
Artikel für Freiburger Materialdienst für die Gemeindepastoral 02/2002
Bericht des Workshops: Völlig losgelöst...? Virtuelle Gemeinden im Netz
Pastoralkongress zum Thema:
„Online mit
Gottes Bodenpersonal – Kirche im Netz”Komödien spielen heute im Internet, die Bühne für Operetten ist nicht mehr
der Maskenball oder ein Brief, die ideale Plattform für das Spiel mit
Anonymität ist mittlerweile der Cyberspace.
Einer meiner liebsten Filme ist "e-m@il für Dich". Kathleen (Meg
Ryan), die Besitzerin eines kleinen wunderschönen Kinderbuchladens und Joe Fox
(Tom Hanks), der Erbe einer Buchladen-Kette lernen sich an Kathleens Geburtstag
in einem Chatroom "Wir über 30" kennen. Das Abrufen der gegenseitigen
Emails, kaum dass ihre derzeitigen Partner aus dem Haus sind, wird für die
beiden schon fast zur Sucht. Sie sind von ihrer Kommunikation abhängig. Sie
weiß natürlich nicht, dass sich hinter der e-Mail-Adresse NY 152, der Sohn der
verhassten Ladenkette verbirgt, die ihre Existenz bedroht. Die zwei lernen sich
zwar kennen, aber ohne dabei zu wissen, dass der andere der e-mail-Partner ist.
Der Wunsch, aus der virtuellen Beziehung in ein reales Kennenlernen zu kommen
wird turbulent und - wie könnte es anders sein - eine wunderschöne
Liebeskomödie nimmt ihren Lauf.
Für mich ist dieser Film der beste Einstieg in das Thema virtuelle Gemeinde.
Es geht um Chatrooms, e-mails, virtuelle Communities, Anonymität, aber auch den
Wunsch nach realen Begegnungen.
Viele Menschen geraten beim Surfen im Internet auf unsere Gemeindeseiten,
schicken dann eine Mail, weil sie Rat suchen und bekommen eine Antwort. Daraus
resultiert ein reger Mailwechsel, bis vielleicht der Wunsch nach einem realen
Kennenlernen der Seelsorger/-innen oder der Gemeinde entsteht.
Ähnlich erleben wir es in unserer Chatcommunity. Zunächst "traf" man
sich am Samstag im Chat und tauschte sich aus. Da war die spannende Frage, wer
verbirgt sich hinter welchem Kürzel? Dann haben die ersten sich aus der
Anonymität herausgewagt und ihren Namen preisgegeben. Einige kamen sogar zu
Veranstaltungen in der Gemeinde und gaben dort ihre Identität zu erkennen. Es
entstand der Wunsch, sich gegenseitig Lebensläufe zukommen zu lassen. Was dort
preisgegeben wurde, weiß ich von vielen Gemeindemitgliedern nicht! Nun entstand
der Wunsch nach einem Chattertreffen, das demnächst auch realisiert wird.
Es wird überlegt wie man die Lebensläufe der Chatcommunity auch für
jedermann/-frau abrufbar auf unseren Seiten einstellen kann, da die Erfahrung
zeigt, dass bei vielen der Wunsch entsteht auch im Chat mit real bekannten
Personen zu kommunizieren.
Die Teilnehmerinnen des Workshops "Völlig losgelöst" hatten noch wenig Erfahrungen mit dem Thema virtuelle Gemeinde und wollten zunächst viele Informationen. Es waren auch die technischen Seiten gefragt, aber es ging auch um die Dimension, was kommt auf uns zu, wenn wir eine Homepage gestalten und sich dort in irgendeiner Form auch eine virtuelle Gemeinde begegnet? Dabei haben wir uns zunächst dem Begriff virtuelle Gemeinde genähert:
Virtuelle Gemeinde: Bischof Jacques Gaillot baute sich ein virtuelles Bistum Partenia auf, nachdem man ihm sein reales Bistum entzogen hatte. In der virtuellen Stadt funcity www.funcity.de musste eine Kirche her, die auch eine virtuelle Gemeinde hat. Auch Bruder Paulus www.bruder-paulus.de in Frankfurt baute sich eine virtuelle Gemeinde auf.
Die meisten dieser Gemeinden haben einen regelmäßigen Gemeindechat, den die Seelsorger/-innen auch betreuen. Aber dort treffen sich nicht nur Menschen, die die Anonymität suchen. Im Cyberspace besteht die Möglichkeit, seine Identität zu ändern, ein Mann kann als Frau auftreten und umgekehrt. Man kann etwas vorspielen, man kann sich anders geben, als man ist, keiner kann dies so schnell überprüfen. Aber selbst bei der Telefonseelsorge, die Kirche ja schon lange betreibt, weiß ich nie, ob der Anruf eines vermeintlich Suizidgefährdeten echt ist. Das Internet kann aber auch ein sehr persönliches Medium sein. Man kann wissen, mit wem man es zu tun hat. Viele suchen hier die Selbstdarstellung, viele wollen auch gar nicht die Anonymität, sondern sind von ihrer realen Gemeinde enttäuscht, nicht angesprochen und suchen hier den Bezug zu Glaubenden. Notwendig sind Foren und eine Chat-Community, denn die Menschen müssen Möglichkeiten der Begegnung haben. Es werden Ratsuchende kommen, Menschen, die sich in seelischen Nöten jemandem anvertrauen wollen, aber auch Menschen, die auf der Suche nach Religiosität sind.
