verachtet haben werden,
fühlen lassen." Hierauf sprach er zur Braut: "Meine Braut, ich
habe Dich auserwählt und Dich eingeführt in meinen Geist. Du ver-
nimmst meine und meiner Heiligen Worte, welche, obwohl sie alles in mir
schauen, doch Deinetwegen geredet haben, damit Du das Verständnis erlangen
möchtest; denn Du kannst, weil Du noch im Fleische bist, nicht also in mir
schauen, wie diese, welche Geister sind. Nun will ich Dir auch zeigen, was
dieses Gesicht bedeutet. Die Burg, von der ich eben sprach, ist die heilige
Kirche selber, welche ich mit meinem und meiner Heiligen Blute erbaut und
mit dem Mörtel meiner Liebe fest verbunden habe. In dieselbe habe ich meine
Auserwählten und Freunde hineingesetzt. Die Grundlage derselben ist der
Glaube, nämlich der Glaube, daß ich ein gerechter und barmherziger Richter
sei. Diese Grundlage ist aber jetzt unterwühlt, weil zwar alle glauben und
sagen, daß ich barmherzig, niemand aber glaubt und sagt, daß ich ein
gerechter Richter sei. Sie halten mich fast für einen ungerechten Richter.
Ungerecht würde ja der Richter sein, welcher aus Mitleid die Ungerechten
straflos ließe, so daß die Ungerechten die Gerechten desto härter
unterdrücken könnten. Allein ich bin ebenso ein gerechter, wie ein
barmherziger Richter, so daß ich auch nicht die kleinste Sünde unbestraft,
nicht das geringste Gute unbelohnt lasse. Nachdem sie diese Mauer
untergraben, drangen sie in die heilige Kirche ein; sie sündigen ohne
Furcht, da sie meine Gerechtigkeit leugnen, und sie betrüben meine Freunde
so, als wenn sie im Stocke wären. Diese meine Freunde haben keinen Trost
und keine Freude, sondern alle Schmach und aller Schmerz wird auf sie
gelegt, als hätte der Teufel Gewalt über sie. Sagen sie die Wahrheit von
mir, so wird ihnen widersprochen und sie werden Lügen gestraft. Sie
dürsten heftig danach, das Rechte zu hören und zu reden; allein niemand
ist, der sie hört und das Rechte zu ihnen spricht. Sogar ich, der Herr und
Schöpfer, werde gelästert; denn sie sprechen: Wir wissen nicht, ob ein
Gott ist, und wenn einer ist, kümmern wir uns nicht darum. Meine Fahne
werfen sie auf den Boden und zertreten dieselbe., indem sie sprechen:
Weshalb hat er gelitten? Was nüzt es uns? Möge er uns nach unseren Willen
leben lassen, so haben wir schon genug, er mag sein Reich, seinen Himmel
für sich behalten. Will ich zu ihnen eingehen, so sagen sie: Eher wollen
wir sterben, als unseren Willen aufgeben. Siehe, meine Braut, welcher Art
sie sind. Ich habe sie gemacht und könnte sie mit Einem Worte vertilgen.
Wie
übermütig erheben sie sich wider mich! Nun aber bin ich um der Bitten
meiner Mutter und aller Heiligen willen noch so barmherzig und geduldig,
daß ich ihnen meine Worte, die aus meinem Munde hervorgegangen sind,
verkünden und meine Barmherzigkeit anbieten will. Wollen sie dieselben
annehmen, so will ich mich versöhnen lassen; wo nicht, so werden sie meine
Gerechtigkeit fühlen, also, daß sie wie Diebe öffentlich von den Engeln
und Menschen zu Schanden und von männiglich gerichtet werden. Gleichwie am
Galgen hangende Menschen von den Raben gefressen werden, so werden sie von
den Teufeln zerfleischt, aber nicht verzehrt werden; denjenigen gleich,
welche zur Strafe in den Holzblock gespannt, ruhelos sind, werden auch sie
überall Schmerz und Bitterkeit empfinden. Ein glühend brennender Fluß
wird in ihren Mund sich ergießen, aber der Bauch wird nicht gesättigt
werden, sondern die Strafen werden sich an ihnen von Tag zu Tag erneuern.
Meine Freunde aber werden gerettet und durch die Worte, welche aus meinem
Munde hervorgehen, getröstet werden. Sie werden meine Gerechtigkeit samt
meiner Barmherzigkeit sehen. Ich will sie bekleiden mit den Waffen meiner
Liebe und sie so stark machen, daß die Widersacher des Glaubens zerfallen
werden wie Kot. Ewig müssen sie sich schämen, wenn sie meine Gerechtigkeit
sehen werden, weil sie meine Geduld mißbraucht haben."
Christi Worte an die Braut, wie sein Geist nicht bei den Ungerechten sein kann. Von der Scheidung der Bösen von den Guten; von der Sendung der Guten; von den geistlichen Waffen der zum Kriege, d. h. wider die Welt Gerüsteten.
Meine Feinde sind wie überaus wilde Tiere, welche niemals
gesättigt werden, noch ruhen können. Ihr Herz ist von meiner Liebe so
leer, daß niemals ein Gedanke an mein Leiden hineinkömmt. Noch niemals bis
jetzt ist aus ihres Herzens Grunde das Wort hervorgegangen: "Herr, Du
hast uns erlöset, gelobt seist Du für Dein bitteres Leiden!" Wie kann
mein Geist bei denen sein, welche keine göttliche Liebe zu mir haben,
welche, um ihren Willen zu
vollbringen, mit Lust auch andere verderben? Ihr Herz ist voll niedrigsten
Gewürms, d. h. von Weltbegierden. Der Teufel hat seinen Mist in ihren Mund
gelegt; deshalb gefallen ihnen meine Worte nicht. Darum will ich sie von
meinen Freunden absägen und wie kein Tod herber ist, als durch die Säge,
so giebt es keine Leibesstrafe, deren sie nicht teilhaftig würden, sie
werden durch die Teufel mitten voneinander gesägt und von mir
durchschnitten werden; so verhaßt sind sie mir, daß auch alle, welche
ihnen anhangen, von mir werden getrennt werden. Nun sende ich aber meine
Freunde, damit sie meine Glieder von den Teufeln absondern, da sie
wahrhaftig meine Freunde sind. Ich sende sie wie Streiter in den Krieg; denn
jeglicher, welcher sein Fleisch kreuzigt, kränkt und sich des Unerlaubten
enthält, ist wahrhaft mein Streiter. Anstatt eines Speeres werden sie meine
Worte haben, die ich mit meinem Munde gesprochen habe und in der Hand das
Schwert, nämlich den Glauben. Auf ihrer Brust befindet sich der Panzer der
Liebe, so daß, was ihnen auch begegne, ihre Liebe zu mir nicht abnimmt. Den
Schild der Geduld sollen sie an der Seite haben. auf daß sie alles gelassen
ertragen; denn ich habe sie verschlossen wie Gold in einem Gefäße. So
sollen sie hervortreten und meinen Weg wandeln. Wenn ich selber nach
Anordnung der Gerechtigkeit in die Herrlichkeit der Majestät nicht ohne
Trübsal an meiner Menschheit eingehen konnte, wie sollten denn sie dort
eingehen? Wenn ihr Herr gelitten, so ist es kein Wunder, wenn sie selber
leiden. Hat ihr Herr Schläge erduldet, so ist es nichts Großes, wenn sie
Worte ertragen. Sie sollen sich aber nicht fürchten . denn ich verlasse sie
nimmer. Wie es dem Teufel unmöglich ist, Gottes Herz zu berühren und zu
spalten, so ist es dem Teufel auch unmöglich, sie von mir zu trennen. Und
weil sie vor meinem Angesichte wie das feinste Gold sind, so verlasse ich
sie nicht, wenn sie auch in einem mäßigen Feuer geprüft werden; solches
geschieht zu ihrer höheren Belohnung. ![]()
Worte der glorwürdigen Jungfrau an ihre Tochter über die Weise, sich zu kleiden, und welcher Art die Kleider und Zierraten sein sollen, mit denen die Tochter bekleidet und geschmückt ist.
Ich bin Maria, diejenige, welche den wahren Gott und den
wahren Menschen, Gottes Sohn, geboren hat. Ich bin die Königin der Engel.
Mein Sohn liebt Dich von ganzem Herzen; deshalb liebe auch Da ihn. Du mußt
geschmückt sein mit den ehrbarsten Kleidern und werde ich Dir jetzt zeigen,
welche und welcher Art diese Kleider sein sollen. Wie Du zuvor ein Hemd,
einen Rock, Schuhe, einen Mantel und ein Halsband vor der Brust gehabt hast,
so mußt Du dies alles nun geistlicherweise haben. Das Hemd ist die Reue;
denn wie das Hemd dem Fleische das nächste ist, so ist die Reue und die
Beicht das erste Mittel der Bekehrung zu Gott, durch welches das Gemüt, das
sich der Sünde freute, gereinigt und das widerstrebende Fleisch gezügelt
wird. Die beiden Schuhe sind die beiden Willensrichtungen, nämlich: der
Wille, das Begangene zu bessern, und der Wille, Gutes zu thun und sich des
Bösen zu enthalten. Dein Rock ist die Hoffnung auf Gott; denn gleichwie der
Rock zwei Ärmel hat, so müssen neben der Hoffnung Gerechtigkeit und
Barmherzigkeit stehen, also daß Du so auf die Barmherzigkeit Gottes hoffst,
daß Dir seine Gerechtigkeit nicht in Vergessenheit kommt. Gedenke also
seiner Gerechtigkeit und seines Gerichtes, daß Du auf die Barmherzigkeit
hoffen kannst; denn er übt keine Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit, noch
die Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit. Der Mantel ist der Glaube; denn wie
der Mantel alles bedeckt und alles von demselben umschlossen wird, so kann
der Mensch mit dem Glauben alles umfassen und umfangen. Dieser Mantel muß
besetzt sein mit den Zeichen der Liebe Deines Bräutigams, wie er Dich
erschaffen und wie er Dich erlöst hat, wie er Dich ernährt und seinen
Geist Dir eingegeben und Dir die geistlichen Augen geöffnet hat. Das
Halsband ist die Betrachtung seines Leidens. Dieses muß beständig auf
Deiner Brust befestigt sein: wie er gehöhnt, gegeißelt worden, und wie er
bluttriefend und
in allen Nerven zerrissen lebendig am Kreuze hing, wie im Tode im Ertragen
der größten Schmerzen sein ganzer Leib erzitterte und wie er in des Vaters
Hände seinen Geist befahl. Dieses Halsband habe allezeit vor Deiner Brust.
Auf Deinem Haupte sei eine Krone, das heißt Keuschheit in Deinen Neigungen,
so daß Du lieber Schläge leiden als Dich beflecken willst. Du mußt
sittsam und ehrbar sein, darum denke nichts, begehre nichts, als Deinen
Gott, Deinen Schöpfer; hast Du ihn, so hast Du alles. Also geschmückt
sollst Du Deinen Bräutigam erwarten.
Worte der Himmelskönigin an ihre geliebte Tochter zu ihrer Belehrung, wie sie den Sohn samt dessen Mutter lieben und preisen soll.
Ich bin die Königin des Himmels. Du bist in Sorge, wie Du
mich loben sollst; so wisse denn für gewiß, daß jegliches Lob meines
Sohnes auch mein Lob ist. Wer ihn schändet, schändet auch mich, denn ich
habe ihn so inbrünstig geliebt und er mich, daß wir beide gleichsam Ein
Herz waren. Und er hat mich, die ich ein Gefäß aus Erde war, so ehrenreich
gemacht, daß er mich über alle Engel erhöhte. Du sollst mich daher also
preisen: "Gelobt seist Du, Gott, Schöpfer aller Dinge, der Du nicht
verschmäht hast, in den Schoß der Jungfrau Maria herabzusteigen. Gepriesen
seist Du, Gott, der Du ohne Beschwerde in der Jungfrau Maria hast weilen
wollen und dieselbe würdig erachtet hast, von ihr Dein unbeflecktes Fleisch
ohne Sünde anzunehmen. Gepriesen seist Du, Gott, der Du in die Jungfrau zur
Freude ihrer Seele und aller ihrer Glieder eingegangen und mit Freude aller
ihrer Glieder ohne Sünde von ihr ausgegangen bist. Gepriesen seist Du,
Gott, der Du nach Deiner Himmelfahrt Deine Mutter, die Jungfrau Maria, durch
häufige Tröstungen erfreut und durch Dich selber sie tröstend heimgesucht
hast. Gepriesen seist Du, Gott, daß Du den Leib und die Seele der Jungfrau
Maria, Deiner Mutter, in den Himmel aufgenommen und über alle Engel
ehrenvoll sie neben Deine Gottheit gesetzt hast. Erbarme Dich meiner, um
ihrer Bitten willen!" ![]()
Worte der Himmelskönigin zu ihrer geliebten Tochter über die gar süße Liebe, welche der Sohn zu seiner Mutter, der Jungfrau, trug. Wie Christi Mutter aus einer höchst keuschen Ehe empfangen und noch im Mutterleibe geheiligt worden. Wie sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Von der Kraft ihres Namens. Vom guten und vom bösen Engel, welche den Menschen zugesellt sind.
Ich bin die Königin des Himmels. Liebe meinen Sohn, denn
er ist voll der Ehre, und wenn Du ihn haben wirst, bist auch Du aller Ehre
voll. Er ist auch im höchsten Grade wünschenswert, und wenn Du ihn haben
wirst, hast Du alles Wünschenswerte. Liebe ihn, denn er ist der
tugendreichste, und wirst Du ihn haben, so hast Du alle Tugenden. Ich will
Dir sagen, wie süß er meinen Leib, wie süß er meine Seele geliebt, und
wie sehr er auch meinen Namen geehrt hat. Mein Sohn hat mich eher geliebt,
als ich ihn, weil er mein Schöpfer ist. Er hat meinen Vater und meine
Mutter in einer so keuschen Ehe verbunden, daß damals eine keuschere Ehe
nicht gefunden werden konnte, denn sie wollten niemals zusammenkommen, als
um allein nach dem Gesetze eine Leibesfrucht hervorzubringen. Und da ihnen
von einem Engel gemeldet worden, daß sie eine Jungfrau erzeugen würden,
von der das Heil der Welt ausgehen solle, so hätten sie lieber sterben, als
in fleischlicher Liebe sich vereinigen mögen. Die Wollust war in ihnen
erstorben. Gleichwohl versichere ich Dir für gewiß, daß sie aus
göttlicher Liebe und auf das verkündende Wort des Engels einander
fleischlich sich näherten, jedoch aus keinerlei Verlangen nach
fleischlicher Lust, sondern gegen ihren Willen aus göttlicher Zuneigung,
und so ward aus ihrem Samen durch göttliche Liebe mein Fleisch gebildet.
Nachdem mein Leib gemacht worden, sendete Gott die von seiner Gottheit
erschaffene Seele in meinen Körper, und alsbald ward die Seele samt dem
Leibe geheiligt, die Engel bewachten dieselbe und behüteten sie Tag und
Nacht. Als dann die Seele geheiligt und dem Leibe zugesellt war, kam eine
solche Freude über meine Mutter, daß es zu sagen unmöglich ist. Am Ende
meines irdischen Lebens hat Gott zuerst meine Seele, gerade weil sie des
Leibes Herrin war,
herrlicher als alle anderen zur Gottheit emporgehoben und hernach auch
meinen Leib, so daß mein Leib Gott so nahe, wie kein Leib einer anderen
Kreatur. Sieh' also, wie sehr mein Sohn meine Seele und meinen Leib geliebt.
Und da giebt es solche, welche aus einem bösen Geiste leugnen, daß ich mit
Leib und Seele ausgenommen worden, einige freilich, weil sie's nicht besser
wissen. Aber es ist eine ganz gewisse Wahrheit, daß ich mit Leib und Seele
zur Gottheit aufgenommen bin. Nun höre, wie sehr auch mein Sohn meinen
Namen ehrte. Mein Name ist Maria, wie im Evangelium zu lesen ist. Wenn die
Engel diesen Namen hören, freuen sie sich im Innersten des Herzens und
danken Gott, der durch mich und an mir solche Gnade gewirkt, und weil sie
selbst die Menschheit meines Sohnes in der Gottheit verherrlicht sehen. Die
im Fegfeuer sind, freuen sich über die Maßen wie ein im Bette liegender
Kranker, wenn er von jemand ein Wort des Trostes vernimmt, das seinem Herzen
so angenehm ist, daß er darüber frohlockt. Auch die guten Engel nähern
sich, wenn sie diesen Namen gehört haben, sogleich mehr den Gerechten,
denen sie zum Schutze zugesellt sind und deren Fortschrittes sie sich
erfreuen. Allen Menschen sind nämlich gute Engel beigegeben zum Schutze und
böse zur Prüfung, nicht so, daß die Engel von Gott getrennt wären,
vielmehr sie dienen der Seele also, daß sie Gott nicht verlassen, sondern
beständig vor seinem Angesichte sind und gleichwohl die Seele entzünden
und anregen, Gutes zu thun. Die Teufel aber fürchten und scheuen diesen
Namen. Hören sie diesen Namen Maria, so lassen sie sogleich die Seele aus
den Krallen, womit sie dieselbe hielten, wie ein Vogel, der zum Raube mit
Schnabel und Krallen ausgestattet ist, alsbald, wenn er ein Geräusch
vernimmt, seine Beute fahren läßt; freilich wohl, wenn das Geräusch ohne
Folgen verstummt, kehrt er wieder zurück, - und so verlassen auch die
Teufel, wenn sie meinen Namen hören, augenblicklich wie erschrocken die
Seele, eilen aber alsbald auf dieselbe wieder zu und kehren zurück wie ein
schneller Pfeil, wenn keine Besserung darauf folgt. Wenn aber jemand, er
müßte denn schon zu den Verdammten gehören und in der Liebe Gottes ganz
erkaltet sein, meinen Namen in der Absicht anruft, daß er niemals mehr zu
seinen bösen Gewohnheiten zurückkehren wolle, so wird der Teufel alsbald
von ihm weichen, um nimmer wieder zu ihm zurückzukom-
men, falls er nicht wiederum den Willen, Todsünden zu begehen, erneuert.
Doch wird ihm zuweilen gestattet, den Menschen zu dessen reicherer Belohnung
zu quälen, nicht aber, ihn zu besitzen.
Worte der Jungfrau Maria an ihre Tochter zur nützlichen Lehre, wie sie leben solle, und worin sie viel Wunderbares zur Erklärung von Christi Leiden anführt.
Ich bin die Königin des Himmels, die Mutter Gottes. Ich
habe Dir gesagt, daß Du ein Halsband vor Deiner Brust tragen müßtest
(Kapitel VII). Jetzt aber will ich Dir vollständiger zeigen, wie ich vom
Anfange an, wo ich vom Dasein Gottes hörte und es verstand, immer wegen
meines Heiles und meiner Bewahrung darin in Furcht und Sorge gewesen bin.
Als ich aber noch vollkommener gehört hatte, wie Gott mein Schöpfer und
Richter über alle meine Handlungen sei, da habe ich ihn inniglich geliebt
und stündlich gefürchtet, auch darauf gesonnen, ihn weder durch ein Wort,
noch durch eine That zu beleidigen, und sobald ich vernommen, wie er dem
Volke das Gesetz und seine Gebote gegeben und an ihm so viele Wunder
verrichtet habe, da nahm ich mir in meinem Herzen fest vor, nichts zu lieben
außer ihm, und das Weltliche war mir sehr bitter. Als ich sodann noch
vernommen, daß der nämliche Gott die Welt erlösen und von einer Jungfrau
geboren werden würde, ward ich mit solcher Liebe gegen ihn erfüllt, daß
ich außer ihm an nichts dachte, nichts wollte. Ich entzog mich soviel als
möglich der Unterhaltung und Gegenwart der Eltern und Freunde, und alles,
was ich haben konnte, gab ich den Dürftigen, für mich behielt ich nichts,
als schmale Kost und ein Kleid. Nichts gefiel mir, außer Gott. Immer
wünschte ich in meinem Herzen, daß ich bis zur Zeit seiner Geburt möchte
leben können, ob ich vielleicht verdienen möchte, die unwürdige Magd der
Mutter Gottes zu werden. Ich gelobte auch in meinem Herzen, wenn es ihm
angenehm wäre, meine Jungfräulichkeit zu bewahren und nichts auf der Welt
zu besitzen. Wenn jedoch Gott anders wollte, möge sein Wille geschehen,
aber nicht der meine, weil ich glaubte, daß er alles
vermöge, auch nichts wolle, als was mir nüzlich sei; deshalb stellte ich
ihm meinen ganzen Willen anheim. Als aber die Zeit nahete, wo nach dem
Gesetze die Jungfrauen im Tempel des Herrn dargestellt wurden, fand auch ich
mich aus Gehorsam gegen meine Eltern unter denselben ein, indem ich bei mir
dachte, wie Gott nichts unmöglich ist, und weil ihm bekannt war, wie ich
nichts wünschte, nichts wollte, als ihn, so könne er mich, falls es ihm
wohlgefiele, in der Jungfräulichkeit erhalten, wo nicht, so möge sein
Wille geschehen. Nachdem ich alles vernommen, was im Tempel geboten worden,
kehrte ich nach Hause zurück und entbrannte in noch heißerer Liebe gegen
Gott denn zuvor, und ward täglich von neuen Flammen und Begierden der Liebe
entzündet. Deshalb zog ich mich noch mehr, als bisher, von allem zurück,
und war Tag und Nacht allein und fürchtete mich sehr, der Mund möge etwas
reden oder das Ohr etwas hören wider Gott, oder meine Augen etwas
Verführerisches sehen. Selbst bei meinem Schweigen war ich furchtsam und
voll Angst, ich möchte vielleicht etwas verschweigen, das ich lieber hätte
aussprechen sollen. Indem ich also allein mit mir selber im Herzen betrübt
war und all mein Hoffen Gott anheimstellte, kam mit einem Male der Gedanke
an die große Macht Gottes in meinen Sinn, auch wie ihm die Engel und alle
Geschöpfe dienen und wie seine Herrlichkeit unaussprechlich und
unermeßlich ist, und als ich hierüber in Bewunderung war, erblickte ich
drei wunderbare Dinge. Ich sah nämlich einen Stern, keinen solchen, wie sie
sonst vom Himmel herabglänzen, ferner ein Licht, allein kein solches, das
in der Welt leuchtet. Ich empfand einen Duft, jedoch nicht einen solchen,
wie er von Kräutern oder dergleichen ausgeht, sondern einen überaus
lieblichen, fast unaussprechlichen, von welchem ich durchaus erfüllt ward
und vor Freude darob frohlockte. Alsbald vernahm ich auch eine Stimme,
jedoch nicht aus menschlichem Munde. Als ich dieselbe gehört, fürchtete
ich mich sehr, da ich erwog, es möchte vielleicht eine Täuschung sein. Und
siehe, jetzt erschien vor mir der Engel Gottes wie ein überaus schöner
Mensch, allein nicht vom Fleische überkleidet. Derselbe sprach zu mir:
"Gegrüßet seist Du, voller Gnaden" u. s. w. Solches vernehmend,
wunderte ich mich, was dieses bedeuten sollte und weshalb er einen solchen
Gruß vorbrächte, denn ich wußte
und glaubte mich dessen, sowie irgend etwas anderen Guten, unwürdig, obwohl
ich glaubte, Gott sei nicht unmöglich zu thun, was er wolle. Darauf sprach
der Engel weiter: "Das Heilige, das aus Dir geboren werden. soll, wird
der Sohn Gottes genannt werden, denn wie es ihm gefallen wird, also wird es
geschehen." Gleichwohl hielt ich mich nicht für würdig, und ich
fragte den Engel nicht, weshalb und wann dieses geschehen solle, sondern
fragte, wie es geschehen könne, daß ich Unwürdige die Mutter Gottes
werden solle; da ich keinen Mann erkenne. Und der Engel antwortete mir, wie
ich mir selbst gesagt hatte: "Bei Gott ist kein Ding unmöglich,
sondern was er will, das geschieht u. s. w." Nachdem ich dieses Wort
des Engels vernommen, empfand ich das inbrünstigste Verlangen, die Mutter
Gottes zu sein, und meine Seele sprach vor Liebe: "Siehe, hier bin ich,
Dein Wille geschehe an mir." Und sowie ich dieses Wort gesprochen, da
ward sogleich mein Sohn in meinem Leibe unter unaussprechlichem Jubel meiner
Seele und aller meiner Glieder empfangen, und sobald ich die Frucht in
meinem Schoße empfand, trug ich sie ohne Schmerz, ohne Beschwerde, ohne
alle Belästigung des Leibes. Ich demütigte mich in allem, da ich wußte,
daß der, den ich trug, der Allmächtige war. Als ich ihn aber gebar, gebar
ich ihn ohne Schmerz und ohne Sünde, gleichwie ich ihn auch unter so
großem Jubel der Seele und des Leibes empfangen habe, daß meine Füße vor
Entzücken den Boden nicht fühlten, worauf sie standen. Und wie er in alle
meine Glieder zur Freude meiner ganzen Seele eingegangen, so ging er zur
Freude aller meiner Glieder und zum Jubel meiner Seele in unaussprechlichem
Frohlocken und ohne Versehrung meiner Jungfräulichkeit wieder hervor. Wie
träufte meine Seele, als sie seine Schönheit erblickte und betrachtete,
gleichsam einen Freudentau, in dem Bewußtsein, daß ich eines solchen
Sohnes nicht wert sei, aber auch, als ich die Nägelstellen an seinen
Händen und Füßen erblickte, welche, wie ich aus den Propheten vernommen,
die Kreuzigung zu erleiden haben sollten, wie füllten sich da meine Augen
mit Thränen und mein Herz ward wie zerrissen von Schmerz. und als mein Sohn
die Thränen in meinen Augen erblickte, ward er betrübt bis zum Tode. Wenn
ich aber dann die Macht seiner Gottheit mir vor Augen stellte, ward ich
wiederum getröstet, da ich wußte, daß
er's so wollte und es so gut wäre, und ich richtete meinen ganzen Willen
ein nach dem seinigen. So war meine Freude allezeit mit Schmerz gemischt.
Als die Zeit des Leidens meines Sohnes herangekommen war, fielen ihn . seine
Feinde räuberisch au, schlugen ihn auf die Wangen und an den Hals,
verspieen und verspotteten ihn und schleppten ihn sodann an die Säule der
Geißelung. Er selber zog sich seine Kleider aus und selber legte er sodann
seine Hände an die Säule, welche seine Feinde ohne Erbarmen banden. So
angebunden hatte er durchaus keine Bedeckung, sondern wie er geboren war,
stand er da und duldete die Schmach seiner Nacktheit. Seine Feinde aber
standen zusammen wider ihn auf und während seine Freunde ihn verlassen
hatten, waren sie überall zugegen und geißelten seinen von jedem Makel und
der Sünde reinen Leib. Beim ersten Schlage fiel ich, die ich nahe dabei
stand, wie tot nieder, und erblickte, nachdem ich meine Besinnung wieder
gewonnen, seinen Körper durch Schläge und Geißelhiebe bis auf das Gebein
zerfleischt, so daß die Rippen zum Vorschein kamen. Und was am bittersten
war, so ward sein Fleisch, wenn man die Geißel zurückzog, mit der Geißel
selber heruntergerissen. Und wie mein Sohn ganz blutig und zerrissen
dastand, daß an ihm nichts gesund und unzerschlagen war, ward einer im
Geiste bewegt und fragte: "Wollt ihr ihn gar so ohne Verurteilung
töten?" und dabei zerhieb er sogleich seine Bande. Hierauf that mein
Sohn seine Kleider wieder an und ich sah die Stelle, auf welcher meines
Sohnes Füße gestanden, ganz mit Blut erfüllt, und aus den Spuren erkannte
ich, wo mein Sohn gegangen; denn wo er hingetreten, erschien der Boden mit
Blut übergossen. Sie gestatteten ihm aber nicht, sich vollständig zu
bekleiden, sondern trieben und zerrten ihn, damit er seine Schritte
beschleunige. Während er aber wie ein Verbrecher geführt ward, trocknete
mein Sohn selber sich das Blut aus seinen Augen. Und als er verurteilt
worden, legten sie ihm das Kreuz auf, damit er dasselbe trage, und nachdem
er dasselbe eine kurze Weile getragen, kam ein Mann des Weges und half es
ihm tragen. Während nun mein Sohn hinging zur Stätte seines Leidens,
stießen einige ihn vor die Brust, andere schlugen ihm ins Gesicht, ja, er
ward so stark und hart geschlagen, daß ich, obwohl ich diejenigen, die ihn
schlugen, nicht sah, doch deutlich den Ton
der Schläge vernahm. Am Orte des Leidens mit ihm angekommen, sah ich dort
alle Wertzeuge zu seinem Tode in Bereitschaft, und nachdem er sich selber
seine Kleider ausgezogen hatte, sprachen die Soldaten zu einander:
"Diese Kleider gehören uns, denn er wird dieselben nicht wieder
erhalten, weil er zum Tode verurteilt worden." Als nun mein Sohn
dastand mit entblößtem Leibe, wie er geboren war, lief einer herbei und
brachte ihm ein Tuch, womit er voll innigster Freude seine Scham verhüllte.
Und nun rissen ihn seine grausamen Folterer hinweg und spannten ihn am
Kreuze aus; zuerst hefteten sie seine rechte Hand an den Stamm, welcher für
die Nägel vorgebohrt war, die Hand selber durchbohrten sie, wo der Knochen
am festesten war. Dann zerrten sie mittels eines Strickes die andere Hand
aus und befestigten dieselbe in ähnlicher Weise. Sodann kreuzigten sie den
rechten Fuß und über denselben hinweg den linken mit zwei Nägeln, so daß
alle Nerven und Blutadern auseinandergezogen und zerrissen wurden. Hierauf
setzten sie ihm eine Dornenkrone auf, welche das ehrwürdige Haupt meines
Sohnes so heftig zerstach, daß das herabfließende Blut seine Augen
erfüllte, seine Ohren verstopfte und vom niederrinnenden Blute der ganze
Bart benetzt ward. Als er so blutig und durchbohrt da- hing, hatte er
Mitleid mit meinem Schmerze, da ich dabeistand und seufzte; mit blutigen
Augen blickte er auf Johannes, meiner Schwester Sohn, herab und empfahl mich
demselben. Um diese Zeit hörte ich einige sagen: mein Sohn sei ein Räuber,
andere: er sei ein Lügner, andere: daß niemand des Todes würdiger wäre,
als eben mein Sohn; durch das Anhören solcher Rede ward mein Schmerz
erneuert. Als, wie gesagt worden, ihm der erste Nagel eingeschlagen ward,
fiel ich, beim ersten Schlage erschüttert, wie tot nieder; meine Augen
wurden dunkel, meine Hände zitterten, meine Füße wankten, und ich blickte
vor bitterer .Betrübnis nicht eher auf, als bis er völlig gekreuzigt war.
Als ich mich wieder erhob, sah ich meinen Sohn elendiglich hängen, und ich,
seine von tiefster Trauer erfüllte Mutter, konnte, durch und durch
erschüttert, vor Schmerz kaum stehen. Als aber mein Sohn mich und seine
Freunde trostlos weinen sah, rief er mit klagender Stimme laut auf zu seinem
Vater und sprach: "Mein Vater, warum hast Du mich verlassen?" als
ob er sagen wollte: "Niemand ist, der sich meiner
erbarme, als Du, mein Vater." Nun erschienen seine Augen wie halb tot,
seine Wangen eingesunken und sein Antlitz voll Trauer; sein Mund war
geöffnet, seine Zunge blutig; sein Unterleib war gegen den Rücken
zurückgesunken; nachdem alle Feuchtigkeit aufgezehrt war, schien er fast
keine Eingeweide mehr zu haben. Der ganze Körper war bleich und kraftlos
durch den häufigen Erguß und Verlust seines Blutes. Seine Hände und
Füße waren aufs grausamste auseinandergezerrt und nach der Form des
Kreuzes ans Kreuz gezogen und danach gerichtet, sein Bart und seine Haare
waren ganz mit Blut bespritzt. Und als er so zerfleischt und bleich da hing,
war nur das Herz noch frisch, weil es von bester und stärkster
Beschaffenheit war. Von meinem Fleische hatte er einen überaus reinen Leib
angenommen und war mit ausgezeichneter Leibesbeschaffenheit geboren. Seine
Haut war so zart und fein, daß er niemals, auch noch so leise, geschlagen
ward, ohne daß sogleich das Blut herausfloß. Auch sein Blut war so rot,
daß man es durch die weiße Haut hindurchschimmern sah. Seine überaus
vortreffliche Natur war auch Ursache, daß in seinem durchbohrten Leibe das
Leben mit dem Tode rang, denn bisweilen stieg der Schmerz aus den Gliedern
und den durchbohrten Nerven des Körpers nach dem Herzen hinaus, das noch
völlig frisch und unversehrt war, und verursachte ihm unsägliches Wehe;
dann wieder stieg der Schmerz vom Herzen hinab in die Glieder und
verlängerte so mit Bitterkeit den Tod. Und doch, als er von diesen
Schmerzen umgeben, auf seine weinenden Freunde hinabblickte, welche, statt
ihn so leiden zu sehen, selber unter seinem Beistande jene Pein an sich
hätten erdulden oder ewig in der Hölle brennen mögen, war das Leid, das
er über der Freunde Schmerz empfand, weit größer, als alle Bitterkeit und
Trübsal, die er am Leibe und im Herzen zu erleiden hatte, denn er liebte
sie zärtlich. Nun schrie er vor übergroßer Liebesangst in seiner
Menschheit zum Vater auf: "Vater, in Deine Hände befehle ich meinen
Geist!" und sobald ich, seine betrübteste Mutter, diesen Ruf vernahm,
erzitterten mir alle meine Glieder unter bitterem Schmerze meines Herzens,
ja, so oft ich später dieses Rufes gedachte, war er gleichsam in meinem
Ohre gegenwärtig und neu Als aber nun der Tod nahe war und das Herz vor der
Gewalt der Schmerzen brach, da erzitterten
alle seine Glieder; sein Haupt hob sich ein wenig empor und neigte sich
alsdann, sein Mund erschien offen und die Zunge ganz blutig, seine Hände
zogen sich von der Stelle, wo sie durchbohrt waren, ein wenig zurück, und
die größere Last des Leibes trugen nur die Füße, Finger und Arme
streckten sich gewissermaßen aus und der Rücken ward stark an den Stamm
gedrängt. Da sprachen etliche zu mir: "Maria, Dein Sohn ist
gestorben." Andere aber sprachen: "Er ist gestorben, wird aber
auferstehen," und während sie so sprachen, trat einer heran und rannte
ihm so heftig den Speer in die Seite, daß derselbe beinahe auf der anderen
Seite hinausdrang, und sobald er herausgezogen ward, erschien die Spitze
vom. Blute gerötet. Da meinte ich, mein eigenes Herz werde gleichsam
durchdohrt, nachdem ich das Herz meines geliebtesten Sohnes hatte
durchbohren sehen. Hernach ward er abgenommen vom Kreuze und ich nahm ihn,
den ganz Bleichen, auf meine Kniee, wie einen Aussätzigen. Seine Augen
waren erstorben und angefüllt mit Blut, der Mund war kalt wie Schnee, der
Bart zusammengedreht wie ein Seil, das Gesicht zusammengezogen, die Hände
waren so erstarrt, daß man sie nicht weiter, als bis auf den Nabel
herabziehen konnte, und wie er am Kreuze gehangen, so hatte ich ihn auf
meinen Knieen, wie einen an allen Gliedern zusammengezogenen Menschen.
Nachmals legte man ihn auf reine Linnen und ich trocknete ihm mit meinem
leinenen Tuche die Wunden aus und die Glieder ab. Dann schlossen sie ihm
Augen und Mund, welche nach dem Tode geöffnet waren, und legten ihn in das
Grab. Ach, wie gern hätte ich mich, wenn es sein Wille gewesen wäre,
lebendig mit meinem Sohne begraben lassen! Nachdem dies alles vollendet war,
kam der gute Johannes und führte mich nach Haus. Siehe, meine Tochter, das
hat mein Sohn für Dich gelitten. ![]()
Christi Worte an die Braut, wie er sich freiwillig seinen Feinden und Kreuzigern übergeben. Wie alle Glieder sich des unerlaubten enthalten sollen nach dem Beispiele seines süßesten Leidens.
Der Sohn Gottes sprach zur Braut also: "Ich bin der
Schöpfer Himmels und der Erde, und der Leib, welcher auf dem Altare
geopfert wird, ist mein wahrer Leib. Liebe mich von ganzem Herzen, denn ich
habe Dich geliebt. Auch meinen Feinden habe ich mich freiwillig übergehen
und meine Freunde und meine Mutter blieben im bittersten Schmerze und Klagen
zurück. Obwohl ich den Speer, die Nägel, die Geißel und andere Arten des
Leidens vor mir sah, schritt ich dennoch fröhlich meinen Leiden entgegen,
und obwohl mein Haupt überall von der Krone blutig war und das Blut
überall herabfloß, ja, wenn meine Feinde auch noch mein Herz getroffen
hätten, hätte ich dasselbe lieber zerschneiden und verwunden lassen, als
daß ich Deiner hätte entbehren mögen. Deshalb wärest Du über die Maßen
undankbar, wenn Du mich für solche Liebe nicht wieder lieben würdest. War
mein Haupt zerstochen und für Dich am Kreuze geneigt, so mußt auch Du Dein
Haupt zur Demut neigen; weil meine Augen blutig und mit Thränen angefüllt
waren, müssen Deine Augen sich ergötzlichen Anblickes enthalten; weil
meine Ohren angefüllt worden mit Blut und die Worte der Schmach vernommen
haben, deshalb müssen auch Deine Ohren sich abwenden von possenhaften und
abgeschmackten Reden; weil mein Mund mit dem bittersten Tranke getränkt und
guter Trank ihm vorenthalten wurde, deshalb soll Dein Mund sich dem
Schlechten verschließen und sich dem Guten öffnen; weil meine Hände
ausgestreckt worden mit Nägeln, deshalb müssen Deine Werke, die an meinen
Händen ein Vorbild haben, sich ausstrecken nach den Armen und meinen
Geboten. An Deinen Füßen, welche Deine Neigungen bedeuten, mittels deren
Du zu mir gehen sollst, müssen die Wollüste gekreuzigt werden, so daß,
gleichwie ich an allen Gliedern gelitten habe, so alle Deine Glieder bereit
sein müssen, mir Gehorsam zu leisten. Ich fordere von Dir einen größeren
Dienst, weil ich Dir eine größere Gnade erwiesen." ![]()
Wie der Engel für die Braut bittet, und wie Christus den Engel fragt, was er für die Braut begehrtund was derselben nützt.
Es gedäuchte die Braut, ihr guter Engel bitte Christum für sie. Ihm antwortete der Herr und sprach: "Wer für einen anderen bitten will, muß für dessen Heil bitten. Du bist wie ein Feuer, das nimmer ausgeht und unaufhörlich in meiner Liebe brennt. Du siehest und weißt alles, wenn Du mich siehest. Du willst nichts, als was ich will. Sag' also, was dieser meiner neuen Braut nützt." Und jener antwortete: "Herr, Du weißt alles." Ihm entgegnete der Herr: "Alles freilich, was geworden ist und werden wird, ist ewiglich in mir, und ich kenne und weiß alles im Himmel und auf Erden, und bei mir ist kein Wandel; allein, damit diese meine Braut meinen Willen kennen lerne, sage ihr jetzt, so daß sie es hört, was ihr frommt." Der Engel sprach: "Sie hat ein großes, hochstrebendes Herz, deshalb bedarf sie einer Rute, damit sie gezähmt werde." Hierauf sprach der Herr: "Was also begehrst Du für sie, mein Freund?" Und er: "Herr, ich bitte um Gerechtigkeit samt Deiner Rute." Und der Herr sprach: "Deinetwegen will ich ihr das thun, der ich niemals ohne Barmherzigkeit Gerechtigkeit übe. Deshalb muß mich diese Braut von ganzem Herzen lieben."
Wie ein Feind Gottes drei Teufel bei sich hat. Von dem Gerichte, das Christus über ihn hält.
Mein Feind hat drei Teufel bei sich. Der erste sizt in
seinen Zeugungsgliedern, der zweite im Herzen, der dritte im Munde. Der
erste ist wie ein Schiffer, welcher Wasser durch den Boden des Schiffes
eindringen läßt, welches allmählich anwächst und das ganze Schiff
anfüllt. Wenn das Wasser überfließt, muß das Schiff versinken. Das
Schiff ist der Leib eines Menschen, der durch die Anfechtungen der Teufel
und seiner Begierden wie durch Stürme umnhergetrieben wird. Durch den Boden
dringt die Wollust zuerst hinein, d. h. durch das Vergnügen, womit seine
Begierden ihn erfreuten, und weil er keinen Widerstand geleistet durch die
Buße, noch sich befestigt hat mit den Nägeln der Enthaltsamkeit, sondern
eingewilligt hat, so hat das Wasser der Lust täglich zugenommen. Zuletzt
ist der Bauch des Schiffes voll, das Wasser ist übergelaufen und hat auch
das Schiff mit Wollust überdeckt, so daß es nicht in den Hafen des Heils
gelangen kann. Der zweite Teufel, welcher im Herzen ist, gleicht einem Wurm,
der in einem Apfel sitzt und zuerst den Kern des Apfels verzehrt, sodann
seinen Auswurf daselbst hinterläßt und den ganzen Apfel durchstreift, bis
er völlig leer ist. Ebenso macht es der Teufel. Zuerst zernagt er den Kern,
in welchem alle Stärke des Herzens und alles Gute besteht, nämlich den
Willen des Menschen und das Verlangen nach dem Guten, und nachdem das Herz
an allem Guten leer geworden, bleiben an dessen Statt die Gedanken und
Neigungen der Welt darin zurück, die er lieber hatte, und nun treibt er
auch den Leib dazu, daß er thut, was ihm gefällt; hierdurch nehmen seine
Stärke und sein Verstand ab und es tritt Lebensüberdruß hinzu. Er ist
fürwahr ein Apfel ohne Kern, d. h. ein Mensch ohne Herz, denn er geht ohne
Herz in meine Kirche, weil er keine göttliche Liebe hat. Der dritte Teufel
ist einem Bogenschützen ähnlich, welcher zum Fenster hinausschaut und auf
diejenigen schießt, welche sich nicht vorsehen. Wie sollte der Teufel nicht
in ihm sitzen, der niemals redet, ohne den Teufel zu nennen? denn, was am
meisten geliebt wird, wird am häufigsten genannt. Seine bitteren Worte, mit
denen er andere verwundet, sind wie Pfeile, welche durch so viele Fenster
hinausgeschossen werden, als oft der Teufel genannt wird, als oft
Unschuldige durch seine Worte verwundet, als oft Einfältige durch seine
Worte geärgert werden. Deshalb schwöre ich, der ich die Wahrheit bin, bei
meiner Wahrheit, daß ich ihn wie eine Hure zum Schwefelfeuer, wie einen
Verräter und hinterlistigen Nachsteller zur Zerstückelung aller seiner
Glieder und als einen Verächter seines Herrn zur ewigen Schande verurteilen
werde. Allein, solange Seele und Leib beisammen sind, steht meine
Barmherzigkeit über ihm offen. Das aber fordere ich von ihm, daß er dem
Gottesdienste öfter beiwohne, dafür soll er
keine Schmach fürchten und keine Ehre begehren und kein übler Name darf
jemals in seinem Munde genannt werden.
