
Raum der Bibel, 25.07.09
Mt 5,17-19 "Gerechtigkeit und Propheten im Neuen Testament". Jesus stellt sich in eine Reihe mit den Forderungen der Propheten. In den Seligpreisungen, die dem gewählten Text vorausgehen, heißt es: "Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt." (Mt 5,12) Gemeinsam wollen wir dieser Tradition nachspüren und Gemeinsamkeiten herausarbeiten.
Selig seid ihr aus Evangelimann
Ich bin mit dem Text der Seligpreisungen von klein an groß geworden. Dieses Lied habe ich geschmettert, bevor ich verstand, was ich da sang, weil es zu Hause oft von der Schallplatte ertönte. Später war dieser Text so was wie das Regierungsprogramm der politisch engagierten christlichen Jugendlichen von Mitte der 70ger bis Anfang der 80er Jahre, als wir gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gingen und diejenigen die Zivi werden wollten noch eine Verweigerung schreiben mussten, die auf den Sätzen basierte: "Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich" Bei der Formulierung wievieler dieser Verweigerungen habe ich geholfen!. Wir waren sicher in unserem Protest zutiefst jesuanisch zu handeln und damit Jesus als unseren Bruder zur Seite zu haben. Später schrieb dann unser Bekannter Raymund Weber auch den Text für ein neues geistliches Lied nach den Seligpreisungen und brachte uns dieses ihm so wichtige Lied bei. Jedoch gingen wir damals davon aus, dass diese Forderungen etwas radikal Neues im Alten Testament sind. Wir dachten, so etwas hat es vorher noch nie gegeben. Heute, da ich mich intensiv mit den Propheten des Alten Testamentes beschäftigt habe, weiß ich dies natürlich besser. Um die Forderungen zu verstehen, müssen wir uns jedoch auch die nachfolgende Bibelstelle genauer anschauen, nämlich:
Vom
Gesetz und von den Propheten: 5,17-20
„Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben.
Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage
ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe
des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. (Lk 16,17) Wer auch nur
eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der
wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der
wird groß sein im Himmelreich. Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit
nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet
ihr nicht in das Himmelreich kommen.“
Hier stellt sich Jesus nämlich ganz klar in eine Reihe mit den Propheten. Und er betont wie wichtig gerade die Gerechtigkeit ist, sie kommt ja auch in den Seligpreisungen in V6 vor und am Ende dieses Textes heißt es: „Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.“ Die Forderung nach Gerechtigkeit, die wir bei Amos nun im Verlauf der sieben Wochen in den Blick nahmen, werden von Jesus ausdrücklich bestätigt. Er setzt den Ruf nach Gerechtigkeit fort. Er stellt sich in eine Reihe mit den Propheten, die Bergpredigt ist ohne die Propheten nicht denkbar.
Auch bei Jes 5, 22 finden wir eine Stelle die sehr vertraut zu dem klingt, was Amos sagt: „Weh denen, die Helden sind, wenn es gilt, Wein zu trinken, und tapfer, wenn es gilt, starke Getränke zu brauen, die den Schuldigen für Bestechungsgeld freisprechen und dem Gerechten sein Recht vorenthalten.“
Es ist ganz klar, wem die Solidarität der
Propheten gilt: den Armen, die ausgenutzt und ausgebeutet werden, denen, die
nicht gerecht behandelt werden. Und auch bei Jesus ist dies ganz klar, auch
seine Solidarität gilt diesen Menschen und er fordert das Gleiche wie die
Propheten. Oft habe ich in den letzten Wochen und Monaten gehört, wir würden
uns einem alttestamentlichen Text widmen, dabei hätten wir doch Jesus. Wer das
sagt, versteht die Bibel nicht! Im Neuen Testament wird immer wieder auf die
Propheten verwiesen. So beginnt das Markusevangelium, das älteste Evangelium überhaupt
mit einem Verweis auf einen der ältesten Schriftpropheten, auf Jesaja. Es ist
nicht von ungefähr, dass das Alte Testament im christlichen Kanon mit den
Propheten endet und bei Markus auch mit dem Verweis auf die Propheten das Neue
Testament beginnt.
Dazu muss man wissen, dass die Hebräische Bibel anders aufgebaut ist, als wir
es kennen, nach dem Pentateuch, den 5 Büchern Mose, kommen dort gleich die
Propheten. Gesetz und Propheten sind die beiden Säulen auf denen die jüdische
Religion fußt. Jesus hat mit seinen Propheten gelebt und wenn es um Auslegung
der Schrift ging, ging es um Propheten.
Haben Sie ihre Bibel aufmerksam gelesen?
Beim
Gang nach Emmaus steht geschrieben: Lk 24, 25-27
“ Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch,
alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all
das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar,
ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn
geschrieben steht.“ Oder denken wir in der Apostelgeschichte an die Taufe des
Äthiopiers: (Apg 8, 26 ff)
“ Und er brach auf. Nun war da ein Äthiopier, ein Kämmerer, Hofbeamter der
Kandake, der Königin der Äthiopier, der ihren ganzen Schatz verwaltete. Dieser
war nach Jerusalem gekommen, um Gott anzubeten, und fuhr jetzt heimwärts. Er saß
auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.“ In Vers 35 lesen wir weiter:
„Da begann Philippus zu reden, und ausgehend von diesem Schriftwort verkündete
er ihm das Evangelium von Jesus.“
Viele andere Beispiele könnte ich Ihnen bringen. Es ist ganz klar, dass wir zwischen den Prophetenschriften und Jesus eine Einheit sehen müssen. Wir können Jesu Forderungen nach Zuwendung zu den Armen und Gerechtigkeit nicht begreifen, ohne die Propheten zu kennen.
(Marieluise Gallinat-Schneider)