Hier ein Auszug aus einem Mail in Bezug auf unseren Gemeindechat am letzten Samstag: "...sondern weil ich hinter den Mails und Chats Menschen erkenne, die sich Gedanken machen - das ist heute echt selten".
Wenn man Emailkontakt für Ratsuchende anbietet oder sogar einen Chatroom bzw. ein Forum einrichtet, muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Dinge von Menschen mit Problemen genutzt werden. Wenn ich meine Telefonnummer preisgebe, kann es eben passieren, dass ich auch mitten in der Nacht von suizidgefährdeten Menschen angerufen werde, wie es in der Gemeinde ja auch passiert.
Und dies zeigt, dass die virtuelle Gemeinde so virtuell gar nicht ist. Die Begegnungen im Cyberspace sind meist nur der Anfang, der Wunsch nach realen Begegnungen folgt, da wir es ja nicht mit virtuellen Menschen zu tun haben. Die Menschen kommunizieren in einem virtuellen Raum miteinander, haben aber reale Sorgen, Nöte und Probleme, so dass das Ganze auch irgendwann in den realen Bereich hineintritt.
Der erste Schritt ist jedoch beim Surfen im Internet leichter. Jemand, der schon über Jahre keinen Kontakt mehr zur Pfarrgemeinde hat, aus der Kirche ausgetreten ist oder nie Kontakt zu Religion hatte, wird selten den Schritt in eine reale Gemeinde wagen. Zu viele Hemmschwellen tun sich auf. Da ist es leichter, wenn ich auf eine kirchliche Homepage stoße, dort auch unter der Rubrik "Kontakte" eine Mail zu hinterlassen. Wenn dann ein Seelsorger oder eine Seelsorgerinnen antwortet (oder auch Ehrenamtliche, die die Seiten betreuen und bereit sind, eine solche Aufgabe zu übernehmen), dann habe ich den Erstkontakt hergestellt. Danach ist es meist einfacher auch intensiver miteinander zu kommunizieren. Dabei ist es jedoch ganz wichtig, zu beachten, dass der virtuelle Raum von rascher Kommunikation lebt. Wenn ich eine e-mail nicht umgehend beantworte, wird der Kontakt sofort abbrechen. Viele unserer Ratsuchenden haben signalisiert, dass sie auch schon auf anderen Seiten waren und dort versucht haben, Antworten zu bekommen. Wenn aber tagelang keine Reaktion kam, wurde es nie mehr probiert.
Dies bringt uns zur Frage, ob die Pfarrgemeinde die Aufgabe, die sich ihr im
Internet stellt, überhaupt leisten kann. Die Betreuung einer virtuellen
Gemeinde ist sehr zeitintensiv. Es ist sicher als Hauptamtliche/r nicht zu
schaffen, neben allen Aufgaben sich noch intensiv um die Beantwortung aller
e-Mailkontakte zu kümmern, die Anfragen aus der Mailinglist jede Woche (zum
Teil mehrfach) zu beantworten, den Chatroom zu betreuen etc.
Es wurde darüber diskutiert wie wichtig die Seelsorge im Netz sein kann und
darf. Wenn ich erkennen muss, dass mir dort Menschen begegnen, an die ich sonst
nie "rankäme", wenn dort intensiverer Austausch über meinen Glauben
stattfindet, als in der Pfarrei, entsteht schon der Eindruck, dass es wichtig
ist, Arbeitszeit in diese Aufgabe zu investieren. Dann muss aber überlegt
werden, welcher Kreis läuft gut alleine und braucht mich momentan nicht. Kann
ich eine Aufgabe lassen, um mich um die virtuelle Gemeinde zu kümmern. Ist es
überhaupt legitim, eine Arbeit in der normalen Gemeinde zugunsten der
virtuellen wegfallen zu lassen? Kann im Zeitalter der Seelsorgeeinheiten ein
Seelsorger/eine Seelsorgerin, die vor Arbeitsbelastung nicht mehr wissen, wo
ihnen der Kopf steht, eine solche Entscheidung treffen?
Diese Fragen wurden im Workshop nicht gelöst. Als Leiterin des Workshops möchte ich mit einem persönlichen Statement schließen, denn ich habe mir diese Gedanken natürlich auch gemacht, als ich in den Bereich der Internetseelsorge hineingeriet. Ich habe in den Jahren, die ich jetzt mit diesem Bereich vertraut bin, Menschen kennengelernt bei denen sich über den virtuellen Kontakt auch reale Kontakte entwickelt haben, habe Menschen erlebt, die weit von Kirche weg waren und durch dieses Medium den Zugang wieder bekamen. Ich habe eine Kommunikation über Glauben, über meine Gefühle und Gedanken erlebt, die so dicht waren, wie ich es nie erwartet und vermutet hätte. Das hat mich für die Zeit entschädigt, die ich neben all meinen Aufgaben in die virtuelle Gemeinde investiert habe. Ich bin daher überzeugt, wenn wir den Zugang zum Internet verschlafen, dann wird es uns wie im 19. Jh. mit den Arbeitern und der modernen Welt gehen. Dann werden wir draußen sein und die Menschen, die Gott suchen, suchen ihn woanders, nicht bei uns, die wir doch eigentlich meinen, die Antworten auf die Fragen der Menschen nach Gott gepachtet zu haben.
(Marieluise Gallinat-Schneider)