Ein Prior des Cistercienserordens hatte einen Exkommunizierten begraben. Und als er die letzte Fürbitte für ihn abgelesen, ward die Frau Brigitta im Geiste entzückt und vernahm (das Wort): .Dieser hat gethan, was er gekonnt, daß er dieses Begräbnis vorgenommen hat. Jetzt sollst Du für gewiß erfahren, daß er nach diesem Toten zuerst wird begraben werden. Denn er hat gesündigt im Vater, welcher gesagt hat, man solle nicht ansehen die Person, noch ehren das Antlitz eines Reichen. Er aber hat wegen eines geringen, vergänglichen Dinges einen unwürdigen geehrt, und ihn, was ihm nicht erlaubt war, unter die Würdigen gelegt. Als er den Ungerechten bei den Gerechten begrub, hat er wider meinen Geist gesündigt, welcher die Gemeinschaft und der Verkehr der Gerechten ist. Er hat gesündigt wider mich, den Sohn, weil ich gesprochen: Wer mich verachtet, wird verachtet werden; er aber hat denjenigen geehrt und erhöht, dem meine Kirche und mein Stellvertreter Verachtung bezeigt hatten." Als der Prior diese Worte vernommen, hat er Buße gethan und ist am vierten Tage gestorben.
Christi Worte an die Braut über die Weise und Rücksicht, welche sie beim Gebete beobachten soll. Von dreierlei Art Menschen, welche Gott in der Welt dienen.
Ich bin Dein Gott, welcher ans Kreuz geschlagen worden,
wahrer Gott und wahrer Mensch in Einer Person, und bin täglich in des
Priesters Händen. Wenn Du irgend ein Gebet an mich richtest, so beschließe
dasselbe allemal so, daß Du allezeit wollest, mein und nicht Dein Wille
möge geschehen. Würdest Du mich für die Verdammten bitten, so würde ich
Dich nicht hören. Bisweilen begehrst Du auch, daß etwas wider Dein Heil
geschehe; deshalb ist erforderlich, daß Du Deinen Willen dem meinigen
unterordnest, weil ich alles weiß und nur für das sorge, was Dir nützlich
ist. Viele bitten nicht mit der rechten Absicht und verdienen deshalb nicht,
gehört zu werden. Denn es giebt dreierlei Arten von Menschen, welche mir in
der Welt dienen. Die erste sind diejenigen, welche glauben, daß ich Gott,
der Spender aller Dinge
und über alles mächtig sei. Diese dienen mir in der Absicht, daß sie etwa
Zeitliches und Ehre erlangen mögen; das Himmlische aber achten sie für
nichts und lassen es mit Freuden fahren, um das Gegenwärtige behalten zu
können, in ihrem Willen vereinigen sie mit allen Dingen nur zeitliches
Glück, und weil sie so das Ewige verlieren, so lohne ich ihnen mit
zeitlichem Vorteile alles, was sie mir Gutes gethan, bis auf den letzten
Heller und bis auf den letzten Punkt. Die zweite Art sind diejenigen, welche
glauben, daß ich ein gerechter Gott und ein strenger Richter bin, und diese
dienen mir aus Furcht vor Strafe, nicht aber aus Liebe zur himmlischen
Herrlichkeit, denn, wenn sie nicht fürchteten, würden sie mir nicht
dienen. Die dritte Art sind die, welche glauben, daß ich der Schöpfer
aller Dinge und der wahre Gott bin, und welche glauben, daß ich gerecht und
barmherzig bin. Diese dienen mir nicht aus Furcht einiger Strafe, sondern
aus göttlicher Liebe und Zuneigung. Sie würden auch gewiß, wenn sie es
vermöchten, lieber alle Strafe auf sich nehmen, als mich auch nur einmal
erzürnen. Diese sind wahrhaft wert, in ihrem Gebete erhört zu werden, denn
ihr Wille richtet sich nach dem meinigen. Die erste Art wird niemals aus der
Strafe hinauskommen, noch mein Angesicht schauen. Die zweite Art wird eine
so harte Strafe nicht erleiden, aber doch mein Angesicht nicht schauen, wenn
sie jene Furcht nicht mittels der Buße überwunden haben wird.
Christi Worte an die Braut, welche Christo die Eigenschaften eines großen Königs zueignen. Von zwei Schatzkammern, welche die Liebe Gottes und die Liebe der Welt bedeuten. Wie man in diesem Leben Fortschritte machen soll.
Ich bin wie ein großer und mächtiger König. Einem
Könige gebühren vier Dinge. Zum ersten muß er reich, zum zweiten milde,
zum dritten weise und zum vierten liebreich sein. Ich bin wahrhaftig der
König der Engel und aller Menschen. Ich besitze auch jene vier
Eigenschaften, die ich erwähnte. Zuerst bin ich sehr reich, denn ich gebe
allen das Notdürftige, und habe, nachdem ich gegeben, nicht weniger. Sodann
bin ich höchst milde, weil ich bereit bin,
allen Bittenden zu geben. Zum dritten bin ich deshalb höchst weise, weil
ich weiß, was einem jeden nötig ist und nützt. Viertens bin ich
liebevoll, weil ich bereitwilliger bin, zu geben, als jemand bitten kann.
Ich habe gleichsam zwei Schatzkammern. In der ersten befinden sich schwere,
gewichtige Dinge wie Blei, und die Kammer, worin dieselben befindlich sind,
ist mit stechenden, spitzigen Stacheln umgeben, Wer aber nur erst anfängt,
jene Sachen umzuwenden, aufzuheben und sodann zu tragen, dem erscheinen sie
nachher so leicht wie eine Feder. So wird ganz leicht, was vorher schwer zu
sein schien, und lieblich, wovon man vorher meinte, es steche. In der
zweiten Schatzkammer scheinen glänzendes Gold und kostbare Edelsteine und
duftende, süße Becher zu sein; in der Wahrheit aber ist jenes Gold nur Kot
und die Becher enthalten Gift. Zu diesen Schatzkammern führen jetzt zwei
Wege, früher war nur einer. Auf der Wegscheide, d. h. am Anfange beider
Wege, stand ein Mann und rief drei Menschen nach, welche auf einem anderen
Wege gingen, und sprach: "Hört, hört meine. Worte, und wenn ihr nicht
hören wollt, so sehet wenigstens mit eueren Augen, weil, was ich rede, die
Wahrheit ist. Wenn ihr aber weder sehen, noch hören wollt, so greift
wenigstens mit den Händen, und ihr werdet erfahren, wie in meinen Worten
keine Falschheit ist." Da sprach der erste von diesen Männern:
"Wir wollen hören und sehen, ob seine Worte wahr sind." Der
zweite sprach: "Alles, was er sagt, ist falsch." Der dritte sagte:
"Ich weiß, daß das, was er sagt, wahr ist, allein ich kümmere mich
nicht darum." Was anderes bedeuten diese Schatzkammern, als die Liebe
zu mir und der Welt? Darin führen zwei Wege: die Verachtung und vollkommene
Verleugnung des eigenen Willens, welche zu meiner Liebe führen, und die
Fleischeslust, welche zur Liebe der Welt führt. In meiner Liebe finden
etliche eine schwere Last, wie Blei; denn, weil sie fasten und ihr Fleisch
versehren oder zügeln sollen, so kommt es ihnen vor, als ob sie Blei
trügen; wenn sie Schand- und Schimpfworte hören, wenn sie im Gottesdienste
und Gebete aufgehalten werden, dann sitzen sie wie auf Stacheln und werden
stündlich geängstigt. Wer aber in meiner Liebe sein will, muß zuerst die
Last umwenden, d. h. er muß anfangen, Gutes zu wollen und ernstlich danach
Verlangen zu haben; dann muß er sie ein wenig und allmählich aufheben, d.
h. er muß
thun, was er kann, und dabei also denken: Das kann ich wohl thun, wenn Gott
mir Hilfe gewährt. Verharrt er nun bei seinem Vorhaben, so beginnt er mit
solcher Behändigkeit das, was ihm vorher schwer zu sein schien, zu tragen,
daß ihm alle Beschwerde beim Fasten oder Wachen oder allen anderen
Beschwernissen so leicht wird wie eine Feder. Auf einem solchen Sitze ruhen
meine Freunde; während er den Bösen und Trägen vorkommt wie mit Stacheln
und Dornen umgeben, ist er meinen Freunden die höchste Ruhe und leicht wie
eine Rose. Zu dieser Schatzkammer ist der gerade Weg die Verachtung des
eigenen Willens, wenn der Mensch in der Betrachtung meines Leidens und
meiner Liebe nicht mehr sorgt, seinen Willen zu thun, sondern ihm mit allen
Kräften widersteht und nach immer Höherem strebt. und obwohl dieser Weg
anfangs ein wenig beschwerlich ist, so gewährt er doch beim Fortgange
großes Vergnügen, und zwar dermaßen, daß dasjenige, was anfangs
unerträglich schien, nachher sehr leicht wird und man mit Recht bei sich
selber spricht: "Gottes Joch ist süß." (Matth. XI, 30.) - Die
zweite Schatzkammer ist die Welt. In derselben befinden sich Gold, kostbare
Steine und Becher, welche anscheinend süß duften, wenn man sie aber
kostet, bitter wie Gift sind. Einem jeglichen, welcher Geld besitzt,
begegnet es, daß, wenn sein Körper abnimmt, seine Glieder schwach werden,
sein Mark schwindet und sein Leib durch den Tod auf die Erde gestreckt wird,
ihn das Gold und die Edelsteine im Stiche lassen und keinen größeren Wert
für ihn haben, als Kot. Auch die Becher der Welt, d. h. die Lüste,
scheinen lieblich zu sein, allein wenn sie in den Leib kommen, schwächen
sie das Haupt, beschweren das Herz und verderben alle Glieder, und nachmals
verdorrt der Mensch wie Heu, in der Todespein wird alles Liebliche bitter
wie Gift. Zu dieser Schatzkammer führt der Eigenwille, wenn der Mensch
nicht bemüht ist, seinen bösen Neigungen zu widerstehen, und nicht an das
denkt, was ich geboten und gethan habe, sondern Erlaubtes wie Unerlaubtes
thut, wie es ihm in den Sinn kommt. Auf diesem Wege wandeln dreierlei
Männer. Unter denselben verstehe ich alle Verworfenen, welche die Welt
lieben und in allem ihrem eigenen Willen folgen. Diesen habe ich, der ich
auf der Kreuzung des Weges oder am Anfange der Wege stand, nachgerufen; denn
ich bin im menschlichen Fleische gekommen und
habe den Menschen gleichsam zwei Wege gezeigt, nämlich, was sie verfolgen
und was sie fliehen sollten, und welcher Weg zum Leben und welcher zum Tode
führe. Denn vor meiner Ankunft im Fleische war nur Ein Weg, auf welchem
alle Bösen und Guten zur Hölle wanderten. Ich aber bin derjenige, welcher
rief, und zwar also rief: "O ihr Menschen! vernehmet meine Worte; sie
führen auf den Weg des Lebens, weil sie wahr sind. Mit euerem eigenen Sinne
könnt ihr begreifen, daß, was ich rede, die Wahrheit ist. Wenn ihr es aber
nicht hört oder nicht hören könnt, so seht wenigstens, nämlich mit dem
Glauben und dem Verstande, daß meine Worte wahr sind; denn wie man mit den
Augen des Fleisches das Sichtbare erblicken kann, so kann mit den Augen des
Glaubens das Unsichtbare geschaut und geglaubt werden. Es sind viele
Einfältige in der Kirche, die wenig Gutes thun, aber durch den Glauben
errettet werden, vermöge dessen sie mich als Schöpfer aller Dinge und als
Erlöser anerkennen; denn es ist niemand, der nicht Gott erkennen und
glauben könnte, wenn er betrachtet, wie die Erde Frucht bringt und wie der
Himmel Regen giebt, wie die Bäume grünen und wie die Tiere ein jedes in
seiner Art bestehen, wie die Gestirne dem Menschen dienstbar sind und wie
dem Willen des Menschen Widersprechendes geschieht. Aus dem allen kann der
Mensch sehen, daß er sterblich, Gott aber derjenige ist, welcher das alles
ordnet; denn wenn Gott nicht wäre, so gäbe es in allen jenen Dingen nur
Unordnung. Also ist alles von Gott und alles um der Erbauung des Menschen
willen vernünftig angeordnet, auch nicht das geringste in der Welt ist und
besteht ohne solche vernünftige Anordnung. Wenn daher der Mensch wegen
seiner Schwäche meine Kraft, wie sie ist, nicht begreifen oder verstehen
kann, so kann er sie doch mittels des Glaubens schauen und glauben. Wollet
ihr Menschen aber nicht mit dem Verstande meine Macht betrachten, so könnt
ihr doch mit eueren Händen die Werke greifen, welche ich und meine Heiligen
verrichtet haben. Dieselben sind so offenbar, daß niemand zweifeln kann,
daß sie Werke Gottes sind. Wer anders, als Gott, hat die Toten erweckt und
die Blinden sehend gemacht? Wer sonst, als Gott, hat die Teufel
ausgetrieben? Was habe ich aber anderes gelehrt, als was nützlich zum Heile
des Leibes und der Seele und leicht zu tragen ist? Da giebt es nun
mit dem ersten Manne solche, welche sagen: "Lasset uns hören und
prüfen, ob es wahr sei." Diese harren eine Zeit lang aus in meinem
Dienste, nicht aus Liebe, sondern um einen Versuch zu machen und um andere
nachzuahmen; sie thun es auch nicht, weil sie ihren eigenen Willen
aufgegeben haben, sondern indem sie sowohl ihren als meinen Willen thun.
Diese befinden sich in einem gefährlichen Zustande, weil sie zwei Herren
dienen wollen, obwohl sie keinem recht dienen können. Wenn sie aber gerufen
sein werden, werden sie von dem Herrn, den sie am meisten liebten, belohnt
werden. Der andere Mensch spricht: "Alles, was er sagt, ist erlogen und
falsch, auch die Schrift." Wie! bin ich nicht Gott und der Schöpfer
aller Dinge und ohne mich ist nichts gemacht worden? Ich habe das neue und
das alte Gesetz gemacht. und es ist ausgegangen von meinem Munde und keine
Falschheit darin, weil ich die Wahrheit bin. Diejenigen also, welche mich
einen Lügner nennen und die heilige Schrift für Lüge erklären, werden
nimmer mein Antlitz schauen; denn ihr Gewissen sagt ihnen, daß ich Gott
bin, weil alles nach meinem Willen und meiner Anordnung geschieht. Der
Himmel erleuchtet sie, da sie sich selber nicht erleuchten können; die Erde
bringt die Frucht hervor, die Luft macht die Erde fruchtbar, alle lebenden
Wesen haben ihre Ordnung, die Teufel bekennen mich, die Gerechten leiden
Unglaubliches um meinetwillen, - das alles sehen sie und doch sehen sie mich
nicht. Sie könnten mich auch in meiner Gerechtigkeit sehen, wenn sie in
Betracht nähmen, wie die Erde die Gottlosen verschlungen und das Feuer die
Ungerechten verzehrt hat. Ebenso können sie mich in meiner Barmherzigkeit
sehen, wenn den Gerechten Wasser aus dem Felsen floß und das Wasser des
Meeres vor ihnen zurückwich, als das Feuer sie nicht verletzte, als der
Himmel wie eine Erde sie ernährte. Und ebendeshalb, weil sie das sehen und
dennoch sagen, ich lüge, werden sie nimmer mein Antlitz schauen. Der dritte
Mann spricht: "Wir wissen wohl, daß er wahrer Gott ist, kümmern uns
aber nicht darum." Diese werden in Ewigkeit gepeinigt werden, denn sie
verachten mich, ihren Gott und Herrn. Ist es nicht eine große Verachtung,
daß sie meine Güter gebrauchen und es dennoch verschmähen, mir zu dienen?
Hätten sie alles durch eigenen Fleiß und nicht durchaus von mir, so wäre
ihre Verachtung für geringfügig zu erachten. Die-
jenigen aber, welche meine Last umzuwenden beginnen, das ist: freiwillig und
mit heißem Verlangen sich bemühen, das wenige zu thun, was sie vermögen,
denen werde ich Gnade schenken. Die aber meine Last aufheben, das ist: aus
Liebe zu mir von Tag zu Tag zunehmen, mit denen arbeite ich und werde ihre
Stärke sein und sie entzünden, daß sie noch weiter wollen. Diejenigen
aber, welche auf meinem Sitze, welcher anscheinend sticht, aber sehr sanft
ist, sitzen, die sind in Arbeit und Geduld bei Tag und bei Nacht und werden
nicht lässig, sondern entflammen desto mehr, und was sie thun, erscheint
ihnen gering. Diese sind meine teuersten Freunde; es sind ihrer aber gar
wenig, denn viel mehr sind, die sich an den Bechern der zweiten Schatzkammer
ergötzen.
Wie es der Braut schien, einer unter den Heiligen rede zu Gott von einem Weibe, das durch einen Teufel schrecklich geplagt und nachmals durch die Fürbitte der glorreichen Jungfrau davon befreit wurde.
Es deuchte der Braut, daß einer unter den Heiligen zu
Gott redete und sprach: "Warum wird die Seele dieses Weibes, das Du mit
Deinem Blute erkauft, also vom Teufel geplagt?" Der Teufel antwortete
sogleich und sprach: "Weil sie von Rechts wegen mir gehört."
Hierauf sprach der Herr: "Mit welchem Rechte ist sie dein?" Ihm
antwortete der Teufel: "Es sind der Wege zwei, einer führt zum Himmel,
der andere zur Hölle. Als dieses Weib die beiden Wege erblickte, täuschten
sie Gewissen und Vernunft mit dem Rate, meinen Weg zu erwählen. Und da sie
den freien Willen hatte, jenen Weg zu wählen, den sie am liebsten möchte,
glaubte sie ihren Vorteil zu erwählen, wenn sie ihren Willen der Sünde
zuwendete, und von da ab begann sie auf meinem Wege zu wandeln. Hernach
betrog ich sie mit drei Lastern: mit Gefräßigkeit, mit Geiz und mit
Wollust. Darum sitze ich jetzt in ihrem Bauche und in ihrem Mutterschoße
und halte sie mit fünf Händen. Mit einer Hand halte ich ihr die Augen,
damit sie nichts Geistliches erblicke. Mit meiner zweiten Hand halte ich
ihre Hände, damit sie keine guten Werke verrichte. Mit der dritten Hand
halte ich ihre Füße,
damit sie nicht dem Guten nachgehe, mit der vierten halte ich ihren
Verstand, daß sie sich nicht schäme, zu sündigen, mit der fünften halte
ich ihr Herz, daß sie nicht mittels der Reue umkehre." Darauf sprach
die selige Jungfrau Maria zu ihrem Sohne: "Nötige ihn, daß er die
Wahrheit in demjenigen sage, um das ich ihn .fragen will." Und der Sohn
sprach: "Du bist meine Mutter, die Königin des Himmels, die Mutter der
Barmherzigkeit. Du bist der Trost derer, welche sich im Fegfeuer befinden,
die Freude derer, welche durch die Welt pilgern, Du bist die Gebieterin der
Engel, Du, nächst Gott, das Herrlichste. Auch über den Teufel bist Du eine
Fürstin. Gebiete also, Mutter, jenem Teufel, was Du willst, und er wird Dir
antworten." Hierauf legte die selige Jungfrau dem Teufel die Frage vor:
"Sage an, o Teufel, welchen Willen hatte dieses Weib, bevor es die
Kirche betrat?" Der Teufel sagte: "Sie hatte den Willen, sich der
Sünde zu enthalten." Und die Jungfrau Maria sprach zu ihm: "Wenn
der Wille, den sie früher hatte, zur Hölle führte, so sprich, wohin
führt der Wille, von der Sünde abzulassen, den sie jetzt hat?" Da
antwortete der Teufel mit Widerwillen: "Der Wille, sich von der Sünde
zu enthalten, führt sie zum Himmel." Darauf sprach die Jungfrau Maria:
"Weil die Gerechtigkeit gestattet hat, daß du sie wegen des früheren
Willens vom Wege der heiligen Kirche hinwegführtest, so erfordert jetzt die
Gerechtigkeit, daß sie durch ihren gegenwärtigen Willen zur Kirche
zurückgeführt wird. Ich begehre aber noch weiteres von dir, o Teufel:
Sprich, welchen Willen hat sie jetzt in diesem Augenblicke in ihrem
Gewissen?" Der Teufel antwortete: "Sie empfindet Zerknirschung in
ihrem Herzen wegen ihrer begangenen Sünden und schwere Trauer, und hat den
Vorsatz, nimmer wieder dergleichen zu begehen, sondern sie will sich
bessern, so gut sie kann." Darauf fragte die Jungfrau den Teufel
weiter: "Sage mir, können die drei Sünden: Üppigkeit, Völlerei und
Wollust, mit jenen drei Tugenden: Reue, Trauer und Vorsatz, in einem Herzen
zusammen bestehen?" Der Teufel erwiderte: "Nein." Und die
selige Jungfrau sprach hierauf: "Sage mir dann, welche von jenen Dingen
mußten aus ihrem Herzen fliehen und weichen, ob etwa jene drei Tugenden,
oder etwa die drei Laster, weil du sagst, sie könnten zusammen an einem
Orte nicht weilen." Der Teufel aber ![]()
sprach: "Die Laster!" "So ist ihr dann", entgegnete hierauf die Jungfrau, "der Weg zur Hölle verschlossen und der Weg zum Himmel eröffnet. Aber ich frage dich weiter: "Sage mir, wenn ein Räuber vor der Thüre der Braut liegt und will dieselbe schänden, was wird alsdann der Bräutigam thun?" Der Teufel antwortete: "Wenn der Bräutigam gut und hochherzig ist, muß er sie verteidigen und sein Leben für das ihrige daransetzen." "Du hast recht"' sprach die Jungfrau, "der ärgste Räuber bist aber du, die Seele aber ist die Braut meines Sohnes. des Bräutigams, welcher sie mit seinem eigenen Blute erkauft hat. Diese hast du geschändet und gewaltsam geraubt. Darum, weil mein Sohn der Bräutigam der Seele und Herr über dich ist, deshalb gebührt dir, vor ihm die Flucht zu ergreifen."
Dieses Weib war eine Buhlerin, welche in die Welt zurückkehren wollte, weil der Teufel sie Tag und Nacht dermaßen quälte, daß er ihr sichtlich die Augen zudrückte und sie vor vielen Zuschauern aus dem Bette herauszerrte. Da sprach in Gegenwart vieler glaubwürdigen Augenzeugen die gedachte heilige Brigitta öffentlich: "Hebe Dich hinweg, Teufel, denn du hast diese Kreatur Gottes genugsam beunruhigt." Nachdem dies Wort gesprochen worden, schlug das Weib eine halbe Stunde lang die Augen zum Boden nieder und sprach alsdann, indem sie sich erhob! "Ich habe fürwahr den Teufel in garstigster Gestalt zum Fenster hinausfahren sehen. und ich vernahm eine Stimme, die zu mir sprach: Weib, Du bist wahrlich erlöst." und von dieser Stunde an war das Weib frei von aller Ungeduld, hatte nicht weiter von schmutzigen Gedanken zu leiden und nahm ein gutes Ende.
Worte Christi zur Braut, wie ein Sünder drei Dingen ähnlich ist, nämlich: einem Adler, einem Vogelsteller und einem Fechter.
Ich, der ich mit Dir rede, bin Jesus Christus, und im
Leibe der Jungfrau wahrer Mensch und Gott gewesen, und habe nicht minder mit
dem Vater alles regiert, obwohl ich bei der Jungfrau war. Jener, mein
ärgster Feind, ist drei Dingen ähnlich, erstlich einem m der Luft
fliegenden Adler, unter welchem andere Vögel fliegen; zweitens gleicht er
einem Vogelsteller, welcher
auf einer Lockpfeife spielt, die mit zähem Vogelleim bestrichen worden; von
ihrem süßen Klange ergötzt, fliegen die Vögel gegen das Rohr und werden
vom Vogelleim festgehalten. Drittens gleicht er einem Fechter, der in jedem
Kampfe der erste ist. Einem Adler ist er deshalb zu vergleichen, weil er in
seinem Übermute, wofern es möglich wäre, niemand über sich dulden will
und mit den Krallen seiner Bosheit alle zerreißt, die er erreichen kann;
deshalb will ich ihm die Flügel der Macht und des Übermutes abstutzen.
Seine Bosheit will ich von der Erde hinwegnehmen; ihn selber aber will ich
dem immer glühenden Kessel übergeben, worin er, wofern er sich nicht
bessert, unaufhörlich gepeinigt werden soll. Einem Vogelsteller ist er zu
vergleichen, weil er durch die Süße seiner Rede und Versprechungen alle an
sich zieht; aber alle, die zu ihm kommen, werden dergestalt an das Verderben
geheftet, daß sie demselben nimmer entrinnen können. Darum werden ihm die
Höllenvögel die Augen auspicken, damit er nimmer meine Herrlichkeit
schaue, sondern der Hölle ewige Finsternis; sie werden ihm die Ohren
abschneiden, damit er meines Mundes Worte nicht höre, von der Fußsohle bis
zum Scheitel des Hauptes werden sie ihn statt der Süßigkeit mit Bitterkeit
erfüllen, daß er so viele Strafe leide, als er Menschen ins Verderben
geführt hat. Auch einem Fechter ist er vergleichbar, der in aller Bosheit
der erste sein, niemand weichen will und den Vorsatz hegt, alle zu
unterdrücken. Darum wird er auch der erste sein in aller Pein. Seine Pein
wird immerdar erneuert werden. und das Weh nicht aufhören. Solange .aber
Leib und Seele beisammen sind, ist ihm meine Barmherzigkeit bereit.
Dieser Feind Christi war ein gar mächtiger Kriegsmann,
welcher die Geistlichen sehr haßte und schmähliche Reden gegen sie
führte. Ihn betrifft die vorige und nachfolgende Offenbarung. Der Sohn
Gottes spricht: "O Krieger der Welt, frage die Weisen, was dem
hoffärtigen Haman begegnete, welcher mein Volk verachtete. Waren sein Tod
und seine Schande nicht schmählich? Ebenso spottet dieser meiner und meiner
Freunde. Wie nun Israel den Tod Hamans nicht beklagt hat, werden auch meine
Freunde nicht weinen über seinen Tod, sondern er wird, wenn er sich nicht
gebessert, des bittersten Todes sterben." Also ist es auch geschehen. ![]()
Christi Worte zur Braut, wie im Hause Gottes Demut sein soll, wie unter diesem Hause die Religion verstanden wird, und wie auch Gebäude und Almosen von dem Wohlerworbenen gemacht werden sollen, sowie von der Weise der Wiedererstattung.
In meinem Hause muß alle Demut sein, welche jetzt
durchaus verachtet ist. Darin muß eine starke Mauer zwischen Männern und
Weibern sein, denn, obwohl ich alle schützen und ohne Mauer halten könnte,
so will ich dennoch wegen der Verschlagenheit und List des Teufels, daß
eine Mauer beide Wohnungen scheide. Sie muß stark, doch nicht von zu
großer, sondern mäßiger Höhe sein. Die Fenster sollen ganz einfach, aber
hell, auch die Dachung soll nur mäßig hoch sein, so daß an demselben
nichts erscheine, als was nach Demut schmeckt. Denn diejenigen, welche mir
jetzt Häuser bauen, gleichen jenen Baumeistern, welche, wenn der Herr des
Baues hineintritt, denselben bei den Haaren ergreifen, ihn unter ihre Füße
treten, ihren hohen Bau mit Kot aufführen, das Gold aber unter die Füße
werfen. Also thun mir jene. Ihr ganzer Bau ist Kot, d. h. sie erheben die
zeitlichen, hinfälligen Dinge bis in den Himmel, um die Seelen aber, welche
noch weit köstlicher sind, als Gold, kümmern sie sich durchaus nicht. Wenn
ich zu denselben hineingehen will durch meine Prediger, oder durch gute
Gedanken, ergreifen sie mich bei den Haaren und treten mich unter die
Füße, d. h. sie lästern mich und halten meine Werke und meine Worte für
verächtlich wie den Kot, sich selber aber halten sie für viel weiser. Wenn
sie bauen und zu meiner Ehre bauen wollten, würden sie zunächst die Seelen
erbauen. Wer aber mein Haus baut, soll mit höchstem Fleiße dafür sorgen,
daß zu dem Bau nicht ein Pfennig verwendet werde, der nicht gut und gerecht
erworben ist. Denn es giebt viele, welche, wenn sie übel erworbene Güter
haben, gleichwohl darüber nicht traurig sind, noch auch den Willen haben,
dem Betrogenen und Beraubten Erstattung und Genugthuung zu leisten, obwohl
sie, wenn sie wollten, beides könnten. Weil sie aber bedenken, wie sie jene
Güter nicht ewig besitzen können, gaben
sie von dem unrechtmäßigen Erwerbe einen Teil den Kirchen, als ob sie
durch diese Schenkung mich versöhnen könnten; andere wohlerworbene Güter
dagegen hinterlassen sie ihren Nachkommen. Das gefällt mir fürwahr nicht.
Denn wer mit seinen Gaben mein Wohlgefallen bezweckt, muß zuerst den Willen
haben, sich zu bessern, sodann die guten Werke verrichten, welche er thun
kann; er muß auch die bösen, welche er verübte, beklagen und beweinen und
wiedererstatten, wenn er kann; kann er es nicht, so muß er doch den Willen
haben, das wiederzugeben, was er betrüglich gewann, und dann muß er sich
hüten, daß er ferner dergleichen nicht mehr verübe. Wenn aber niemand
mehr vorhanden sein sollte, dem er das unrechte Gut zurückerstatten
könnte, dann erst könnte er es mir geben, der ich allen das ihrige
erstatten kann; denn wenn er nicht imstande ist, zu erstatten, dann bin ich,
wenn er sich mit dem Vorsatze der Besserung und mit zerknirschtem Herzen vor
mir demütigt, reich genug, wiederzugeben, und kann allen, die betrogen
worden, ihre Anteile entweder in dieser, oder in der künftigen Welt
wiedererstatten. Nun will ich Dir erklären, was das Haus bedeutet, dessen
Erbauung ich verlange. Das Haus ist die Religion, deren Grundlage ich selber
bin, der ich alles erschaffen und durch den alles gemacht worden und
besteht. In diesem Hause sind vier Wände. Die erste ist meine
Gerechtigkeit, mittels deren ich diejenigen richten werde, welche diesem
Hause feindlich sind. Die zweite Wand ist meine Weisheit, durch welche ich
die Bewohner mit meiner Erkenntnis und Einsicht erleuchten werde. Die dritte
ist meine Macht, durch welche ich sie wider die Ränke des Teufels stärken
werde. Die vierte Wand ist meine Barmherzigkeit, welche alle aufnimmt, die
darum bitten. In dieser Wand ist die Pforte der Gnade, durch welche alle
eingelassen werden, die es begehren. Des Hauses Dach ist die Liebe, mit
welcher ich die Sünden derjenigen bedecke, welche mich lieben, damit sie um
der Sünden willen nicht gerichtet werden. Das Dachfenster, durch welches
die Sonne hineinscheint, ist die Betrachtung meiner Gnade, durch welche die
Wärme meiner Gottheit zu den Einwohnern eingeht. Daß aber die Mauer fest
und stark sein muß, bedeutet, daß niemand imstande ist, meine Worte zu
entkräften oder zu vernichten, daß sie mittelmäßig hoch sein müsse,
bedeutet, daß meine Weisheit zwar teilweise
erkannt und begriffen werden kann, niemals aber vollkommen. Die einfachen
und hellen Fenster bedeuten, daß, obwohl meine Worte einfach sind, durch
dieselben gleichwohl das Licht der göttlichen Erkenntnis in die Welt
einzieht. Das mäßig hohe Dach bedeutet, daß meine Worte den Einfältigen
nicht in unbegreiflicher, sondern in faßlicher Weise geoffenbart werden.
Worte des Schöpfers zur Braut über die Herrlichkeit seiner Macht, Weisheit und Tugend, und wie diejenigen, welche jetzt weise heißen, am meisten wider ihn sündigen.
Ich bin der Schöpfer Himmels und der Erde und meine
Herrlichkeit ist dreifach: Ich bin der Mächtigste, der Weiseste und
Tugendreichste. Ich bin so mächtig, daß mich die Engel im Himmel verehren;
die Teufel in der Hölle wagen nicht, mich anzublicken. Alle Elemente sind
meines Winkes gewärtig. Ich bin ferner so weise, daß niemand meine
Weisheit zu erforschen imstande ist, so allwissend, daß ich alles weiß,
was war, ist und werden wird. Ich bin auch von so hoher Vernunft, daß auch
nicht das geringste, und möchte es ein Wurm oder ein anderes
mißgestaltetes Tier sein, ohne Ursache durch mich erschaffen worden ist.
Ich bin auch so tugendreich, daß von mir wie aus einem guten Quell alles
Gute hervorquillt, und wie aus einem guten Weinstocke alle Süßigkeit
ausgeht. Ohne mich kann niemand mächtig, weise, tugendhaft sein, und
deshalb sündigen die Mächtigen der Welt, denen ich Stärke und Macht
gegeben, auf daß sie mich ehren möchten, so sehr wider mich, weil sie sich
selber die Ehre zuschreiben, als ob sie dieselbe aus sich selbst hätten.
Die Elenden betrachten gar ihre Schwäche nicht, denn, wenn ich ihnen die
geringste Krankheit sendete, würden sie alsbald erliegen und ihnen alle
Dinge verächtlich werden. Wie würden sie aber vor meiner Stärke und den
ewigen Strafen bestehen? Noch mehr aber sündigen wider mich diejenigen,
welche sich Weise nennen lassen. Ich habe ihnen Sinn und Verstand und
Weisheit gegeben, auf daß sie mich lieben möchten, sie aber verstehen
nichts, als was ihren zeitlichen Vorteil betrifft. Die Augen
haben sie im Nacken, ihre Blicke haben sie nur für das Vergnügen, blind
aber sind sie, wenn sie mir danken sollen, der ich ihnen alles gegeben habe,
weil niemand unter ihnen, sie seien gut oder böse, etwas ohne mich
empfinden und verstehen könnte, obwohl ich den Bösen gestatte, ihren
Willen auf das zu richten, was sie wollen. Niemand kann tugendhaft sein ohne
mich. Deshalb kann ich jetzt das Sprichwort aussprechen, das gemeiniglich im
Munde des Volkes ist: Wer geduldig ist, den verachten alle. - So werde auch
ich wegen meiner Geduld von den Menschen für thöricht gehalten und deshalb
von allen verachtet. Aber weh ihnen, wenn ich ihnen nach einer solchen
Geduld mein Gericht zeigen werde! Denn sie werden vor mir sein wie Kot,
welcher in die Tiefe sinkt und nicht eher Boden findet, bis er in der
Höllen Tiefe angelangt ist.
Liebliche Unterredung zwischen der Jungfrau Maria und ihrem Sohne und beider mit der Braut. Wie die Braut sich auf die Hochzeit rüsten soll.
Ich hatte ein Gesicht, als spräche die Mutter Gottes zu
ihrem Sohne also: "Du bist der König der Herrlichkeit, mein Sohn. Du
bist der Herr über alle Herren. Du hast den Himmel, die Erde und alles, was
darin ist, erschaffen. Darum geschehe all Dein Verlangen und alles, was Dein
Wille ist." Der Sohn antwortete: "Es ist ein altes Sprichwort,
daß einer, was er in der Jugend gelernt hat, im Alter nicht vergißt, Also
hast Du, meine Mutter, von Jugend auf gelernt, meinen Willen zu befolgen und
Deinen Willen meinetwegen gänzlich aufzugeben. Deshalb hast Du ganz recht
gesagt: Dein Wille möge geschehen. Du bist wie ein Stück köstlichen
Goldes, welches gezogen und auf einem harten Amboß geschlagen wird, weil Du
mit allerlei Trübsal geschlagen worden und bei meinem Leiden vor den
übrigen gelitten hast; denn, als vor der Heftigkeit des Schmerzes am Kreuze
mein Herz brach, ward Dein Herz wie von einem überaus scharfen Eisen
verwundet, und Du hättest, wofern es mein Wille gewesen wäre, gern
geduldet, daß es durchschnitten worden wäre. Hättest Du aber auch meinem
Leiden entgegentreten und mein Leben wünschen können, so würdest
Du es doch nur gewünscht haben, falls es mein Wille wäre. Deshalb hast Du
mit Recht gesagt: Dein Wille möge geschehen." - Hierauf sprach Maria
zur Braut: "Braut meines Sohnes, liebe meinen Sohn, denn er liebt Dich;
ehre seine Heiligen, die vor ihm stehen. Sie sind wie zahllose Sterne, deren
Licht und Glanz mit keinem irdischen Lichte verglichen werden kann. Denn,
wie das Licht der Welt von der Finsternis verschieden ist, so unterscheidet
sich noch weil mehr das Licht der Heiligen vom Lichte dieser Welt. Wahrlich,
ich sage Dir, würden die Heiligen in der Klarheit erscheinen, wie sie sind,
so würde kein menschliches Auge solches ertragen können, sondern des
leiblichen Lichtes beraubt werden." Hierauf sprach der Sohn der
Jungfrau zu seiner Braut und sagte: "Meine Braut, vier Stücke mußt Du
beobachten. Zuerst mußt Du bereit sein zur Hochzeit meiner Gottheit, bei
welcher keine fleischliche Lust, sondern süßes geistiges Vergnügen sich
einstellt, wie es Gott mit einer keuschen Seele zu haben geziemt, so daß
Dich weder die Liebe zu Deinen Kindern, noch zu Deinen Eltern oder Gütern
von meiner Liebe zurückhalten kann. Es möge Dir nicht ergehen wie den
thörichten Jungfrauen, welche nicht bereit waren, als der Herr sie zur
Hochzeit rufen wollte, und deshalb ausgeschlossen wurden. Zweitens mußt Du
meinen Worten Glauben schenken, denn ich bin die Wahrheit; aus meinem Munde
ging nie etwas anderes hervor, als die Wahrheit, und niemand kann in meinen
Worten etwas anderes finden, als die Wahrheit. Zuweilen verstehe ich, was
ich rede, geistlicherweise, zuweilen nach dem Buchstabenlaute, und dann muß
meine Rede wörtlich verstanden werden; deshalb kann mich niemand einer
Lüge zeihen. Zum dritten mußt Du gehorsam sein, so daß kein Glied, womit
Du gesündigt, .an Dir zu finden ist, daß Du es nicht zu gebührender Buße
und Besserung bereit halten willst. Denn, obgleich ich barmherzig bin,
entbehre ich doch der Gerechtigkeit nicht; deshalb sei in Demut und
Fröhlichkeit gegen die gehorsam, denen Du es schuldig bist, so daß Du
selbst dasjenige, was Dir nützlich und vernünftig erscheint, niemals wider
den Gehorsam thust; denn es ist besser, daß Du um des Gehorsams willen
Deinen Willen aufgiebst, wie gut derselbe auch sei, und den Willen dessen
befolgst, der Dir befiehlt, wenn er nicht wider das Heil der Seele oder
sonst unvernünftig ist. Viertens
mußt Du demütig sein, weil Du mir durch eine geistliche Ehe verbunden
bist, und demütig und ehrbar sollst Du warten auf Deines Bräutigams
Ankunft. Deine Magd, d. h. Dein Leib, soll züchtig und eingezogen sein und
enthaltsam und streng gehalten werden, denn Du wirst befruchtet werden durch
einen geistlichen Samen, welcher vielen nützen wird. Wie ein Setzreis, wenn
es einem trockenen Stamme eingepfropft wird, den Stamm grünen macht, also
mußt Du durch meine Gnade blühen und Frucht bringen; diese wird Dich so
berauschen, daß an dem Weine der Süßigkeit, den ich Dir reichen will,
alle himmlischen Heerscharen sich erfreuen werden. Mißtraue meiner Güte
nicht, denn ich versichere Dir, daß, wie Zacharias und Elisabeth sich
innerlich aus Anlaß der Verheißung eines künftigen Sprosses einer
unaussprechlichen Freude hingaben, also auch Du Dich über die Gnade freuen
wirst. welche ich Dir erweisen will, und auch andere werden sich durch Dich
freuen. Mit jenen beiden, mit Zacharias und Elisabeth, redete ein Engel, ich
aber, Gott und Schöpfer der Engel und Dein Gott, rede mit Dir. Jene beiden
haben mir meinen liebsten Freund Johannes geboren; ich aber will mir durch
Dich viele Kinder erzeugen, und zwar keine fleischlichen, sondern
geistliche. Wahrlich, ich sage Dir, Johannes glich einem Rohre voll Süße
und Honig, weil in seinen Mund niemals etwas unreines einging, er auch
niemals über das gebührende Maß die Notdurft des Lebens zu sich nahm und
weil niemals ein Samenfluß aus seinem Leibe gegangen ist, darf er wohl ein
Engel, eine Jungfrau genannt werden."
Worte des Bräutigams zur Braut unter dem Bilde eines Zauberers, worin auf wunderbare Weise der Teufel zu verstehen ist.
Der Bräutigam Christus redete zu seiner Braut in dem
Bilde eines Gleichnisses von einem Frosche, indem er sprach: "Ein
Zauberer hatte ein Stück sehr guten, glänzenden Goldes; zu ihm kam ein
einfältiger, gutmütiger Mensch und wollte dieses Gold kaufen. Der Zauberer
sprach zu ihm: Du wirst dieses Gold nicht erhalten, wofern Du mir nicht
besseres und in größerer Menge dafür giebst.
Darauf entgegnete jener: Ich verlange so sehr Dein Gold zu besitzen, daß
ich, um es nicht zu entbehren, geben werde, was Du willst. Nachdem er dem
Zauberer besseres und mehr Gold gegeben, empfing er von demselben das
glänzende Gold und legte dasselbe in den Schrein mit dem Vorhaben, sich
daraus einen Fingerring machen zu lassen. Nach Verlauf einer kurzen Zeit kam
der Zauberer zu dem einfältigen Manne und sprach: Das Gold, das Du gekauft
und in den Schrank gelegt, ist kein Gold, wie Du vermeinst, sondern ein
elender Frosch, welcher an meiner Brust ernährt und mit meiner Speise
erhalten ist und damit Du prüfen kannst, ob dieses die Wahrheit ist, so
öffne Deinen Schrein, und Du wirst sehen, wie der Frosch an meine Brust, an
welcher er seine Nahrung empfängt, springen wird. Nachdem nun jener Mann
den Schrein, der mit seinem Deckel an vier lockeren Angeln hing, geöffnet
hatte, bemerkte er einen Frosch, der kaum des Zauberers ansichtig, ihm an
die. Brust sprang, Als solches die Diener und Freunde des Einfältigen
sahen, sagten sie zu ihm: Herr, in diesem Frosche liegt herrliches Gold, und
wenn Du wolltest, könntest Du es erhalten. Jener fragte: Wie sollte mir das
möglich sein? Sie sprachen: Wenn jemand einen ganz glühend gemachten und
ganz scharfen Spieß nehmen und denselben dem Frosche in den Rücken stechen
wollte, und zwar dort, wo am Rücken eine Vertiefung sich befindet, so
würde er das Gold gar schnell bekommen. Wäre aber eine solche Vertiefung
nicht vorhanden, so müsse er den Spieß mit großer Heftigkeit und ganzem
Nachdrucke in den Frosch stoßen, und so könne er erlangen, was er gekauft.
- Wer anders ist jener Zauberer, als der Teufel, welcher den Menschen die
Freuden und Ehren der Welt empfiehlt, welche nur Eitelkeiten und nichts als
Frosch sind? Nach seinen Verheißungen ist das Falsche wahr und das Wahre
läßt er als Falsches erscheinen. Er besaß jenes kostbare Gold, d. h. die
Seele, welche ich kostbarer als alle Sterne und Planeten durch meiner
Gottheit Kraft erschaffen habe, da ich sie unsterblich, dauernd und mir weit
über alle übrigen Dinge angenehm gemacht und ihr bei mir eine ewige Ruhe
und Wohnung bereitet habe. Ich habe sie aus der Gewalt des Teufels mit
besserem Golde und um einen höheren Preis gekauft, da ich für sie mein von
aller Sünde reines Fleisch dahingegeben und ein so
bitteres Leiden erduldet habe, daß kein einziges meiner Glieder ohne Wunden
war. Nachdem die Seele erlöst worden, habe ich dieselbe in den Leib, wie in
einen Schrein, gethan, bis ich sie zu der Würde meiner Gottheit erheben
würde. Aber die also erlöste Seele des Menschen ist gar schändlich und
verworfen geworden wie ein Frosch, der im Übermute aufspringt und aus
Wollust im Kote weilt. Er hat mir auch das Gold, d. h. all mein Recht,
hinweggenommen. Deshalb kann der Teufel recht gut zu mir sagen: "Das
Gold, das Du erkauft hast, ist kein Gold, sondern ein am Herzen meiner Lust
genährter Frosch; trenne nur den Leib von der Seele, und Du wirst sehen,
wie dieselbe alsbald an das Herz meiner Lust springen wird, wo sie ernährt
worden." Ich antworte ihm: "Weil der Frosch abscheulich anzusehen,
abscheulich anzuhören und giftig anzufühlen ist und mir nichts bietet, was
gut und angenehm ist, sondern (nur) Dir, an dessen Herz er ernährt worden,
deshalb mag er Dein bleiben, weil er von Rechts wegen Dein ist. Ist daher
die Thüre aufgethan, d. h. die Seele vom Leibe getrennt, so wird sie
alsbald Dir zufliegen, um ewig bei Dir zu bleiben. Also ist die Seele
dessen, von dem ich mit Dir rede. Sie gleicht einem höchst garstigen
Frosche, der mit jeder Unreinlichkeit und Wollust angefüllt und am Herzen
des Teufels genährt ist. Seinen Schrein, d. h. seinen Leib, der an den
hinfälligen Angeln hängt, werde ich öffnen, wenn der Tod nahe ist. Denn
der Leib besteht durch vier Dinge: die Stärke, Schönheit, Weisheit und das
Gesicht, welche ihm nun alle abzunehmen anfangen. Sobald seine Seele vom
Leibe getrennt sein wird, fliegt sie sogleich dem Teufel zu, durch dessen
Milch sie genährt worden; denn sie hat meiner Liebe vergessen, mittels
deren ich die schwere Strafe, welche sie verdient hatte, auf mich genommen.
Sie vergilt mir meine Liebe nicht mit der ihrigen, sondern nimmt mir noch
obenein mein Recht hinweg, da sie doch mir, der ich sie erlöste, dienen
sollte, und keinem anderen. Sie findet aber ihre größere Freude an dem
Teufel. Die Stimme ihres Gebetes ist für mich wie die Stimme des Frosches,
ihr Angesicht ist vor meinem Blicke abscheulich. Ihr Ohr wird nimmer meine
Freude vernehmen und ihr vergiftetes Gefühl nimmer meine Gottheit
empfinden. Weil ich aber barmherzig bin, würde doch die Seele, wie unrein
sie auch ist, meine Gnade finden, ![]()
wenn noch einige Reue und guter Wille in ihr zu sehen wäre und sie den ganz scharfen und glühenden Spieß der Furcht vor meinem strengen Gerichte in ihr Herz stoßen wollte. Und wäre in ihr selbst noch keine Reue und keine Liebe, es träfe sie aber von einem Anderen scharfer Tadel und ein strenger Vorwurf, so wäre noch Hoffnung vorhanden, weil, solange die Seele mit dem Leibe lebt, meine Barmherzigkeit allen geöffnet ist. Betrachte also, wie ich aus Liebe gestorben bin, mir aber niemand mit Liebe vergilt, sondern man nimmt mir noch mein gebührendes Recht hinweg; denn gerecht wäre es, daß die Menschen um so besser lebten, mit je größerer Mühe sie erlöst sind, sie aber wollen um so übler leben, je bitterer mir ihre Erlösung geworden; sie wollen um so zuversichtlicher sündigen, je stärker ich ihnen die Abscheulichkeit ihrer Sünde gezeigt habe. Darum siehe und erwäge, wie ich nicht ohne Ursache zürne, da sie meine Gnade in Zorn verkehren; denn ich habe sie losgekauft von der Sünde und sie verstricken sich immer tiefer darin. Darum gieb Du, meine Braut, mir, was Du schuldig bist, d. h. bewahre mir Deine Seele rein, weil ich gerade deshalb für Dich gestorben bin, daß Du mir dieselbe rein bewahren solltest.
Eine Frage der süßesten Mutter an die Braut. und demütige Antwort der Braut an die Mutter. Eine dienliche Entgegnung der Mutter an die Braut. Vom Fortschritte der Guten unter den Bösen.
Die Mutter redete zur Braut des Sohnes und sprach:
"Du bist meines Sohnes Braut. Sage an, was hast Du im Herzen und was
begehrst Du?" Hierauf antwortete die Braut: "Du weißt es wohl,
meine Gebieterin, denn Dir ist alles bekannt." Die selige Jungfrau
sprach hierauf: "Obwohl ich alles weiß, will ich es doch aus Deinem
Munde, so daß die Umstehenden es hören, vernehmen." Und die Braut
sprach: "O Gebieterin, eine zweifache Trauer ist in meinem Herzen.
Zuerst wegen meiner Sünden, welche ich nicht beweine, noch bessere, wie ich
möchte. Sodann bin ich darüber traurig, daß der Feinde Deines Sohnes so
viele sind." Hierauf entgegnete die Jungfrau Maria: "Wider das
erste gebe ich Dir
drei Mittel an. Zuerst bedenke, wie alle Dinge, welche Leben haben, wie die
Frösche und andere lebende Wesen, zuweilen Ungemach leiden, gleichwohl lebt
ihre Seele nicht ewig, sondern stirbt mit dem Leibe. Deine und jegliches
Menschen Seele aber lebt ewig. Zweitens bedenke die Barmherzigkeit Gottes,
vor welcher kein Mensch so sehr Sünder ist, daß, wofern er sie mit dem
Vorsatze der Besserung und mit Zerknirschung anruft, ihm nicht seine Sünden
erlassen würden. Zum dritten bedenke, wie groß die Herrlichkeit einer
Seele ist, welche bei Gott ist und mit Gott ewiglich lebt. Auch wider das
zweite, daß der Feinde Gottes so viele sind, gebe ich Dir drei Mittel an.
Zuerst betrachte, wie Dein Gott und Dein und ihr Schöpfer der Richter über
sie ist; nimmermehr aber werden sie ihn richten, wenn er auch langmütig
eine Zeit lang ihre Bosheit duldet; sodann betrachte, wie sie Kinder der
Verdammnis sind, und wie schwer und unleidlich es ihnen werden wird, immer
zu brennen. Sie sind die bösesten Knechte, welche der Erdschaft verlustig
gehen werden; die Erbschaft aber wird den Kindern zufallen. Du möchtest
vielleicht sagen: Soll man ihnen dann nicht predigen? Ja. freilich! Bedenke,
wie unter den Bösen oft Gute sind. Auch die angenommenen Kinder lassen
zuweilen vom Guten ab, wie jener verschwenderische Sohn, welcher in ein
fremdes, entlegenes Land ging und übel lebte. Durch die Predigt aber werden
sie zuweilen zur Reue getrieben, kehren zum Vater zurück und werden um so
willkommener sein, je größere Sünder sie vorher waren. Deshalb muß ihnen
am meisten gepredigt werden; denn, wenn auch der Prediger sieht, daß fast
alle schlecht sind, soll er doch bei sich selber denken: Vielleicht sind
unter ihnen einige künftige Söhne meines Herrn; ich will ihnen deshalb
predigen; ein solcher Prediger wird den besten Lohn erhalten. Zum dritten
gedenke, daß den Bösen zur Bewährung der Guten zu leben gestattet wird,
damit letztere, durch böses Beispiel erschüttert, mit der Frucht der
Geduld belohnt werden, wie Du auch durch ein Beispiel Dich wirst belehren
können. Eine Rose nämlich duftet lieblich, ist schön anzusehen, sanft
anzufühlen und wächst gleichwohl zwischen Dornen, welche schmerzhaft
anzugreifen und von Ansehen häßlich sind, auch des guten Geruches
entbehren. Also auch die guten und gerechten Menschen. Obwohl sie sanft sind
durch Geduld, schön an Sitten, lieblich durch
gutes Beispiel, so können sie doch keine Fortschritte machen, noch anders
bewährt werden, als unter Bösen. Zuweilen dienen auch die Dornen der Rose
zum Schutze, daß sie nicht, ehe sie reif geworden, gebrochen wird; so geben
die Bösen den Guten einen Anlaß, nicht in Sünden auszuschreiten;
bisweilen werden sie auch durch deren Bosheit abgehalten, sich unmäßiger
Freude zu überlassen oder durch eine andere Sünde in Trägheit zu fallen.
Niemals wird auch der Wein anders, als auf den Hefen, in seiner Güte recht
erhalten, und die Guten und Gerechten können in den Tugenden nicht bestehen
und fortschreiten, wenn sie nicht durch Trübsale und die Verfolgung der
Ungerechten bewährt werden. Ertrage deshalb gern die Feinde meines Sohnes
und bedenke, daß er selber ihr Richter ist, und daß er selbst, wofern es
die Gerechtigkeit erforderte, daß alle vernichtet würden, sie recht wohl
in einem Augenblicke vertilgen könnte. Also dulde Du sie so lange, als er
sie duldet."
Christi Worte an die Braut über einen erdichteten Menschen, welcher Gottes Feind genannt wird, namentlich aber von einem Heuchler und seinen Eigenschaften.
Da ist einer, weicher den Leuten als ein wohlgezierter,
starker, schöner Mann erscheint, tapfer im Kampfe seines Herrn. Wird ihm
aber der Helm vom Haupte hinweggenommen, so ist er abscheulich anzusehen und
untüchtig zu allem Thun. Man sieht sein offenes Gehirn, die Ohren hat er
vor der Stirn, die Augen am Hinterhaupte. Die Nase ist ihm abgeschnitten,
seine Wangen sind ganz zusammengeschrumpft wie bei einem toten Menschen. Die
rechte Backenseite samt dem Schlunde und der halben Lippe ist ihm
abgefallen, so daß nichts weiter zu sehen ist, als die bloßgelegte Gurgel.
Seine Brust starrt von Würmern, seine Arme sind wie zwei Schlangen, sein
Herz füllt ein bösartiger Skorpion aus, sein Rücken gleicht einer
verbrannten Kohle, seine Eingweide stinken und sind verdorben wie mit Eiter
angefülltes Fleisch, seine Füße sind tot und zum Gehen unbrauchbar. Was
nun dies bedeutet,
will ich Dir sagen. Jener Mensch scheint den Leuten äußerlich mit guten
Sitten und Weisheit geschmückt, auch tapfer zu sein für meine Ehre. Allein
dem ist keineswegs also. Denn, wenn der Helm von seinem Haupte abgenommen
wird, d. h. wenn er in seiner wahren Gestalt den Menschen sich zeigte, so
würde er bei allen in die größte Verachtung fallen. Sein Gehirn liegt
bloß, weil ihn sein Unverstand und die Leichtfertigkeit seines Wandels
durch die augenscheinlichsten Zeichen bei den guten Menschen als unwürdig
aller Ehre zu erkennen giebt. Wenn er an meiner Weisheit Geschmack hätte,
so würde er einsehen, daß, je größer die Ehre ist, durch welche er über
andere gesetzt wird, um so tadelloser auch sein Wandel vor anderen sein
müßte. Die Ohren hat er vor der Stirn, weil er statt der Demut, welche er
in seiner Würde haben und womit er andere erleuchten sollte, nur sein Lob
und seine Ehre vernehmen will und sich dafür der Hoffart ergiebt, daß er
von allen groß und gut genannt sein will. Die Augen hat er hinten am Kopfe,
weil seine Gedanken nur auf das Zeitliche gerichtet sind, aber nicht auf das
Ewige, und einzig darauf, wie er den Menschen gefallen möge und was der
Vorteil des Fleisches erfordert, nicht aber, wie er mir gefallen und mir und
den Seelen nützen möge. Die Nase ist ihm abgeschnitten, weil ihm der
Verstand genommen worden, mittels dessen er zwischen Sünde und Tugend,
zwischen zeitlicher und ewiger Ehre, zwischen weltlichem und ewigem
Reichtum, zwischen den sündhaften Freuden der Welt und den ewigen des
Himmels den Unterschied zu erkennen vermöchte. Seine Wangen sind
zusammengeschrumpft, d. h. alle ehrfürchtige Scheu, welche er vor mir
haben, alle Schönheit der Tugenden, wodurch er mir gefallen sollte, ist
gleichsam in ihm erstorben; er schämt sich aus Scheu vor den Menschen zu
sündigen, vor mir aber nicht. Ein Teil der Backe und Lippe ist so weit
abgefallen, daß nur noch die Gurgel übrigbleibt; denn das Beispiel meines
Lebens und die Predigt meiner Worte, sowie die Andacht des Gebetes ist in
ihm erstorben, so daß nur die Gurgel seiner Gefräßigkeit übrigbleibt;
dagegen erscheint ihm die Nachfolge der Bösen und die Sorge für weltliche
Geschäfte durchaus heilsam und schön. Seine Brust ist voll Gewürm, weil
er in der Brust, wo das Gedächtnis meines Leidens und die Erinnerung an
meine Werke und Gebote sein sollte, nur das Ver-
langen nach dem Zeitlichen und die Begierde nach der Welt beherbergt, welche
gleichsam wie Würmer an seinem Gewissen nagen, damit er an nichts
Geistliches denke. In seinem Herzen, worin ich wohnen und meine Liebe ihren
Sitz haben sollte, sitzt ein Skorpion von bösester Art, der mit dem
Schwanze sticht, während er mit dem Angesichte schmeichelt; sein Mund redet
gar schmeichlerische, sogar vernünftige Worte, sein Herz aber ist voll
Ungerechtigkeit und Trug, ihm auch nichts daran gelegen ist, daß die
Kirche, welcher er vorsteht, zu Grunde geht, wofern er nur seinen Willen
durchsetzen kann. Seine Arme sind wie Schlangen, die er mit listiger Bosheit
gegen die Einfältigen ausstreckt und dieselben mit Einfalt an sich zieht,
bei passender Gelegenheit sie aber jämmerlich tötet. Danach zieht er sich
wie eine Schlange in einen Knäuel zusammen, weil er seine Bosheit und
Ungerechtigkeit dergestalt verbirgt, daß nur mit Mühe einige seine List
begreifen können. Vor meinem Angesichte ist er wie die verächtlichste
Schlange, und wie die Schlange unter allen Tieren das abscheulichste ist, so
flößt seine häßliche Gestalt mir den tiefsten Abscheu ein, da er meine
Gerechtigkeit verachtet und mich wie einen Menschen betrachtet, der nicht
strafen will. Sein Rücken ist wie eine Kohle, obwohl er wie Elfenbein sein
sollte; denn seine Werke sollten vor anderen stark und rein sein, so daß er
in Geduld und durch das Beispiel eines guten Lebens die Schwachen stütze.
Nun aber ist er wie eine Kohle, weil er zu schwach ist, ein einziges Wort
für meine Ehre zu ertragen, wenn es nicht seines Eigenwillens halber
geschieht und nichtsdestoweniger will vor der Welt für stark gelten. Wenn
er daher zu stehen meint, wird er fallen, weil er vor meinen und meiner
Heiligen Augen so mißgestaltet und erstorben ist wie eine Kohle. Seine
Eingeweide sind stinkend, weil seine Gedanken und Neigungen vor meinem
Angesichte wie faules Fleisch riechen, dessen Gestank niemand, auch kein
Heiliger, vertragen kann; alle wenden vielmehr ihr Antlitz ab von ihm und
begehren das Gericht über ihn. Seine Füße sind tot; denn seine beiden
Füße sind die beiden Neigungen zu mir, nämlich: der Wille, das Begangene
zu bessern, und der Wille, das Gute zu thun. Aber diese Füße sind an ihm
gänzlich tot, weil alles Mark der Liebe in denselben aufgezehrt worden und
nichts zurückblieb, als die Knochen der Verhärtung. Und also steht
er vor mir. Allein solange die Seele beim Leibe ist, kann er Barmherzigkeit
vor mir finden.
Der heilige Laurentius erschien und sprach: "Als ich in der Welt war, übte ich Enthaltsamkeit gegen mich selbst, Barmherzigkeit gegen den Nächsten, Liebe zu Gott. Deshalb habe ich eifrig das Wort Gottes gepredigt, weise die Kirchengüter verteilt und mit Freuden Schläge, Feuer und Tod ausgehalten. Dieser Bischof aber (von dem im obigen Kapitel die Rede ist) leidet und verhehlt die Unenthaltsamkeit der Geistlichen. Er teilt die Güter der Kirche verschwenderisch an Reiche aus und liebt sich und die Seinigen. Deshalb mache ich ihm bekannt, wie bereits eine ganz leichte Wolke zum Himmel hinaufgestiegen, welche zwei dunkle Fackeln umschatten, damit sie nicht von zu vielen gesehen werde. Diese Wolke aber ist das Gebet der Mutter Gottes für die Kirche, welches die Fackeln der Begierlichkeit und des Andachtsmangels so umschatten, daß die Milde der Barmherzigkeit der Mutter Gottes nicht in der Armen Herzen eingehen kann. Darum soll sich der Bischof so schnell als möglich zur göttlichen Liebe bekehren, indem er sich selber bessert und seine Untergebenen durch sein Beispiel und seine Worte mahnt und zu Besserem antreibt. Sonst wird er des Richters Hand empfinden und seine Kirche durch Feuer und Schwert gesäubert, auch durch Raub und Trübsal so lange heimgesucht werden, daß lange Zeit niemand sein wird, der sie tröstet."
Worte Gottes, des Vaters, vor den himmlischen Heerscharen, die Antwort des Sohnes und die Bitte der Mutter und der Engel an den Vater, Gnade für die Tochter, d. h. für die Kirche, zu erlangen.
Der Vater sprach, so daß alle himmlischen Heerscharen es
vernahmen: "Vor euch beklage ich mich, daß ich meiner Tochter einen
Mann gegeben, welcher sie über die Maßen betrübt und ihre Füße in den
Stock legt, daß alles Mark hinausgeht aus ihren Füßen." Der Sohn
antwortete ihm: "Diese ist es, die ich mit meinem Blute erkauft und mir
verlobt habe, nun aber ist sie mir mit Gewalt geraubt." Hierauf redete
die Mutter und sprach: "Du bist mein Gott und mein Herr; in meinem
Leibe waren die Glieder Deines gebenedeiten Sohnes, welcher Dein und mein
wahrhafter Sohn ist. Ich habe Dir nichts versagt auf Erden, erbarme
Dich Deiner Tochter um meiner Bitten willen." Auch die Engel sprachen
zum Vater: "Du bist der Herr, unser Gott, und wir haben an Dir
jegliches Gute und bedürfen auch keines anderen, als Deiner. Als Deine
Braut von Dir ausging, freuten wir uns alle miteinander. Jetzt aber könnten
wir mit Recht traurig werden, weil sie in die Hand des ärgsten Bösewichts
gegeben worden, welcher sie durch jegliche Erniedrigung und Schmach
verunehrt. Darum erbarme Dich ihrer um Deiner großen Barmherzigkeit willen,
denn ihr Elend ist über die Maßen groß, und niemand ist, der sie trösten
und erlösen kann, als Du, allmächtiger Herr und Gott." Hierauf
antwortete der Vater dem Sohne und sprach: "Mein Sohn, Deine Klage ist
meine Klage, Dein Wort ist mein Wort und Deine Werke sind meine Werke. Du
bist in mir und ich bin in Dir unteilbar. Dein Wille geschehe." Dann
sprach er zur Mutter des Sohnes: "Weil Du mir nichts versagt hast auf
Erden, deshalb werde ich Dir im Himmel nichts versagen; Dein Wille soll
erfüllt werden." Zu den Engeln aber sprach er: "Ihr seid meine
Freunde und die Flamme euerer Liebe brennt in meinem Herzen. Ich werde um
euerer Bitten willen meiner Tochter Barmherzigkeit erweisen."
Worte des Schöpfers zur Braut, wie seine Gerechtigkeit die Bösen dreifach duldet und seine Barmherzigkeit ihnen dreifache Schonung gewährt.
Ich bin der Schöpfer Himmels und der Erde. Du wundertest
Dich, meine Braut, weshalb ich gegen die Bösen so geduldig bin. Das
geschieht, weil ich barmherzig bin. In dreifacher Weise duldet meine
Gerechtigkeit dieselben. Erstens duldet meine Gerechtigkeit sie,
damit, ihre Zeit gänzlich erfüllt werde. Wie ein gerechter König
gefangene Verbrecher nicht sogleich hinrichten läßt, sondern den
Gerichtstag erwartet, an welchem sie zu größerer Warnung der Zuhörer
verhört werden sollen, so ertrage ich die Bösen, bis ihre Zeit gekommen
ist, damit auch anderen ihre Bosheit bekannt werde. Habe ich nicht lange
zuvor die Verwerfung Sauls angekündigt, ehe sie den Menschen bekannt wurde?
Ich habe ihn so lange ertragen, damit auch anderen seine Schlechtigkeit
bekannt würde. Zweitens,
weil auch die Bösen einige gute Werke verrichtet haben, wofür sie belohnt
werden müssen, so daß auch das geringste Gute, das sie für mich gethan
haben, ihnen nicht unbelohnt bleibe, sondern der gebührende Lohn ihnen
werde. Drittens, damit die Ehre Gottes und seine Geduld offenbar
werde. So habe ich auch den Pilatus, den Herodes und den Judas geduldet. Aus
dreierlei Gründen schont auch meine Barmherzigkeit der bösen Menschen. Erstens
meiner allzugroßen Liebe wegen, denn die ewige Strafe ist lang. Diese meine
große Liebe erträgt sie bis zum letzten Zeitpunkt, damit durch die
Verzögerung ihre Pein später ihren Anfang nehme. Zweitens, damit
ihr Leib durch die Sünde geschwächt werde und ihnen der Tod, wenn ihr Leib
noch kräftig wäre, nicht allzu bitter werde, weil eine kräftige Natur
einen längeren und bitterern Tod zu bestehen hat. Drittens zur
Vervollkommnung der Guten und Bekehrung der Bösen; denn, wenn gute und
gerechte Menschen durch böse getrübsalt werden, so nützt ihnen solches
entweder zur Zügelung der Sünde, oder dazu, daß sie sich ein Verdienst
erwerben. In ähnlicher Weise leben die Bösen auch den Bösen zuweilen zum
Nutzen denn, wenn böse Menschen den Fall und die Nichtswürdigkeit anderer
Bösen betrachten, gehen sie in sich und sprechen: "Was nützt es uns,
ihnen zu folgen? Da der Herr so langmütig ist, ist es besser, daß wir uns
bekehren." Und so kommen zuweilen auch diejenigen zu mir zurück,
welche sich von mir abgewendet hatten, weil sie vor den Werken der Bösen
einen Abscheu haben und ihr Gewissen sie ermahnt, solches nicht zu thun.
Darum sagt man, wenn jemand von einem Skorpion gestochen wird und sich mit
dem Ole [sic!] bestreicht, in welchem ein anderer Skorpion verendet hat, so
werde er geheilt. So wird mancher böse Mensch durch die Sünde eines
anderen erschüttert und wird, wenn er dessen Armseligkeit betrachtet, von
seiner Bosheit geheilt. ![]()
Lobreden der himmlischen Heerscharen auf Gott. Wie die Kinder gezeugt würden, wenn die ersten Eltern nicht gesündigt hätten. Wie Gott durch Moses seinem Volke Wunder gezeigt und nachmals uns selber durch seine Ankunft u. s. w. Wie die leibliche Ehe zu dieser Zeit verderbt ist. Von den Bedingungen der geistlichen Ehe.
Die englischen Heerscharen erschienen, wie sie vor Gott
standen, und sprachen allesamt: "Lob sei Dir, Herr Gott, und Ehre, der
Du ohne Ende bist und warst. Wir sind Deine Diener und loben und ehren Dich
aus dreifachem Grunde. Zuerst, weil Du uns erschaffen zur Freude mit
Dir und uns unaussprechliches Licht gegeben hast, auf daß wir uns ewig
freuen möchten. Zweitens, weil in Deiner Güte und Beständigkeit
alles erschaffen worden und besteht und alles auf Deinem Willen beruht und
durch Dein Wort verharrt. Drittens, weil Du den Menschen erschaffen,
um dessen willen Du die Menschheit angenommen (woraus unsere größte Freude
hervorgegangen), und von Deiner keuschesten Mutter geboren wurdest, welche
Dich zu tragen wert war, den die Himmel nicht begreifen, noch fassen
konnten. Deshalb sei Deine Herrlichkeit und Dein Segen über allem für die
englische Würde, die Du zu solcher Ehre erhöht hast. Deine immerwährende
Ewigkeit und Beständigkeit möge über allem sein, das beständig ist und
sein kann. Deine Liebe sei über dem Menschen, den Du erschaffen hast. Du,
Herr, allein bist zu fürchten um Deiner großen Macht willen. Du allein
bist Deiner großen Liebe halber begehrenswert, Du allein zu lieben Deiner
großen Beständigkeit wegen, darum sei Dir Preis ohne Ende und
unaufhörlich von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen." Hierauf antwortete der
Herr: "Ihr verehrt mich mit Recht vor allen Geschöpfen. Sagt aber an,
weshalb lobt ihr mich vor dem Menschen, da er doch mehr, als alle
Geschöpfe, meinen Zorn verdient hat? Ich habe ihn erschaffen
vortrefflicher, als alle übrigen Geschöpfe, und für niemand hab' ich so
Schmachvolles erlitten, auch niemand so teuer erkauft, als den Menschen. Und
sehet! welches Geschöpf bleibt nicht bei seiner Ordnung, den Menschen
ausgenom-
men? Darum ist er mir aber beschwerlicher, als alle anderen Geschöpfe. Wie
ich euch zu meinem Lobe und meiner Herrlichkeit erschaffen habe, so habe ich
mir auch den Menschen zur Ehre geschaffen. Ich habe ihm ja einen Leib wie
einen geistlichen Tempel gegeben, in welchen ich wie einen schönen Engel
die Seele gesetzt habe, weil die Seele der Menschen gleichsam englische
Tugend und Stärke besitzt. In diesem Tempel war ich, sein Gott und
Schöpfer, der Dritte, woran er Freude und Genuß fand. Hierauf machte ich
ihm einen anderen Tempel aus seiner eigenen Rippe, der ihm ähnlich war. Nun
aber möchtest Du, meine Braut, um deretwillen dies geschieht, fragen: Wie
hätten von ihnen Kinder erzeugt werden können, wenn sie nicht gesündigt
hätten? Ich antworte Dir: Dieses wäre geschehen durch die Vermischung des
männlichen und weiblichen Geschlechtes, wozu sie aus gegenseitiger
Zuneigung und göttlicher Liebe entzündet worden und zusammengekommen
wären. Ohne sündhafte Wollust wäre das Blut der Liebe fruchtbar geworden
im Leibe des Weibes und das Weib befruchtet worden. Wenn dann das Kind. frei
von wollüstiger Liebe, empfangen worden wäre, hätte ich aus meiner
Gottheit die Seele hineingelegt. Ohne Schmerzen hätte die Mutter das
Knäblein getragen und geboren und nach seiner Geburt wäre das Kind
sogleich so vollkommen gewesen wie Adam. Diese Ehre verachtete der Mensch,
als er dem Teufel zustimmte und eine größere Ehre begehrte, als ich ihm
gegeben hatte. Als aber der Ungehorsam begangen war, kam mein Engel über
sie, sie schämten sich ihrer Nacktheit und empfanden sogleich die
Begierlichkeit des Fleisches und litten Hunger und Durst. Nun mußten sie
meiner Gegenwart entbehren; so lange sie mich hatten, empfanden sie keinen
Hunger, auch keine Lust des Fleisches oder Scham, sondern ich allein war
ihnen alles Gute, alle Süßigkeit und vollkommene Freude. Und als der
Teufel sich ihres Falles und Verderbens freute, habe ich, von Mitleiden mit
ihnen bewegt, sie nicht verlassen, sondern ihnen dreifaches Erbarmen
gezeigt. Ich kleidete sie, da sie nackt waren, und gab ihnen Brot von der
Erde. Für die böse Lust, welche der Teufel, je mehr der Ungehorsam zunahm,
in ihnen angefacht, gab ich in ihren Samen die Seelen durch meine Gottheit,
und was der Teufel ihnen einblies zum Bösen, das habe ich ihnen zum Guten
gewendet. Dann hade ich ihnen die Art
gezeigt, wie sie leben und mich verehren sollten, und gestattete ihnen, sich
auf erlaubte Art zu vermischen, während sie zuvor aus Furcht sich scheuten,
zusammenzukommen. Ebenso habe ich, nachdem Abel erschlagen worden und sie
lange Zeit trauerten und Enthaltsamkeit beobachteten, von Mitleiden bewegt,
sie getröstet und nachdem sie meinen Willen erfahren, fingen sie wieder an,
zusammenzukommen und Kinder zu erzeugen. Ich selbst, der Schöpfer, gab
ihnen die Verheißung, daß ich aus ihrem Samen geboren werde. Als aber die
Bosheit der Kinder Adams wuchs, habe ich auch da noch den Sündern meine
Gerechtigkeit, meinen Auserwählten aber mein Mitleid gezeigt; ich war ihnen
gnädig, bewahrte sie vor dem Verderben, erhöhte sie, weil sie meine Gebote
hielten und meinen Verheißungen glaubten. Ich zeigte ihnen, als die Zeit
des Erbarmens nahte, durch Moses meine Wunder. Ich speiste sie mit dem
Himmelsbrote und zog vor ihnen her in einer Feuer- und Wolkensäule, gab
ihnen mein Gesetz und zeigte ihnen meine Geheimnisse und die Zukunft durch
meine Propheten. Hiernach aber erlas ich, der ich alles erschaffen, mir eine
Jungfrau, die von einem Vater und einer Mutter geboren war, aus welcher ich
menschliches Fleisch annahm, und die ich würdigte, ohne Beiwohnung und
Sünde mich zu gebären, so daß, wie jene ersten Kinder im Paradiese durch
Geheimnisse göttlicher Liebe und gegenseitiger Zuneigung und Liebe der
Eltern ohne schändliche Wollust geboren werden sollten, also meine Gottheit
die Menschheit von einem jungfräulichen Weibe ohne Beiwohnung und
Verletzung der Jungfräulichkeit empfangen hat. In dem ich nun als wahrer
Gott und Mensch im Fleische kam, erfüllte ich das Gesetz und alle Schrift,
wie im voraus von mir geweissagt war, und gab das neue Gesetz, weil das alte
zu streng und zu hart zu ertragen war und nur ein Bild des zukünftigen sein
sollte. Im alten Gesetze war zugelassen, daß ein Mann mehrere Weiber habe
damit die Nachkommenschaft nicht ohne Kinder bliebe und eine Vermischung mit
den Heiden nicht stattfinde. In meinem neuen Gesetz aber wird geboten, daß
ein Mann nur eine Frau, und so lang dieselbe lebt, nicht mehr Frauen haben
darf. Alle also, welche aus göttlicher Liebe und göttlicher Furcht behufs
Erzeugung von Kindern zusammenkommen, sind der geistliche Tempel, in welchem
ich als der Dritte wohnen will. Allein die Menschen dieser Welt verbin-
den sich aus siebenerlei Gründen. Erstlich wegen der Schönheit des Leibes;
zweitens des Reichtums halber; drittens um der unflätigen Unterhaltung und
der unehrbaren Freuden willen, welche sie in der fleischlichen Vermischung
empfinden; viertens, weil daselbst große Zusammenkunft der Freunde und
unmäßige Völlerei . stattfindet; fünftens, .weil sie ihre Hoffart in
Kleidern und Speisen, in Scherzen und anderen Eitelkeiten zeigen können;
sechstens, weil man Kinder erzeugen will, nicht, um dieselben für Gott oder
zu gutem Wandel, sondern für Reichtum und Ehren zu erziehen; siebentens
kommen sie zu üppiger Wollust zusammen und in geiler Lust wie das Vieh. So
nun kommen sie miteinander einverstanden vor den Thüren meiner Kirche
zusammen. Ihre Neigung aber und ihre Gedanken sind mir ganz zuwider; sie
setzen ihren Willen, welcher darin besteht, der Welt zu gefallen, über
meinen Willen; denn, wenn ihr Gedanke auf mich gerichtet wäre, würden sie
auch ihren Willen in meine Hände befehlen und die Ehe eingehen in meiner
Furcht, dann würde ich ihnen zu Willen und der Dritte bei ihnen sein. Nun
aber ist meine Zuwilligung, welche ihnen die Hauptsache sein sollte, nicht
dabei, weil in ihren Herzen unreine Lust, aber nicht meine Liebe ist. Gehen
sie dann zu meinem Altare, wo sie hören, wie sie Ein Herz und Eine Seele
sein sollen, so weicht mein Herz von ihnen, weil sie von meinem Herzen die
Wärme nicht annehmen und von meinem Fleische keinen Geschmack empfinden,
und weil sie eine bald vergehende Wärme und ein Fleisch suchen, das die
Würmer fressen werden; daher werden sie auch ohne das Band Gottes des
Vaters und seine Einigung, und ohne die Liebe des Sohnes und den Trost des
heiligen Geistes zusammengefügt. Als Gatten ins Ehebett gekommen, weicht
sogleich mein Geist von ihnen und es naht der unreine Geist, weil sie nur
die Unzucht zusammengeführt hat und Unzucht all ihr Denken und Trachten
ist. Meine Barmherzigkeit ist jedoch auch noch mit ihnen, wenn sie sich
bekehren wollten. Aus großer Liebe verleihe ich ihrem Samen eine lebendige,
durch meine Macht erschaffene Seele, und gestatte zuweilen, daß von
schlechten Eltern gute Kinder gezeugt werden; öfter aber werden von
schlechten Eltern böse Kinder gezeugt, weil solche Kinder die
Schlechtigkeit der Eltern nachahmen, soweit sie können, und sie würden
ihnen noch mehr nachfolgen,
wenn meine Langmut es erlaubte. Eine solche Ehe wird nimmer mein Angesicht
schauen, wenn ihr die Buße nicht nachfolgt; denn keine Sünde ist so
schwer, daß sie durch reuige Buße nicht hinweggewaschen würde. Ich will
mich aber jetzt zur geistigen Ehe wenden, mit einem keuschen Leibe und einer
keuschen Seele, wie sie Gottes Willen würdig ist. In dieser werden sieben
gute Eigenschaften gefunden, welche den vorerwähnten Eigenschaften einer
schlechten Ehe gegenüberstehen. Hier wird keinerlei Wohlgestalt oder
Körperschönheit, noch das Anschauen leiblicher Dinge, sondern einzig und
allein Liebe und Anschauen Gottes verlangt. Zweitens verlangen die Eheleute
nicht mehr zu besitzen, als was zu ihres Lebens Unterhalt notwendig ist.
Drittens vermeiden sie müßige und leichtfertige Reden. Viertens kümmern
sie sich nicht, die Freunde oder Eltern um sich zu versammeln, sondern ich
bin ihre Liebe und ihr Verlangen. Fünftens begehren sie, innerlich im
Gewissen und äußerlich in der Kleidung die Demut zu bewahren. Sechstens
haben sie den Willen, niemals Unkeuschheit treiben zu wollen. Siebentens
zeugen sie für Gott ihre Söhne und Töchter durch guten Wandel und gutes
Vorbild und durch das Predigen geistlicher Worte. Wenn sie nun im Glauben an
die Gnade des heiligen Sakramentes vor die Thüre meiner Kirchen kommen, so
werden sie zu ihrer beiderseitigen Einwilligung auch die meinige haben.
Treten sie dann zu meinem Altare und erquicken sich geistlicherweise an
meinem Leibe und BIute, und wollen in dieser Erquickung Ein Herz, Ein
Fleisch und Eines Willens sein, so werde ich, wahrer Gott und Mensch,
mächtig im Himmel, wie auf Erden, der Dritte sein bei ihnen und ihr Herz
erfüllen. Während also jene weltlichgesinnten Eheleute ihre Ehe in Unzucht
beginnen, wie das Vieh und schlechter sind, als das Vieh, beginnen die
geistlichgesinnten Eheleute ihre Ehe in göttlicher Liebe und göttlicher
Furcht, und sorgen nicht, jemand zu gefallen, außer mir; die ersten reizt
der böse Geist der Fleischeslust, worin nur Gestank ist, diese aber werden
von meinem Geiste erfüllt und vom Feuer meiner Liebe entzündet, welche
ihnen nimmer mangeln werden. Ich bin der Einige Gott, dreieinig in den
Personen, Einer im Wesen mit dem Vater und heiligen Geiste. Wie es
unmöglich ist, daß der Vater vom Sohne und der Geist von beiden getrennt
werde, und wie es
unmöglich ist, daß die Hitze vom Feuer getrennt werde, so ist es auch
unmöglich, daß solche geistliche Ehegatten voneinander getrennt werden und
daß ich nicht der Dritte mit ihnen sei. Einmal ist freilich mein Leib bei
meinem Leiden zerfleischt und gestorben, nun aber wird er nimmer weder
zerfleischt, noch sterben. So werden auch niemals diejenigen von mir
hinwegsterben, welche mir mit rechtem Glauben und vollkommenem Willen
einverleibt sind; sie mögen stehen, sitzen, wandeln, so bin ich allezeit
der Dritte, bei ihnen."
Worte der Mutter zur Braut, wie bei einem Tanze drei Merkmale vorkommen, und wie unter diesem Tanze die Welt verstanden wird. Von der Trübsal der Mutter beim Tode Christi.
Die Mutter sprach zur Braut und sagte: "Meine
Tochter, Du sollst wissen, daß beim Tanze etwas dreifaches ist, nämlich:
eitle Freude, verworrenes Geschrei und vergebliche Arbeit. Wenn nun jemand,
der dem Tanze beiwohnt, seinen Freund traurig und verstimmt in das Tanzhaus
kommen sieht, so wird er aus Liebe zu ihm vom Tanze abstehen und die Trauer
seines Freundes teilen. Der Tanz bedeutet diese Welt, welche sich stets in
ihrer Unruhe, die den thörichten Menschen eine Freude zu sein scheint, hin
und her wälzt. In dieser Welt nun kommen drei Dinge zum Vorschein: Leere
Freude, leichtfertiges Geschwätz, unnütze Arbeit; denn alles, wofür der
Mensch arbeitet, muß er zurücklassen. Wer aber diesem Tanze der Welt
beiwohnt, soll meine Mühsale und meinen Schmerz betrachten und Mitleiden
mit mir haben, da ich von aller Freude der Welt geschieden war, und soll
sich gleichfalls absondern von der Welt. Beim Tode meines Sohnes glich ich
einem Weibe, dem das Herz von fünf Lanzenstößen durchbohrt ist. Der erste
Stich war seine schmähliche Nacktheit; denn ich sah meinen überaus teuren
und mächtigen Sohn ohne alle Bekleidung, nackt an der Säule stehen. Der
zweite Stich war seine ungerechte Anklage. Man klagte ihn an und sagte, er
sei ein Verräter, ein Lügner, sogar ein heimlicher Verführer, während
ich doch von ihm wußte, daß er
gerecht und wahrhaft war und niemand beleidigt hatte, noch hatte beleidigen
wollen. Der dritte Lanzenstich war für mich seine Dornenkrone, welche sein
heiligstes Haupt so grausam zerstach, daß ihm das Blut in den Mund, in den
Bart und die Ohren hinabfloß. Der vierte Stich war der klägliche Ruf am
Kreuze, worin er zum Vater aufschrie und sprach: Vater, warum hast Du mich
verlassen? als wenn er sagen wollte: Vater, es ist niemand, der sich meiner
erbarme, als Du. Der fünfte Lanzenstich, welcher mein Herz durchdrang, war
sein überaus harter Tod. Aus so vielen Adern sein kostbares Blut
hervorfloß, mit eben so vielen Lanzenstichen ward mein Herz durchbohrt. Es
wurden aber durchbohrt die Adern seiner Hände und Füße, und der Schmerz
der zerrissenen Nerven zog sich ohne jegliche Milderung nach seinem Herzen
hin und vom Herzen wiederum zu den Nerven, und weil sein Herz ganz
unversehrt und gut, weil von bester Art gebildet, war, rangen Tod und Leben
miteinander, und also ward das Leben unter Schmerzen um so bitterer
hingehalten. Als aber der Tod nahte und vor unerträglichem Schmerze das
Herz brach, da erbebten sogleich alle seine Glieder, und sein Haupt, welches
nach dem Rücken zu geneigt war, hob sich ein wenig. Die halbgeschlossenen
Augen thaten sich bis fast zur Mitte auf und in ähnlicher Weise öffnete
sich sein Mund und die blutige Zunge kam zum Vorschein; seine Finger und
Arme, welche krampfhaft zusammengezogen waren, dehnten sich aus. Nachdem er
aber den Geist aufgegeben, neigte sich sein Haupt zur Brust, die Hände
sanken an den Wundmalen ein wenig herab, die ganze Last des Leibes trugen
die Füße. Da erstarrten meine Hände; vor den Augen ward es mir dunkel,
mein Gesicht erbleichte wie eines gestorbenen Menschen, meine Ohren
vermochten nicht mehr zu hören, mein Mund nicht meehr zu reden; meine
Füße wankten und mein Leib sank zur Erde. Als ich mich aber wieder von der
Erde erhob und meinen Sohn mehr als einen Aussätzigen verachtet sah,
richtete ich meinen Willen gänzlich auf ihn; denn ich wußte wohl, wie
alles nach seinem Willen geschehen war und nicht hätte geschehen können,
wenn er es nicht zugelassen hätte; ich dankte ihm für alles. Meiner Trauer
war doch auch einige Freude beigemischt; denn ich sah, wie er, der niemals
gesündigt hatte, aus so großer Liebe solches für die Sünder hatte leiden
wollen. Wer also auf der Welt ist,
soll betrachten, in welchem Zustande ich mich beim Tode meines Sohnes
befand. und soll dies immer vor Augen haben."
Worte des Herrn zur Braut, welche melden, wie einer vor seinen Richterstuhl gekommen, um gerichtet zu werden. Von dem fürchterlichen und entsetzlichen Urteile, das von Gott und allen Heiligen wider ihn gesprochen ward.
Die Braut sah Gott gleichsam voll Zornes. Er sprach:
"Ich bin ohne Anfang und ohne Ende. Bei mir ist kein Wandel weder des
Jahres, noch des Tages, sondern alle Zeit dieser Welt ist vor mir wie eine
Stunde, wie ein Augenblick. Jeder, der mich sieht, sieht alles, was in mir
ist, wie auf einem Punkte, und versteht es. Weil Du, meine Braut, aber
leiblich bist, kannst Du es nicht fassen und erkennen, wie ein Geist; darum
will ich, Deinetwegen melden, was geschehen. Ich saß wie zu Gericht (denn
alles Gericht ist mir übergeben [Joh. V.]), und es trat einer vor den
Richterstuhl, um sein Urteil zu empfangen. Zu dem erscholl die Stimme des
Vaters, welche sprach: Wehe Dir, daß Du jemals geboren worden! Nicht darum,
weil es Gott gereute, ihn geschaffen zu haben, sondern wie jemand mit einem
anderen Mitleid zu empfinden pflegt, wenn es ihm um denselben leid thut.
Darauf antwortete die Stimme des Sohnes: Ich habe für Dich mein Blut
vergossen und für Dich die bitterste Strafe auf mich genommen; diese ist
gänzlich von Dir abgethan und sie hat nichts an Dir. Die Stimme des Geistes
sprach: Ich habe alle Winkel seines Herzens durchspürt, ob ich etwa eine
zarte Empfindung und Liebe in seinem Herzen fände; allein es ist kalt wie
der strengste Frost, hart wie der härteste Stein, und ich habe nichts an
ihm. Diese drei Stimmen sind nicht also gehört, als ob drei Götter wären,
sondern Deinetwegen, meine Braut, sind dieselben erschollen, weil Du auf
andere Weise dieses Geheimnis nicht verstehen konntest. Hierauf haben sich
alle drei Stimmen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes alsbald in
eine einzige vereinigt, welche sprach: Mit nichten gebührt Dir das
Himmelreich. Die Mutter der Barmherzigkeit schwieg und öffnete ihren Mund
nicht; denn der zu Richtende war dessen unwürdig, und alle
Heiligen riefen mit Einer Stimme und sprachen: Die göttliche Gerechtigkeit
erfordert, daß er immerdar aus Deinem Reiche und Deiner ewigen Freude
verbannt bleibe. Hierauf sprachen alle, welche im Fegfeuer waren: Keine Pein
bei uns ist so bitter, daß sie Deine Sünden zu bestrafen ausreichte, Du
hast noch größere Qualen verdient, darum wirst Du von uns getrennt werden.
Darauf aber rief der zu Richtende selber mit erschrecklicher Stimme: Wehe,
wehe dem Samen, welcher in den Leib meiner Mutter kam, und aus welchem ich
gebildet ward! Zum zweiten Male schrie er: Verflucht die Stunde, in welcher
meine Seele mit dem Leibe verbunden ward, und verflucht sei, der mir Seele
und Leib gegeben! Und zum dritten Male schrie er: Verflucht die Stunde, in
der ich lebendig aus meiner Mutter Leibe hervorging! Hierauf kamen drei
schreckliche Stimmen aus der Hölle wider ihn und sprachen: Komm' zu uns,
verfluchte Seele, stürze herab zum ewigen Tode und zu einem Leben, dessen
Pein niemals endet. Zum zweiten Male schrieen sie: Komm', Du vermaledeite,
leere Seele, zu unserer Bosheit; denn es wird keiner unter uns sein, welcher
Dich mit seiner Bosheit und Pein nicht erfüllen wird. Zum dritten Male
riefen sie: Komm', verfluchte Seele, schwer wie ein Stein, der immer sinkt
und sinkt, aber nimmer den Grund erreicht, auf welchem er Ruhe findet. Also
auch wirst Du in die Tiefe tiefer herabsinken, als wir, so daß Du nicht
eher zum Stehen gelangst, als bis Du in den tiefsten Abgrund gekommen.
Hierauf sprach der Herr: Ich bin wie ein Mann, der mehrere Weiber hat; wenn
er sieht, daß eine strauchelt, wendet er sich von derselben ab und anderen
zu, welche beständig bleiben, und freut sich mit ihnen. Ebenso habe ich
mein Angesicht und meine Barmherzigkeit abgewendet von diesem Manne und
wende mich nun zu meinen Dienern und Knechten und freue mich mit denselben.
Deshalb diene Du, nachdem Du seinen Fall und sein Elend vernommen, mir desto
eifriger, je größere Barmherzigkeit ich Dir erwiesen. Fliehe die Welt und
ihre Begierden. Oder habe ich wohl ein so bitteres Leiden um der
Herrlichkeit der Welt willen über mich genommen, oder weil ich es nicht
schneller und leichter vollbringen konnte? Ich konnte es freilich, aber also
erforderte es die Gerechtigkeit, daß, wie der Mensch in allen Gliedern
gesündigt hatte, also auch in allen Genugthuung zu leisten war. Deshalb ![]()
hat die Gottheit Mitleid mit den Menschen gehabt und ist mit so großer Liebe gegen eine Jungfrau entbrannt worden, daß sie von derselben die Menschheit annahm. In dieser Menschheit erlitt Gott alle Strafe, welche der Mensch verdient hatte. Wenn ich daher aus Liebe diese Strafe auf mich genommen, so bleibe, wie es meine Diener thun, beständig in der wahren Demut, so daß Du vor nichts Dich zu schämen brauchst und nichts fürchtest, als mich. Bewahre Deinen Mund, daß Du, wenn es mein Wille wäre, gar niemals reden möchtest. Betrübe Dich nicht über zeitliche Dinge, denn sie sind hinfällig, und ich kann reich und arm machen, wen ich will, Darum, meine Braut, setze Deine Hoffnung gänzlich aus mich!"
Der gedachte Mann war einer vom Adel, Domherr und Subdiakon. Er hatte eine falsche Dispensation erschlichen und sich mit einem reichen Mädchen verlobt. Von einem plötzlichen Tobe überrascht, erlangte er nicht, was er begehrt hatte.
Worte der Jungfrau zur Braut von zwei Frauen, deren eine Hoffart, die andere Demut genannt wird, unter welcher die allersüßeste Jungfrau verstanden wird; wie die Jungfrau ihren Geliebten zur Zeit des Todes derselben begegnet.
Die Mutter Gottes redete zur Braut des Sohnes und sprach:
"Es giebt zwei Frauen. Die eine hat keinen eigenen Namen, weil sie des
Namens unwürdig ist. Die andere ist die Demut, welche Maria genannt wird.
Über die erste gebietet der Teufel als Herr, denn er herrscht über sie. Zu
dieser Frau sprach ihr Ritter: O meine Gebieterin, was ich für Dich thun
kann, bin ich zu thun bereit, damit ich nur einmal neben Dir sitzen könne;
denn ich bin stark von Kräften, hochherzig, fürchte nichts, und bin
bereit, für Dich in den Tod zu gehen. Ihm antwortete sie: Mein Diener,
groß ist Deine Liebe zu mir; aber ich sitze auf einem hohen Stuhle und habe
nicht mehr, denn einen Sitz, und zwischen uns sind drei Pforten. Die erste
Pforte ist so enge, daß alles, was der Mensch
am Leibe hat, wenn er durch dieselbe eingeht, zerbrochen und abgerissen
wird, die zweite ist so voll Stacheln, daß sie bis auf die Nerven
hineinsticht, die dritte ist so glühend, daß keine Ruhe ist vor der Hitze
und, wer durch dieselbe hineingeht, sogleich schmilzt, wie Erz. Ich aber
sitze hoch, und wer neben mir sitzen will, wird, weil ich nur einen Sitz
habe, in die tiefe, finstere Kluft unter mir hinabstürzen. Hierauf
entgegnete jener: Ich will mein Leben für Dich geben, denn den Fall achte
ich für das geringste. Diese Frau ist die Hoffart und wer zu ihr kommen
will, muß gleichsam durch drei Pforten eingehen. Durch die erste Pforte
geht ein, wer alles auf das Lob der Menschen und auf die Hoffart giebt; wenn
er auch nichts hat, ist sein ganzer Wille nur auf die Hoffart und das Lob
der Menschen gerichtet. Durch die zweite Pforte geht der ein, welcher alles,
was er wirkt und thut, alle seine Gedanken und alle seine Kräfte allezeit
auf die Befriedigung seines Stolzes verwendet, und wenn er auch sein Fleisch
hingeben könnte, um für Ehre und Reichtum zerrissen zu werden, würde er
es gern thun. Durch die dritte Pforte geht ein, wer nie ruht, nie schweigt
und fast wie ein Feuer danach brennt, wie er zu irgend einer Ehre oder
Auszeichnung in der Welt gelangen möge. Wenn er aber erhalten hat, was er
begehrt, kann er nicht lange in diesem Stande bleiben, sondern fällt
jämmerlich; nichtsdestominder aber bleibt die Hoffart in der Welt. -
Ich aber," sprach Maria, "die ich gar demütig
bin, sitze auf einem weiten Stuhle, und über mir sind weder Sonne, noch
Mond, noch Sterne, noch Wolken, sondern eine wunderbare und nicht zu
schätzende heitere Klarheit, die da ausgeht von der herrlichen Schönheit
der göttlichen Majestät. Unter mir ist auch keine Erde noch Gestein,
sondern da ist eine unvergleichliche Ruhe in der Kraft Gottes. Neben mir ist
keine Mauer oder Wand, sondern das glorreiche Heer der Engel und heiligen
Seelen. Und wiewohl ich so erhaben sitze, so vernehme ich doch meine
Freunde, welche auf der Erde sind und täglich ihre Thränen und Seufzer vor
mir ausgießen. Ich sehe, wie ihr Bemühen und Wirken größer ist, als
derer, welche für ihre Dame Hoffart streiten. Deshalb werde ich sie
heimsuchen und sie neben mich auf meinen Stuhl setzen, welcher geräumig ist
und alle wohl fassen kann. Allein sogleich
werden sie noch nicht zu mir kommen und neben mir sitzen können, weil noch
zwei Mauern zwischen ihnen und mir sind, durch welche ich sie vertrauensvoll
leiten will, auf daß sie zu meinem Sitze gelangen. Die erste Mauer ist die
Welt, welche eng ist. Darum werden meine Knechte in der Welt durch mich
getröstet werden. Die zweite Mauer ist der Tod. Darum will ich, ihre
liebste Frau und Mutter, ihnen entgegengehen und ihnen im Tode begegnen, so
daß sie auch im Tode selber Trost und Erquickung haben; ich werde sie auch
neben mich setzen auf den Sitz der himmlischen Freude, damit sie im Arme der
ewigen Liebe und der nie endenden Herrlichkeit unter unermeßlichem Jubel in
Ewigkeit ruhen mögen."
Worte des Herrn von sehr großer Liebe an die Braut; von der Menge der falschen Christen, welche Christum kreuzigen wollen, und wie er, wenn es möglich wäre, noch einmal bereit sein würde, den Tod für die Sünder auf sich zu nehmen.
Ich bin Gott, der alle Dinge zum Nutzen, zum Dienste und
zur Erbauung der Menschen geschaffen hat. Allein der Mensch mißbraucht
alles, was ich zu seinem Nutzen geschaffen, zu seinem Schaden und kümmert
sich weniger um Gott und liebt ihn weniger, als seine Geschöpfe. Die Juden
haben mir bei meinem Leiden dreierlei Arten von Pein zugefügt: zuerst das
Holz, an welches ich, nachdem ich gegeißelt und gekrönt worden, angeheftet
ward, zweitens das Eisen, womit sie meine Hände und Füße annagelten,
drittens den Gallentrank, welchen sie mir zu trinken gereicht haben. Darauf
lästerten sie mich wegen meines Todes, den ich gern ertrug, und nannten
mich einen Thoren und meiner Lehre wegen einen Lügner. Ihre Zahl hat sich
jetzt in der Welt vermehrt. Sie sind es, welche durch ihren auf die Sünde
gerichteten Willen mich ans Kreuz heften und mich geißeln mit ihrer
Ungeduld, weil keiner für mich ein Wort vertragen kann. Mit den Dornen
ihrer Hoffart krönen sie mich, weil sie höher sein wollen, als ich. Sie
durchstechen meine Hände und Füße mit dem Eisen der Verhärtung, weil sie
sich ihrer Sünde rühmen und sich darin so verhärten, daß
sie alle Furcht vor mir verloren haben. Statt der Galle bieten sie mir
Trübsale; für das Leiden, in welches ich fröhlich gegangen, nennen sie
mich einen Lügner und Narren. Wohl bin ich mächtig genug, sie samt der
ganzen Welt ihrer Sünden wegen, wenn ich wollte, untergehen zu lassen, wenn
ich sie aber untergehen ließe, würden die Übrigbleibenden mir nur aus
Furcht dienen. Allein das würde keine Gerechtigkeit sein; denn der Mensch
sollte mir aus Liebe dienen. Wenn ich aber auch persönlich und
sichtbarerweise unter sie käme, würden ihre Augen meinen Anblick nicht
ertragen, noch ihre Ohren mich hören können, denn, wie vermöchte der
sterbliche Mensch wohl einen Unsterblichen zu sehen? Ich möchte aber, wenn
es möglich wäre, noch einmal aus Liebe für den Menschen gern sterben. -
Hierauf erschien die selige Jungfrau Maria, zu welcher der
Sohn sprach: "Wer, Mutter, willst Du, soll meine Auserwählte
sein?" Jene entgegnete: "Erbarme Dich um Deiner Liebe willen, mein
Sohn, Deines Geschöpfes." Er erwiderte: "Noch einmal will ich
Barmherzigkeit üben Deinetwegen." Hierauf redete der Herr zur Braut
und sprach: "Ich bin Gott und Herr der Engel. Ich bin Herr über Tod
und Leben. Ich, eben derselbe, will in Deinem Herzen wohnen. Siehe, welche
Liebe ich zu Dir trage! Himmel und Erde und alles, was darin ist, können
mich nicht fassen, und gleichwohl will ich in Deinem Herzen, das nur ein
kleines Stückchen Fleisch ist, wohnen. Wen wirst Du dann noch fürchten
dürfen und wessen entbehren, wenn Du in Dir den allmächtigen Gott hast, in
welchem alles Gute ist? Es müssen aber in dem Herzen, das meine Wohnung
ist, drei Dinge sein: Ein Bett, auf welchem wir ruhen, ein Sessel, auf dem
wir sitzen, ein Licht, durch welches wir erleuchtet werden. In Deinem Herzen
soll also sein ein Bett zum Ruhen oder ein Ruhebett, damit Du ausruhest von
argen Gedanken, und unter den Begierden der Welt auch immer die ewige Freude
betrachtest. Der Sessel soll der Wille sein, bei mir zu bleiben, wenn es
sich auch bisweilen begeben sollte, daß Du abweichst. Denn es ist wider die
Natur, allezeit zu stehen. Derjenige steht immer, der immer den Willen hat,
mit der Welt zu sein, niemals aber bei mir zu sitzen. Das Licht oder die
Leuchte soll der Glaube sein, vermöge dessen Du glaubst, daß ich alles
vermag und ich über alles allmächtig bin." ![]()
Wie die Braut die allersüßeste Jungfrau Maria erblickte mit einer Krone und anderen Zieraten auf eine unschätzbare Weise geschmückt, und wie der heilige Johannes der Täufer erklärt, was unter der Krone u. s. w. zu verstehen ist.
Die Braut erblickte die Himmelskönigin, die Mutter
Gottes, welche auf ihrem Haupte eine kostbare, unschätzbare Krone trug,
ihre Haare fielen in wunderbarer Schönheit auf die Schultern herab. Sie
trug einen goldenen Rock, welcher in unaussprechlichem Glanze schimmerte,
und einen blauen Mantel; von der Farbe des Azurs oder des heiteren Himmels.
Als die Braut über den schönen Anblick in starke Bewunderung geriet und in
diese Bewunderung gänzlich versunken war, erschien ihr alsbald der selige
Johannes der Täufer, welcher also zu ihr sprach: "Vernimm aufmerksam,
was dies bedeutet. Die Krone deutet an, daß sie Königin und Gebieterin,
die Mutter des Königs der Engel ist; die herabwallenden Haare, daß sie die
reinste und unbefleckte Jungfrau ist; der himmelblaue Mantel, daß alles
Zeitliche für sie wie tot war. Der goldene Rock bedeutet, daß sie in
göttlicher Liebe innerlich wie äußerlich brannte und glühte. In ihre
Krone hat ihr Sohn sieben Lilien gefaßt und zwischen diesen Lilien sieben
Steine angebracht. Die erste Lilie ist ihre Demut, die zweite die Furcht,
die dritte der Gehorsam, die vierte die Geduld, die fünfte die
Beständigkeit, die sechste die Milde, denn milde giebt sie allen Bittenden,
die siebente ist die Barmherzigkeit in Nöten, denn, in welcher Not ein
Mensch sich auch befinden mag, er wird errettet werden, wenn er sie mit
ganzem Herzen anruft. Zwischen diese sieben Lilien hat ihr Sohn sieben
Steine eingesetzt. Der erste Stein ist die sie auszeichnende
Tugendhaftigkeit, denn es ist keine Tugend in irgend einem Geiste oder
Leibe, die sie nicht in vollkommener Weise besitzt. Der zweite Stein ist die
vollkommenste Reinheit, weil diese Königin des Himmels so rein war, daß
man von ihrem ersten Eintritte in die Welt an bis auf ihren letzten Todestag
nicht einen einzigen Makel der Sünde an ihr entdecken konnte, auch
vermochten alle Teufel nicht
soviel Unreinigkeit an ihr zu finden, als man auf eine Nadelspitze hätte
setzen können. Sie ist wahrhaftig ganz rein gewesen, denn der König der
Herrlichkeit durfte nur in einem ganz reinen und sauberen und vor allen
Engeln und Menschen auserwählten Gefäße liegen. Der dritte Stein ist ihre
Schönheit gewesen, weil Gott um der Schönheit dieser seiner Mutter willen
von allen Heiligen insgesamt gepriesen wird, und die Freude der heiligen
Engel und aller heiligen Seelen von ihrer Schönheit erfüllt ist. Der
vierte köstliche Stein der Krone ist die Weisheit der Jungfrau, seiner
Mutter; denn, wie geschmückt sie auch sonst war, ist sie doch erfüllt
worden mit aller göttlichen Weisheit bei Gott, und durch sie wird alle
Weisheit erfüllt und vollkommen. Der fünfte Stein ist die Stärke, denn
sie ist stark bei Gott, daß sie alles, was erschaffen und gemacht worden,
erdrücken könnte. Der sechste Stein ferner ist ihrer, Klarheit, welche so
leuchtend ist, daß die Engel, deren Augen glänzender sind, als das Licht,
durch sie erleuchtet werden, und die Teufel ihre Klarheit nicht anzuschauen
wagen. Der siebente Stein ist die Fülle aller Freude und geistlichen
Süße, welche in ihr so vollkommen ist, daß es keine Freude giebt, die
nicht durch sie erhöht wird, kein Vergnügen, das nicht durch sie und ihren
beglückenden Anblick an Fülle und Vollkommenheit gewinnt, denn sie ist
voll Gnade und über alle Heiligen. Sie ist das Gefäß der Reinheit, worin
das Brot der Engel lag und worin jegliche Süße und Schönheit sich
befindet. Diese sieben Steine hat ihr Sohn zwischen die sieben Lilien
gesetzt, welche sich in ihrer Krone befanden. Ehre sie darum, Braut ihres
Sohnes, und lobe sie mit ganzem Herzen, weil sie wahrhaft jeglichen Lobes
und jeglicher Ehre wert ist."
Wie die Braut auf Gottes Ermahnung die Armut erwählt und Reichtum und Fleischeslust verschmäht; von der ihr geoffenbarten Wahrheit und drei merkwürdigen Dingen, welche ihr von Christo gezeigt worden.
Du sollst sein wie ein Mensch, welcher weggiebt und
welcher zusammenbringt. Du sollst weggeben den leiblichen Reichtum, dagegen
Tugenden erwerben, das Hinfällige verlassen und das Ewige
zusammenbringen, das Sichtbare aufgeben und das Unsichtbare sammeln. Statt
der Fleischeslust werde ich Dir Seelenfreude geben, für die Annehmlichkeit
der Welt die Lieblichkeit des Himmels, statt des Anblickes der Verwandten
das Anschanen Gottes, für die Ehre der Welt die Ehre der Engel, statt des
Besitzes von Gütern mich selber, den Geber und Schöpfer von allem. Sage
mir dreierlei, um das ich Dich frage. Zuerst: "Willst Du reich oder arm
sein in dieser Welt?" Sie antwortete: "Herr, ich will lieber arm
sein, weil der Reichtum mir keinen Nutzen schafft, sondern nur Sorge, und
mich abzieht von Deinem Dienste." - Sage mir zweitens: "Hast Du in
meinen Worten, die Du aus meinem Munde vernommen, etwas gefunden, das Dein
Herz als tadelhaft oder falsch erkannt hat?" Hierauf jene: "Nein,
fürwahr nicht; denn alles ist der Vernunft gemäß." Zum dritten sage
mir: "Ob Dir die Lust des Fleisches, die Du zuvor genossen, gefällt,
oder die Freude des Geistes, davon Du jetzt genießest?" Hierauf
antwortete jene: "Scham ist in meinem Herzen beim Gedanken an jene
frühere Fleischeslust; jetzt ist sie mir wie Gift und nun um so bitterer,
je heißer ich sie zuvor geliebt. Ich möchte lieber sterben, als jemals zu
ihr zurückkehren; sie läßt sich durchaus nicht mit der geistigen Freude
vergleichen." "So beweisest Du denn an Dir selber," sprach
Christus, "daß alles wahr ist, was ich Dir gesagt. Was fürchtest Du
dann, oder warum bist Du besorgt, wenn ich das, was nach meinen Worten
geschehen soll, auf eine spätere Zeit verschiebe? Siehe an die Propheten,
siehe an die Apostel und die heiligen Lehrer, ob sie anderes, als die
Wahrheit an mir gefunden? Deshalb bekümmerten sie sich nicht um die Welt,
noch deren Begehrlichkeit. Oder weshalb sonst haben die Propheten so lange
vorher das Zukünftige geweissagt, als weil Gott wollte, daß zuerst die
Worte bekannt werden sollten, dann aber die Erfüllung käme, auf daß die
Unwissenden zum Glauben erzogen würden? Es sind ja alle Geheimnisse meiner
Menschwerdung zuvor den Propheten kundgegeben worden; so ist auch der Stern
den Weisen vorangegangen, und da sie den Worten des Propheten glaubten, sind
sie durch den Anblick des Sternes schnell in ihrer Gewißheit bestärkt
worden. Ebenso müssen jetzt meine Worte zuvor angekündigt werden, damit,
wenn die Erfüllung kommt, denselben desto zuversichtlicher geglaubt wird. ![]()
Ich habe Dir drei Menschen gezeigt. Den ersten, dessen
Sünde ich geoffenbart und durch augenscheinliche Zeichen erwiesen habe. Und
weshalb? Könnte ich ihn nicht persönlich töten? Oder könnte ich ihn
nicht augenblicklich in die Hölle stürzen, wenn ich wollte? Freilich
könnte ich's. Aber anderen zur Lehre und um meine Worte zu bewahrheiten,
auch zu zeigen, wie gerecht und geduldig ich bin, und wie unglücklich
dagegen einer ist, über welchen der Teufel gebietet, darum dulde ich ihn
bis jetzt. Der Teufel hat große Gewalt über ihn, weil sein Wille und seine
Freude so sehr bei der Sünde verweilt, daß weder milde Ermahnungen, noch
harte Drohungen, noch die Furcht vor der Hölle ihn davon abbringen können.
Und daran geschieht ihm ganz recht; denn weil er stets den Willen gehabt, zu
sündigen, mag er auch nicht in die That übergegangen sein, so würde er
mit Recht auf ewig dem Teufel übergeben werden; auch die geringste Sünde,
daran jemand sich freut, reicht hin, um ihn zu verderben. Noch zwei andere
habe ich Dir gezeigt. Den einen peinigte der Teufel zwar am Leibe, in seine
Seele aber kam er nicht. Mit seiner Arglist verfinsterte er zwar sein
Gewissen, jedoch über seine Seele hatte er keine Macht. Du könntest
vielleicht fragen, ob Gewissen und Seele nicht einerlei sind? Keineswegs!
sondern, wie der Leib zwei Augen hat, mit denen er sieht, und der Körper,
wenn den Augen das Gesicht genommen wird, gleichwohl gesund sein kann, also
ist es mit der Seele. Denn, obwohl der Verstand und das Gewissen zuweilen
durch die Strafe beunruhigt werden, wird doch die Seele nicht immer durch
die Schuld versehrt; deshalb konnte der Teufel zwar im Gewissen, aber nicht
in der Seele des einen die Übermacht haben. - Einen dritten will ich Dir
zeigen, in dessen Seele und Leibe der Teufel vollständig herrscht, und wenn
ihn nicht meine Macht und besondere Gnade dazu zwingt, wird er nimmer aus
ihm ausgetrieben noch ausfahren. Aus einigen Menschen fährt der Teufel bald
und schnell aus, aus anderen wider Willen und gezwungen. In einige fährt
der Teufel entweder um einer Sünde der Eltern halber, oder nach irgend
einem geheimnisvollen Ratschlusse Gottes, wie in Kinder und Verrückte, in
andere wegen ihres Unglaubens, oder einer anderen Sünde halber. Aus diesen
fährt der Teufel gern aus, wenn er durch solche ausgetrieben wird, welche
die Beschwörungen oder die Kunst, die Teufel auszu-
treiben, kennen, wofern diese die Austreibung aus eitler Ehrbegier oder um
eines zeitlichen Gewinnes halber vornehmen, weil der Teufel die Macht hat,
in denjenigen einzufahren, welcher ihn ausgetrieben, sowie wiederum in
denjenigen zurück, aus welchem er ausgetrieben worden, weil in beiden die
göttliche Liebe nicht war. Aus denjenigen aber, deren Seele und Leib er
völlig eingenommen, fährt er nur kraft meiner Macht aus. Denn, wie der
Essig, wenn er ganz süßem Weine beigemischt wird, alle Süßigkeit des
Weines versäuert und von demselben nimmer wieder abgesondert werden kann,
so geht auch der Teufel aus keines Seele, die er besitzt, anders, als durch
meine Macht hinaus. Was ist aber dieser Wein anderes, als die Seele, welche
mir vor jeglichem Geschöpfe überaus süß und mir so teuer gewesen, daß
ich für sie mir die Nerven habe zerschneiden und mein Fleisch bis auf die
Rippen habe zerreißen lassen? und um ihrer nicht zu entbehren, habe ich
für sie den Tod übernommen. Dieser Wein wurde auf der Hefen erhalten, weil
ich die Seele in den Leib hineingesetzt habe, in welchem sie wie in einem
verschlossenen Fasse nach meinem Willen behütet ward. Der Teufel aber ist
der sauere Essig, der dem süßen Weine beigemischt, ihn verdirbt, seine
Bosheit ist mir noch abscheulicher, denn aller Essig. Dieser Essig wird
durch meine Macht von jenem Menschen, dessen Namen ich Dir sage, abgesondert
werden, um Dir an demselben meine Barmherzigkeit und meine Weisheit zu
zeigen, wie an dem dritten meine Gerechtigkeit und mein Gericht."
Der erste war einer vom Adel, ein hoffärtiger Sänger,
welcher ohne Erlaubnis des Papstes nach Jerusalem ging und vom Teufel
eingenommen ward. Von diesem Besessenen ist auch im XXXI, Kapitel des
dritten und im XV. Kapitel des vierten Buches die Rede. Der zweite Besessene
desselben Kapitels war ein Mönch vom Cistercienserorden, welchen der Teufel
dermaßen quälte, daß er kaum von vier Männern festgehalten werden
konnte. Seine ausgestreckte Zunge glich einer Ochsenzunge, und die seinen
Händen angelegten Eisen wurden auf unsichtbare Weise zerbrochen. Durch Frau
Brigitta ward er nach einem Monate und zwei Tagen erlöst. Der dritte
Besessene war ein Steuererheber in Ostgotland, welcher, zur Buße ermahnt,
zu seinem Ermahner sprach: "Kann nicht der Bewohner eines Hauses
sitzen, wo es ihm beliebt?
Der Teufel hält meine Zunge und mein Herz fest. Wie kann ich Buße thun?"
Er verfluchte auch die Heiligen Gottes und starb bei Nacht ohne Sakrament
und Beichte.
Ermahnungen des Herrn an die Braut, betreffend die wahre und falsche Weisheit, und wie die guten Engel den frommen Weisen und die Teufel den stolzen Weisen beistehen.
Einige meiner Freunde besitzen als meine Schüler
dreierlei Gaben. Zuerst haben sie ein verständiges Wissen von der
natürlichen Beschaffenheit des Gehirns, zweitens Weisheit, welche nicht von
den Menschen kommt, denn ich lehre sie inwendig in Person, drittens sind sie
von Süßigkeit und göttlicher Liebe, mittels deren sie den Teufel
überwinden werden. Jetzt aber lernen die Menschen gerade das Gegenteil.
Erstlich wollen sie gelehrt sein aus Ruhmredigkeit, damit sie gute
Geistliche genannt werden, zweitens wollen sie gelehrt sein, um Reichtum zu
erlangen, drittens wollen sie gelehrt sein, um zu Ehren und Würden zu
kommen. Wenn sie daher in ihre Schulen gehen und dort eintreten, gehe ich
vor ihnen hinaus, weil sie nur aus Hoffart lernen, während ich Demut lehre.
Sie gehen aus Eigennutz hinein, und ich hatte nicht, wohin ich mein Haupt
legte. Sie gehen hinein, um Würden zu erlangen, und beneiden andere, daß
dieselben über ihnen stehen, ich aber wurde von Pilatus verurteilt und von
Herodes verspottet; darum gehe ich vor ihnen hinaus, weil sie meine Lehre
nicht annehmen. Weil ich aber gut und milde bin, gebe ich dennoch jedem, um
was er bittet. Wer mich um Brot bittet, wird solches haben, wer aber um
Stroh, dem wird auch dieses gegeben. Meine Freunde aber bitten mich um Brot,
denn sie suchen und lernen die göttliche Weisheit, in welcher meine Liebe
ist; die anderen aber begehren Stroh, das ist die weltliche Weisheit. Denn
wie das Stroh keinen Nutzen bringt und nur die Speise unvernünftiger Tiere
ist, so gewährt auch die weltliche Weisheit, welche sie suchen, keinen
Nutzen und der Seele keine Erquickung, sondern nur einen geringen Namen und
leere Arbeit; denn, wenn der Mensch stirbt, ist alle seine Weisheit dahin,
und er kann von denen, die ihn loben, nicht mehr ge-
sehen werden. Ich bin gleich einem großen Herrn, der viele Diener hat,
welche in seinem Namen austeilen, was allen notwendig ist. So stehen die
guten und bösen Engel mir zu Gebote; jenen aber, welche meine Weisheit
lernen, d. h. wie sie mir dienen können, helfen die guten Engel und
erquicken sie mit Trost und lieblicher Arbeit, den Weisen der Welt jedoch
stehen die bösen Engel bei, die ihnen eingeben, was sie wollen, sie nach
ihrem Willen leiten, und mit vielem Eifer ihre Gedanken ihnen einflößen.
Wenn sie aber auf mich achten wollten, würde ich Macht genug haben, ihnen
Brot zu geben ohne Mühe und zur Sättigung die Welt, von der sie nicht
ersättigt werden, weil sie sich das Süße in Bitteres verwandeln. Du aber,
meine Braut, mußt sein wie ein Käse, Dein Leib aber wie die Form, in
welche der Käse so lange hineingethan wird, bis er die Gestalt derselben
hat. So muß auch Deine Seele, welche mir süß und angenehm ist, wie der
Käse so lange im Körper geprüft und gereinigt werden, bis Leib und Seele
zusammenstimmen und sie beide einerlei Art der Enthaltsamkeit erlangt haben,
so daß das Fleisch dem Geiste gehorcht und der Geist das Fleisch zu
jeglicher Tugend leitet.
Wie Christus die Braut über die Weise belehrt, wie man leben soll und wie der Teufel Christo bekennt, daß die Braut ihn (Christum) über alles liebe; wie der Teufel an Christum die Frage gethan, warum er diese Braut so sehr liebe, und von der Liebe zur Braut, welche der Teufel in Christo bekennt.
Ich bin der Schöpfer Himmels und der Erde; ich war im
Leibe der Jungfrau wahrer Gott und Mensch, ich starb, erstand wieder auf und
fuhr auf gen Himmel. Du, meine neue Braut, bist gekommen an einen
unbekannten Ort und da mußt Du vier Stücke haben. Zuerst mußt Du des
Ortes Sprache kennen; zweitens mußt Du die rechten Kleider haben; drittens
mußt Du verstehen, die Tage und Zeiten nach Beschaffenheit des Ortes
einzurichten; viertens Dich an die neuen Speisen zu gewöhnen. So mußt Du,
weil Du von der Unbeständigkeit der Welt zur Beständigkeit gekommen bist,
auch eine neue Sprache haben, d. h. Dich der un-
nützen, zuweilen auch, des Ernstes, der Schweigsamkeit halber, der
erlaubten Worte enthalten. Deine Kleider sollen sein: Innerliche und
äußerliche Demut, so daß Du Dich nicht innerlich erhebst, als seiest Du
heiliger, denn andere, noch auch Dich vor den Menschen schämst, äußerlich
demütig zu erscheinen. Drittens muß die Verwendung Deiner Zeit also
stattfinden, daß, wie Du auf Deine Leibespflege viel Zeit verwendet hast,
sie nun für die Seele verwendest und niemals sündigen wollest wider mich.
Die neue Speise ist die bescheidene Enthaltsamkeit von aller Unmäßigkeit
und Leckerhaftigkeit, soweit die Natur es ertragen kann; denn, was an
Enthaltsamkeit über das Vermögen der Natur hinaus geleistet wird, gefällt
mir nicht, weil ich begehre, was vernünftig ist, und nur daß die Natur
gezähmt werde. -
In diesem Augenblicke erschien der Teufel. Zu diesem
sprach der Herr: "Du wurdest von mir erschaffen und hast an mir alle
Gerechtigkeit gesehen. Antworte mir, ob diese meine neue Braut rechtmäßig
und in bewährter Gerechtigkeit mein ist? Ich erlaube dir, in ihr Herz zu
sehen und dasselbe zu verstehen, damit du weißt, was du mir zu antworten
hast. Liebt sie etwas anderes so, wie mich, oder möchte sie etwas anderes
für mich eintauschen?" Der Teufel antwortete ihm: "Nichts liebt
sie so sehr, als Dich, und ehe sie Dich entbehrte, würde sie lieber alle
Todesstrafen erleiden, wenn Du ihr die Tugend der Geduld geben wolltest. Ich
sehe gleichsam ein feuriges Band von Dir auf sie herniedergehen, welches ihr
Herz so fesselt, daß sie nichts anderes denkt oder liebt, als Dich."
Darauf sprach der Herr zum Teufel: "Sage mir, wer sitzet in deinem
Herzen, oder wie gefällt dir diese so große Liebe, welche ich zu ihr
trage? Und der Teufel sprach: "Ich habe zwei Augen: ein leibliches
(obwohl ich nicht leiblich bin), . mit welchem ich das Zeitliche so deutlich
sehe, daß nichts so heimlich, noch so in Finsternis gehüllt ist, daß es
sich vor mir verbergen kann; das zweite Auge ist geistig, und keine Strafe
ist so klein, die ich nicht sehe, und von welcher ich nicht erkenne, für
welche Sünde sie erfolgte. Auch ist keine, durch Buße nicht gereinigte
Sünde so gering oder leicht, daß ich sie nicht sähe. Obwohl aber keine
Glieder empfindlicher sind, als die Augen, so wollte ich doch gar gern
leiden, daß zwei brennende Fackeln unausgesetzt meine Augen durchstächen,
um nur mit den geistigen Augen nicht sehen zu dürfen. Ich habe auch zwei
Ohren, ein leibliches, womit ich alles höre und weiß, was jemand auch noch
so heimlich spricht; das andere ist ein geistiges, womit ich allemal
vernehme, wenn jemand auch noch so geheim an eine Sünde denkt oder danach
verlangt, wenn es nicht durch Buße wieder getilgt ist. Es ist eine Pein in
der Hölle, die wie ein Gießbach aufwallt und in mächtigster Glut sich
ergießt; diese möchte ich gern und unaufhörlich durch meine Ohren ein-
und auslaufen lassen, um nur nichts mit meinen geistigen Ohren hören zu
dürfen. Auch ein geistiges Herz habe ich; dies möchte ich gern
unaufhörlich in Stücke hauen und zu dieser Strafe immerfort erneuern
lassen, wenn nur ihr Herz kalt werden möchte in der Liebe zu Dir. Jetzt
aber begehre ich, weil Du gerecht bist, ein einziges Wort von Dir
beantwortet. Sage mir, warum Du diese also liebst, oder weshalb Du Dir nicht
eine heiligere, reichere, schönere auserwählt hast?" Der Herr
antwortete: "Weil es die Gerechtigkeit also erforderte. Du bist ja
freilich geschaffen von mir und hast alle Gerechtigkeit gesehen in mir. Sage
mir, so daß diese es hört, welche Gerechtigkeit war es, daß du so
erbärmlich gefallen bist? Oder was war dein Gedanke bei deinem Falle?"
Der Teufel antwortete: "Ich sah an Dir dreierlei. Ich erblickte Deine
Herrlichkeit, Deine Ehre über alles, und dachte an meine eigene
Herrlichkeit; darob ward ich hoffärtig. und nahm mir vor, nicht nur Dir
gleich zu sein, sondern mich selbst über Dich zu erheben. Zweitens sah ich,
daß Du mächtiger bist als alles; deshalb wünschte ich noch mächtiger zu
sein, als Du. Drittens sah ich, was künftig kommen würde, und weil Deine
Herrlichkeit und Ehre ohne Anfang und ohne Ende sind, beneidete ich Dich und
gedachte, wie gern ich mit der über alle Pein bittersten Qual gequält
werden wollte, wenn Du nur sterben möchtest, und in solchen Gedanken fiel
ich und deswegen ist die Hölle geworden." Der Herr antwortete:
"Du hast mich gefragt, weshalb ich meine Braut so liebe? Wahrlich
darum, weil ich alle deine Bosheit in Gutes verwandle. Weil du hoffärtig
geworden, konntest du nicht sehen, daß ich, dein Schöpfer, dir gleich sei,
deshalb demütige ich mich in allem, sammle die Sünder, stelle mich ihnen
gleich und gebe ihnen von meiner Herrlichkeit. Weil du ferner eine so arge
Begehrlichkeit gehabt, daß du
hast mächtiger sein wollen, als ich, deshalb mache ich die Sünder mächtig
über dich und mächtig mit mir. Weil du endlich neidisch auf mich gewesen,
bin ich liebevoll, so daß ich mich für die Sünder opferte. Und jetzt, o
Teufel, ist dein finsteres Herz erleuchtet; sag' an, daß es meine Braut
hört, welche Liebe habe ich zu ihr?" Und der Teufel sprach: "Wenn
es möglich wäre, würdest Du überaus gern an jedem Deiner Glieder
besonders noch einmal eine solche Qual erleiden, als Du einst am Kreuze an
allen Gliedern gelitten, ehe Du auf diese verzichtest." Hierauf
antwortete der Herr: "Wenn ich denn so barmherzig bin, daß ich niemand
die Verzeihung versage, der mich darum bittet, so bitte auch du mich
demütig um Barmherzigkeit und ich werde sie dir gewähren." Der Teufel
entgegnete ihm: "Nimmermehr werde ich das thun. Denn als ich fiel, ist
auf jede Sünde, sei es nun ein unnützer Gedanke oder ein unnützes Wort,
eine Strafe gesetzt, und ein jeder Geist, welcher fällt, wird seine Strafe
empfangen. Ehe ich daher meine Kniee beugte vor Dir, möchte ich lieber alle
Strafen in mich verschlucken, solange der Mund zur Strafe geöffnet und
geschlossen werden könnte, so daß ich immerfort erneuert würde zur
Pein" Darauf sprach der Herr zu seiner Braut: "Siehe, wie
verhärtet der Fürst der Welt ist und wie hochmütig wider mich aus meiner
verborgenen Gerechtigkeit. Denn ich könnte ihn in einem Angenblicke
vermöge meiner Macht vertilgen; aber ich übe gegen ihn nicht mehr
Gerechtigkeit, als gegen den guten Engel im Himmel. Wenn aber seine Zeit
gekommen sein wird, welche schon naht, werde ich ihn samt seinem Anhange
richten. Deshalb, meine Braut fahre immer fort mit guten Werken. Liebe mich
von ganzem Herzen und fürchte nichts als mich; denn ich bin Herr über den
Teufel und über alles,was da ist." ![]()
Worte der Jungfrau zur Braut, worin ihr Schmerz Über das Leiden Christi dargestellt wird, und wie durch Adam und Eva die Welt verkauft und durch Christum und die Jungfrau, seine Mutter, wieder erlöst worden.
Maria sprach: "Betrachte, o Tochter, das Leiden
meines Sohnes, dessen Glieder waren meine Glieder und dessen Herz war mein
Herz. Wie andere Kinder unter dem Herzen ihrer Mutter zu sein pflegen, so
war er unter dem meinigen. Er aber ist empfangen aus der Inbrunst der
göttlichen Liebe, andere dagegen sind es aus der Begierde des Fleisches.
Daher sagt meiner Schwester Sohn Johannes gar wohl: Das Wort ist Fleisch
geworden. Durch die Liebe ist er gekommen und gewesen in mir, das Wort aber
und die Liebe haben ihn in mir gebildet. Da er mir war wie mein Herz und er
von mir geboren ward, hatte ich eine Empfindung, als ob gleichsam die
Hälfte meines Herzens geboren würde und von mir ausginge, und ebenso, da
er litt, hatte ich eine Empfindung, als ob gleichsam mein Herz litt. Denn
wie bei einem Körper das Innere den Schmerz empfindet, wenn das Äußere
gestochen wird, so wurde auch mein Herz innerlich gegeißelt und gestochen,
als mein Sohn äußerlich gegeißelt und gestochen wurde. Weil ich in seinem
Leiden ganz nahe bei ihm war und mich nicht trennen von ihm ließ, ganz
dicht an seinem Kreuze stand und weil dasjenige schärfer sticht, was dem
Herzen nahe ist, so war mir auch sein Schmerz härter, als anderen. Und als
er vom Kreuze auf mich herabblickte und ich zu ihm hinauf, da entströmten
meinen Augen die Thränen wie das Blut aus Adern, und wie er mich so vom
Schmerze anfgerieben sah, machte ihm mein Schmerz so bittere Empfindungen,
daß aller Schmerz, den ihm seine Wunden verursachten, gleichsam entschlafen
war in dem Schmerze, worin er mich erblickte. Darum sage ich kühn, daß
sein Schmerz mein Schmerz gewesen, weil sein Herz das meinige war, und weil
Adam und Eva die Welt um einen Apfel verkauften, so haben mein Sohn und ich
die Welt gewissermaßen mit Einem Herzen zurückerkauft. Bedenke deshalb,
meine Tochter, die Größe meines Schmerzes beim Tode meines Sohnes und es
wird Dir nicht schwer werden, die Welt zu verlassen." ![]()
Antwort des Herrn an den Engel, welcher für die Braut bat, daß ihr Trübsale des Leibes und der Seele zu teil und daß den Vollkommeneren auch größere Trübsale auferlegt werden möchten.
Dem Engel, welcher für die Braut seines Herrn Fürbitte
that, antwortete der Herr: "Du bist wie ein Krieger des Herrn, der aus
Überdruß niemals seinen Helm ablegte, noch aus Furcht seine Augen abwendet
vom Kampfe. Du bist fest wie ein Berg, brennend wie eine Flamme, Du bist so
rein, daß kein Flecken an Dir ist. Da Du Barmherzigkeit begehrst für meine
Braut und obwohl Du alles in mir weißt und siehst, so rede, so daß sie es
hört, welche Barmherzigkeit Du für sie erbittest. Denn es giebt eine
dreifache Barmherzigkeit; die eine, mittels deren der Leid gestraft, die
Seele aber geschont wird, wie bei meinem Freunde Job, dessen Fleisch aller
Art Schmerzen hingegeben war, während die Seele bewahrt blieb. Die zweite
Art der Barmherzigkeit ist diejenige, bei welcher Seele und Leib mit der
Strafe verschont werden, wie bei jenem Könige,
der in allen Lüsten steckte, und, solange er in der Welt lebte, weder am
Leibe, noch an der Seele einen Schmerz empfand. Die dritte Art der
Barmherzigkeit ist diejenige, mittels deren Seele und Leib gestraft wird, so
daß man Trübsale hat im Fleische und Schmerz im Herzen, wie Petrus und
Paulus und andere Heilige. Diese dreifache Barmherzigkeit offenbare ich an
dreierlei Arten von Menschen in der Welt. Die einen sind diejenigen, welche
in Sünde fallen und wieder aufstehen; diese lasse ich zuweilen Trübsale im
Fleische empfinden, auf daß sie gerettet werden. Zu den zweiten gehören
jene, welche gern ewig leben möchten, um in Ewigkeit sündigen zu können,
welche ihren ganzen Willen auf die Weit gerichtet haben, und wenn sie
zuweilen etwas für mich thun, es mit der Absicht vornehmen, daß ihnen
zeitlicher Zuwachs und Vorteil zu teil werde; diesen wird keine leibliche
Strafe, noch ein großer Herzensschmerz zu teil, sondern sie werden in ihrer
eigenen Macht
und ihrem eigenen Willen gelassen, weil sie für das sehr geringe Gute, das
sie für mich gethan, hier ihren Lohn empfangen, um dann in Ewigkeit
gepeinigt zu werden, weil, da ihr Wille immerfort auf die Sünde gerichtet
ist, auch ihre Strafe eine immerwährende sein wird. Zur dritten Gattung
gehören, welche sich weit mehr als vor irgend einer Strafe davor fürchten,
wider mich zu sündigen und meinen Willen zu verletzen; sie möchten lieber
in Ewigkeit mit unerträglicher Strafe gepeinigt werden, als mich
wissentlich zum Zorne reizen. Diesen wird Trübsal des Leibes und der Seele
gesendet, wie dem Petrus und Paulus und anderen Heiligen, damit sie, was sie
in dieser Welt gesündigt haben, auch in der Welt bessern, oder sie werden
zu größerer Herrlichkeit und anderen zum Beispiel auf eine Zeit lang
gereinigt. Diese dreifache Barmherzigkeit habe ich in diesem Reiche an
dreien geübt, deren Namen Dir bekannt sind. Wohlan nun, Du Engel, mein
Diener, welche Art der Barmherzigkeit begehrst Du für meine Braut?"
und der Engel sprach: "Die Barmherzigkeit der Trübsal für Leib und
Seele, auf daß sie, was sie hier gesündigt hat, noch in der Welt bessere
und keine ihrer Sünden in Dein Gericht komme." Der Herr erwiderte:
"Es geschehe nach Deinem Willen." Dann sprach er zur Braut:
"Du bist mein, deshalb werde ich mit Dir thun, wie es mir beliebt.
Liebe nichts so, wie mich. Reinige Dich daher zu jeder Stunde von der Sünde
mit Hilfe derer, denen ich Dich anvertraut hatte. Verhehle keine, Sünde,
laß keine unerforscht, und halte keine Sünde für leicht, vernachlässige
keine; denn alles, was Du versäumen wirst, dessen werde ich gedenken und
das werde ich richten. Keine Sünde wird in mein Gericht kommen, welche in
Deinem Leben abgebüßt worden; die nicht abgebüßten aber werden entweder
im Fegfeuer gereinigt oder durch einen anderen verborgenen Ratschluß, es
sei denn, daß sie durch eine Genugthuung hier gebessert worden sind." ![]()
Worte der Mutter zur Braut, worin die Vortrefflichkeit ihres Sohnes auseinandergesetzt wird, und wie Christus jetzt von seinen Feinden, den bösen Christen, schlimmer gekreuzigt wird, als er von den Juden gekreuzigt worden, und daß folglich jene schärfer und bitterer werden gestraft werden.
Die Mutter sprach: "Mein Sohn hat dreierlei Gutes
gehabt. Zuerst hat niemand einen so zarten Leib gehabt, wie er, und zwar
deshalb, weil er aus zwei sehr guten Naturen bestand, der Gottheit und der
Menschheit. auch war derselbe so rein, daß, wie in einem ganz hellen Auge
kein Flecken gefunden wird, also auch an seinem Leibe keine Entstellung
entdeckt werden konnte. Das zweite Gute war, daß er niemals gesündigt.
Manche Kinder tragen freilich zuweilen außer ihren eigenen Sünden auch die
ihrer Eltern, er aber hat niemals gesündigt und gleichwohl aller Sünden
getragen. Das dritte war, daß manche sterben um Gottes und größerer
Belohnung willen; er aber ist ebenso für seine Feinde gestorben, wie für
mich und für seine Freunde. Als aber seine Feinde ihn kreuzigten, fügten
sie ihm vierfaches Urecht zu. Erstlich krönten sie ihn mit Dornen; zweitens
durchbohrten sie ihm Hände und Füße; drittens gaben sie ihm Galle zu
trinken; viertens durchstachen sie ihm die Seite. Jetzt aber klage ich über
seine jetzt in der Welt lebenden Feinde, welche ihn ärger kreuzigen, als
die Juden ihn damals kreuzigten. Obwohl die Gottheit leidensunfähig ist und
nicht sterben kann, so kreuzigen sie ihn doch mit ihren Lastern; denn wie
ein Mensch das Bild eines Feindes schmähen und beschädigen kann, obwohl
das Bild die Beleidigung nicht zu empfinden vermag, der Beschädiger aber
wegen des bösen Willens, zu verletzen, gleich als ob er am Bilde sich
thätlich vergriffen, beschuldigt und gestraft wird, so sind ihre Laster,
womit sie meinen Sohn geistig kreuzigen, abscheulicher und schwerer, als
derer, die ihn leiblich gekreuzigt. Vielleicht aber möchtest Du fragen: Wie
kreuzigen sie ihn? Ja, freilich! Zuerst legen sie ihn auf das Kreuz, das sie
ihm bereitet haben, da sie sich um die Gebote ihres Schöpfers und Herrn
nicht kümmern und ihn entehren, obwohl er sie durch
seine Diener auffordern läßt, ihm zu dienen, sie aber, dies verachtend,
thun, was ihnen beliebt. Darauf kreuzigen sie die rechte Hand; denn sie
halten die Gerechtigkeit für Ungerechtigkeit und sprechen: Die Sünde ist
vor Gott nicht so schwer und verhaßt, wie gesagt wird, auch erlegt Gott
niemand einen Schmerz für ewig auf, sondern hat dies nur gedroht, um Furcht
zu erregen. Denn warum sollte er den Menschen erlöst haben, wenn er dessen
Untergang will? Sie haben nicht acht darauf, wie die geringste Sünde, wenn
der Mensch daran Vergnügen findet, hinreicht, ihm ewige Strafe zuzuziehen;
denn Gott läßt nicht die geringste Sünde ungestraft, wie auch das
kleinste Gute nicht ohne Lohn. Deshalb wird ihre Strafe ewig sein, weil sie
einen immerwährenden Willen, zu sündigen, haben, den mein Sohn, welcher
das Herz sieht, der That gleich erachtet; denn, wie sie den Willen haben,
würden sie auch die Werke vollbringen, wenn mein Sohn es zuließe. Darauf
kreuzigen sie ihm die linke Hand, weil sie die Tugend in Laster verkehren,
indem sie sündigen wollen bis an das Ende. Sie sprechen: Wenn wir am Ende
einmal sagen: Gott, erbarme Dich meiner! dann ist Gottes Barmherzigkeit so
groß, daß wir Barmherzigkeit erlangen. Das ist keine Tugend, sündigen,
aber nicht sich bessern, und Lohn haben wollen ohne Arbeit, wofern nicht
Zerknirschung im Herzen ist, so daß man sich gern bessern möchte, könnte
es bei der Schwäche oder einem anderen Hindernisse geschehen. Hernach
kreuzigen sie seine Füße, weil sie an der Sünde Vergnügen finden, und
nie an das bittere Leiden meines Sohnes denken, noch ihm aus der Tiefe des
Herzens Dank sagen und sprechen: Ach Gott, wie bitter war Dein Leiden; Preis
Dir für Deinen Tod! Dergleichen kömmt niemals aus ihrem Munde. Sie setzen
ihm die Krone der Verhöhnung auf, wenn sie seiner Diener spotten und seinen
Dienst für eine gleichgültige Sache halten. Sie geben ihm auch Galle zu
trinken, indem sie sich der Sünde freuen und der Fröhlichkeit überlassen,
ohne daß jemals in ihrem Herzen der Gedanke aufsteigt, wie schwer und
vielfältig dieselbe sei. Sie durchstechen endlich seine Seite, da sie
hartnäckig in der Sünde verharren wollen. Wahrlich, ich sage Dir, und Du
kannst es meinen Freunden sagen, daß solche Leute mit meinem Sohne
ungerechter verfahren, als seine Richter, unbarmherziger, als seine
Peiniger, unver-
schämter, als sein Verräter; ihnen gebührt eine härtere Strafe, als
diesen. Pilatus wußte wohl, daß mein Sohn nicht gesündigt habe, noch
irgend eines Todes würdig sei; dennoch aber verurteilte er, weil er einen
Verlust seiner zeitlichen Macht und einen Aufstand der Juden befürchtete,
meinen Sohn gleichsam wider Willen zum Tode. Was hätten aber diese Leute zu
fürchten, wenn sie ihm dienen, oder was würden sie an ihrer Ehre und
Würde einbüßen, wenn sie ihn ehren würden? Deshalb werden sie schwerer
bestraft werden und sind schlechter vor den Augen meines Sohnes, als
Pilatus, der ihn aus Furcht und durch den Willen der Juden gedrängt
verurteilt hat, während sie ihn ohne Furcht und ihrem eigenen Willen
nachgebend kreuzigen, indem sie ihn durch jene Sünden verunehren, deren sie
sich wohl enthalten könnten; geschweige denn, daß sie sich ihrer Sünden
enthalten, schämen sie sich nicht einmal derselben und merken nicht, daß
sie der Wohlthaten desjenigen unwert sind, dem sie zu dienen sich weigern.
Sie sind ärger, als Judas, welcher erst, nachdem er den Herrn verraten,
erfuhr, daß er Gott sei und er sich schwer an demselben versündigt habe;
voll Verzweiflung erhenkte er sich und beschleunigte seinen Lauf zur Hölle,
da er sich unwürdig hielt, zu leben. Sie aber kennen ihre Sünde gar wohl,
beharren jedoch gleichwohl darin und haben darüber im Herzen keine Reue,
sondern wollen mit Gewalt und eigener Macht das Himmelreich an sich reißen,
weil sie es nicht durch Werke, sondern mittels ihrer leeren Hoffnung zu
erlangen gedenken, während es niemand gegeben wird, der nicht etwas für
Gott wirkt und leidet. Sie sind ärger, als seine Peiniger; denn als diese
die guten Werke meines Sohnes erblickt hatten, nämlich: daß er Tote
erweckte, Aussätzige reinigte, dachten sie bei sich: Dieser wirkt
ungewöhnliche und unerhörte Wunder; er wirft mit einem Worte nieder, die
er will, er weiß unsere Gedanken und
thut, was er will; wenn er also fortfahren wird, so werden
wir alle seiner Macht unterworfen und seine Untergebenen werden. Damit sie
ihm also nicht unterworfen würden, kreuzigten sie ihn aus Neid; denn, wenn
sie gewußt hätten, daß er der König der Herrlichkeit wäre, würden sie
ihn nimmer gekreuzigt haben. Sie aber sehen täglich seine Werke und großen
Wunder, machen sich seine Wohlthaten zu nutze und hören, wie sie ihm dienen
und zu ihm
kommen sollen, denken aber bei sich: Sollen wir alles Zeitliche verlassen;
sollen wir seinen, aber nicht unseren Willen thun? Das ist schwer und
unerträglich. Darum verachten sie seinen Willen, damit derselbe nicht über
dem ihrigen sei, kreuzigen meinen Sohn durch ihre Verhärtung und häufen
wider ihr Gewissen eine Sünde auf die andere. Sie sind ärger, als die
Kreuziger; denn die Juden begingen ihre That aus Neid und weil sie nicht
wußten, daß er Gott war; sie aber kreuzigen ihn durch ihre Bosheit und
Hoffart um ihrer eigenen Begierde willen auf eine geistige und darum
härtere Weise, da sie durch ihn erlöst worden sind.
Darum, o Braut! sei meinem Sohne folgsam und fürchte ihn; denn, wie er barmherzig ist, also ist er auch gerecht."
Liebliches Gespräch des Sohnes mit dem Vater, und wie der Vater dem Sohne die Braut übergiebt und der Sohn dieselbe mit Freuden annimmt, und wie der Bräutigam seine Braut in Geduld und Einfalt durch ein Beispiel unterweist.
Der Vater sprach zum Sohne: "Ich habe mit Liebe mir
die Jungfrau erwählt und habe Deinen wahren, von ihr empfangenen Leib
angenommen, weil Du in mir bist und ich in Dir bin."
Wie Feuer und Hitze sich nimmer trennen lassen, so war es unmöglich, die
Gottheit von der Menschheit zu trennen. Der Sohn antwortete: "Alle Ehre
und Herrlichkeit sei Dir, o Vater; Dein Wille geschehe an mir und meiner an
Dir." Der Vater entgegnete: "Siehe, mein Sohn, diese neue Braut
überweise ich Dir wie ein zu hütendes und zu weidendes Schaf; von
demselben wirst Du als Besitzer des Schafes Käse erhalten zum Essen, Milch
zum Trinken und Wolle zur Kleidung. Du aber, o Braut, sollst ihm gehorchen
in dreifacher Weise: Du mußt geduldig, gehorsam und willig sein."
Hierauf sprach der Sohn zum Vater: "Dein ist der Wille samt der Macht,
.die Macht samt der Demut, die Demut samt der Weisheit, die Weisheit samt
der Barmherzigkeit. Dein Wille ge-
schehe, der da ist und sein wird ohne Anfang und ohne Ende im mir. Ich nehme
sie zu mir in meine Liebe, in Deine Macht und unter die Leitung des heiligen
Geistes, die wir nicht drei Götter sind, sondern Ein Gott." Hierauf
sprach der Sohn zu seiner Braut: "Du hast vernommen, wie der Vater Dich
mir überwiesen hat wie ein Schaf. Du mußt also einfältig und geduldig
sein wie ein Schaf und fruchtbar zu Nahrung und Kleidung. Erkenne dieses an
einem dreifachen Bilde. Denn es sind drei in der Welt. Das erste ist ganz
nackt, das zweite ist durstig und das dritte hat Hunger. Das erste bedeutet
den Glauben in meiner Kirche; derselbe ist nackt; denn alle schämen sich,
den Glauben und meine Gebote zu sprechen, und wenn es einige giebt, welche
meinen Glauben und meine Gebote sprechen, werden sie verachtet und der Lüge
beschuldigt. Deshalb müssen meine Worte, die aus meinem Munde gehen, diesen
Glauben gleichsam wie mit Wolle kleiden; denn wie die Wolle am Leibe des
Schafes durch die Wärme wächst, so gehen aus der Wärme meiner Gottheit
und meiner Menschheit meine Worte aus in Dein Herz, um meinen heiligen
Glauben mit dem Zeugnisse der Wahrheit und Weisheit in Dir zu bekleiden. Sie
werden beweisen, daß derselbe wahr sei, obwohl er jetzt für nichts
gehalten wird, so daß diejenigen, welche bisher lau gewesen, den Glauben
mit Werken der Liebe zu bekleiden, nachdem sie die Liebe meiner Worte
vernommen, sich bekehren und wieder entzündet werden, voll Vertrauen zu
reden und tapfer zu handeln. Das zweite bedeutet meine Freunde, welche
gleichsam dürstend danach verlangen, daß meine Ehre vollbracht werde, und
welche sich über meine Verunehrung betrüben. Diese werden durch das
Anhören meiner süßen Worte in noch größerer Liebe zu mir berauscht, und
andere, die jetzt noch tot sind, werden mit ihnen in Liebe zu mir
entzündet, wenn sie vernommen haben, welche Gnade ich gegen die Sünder
übe. Das dritte bedeutet diejenigen, welche in ihrem Herzen also denken:
Wenn wir den Willen Gottes wüßten und wie wir leben sollten, auch über
den guten Weg recht unterwiesen würden, so möchten wir gern thun, was wir
könnten. Diese haben gleichsam Hunger nach der Kenntnis meines Wegs,
niemand aber sättigt sie, weil niemand ihnen vollkommen zeigt, was gethan
werden muß, und wenn es gezeigt wird, niemand danach lebt; deshalb
erscheinen
ihnen die Worte wie tot, weil sie niemand danach leben sehen. Nun werde ich
selber ihnen zeigen, was sie thun sollen, und sie mit meiner Süßigkeit
sättigen. Das Zeitliche, das sichtbar ist und wonach jetzt fast alle
streben, kann den Menschen nicht sättigen, sondern reizt in ihm mehr und
mehr die Begierde zu seinem Erwerbe. Meine Worte und meine Liebe aber werden
die Menschen sättigen und sie mit überflüssigem Troste erfüllen. Darum,
meine Braut, die Du mein Schaf bist, sorge, daß Du Gehorsam und Geduld
bewahrst; denn Du bist mit vollem Rechte mein geworden und mußt meinem
Willen folgen. Wer aber eines dritten Willen folgen will, muß dreierlei
haben: Erstens eine Übereinstimmung mit ihm; zweitens gleiche
Handlungsweise; drittens seinen Feinden ausweichen. Wer anders aber sind
meine Feinde, als Hoffart und alle Sünde? Vor diesen also mußt Du
zurückweichen, wenn Du meinen Willen zu befolgen wünschest."
Wie in Christo zur Zeit seines Todes Glaube, Hoffnung und Liebe vollkommener geworden, in uns Elenden aber abnehmen.
Dreierlei habe ich bei meinem Tode gehabt. Erstens den
Glauben, als ich meine Kniee beugte und betete wohl wissend, daß mein Vater
mich aus meinem Leiden herausreißen könnte; zweitens die Hoffnung, da ich
so standhaft wartete und sprach: Nicht, wie ich will; drittens die Liebe,
als ich sprach: Dein Wille geschehe. Ich habe auch Angst des Leibes aus der
natürlichen Furcht des Leidens gehabt, als blutiger Schweiß aus meinem
Leibe hervordrang. Damit meine Freunde nicht fürchten sollten, daß sie
verlassen wären, wenn ihnen Trübsal bevorsteht, habe ich ihnen an mir
gezeigt, wie das schwache Fleisch allezeit vor Beschwerlichkeiten sich
scheut. Du könntest aber fragen, in welcher Weise der blutige Schweiß aus
meinem Leibe drang? So war es: Wie das Blut eines Kranken in allen Adern
trocknet und sich verzehrt, so ward durch den natürlichen Schmerz des Todes
mein Blut aufgezehrt. Als zuletzt der Vater den Weg zeigen wollte, durch
welchen der Himmel aufgethan würde und wie der davon ausgeschlossene
Mensch in denselben hineingehen könnte, hat er mir aus Liebe das Leiden
auferlegt, auf daß mein Leib nach überstandenem Leiden in Herrlichkeit
verklärt würde; denn ohne Leiden konnte meine Menschheit aus Gerechtigkeit
nicht zur Herrlichkeit gelangen, obwohl ich es kraft der Macht meiner
Gottheit gekonnt hätte. Wie können also diejenigen verdienen, in meine
Herrlichkeit einzugehen, die einen geringen Glauben, eine eitle Hoffnung und
gar keine Liebe haben? Wenn sie doch nur den Glauben an die ewige Freude und
die schreckliche Strafe hätten, würden sie schon mich begehren. Wenn sie
glaubten, daß ich alles sehe und weiß, über alles mächtig bin und über
alles im Gerichte Rechenschaft fordere, so würde ihnen die Welt
verächtlich werden und sie würden sich mehr aus Furcht vor mir, als vor
den Menschen scheuen, zu sündigen. Hätten sie eine feste Hoffnung, dann
wäre ihr ganzes Sinnen und Denken bei mir. Hätten sie eine göttliche
Liebe, so würden sie wenigstens im Herzen daran denken, was ich für sie
gethan habe, welche Arbeit mir mein Predigtamt verursacht hat, welcher
Schmerz bei meinem Leiden, wie groß meine Liebe in meinem Tode gewesen, da
ich eher habe sterben, als sie verlassen wollen. Allein ihr Glaube ist
schwach, er hängt gewissermaßen wie ein Faden an ihnen und droht zu
fallen; sie glauben, so lange kein Anstoß der Versuchung da ist, verzagen
aber, sobald irgend etwas Widerwärtiges hervortritt. Ihre Hoffnung ist
eitel; denn sie hoffen, die Sünde werde verziehen ohne Gerechtigkeit und
Wahrheit des Gerichtes. Sie vertrauen darauf, das Himmelreich umsonst zu
erlangen; sie begehren, Barmherzigkeit zu erlangen ohne Nachlaß der
Gerechtigkeit. Ihre Liebe zu mir ist ganz kalt; denn sie finden sich niemals
angefeuert, mich zu suchen, wenn sie nicht durch Trübsale dazu gezwungen
werden. Wie kann ich bei solchen warm werden, die weder den rechten Glauben,
noch feste Hoffnung oder brennende Liebe zu mir haben? Wenn sie also mich
angerufen und gesprochen haben, so sind sie nicht wert, gehört zu werden,
noch in meine Herrlichkeit einzugehen; weil sie ihrem Herrn nicht in das
Leiden folgen wollen, deshalb werden sie ihm auch nicht in die Herrlichkeit
folgen. Denn kein Krieger kann seinem Herrn gefallen oder nach seinem Falle
in dessen Gnade wieder aufgenommen werden, als wenn er nicht zuvor für die
Verachtung ihm einige Demut erwiesen hat. ![]()
Wie der Schöpfer der Braut drei gütige Fragen vorlegt: die erste über des Mannes Knechtschaft und der Frauen Herrschaft; die andere über des Mannes Arbeit, die das Weib verzehrt; die dritte von des Herrn Verachtung und des Dieners Ehre.
"Ich bin Dein Schöpfer und Dein Herr. Beantworte mir
drei Stücke, um welche ich Dich frage: Wie steht es um das Haus, worin die
Frau bekleidet ist wie die Gebieterin und ihr Ehemann wie ein Knecht?
Geziemt sich das?" Hierauf antwortete ihm die Braut inwendig in ihrem
Gewissen: "Nein, Herr, also geziemt es sich nicht." Und der Herr
sprach: "Ich bin Herr über alles und der Herrscher der Engel. Ich habe
meinen Knecht, d. h. meine Menschheit, bekleidet allein zum Nutzen und aus
Notwendigkeit; denn ich habe in der Welt nichts gesucht, als geringe
Kleidung und Nahrung. Du aber, die Du meine Braut bist, willst sein wie die
Gebieterin, willst Reichtum und Ehren haben und prächtig einhergehen. Wozu
aber dient das alles? Wahrlich, alles ist eitel und alles muß hienieden
gelassen werden, denn der Mensch ward nicht zu so großem Überflusse
geschaffen, sondern zur Notdurft der Natur. Den Überfluß erfand nur die
Hoffart, welcher nunmehr für ein Gesetz gehalten und geliebt wird. Zum
zweiten sage mir: Ziemt es sich, daß der Mann arbeitet vom Morgen bis zum
Abend und die Frau in einer Stunde alles verzehrt, was gesammelt
worden?" Darauf antwortete die Braut: "Nicht also geziemt sich's,
sondern die Frau ist verpflichtet, nach des Mannes Willen zu leben und zu
thun." Und der Herr sprach: "Ich habe es gemacht wie der Mann,
welcher vom Morgen bis zum Abend arbeitet. Denn ich habe von meiner Jugend
an bis zu meinem Leiden gearbeitet, indem ich durch meine Predigten den Weg
zum Himmel zu gehen zeigte, und indem ich durch Werke meine Lehre erfüllte.
Alle diese meine Arbeit verzehrt das Weib, d. h. die Seele, welche mein sein
sollte, wenn sie, wie jene Ehefrau, üppig lebt, so daß ihr meine Arbeit
nichts nützt, und ich an ihr keinerlei Tugend finde, woran ich meine Lust
haben könnte. Zum dritten sage mir: Ist es nicht
unziemlich und abscheulich, wenn der Herr in seinem Hause verachtet, der
Knecht aber geehrt wird?" "Wahrlich," entgegnete die Braut,
"so ist es." Und der Herr sprach: "Ich bin der Heer über
alles. Mein Haus ist die Welt und der Mensch sollte von Rechts wegen mein
Knecht sein. Ich bin der Herr, werde aber jetzt in der Welt verachtet, der
Mensch jedoch wird geehrt; deshalb sorge Du, die ich erwählt habe, meinen
Willen zu thun; denn alles, was in der Welt ist, ist weiter nichts, als ein
Meerschaum oder eine leere Erscheinung."
Worte des Schöpfers vor den himmlischen Heerscharen und der Braut; wie er über fünf Männer klagt, nämlich über den Papst und seine Geistlichen; von den bösen Laien und den Juden und Heiden; von der Hilfe, welche er seinen Freunden sendet, unter denen alle Menschen verstanden werden; von dem schrecklichen Urteile, das wider die Feinde gefällt worden.
Ich bin der Schöpfer aller Dinge. Ich bin vor dem
Morgenstern vom Vater gezeugt und unzertrennlich im Vater, wie der Vater in
mir, und Ein Geist ist in beiden. Deshalb sind der Vater, der Sohn und der
Geist Ein Gott, nicht drei Götter. Ich bin's, der ich dem Abraham eine
ewige Erbschaft verheißen und durch Moses mein Volk aus Ägypten geführt
habe. Ich bin derselbe, der in den Propheten geredet. Der Vater hat mich in
den Leib der Jungfrau gesendet, sich aber nicht von mir getrennt, sondern
ist unzertrennlich bei mir geblieben, auf daß der Mensch, der von Gott
weicht, durch meine Liebe zu demselben zurückkehrt. Jetzt aber, vor meinen
anwesenden Heerscharen, die ihr freilich alles in mir seht und in mir
wisset, jedoch zur Erkenntnis und Belehrung der hier anwesend stehenden
Braut, welche das Geistliche nur durch Körperliches zu fassen vermag,
stelle ich in euere Gegenwart fünf Männer; über vier derselben deklage
ich mich, weil sie mich beleidigen, wegen des fünften klage ich, daß er
verfolgt wird. Denn, wie ich einst im (alten) Gesetze unter dem Namen Israel
das ganze israelitische Volk verstand, so verstehe ich unter jenen fünf
Männern alle Menschen in der Welt. Der erste ist das Oberhaupt
der Kirche mit seinen Geistlichen; der zweite sind die bösen Laien; der
dritte die Juden; der vierte die Heiden und der fünfte meine Freunde. Von
dir, o Jude, nehme ich alle Juden aus, welche heimlich Christen sind und mir
in aufrichtiger Liebe, im rechten Glauben und mit vollkommenem Werke im
Verborgenen dienen. Von dir aber, Heide, nehme ich alle jene aus, welche
gern auf dem Wege meiner Gebote einherwandeln möchten, wenn sie wüßten,
wie es geschehen soll, und wenn sie darin unterwiesen würden, die aber auch
als Heiden Gutes thun, wie sie es vermögen und wissen. Diese werden
keineswegs mit euch gerichtet.
So klage ich denn über dich, du Oberhaupt meiner Kirche,
der du sitzest auf meinem Stuhle, den ich Petrus und seinen Nachfolgern
übergeben habe, um darauf zu sitzen in dreifacher Würde mit dreifachem
Ansehen; erstlich, damit sie die Macht hätten, die Seelen zu binden
und von der Sünde zu lösen; zweitens, damit sie den Büßenden den
Himmel öffneten; drittens, um den Verfluchten und Verächtern meiner
Gebote den Himmel zu verschließen. Du aber, der du die Seelen lösen und
mir vorstellen solltest, du bist wahrhaft der Mörder der Seelen. Ich habe
Petrus als Hirten und Hüter aller meiner Schafe eingesetzt, du aber bist
ein Zerstreuer und Zerreißer derselben. Du bist ärger, als Lucifer; denn
dieser war neidisch auf mich und trachtete nach nichts weiter, als mich zu
töten, um an meiner Statt zu herrschen, du bist aber um so schlimmer, weil
du nicht nur mich tötest, indem du mich durch deine argen Werke von dir
stoßest, sondern auch die Seelen tötest durch dein böses Beispiel. Ich
habe die Seelen mit meinem Blute losgekauft und dieselben dir als meine
treuen Freunde anvertraut, du aber übergiebst sie wiederum dem Feinde, von
welchem ich sie losgekauft hatte. Du bist ungerechter, als Pilatus, welcher
außer mir niemand zum Tobe verurteilte, du aber richtest nicht allein mich,
als ob ich ein machtloser und nichtswürdiger Mensch wäre, sondern
verurteilst auch unschuldige Seelen und lässest die Schuldigen frei. Du
bist grausamer, als Judas, welcher nur mich verkaufte, du aber verkaufst
nicht mich allein, sondern auch die Seelen meiner Auserwählten um schnöden
Gewinn und für einen leeren Namen. Du bist abscheulicher, als die Juden.
Diese kreuzigten nur meinen Leib, du aber kreuzigst und strafst die Seelen
meiner
Auserwählten, denen deine Bosheit und Übertretung bitterer ist, als
jegliches Schwert. Und deshalb, weil du Lucifer ähnlich, ungerechter als
Pilatus, grausamer als Judas, und abscheulicher als die Juden bist, beklage
ich mich mit Recht über dich. Zu dem zweiten aber, d. h. zu den Laien,
spricht der Herr: Zu deinem Nutzen habe ich alles erschaffen, du hast dich
zu mir gewendet und ich zu dir, du hast mir deinen Glauben geschenkt und mir
mit deinem Eide versprochen, du werdest mir dienen. Nun aber bist du von mir
hinweggegangen, wie ein Mensch, der seinen Gott nicht kennt. Meine Worte
hältst du für Lügen, meine Werke für Eitelkeit, meinen Willen und meine
Gebote nennst du zu schwer. Du bist ein Verletzer des versprochenen Glaubens
geworden; du hast deinen Eid gebrochen und hast meinen Namen verlassen; du
hast dich von der Zahl meiner Heiligen getrennt und bist hinübergegangen in
die Zahl der Teufel und ihr Genosse geworden. Du glaubst, niemand außer dir
sei des Lobes oder der Ehre würdig. Alles, was mein ist, und was du mir zu
thun schuldig bist, fällt dir schwer, leicht dagegen ist dir alles, was dir
gefällt. Deshalb beklage ich mich mit Recht über dich, weil du den Glauben
gebrochen, den du mir in der Taufe und noch später zugesagt. Außerdem
beschuldigst du mich zum Dank für meine Liebe, die ich dir durch Wort und
That erwiesen, der Lüge und nennst mich meiner Leiden wegen einen Thoren.
Zu dem dritten, den Juden, aber sprach er: Ich habe bei euch angefangen,
meine Liebe zu offenbaren, habe euch zu meinem Volke auserwählt, euch aus
der Knechtschaft hinausgeführt, euch mein Gesetz gegeben und euch in das
Land geführt, das ich eueren Vätern verheißen, auch habe ich euch zum
Troste die Propheten gesendet. Sodann habe ich aus euch mir eine Jungfrau
erlesen, von welcher ich meine Menschheit annahm. Jetzt aber beklage ich
mich über euch, weil ihr noch immer halsstarrig seid und sprecht: Christus
ist noch nicht gekommen, sondern soll noch kommen. Zum vierten, d. i. den
Heiden, sprach der Herr: Ich habe dich erschaffen und erlöst, wie meine
Christen, auch alles Gute deinetwegen gethan, du aber bist wie ein
unsinniger Mensch, weil du nicht weißt, was du thun, wie ein Blinder, weil
du nicht siehst, wohin du gehen sollst. Du verehrst die Kreatur statt des
Schöpfers, die Lüge statt der Wahrheit, und beugst dein Knie vor
dem, der niedriger ist, als du. Deshalb beklage ich mich über dich. Zum
fünften aber sprach er: Tritt näher, mein Freund! und alsbald sprach er zu
den himmlischen Heerscharen: Geliebte Freunde, ich habe einen Freund, unter
dem ich mehrere verstehe. Er ist wie ein Mensch, der mitten unter den Bösen
ist und hart von ihnen gefangen gehalten wird. Wenn er die Wahrheit spricht,
so schlägt man ihn mit Steinen auf den Mund, thut er Gutes, so stößt man
ihm den Speer in die Brust Wohlan, meine und alle ihr Heiligen, wie lange
soll ich seine Feinde dulden, und wie lange solche Verachtung ertragen? Der
heilige Johannes der Täufer antwortete: "Du bist wie ein überaus
reiner Spiegel; denn in Dir sehen wir, wie in einem Spiegel, alles ohne
Wort, und wissen es. Du bist die unvergleichliche Süßigkeit, wodurch wir
an allem Guten Geschmack haben. Du bist wie ein überaus scharfes Schwert,
wenn Du nach der Billigkeit richtest." Darauf entgegnete ihm der Herr:
"Du, mein wahrer Freund, redest die Wahrheit; denn in mir sehen meine
Auserwählten alles Gute und alle Gerechtigkeit, auch die bösen Geister,
obwohl nicht in meinem Licht, sondern in ihrem Gewissen. Denn, wie ein in
einen Kerker geworfener Mensch, welcher Wissenschaften gelernt hat, obwohl
er im Finstern ist und nichts sieht, nichtsdestoweniger das weiß, was er
gelernt hat, so wissen und schauen die Teufel, obwohl sie meine
Gerechtigkeit nicht im Lichte meines Glanzes sehen, dieselbe doch in ihrem
Gewissen. Ich bin auch wie ein zweischneidiges Schwert und gebe einem jeden,
wie er verdient." Ferner setzte der Herr hinzu und sprach zum seligen
Petrus: "Du bist der erste meines Glaubens und meiner Kirche, sprich,
daß es meine Heerscharen vernehmen, das Urteil der Gerechtigkeit aus über
diese fünf Männer." Petrus antwortete: "Lob und Ehre sei Dir, o
Herr, für Deine Liebe. Gepriesen seist Du von allen Deinen Heerscharen,
weil Du uns in Dir alles sehen und wissen lässest, was geschehen ist und
werden wird; denn in Dir sehen und wissen wir alles. Das aber ist die erste
Gerechtigkeit, daß der erste, welcher auf Deinem Stuhle sitzt, aber die
Werke Luzifers hat, mit Schanden den Stuhl verliere, auf welchem er sich zu
sitzen herausgenommen, und teilnehme an der Strafe Luzifers. Von dem zweiten
fordert die Gerechtigkeit, daß, weil er abwich von Deinem Glauben, er mit
dem Kopfe unten und den
Füßen oben in die Hölle herabfahre, weil er Dich verachtete, der Du sein
Haupt sein solltest, und sich selber liebte. Vom dritten fordert die
Gerechtigkeit, daß er Dein Gesicht nicht sehe, und auch noch gestraft werde
nach seiner Bosheit und Begierde, weil die Treulosen nicht verdienen, Deinen
Anblick zu genießen. Bei dem vierten verlangt die Gerechtigkeit, daß er
wie ein Verrückter eingeschlossen und in einen finsteren Ort gebracht
werde. Für den fünften erheischt die Gerechtigkeit, daß ihm Hilfe
gesendet werde." Nachdem er dies angehört, sprach der Herr: "Ich
schwöre bei Gott, dem Vater, dessen Stimme Johannes der Täufer am Jordan
vernahm; ich schwöre bei dem Leibe, den Johannes im Jordan taufte, schaute
und berührte; ich schwöre beim Geiste, welcher in Gestalt einer Taube am
Jordan erschien, daß ich über jene fünf Gerechtigkeit ergehen lassen
will." Dann fuhr der Herr fort und sprach zum ersten der vorgenannten
fünf Männer: "Das Schwert meiner Strenge wird in Deinen Leib fahren;
es wird am Oberteile des Kopfes hineingehen und so tief und stark
hineingestoßen werden, daß es nimmermehr herauszuziehen sein wird. Dein
Sitz wird versenkt werden wie ein schwerer Stein, welcher nicht eher
stillsteht, als bis er auf dem äußersten Boden der Tiefe angekommen ist.
Die Finger, d. i. Deine Gehilfen, werden in unauslöschlichem Schwefelfeuer
brennen; Deine Arme, d. h. Deine Stellvertreter, welche für das Heil der
Seelen sich ausbreiten sollten, aber nur zu weltlichem Nutzen und für die
Ehren sich ausstrecken, werden zu der Strafe verurteilt werden, von welcher
David spricht: Seine Kinder müssen Waisen werden und sein Weib eine Witwe,
und Fremde müssen sein Vermögen nehmen. Sein Weib aber ist die Seele,
welche von der himmlischen Herrlichkeit verlassen und Gottes Witwe sein
wird; die Kinder, d. h. ihre vermeintlichen Tugenden, und meine Freunde
unter ihnen, die in Einfalt mir dienen, werden abgesondert werden von ihnen,
und ihre Würde und Güter werden anderen übertragen werden; sie selber
aber werden statt der Würde ewige Schande ernten. Der Schmuck ihres Hauptes
wird in den Kot der Hölle versenkt werden und nie mehr werden sie sich
daraus erheben können, und wie sie hienieden durch Ehre und Hoffart über
andere sich erhoben haben, werden sie tiefer als alle anderen in die Hölle
hinabsinken und es wird ihnen unmöglich sein, aus
dieser Tiefe emporzusteigen. Ihre Glieder, d. h. alle ihre Nachfolger und
geistlichen Gönner, werden von ihnen abgeschnitten und getrennt werden wie
eine geschleifte Mauer, wobei kein Stein auf dem anderen bleibt und kein
Mörtel an den Steinen kleben bleiben wird; auch soll keine Barmherzigkeit
über sie kommen, meine Liebe sie niemals erwärmen, noch ihnen eine ewige
Wohnung im Himmel auferbauen; sie werden unausgesetzt mit ihren Häuptern
von aller Seligkeit abgesondert und gepeinigt werden. Zum zweiten aber
spreche ich: Weil Du den mir gelobten Glauben nicht halten, noch Liebe zu
mir hegen willst, so werde ich das Tier über Dich senden, das aus dem
wilden Gießbache hervorgeht und Dich verschlingen wird. Wie ein Wildbach
immer nach unten stürzt, so wird jenes Tier Dich in der Hölle unterste
Tiefen führen, und wie es Dir unmöglich ist, wider den ungestümen
Gießbach hinanzusteigen, so schwer wird es Dir, aus der Hölle jemals
emporzusteigen. Zum dritten spreche ich: Weil Du, Jude, immer noch nicht
glauben willst, daß ich gekommen bin, deshalb wirst Du mich sehen, wenn ich
zum zweiten Male zum Gerichte kommen werde, aber nicht in meiner
Herrlichkeit zu Deinem Heile, sondern in Deinem Gewissen zu Deinem
Verderben; Du wirst erfahren, daß alles wahr gewesen, was ich gesagt habe,
und die verdiente Strafe wird Deiner warten. Zum vierten spreche ich: Weil
Du weder um Glauben noch um Wissen Dich kümmerst, so soll Deine Finsternis
Dir zum Lichte werden, auf daß Du dann erkennest, daß meine Gerichte wahr
sind, ohne daß Du darum selber zum Lichte gelangst. Zum fünften sage ich:
Dreierlei werde ich Dir thun. Zuerst werde ich Dich innerlich mit meiner
Wärme erfüllen; zweitens werde ich Dein Gebein härter und fester machen,
als alles Gestein, so daß alle auf Dich geworfenen Steine zurückfliegen
sollen; drittens will ich Dich mit meinen Waffen also bewaffnen, daß keine
Lanze Dir schaden wird, sondern alles vor Dir erweichen soll wie Wachs vorm
Feuer. Sei deshalb getrost und stehe mannhaft; denn wie der Soldat, welcher
im Kriege auf seines Herrn Hilfe hofft, so lange kämpft, als noch ein
Tropfen in ihm ist, so stehe Du fest und kämpfe, weil Dir Gott, Dein Herr,
dem niemand widerstehen kann, Hilfe gewähren wird. Und weil Du eine geringe
Zahl hast, werde ich Dich ehren und vervielfältigen. Seht, meine Freunde,
so stehen diese Männer
vor mir. Meine Worte, die jetzt gesagt worden, werden erfüllt werden; sie
werden, so lange ich König bin, nimmer eingehen in mein Reich, wenn sie
sich nicht gebessert haben; denn niemand wird der Himmel gewährt, als
denen, die sich erniedrigen und Reue empfinden." Hierauf antworteten
die himmlischen Heerscharen insgesamt: "Preis sei Dir, Herr Gott, der
Du ohne Anfang bist und ohne Ende!"
Ermahnung der Jungfrau an die Braut, wie diese ihren Sohn über alles lieben soll, und wie in der glorreichen Jungfrau alle Tugenden und Gnaden eingeschlossen sind.
Die Mutter sprach: "Um dreier Vorzüge willen gefiel
ich meinem Sohne: erstens hatte ich Demut, so daß kein Geschöpf, weder
Engel, noch Mensch, demütiger war, als ich; zweitens hatte ich den
Gehorsam, weil ich meinem Sohne in allen Stücken zu gehorsamen mich
bestrebte; drittens hatte ich eine ganz vorzügliche Liebe. Darum bin ich
von meinem Sohne dreifach geehrt worden; denn erstens bin ich höher geehrt
worden, als Engel und Menschen, also daß keine Tugend in Gott ist, welche
nicht an mir leuchtete, obgleich er die Quelle und der Schöpfer von allem
ist. Ich aber bin sein Geschöpf, dem er vor den übrigen seine Gnade
gewährte. Zweitens erhielt ich für meinen Gehorsam eine so große Macht,
daß niemand, auch wenn er ein noch so unreiner Sünder ist, wofern er sich
mit dem Vorsatze der Besserung und mit zerknirschtem Herzen an mich wendet,
ohne Verzeihung bleibt. Drittens kommt mir für meine Liebe Gott so nahe,
daß, wer Gott sieht, mich sieht, und wer mich sieht, die Gottheit und
Menschheit in mir, wie in einem Spiegel, und mich in Gott erblicken kann.
Wer Gott sieht, sieht in ihm die drei Personen, und wer mich sieht, sieht
gewissermaßen die drei Personen. Die Gottheit schloß mich samt Seele und
Leib in sich ein und erfüllte mich mit jeglicher Tugend, so daß in Gott
keine Tugend ist, die nicht auch an mir leuchtete, obwohl Gott selbst der
Vater und Geber aller Tugenden ist, und wie bei zwei Körpern, welche eng
miteinander verbunden
sind, was der eine empfängt, auch dem anderen zu teil wird, so wirkte Gott
in mir. Es giebt keine Süßigkeit, die nicht in mir wäre, gleichwie wenn
jemand einen Nußkern hat und teilt denselben mit einem anderen. Mein Leib
und meine Seele sind klarer, als die Sonne, und reiner, als der Spiegel; wie
daher im Spiegel drei Personen sichtbar sein würden, wenn sie davor
stünden, so erscheinen auch in meiner Reinheit der Vater, der Sohn und der
heilige Geist. Ich habe den Sohn samt seiner Gottheit unter meinem Herzen
gehabt; jetzt wird derselbe in mir mit seiner Gottheit und Menschheit wie in
einem Spiegel geschaut, weil ich verherrlicht bin. Deshalb, o Braut meines
Sohnes, bestrebe Dich, mir in meiner Demut nachzufolgen, und liebe nichts,
als meinen Sohn."
Worte des Sohnes zur Braut, wie der Mensch von einem geringen Guten aufsteigt zu einem vollkommenen, und von einem gerigen Bösen hinabsteigt zur höchsten Strafe.
Der Sohn Gottes sprach: "Aus einem geringen Guten
erwächst zuweilen ein großer Lohn. Die Dattel hat einen wunderbaren Duft
und in ihrer Frucht ist ein Stein. Legt man diesen in fette Erde, so
schwillt die Dattel auf, bringt Frucht und erwächst zu einem großen Baume,
wird er aber in dürres Land gelegt, so wird die Dattel dürr. Die Erde,
welche Freude hat an der Sünde, ist allzu dürr für das Gute, und wird in
dieselbe der Same der Tugenden eingesäet, so vermag er nicht zu erstarken.
Fett aber ist das Land des Herzens dessen, welcher die Sünde erkennt und es
beklagt, daß er gesündigt hat. Wird in dieses der Dattelkern hineingesäet,
d. h. wird die Strenge meines Gerichtes und meiner Macht hinzugelegt, so
werden im Herzen drei Wurzeln getrieben. Zuerst denkt er, daß er ohne meine
Hilfe nichts ausrichten kann, deshalb öffnet er seinen Mund, um mich zu
bitten; zweitens beginnt er, ein wenn auch nur mäßiges Almosen um meines
Namens willen zu spenden; drittens macht er sich von seinen weltlichen
Sorgen frei, um mir zu dienen; dann beginnt er durch Fasten und
Entsagung des eigenen Willens Enthaltsamkeit zu üben. Das ist der Stamm des
Baumes. Nachher wachsen die Zweige der Liebe, wenn er alle, bei denen er es
vermag, zum Guten antreibt, und wenn er so auch anderen lehrt, was er weiß,
und mit voller Frömmigkeit danach trachtet, wie er meine Ehre erweitern
könne, wird die Frucht wachsen und eine solche Frucht gefällt mir
höchlichst. Siehe, so steigt er vom Geringen zum Vollkommenen empor, aus
einer geringen Frömmigkeit erhebt sich die Wurzel, der Stamm wächst durch
Enthaltsamkeit und durch die Liebe werden die Äste vermehrt, die Frucht
schwillt infolge der Unterweisung. In ähnlicher Weise steigt der Mensch von
einem geringen Bösen zum tiefsten Falle und zur schwersten Strafe hinab.
Weißt Du, welches die größte Last ist unter den Dingen, welche da
wachsen? Sicherlich ist dieses das Kind, welches zur Geburt kommt, aber
nicht geboren werden kann, sondern im Leibe seiner Mutter stirbt,
infolgedessen auch die Mutter zerschnitten wird und stirbt, worauf der Vater
sie samt dem Kinde zum Grabe trägt und mit der toten Geburt bestattet. Also
verfährt der Teufel mit der Seele. Eine lasterhafte Seele ist gleichsam des
Teufels Weib, das seinem Willen in allem folgt und die vom Teufel empfängt,
wenn sie an der Sünde Gefallen hat und sich daran erfreut. Denn wie eine
Mutter aus schlechten Samen empfängt und befruchtet wird, so wird auch die
Seele, die sich am Schlechten erfreut, vom Teufel befruchtet. Nach der
Befruchtung bilden sich die Glieder und die Stärke des Leibes nimmt zu,
wenn eine Sünde sich auf die andere häuft und täglich gemehrt wird. Wenn
die Sünden also gemehrt sind, schwillt der Leib der Mutter an, sie will
gebären, vermag es aber nicht; denn weil die Sünde das Leben verzehrt hat,
ist ihr Überdruß am Leben erwachsen, sie möchte gern noch mehr sündigen,
kann aber nicht mehr, weil ihr der Herr keine Zeit mehr gestattet. Danach
stellt sich Furcht ein, weil sie ihren Willen nicht vollbringen kann;
Stärke und Freude sind dahin, überall ist Schmerz und Bekümmernis; ihr
Leib zerplatzt, indem sie verzweifelt, Gutes vollbringen zu können. So
stirbt sie in der Lästerung des göttlichen Gerichtes und wird dann von
ihrem Vater, dem Teufel, zum Grabe der Hölle geschafft, wo sie mit der
Fäulnis der Sünde und dem Kinde der bösen Lust in Ewigkeit begraben
bleibt. Siehe!
wie aus Geringem die Sünde sich mehrt und heranwächst zur
Verdammnis."
Worte des Schöpfers zur Braut, wie er jetzt von den Menschen verachtet und getadelt wird, weil sie nicht acht haben auf das, was er aus Liebe gethan, da er durch die Propheten gemahnt und auch für sie gelitten hat, und weil sie sich nicht kümmern um seinen Zorn, den er wider die Halsstarrigen übte, indem er sie grausam strafte.
Ich bin der Schöpfer aller Dinge und der Herr. Ich habe
die Welt geschaffen und die Welt hat mich verachtet. Ich vernahm von der
Welt her eine Stimme, wie einer Hummel, die auf Erden Honig sammelt. Denn
wie die Hummel, wenn sie fliegt, bald wieder zur Erde sich herabdrückt und
eine gar heisere Stimme von sich giebt, so höre ich jetzt in der Welt eine
rauhe Stimme sprechen: "Ich kümmere mich nicht darum, was hiernächst
folgen wird, denn alle rufen ja schon: Ich kümmere mich nicht." -
Wahrlich, der Mensch beachtet nicht und kümmert sich nicht um das, was ich
aus Liebe gethan, indem ich durch die Propheten mahnte, auch selber predigte
und für sie litt. Er achtet nicht, was ich in meinem Zorn gethan habe,
indem ich die Ungehorsamen und Bösen strafte. Sie sehen, daß sie
sterblich, aber des Todes ungewiß sind, gleichwohl kümmern sie sich nicht.
Sie hören und sehen meine Gerechtigkeit, die ich wegen ihrer Sünden an
Pharao und den Sodomitern, die ich an Königen und anderen Fürsten geübt
habe, und die ich täglich durch das Schwert und andere Trübsale sich
offenbaren lasse, und für das alles sind sie wie blind. Darum fliegen sie
wie die Hummeln, wohin es ihnen gefällt. In ihrem Fluge machen sie
bisweilen Sprünge, weil sie sich in ihrer Hoffart erheben, lassen sich
selbst aber sehr bald wieder zur Erde, weil sie zu ihrer Üppigkeit und
Gefräßigkeit zurückkehren. Sie sammeln auch Süßes, allein für sich
selber und auf der Erde, weil der Mensch für den Nutzen des Leibes, aber
nicht der Seele, und für irdische, aber nicht für ewige Ehre sammelt. Sie
verwandeln sich das Zeitliche in Pein, und das, was zu nichts nutz ist, in
ewige Strafe. Doch will ich um des Gebetes meiner Mutter willen diese Hum-
meln (von denen meine Freunde ausgenommen werden, die nur mit dem Leibe in
der Welt sind) meine klare Stimme, die meine Barmherzigkeit verkündigen
wird, vernehmen lassen; wenn sie auf dieselbe hören, werden sie errettet
werden.
Antwort der Mutter der Engel, des Propheten, der Apostel und der Teufel an Gott, in Gegenwart der Braut, worin sie Zeugnis geben von seiner Herrlichkeit bei der Schöpfung und Erlösung, und wie nun die Menschen allem diesem widersprechen, und von ihrem strengen Gericht.
Die Mutter Gottes sprach: "Kleide Dich, Du Braut
meines Sohnes, und stehe fest, denn mein Sohn nahet Dir. Siehe, wie all sein
Fleisch ist gepreßt worden wie auf einer Folter, denn, weil der Mensch an
allen Gliedern gesündigt hat, so hat mein Sohn an allen seinen Gliedern
genuggethan. Seine Haare waren auseinandergezerrt, die Nerven zertrennt, die
Bänder waren aus den Gelenken gerissen, die Gebeine zerfleischt, die Füße
und Hände angeheftet, seine Seele war betrübt, das Herz von Schmerz
ergriffen und die Eingeweide waren am Rücken zusammengezogen, weil der
Mensch an allen Gliedern gesündigt." Darauf sprach der Sohn in
Anwesenheit der himmlischen Heerscharen: "Obwohl ihr alles in mir
wisset, so rede ich doch um meiner Braut willen, welche hier steht. Ich
frage euch, ihr Engel, sagt mir, was ist das, was ohne Anfang war und ohne
Ende ist? Und was ist das, was alles erschuf, selbst aber von niemand
erschaffen ward? Sagt und legt Zeugnis ab." Die Engel antworteten wie
mit einer Stimme und sprachen: "Herr, Du bist es! denn wir geben Dir
Zeugnis von drei Wahrheiten. Erstlich, daß Du unser Schöpfer und Schöpfer
von allem bist, was da ist im Himmel und auf der Erde; zweitens, daß Du
ohne Anfang bist und ohne Ende sein wirst, Deine Herrschaft und Deine Macht
aber ewig währen werden; ohne Dich ist nichts gemacht worden und ohne Dich
kann nichts werden; drittens bezeugen wir, daß wir alle Gerechtigkeit und
alles, was da geworden ist und werden wird, in Dir sehen, und alles ist in
Deiner Gegenwart ohne Anfang und ohne Ende." Darauf sprach er zu
den Patriarchen und Propheten: "Ich frage euch, wer führte euch aus
der Knechtschaft zur Freiheit? Wer zerteilte vor euch die Wogen? Wer gab
euch das Gesetz? Wer gab euch, Propheten, den Geist, zu reden?" Sie
antworteten ihm: "Du, Herr, Du hast uns herausgeführt aus der
Knechtschaft, Du hast das Gesetz gegeben, Du hast unseren Geist zum Reden
erweckt." Dann sprach er zu seiner Mutter: "Sprich das Zeugnis der
Wahrheit, was Du von mir weißt." Sie antwortete: "Bevor der von
Dir gesendete Engel zu mir kam, war ich allein mit Leib und Seele. Nachdem
aber des Engels Wort gesprochen war, war Dein Leib mit der Menschheit und
Gottheit in mir, und ich fühlte in meinem Leibe den Deinigen. Ich trug Dich
ohne Schmerzen, gebar Dich ohne Weh, habe Dich in Windeln gehüllt und Dich
mit meiner Milch genährt, ich war von Deiner Geburt bis zu Deinem Tode bei
Dir." Hierauf sprach er zu den Aposteln: "Saget, wer ist der, den
ihr gesehen, gehört, berührt habt?" Sie antworteten: "Wir haben
Deine Worte vernommen und dieselben aufgeschrieben; wir haben Deine großen
Thaten gehört, als Du das neue Gesetz gabst. Mit dem Worte gebotest Du den
Teufeln, und dieselben fuhren aus. Mit dem Worte erwecktest Du die Toten und
heiltest Du die Kranken. Wir erblickten Dich in einem menschlichen Leibe.
Wir sahen Deine Wunderthaten in göttlicher Herrlichkeit in der Menschheit.
Wir haben Dich gesehen Deinen Feinden überantwortet und am Holze hängend.
Wir erblickten Dich im bittersten Leide und sahen Dich im Grabe liegen. Wir
berührten Dich, als Du auf- erstanden warst, Deine Haare, Dein Antlitz,
Deine Wundenmale und Deine Glieder. Du hast mit uns gespeist und gewährtest
uns Deine Unterredung. Du bist wahrhaftig der Sohn Gottes und der Sohn der
Jungfrau. Wir haben auch wahrgenommen, wie Du mit Deiner Menschheit
hinaufgestiegen bist zur Rechten des Vaters, wo Du ohne Ende bist."
Hierauf sprach Gott zu den unreinen Geistern: "Obwohl ihr in euerem
Gewissen die Wahrheit verhehlt, gebiete ich euch doch, zu sagen, wer euere
Macht gemindert hat." Sie antworteten ihm: "Wie die Diebe nur,
wenn sie mit dem Holzblocke beschwert werden, die Wahrheit bekennen, so
werden auch wir, nur durch Deine göttliche und schreckliche Macht
gezwungen, die Wahrheit sagen. Du bist es, der mit seiner Stärke zur
Hölle hinabgestiegen ist, Du hast unsere Macht in der Welt vermindert, Du
hast Dein Recht der Hölle genommen." Darauf sprach der Herr:
"Wohlan, alle Wesen, welche einen Geist haben, aber mit einem Leibe
nicht bekleidet sind, geben mir das Zeugnis der Wahrheit. Diejenigen aber,
welche einen Geist und einen Leib haben, nämlich die Menschen,
widersprechen mir. Die einen wissen die Wahrheit, kümmern sich jedoch nicht
darum; andere wissen sie nicht und haben deshalb keine Sorge, sagen aber,
alles sei eine Lüge." - Wiederum sprach er zu den Engeln: "Sie
sagen, euer Zeugnis sei falsch, ich sei nicht der Schöpfer, auch werde
nicht alles in mir gewußt, deshalb lieben sie mehr das Geschöpf als
mich." Zu den Propheten aber sprach er: "Sie widersprechen euch
und sprechen: Das Gesetz sei etwas eitles, ihr wäret vielmehr durch euere
Stärke und Klugheit erlöst; der Geist sei ein Lügengeist gewesen und ihr
hättet aus euerem eigenen Willen geredet." - Zur Mutter aber sprach
er: "Die einen sagen, Du seist keine Jungfrau, andere, ich hätte
meinen Leib nicht von Dir angenommen, andere wissen es, kümmern sich aber
nicht darum." - Zu den Aposteln dagegen sprach er: "Euch wird
widersprochen; denn man sagt, ihr seid Lügner, das neue Gesetz sei zu
nichts nütze und unvernünftig, andere glauben zwar, daß es wahr sei,
kümmern sich aber nicht darum. Nun also frage ich euch: Wer wird ihr
Richter sein?" Alle antworteten: "Du, Gott, der Du ohne Anfang
bist und ohne Ende, Du, Jesus Christus, der Du beim Vater bist, Dir ist das
Gericht gegeben worden vom Vater, Du bist der Richter über sie." Der
Herr antwortete: "Ich, der ich Klage zu führen hatte über sie, bin
jetzt ihr Richter; aber, obwohl ich alles vermag und weiß, so sollet doch
ihr euer Urteil über sie sprechen." Sie antworteten ihm: "So wie
die ganze Welt im Anfange derselben in der Sündflut unterging, so ist die
Welt jetzt wert, durch Feuer unterzugehen, weil die Bosheit und die
Ungerechtigkeit jetzt noch weit größer sind, als damals." Der Herr
antwortete: "Weil ich gerecht und barmherzig bin, auch kein Gericht
halte ohne Barmherzigkeit, und keine Barmherzigkeit übe ohne Gerechtigkeit,
darum will ich noch einmal um der Bitten meiner Mutter und meiner Heiligen
willen der Welt meine Barmherzigkeit senden. Wofern sie aber nicht hören
wollen, so wird eine um so strengere Gerechtigkeit folgen." ![]()
Sohn und Mutter loben einander in Gegenwart der Braut. Wie Christus jetzt von den Menschen für ehrlos, feige und verächtlich gehalten wird, und von der ewigen Verdammnis dieser Leute.
Maria redete zu ihrem Sohne und sprach: "Gebenedeit
seist Du, der Du ohne Anfang bist und ohne Ende. Du hattest den ehrbarsten
und zierlichsten Leib, Du bist der tapferste und tugendhafteste Mann gewesen
und die würdigste unter allen Kreaturen." Der Sohn antwortete:
"Deine Worte, welche aus Deinem Munde hervorgehen, sind überaus
lieblich. Du bist mir gar angenehm vor jedem Geschöpfe. Denn wie man in
einem Spiegel verschiedene Gesichter betrachten kann, keines aber mehr
gefällt, als das eigene, so liebe ich, obwohl ich auch meine Heiligen
liebe, Dich mit vorzüglicher Liebe, weil ich aus Deinem Fleische geboren
ward. Du bist wie auserlesene Myrrhen, deren Duft hinaufsteigt zur Gottheit
und dieselbe in Deinen Leib hinabgeführt hat. Der nämliche Duft hat Deinen
Leib und Deine Seele hineingezogen in die Gottheit, wo Du jetzt mit Leib und
Seele bist. Gebenedeit seist Du, denn an Deiner Schönheit freuen sich die
Engel. Durch Deine Kraft werden alle, welche Dich mit aufrichtigem Herzen
anrufen, erlöst. In Deinem Lichte zittern alle Teufel, und wagen nicht, vor
Deinem Glanze stehen zu bleiben, weil sie stets in der Finsternis sein
wollen. Du hast mir ein dreifaches Lob gespendet; denn Du hast gesagt, ich
hätte den ehrbarsten Leib, zweitens hast Du mich den tapfersten Mann
genannt, drittens hast Du mich die würdigste Kreatur geheißen. Gerade
diesen drei Stücken allein widersprechen diejenigen, welche Leib und Seele
haben, denn sie behaupten, ich hätte einen ehrlosen Leib, sei der feigste
Mann und die verächtlichste Kreatur. Denn was ist ehrloser, als andere zum
Sündigen zu reizen? Sie sagen, die Sünde sei nicht so häßlich, als man
sagt, und mißfalle Gott nicht so sehr, es giebt nichts, wenn Gott es nicht
will, und nichts, als was von ihm erschaffen worden. Weshalb also sollen wir
uns dessen nicht bedienen, was zu unserem Nutzen gemacht worden? Die
Gebrechlichkeit der Natur erfordert ![]()
dies, und so hoben alle vor uns gelebt und leben noch.
Also reden die Menschen jetzt zu mir. Meine Menschheit aber, in welcher ich
als wahrer Gott unter den Menschen erschienen bin, um von der Sünde
abzumahnen und zu zeigen, wie schwer sie sei, beschimpfen sie als ehrlos,
als hätte ich Unnützes und Unehrbares geraten, bei ihnen ist nur die
Sünde ehrbar, und was ihrem Willen gefällt. Sie sagen auch, ich sei der
feigste Mann; denn was ist schmählicher, als daß man den, welcher die
Wahrheit redet, auf den Mund schlägt, ihn mit Steinen ins Angesicht wirft;
wäre er ein Mann, so würde er die Schmähungen rächen, die er anhören
muß. Also thun sie mir. Ich rede mit ihnen durch die Lehrer und die heilige
Schrift. Allein sie sagen, ich rede Lügen. Sie schlagen mich mit Steinen
und Fäusten auf den Mund, wenn sie Ehebruch, Mord und Lügen begehen, und
sprechen: Wäre er ein Mann, wäre er der allmächtige Gott, dann würde er
eine solche Übertretung strafen. Ich höre sie täglich sagen: Die Strafe
ist nicht ewig, noch so bitter, als sie geschildert wird, und so urteilen
sie, daß meine Worte Lügen seien, und ich muß es ertragen. Zum dritten
behandeln sie mich wie die verächtlichste Kreatur. Denn, was ist
verächtlicher in einem Hause, als ein Hund und eine Katze? Man würde,
wofern einer den Tausch eingehen wollte, dafür gern ein Pferd nehmen. Der
Mensch hält mich aber für schlechter, als einen Hund; denn er würde mich
nicht annehmen, wenn er auf den Hund verzichten sollte, und ehe er auf das
Fell verzichtete, würde er lieber mich verwerfen und verschwören. An das
schlechteste Ding, wenn es nur den Sinnen schmeichelt, denkt man und begehrt
es viel inbrünstiger, als mich; denn achtete man mich höher, als irgend
ein anderes Geschöpf, so würden sie mich mehr lieben, als anderes. Nein,
sie besitzen nichts so Verächtliches, was sie nicht mehr liebten, als mich.
Für alles tragen sie Leid, nur für mich nicht. Der eigene und der Freunde
Schaden thut ihnen leid. Wenn sie nur mit einem Worte verspottet werden,
empfinden sie Schmerz. Es ist ihnen leid, wenn sie andere beleidigen, die
mehr sind, als sie; allein mich, den Schöpfer aller Dinge, zu beleidigen,
macht ihnen keinen Schmerz. Welcher Mensch ist so verworfen, der nicht
erhört würde, wenn er bäte, dem nicht gegeben würde, wenn er gegeben?
Ich aber bin in ihren Augen der Verworfenste, Verächtlichste, weil
sie mich keines Dankes für würdig erachten, da ich ihnen alles Gute
gegeben habe. Darum, meine Mutter, die Du an meiner Weisheit den süßesten
Geschmack hast, gleichwie niemals aus Deinem Munde anderes, als die Wahrheit
hervorgegangen ist, so ist auch aus meinem Munde nur Wahrheit
hervorgegangen. Ich werde mich im Angesichte aller meiner Heiligen vor dem
ersten rechtfertigen, welcher gesagt, ich hätte einen schandbaren Leib, und
werde beweisen, daß ich wahrhaft den ehrbarsten Leib habe, ohne Mißgestalt
und Sünde; und er wird in die ewige Schande kommen, so daß es alle sehen
werden. Dem aber, der da sagte, meine Worte seien Lügen, und er wisse
nicht, ob ich Gott sei, oder nicht, werde ich beweisen, daß ich wahrhaft
Gott bin, und er wird wie Kot in die Hölle hinabsinken. Den dritten aber,
welcher mich für die verächtlichste Kreatur geachtet hat, werde ich zur
ewigen Verdammnis verurteilen, so daß er niemals meine Herrlichkeit und
meine Freude sehen wird." - Darauf sprach er zur Braut: "Stehe
fest in meinem Dienste; Du bist wie in eine Ringmauer gekommen, in welche
eingeschlossen, Du weder fliehen, noch das Fundament wirst untergraben
können. Dulde daher freiwillig eine geringe Trübsal, und Du wirst in
meinem Arme eine ewige Ruhe empfinden. Du kennst den Willen des Vaters, Du
vernimmst die Worte des Sohnes und verstehst meinen Geist. Du hast Trost und
Freude an der Ansprache meiner Mutter und meiner Heiligen. Darum stehe fest,
sonst wirst Du meine Gerechtigkeit empfinden, wenn Du genötigt werden
wirst, zu thun, wozu ich Dich jetzt in Güte ermahne."
Worte des Herrn zur Braut, wie er ein neues Gesetz gegeben und wie jetzt dieses Gesetz von der Welt verworfen und verachtet wird, wie die bösen Priester nicht Gottes Priester, sondern Gottes Verräter sind, und von der Verfluchung und Verdammnis derselben.
Ich bin Gott, derselbe, welcher einst der Gott Abrahams,
der Gott Isaaks und der Gott Jakobs genannt ward. Ich bin der Gott, welcher
einst dem Moses das Gesetz gab. Dieses war wie ein Kleid; denn wie die
Mutter, welche ein Kind unter ihrem
Herzen trägt, für dasselbe Kleider zuvor bereitet, also hat Gott das
Gesetz zuvor bereitet, welches aber nur das Kleid, der Schatten und das
Zeichen des zukünftigen sein sollte. Ich habe mich mit diesen Kleidern des
Gesetzes bekleidet und umwickelt. Wie sodann beim Heranwachsen des Kindes
das alte Kleid mit einem neuen vertauscht wird, so habe ich, nachdem das
alte Kleid seine Bestimmung erfüllt hatte und abgelegt war, ein neues
Kleid, d. h. das neue Gesetz angezogen, und habe es allen gegeben, die neue
Kleider bei mir haben wollen. Dieses Kleid ist aber für keinen Menschen eng
oder beschwerlich, sondern allen bequem; denn ich habe nicht geboten, durch
vieles Fasten oder Arbeiten sich das Leben zu verkürzen oder etwas über
die Möglichkeit zu thun, sondern mein Gesetz ist zuträglich für die Seele
und bequem, den Leib zu zügeln und zu züchtigen. Wenn der Leib zu sehr an
der Sünde hängt, verzehrt die Sünde den Leib. Im neuen Gesetze finden
sich daher zwei Stücke; zuerst ein bescheidenes Maß und rechte
Unterweisung, aller Dinge sich zu bedienen, welche dem Leibe und der Seele
notwendig sind; zweitens die Leichtigkeit, das Gesetz zu halten, weil, wer
in einem nicht verharren kann, es im anneren vermag, wie wenn eine keine
Jungfrau sein kann, sie die Erlaubnis hat, ehelich zu leben; wer fällt,
kann wieder aufstehen. Dieses Gesetz nun wird jetzt verworfen und von den
Bösen verachtet, denn es heißt, das Gesetz sei beschränkend, schwer und
abstoßend. Beschränkend nennen sie es, weil das Gesetz geboten, sich mit
dem Notwendigen zu begnügen und das Überflüssige zu meiden; sie aber
wollen alles haben gegen die Forderung der Vernunft, wie das unvernünftige
Vieh über die Kräfte des Leibes. Darum ist es ihnen eng. Zweitens sagen
sie, es sei schwer, weil das Gesetz sagt, man solle vernünftig die Freuden
genießen und zu bestimmten Zeiten; sie aber wollen mehr Freude haben, als
ihnen nützlich und erlaubt ist. Drittens sagen sie, daß es abstoßend sei,
weil das Gesetz die Demut zu lieben und Gott alles Gute zuzuschreiben
gebietet; sie aber wollen sich der Güter, welche von Gott gegeben worden,
zur Hoffart bedienen und sich überheben. Darum halten sie es für
abstoßend. Siehe also, wie mein Kleid verachtet ist. Ich habe alles zuvor
erfüllt und das Neue angefangen, weil das Alte zu schwer war, damit es
währen sollte, bis ich zum Gerichte käme. Allein sie haben verächtlich
das
Kleid, womit die Seele bedeckt wird, d. h. den rechten Glauben
hinweggeworfen. Außerdem häufen sie Sünde auf Sünde, weil sie mich
verraten wollen. Spricht nicht David im Psalme: Der mein Brot aß, gedachte
mich zu verraten? In diesen Worten will ich Dir zweierlei bemerklich machen.
Zuerst sagt er nicht: er gedenkt, sondern: er gedachte, als ob es in der
Vergangenheit geschehen. Zweitens bezeichnet er hier einen Menschen, welcher
auf Verrat sinnt. Nun aber sage ich, daß die Jetztlebenden meine Verräter
sind; nicht die früher waren oder sein werden, sondern die gegenwärtig
leben. Ich sage auch, daß es nicht bloß ein Mensch ist, sondern daß ihrer
viele sind. Du möchtest mich vielleicht auch fragen: Giebt es nicht
zweierlei Brot: ein unsichtbares und geistliches, wovon die Engel und
Heiligen leben, und ein irdisches wovon die Menschen leben? Aber die Engel
und Heiligen wollen nichts anderes, als was Deinem Willen entspricht, die
Menschen jedoch können nichts anderes thun, als was Dir gefällt.
Wie also können sie Dich verraten? Ich antworte Dir, so daß es meine
himmlischen Heerscharen vernehmen, welche alles wissen und in mir sehen,
Deinetwegen, auf daß Du es wissest. Allerdings ist zweierlei Brot: eines
der Engel, welche mein Brot in meinem Reiche essen, um von meiner
unaussprechlichen Herrlichkeit gesättigt zu werden. Diese verraten mich
nicht, weil sie nichts anderes wollen, als was ich will. Aber die verraten
mich, welche mein Brot am Altare essen. Ich bin wahrlich jenes Brot. Dieses
Brot hat drei Wahrzeichen: die Gestalt, den Geschmack und die runde Form.
Ich aber bin das Brot; denn ich habe auch wie das Brot drei Wahrzeichen an
mir: den Geschmack, die Gestalt und die runde Form. Den Geschmack; denn wie
ohne Brot jegliche Speise gleichsam unschmackhaft ist und fast keine Kraft
hat, also ist auch ohne mich alles, was da ist, unschmackhaft, und alles
kraftlos und eitel. Ich habe auch die Gestalt des Brotes, weil ich von der
Erde bin; denn ich bin von der jungfräulichen Mutter, die Mutter von Adam,
Adam von der Erde. Ich habe auch die runde Form, wobei weder Ende noch
Anfang gefunden wird, weil ich ohne Anfang bin und ohne
Ende. Niemand kann das Ende oder den Anfang in meiner Weisheit, Macht und
Liebe ersehen oder ergründen, denn ich bin in allem, über allem und außer
allem, und wenn jemand unaufhörlich und in Ewigkeit flöge wie ein Pfeil,
würde er nimmer in meiner Macht und Kraft das Ende finden. Dieser dreier
Dinge halber, nämlich des Geschmacks, der Gestalt und der runden Form bin
ich das Brot, welches auf dem Altare wie Brot erscheint und schmeckt, aber
in meinen Leib, welcher gekreuzigt worden, verwandelt wird. Denn, wie das
dürre Holz sich schnell entzündet, wenn man es dem Feuer nahe bringt, und
verzehrt wird, nichts von seiner Gestalt zurückbleibt, sondern alles Feuer
ist, so wird beim Aussprechen der Worte: Dies ist mein Leib, was zuvor Brot
gewesen ist, sofort mein Leib, wird aber nicht, wie das Holz vom Feuer,
sondern von meiner Gottheit verzehrt. Die nun mein Brot essen, verraten
mich. Welcher Mord kann aber abscheulicher sein, als der Selbstmord, oder
welche Verräterei schmählicher als der Verrat, z. B. des Gatten an seiner
Gattin, mit welcher er durch ein unauflösliches Band verbunden ist? Und was
thut ein Gatte, welcher die Gattin verraten will? Wahrlich, er spricht zu
ihr gleißnerisch: Laß uns irgend wohin gehen, damit ich an dir meinen
Willen erfüllen möge, und sie, in wahrer Einfalt bereit, sich in allen
Willen des Gatten zu fügen, geht mit ihm. Hat dieser aber die gelegene Zeit
und den gelegenen Ort gefunden, so zieht er wider sie drei verräterische
Waffen hervor: entweder ein schweres Werkzeug, welches mit einem Schlage
tötet, oder einen Dolch, womit er sie ersticht, oder einen Gegenstand,
womit er sie erstickt und ihr den Lebensatem abschneidet. Wann aber die
Gattin tot ist, dann denkt der Verräter bei sich selber: Jetzt habe ich
übel gehandelt. Wird meine That entdeckt und offenkundig, so werde ich zum
Tode verurteilt werden. Deshalb geht er und legt den Leib seiner toten
Gattin an einen verborgenen Ort, damit seine Missethat nicht entdeckt werde.
Ebenso thun mir jetzt meine Priester, welche meine Verräter sind. Sie und
ich sind durch ein Band verknüpft, wenn sie das Brot nehmen und durch
Aussprechen der Worte daraus meinen wahren Leib machen, welchen ich von der
Jungfrau angenommen habe. Dieses können alle Engel nicht thun, weil ich nur
den Priestern jene Würde gegeben und sie zu dem höchsten Stande erwählt
habe. Sie aber
handeln gegen mich wie Verräter, denn sie zeigen mir ein freundliches und
sanftes Antlitz, und führen mich an einen abgelegenen Ort, um mich zu
verraten. Sie zeigen mir dann ein freundliches Gesicht, weil sie gut und
einfältig zu sein scheinen; an einen abgelegenen Ort führen sie mich, wenn
sie zum Altare gehen. Da bin ich bereit, wie eine Braut oder wie ein
Bräutigam allen ihren Willen zu thun, aber sie verraten mich, Erstens
führen sie einen schweren Schlag auf mich, wenn der Gottesdienst, den sie
zu halten haben, ihnen lästig und beschwerlich ist; denn sie sprechen
lieber hundert Worte für die Welt, als eines zu meiner Ehre, sie würden
lieber hundert Mark Goldes für die Welt, als . einen Heller für mich
geben, sie würden hundertmal lieber für den eigenen oder der Welt Nutzen
arbeiten, als nur einmal für meine Ehre. Mit dieser Last erdrücken sie
mich und ich bin wie tot aus ihrem Herzen. Zweitens stechen sie mich, wie
mit einem scharfen Eisen, welches mir in das Herz dringt, wenn der Priester
an den Altar tritt und denkt, daß er gesündigt und Reue empfindet, aber
dennoch den festen Willen hat, nach beendigtem Gottesdienste aufs neue zu
sündigen, und bei sich denkt: Die Sünde gereut mich wohl; allein ich will
diejenige, mit der ich gesündigt habe, nicht von mir lassen, um es nicht
mehr thun zu können. Diese Gedanken sind Dolchstiche für mich. Drittens
wird in mir der Atem gleichsam erstickt, wenn sie also bei sich denken: Es
ist gut und ergötzlich, bei der, Welt zu sein, es ist gut, zu schwelgen,
und ich kann mich nicht enthalten. Ich will meinen Willen thun in der
Jugend; wenn ich aber alt geworden bin, dann will ich enthaltsam sein und
mich bessern. Durch so überaus böses Denken wird der Geist erstickt. Aber
die Frage ist: wie? Ihr Herz ist nämlich so lau und kalt vor mir und zu
allem Guten, daß es sich niemals erwärmen, noch zu meiner Liebe erheben
kann. Denn, wie vom Eise, wenn es auch dem Feuer nahe gebracht wird, keine
Flamme aufsteigt, dasselbe vielmehr schmilzt, so erheben sie, auch wenn ich
ihnen meine Gnade gewährt habe und sie die Worte meiner Mahnung vernommen
haben, sich gleichwohl nicht zum Wege des Lebens, sondern verdorren und
fallen ab von allem Guten. So verraten sie mich, weil sie sich einfältig
zeigen und es nicht sind, weil sie sich beschwert fühlen, wenn sie mir Ehre
erweisen sollen, und, statt an
derselben Freude zu empfinden, immer den Willen haben, zu sündigen und bis
ans Ende zu sündigen. Sodann verstecken sie mich auch gleichsam und legen
mich an einen verborgenen Ort, wenn sie bei sich denken: Ich weiß, daß ich
gesündigt habe; enthalte ich mich aber des Meßopfers, so werde ich zu
Schanden und von jedermann verurteilt. Und so treten sie unverschämt zum
Altare, legen mich vor sich hin und behandeln mich als wahren Gott und
Menschen. Da bin ich wie an einem verborgenen Orte, weil niemand weiß und
bedenkt, wie böse und abscheulich diejenigen sind, vor denen ich, Gott, wie
im Verborgenen liege; denn, wenn auch der Priester der schlechteste Mensch
wäre, und er spricht die Worte: Dies ist mein Leib, so konsekriert er
meinen wahren Leib, und ich liege vor ihm als wahrer Gott und Mensch. Wenn
er mich aber zu seinem Munde führt, dann bin ich ihm mit der Gnade meiner
Gottheit und Menschheit fern, die Gestalt und der Geschmack des Brotes aber
bleiben ihm; nicht, daß ich nicht wahrhaft dort sei sowohl bei den Bösen,
wie bei den Guten, wie es die Einsetzung des Sakramentes erfordert, sondern
weil die Guten und die Bösen keine gleiche Wirkung spüren. Siehe, solche
Priester sind nicht meine Priester, sondern wirkliche Verräter. Sie
verkaufen und verraten mich, wie Judas. Ich überschaue Heiden und Juden,
erblicke darunter aber keine, die schlimmer wären, als diese Priester, die
in derselben Sünde sind, durch welche Luzifer fiel. Nun höre aber auch das
Gericht, das über sie ergehen wird. Ihr Gericht ist der Fluch. Wie David
diejenigen, welche Gott ungehorsam waren, verfluchte (der als gerechter
Prophet und König nicht aus Zorn oder bösem Willen, sondern in heiliger
Ungeduld und kraft der Gerechtigkeit Gottes fluchte), so verfluche ich, der
ich besser bin, als David, solche Priester, nicht aus Zorn oder bösem
Willen, sondern aus Gerechtigkeit. Verflucht sei daher alles, was sie von
der Erde zu ihrem Nutzen empfangen haben, weil sie Gott und ihren Schöpfer
nicht loben, der ihnen dieses gab. Verflucht sei ihre Speise und ihr Trank,
die in den Mund derer eingehen, die ihren Leib zur Speise der Würmer und
ihre Seele für die Hölle geweidet haben. Verflucht sei ihr Leib, welcher
auferstehen wird in der Hölle, um ewig zu brennen. Verflucht seien die
Jahre, in welchen sie unnütz lebten. Verflucht sei die Stunde, die ihnen in
der Hölle beginnen,
aber niemals enden wird. Verflucht seien ihre Augen, mit denen sie das
Himmelslicht erblickten. Verflucht seien ihre Ohren, mit denen sie meine
Worte angehört, ohne sich um dieselben zu kümmern. Verflucht sei ihr
Geschmack, mit welchem sie meine Gaben gekostet haben. Verflucht sei ihr
Gefühl, mit welchem sie mich berührt haben. Verflucht sei ihr Geruch, mit
welchem sie Liebliches gerochen, mich aber, den Lieblichsten unter allen,
vernachlässigt haben. Fragst Du aber: Wie werden sie verflucht? so höre!
Verflucht wird sein ihr Gesicht, weil sie in mir nicht das Angesicht Gottes,
sondern Finsternis und Höllenstrafen erblicken werden. Verflucht ihre
Ohren, weil sie nicht meine Worte, sondern das Geschrei und den Greuel der
Hölle vernehmen werden. Verflucht ihr Geschmack, weil sie nicht die Freude
meiner ewigen Guter, sondern ewige Bitterkeit schmecken werden. Verflucht
ihr Gefühl, weil sie nicht mich, sondern das ewige Feuer berühren werden.
Verflucht ihr Geruch, weil sie nicht den überaus süßen Duft in meinem
Reiche, welcher alle Gewürze übertrifft, sondern den Gestank der Hölle
riechen werden, der bitterer ist, als Galle, und schlimmer, als Schwefel.
Von Himmel und Erde und allen unvernünftigen Geschöpfen werden sie
verflucht werden, denn diese gehorchen Gott und preisen ihn; sie aber
verachteten denselben. Deshalb schwöre ich bei meiner Wahrheit (denn ich
bin die Wahrheit), daß, wenn sie also und in solcher Verfassung, worin sie
sich jetzt befinden, sterben, sie nimmer meine Liebe, noch meine Kraft
umschließen wird, sondern daß sie ewiglich werden verdammt werden.
Wie in Gegenwart des himmlischen Heeres und der Braut die Gottheit mit der Menschheit wider die Christen redet, gleichwie Gott mit Moses wider das Volk Israel, und wie die verfluchten Priester die Welt lieben und Christum verachten; von ihrer Verfluchung und Verdammnis.
Es ward ein großes Heer im Himmel gesehen, zu welchem
Gott sprach: "Wohlan, vor eueren Ohren, meine Freunde, die ihr alles
wißt, versteht und in mir seht, rede ich um dieser meiner Braut willen, die
hier steht. Seht, wie jemand zu sich selbst, so
redet meine Gottheit zu meiner Menschheit. Moses war vierzig Tage und
Nächte lang beim Herrn auf dem Berge. Als das Volk wahrnahm, daß er so
lange ausblieb, nahm es Gold und schmolz es im Feuer. Es ward daraus ein
Kalb gegossen, welches sie ihren Gott nannten. Da sprach Gott zu Moses: Das
Volt hat gesündigt; ich werde dasselbe vertilgen, wie man etwas
Geschriebenes aus einem Buche tilgt. Moses antwortete: Nein, o mein Herr,
bedenke, daß Du sie aus dem Roten Meere herausgeführt und Wunder an ihnen
gethan hast. Wenn Du sie nun vertilgst, wo bleibt denn Deine Verheißung?
Ich bitte, thue das nicht. Denn alsdann werden Deine Feinde sagen: Der Gott
Israels ist ein böser Gott; er hat das Volk aus dem Meere hinausgeführt,
dasselbe aber in der Wüste getötet. Gott ward durch diese Worte
beschwichtigt. Ich bin jener Moses im Bilde. Meine Gottheit redet mit meiner
Menschheit wie zu Moses und spricht: Siehe, was Dein Volk gethan und wie es
mich verachtet hat, alle Christen werden getötet und ihr Glaube vertilgt
werden. Meine Menschheit aber antwortete: Nein, Herr, gedenke, daß Du das
Volk durch das Meer geführt hast in meinem Blute als ich von der Fußsohle
bis zum Scheitel zerrissen war. Ich versprach ihnen das ewige Leben. Erbarme
Dich ihrer um meines Leidens willen. Als die Gottheit dieses vernahm, ward
sie durch diese Worte beruhigt und sprach: Dein Wille geschehe; denn Dir ist
gegeben alles Gericht. Seht, meine Freunde, welch eine Liebe ist das? Nun
aber beklage ich mich vor euch, meinen geistlichen Freunden, euch Engeln und
Heiligen, und vor meinen leiblichen Freunden, welche in der Welt sind
(gleichwohl aber nur mit dem Leibe allein), daß mein Volk das Holz
gesammelt, das Feuer angezündet und Gold hineingeworfen hat, so daß daraus
ein Kalb hervorgegangen ist, das sie wie einen Gott anbeten. Derselbe steht
wie ein Kalb auf vier Füßen, hat einen Kopf, einen Hals und einen Schweif.
Als aber Moses verzog auf dem Berge, sprach das Volk: Wir wissen nicht, was
ihm begegnet sein mag. Und es mißfiel ihnen, daß er sie aus der
Knechtschaft geführt; sie sprechen daher: Lasset uns einen anderen Gott
suchen, der uns vorangehe. Also verfahren jetzt die bösen Priester gegen
mich; denn sie sprechen: Warum sollen wir ein strengeres Leben führen, als
andere Leute, oder was ist unser
Lohn? Es ist besser, daß wir in Frieden bleiben und unseren Willen haben.
Lasset uns also die Welt lieben, deren wir sicher sind; seiner Verheißungen
sind wir ja nicht sicher. Dann sammeln sie das Holz, d. h. sie richten alle
Sinne auf die Liebe der Welt, und zünden das Feuer an, wenn sie ihren
Willen ganz und gar auf die Welt gerichtet haben. Sie brennen aber, wenn die
Wollust in ihrem Herzen glüht und zur That herausbricht. Darauf werfen sie
Gold hinein, d. h. alle Liebe und Ehre, die sie mir erweisen sollten, geben
sie hin für die Ehre der Welt. Daraus geht dann ein Kalb hervor, d. h. eine
vollständige Liebe zur Welt, welche vier Füße hat, nämlich: Trägheit,
Ungeduld, überflüssige Freude und Habsucht; denn die Priester, welche mein
sein sollten, sind träge für meine Ehre, ungeduldig im Tragen,
übermäßig in der Freude und niemals mit dem Empfangenen zufrieden. Das
Kalb hat auch einen Kopf und einen Hals, d. h. den ganzen Willen der
Gefräßigkeit zugewendet, und kann nie gesättigt werden, wenn schon das
ganze Meer hineinflösse. Der Schweif dieses Kalbes ist die Bosheit, womit
sie, wofern sie könnten, niemand das Seine zu besitzen gestatten würden.
Durch ihr übles Beispiel und ihre Verachtung verwunden und verkehren sie
alle, welche mir dienen. Ein solches Liebeskalb ist in ihrem Herzen; nach
solchem steht ihre Freude und Lust. Über mich aber denken sie wie die
Israeliten von Moses und sagen: Er ist lange ausgeblieben. Seine Worte
scheinen unnütz zu sein und seine Werke beschwerlich. Wir wollen unseren
Willen haben, unsere Macht und unser Wille sollen unser Gott sein. Aber auch
hiermit noch nicht zufrieden, vergessen sie allerdings meiner nicht ganz,
aber sie gehen mit mir um, wie mit einem Götzen. Die Heiden verehrten Holz,
Steine und verstorbene Menschen. Unter anderen verehrten sie einen Götzen,
mit Namen Beelzebub, dessen Priester ihm Weihrauch darbrachten, die Kniee
vor ihm beugten und Lobgeschrei erhoben. Alles, was von ihrem Opfer nicht
gebraucht wurde, ward auf die Erde geworfen und die Vögel und Fliegen
verzehrten es, alles aber, was brauchbar war, behielten die Priester für
sich. Sie verschlossen auch die Thüre zu ihrem Götzen und bewahrten den
Schlüssel persönlich auf, damit kein anderer hineinkomme. Also machen es
die jetzigen Priester mit mir. Sie opfern mir Weihrauch, d. h. sie sprechen
und predigen schöne Worte,
aber zum eigenen Lobe und um etwas Zeitliches zu gewinnen, nicht aus Liebe
zu mir. Gleichwie daher der Duft des Weihrauches nicht gefaßt, geführt und
gesehen wird, so sind auch ihre Worte ohne Wirkung auf die Seelen, daß sie
im Herzen wurzeln und behalten werden. Es sind Worte, die gehört werden und
eine Zeit lang ergötzen. Sie opfern Gebete, die mir in keiner Weise
angenehm sind. Wie Leute, deren Mund lobt, während das Herz dazu schweigt,
stehen sie gleichsam neben mir und rufen mich mit dem Munde an, schweifen
aber mit dem Herzen in der Welt umher. Wurden sie mit einem Manne von
einiger Würde zu reden haben, so würde ihr Herz bei der Rede sein und
nicht im Sprechen abschweifen, um nicht um eines Wortes willen getadelt zu
werden. Vor mir aber beten die Priester, als wären sie in der Verzückung,
und wie Menschen, die anderes mit dem Munde reden, als was sie im Herzen
haben, und von deren Worten der Zuhörer keine Gewißheit haben kann. Sie
beugen die Kniee vor mir, d. h. sie versprechen mir Demut und Gehorsam. Ja,
sie sind wahrlich demütig wie Luzifer, gehorchen ihren Lüsten, aber nicht
mir; sie öffnen und schließen auch die Thüre zu mir zu und bewahren in
Person den Schlüssel. Sie öffnen, wenn sie sprechen: Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, also auch auf Erden. Sie schließen aber zu, wenn ihr Wille
geschieht, der meinige aber kann wie derjenige eines eingeschlossenen und
nichtsvermögenden Menschen weder gehört, noch gesehen werden. Sie bewahren
den Schlüssel in Person, da sie auch andere, welche meinen Willen thun
wollen, durch ihr Beispiel zurückhalten, und wenn sie könnten, würden sie
auch gern verhindern, daß mein Wille sich offenbare und befolgt würde,
wenn er nicht dem ihrigen entspricht. Ferner behalten sie vom Opfer alles,
was sie bedürfen und ihnen nützlich ist, und verlangen alle Ehre und
Schuldigkeit für sich; aber den Leib des Menschen, welcher durch den Tod in
die Erde sinkt, um dessenwillen sie hauptsächlich das Opfer darbringen,
erachten sie gleichsam für unnütz und übergeben denselben den Fliegen, d.
h. den Würmern. Um das, was sie ihm schuldig sind, oder um das Heil der
Seelen, kümmern sie sich nicht im mindesten. Aber was ist dem Moses gesagt
worden? Töte die, welche das Götzenbild gemocht haben; worauf zwar einige,
aber nicht alle getötet worden sind. So auch werden meine
Worte kommen, welche sie töten werden, einige dem Leibe nach und andere
werden mit ihrer Seele in die Hölle fahren; einige kommen zum Leben, um
bekehrt zu werden und zu leben, andere erleiden einen jähen Tod; denn sie
sind mir gänzlich verhaßt. Wem soll ich sie vergleichen? Sie gleichen der
Frucht des Dornstrauches. Diese ist äußerlich schön und rot, inwendig
aber voll Unreinigkeit und Stacheln. Also treten sie zu mir wie von Liebe
gerötete Menschen und erscheinen den Menschen rein, sind aber inwendig
jeglicher Unreinigkeit voll. Wird diese Frucht in die Erde gelegt, so
wachsen daraus wiederum andere Dornen hervor; so verbergen auch sie im
Herzen, wie in der Erde, ihre Sünden und Bosheiten, wurzeln aber dergestalt
ein im Bösen, daß sie sich auch nicht schämen, hervorzukommen und sich
ihrer Sünde zu rühmen. Daraus entnehmen andere nicht nur Anlaß zum
Sündigen, sondern werden auch schwer an der Seele verwundet, wobei sie also
für sich denken: Thun die Priester das, so ist es uns noch weit eher
erlaubt. Ja, sie sind nicht allein der Frucht, sondern auch dem Dorne
gleich; denn sie nehmen es übel, wenn man sie mit Mahnungen und
Zurechtweisungen berührt, und glauben, es sei niemand weiser, als sie, und
sie könnten alles thun, was sie wollten. Deshalb schwöre ich bei meiner
Gottheit und meiner Menschheit, so daß alle Engel es hören, daß ich die
Thüre aufbrechen will, welche sie über meinem Willen zugeschlossen haben.
Dieser soll in Erfüllung gehen, ihr Wille aber zunichte gemacht und
eingeschlossen werden in endlose Pein. Deshalb will ich, wie in alten Zeiten
gesagt worden, mein Gericht anfangen an den Geistlichen und vor meinem
Altare."
Worte Christi zur Braut, worin er sich mit Moses vergleicht, welcher das Volk aus Ägypten hinausführte, und wie die verfluchten Priester, welche er anstatt der Propheten sich zu größeren Freunden erwählt, jetzt rufen: "Weiche von uns!"
Der Sohn Gottes sprach: "Ich habe mich zuvor im Bilde
mit Moses verglichen, vor welchem, als er das Volk hinausführte, das Wasser
wie eine Mauer zur Rechten und Linken stand. Ich
bin wahrlich abgebildet in Moses und habe das christliche Volk
herausgeführt, d. h. ich habe ihm den Himmel geöffnet und den Weg
gewiesen. Jetzt aber habe ich mir andere Freunde erwählt, näher und
inniger, als die Propheten, nämlich die Priester, welche nicht allein meine
Worte hören und sehen, wenn sie mich selber sehen, sondern mich auch mit
ihren Händen berühren, was keiner unter den Propheten oder Engeln vermocht
hatte. Aber es sind Priester, welche ich anstatt der Propheten zu meinen
Freunden auserwählt habe, die nicht mit solchem Verlangen und solcher Liebe
zu mir rufen, wie die Propheten, sondern sie rufen mit zwei widerstreitenden
Stimmen. Sie rufen nicht, wie die Propheten: Komm', Herr, da Du süß bist,
sondern sie rufen: Weiche von uns; denn Deine Worte sind bitter und Deine
Werke schwer und machen uns Ärgernis. Siehe, was die verfluchten Priester
sprechen. Ich stehe vor ihnen, wie ein gar sanftes Schaf, von welchem sie
die Wolle nehmen, um sich zu kleiden, die Milch, um sich zu erquicken, und
für eine so große Liebe verabscheuen sie mich noch. Ich stehe vor ihnen
wie ein Gast, welcher spricht: Freund, gieb mir die Lebensnotdurft; denn ich
bedarf derselben und empfange du dafür Gottes besten Lohn. Allein statt
meine Schafeseinfalt anzuerkennen, stoßen sie mich zurück wie einen WoIf,
welcher den Schafen des Hausvaters nachstellt. Statt mir Gastfreundschaft zu
erweisen, schänden sie mich, wie einen der Herberge unwürdigen Verräter,
und verweigern mir die Aufnahme. Was soll aber der abgewiesene Gast thun?
Soll er etwa die Waffen wider den Hausfreund, der ihn zurückgewiesen,
ergreifen? Mit nichten; denn das würde keine Gerechtigkeit sein, weil ein
Besitzer das Seinige, wem er will, versagen oder gewähren darf. Was also
soll der Gast thun? Er wird zu demjenigen, welcher ihn abwies, sagen:
Freund, weil du mich nicht aufnehmen willst, werde ich zu einem anderen
gehen, welcher Barmherzigkeit an mir üben wird. Wenn er dann zu dem anderen
kömmt, vernimmt er von diesem: Willkommen, mein Herr, alles Meinige gehört
dir, sei du nun mein Herr, ich will dein Knecht und der Gast sein. In einer
solchen Herberge mag ich gern wohnen; denn, obwohl ich wie ein von den
Menschen abgewiesener Gast bin, so kann ich doch überall einkehren, kraft
meiner Macht, werde aber auf Geheiß meiner Gerechtigkeit nur bei denen
einkehren, die mich nicht wie einen Gast, sondern als wahren Herrn aufnehmen
und ihren Willen meinen Händen überlassen."
Worte der Mutter und des Sohnes, worin sie einander benedeien und preisen. Von der Gnade, welche der Mutter vom Sohne für die Seelen im Fegfeuer und die in dieser Welt Weilenden übertragen worden.
Die Mutter Gottes redete zu ihrem Sohne und sprach: "Gebenedeit
sei Dein Name, mein Sohn, ohne Ende samt Deiner Gottheit, welche ohne Anfang
und ohne Ende ist! In Deiner Gottheit sind drei Wunder: Die Macht, die
Weisheit und die Kraft. Deine Macht ist wie ein hellloderndes Feuer, vor
welchem alles, wenn es auch noch so fest und stark ist, für trockenes Stroh
erachtet wird. Deine Weisheit ist wie ein Meer, das seiner Größe halber
nicht ausgeschöpft werden kann, und das auch, wenn es anwächst und
überfließt, Thäler und Berge bedeckt. So kann auch Deine Weisheit nicht
begriffen und ergründet werden. Wie weislich hast Du den Menschen
erschaffen und ihn über alle Deine Geschöpfe gestellt! Wie weislich hast
Du die Vögel in der Luft verteilt, die vierfußigen Tiere auf der Erde, die
Fische im Wasser, und jedem seine Zeit und Ordnung gegeben! Wie wunderbar
giebst und nimmst Du allem das Leben! Wie weise giebst Du den Einfältigen
die Weisheit und nimmst sie den Hoffärtigen! Deine Kraft ist wie das Licht
der Sonne, das durch den Himmel leuchtet und auch die Erde mit seinem
Leuchten erfüllt. Also sättigt und erfüllt Deine Kraft oben wie unten
alle Dinge. Deshalb sei gebenedeit, mein Sohn, der Du mein Gott und mein
Herr bist." Der Sohn antwortete: "Meine teuerste Mutter, Deine
Worte sind mir süß, weil sie aus Deiner Seele kommen. Du bist wie die
Morgenröte, welche mit Klarheit hervorgeht. Du hast über alle Himmel
geglänzt; Dein Licht und Deine Klarheit übertrifft alle Engel. Du hast
durch Deine Klarheit die wahre Sonne, d. h. meine Gottheit, zu Dir gezogen,
und zwar so sehr, daß die Sonne meiner Gottheit in Dich hineinging und Du
von ihrer Wärme durch meine Liebe erwärmt wurdest. Durch ihren Glanz bist
Du mehr, als alle, von meiner
Weisheit erleuchtet. Die Finsternis der Erde ist vertrieben und alle Himmel
sind durch Dich erleuchtet. In meiner Wahrheit beteure ich, daß Deine
Reinheit, welche mir mehr gefiel, als alle Engel, meine Gottheit zu Dir
hinzog, so daß Du von der Glut des Geistes entflammt wurdest. Durch
dieselbe ward der wahre Gott und Mensch in Deinen Leib eingeschlossen,
wodurch der Mensch erleuchtet wurde und worüber die Menschen sich freuten.
Deshalb sei von Deinem gebenedeiten Sohne selbst benedeit und Du sollst
keine Bitte an mich richten, die nicht erhört würde. Durch Dich sollen
alle, welche mit dem Willen, sich zu bessern, um Barmherzigkeit bitten,
Gnade erhalten, weil, wie die Wärme von der Sonne ausgeht, also durch Dich
jegliche Barmherzigkeit gewährt werden wird. Du bist wie eine reichlich
strömende Quelle, aus welcher den Elenden Barmherzigkeit zufließt."
Die Mutter entgegnete dem Sohne: "Alle Kraft und Herrlichkeit seien
Dein, mein Sohn. Du bist mein Gott und mein Erbarmen; von Dir kommt alles
Gute, das ich habe. Du bist wie ein Same, der nicht gesäet, aber doch
aufgewachsen ist und hundertfältige und tausendfältige Frucht trug. Von
Dir geht ja alle Barmherzigkeit aus, die, weil sie unzählbar und
unaussprechlich ist, wohl durch die Zahl Hundert bezeichnet werden kann,
wodurch die Vollkommenheit ausgedrückt wird; denn von Dir geht alle
Vollkommenheit aus." Der Mutter antwortete der Sohn: "Gar
trefflich, o Mutter, hast Du mich mit einem Samen verglichen, der nicht
gesäet ward, und doch aufwuchs, weil ich mit meiner Gottheit in Dir
eingegangen bin und meine Menschheit nicht durch eine Vermischung gesäet
worden und dennoch in Dir gewachsen ist, aus der allen Barmherzigkeit
zufloß. Darum hast Du recht gesprochen. Weil Du nun also durch Deines
Mundes süßeste Worte Barmherzigkeit von mir ziehst, so bitte, was Du
willst, und es wird Dir gegeben werden." Die Mutter antwortete:
"Mein Sohn, weil ich Barmherzigkeit von Dir erlangt habe, deshalb
erbitte ich für die Elenden Barmherzigkeit und Hilfe. Es giebt aber vier
Orte. Der erste ist der Himmel, in welchem die Engel und die Seelen der
Heiligen nichts bedürfen, als Dich, den sie haben; denn in Dir haben sie
alles Gute. Der zweite Ort ist die Hölle, und ihre Bewohner sind von
Bosheit erfüllt und ausgeschlossen von aller Barmherzigkeit, deshalb kann
etwas Gutes
nicht mehr zu ihnen eingehen. Der dritte Ort ist das Fegfeuer; die darinnen
bedürfen einer dreifachen Barmherzigkeit, weil sie dreifach gepeinigt
werden. Sie werden betrübt am Gehör, weil sie nur Schmerzen, Pein und
Elend vernehmen. Sie werden gepeinigt durchs Gesicht, weil sie nichts sehen,
als ihr Elend. Sie werden gepeinigt am Gefühl . weil sie die Hitze des
unerträglichen Feuers und der schweren Strafe empfinden. Gewähre ihnen,
mein Herr und mein Sohn, Deine Barmherzigkeit um meiner Bitten willen."
Der Sohn antwortete: "Gern will ich ihnen um Deinetwillen dreifache
Barmherzigkeit gewähren. Erstlich wird ihrem Gehöre Erleichterung zu teil
und die Pein des Gesichtes gemildert werden; ihre Strafe wird erträglicher
und gelinder sein; außerdem werden die, welche von gegenwärtiger Stunde ab
sich in der höchsten Qual des Fegfeuers befinden, zur mittleren gelangen,
und diejenigen, welche sich in der mittleren befinden, in die leichteste,
diejenigen aber, welche sich in der leichtesten befinden, werden eingehen
zur Ruhe." Die Mutter antwortete: "Preis und Ehre Dir, mein
Herr!" und gleich darauf sprach sie weiter zum Sohne: "Der vierte
Ort ist die Welt; die Bewohner derselben bedürfen drei Stücke: Zuerst der
Reue über die Sünden; zweitens der Genugthuung; drittens der Stärke, um
Gutes zu thun." Der Sohn antwortete: "Einem jeglichen, welcher
Deinen Namen anruft und seine Hoffnung auf Dich setzt, dabei den Vorsatz
hat, seine Fehler zu bessern, werden jene drei Stücke gegeben und obenein
das Himmelreich. Denn die Süßigkeit Deiner Worte ist für mich so groß,
daß ich Dir nicht versagen kann, um was Du bittest, zumal Du nichts anderes
willst, als ich. Du bist endlich wie eine leuchtende und brennende Flamme,
welche ihre erloschenen Lichter anzündet und selbst jene in Flammen
versetzt, die sich nicht wollen anzünden lassen. Also werden durch Deine
Liebe, welche mein Herz eingenommen und mich zu Dir gezogen hat, diejenigen
wieder lebendig werden, die in Sünden erstorben sind, und die Lauen, welche
schwarz sind wie Rauch, werden in meiner Liebe erstarken." ![]()
Worte der benedeienden Mutter zum Sohne in Gegenwart der Braut, und wie der glorreiche Sohn seine süßeste Mutter darstellt als eine in einem Thale aufgeschossene Blume.
Die Mutter Gottes redete zu ihrem Sohne und sprach: "Gebenedeit
sei Dein Name, mein Sohn Jesus Christus! Ehre über alles, was erschaffen
worden, sei Deiner Menschheit, welche mit Deiner Gottheit Ein Gott
ist." Der Sohn entgegnete: "Meine Mutter, Du gleichst einer Blume,
welche aufwuchs in einem Thale. Um das Thal her standen fünf hohe Berge,
und die Blume erwuchs aus drei Wurzeln auf einem geraden Stengel, welcher
keine Knoten hatte. Diese Blume hatte fünf Blätter voll jeglicher Süße.
Das Thal aber wuchs samt der Blume über jene fünf Berge hinauf und die
Blätter der Blume breiteten sich aus über alle Höhe des Himmels und über
alle Chöre der Engel. Du, meine geliebte Mutter, bist jenes Thal wegen
Deiner Demut, die Du vor anderen gehabt hast. Es ist hinaufgewachsen über
die fünf Berge. Der erste Berg war Moses wegen seiner Gewalt; denn er hatte
im Gesetze Gewalt über mein Volk, als wäre es eingeschlossen gewesen in
seiner Faust. Du aber hast den Herrn aller Gesetze in Deinem Leibe
beschlossen gehabt, deshalb bist Du höher, als dieser Berg. Der zweite Berg
war Elias, der so heilig war, daß er mit der Seele und dem Leibe an einen
heiligen Ort aufgenommen ward. Deine Seele aber, Du, meine teuerste Mutter,
ist über alle Chöre der Engel zum Throne Gottes aufgenommen, und, bei
derselben ist auch Dein reinster Leib. Deshalb bist Du höher, als Elias.
Der dritte Berg war Samson, der durch seine Stärke alle Menschen übertraf;
der Teufel aber überwand ihn mit seiner Arglist. Du aber hast durch Deine
Stärke den Teufel überwunden. Deshalb bist Du stärker, als Samson. Der
vierte Berg war David, der ein Mann nach meinem Herzen und Willen war und
dennoch in Sünde fiel. Du aber, meine Mutter, folgtest in allem meinen
Willen und sündigtest nie. Der fünfte Berg war Salomon, welcher voll
Weisheit war und doch ein Thor geworden. Du aber,
meine Mutter, bist voll jeglicher Weisheit und niemals der Thorheit und dem
Truge unterworfen. Deshalb bist Du höher, als Salomo. Die Blume aber war
hervorgewachsen aus drei Wurzeln, so auch hast Du von Deiner Jugend an drei
Vorzüge an Dir gehabt, nämlich: Gehorsam, Liebe und göttliche Erkenntnis.
Aus diesen drei Wurzeln wächst ein ganz gerader Stengel ohne Knoten hervor,
d. h. Dein Wille, welcher niemals, es sei denn durch mein Wollen, gebeugt
wird. Die Blume hatte fünf Blätter, welche hinausgewachsen sind über alle
Chöre der Engel. Du aber, meine Mutter, bist diese Blume mit den fünf
Blättern. Das erste Blatt ist Deine Würde, und zwar in dem Maße, daß
meine Engel, wenn sie Deine Würde betrachten, erkennen, daß die Würde,
die sie vor mir besitzen, von ihr weit übertroffen werde. Deshalb bist Du
höher als die Engel. Das zweite Blatt ist Deine Barmherzigkeit, welche so
groß war, daß Du, als Du aller Seelen Elend wahrnahmst, Mitleid mit ihnen
hattest und große Marter für sie bei meinem Tode ausstandest. Die Engel
sind voll Erbarmen, leiden aber niemals Schmerz, Du jedoch, liebevollste
Mutter, hast Dich erbarmt über die Armen, als Du alle Schmerzen von meinem
Tode empfandest, und aus Barmherzigkeit lieber den Schmerz hast leiden, als
von demselben befreit sein wollen. Deshalb übertraf Deine Barmherzigkeit
die Barmherzigkeit aller Engel. Das dritte Blatt ist Deine Mildigkeit. Die
Engel sind zwar milde und wünschen allen Gutes, Du aber, . meine teuerste
Mutter, hast vor Deinem Tode in Deiner Seele und Deinem Leibe einen Willen
gehabt wie ein Engel und allen Gutes gethan. und Du versagst es auch noch
jetzt keinem, welcher auf vernünftige Weise begehrt, was ihm nützt, und
deshalb ist Deine Milde vorzüglicher, als die der Engel. Das vierte Blatt
ist Deine Schönheit. Die Engel betrachten wohl auch ihre gegenseitige
Schönheit und bewundern die Schönheit aller Seelen und aller Leiber; aber
sie sehen auch, daß die Schönheit Deiner Seele alles übertrifft, was
erschaffen worden, und daß Deines Leibes Ehrwürdigkeit vor allen Menschen
sich auszeichnet, die erschaffen sind. Und so übertraf Deine Schönheit
alle Engel und alles, was geschaffen ist. Das fünfte Blatt war Deine
göttliche Freude; denn nichts erfreut Dich, als Gott, wie auch die Engel
nichts anderes erfreut, als Gott, und jeder derselben die Freude in
sich empfindet und empfand. Da sie aber Deine Freude in Dir gegen Gott
gesehen, kam es ihnen vor, als ob ihre Freude in ihnen als ein Licht in der
göttlichen Liebe brenne, Deine Freude aber erschien ihnen als ein
hochflammender Scheiterhaufen, der im lodernden Feuer brennt, und so hoch,
daß seine Flamme meiner Gottheit nahe kam. Darum, meine süßeste Mutter,
flammte Deine göttliche Freude über alle Chöre der Engel empor. Diese
Blume war, weil sie die fünf Blätter: Würde, Barmherzigkeit, Mildigkeit,
Schönheit und höchste Freude hatte, aller Süßigkeit voll. Wer aber die
Süßigkeit kosten will, muß sich derselben nähern und dieselbe in sich
aufnehmen; und also hast Du gethan, Du gute Mutter. Denn Du warst meinem
Vater so süß, daß er Dich ganz in seinen Geist genommen hat und Deine
Süßigkeit ihm vor allen gefiel. Die Blume trägt auch durch die Wärme und
Kraft der Sonne Samen aus welchem die Frucht wächst; darum sei gedenedeit
die Sonne, nämlich meine Gottheit, welche die Menschheit aus Deinem
jungfräulichen Leibe annahm! Denn wie der Same, er mag gesäet werden,
wohin er wolle, solche Blumen hervorbringt, wie der Same gewesen war, so
sind auch meine Glieder den Deinigen in der Gestalt und Erscheinung
gleichförmig gewesen, nur daß ich ein Mann war, Du ein Weib und eine
Jungfrau warst. Dieses Thal ist mit seiner Blume über alle Berge erhöht
worden, als Dein Leib mit Deiner heiligsten Seele über alle Chöre der
Engel erhöht ward."
Worte der Mutter zum Sohne, worin sie denselben benedeiet und bittet, daß seine Worte durch die Welt ausgebreitet werden und in den Herzen seiner Freunde Wurzel fassen mögen. Wie die Jungfrau selbst auf wunderbare Weise durch eine im Garten gewachsene Blume bedeutet wird, und die von Christo durch die Braut an den Papst und andere Vorsteher der Kirche gesandten Worte.
Die selige Jungfrau redete zu ihrem Sohne und sprach:
"Gebenedeit seist Du, mein Sohn und mein Gott, Du Herr der Engel und
König der Herrlichkeit! Ich bitte Dich, daß die Worte, welche Du geredet
hast, in Deiner Freunde Herzen Wurzel fassen und so
fest in ihren Herzen sitzen mögen, wie das Harz, mit welchem Noahs Arche
bestrichen war, das weder Stürme noch Winde abzulösen vermochten. Sie
mögen auch wie Zweige sich über die Welt verbreiten und wie süß duftende
Blumen, deren Geruch weithin sich ausbreitet. Sie mögen auch Frucht bringen
und süß werden wie eine Dattel, deren Süße die Seele erfreut." Der
Sohn antwortete: "Gebenedeit seist Du, meine teuerste Mutter! Gabriel,
mein Engel, sprach zu Dir: Gebenedeit seist Du, Maria, vor den Weibern! und
ich gebe Dir das Zeugnis, daß Du gebenedeit und gar heilig bist über alle
Chöre der Engel. Du bist wie die Blumue in einem Garten, welche, obwohl
verschiedene duftende Blumen um sie herstehen, doch alle an Duft, Schönheit
und Vortrefflichkeit übertrifft. Diese Blumen alle sind auserwählt von
Adam bis an das Ende der Welt; in den Garten der Welt gepflanzt, thaten sie
sich durch verschiedene treffliche Eigenschaften hervor und blühten darin.
Unter alle aber, die da waren und nachmals sein werden, bist Du die
vorzüglichste gewesen im Geruche eines guten Lebens und der Demut, in der
Schönheit der lieblichsten Jungfräulichkeit, in der Tugend der
Enthaltsamkeit. Ich gebe Dir das Zeugnis, daß Du bei meinem Leiden mehr
gewesen bist, als ein Märtyrer, und in der Enthaltsamkeit mehr, als einer
der Bekenner, in Barmherzigkeit und gutem Willen mehr, als ein Engel.
Deshalb will ich Deinethalben meine Worte fest wie Harz in den Herzen meiner
Freunde wurzeln lassen. Sie werden sich verbreiten wie duftende Blumen und
Frucht bringen wie die gar liebliche und süße Dattel." Darauf sprach
der Herr zur Braut: "Sage meinem Freunde, Deinem geistlichen Vater,
dessen Herz nach meinem Herzen ist, er solle diese Worte zusammenschreiben
und fleißig erläutern und sowohl dem Erzbischofe als einem anderen
Bischofe zusenden, und wenn diese sich fleißig unterrichtet haben, soll er
sie noch einem dritten Bischofe zustellen. Sage ihm auch von mir: Ich bin
Dein Schöpfer und Erlöser der Seelen; ich bin Gott, den Du vor anderen
liebst und wert hältst. Betrachte und siehe, daß die Seelen, welche ich
mit meinem Blute erkauft habe, Gott nicht kennen und vom Teufel so grausam
gefangen gehalten werden, daß er sie an allen Gliedern peinigt, wie in
einer engen Presse. Deshalb, wenn Du an meinen Wunden einigen Geschmack hast
in Deinem Herzen, wenn Du
meine Geißelung und meinen Schmerz erwägest, so zeige diesen Armen, wie
sehr Du mich liebst. Die Worte aber, die ich mit eigenem Munde gesprochen,
laß an den Tag kommen und überbringe dieselben persönlich dem Oberhaupte
der Kirche. Ich werde Dir meinen Geist geben, daß, wo irgend unter zweien
Uneinigkeit ist, Du sie in meinem Namen mit der Dir gegebenen Kraft
vereinigen kannst, wofern sie nur glauben. Außerdem und zur größeren
Beglaubigung meiner Worte nimm das Zeugnis derer mit zum Papste, die
Geschmack und Freude haben an meinen Worten. Denn meine Worte sind wie
Schmalz, welches um so schneller zerschmilzt, je größerer Hitze es
ausgesetzt ist; wo aber keine Hitze ist, wird es zurückgeworfen und kommt
nicht ins Innere. So sind meine Worte; denn, je brünstiger der Papst in
meiner Liebe dieselben zermalmt, desto mehr wird er zunehmen in der
Süßigkeit der himmlischen Freude und der innerlichen Liebe, und desto mehr
wird er entzündet in der Liebe zu mir. Diejenigen aber, denen meine Worte
nicht gefallen, haben gleichsam Schmeer im Munde, welchen sie, wenn sie
denselben gekostet, sofort aus dem Munde speien und zertreten. So werden
meine Worte von einigen verachtet, weil die Süßigkeit der geistlichen
Dinge ihnen nicht schmeckt. Der Landesfürst aber, den ich zu meinem Gliede
auserwählt und wahrhaft zu dem Meinigen gemacht habe, wird Dir mannhaft
helfen und Dir das Notdürftige für die Reise von seinen wohlerworbenen
Gütern darreichen."
Worte der Benedeiung und des Lobes der Mutter und des Sohnes untereinander, und wie die Jungfrau unter der Bundeslade verstanden wird, worin der Stab, das Manna und die Tafeln des Gesetzes befindlich waren, in welchem Bilde viele wunderbare Dinge begriffen sind.
Maria sprach zu ihrem Sohne: "Gebenedeit seist Du,
mein Sohn und mein Gott und Herr der Engel! Du bist der, dessen Stimme die
Propheten gehört, dessen Leib die Apostel gesehen, den die Juden und Deine
Freunde berührt haben. Du bist mit der Gottheit und Menschheit und dem
heiligen Geiste ein Gott. Den
Geist hörten die Propheten, die Herrlichkeit der Gottheit erblickten die
Apostel, Deine Menschheit kreuzigten die Juden. Deshalb sei gebenedeit, Du
ohne Anfang und Ende." Der Sohn entgegnete: "Gebenedeit seist Du,
weil Du Jungfrau bist und Mutter! Du bist jene Lade, welche unter dem
Gesetze bestand, worin drei Dinge befindlich waren: Der Stab, das Manna und
die Gesetztafel. Mit dem Stabe ist dreierlei geschehen. Zuerst ward derselbe
in eine Schlange verwandelt, die ohne Gift war. Zweitens ward durch
denselben das Meer geteilt; drittens schlug er Wasser aus dem Felsen. Dieser
Stab ist ein Sinnbild von mir, der ich in Deinem Leibe lag und von Dir die
Menschheit empfing. Ich bin zuerst wie die Schlange Mosis meinen Feinden
schrecklich. Sie fliehen vor mir, wie vor dem Anblicke der Schlange, sie
erschrecken vor mir und verabscheuen mich wie eine Schlange, während ich
doch ohne Gift oder Bosheit, sondern jeglichen Erbarmens voll bin. Ich lasse
mich von ihnen halten, wenn sie wollen, ich will zu ihnen zurückkehren,
wenn sie mich suchen, ich laufe ihnen nach wie eine Mutter einem verlorenen
und demnächst wiedergefundenen Sohne, wenn sie nach mir rufen. Dies thue
ich ihnen, und gleichwohl verabscheuen sie mich wie eine Schlange. Zweitens
ist durch jenen Stab das Meer zerteiIt worden, als durch mein Blut und
meinen Schmerz der Weg zum Himmel, welcher durch die Sünde verschlossen
war, sich wieder öffnete. Da zerteilte sich fürwahr das Meer, das
Unwegsame ward Weg, als der Schmerz aller meiner Glieder zum Herzen
hinaufstieg und das Herz von heftigem Schmerze brach. Nachdem das Volk durch
das Meer hindurchgeführt war, führte Moses es nicht sogleich in das Land
der Verheißung, sondern in die Wüste, damit es daselbst geprüft und
unterwiesen wurde. So wird mein Volk auch nun, nachdem es meinen Glauben und
mein Gebot empfangen, nicht sogleich in den Himmel eingeführt, sondern es
ist nötig, daß die Menschen in der Wüste, das ist in der Welt, geprüft
werden, wie sie Gott lieben. Aber durch dreifache Sünde hat das Volk Gott
in der Wüste erzürnt. Zuerst, weil es sich ein Götzenbild machte und
dasselbe anbetete;. zweitens, weil es nach dem Fleische verlangte, das es in
Ägypten gehabt hatte; drittens durch seine Hoffart, weil es ohne Gottes
Willen aufbrechen und mit den Feinden kämpfen wollte. So sündigt der
Mensch in dieser Welt auch noch heute wider mich. Erstens verehrt er ein
Götzenbild, weil er die Welt und was darin ist, mehr liebt, als mich, der
ich des Menschen Schöpfer bin. Die Welt ist ihr Gott, aber nicht ich. Ich
habe in meinem Evangelium gesagt: Wo der Schatz eines Menschen ist, da ist
sein Herz; so ist des Menschen Schatz die Welt, dessen Herz nach der Welt
sieht, aber nicht nach mir. Und gleichwie jenes Volk in der Wüste durch das
Schwert dem Leibe nach gefallen ist, so wird auch die Seele eines solchen
Menschen fallen durch das Schwert der ewigen Verdammnis, in welcher sie
unaufhörlich leben wird. Zweitens sündigten die Israeliten durch das
Verlangen nach dem Fleische. Ich habe dem Menschen alles Notwendige nach
Maß und Bescheidenheit gegeben; er will aber alles haben ohne Maß und
Bescheidenheit, er möchte, wenn die Natur es vertrüge, ohne Aufhören sich
fleischlich vermischen, zügellos trinken und ohne Maß begehren, solange er
sündigen könnte, würde er niemals ablassen von der Sünde. Deshalb wird
es ihm wie den Israeliten in der Wüste ergehen, er wird eines jähen Todes
sterben. Was anderes ist das Leben dieser Zeit, als ein Augenblick gegen die
Ewigkeit? Darum werden sie eines jähen Todes dem Leibe nach sterben,
angemessen der Kürze dieses Lebens, an der Seele aber werden sie in
endloser Pein leben. Drittens sündigten sie in der Wüste durch ihre
Hoffart, weil sie ohne den Willen Gottes aufbrechen wollten zum Kampfe. So
wollen die Menschen in ihrer Hoffart hinaufsteigen zum Himmel, anstatt mir
zu vertrauen, vertrauen sie auf ihre Kraft und handeln nach ihrem Willen und
nicht nach dem meinigen. Wie deshalb die Israeliten von ihren Feinden, so
werden diese an ihrer Seele von den Teufeln getötet werden, und ihre Qual
wird ewig sein. So hassen sie mich wie eine Schlange und beten statt meiner
ein Götzenbild an; sie streben mehr nach ihrer Begierde, als nach mir, und
lieben ihre Hoffart statt meiner Demut. Gleichwohl bin ich aber noch so
barmherzig, daß, wenn sie sich mit zerknirschtem Herzen zu mir wenden, ich
mich wie ein liebreicher Vater zu ihnen kehre und sie aufnehme. - Drittens
gab durch diesen Stab ein harter Fels Wasser. Dieser Fels ist das harte
Menschenherz. Sobald dasselbe durch meine Furcht und Liebe zerschlagen wird,
stießen sogleich die Thränen der Reue und Zerknirschung hervor. Niemand
ist so unwürdig, noch in der Bosheit so verhärtet, wenn er zu mir kömmt,
wenn er mein Leiden mit Inbrunst betrachtet, wenn er meine Macht sich
vorstellt, oder meine Güte, wie dieselbe die Erde befruchtet, daß nicht
sein Gesicht von Thränen überströmt würde und alle seine Glieder sich
zur Andacht angeregt fühlen müßten. - In Mofis Lade lag ferner das Manna.
So lag in Dir, meine jungfräuliche Mutter, das Brot der Engel und heiligen
Seelen und der Heiligen auf der Erde, denen nichts außer meiner Süßigkeit
gefällt, denen die ganze Welt tot ist, welche gar gern, wenn es mein Wille
wäre, ohne leibliche Speise sein möchten. - Endlich befanden sich in der
Lade die Gesetzestafeln. Also lag in Dir der Heer aller Gesetze. Deshalb
seist Du gebenedeit über alles, was im Himmel und auf Erden erschaffen
worden ist." -
Darauf redete er zur Braut und sprach: "Sage meinen
Freunden drei Worte. Als ich leiblich in der Welt wandelte, habe ich meine
Worte so eingerichtet, daß die Guten dadurch noch stärker und eifriger
wurden, die Sünder sich besserten; wie an der Magdalena, an Matthäus und
vielen anderen sichtbar ward. Ferner habe ich meine Worte also gestellt,
daß meine Feinde dieselben nicht zu entkräften vermochten. Sage ihnen
auch, daß diejenigen, zu welchen ich meine Worte sende, viel Eifer haben
müssen, damit die Guten in der Vollkommenheit wachsen, die Bösen aber von
der Sünde abstehen und sich hüten vor meinen Feinden, auf daß meinen
Worten kein Hindernis mehr entgegengesetzt wird. Ich will dem Teufel kein
Unrecht thun, noch viel weniger den Engeln im Himmel. Denn, wenn ich wollte,
könnte ich meine Worte so laut reden, daß die ganze Welt sie hörte. Ich
wäre auch mächtig genug, die Hölle zu öffnen, so daß alle Menschen ihre
Strafen sehen könnten; allein das wäre nicht Gerechtigkeit, weil der
Mensch mir alsdann aus Furcht diente, während er mir doch aus Liebe dienen
sollte. Denn niemand, der die Liebe nicht hat, wird eingehen ins
Himmelreich. Unrecht nun würde ich dem Teufel thun, wenn ich ihm ohne gute
Werke einen hinwegnähme, der sein eigen ist. Auch dem Engel im Himmel
würde ich unrecht thun, wenn ihm, der rein und in der Liebe höchst feurig
ist, der Geist eines unreinen Menschen gleichgestellt würde. Darum wird
niemand eingehen in den Himmel, als wer wie Gold im Fegfeuer geläutert
worden, oder in guten
Werken durch tägliche Bewährung also in der Welt geübt worden ist, daß
an ihm kein Flecken mehr vorhanden ist, von welchem er gereinigt werden
müßte. Wenn Du nicht weißt, an wen meine Worte gesendet werden sollen, so
will ich Dir's sagen. Der ist wert, meine Worte zu haben, der durch Werke in
das Himmelreich zu kommen verdienen will, oder der dasselbe durch
vorausgegangene Werke schon verdient hatte. Diesen sollen meine Worte
offenbar werden und zu diesen sollen sie eingehen. Denn diejenigen, welche
an meinen Worten Geschmack finden, und welche demütig darauf hoffen, ihren
Namen im Buche des Lebens eingetragen zu finden, die halten meine Worte;
diejenigen aber, welche keinen Geschmack daran finden, betrachten zwar die
Worte, werfen dieselben jedoch sogleich wieder hinweg und speien sie
aus."
Worte des Engels zur Braut über den Geist ihrer Gedanken, ob er gut oder böse sei, und wie es zwei Geister giebt, einen unerschaffenen und einen erschaffenen, und von den Eigenschaften derselben.
Der Engel redete zur Braut und sprach: "Zwei Geister
sind: ein unerschaffener und ein erschaffener. Der unerschaffene hat
dreierlei Eigenschaften. Erstens ist er heiß, zweitens süß, drittens
rein. Erstens: heiß ist er nicht durch irgend welche geschaffenen Dinge,
sondern aus sich selbst, weil er bei dem Vater und dem Sohne Schöpfer aller
Dinge ist und alles vermag. Er äußert sich aber heiß, wenn die Seele ganz
hin zur Liebe Gottes brennt. Zweitens: süß ist er, wenn der Seele nichts
gefällt, nichts süß schmeckt, als Gott und das Gedenken seiner Werke.
Drittens: rein ist er, so daß keine Sünde an ihm gefunden werden kann,
ebensowenig als etwas Mißgestaltetes, oder Verderbliches und Wandelbares.
Er wird aber nicht heiß, wie das materielle Feuer, noch wie die sichtbare
Sonne, wenn sie etwas schmilzt, sondern seine Hitze ist der Seele innerliche
Liebe und das Verlangen, welches die Seele erfüllt und in Gott aufgehen
läßt. Er wird der Seele auch süß, nicht wie lieblicher Wein oder Wollust
oder irgend etwas anderes Weltliches, sondern diese Süßigkeit des Geistes
läßt sich mit allen
anderen zeitlichen Süßigkeiten nicht vergleichen, auch können diejenigen
sich dieselbe nicht denken, welche sie nicht verkosten. So rein ist endlich
jener Geist, wie die Strahlen der Sonne, an denen kein Flecken gefunden
werden kann. Der andere Geist, welcher erschaffen ist, hat in ähnlicher
Weise dreierlei Eigenschaften. Derselbe ist brennend, bitter und unrein.
Erstens ist er brennend und verzehrt wie Feuer, weil er die Seele, welche er
besitzt, ganz mit dem Feuer der Wollust und bösen Begierde erfüllt, so
daß die Seele an nichts anderes denken, auch nichts anderes begehren kann,
als deren Erfüllung, dermaßen, daß zuweilen dadurch zeitliches Leben und
alle Ehre und jeglicher Trost verloren gehen. Zweitens ist er bitter wie
Galle, weil er seine Seele also mit seiner Freude erfüllt, daß ihr die
künftigen Freuden wie ein Nichts und die ewigen Güter eine Thorheit zu
sein scheinen. Alles auch, was Gottes und sie ihm zu leisten schuldig ist,
ist ihr bitter und so zuwider, wie Gespei und wie Galle. Drittens ist er
unrein; denn er macht die Seele so schlecht und zur Sünde geneigt, daß sie
vor keiner Sünde sich schämen und von keiner ablassen würde, wenn sie
sich nicht mehr vor den Menschen, als vor Gott schämte. Darum ist jener
Geist brennend wie Feuer, weil er zur Ungerechtigkeit entflammt und andere
mit sich entzündet; bitter aber deshalb, weil alles Gute ihm bitter ist,
und er will, daß es auch anderen bitter werde. Unrein ist er aber darum,
weil er Freude hat an der Unreinigkeit, und andere zu seinen Genossen zu
haben trachtet. - Nun kannst Du aber fragen und zu mir sagen: Bist Du nicht
auch ein erschaffener Geist, wie jener? Oder warum bist Du kein solcher? Ich
antworte Dir: Ja, freilich bin ich von demselben Gott erschaffen, wie er,
weil nur Ein Gott, Vater, Sohn und heiliger Geist ist, und diese sind nicht
drei Götter, sondern nur ein Gott. Und wir beide sind wohl
geschaffen, und zwar zum Guten, weil Gott nur Gutes erschaffen hat. Ich aber
bin wie ein Stern, weil ich in der Güte und Liebe Gottes, in welcher ich
geschaffen worden, geblieben bin; er aber ist wie eine Kohle, weil er von
der Liebe Gottes gewichen ist. Wie nun ein Stern nicht ohne Klarheit und
Glanz ist, noch eine Kohle ohne Schwärze, so ist der gute Engel, der wie
ein Stern ist, nicht ohne Glanz, d. h. ohne den heiligen Geist; denn alles,
was er hat, hat er von Gott, dem
Vater, dem Sohne und dem heiligen Geiste; durch seine Liebe wird er warm,
durch seinen Glanz leuchtet er, hängt ihm allezeit an und bildet sich nach
seinem Willen. Auch will er niemals etwas anderes, als was Gott will,
deshalb brennt er und darum ist er auch rein. Der Teufel aber ist
mißgestaltet wie eine Kohle und häßlicher als alle Geschöpfe, weil er,
wie er schöner als alle war, häßlicher aIs alle werden mußte, als er
sich seinem Schöpfer widersetzt hatte. Wie der Engel Gottes im Lichte
Gottes erglänzt und unaufhörlich in seiner Liebe brennt, so wird der
Teufel immer durch seine Bosheit in Glut und Angst erhalten. Wie aber seine
Bosheit unersättlich ist, so sind auch die Güte des Geistes Gottes und die
Gnade Gottes unaussprechlich. Niemand in der Welt ist so eingewurzelt in den
Teufel, daß nicht sein Herz zuweilen der gute Geist besuchte und rührte;
aber auch niemand ist so gut, daß ihn der Teufel nicht gern versuchte. Denn
viele Gute und Gerechte werden unter Zulassung Gottes vom Teufel versucht.
Das geschieht aber nicht zu ihrem Schaden, sondern zu ihrer größeren
Verherrlichung. Ist ja doch der Sohn Gottes, welcher in der Gottheit eins
ist mit dem Vater und dem heiligen Geiste, in der von ihm angenommenen
Menschheit versucht worden, wie viel mehr denn seine Auserwählten zu ihrer
größeren Belohnung? Diele Fromme auch fallen bisweilen in Sünde und ihr
Gewissen wird durch des Teufels Arglist verfinstert, allein durch die Kraft
des heiligen Geistes erheben sie sich stärker und stehen fester. Doch ist
niemand, der, wenn er nur fleißig denken und prüfen will, in seinem
Gewissen nicht zu erkennen mag, ob die Eingebung des Teufels zur
Häßlichkeit der Sünde oder zum Guten führt. Deshalb hast Du, die Braut
meines Herrn, um den Geist Deiner Gedanken zu erkennen, nicht zu zweifeln,
ob er gut oder böse sei; denn Dein Gewissen sagt Dir, was unterlassen und
was erwählt werden muß. Was hat aber derjenige zu thun, der ganz vom
Teufel erfüllt ist? denn zu ihm kann der gute Geist nicht eingehen, solange
er erfüllt ist vom bösen. Dreierlei hat er zu thun. Nämlich: Er muß eine
reine und vollständige Beicht der Sünden ablegen, und wenn sein
verhärtetes Herz auch nicht sogleich zu rechter Zerknirschung gelangen
kann, so wird sie doch so viel bewirken, daß der Teufel einigen Stillstand
und dem guten Geiste Raum gewährt. Zweitens muß
er Demut haben, daß er sich vorsetzt, die Sünden wieder gutzumachen, die
er begangen, und so viel Gutes zu thun, wie er vermag. Alsdann beginnt der
Teufel zu weichen. Drittens muß er, um wiederum den guten Geist zu
erhalten, im demütigen Gebete Gott bitten und mit wahrer Liebe Reue haben
über die begangenen Sünden, und diese Liebe zu Gott wird den Teufel
töten. Er selber möchte zuletzt hundertmal lieber sterben, als daß der
Mensch auch nur das geringste Gut der Liebe seinem Gott darbrächte, so
neidisch und boshaft ist er." - Nachher redete die heilige Jungfrau zur
Braut und sagte: "Neue Braut meines Sohnes, lege Deine Kleider an und
thue Dein Halsband, d. i. das Leiden meines Sohnes, um." Und als die
Braut zur Jungfrau sagte: "Lege Du mir dasselbe um, meine
Gebieterin!" antwortete diese: "Ich will es gewiß thun; ich will
Dir sagen, wie mein Sohn geordnet war, und weshalb er von den Vätern so
heiß ersehnt ward. Er stand wie ein Mann auf der Hälfte des Weges zwischen
zwei Städten. Eine Stimme aus der Vaterstadt rief ihm zu und sprach: Du
bist ein Mann, der auf der Mitte des Weges zwischen zwei Städten steht, Du
bist ein weiser Mann, denn Du weißt Dich vor bevorstehenden Gefahren zu
hüten; Du bist stark, die uns aufliegenden Übel zu ertragen; Du bist auch
hochherzig, weil Du nichts fürchtest. Wir haben nach Dir verlangt und
erwarten Dich. Öffne also unser Thor, denn die Feinde belagern dasselbe,
damit es nicht geöffnet werde. Aus der anderen Stadt ward eine Stimme
gehört, welche rief: Du überaus menschlicher und starker Mann, höre
unsere Klage und unser Seufzen. Wir sitzen in Finsternis und leiden Hunger
und unerträglichen Durst. Bedenke also unser Elend und unseren jammervollen
Mangel. Wir sind niedergeworfen wie Heu, das abgeschnitten worden mit der
Sichel. Alles Gute ist in uns verdorrt und jegliche Kraft ist uns vergangen.
Komm' zu uns und rette uns, weil wir auf Dich allein gewartet und auf Dich,
unseren Erlöser, gehofft haben. Komm und mache unserem Mangel ein Ende,
verwandle unser Klagen in Freude; sei Du unsere Hilfe und unser Heil. Komm',
Du hochwürdiger und gesegneter Leib, der ausgegangen ist von einer reinen
Jungfrau. Diese zwei Rufe hörte mein Sohn aus beiden Städten, nämlich vom
Himmel her und aus der Unterwelt (Vorhölle). Er hatte deshalb Erbarmen und
öffnete durch sein gar bitteres Leiden und die Vergießung seines Blutes
die Pforte der Hölle und nahm seine Freunde daraus hinweg. Er öffnete auch
den Himmel und erfreute die Engel, indem er die der Hölle Entrissenen
hineinführte. Dies, meine Tochter, bedenke und habe es allezeit vor
Augen."
Wie Christus einem mächtigen Herrn verglichen wird, der eine große Stadt und einen herrlichen Palast erbaut hat, worunter die Welt und die Kirche verstanden werden, und von der Verkehrtheit der Richter und Verteidiger und Arbeiter in der Kirche Gottes.
Ich bin gleich einem mächtigen Herrn, welcher eine Stadt
erbaut und ihr seinen eigenen Namen gegeben hat. In dieser Stadt führte er
einen Palast mit vielen Wohnungen auf und versah sie mit allen notwendigen
Einrichtungen. Nachdem der Palast fertig war und er seine Angelegenheiten
geordnet hatte, sonderte er sein Volk in drei Teile und sprach: "Meine
Wege führen mich in weit entfernte Gegenden, bleibet mir treu und wirket
mannhaft für meine Ehre. Ich habe für euere Bedürfnisse und Nahrung
gesorgt Ihr habt auch Richter, welche euch Recht sprechen sollen, und habet
Verteidiger, welche euch vor dem Feinde schützen sollen, auch habe ich
Arbeiter bestellt, die euch nähren und mir von ihrer Arbeit den zehnten
Teil entrichten und mir denselben zu meiner Ehre und meinem Nutzen
zurücklegen sollen." Nach Verlauf einiger Zeit ist der Name der Stadt
vergessen und noch sprechen die Richter: "Unser Herr ist in ferne
Länder gereist, lasset uns gerechte Urteile sprechen und Gerechtigkeit
üben, damit wir, wenn unser Herr wiederkehrt, nicht angeklagt werden,
sondern Segen und Ehre davontragen." Darauf sprachen die Verteidiger:
"Unser Herr hat uns sein Vertrauen geschenkt und uns die Hut seines
Hauses übertragen; wir wollen uns deshalb des Überflusses in Speise und
Trank enthalten, auf daß wir nicht untüchtig werden zum Kampfe, wir wollen
uns des ungeordneten Schlafes enthalten, damit wir nicht unversehens
betrogen werden; wir wollen auch wohlbewaffnet und unausgesetzt wachsam
sein, damit wir nicht bei der Ankunft der Feinde unvor-
bereitet gefunden werden, denn an uns hängt am meisten die Ehre unseres
Herrn und das Heil seines Volkes." - Dann sprachen auch die Arbeiter:
"Groß ist die Herrlichkeit unseres Herrn und herrlich seine Belohnung.
Lasset uns also tapfer arbeiten und ihm nicht allein den Zehnten unserer
Arbeit, sondern alles anbieten, was nach unserer Versorgung mit Nahrung
übrig bleibt; denn der Lohn wird desto herrlicher sein, je größere Liebe
er an uns wahrnehmen wird. Als hierauf wiederum einige Zeit verflossen war,
vergaß man auch des Herrn der Stadt und des Palastes." Nun sprachen
die Richter bei sich selber: "Unser Herr bleibt lange aus; wir wissen
nicht, ob er wiederkehren wird oder nicht. Wir wollen also Recht sprechen
nach unserem eigenen Willen und thun, was uns gelüstet:" Es sprachen
die Verteidiger: "Wir sind Narren, weil wir arbeiten und nicht wissen,
um welchen Lohn. Wir wollen uns lieber mit unseren Feinden verbünden;
lasset uns mit ihnen schlafen und trinken; denn wir brauchen uns nicht darum
zu kümmern, wessen Feinde sie gewesen." Es sprachen endlich die
Arbeiter: "Weshalb sollen wir für einen anderen unser Geld aufheben?
wir wissen ja nicht, wer es nach uns davontragen wird. Es ist daher besser,
daß wir selbst es verbrauchen; indem wir nach unserem Belieben darüber
verfügen. Den Richtern wollen wir noch den Zehnten geben, und wenn wir sie
zufriedengestellt haben, können wir thun, was wir wollen." - Diesem
mächtigen Herrn bin ich in Wahrheit gleich; denn ich habe mir eine Stadt
erbaut, nämlich die Welt. In derselben habe ich mir einen Palast
aufgeführt, d. h. meine Kirche. Der Name der Welt ist gewesen: göttliche
Weisheit, weil die Welt im Anbeginn diesen Namen hatte, da sie in
göttlicher Weisheit gemacht worden war. Dieser Name ward von allen verehrt,
und Gott ward von seinem Geschöpfe in seiner Weisheit gepriesen und auf
wunderbare Weise gepredigt. Der Name dieser Stadt aber wurde entehrt und
geändert, und sie hat einen neuen Namen, d. h. Menschenweisheit, bekommen.
Die Richter, welche früher in Gerechtigkeit und in der Furcht des Herrn
urteilten, haben sich jetzt zur Hoffart gewendet und betrügen einfältige
Menschen. Sie streben danach, beredsam zu sein, um bei den Menschen Lob zu
erhalten, und reden, was ihnen gefällt, um ihre Gunst zu erlangen. Sie
geben sanfte Worte, um gütig und mild genannt zu
werden; sie nehmen Geschenke an und verkehren das Urteil. Sie sind weise
für ihren zeitlichen Nutzen und ihren eigenen Willen, aber stumm zu meinem
Lobe. Die Einfältigen treten sie unter die Füße und diese müssen dazu
schweigen. Ihre Begehrlichkeit erstrecken sie über alle und aus dem Rechte
machen sie Unrecht. Diese Weisheit wird jetzt geliebt, die meinige aber ist
in Vergessenheit gekommen. Die Verteidiger der Kirche, welche Hof- und
Kriegsleute sind, sehen meine Feinde und die Angreifer meiner Kirche, und
thun, als ob sie nichts sähen; sie hören ihre Spottreden und es kümmert
sie nicht. Sie erkennen und nehmen wahr die Werke der Gegner meiner Gebote,
tragen aber dieselben geduldig. Sie sehen, daß dieselben täglich
ungestraft allerlei Todsünden begehen; das ficht sie nicht an, sondern sie
schlafen, verkehren sogar mit ihnen und treten endlich ihrer Genossenschaft
bei. Die Arbeiter aber, welche die ganze Gemeinde sind, verwerfen meine
Gebote; meine Geschenke und meinen Zehnten behalten sie für sich, sie
bieten die Geschenke ihren Richtern an und zollen denselben Ehrerbietung, um
an ihnen wohlwollende und gnädige Herren zu finden. Wahrlich, ich kann
dreist sagen, daß das Schwert der Furcht und meiner Kirche in der Welt
hinweggeworfen worden und anstatt desselben der Geldsäckel ergriffen ist.
Worte, worin der Herr das unmittelbar vorhergehende Kapitel erläutert, und vom Urteile, das über solche Leute gefällt wird, und wie Gott um der Guten willen die Bösen eine Zeit lang duldet.
Ich habe Dir eben gesagt, wie das Schwert meiner Kirche
hinweggeworfen und statt desselben der Geldsäckel ergriffen worden ist,
welcher auf der einen Seite offen, auf der anderen so tief ist, daß alles,
was hineingeht, niemals den Grund findet, und ihn niemals voll macht. Dieser
Sack ist die Begierde, welche alles Maß und Ziel überschreitet und so
stark geworden ist, daß bei Verachtung des Herrn nur Geld und eigener Wille
begehrt wird. Aber ich bin wie ein Herr, der zugleich Vater und Richter ist.
Wenn derselbe zum Gerichte geht, sprechen die Umstehenden: "Herr, eile
und halte
dein Gericht." Diesen antwortet der Herr: "Verziehe noch ein wenig
bis morgen; denn vielleicht wird mein Sohn sich inzwischen noch
bessern." Wenn er aber am anderen Tage kömmt, sprechen die Völker:
"Gehe hin, Herr, und halte Gericht; wie lange verschiebst du das
Gericht und richtest nicht die Schuldigen?" Der Herr antwortet:
"Wartet noch ein wenig, ob mein Sohn sich bessert. Wenn er dann sich
nicht bessert, werde ich thun, was recht ist." Also trage ich geduldig
den Menschen bis zum letzten Augenblicke, weil ich Vater und Richter bin.
Weil meine Gerechtigkeit unwandelbar ist, werde ich, wenn sie auch
hinausgeschoben wird, doch entweder, wenn sie sich nicht gebessert haben
werden, die Sünder bestrafen, oder gegen die Bekehrten Barmherzigkeit
üben. Ich habe Dir auch vorhin gesagt, wie ich das Volk in drei Teile
geteilt habe, nämlich in Richter, Verteidiger und Arbeiter. Was bedeuten
nun die Richter anderes, als die Priester, welche die göttliche Weisheit in
eine böse und eitle verkehrten? Und so pflegen auch jene Geistlichen zu
thun, welche aus vielen Worten wenige machen, und mit diesen wenigen Worten
ebensoviel sagen. Das thun die Geistlichen jetziger Zeit, indem sie meine
Gebote in Ein Wort zusammenfassen. Wie lautet dieses eine Wort? Strecke
deine Hand aus und gieb Geld! Das ist ihre Weisheit: schön reden und übel
handeln. Sie stellen sich, als dienten sie mir, und handeln nichtswürdig
gegen mich. Für Geschenke lassen sie die Sünder in ihren Sünden, die
Einfältigen richten sie durch ihr übles Beispiel zu Grunde, die auf meinem
Wege Wandelnden hassen sie. Unter den Verteidigern meine ich die Leute an
den Höfen der Könige. Diese sind ihren Eiden und Versprechungen untreu
geworden und zeigen sich denjenigen geneigt, welche dem Glauben und den
Geboten der Kirche zuwiderhandeln. Die Arbeiter, welche die Gemeinden
bedeuten, sind wie unbändige Stiere, welche erstens die Erde mit den
Füßen herausstampfen, zweitens sich bis zur Übersättigung anfüllen,
drittens ihre Brunst nach ihrem Verlangen befriedigen. Ebenso kennen auch
die Gemeinden kein höheres Bestreben, als nach zeitlichen Gütern zu
graben; sie sind gefräßig bis zum Übermaße, und befriedigen ohne
Vernunft ihre Fleischeslust. Aber obwohl meine Feinde zahlreich sind, habe
ich doch viele Freunde unter ihnen. Als Elias meinte, daß zu seiner Zeit
keiner meiner Freunde mehr übrig sei, sagte ich
in seiner Einsamkeit zu ihm: "Ich habe noch siebentausend Männer,
welche ihre Kniee vor Baal nicht gebeugt haben." So habe ich, wie
zahlreich die Feinde sein mögen, doch unter ihnen verborgene Freunde,
welche täglich weinen, daß meine Feinde die Oberhand gewonnen haben, und
daß mein Name unter ihnen verachtet ist. Wie ein liebreicher und gütiger
König, welchem die bösen Thaten der Bürgerschaft bekannt sind, die
Inwohner geduldig erträgt und sie durch Sendschreiben vor den Gefahren
warnt, die ihnen drohen, also sende ich um ihrer Gebete willen meinen
Freunden meine Worte, die aber nicht so dunkel sind wie die geheimen Worte,
welche ich dem Johannes in dunklen Geheimnissen geoffenbart habe, auf daß
sie von meinem Geiste zu ihrer Zeit, wenn es mir gefällig sein möchte,
erklärt würden. Auch sind sie nicht so verborgen, daß sie nicht
verkündigt werden könnten, wie die Geheimnisse, welche Paulus geschaut
hat, die er aber nicht aussprechen konnte, sondern dieselben sind so
deutlich, daß alle, Kleine wie Große, dieselben verstehen, so leicht, daß
alle, welche nur wollen, dieselben fassen können. Nun sollen aber meine
Freunde meine Worte auch an meine Feinde gelangen lassen, ob sich dieselben
etwa bekehren werden und ihre Gefahr und ihr Gericht kennen lernen, damit
sie Reue empfinden über ihre Thaten; denn sonst wird die Stadt gerichtet
werden und wie eine Mauer zerbricht, an welcher kein Stein auf dem anderen
gelassen wird und in deren Grundfeste nicht zwei Steine aufeinander bleiben,
also wird es der Stadt, d. i. der Welt, ergehen. Die Richter werden im
heißesten Feuer brennen. Gleichwie kein Feuer so heiß ist, als wie jenes,
in welches Fett gegossen wird, so werden diese Richter, welche fett geworden
sind, weil sie mehr Gelegenheit hatten, ihren Willen zu thun, als andere,
die auch vor anderen ausgezeichnet waren durch Ehre und Überfluß
zeitlicher Güter und die sich vor anderen durch eine Fülle der Bosheit und
durch Ungerechtigkeit hervorgethan haben, in der heißesten Pfanne gebraten
werden. Die Verteidiger aber werden am höchsten Galgen aufgeknüpft werden.
Ein Galgen besteht aus zwei aufrecht stehenden Hölzern, über welche ein
drittes gelegt worden, wie eine Oberschwelle. Dieser Galgen mit den beiden
Hölzern ist ihre härteste Strafe, welche gewissermaßen aus zwei Hölzern
besteht. Das erste ist, daß sie nicht auf meine ewige Belohnung ihre
Hoffnung setzten und für
dieselbe nichts Gutes gethan haben; das zweite Holz ist, daß sie in meine
Macht und Güte Mißtrauen setzten, als ob ich ihnen nicht alles zur Genüge
geben könnte und wollte. Das Querholz aber ist ihr böses Gewissen, weil
sie trotz der guten Einsicht Böses thaten, und sich nicht scheuten, wider
ihr Gewissen zu thun. Das Galgenseil aber ist das ewige Feuer, das nicht
durch Wasser gelöscht, noch mit Haken niedergerissen werden kann, noch ein
Ende nehmen oder vor Alter aufhören wird. An diesem Galgen der grausamsten
Strafe und unauslöschlichen Feuers werden sie hängen und zu ihrer Schande
Jammer empfinden wie treulose Verräter. Sie werden Schmachreden vernehmen,
weil ihnen meine Worte mißfielen, Wehruf wird in ihrem Munde sein, weil
ihnen Eigenlob und eigene Ehre lieblich waren. An diesem Galgen werden
lebendige Raben sie zerreißen, d. h. Teufel, welche nimmer satt werden.
Aber auch zerrissen, werden sie kein Ende nehmen, endlos werden sie
gepeinigt leben und endlos werden auch die Peiniger leben. Da wird Weh sein,
das niemals ein Ende nehmen, Jammer, der nie gelindert werden wird. Weh
ihnen, daß sie jemals geboren worden; weh ihnen, daß ihr Leben verlängert
wurde!
Auf die Arbeiter endlich, deren Gerechtigkeit die der
Stiere ist, welche ein über die Maßen hartes Fleisch haben, wartet als
Gericht das schärfste Eisen. Dies schärfste Eisen ist der Tod der Hölle,
welcher diejenigen peinigen wird, die mich verachtet haben und den eigenen
Willen statt meines Gebotes liebten. Der Buchstabe, d. h. mein Wort, ist
geschrieben; meine Freunde mögen daher arbeiten, daß sie mit Klugheit und
Bescheidenheit zu ihren Feinden kommen, ob dieselben sie etwa hören und
wieder vernünftig werden wollten. Wenn aber manche, nachdem sie meine Worte
gehört, sagen sollten: "Lasset uns noch ein wenig warten, die Zeit
wird noch nicht kommen, seine Zeit ist noch nicht da, so schwöre ich bei
meiner Gottheit, welche Adam aus dem Paradiese verstieß, dem Pharao die
sieben Plagen schickte, daß ich ihnen schneller kommen werde, als sie
glauben. Ich schwöre bei meiner Menschheit, welche ich zum Heile der
Menschen von der Jungfrau ohne Sünde angenommen habe und in welcher ich
Trübsale im Herzen gehabt, Pein am Fleische und den Tod für das Leben der
Menschen erduldet habe, in welcher ich auferstanden und aufgefahren bin und
zur
Rechten des Vaters sitze, wahrer Gott und wahrer Mensch in Einer Person,
daß ich meine Worte erfüllen werde. Ich schwöre bei meinem Geiste,
welcher am Pfingsttage über die Apostel gesendet worden, der sie in Besitz
genommen und entflammt hat, daß sie aller Völker Sprachen redeten, daß,
wenn sie nicht wie gebesserte Knechte und geheilte Kranke zu mir
zurückkehren, ich in meinem Zorne Rache an ihnen nehmen werde. Alsdann
werden sie Weh empfinden am Leibe und im Geiste, weh, daß sie lebendig zur
Welt gekommen sind und in der Welt gelebt haben, weh, daß ihre Lust klein
gewesen und noch dazu eitel, ihre Pein aber ewig währen wird! Dereinst
werden sie empfinden, was sie jetzt zu glauben verächtlich finden, daß
meine Worte Worte der Liebe gewesen sind. Dann werden sie einsehen, daß ich
sie wie ein Vater ermahnt habe, sie mich aber nicht haben hören wollen.
Wohlan, wenn sie nicht mit gutem Willen meinen Worten haben glauben wollen,
so sollen sie meinen Werken glauben, wenn dieselben kommen.
Worte des Herrn zur Braut, wie er für die Seelen der Christen eine abscheuliche und verachtete Speise, und die Welt dagegen bei ihnen erfreulich und geliebt sei, und von dem schrecklichen Gerichte, das solche trifft.
Der Sohn sprach zur Braut: "Die Christen behandeln
mich jetzt so, wie die Juden es thaten. Dieselben stießen mich aus dem
Tempel und hatten den vollständigen Willen, mich zu töten; weil aber meine
Stunde noch nicht gekommen war, entging ich ihren Händen. Ebenso machen es
die Christen jetzt mit mir. Sie stoßen mich hinaus aus ihrem Tempel, d. h.
ihrer Seele, welche mein Tempel sein sollte, und würden mich, wofern sie
könnten, gern töten. Ich bin in ihrem Munde wie faulendes und stinkendes
Fleisch, und erscheine ihnen wie ein Mensch, welcher Lügen redet, und sie
kümmern sich gar nicht um mich. Sie kehren mir den Rücken zu; ich aber
werde ihnen den Nacken zuwenden; denn in ihrem Munde ist nichts, als
Begehrlichkeit, in ihrem Fleische steckt viehische Unzucht. Ihrem Gehöre
behagt nur Hoffart, ihrem Auge die Lust der Welt. Mein Leiden und meine
Liebe aber sind für sie abscheulich und mein
Leben ist ihnen beschwerlich. Deshalb werde ich thun, wie jenes Tier, das
viele Schlupfwinkel hat, und wenn es von den Jägern in einem Schlupfwinkel
verfolgt wird, in einen anderen flüchtet. So werde ich thun, weil die
Christen mich mit ihren bösen Werken verfolgen und mich aus dem
Schlupfwinkel ihres Herzens hinausstoßen. Deshalb will ich zu den Heiden
gehen, in deren Munde ich jetzt bitter und unschmackhaft bin, und ich werde
in ihrem Munde weit süßer sein, als Honig. Gleichwohl bin ich noch so
barmherzig, daß ein jeglicher von mir mit Freuden aufgenommen wird, der
mich um Verzeihung bittet und zu mir sagt: "Herr, ich erkenne, daß ich
schwer gesündigt habe, und möchte durch Deine Gnade mich gern bessern;
erbarme Dich meiner um Deines bitteren Leidens willen!" Denjenigen
aber, welche bei ihrem Bösen verharren, werde ich entgegentreten wie ein
Riese, welcher drei furchtbare Eigenschaften hat: "Schrecken, Stärke
und Strenge. Mit Schrecken werde ich den Menschen kommen, daß sie nicht den
kleinsten Finger wider mich aufzuheben wagen, und mit solcher Stärke, daß
sie wie eine Mücke vor mir sein werden, und mit solcher Strenge, daß sie
Weh in der Gegenwart und Weh in Ewigkeit empfinden werden."
Worte der Mutter zur Braut, und süße Unterredung der Mutter und des Sohnes. Von seiner Süße und wie er für die Bösen einigen bitter, anderen noch mehr bitter, und anderen am bittersten ist.
Die Mutter sprach zur Braut: "Betrachte, neue Braut,
das Leiden meines Sohnes, dessen Leiden das Leiden aller Heiligen an
Bitterkeit übertroffen hat. Wie eine Mutter, wenn sie ihren Sohn lebendig
zerschneiden sähe, auf das bitterste betrübt werden würde, so ward ich
beim Leiden meines Sohnes, nachdem ich dessen Bitterkeit wahrgenommen,
schmerzlichst ergriffen." Darauf sprach sie zu ihrem Sohne: "Gebenedeit
seist Du, mein Sohn; denn heilig bist Du, wie gesungen wird: Heilig, heilig,
heilig ist der Herr, Gott Sabaoth. Gebenedeit seist Du; denn Du bist süß,
bist süßer und der Allersüßeste. Du warst heilig vor Deiner
Menschwerdung, heilig im Mutterleibe, heilig nach der Menschwerdung. Auch
vor
Erschaffung der Welt warst Du süß, süßer den Engeln, am süßesten aber
mir bei Deiner Menschwerdung." Der Sohn entgegnete: "Gebenedeit
seist Du vor allen Engeln, meine Mutter. Wahr ist es, daß ich, was Du eben
gesagt, dreimal der Süßeste war, den Bösen aber bin ich bitter und
bitterer und am bittersten. Bitter bin ich jenen, die von mir sagen, ich
hätte vieles ohne Grund erschaffen, die mich lästern, als ob ich den
Menschen zum Tode erschaffen hätte und nicht zum Leben. O elender und
unsinniger Gedanke! Soll ich, der Allergerechteste und Tugendhafteste, die
Engel ohne Grund erschaffen haben? Sollte ich den Menschen mit solcher Güte
reichlich versehen haben, wenn ich denselben zur Verdammnis erschaffen
hätte? Mit nichten! Denn ich habe alles wohl gemacht und aus Liebe den
Menschen alles Gute gegeben, er selbst aber hat sich alles Gute in Böses
verkehrt. Nicht, daß ich etwas böse gemacht hätte, sondern der Mensch
selbst, wenn er seinen Willen anders, als nach der göttlichen Ordnung,
nämlich zum Bösen gebraucht. Noch bitterer aber bin ich denen, welche
sagen, ich hätte den freien Willen zum Sündigen gegeben, nicht aber, um
Gutes zu thun, und die da sprechen, ich sei ungerecht, weil ich andere
rechtfertige, und die mir die Schuld geben, daß sie böse sind, weil ich
ihnen meine Gnade entziehe. Am bittersten aber bin ich für die, welche das
Gesetz und meine Gebote sehr schwer nennen und sagen, daß niemand dieselben
erfüllen könne, und die da sagen, mein Leiden helfe ihnen nichts, und es
darum für nichts achten. Deshalb schwöre ich bei meinem Leben, wie ich
einst den Propheten geschworen, daß ich mich vor den Engeln und allen
meinen Heiligen rechtfertigen werde. Diejenigen, denen ich bitter bin,
werden erfahren, daß ich alles vernünftig und zum Nutzen und zur Belehrung
der Menschen gut geschaffen habe, und daß auch nicht der geringste Wurm
ohne Ursache da ist; jene, denen ich noch bitterer bin, werden erfahren,
daß ich den freien Willen den Menschen weislich zum Guten gegeben habe, sie
werden dann auch wissen, daß ich gerecht bin, da ich den frommen Menschen
das Himmelreich gewähre, die bösen aber zu ewiger Strafe verurteile; denn
es würde dem Teufel, welcher von mir gut geschaffen, durch seine Bosheit
aber gefallen ist, übel anstehen, mit den Guten Genossenschaft zu haben.
Die bösen Menschen werden auch erfahren,
wie es nicht meine Schuld ist, daß sie böse sind, sondern wie sie es aus
eigener Schuld sind; ich würde ja, wofern es möglich wäre, gern für
einen jeglichen Menschen noch einmal eine solche Pein auf mich nehmen, wie
ich für alle am Kreuze erlitt, auf daß sie zur verheißenen Erbschaft
kämen. Der Mensch hat aber allezeit einen mir entgegengesetzten Willen. Ich
habe ihm deshalb die Freiheit gegeben, damit er mir, wenn er wolle, dienen
möge und eine ewige Belohnung gewänne, wofern er aber nicht wollte, mit
dem Teufel, um dessen Bosheit und seines Anhanges willen mit Recht die
Hölle errichtet ist, Strafe leiden möge. Ich will, weil ich die Liebe bin,
nicht, daß mir der Mensch aus Furcht oder gezwungen wie ein unvernünftiges
Tier diene, sondern aus göttlicher Liebe; niemand kann mein Antlitz sehen,
wer mir mit Widerwillen aus Furcht vor Strafe dient. Diejenigen endlich,
denen ich am bittersten bin, werden in ihrem Gewissen erkennen, wie mein
Gesetz sehr leicht und mein Joch sehr sanft ist, und sie werden untröstlich
darüber klagen, daß sie mein Gesetz verachtet und mehr die Welt geliebt
haben, deren Joch weit härter und schwerer, als das meinige ist."
Hierauf antwortete die Mutter: "Gebenedeit seist Du, mein Sohn, mein
Gott und mein Herr! Ich bitte Dich, weil Du mir der Süßeste gewesen, daß
auch andere an meiner Süßigkeit teilnehmen mögen." Ihr entgegnete
der Sohn: "Gebenedeit seist Du, teuerste Mutter! Deine Worte sind süß
und voll Liebe. Deshalb wird Deine Süßigkeit jedem, der sie in den Mund
genommen und vollkommen bewahren wird, zum Heile gereichen. Wer sie jedoch
zwar eingenommen hat, aber wieder auswirft, wird eine um so härtere Strafe
erleiden." Da antwortete die Jungfrau: "Gebenedeit seist Du, mein
Sohn, für alle Deine Liebe!" ![]()
Worte Christi vor der Braut, wie Christus unter einem Bauern, die guten Priester unter einem guten Hirten, die bösen Priester unter einem schlechten Hirten und die guten Christen unter einem Weibe vorgestellt und bezeichnet werden. In diesem Bilde ist viel Nützliches enthalten.
Ich, der niemals die Unwahrheit geredet, werde in der Welt
wie ein Bauer erachtet, dessen Name für verächtlich gehalten wird. Meine
Worte hält man für thöricht und mein Haus wird für eine elende Hütte
erachtet. Dieser Bauer hatte eine Frau, welche nichts wollte, als was nach
des Mannes Willen war, die mit dem Manne alles besaß und ihn als ihren
Gebieter betrachtete, ihm auch in allen Stücken wie ihrem Herrn folgsam
war. Er besaß auch viele Schafe, deren Hut er um fünf Goldgulden und
Darreichung des nötigen Lebensunterhaltes einem Hirten anvertraute. Dieser
Hirt verwendete, weil er gut war, das Geld zu seinem Nutzen und die
Lebensmittel zu seinem Unterhalt. Nach diesem Hirten kam im Verlaufe einiger
Zeit ein anderer schlechterer, der mit seinem Gelde sich ein Weib anschaffte
und derselben alle seine Lebensmittel zutrug, beständig bei ihr lag und
sich um die Schafe nicht bekümmerte, so daß sie elendiglich von grausamen
Bestien zerstreut wurden. Als der Bauer die Zerstreuung aller seiuer Schafe
wahrnahm, rief er und sprach: "Meine Schafe sind zerstreut und einige
durch die wilden Tiere mit Leib und Haut verschlungen, andere sind zwar
gestorben, die Leiber aber unverzehrt." Da sprach zu ihrem Manne, dem
Bauern, das Weib: "Mein Herr, es ist gewiß, daß wir die Leiber,
welche verschlungen worden sind, nicht wieder erlangen werden, darum wollen
wir die Leiber, welche, wenngleich ohne Leben, unberührt sind, nach Hause
tragen und dieselben benützen, denn es wäre nicht gut, wenn wir gar keinen
Nutzen von ihnen hätten." Der Mann antwortete ihr: "Was sollen
wir aber damit machen? Die Bestien hatten Gift in ihren Zähnen und deshalb
ist das Fleisch der Schafe gleichfalls durch tödliches Gift angesteckt, das
Fell verdorben und die Wolle unbrauchbar in einen Klumpen
zusammengeballt." Die Frau antwortete: "Wenn nun
alles vergiftet ist und uns entgeht, wovon sollen wir dann leben?" Der
Mann erwiderte: "Ich erblicke an drei anderen Orten lebendige Schafe;
einige scheinen tot zu sein und sie wagen aus Furcht nicht, Atem zu holen;
die anderen liegen in tiefem Kote und vermögen nicht, sich daraus zu
erheben; noch andere stecken in Schlupfwinkeln und wagen es nicht,
hervorzukommen. Darum, Frau, komm', laß uns die Schafe aufrichten, die sich
erheben wollen, es aber ohne Hilfe nicht können. und laß uns von denselben
Gebrauch machen." Wohlan, ich, der Herr, bin jener Bauer; von den
Menschen werde ich geachtet wie ein Esel, der nach seiner Art im Stalle
auferzogen ist. Mein Name ist der heiligen Kirche Ordnung; diese wird
verachtet, weil die Sakramente der Kirche, nämlich: die Taufe, die Ölung,
der Chrisam, die Buße und die Ehe, gleichsam teils zum Gespötte dienen,
teils der Begierlichkeit anderer gereicht werden. Meine Worte werden für
eine Thorheit geachtet, weil die Worte, welche ich mit meinem Munde durch
Gleichnisse geredet, dem geistlichen Verständnis entkleidet und
leiblicherweise erklärt werden. Mein Haus ist verachtet; denn das Irdische
wird vor dem Himmlischen geliebt. Unter jenem ersten Hirten, den ich gehabt
habe, verstehe ich meine Freunde, die Priester, die ich einst in der
heiligen Kirche hatte; denn unter einem begreife ich mehrere. Diesen habe
ich meine Schafe anvertraut, d. h. meinen würdigsten Leib (die Gemeinschaft
der Gläubigen), um denselben zu heiligen und die Seelen meiner
Auserwählten zu leiten und zu schirmen. Ich habe ihnen fünf Güter
mitgeteilt, köstlicher, als alles Geld, nämlich: ein Gewissen mit
Verständnis aller vernünftigen Dinge, auf daß sie zwischen gut und böse,
zwischen wahr und unwahr unterscheiden könnten; zweitens gab ich ihnen
Einsicht in die geistlichen Dinge und eine Weisheit, welche jetzt vergessen
ist, und statt deren man die menschliche Weisheit liebt; drittens habe ich
ihnen Keuschheit verliehen; viertens- Mäßigkeit in allen Dingen und
Enthaltsamkeit, um den Leib zu bezwingen; fünftens Beständigkeit in guten
Sitten, Worten und Werken. Nach diesem ersten Hirten, d. h. nach meinen
Freunden, welche vor alters in meiner Kirche waren, schlichen sich andere
ungerechte Hirten ein, welche für Geld sich ein Weib kauften, d. h. statt
der Keuschheit und jener fünf Güter sich einen weibischen Leib
anschafften, d. h. Unenthaltsamkeit,
vor welcher sich mein Geist von ihnen entfernte; denn wenn sie mit vollem
Willen sündigen, und ihr Weib, d. h. die Wollust, nach ihrem Belieben
sättigen, dann weicht mein Geist von ihnen, weil sie sich um das Verderben
der Schafe nicht kümmern, um ihre Wollust befriedigen zu können. Die
Schafe, welche völlig verschlungen waren, sind diejenigen, deren Seelen in
der Hölle sind, während ihre Leiber, im Grabe beigesetzt, die Auferstehung
zur ewigen Verdammnis erwarten. Die Schafe aber, deren Fleisch übrig blieb,
während das Leben ihnen genommen war, sind diejenigen, welche mich weder
lieben, noch fürchten, welche weder Andacht zu mir haben, noch irgend eine
Sorge um mich tragen. Von ihnen ist mein Geist sehr fern, weil ihr Fleisch
durch die vergifteten Zähne der wilden Tiere vergiftet ist, d. h. weil ihre
Seele und ihre Gedanken, welche mit dem Fleische der Schafe bezeichnet
werden, sowie ihr Inneres, mir so bitter und abscheulich zum Genuße sind,
wie vergiftetes Fleisch. Ihre Haut, d. h. ihr Körper, ist unfruchtbar für
alles Gute und alle Liebe, und unbrauchbar für mein Reich und wird nach dem
Gerichte dem ewigen Feuer in der Hölle übergeben werden. Ihre Wolle, d. h.
ihre Werke, sind gänzlich unnütz, so daß nichts darin gefunden wird, was
sie würdig machen könnte, meine Liebe und Gnade zu besitzen. Was werden
wir nun, o mein Weib, d. h. ihr guten Christen, die ich unter dem Weibe
verstehe, machen? Ich sehe an drei anderen Orten lebende Schafe; einige
scheinen tot zu sein und wagen vor Furcht nicht zu atmen. Diese sind die
Heiden, welche gern den rechten Glauben haben möchten, wenn sie wüßten,
wie? Sie wagen aber nicht, zu atmen, d. h. sie wagen vor Furcht nicht, den
Glauben aufzugeben, den sie haben, und wagen nicht, den rechten anzunehmen.
Andere halten sich in Schlupfwinkeln auf und wagen nicht hervorzukommen.
Diese sind die Juden, die gleichsam hinter einem Vorhange stehen; sie
würden gern hervortreten, wenn sie für gewiß wüßten, daß ich geboren
wäre; sie halten sich aber hinter dem Vorhange verborgen, weil sie unter
Vorbildern und Zeichen, welche im Gesetze auf mich hinweisen und in mir
wahrhaft erfüllt sind, das Heil hofften; solange sie aber sich sträuben,
den wahren Glauben anzunehmen, ist ihre Hoffnung unnütz. Die Schafe
endlich, welche im Kote stecken, sind die Christen, welche sich in Tod-
sünden befinden. Aus Furcht vor der Strafe möchten sie sich gern erheben,
aber sie vermögen es bei der Schwere ihrer Sünden nicht, weil sie keine
Liebe haben. Darum, o Frau, d. h. ihr guten Christen, helft mir. Denn, wie
Mann und Frau Ein Fleisch sind und Ein Glied sein sollen, so ist der Christ
mein Glied und ich das seinige, weil ich in ihm bin und er in mir ist. Gehet
also mit mir zu den Schafen, welche noch Atem haben, und lasset uns
dieselben aufrichten und wieder erwärmen. Habt Mitleid mit mir; denn ich
habe die Schafe gar teuer erkauft; nehmet sie auf mit mir und ich mit euch,
ihr auf dem Rücken, ich auf dem Kopfe; freudenvoll führe ich sie an meinen
Händen. Ich habe sie alle einmal auf meinem Rücken getragen, als er ganz
verwundet und ans Kreuz geheftet war. O meine Freunde, so zärtlich liebe
ich die Schafe, daß ich, wenn es möglich wäre, noch einmal für jedes
einzelne Schaf, um es nicht entbehren zu müssen, sondern wieder
einzulösen, einen besonderen Tod sterben möchte, wie ich denselben schon
einmal am Kreuze für alle erlitten habe. Deshalb rufe ich mit ganzem Herzen
zu meinen Freunden, daß sie für mich keine Mühe scheuen, keine Güter
sparen sollen. Und wie mir, als ich in der Welt war, die Spottreden nicht
erspart wurden, so sollen sie nicht sparsam damit sein, von mir die Wahrheit
zu reden. Ich habe mich des schmählichen Todes für sie nicht geschämt.
Sobald ich geboren war, stand ich nackt vor den Augen meiner Feinde. Ich bin
mit der Faust auf die Zähne geschlagen worden. Sie haben mich mit ihren
Fingern an den, Haaren gezerrt. Ich bin mit ihren Geißeln gegeißeIt
worden. Mit ihren Werkzeugen bin ich ans Holz geschlagen, und hing neben
Dieben und Räubern am Kreuze. Deshalb, meine Freunde, spart keine Mühe
für mich; denn ich habe das alles aus Liebe zu euch ertragen. Arbeitet
mannhaft, und bringt allen, die dessen bedürfen, Hilfe. Ich schwöre bei
meiner Menschheit, welche im Vater ist, wie der Vater in mir, und bei der
Gottheit, welche in meinem Geiste ist, wie der Geist in ihr, und derselbe
Geist in mir und ich in ihm, und wie diese drei Ein Gott in drei Personen
sind, daß ich allen, welche sich bemühen und meine Schafe zu mir bringen,
auf halbem Wege zu Hilfe entgegeneilen und ihnen den besten Lohn, d. h. mich
selber, zu ewiger Freude geben werde." ![]()
Worte des Sohnes zur Braut von drei Arten von Christen, welche durch die in Ägypten weilenden Juden dargestellt werden, und wie das, so der Braut geoffenbart worden, durch die Freunde Gottes unwissenden Personen mitgeteilt, ihnen bezeugt und gepredigt werden soll.
Der Sohn Gottes redete zur Braut und sprach: "Ich bin
der Gott Israels und der, welcher mit Moses sprach. Als Moses an mein Volk
gesandt wurde, erbat er sich ein Zeichen, indem er sagte: sonst glaubt mir
das Volk nicht! Wenn es aber das Volk Gottes war, zu dem Moses gesandt
wurde, warum glaubte es nicht? Du mußt wissen, wie unter dem Volke
dreierlei Arten von Menschen waren. Einige glaubten Gott und dem Moses;
andere gab es, welche Gott glaubten, aber dem Moses nicht trauten, indem sie
meinten, ob er nicht etwa, vermöge einer eigenen Erfindung oder aus
Vermessenheit, solches zu reden oder zu thun, sich herausnehme; noch andere
glaubten Gott und dem Moses nicht. So sind auch unter den Christen, welche
durch die Hebräer bedeutet werden, drei Gattungen von Menschen. Einige
giebt es, welche fest an Gott und an meine Worte glauben; andere sind,
welche Gott glauben, aber in meine Worte (an Dich) Zweifel setzen, weil sie
zwischen gutem und bösem Geiste nicht zu unterscheiden wissen; die dritten
sind die, welche weder mir, noch Dir glauben, zu der ich meine Worte geredet
habe. Allein, obwohl, wie ich gesagt habe, einige unter den Hebräern in
Moses Zweifel setzten, so gingen doch alle mit ihm durchs rote Meer in die
Wüste, wo diejenigen, welche nicht glaubten, Götzenbilder anbeteten und
Gott erzürnten. Deshalb sind sie auch eines elendiglichen Todes umgekommen;
dies ist aber nur denen widerfahren, welche einen bösen Glauben hatten.
Weil nun der menschliche Geist, zu glauben, träge ist, so möge mein Freund
denen meine Worte überbringen, welche ihm glauben, und diese sollen sie
nachher anderen mitteilen, welche gute und böse Geister nicht zu
unterscheiden wissen. Wenn sie aber, obwohl sie meine Worte hören, noch ein
Zeichen begehren, dann mag man ihnen den Stab des Moses zeigen, d. h. man
soll ihnen meine
Worte erklären; denn wie der Stab Mofis aufrecht stand und schrecklich war
wegen seiner Verwandlung in eine Schlange, so sind auch meine Worte gerade,
weil in denselben keine Unwahrheit gefunden wird und sie sind schrecklich,
weil sie ein gerechtes Urteil verkünden. Sie sollen Zeugnis und Beweis
geben, daß auf das Wort und den Laut eines Mundes der Teufel, der, wenn er
durch meine Macht nicht gehindert würde, selbst Berge zu versetzen
vermöchte, von Gottes Kreatur gewichen und ausgefahren ist. Welcher Art ist
denn nun mit Gottes Zulassung die Macht dessen, welcher auf den Laut einer
Stimme die Flucht ergriff? Darum, wie jene Hebräer, welche weder Gott, noch
Moses glaubten, aus Egypten nach dem Lande der Verheißung zogen, indem sie
sich gleichsam mit den anderen hineindrängten, so gehen auch jetzt viele
Christen gleichsam wider Willen mit einem Erwählten eines Weges. Meiner
Macht, womit ich sie retten könnte, vertrauen sie nicht, meinen Worten
glauben sie nicht, oder setzen eine falsche Hoffnung auf sie; da aber meine
Worte auch gegen ihren Willen in Erfüllung gehen, so werden sie, obwohl sie
sich gleichsam ins Land der Verheißung drängen, nur bis zu jener Stelle
kommen, wohin zu gelangen ich ihnen gestatten werde." ![]()
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
Tel.: +49 (07251) 9761-0, Fax: +49 (07251) 9761-12, e-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.
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